Letters/dbp16

Leserbrief #7 (Longlist of Love)

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Liebe Buchpreisjury,

wie viele Stoßgebete wohl in den letzten Tagen gen Himmel gesendet wurden. Lieber Gott, bitte, bitte mach, dass mein Buch in diesem Jahr auf der Longlist steht. Und wenn denn tatsächlich gebetet wird, tun das bestimmt nicht nur die Autoren, sondern auch ihre Verleger. Nun weiß natürlich jeder, dass Gott im Moment ganz andere Sorgen hat, als die Longlist des Deutschen Buchpreises. Diesen Job habt ihr übernommen, und daher müsste so ein Stoßgebet auch eigentlich beginnen mit: Liebe Buchpreisjury, …

Das soll kein Gott-Vergleich sein, aber so willkürlich und unvorhersehbar wie die Titelauswahl immer wieder ist, hilft eigentlich nur noch beten. Und das ist auch gut so. Denn die Longlist wird ja nur deshalb so viel beachtet und lebhaft diskutiert, weil sie immer wieder überraschend ist. Das mag daran liegen, dass ihr als Jury euch jedes Jahr neu formiert. Andere Typen, andere Meinungen und dadurch unkalkulierbar. Ich vermute aber, dass Ihr das Überraschungsmoment ganz bewusst mit einplant. Habe ich recht?

Bestimmt habt ihr so eine geheime Quotenregelung, bei der genau festgelegt ist, wieviele Bücher gemäß der allgemeinen Erwartung und wieviele davon vollkommen überraschend auf die Longlist kommen. Ihr könnt es ruhig zugeben; ich schätze mal, gut ein Drittel der zwanzig Titel sind für den Aha-Effekt vorgesehen. Und dann sind da ja noch die anderen Vorgaben. Der Gender-Proporz, das optimale Verhältnis zwischen Indie- und Majorverlag, der Trendthemen-Bezug, nicht zu viel Suhrkamp, die Migrationsautoren-Quote und natürlich müssen die Österreicher und die Schweizer auch noch berücksichtigt werden.

Viele unterschiedliche Erwartungshaltungen, die eine Menge Druck erzeugen. Gott sei Dank hat Clemens Setz in diesem Jahr nichts Neues vorgelegt, so dass an dieser Front erstmal Ruhe ist. Dafür steht jetzt Christian Kracht zur Debatte. Wenn ihr den nicht wenigstens auf die Longlist packt, wird es im Feuilleton wieder einen #Aufschrei geben. Oh je – kein einfacher Job, den ihr da habt.

Und jetzt kommt auch noch einer dieser Blogger daher – eine Laus, die ihr euch selbst in den Pelz gesetzt habt – und der hat nicht nur eine Longlist-Wunschliste dabei, sondern auch noch ein paar schlaue Sprüche auf Lager. Einer davon lautet: Vergesst einfach mal alle Erwartungshaltungen von außen und folgt dem Bauchgefühl. Denn die Aufgabe des Deutschen Buchpreises ist nicht nur, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren, sondern auch für deutschsprachige Literatur und das Lesen an sich zu werben. Und hier wünsche ich mir in diesem Jahr eine Longlist mit Titeln, die einfach Spaß machen zu lesen, die einen verblüffen, fesseln, zum Nachdenken und zum Lachen bringen; auf die man sich als berufstätiger Mensch abends nach einem harten Arbeitstag einfach freuen kann, die einen fordern, aber nicht überfordern. Kein verquaster und sperriger Lesestoff für das literaturwissenschaftliche Proseminar, Keine tausendseitige Bleiwüste wie das Preisträgerbuch vom letzten Jahr. Ich meine, wir alle haben uns mit Frank Witzel gefreut, weil es so eine tolle Überraschung war und weil er ein netter Kerl ist. Aber mal ganz ehrlich, wer außer Jochen Kienbaum hat seinen manischen depressiven Teenager denn tatsächlich gelesen? Ich hab mal reingeblättert, festgestellt, dass ich für die Lektüre Monate brauchen würde und es dann ganz schnell wieder ins Regal gestellt. Damit wird man niemand Neues für die moderne deutschsprachige Gegenwartsliteratur begeistern können.

Nein, ich wünsche mir, dass in diesem Jahr Romane wie Unterleuten von Juli Zeh oder Der Goldene Handschuh von Heinz Strunk auf der Longlist stehen. Bücher, die ein beeindruckendes Leseerlebnis bieten. Romane, die man tief bewegt aus der Hand legt und mit leuchtenden Augen weiterempfiehlt. Und es ist egal, dass diese Titel schon seit Monaten die Bestsellerlisten anführen und keine weiteren Auszeichnungen mehr bedürfen. Denn der Buchpreis darf nicht als Entwicklungshilfe für literarische Schattengewächse verkommen. Der Leser darf nicht das Gefühl bekommen, hier zeichnet die Branche ein literarisches Meisterwerk aus, das irgendwie alles ist, nur nicht lesbar.

Ich habe mal meine ganz persönliche „Longlist of Love“ zusammengestellt. Alles Titel, die entweder andere Blogger oder ich schon mit großer Begeisterung gelesen haben oder denen wir mit großer Vorfreude entgegenfiebern. Bitte, bitte liebe Buchpreisjury, mach, dass davon möglichst viel am Dienstag auch auf der offiziellen Liste steht. Und wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr das einfach so locker aus dem Bauch heraus entscheiden könnt – ich habe neulich Gott gefragt, was er gerne lesen würde. Er meinte, meine Liste wäre ok.

Na also.  Hier ist sie: 

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Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp)

Charles Lewinsky – Andersen (Hanser)

Sabine Gruber – Daldossi oder das Leben des Augenblicks (C.H. Beck)

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Shida Bazyar, Nachts ist es Leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch)

Martin Mosebach – Mogador (Rowohlt)

Juli Zeh – Unterleuten (Luchterhand)

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Senthuran Varatharajah: “Vor der Zunahme der Zeichen” (S.Fischer)

Mireille Zindel – Kreuzfahrt (Kein & Aber)

Christoph Hein – Glückskind mit Vater (Suhrkamp)

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Thomas Melle – Die Welt im Rücken (Rowohlt)

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh (Rowohlt)

Lukas Bärfuss – Hagard (Wallstein)

Matthias Hirth – Lutra Lutra (Voland & Quist)

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Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex (S.Fischer)

Rasha Khayat – weil wir längst woanders sind (Dumont)

Silke Scheuermann – Wovon wir lebten (Schöffling)

Thea Dorn – Die Unglückseligen (Knaus)

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Christian Kracht – Die Toten (Kiepenheuer & Witsch)

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt)

Tilman Rammstedt – Morgen mehr (Hanser)

7 Kommentare zu “Leserbrief #7 (Longlist of Love)

  1. Lieber Kollege,

    eine interessante und vielfältige Liste hast du da! Ich würde gern noch Benedict Wells mit draufsetzen, wenn ich darf. 😉

    Mal schauen, was uns die Jury am Dienstag beschert. Viele Jubelschreie oder enttäuschte Ausrufe. Es bleibt in jedem Fall spannend.

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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  2. Hm… MIR wäre dir Liste tatsächlich viel zu langweilig.
    (Fast) alles altbekannte Namen, die Bücher, die ich davon gelesen habe, allenfalls mittelmäßig.

    Ich hoffe also sehr, dass die Jury ein Einsehen hat und mindestens 2/3 deiner Liste streicht ☺

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  3. Thomas Glavinics Platz auf der Longlist schon mit nem Handtuch reserviert. Tilman Rammstedt wäre aufgrund des Entstehungsweges des Romans sehr amüsant. Wen ich hier aber ganz eindeutig vermisse: Benedict Wells!

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  4. Lieber Tobias Nazemi!
    Ich habe den „Teenager“https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/11/13/die-erfindung-der-roten-armee-fraktion-durch-einen-manisch-depressiven-teenanger-im-sommer-1969/gelesen, hätte ihm aber auch nicht den Preis gegeben, dem Celems J. Setz https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/10/10/die-stunde-zwischen-frau-und-gitarre/ wahrscheinlich auch nicht, obwohl mir sein Buch am besten von den damals zwanzig gefallen hat, weil ich mir da gedacht hätte, viel zu ungewöhnlich für den Durchschnittsleser, lieber doch den Lappert https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/10/30/ueber-den-winter/
    Die Jury hat, wie man sah, voriges Jahr anders entschieden und heuer auch schon, kann also auf diese Liste keinen Einfluß mehr nehmen, von der ich wieder sagen kann, der mündige Leser kann und soll lesen was er will, in diesem Sinn ist es also egal, welche Überraschungen, ich, wir beide und all die anderen morgen erleben werden!
    Ich persönlich, glaube inzwischen, daß die Liste auch eine ganze Bandbreite abdecken soll, also den Peltzer https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/10/26/das-bessere-leben/und die Alina Bronsky https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/09/05/baba-dunjas-letzte-liebe/, wenn ich auch nicht glaube, daß sich die Jury hinsetzt und sagt, so 20% leicht lesbares brauchen wir, also.. und jetzt noch das Schwere, das Überraschende, etcetera.
    Das passiert, glaube ich, ganz spontan und die Geschmäcker sind ja sowieso verschieden, was für den einen großartigist, ist für den anderen „Mist“, also kann man es gar nicht allen rechtmachen!
    Für mich wäre Thea Dorn beispielsweise eine Überraschung, beziehungsweise ein Buch, das ich nicht unbedingt draufsetzen würde und für mich auch keines, das den Kriterien der „anspruchsvollen Literatur“ entspricht, aber wahrscheinlich eines, das viele Leser hat und worüber die Buchhändler sich wahrscheinlich freuen würden.
    Aber ich habe es nicht gelesen, nur in Leipzig auf dem blauen Sofa darüber gehört.
    Ich habe, glaube ich, keines der obigen gelesen und würde mich über Tilmann Ramstedt freuen, denn auf den bin ich sehr neugierig, den Glavinic würde ich, das habe ich schon geschrieben, nicht unbedingt brauchen und wahrscheinlich bekommen und interessant, habe ich gerade auf meinen Blog eine Diskussion über Sabine Gruber https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/08/19/politische-o-toene/#comments geführt, wo ich eigentlich auch glaube, daß es auf der Liste, zumindest auf der österreichischen stehen könnte, aber Marina Büttner hat es abgebrochen und eine Leserin hat mir eine negativ Kritik gesandt.
    Die Geschmäcker sind also sehr verschieden und sollen das auch sein und wir beide und wahrscheinlich noch ein paar Hände voll anderer fiebern dem Buchpreis und der morgigen Listenangabe entgegen, den anderen ist sie schnurzegal, beziehungsweise sind sie vielleicht der Meinung, daß da sowieso nichts drauf steht, was die Leser interessiert, was eigentlich sehr sehr schade ist, aber Krimis, ChickLits, etcetera gelten ja nicht als anspruchsvolle Literatur und die meisten Jurymitglieder sind ja doch Literaturwissenschaftler und der liebe Gott, falls es ihn geben sollte, was ich nicht glaube, hätte wahrscheinlich wirklich anderes zu tun, als Thomas Glavinic oder Christian Kracht auf die Liste hinauf oder hinabzusetzen, denn noch einmal, es ist ja ganz egal, was darauf steht, wenn das Buch, das ich haben will, fehlt, kann und sollte ich es ja trotzdem lesen!
    In diesem Sinne, liebe, liebe Grüße aus Wien und ich mische wieder mit und gebe ganz und gar inoffiziell und unbefugt, meine Meinung zu dem Preisgeschehen ab, das ich, wie man wahrscheinlich merkt, faszinierend finde!
    Eva Jancak

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