Leserbrief #11

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Liebste Mareike,

morgen ist der große Tag. Dann erscheint es endlich, 475 Seiten dick und knapp 600 Gramm schwer. Das dunkelgrüne Ding, das dir so viel Schlaf geraubt hat. Das, von dem alle denken, dass es einschlagen wird wie ein Böller auf dem Blechdach. Ich denke das im Übrigen auch. Ja wirklich, lach nicht, das musst du mir bitte glauben. Jetzt, nachdem ich es komplett gelesen habe, bin ich mir so gut wie sicher: Das Buch wird durch die Decke gehen.

Ich sehe deinen skeptischen Blick, und du hast allen Grund, so zu schauen. Ich will auch gar nicht leugnen, dass ich beim Entstehungsprozess dieses Buches alles andere als hilfreich war. Nur gut, dass du meinen Rat nicht angenommen hast und mit dem Schreiben daran aufgehört hast. Ich sehe mich noch mit den ersten 60 Seiten des Manuskripts im Garten sitzen und mit den Augen rollen. Du weißt, dass ich damals nicht besonders angetan war, dass mir die Figuren zu schwarz/weiß gezeichnet waren und mir dieser synästhetische Farbenkram auf den Geist ging. Um das rund zu machen, so meine damalige Auffassung, muss man noch jede Menge Arbeit reinstecken. Und wann bitteschön solltest du das noch tun? Mit zwei kleinen Kindern, einem fordernden Job als Selbständige und einem Blog für den du mehr als 100 Bücher im Jahr liest. Nur Wonderwoman könnte neben all diesen Aufgaben noch einen Roman schreiben.

„Lass es bleiben — kein Mensch wartet darauf“, lautete mein damaliger Rat. Aber du hast dich von meinem Geschwätz nicht aus dem Konzept bringen lassen, hast dein Ding durchgezogen und mir gezeigt, dass Wonderwoman tatsächlich existiert und mit Mann und zwei Kindern in der Nähe von Salzburg wohnt. Als ich dann auch noch erfahren habe, dass du nicht irgendwo, sondern auch noch bei meinem Lieblingsverlag unter Vertrag genommen wurdest, hab ich mich zwar sehr für dich gefreut, gleichzeitig aber auch an meiner literarischen Urteilsfähigkeit zu zweifeln begonnen. Ich sag nur: „Keine Ahnung, aber La Paloma pfeifen.

Vor einigen Monaten erhielt ich das Vorab-Leseexemplar, entdeckte bei den Danksagungen am Ende meinen Namen und konnte es nicht fassen. Wie souverän ist das denn, bitte? Ich bin schließlich der, der es dir ausreden wollte, der nicht an das Manuskript und letztlich auch nicht an dich glaubte. Und du? Was machst du? Du erwähnst mich dankend in dem Buch, das ich dir nicht zugetraut habe. Das ist wahre Größe, vor der ich mich beschämt verneige.

Als ich den Roman dann vor ein paar Wochen gelesen habe — in einem Rutsch innerhalb weniger Tage — war nichts mehr von dem da, was mich damals so gestört hat. Das mit den Farben hast du ja ein wenig zurückgenommen, was der Geschichte meiner Meinung nach gut getan hat. Auch die beiden Hauptfiguren, Moritz und Raffael, die ich zunächst holzschnittartig konstruiert empfand, haben im Verlauf der knapp 500 Seiten Kontur bekommen. Überhaupt ist alles dramaturgisch total stimmig aufgebaut und entwickelt einen unglaublichen Sog. Da kommt echtes Lesevergnügen auf, man fliegt praktisch durch die Seiten, und dafür werden dich deine Leser lieben.

Natürlich habe ich an einigen Stellen gedacht, ach guck mal: Marie ist wie Mareike. Aber auch bei Johanna habe ich was von dir entdeckt, einen Satz, eine Geste. Aber wahrscheinlich macht man das zwangsläufig, wenn man den Roman von jemandem liest, den man auch privat gut kennt. So häufig kommt das ja nicht vor.

Ja, was soll ich jetzt noch sagen? Morgen geht es los und eines ist jetzt schon klar: Über mangelnde Aufmerksamkeit wirst du dich nicht beklagen müssen. Dein Verlag hat ja im Vorfeld schon ganze Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass „Dunkelgrün fast Schwarz“ schon im Januar in aller Influencer-Munde war. Jetzt bin ich gespannt, was sich daraus ergibt. Ich rechne mit einer Flut an positiven Rezensionen und hoffe auch, dass sich auch das Feuilleton nicht lumpen lässt. Ein paar Pressetermine stehen ja in den nächsten Tagen schon an. Auch das Blaue Sofa und ein paar Literaturpreis-Nominierungen dürften machbar sein. Wenn nicht bei diesem, dann bei deinem nächsten Roman. Wonderwoman traue ich mittlerweile alles zu.

Es grüßt und umarmt dich herzlich,
dein Bloggerfreund aus dem Buchrevier

7 Antworten auf „Leserbrief #11

  1. Der Titel, das Cover und was ich schon drüber gelesen habe, haben mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Werde auf jeden Fall reinschauen, könnte was für mich sein 🙂

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  2. Doch sind es nicht genau diese kritischen Stimmen, die in einem den Knoten lösen und, wie in diesem Fall, die Wonder Woman von der Leine lassen? Ohne das Buch bisher zu kennen (erst ab dem Indiebookday) würde ich sagen lieber Tobias, dass du dir diese Danksagung hart erarbeitet hast.

    Besten Grüße
    Marc

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