Juli Zeh – Neujahr

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Nein, das ist wahrlich kein Traumberuf, Schriftsteller zu sein. Gerade jetzt, wo es eh bergab geht und weder Ehre, Ruhm noch viel Geld zu erwarten sind. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland ein grundsätzliches Problem mit unseren Leistungsträgern haben. Erfolg – ganz gleich ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur errungen – ist zunächst erstmal verdächtig. Wer es im Buchmarkt tatsächlich bis ganz nach oben geschafft hat, darf weder Anerkennung, Respekt noch Stolz erwarten, dafür aber jede Menge kritisches Hinterfragen und den geweckten Ehrgeiz all derer, die Spaß an der Demontage haben.

Und was bringt einem unbedeutenden Rezensenten mehr Aufmerksamkeit, als einer unserer besten und zugleich erfolgreichsten literarischen Autorinnen ans Bein zu pinkeln. Sich gegen den Mainstream und Tausende von Fans zu stellen und vollmundig zu behaupten, dass das letzte Buch jetzt wahrlich kein Meisterwerk war. Und wer jetzt denkt, das muss der Herr Buchrevier grad sagen, hat natürlich recht. Ich bin ja selbst einer, der an solch despektierlichem Tun seine Freude hat. Doch bei Juli Zeh würde ich das niemals machen. Denn es wäre nicht nur grundsätzlich nicht richtig, sondern auch ganz konkret falsch.

Doch warum schreibe ich das überhaupt? Weil ich bei Facebook und Instagram ein Foto vom besagten Buch mit dem mittlerweile berühmten Backcover-Blurb von Volker Weidermann gepostet habe, wo er behauptet, Juli Zeh sei genau die Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen. Ein Zitat, das zwangsläufig die kritischen Mainstream-Hinterfrager, Großverlags-Verweigerer und notorischen Denkmalstürzer auf den Plan ruft. Und da man auf dem Backcover eines Buches nichts kommentieren kann, tut man es eben im Netz. Soweit so normal. Dafür gibt es ja die sozialen Medien, und ich würde es auch nicht erwähnenswert finden, wenn die kritisch-spöttischen Kommentare mich nicht all das denken ließen, was ich gerade versucht habe, in Worte zu fassen.

Ich bin kein Fan von Volker Weidermann, aber bei dem, was er über Juli Zeh sagt, hat er vollkommen recht. Auch in meinen Augen ist sie eine nahezu perfekte Schriftstellerin und völlig zurecht so erfolgreich. Unter einem der Facebook-Kommentare habe ich erläutert, warum ich das so sehe. „Weil Juli Zeh das Handwerk eines Romanciers beherrscht wie keine Zweite, weil sie es immer wieder schafft, ihre Leser mit neuen Themen zu überraschen, weil sie Anspruch und Unterhaltung aufs Feinste kombiniert. Weil ihre Charaktere immer authentisch sind und mich ihre Bücher bisher niemals kalt gelassen haben. ‚Unterleuten‘ ist herausragend gewesen, ‚Leere Herzen‘ war thematisch verblüffend und in ‚Neujahr‘ hat sie wieder mal gezeigt, wie gut sie sich in ihre Figuren hineinfühlen kann.“

Man kann gut und gerne darüber streiten, ob Neujahr jetzt einer ihrer besseren oder schlechteren Romane ist und auch nur annähernd an ihren Besteller Unterleuten heranreicht. Meinetwegen. Fakt ist aber, dass auch ein schlechter Roman von Juli Zeh immer noch besser ist, als 80 Prozent von dem, was der Literaturbetrieb sonst so auf den Markt wirft.

Und natürlich weiß ich, dass diese Aussage genau so viel Widerspruch erzeugen wird, wie der Blurb von Volker Weidermann. Aber so ist das nunmal, wenn man Fan ist. Dann stellt man sich schützend vor seinen Star, nimmt Spott und Häme gerne auf sich, auch wenn man die Kritik in Ansätzen verstehen kann. Aber darum geht es nicht. Natürlich ist Neujahr nicht mit Unterleuten vergleichbar. Unterleuten ist ein epochales Werk mit einem starken Setting, beeindruckenden Charakteren und dem für mein Empfinden genau richtigen Quäntchen Gesellschaftskritik. Neujahr ist dagegen alles andere als ein Epos, sondern vielmehr eine Art Kammerspiel mit dem engen Fokus auf den Nukleus Kleinfamilie, aus dem alles erwächst, was uns Menschen prägt.

Gerade überlege ich, ob es jetzt nicht an der Zeit wäre, mal auf das Buch einzugehen. Wer bis hierhin durchgehalten hat, sollte zumindest ansatzweise erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Vielleicht so viel, dass es darin um Henning geht, der mit seiner Familie nach Lanzarote in den Urlaub fliegt. Dass dieser Henning mit seiner Vaterrolle hadert, dass er seinen Ansprüchen und denen seines Umfeldes in Bezug auf Familie und Beruf nicht gerecht zu werden scheint. Dass ihn Angstzustände plagen und er bei einer Neujahrs-Fahrradtour in den Bergen Lanzarotes plötzlich erkennt, dass diese Angstzustände ihren Ursprung in seiner Kindheit haben. Und zwar genau genommen in einem Urlaub auf Lanzarote mit seinen Eltern vor ca. dreißig Jahren.

Viel mehr muss man im Vorfeld gar nicht wissen, außer dass dieser Roman nicht wie Unterleuten über 600 Seiten, sondern gerade mal 190 hat, die Charaktere aber genauso intensiv und vielschichtig verwoben sind, die Geschichte wieder ultraspannend ist und auf hohem Niveau unterhält und man diesen Roman in einem Rutsch innerhalb weniger Stunden durchgelesen hat. Dass man ihn am Ende emotional aufgewühlt und mit einem Kloß im Hals zurück ins Regal stellt und sich ab sofort bereits auf den nächsten Roman dieser grandiosen Autorin freut.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
191 Seiten, 20,00 €

17 Antworten auf „Juli Zeh – Neujahr

  1. Lieber Tobias, ich werde mit ihr, der Juli Zeh, einfach nicht warm. Lese gerade “ Neujahr“, zwangsläufig, weil es ja als Buchhändlerin wichtig ist zu wissen, warum ein Buch gerade viel gelesen wird. Sie lässt mich kalt, die Juli Zeh, mit den indirekten Wertungen, mit ihrer Kaltschnäuzigkeit und dem Ton so allgemein. Nachdem ich “ Acht Berge“ von Paolo Cognetti gelesen habe, bin ich vielleicht noch erfüllt von anderen Bergen die es zu bezwingen gilt. Besonders glücklich hat mich auch Hilmar Klute gemacht mit seinem Buch “ Was nachher so schön fliegt“. Ein wunderbares Leseereignis für mich ganz persönlich 😉 Tja….seufz..lese mal weiter über das ES welches Henning umtreibt. Vielen Dank und lieber Gruß aus dem Schaumburgischen 🙂

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    • Liebe Stefanie, ich mag ja gerade ihre Härte, die sich zum Beispiel in diesem Zitat von Seite 19 in aller schonungslosen Kaltschnäuzigkeit offenbart: „Er mag generell keine alten Frauen und wird trotzdem eines Tages mit einer zusammenleben. Alte Männer mag er noch viel weniger; trotzdem wird er irgendwann einer sein.“ 🤷🏻‍♂️

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    • Ich werde mit Neujahr auch nicht warm, halte aber Unterleuten für grandios.
      Ebenso die Acht Berge von Cognetti.
      Klar, dass ich mir „was nachher so schön fliegt“ mal anschauen werde 😉

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  2. Eines ist ja völlig klar und verfestigt sich immer mehr: bei den Büchern, die dir gefallen, habe ich Gemecker, bei den Büchern, die mir gefallen, übst du Kritik. Da die Zeiten gerade unruhig sind und auf Veränderung stehen, ist das immerhin etwas, das bleibt, wie es ist :-):-):-).
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Ja, das Zitat mit den “ alten Frauen“ hat mich durchaus amüsiert 😉 Aber so einige Sätze wirken sehr konstruiert. Auf Seite 15 mit der Phase und Phrase bla bla bla…..regen mich auf! Übrigens habe ich ja “ Töchter“ von Lucie Fricke sehr gemocht. Aber auch hier sehr unterschiedliche Lesermeinungen. Damals habe ich deine Rezension sogar in den Buchladen gehängt und andauernd das Buch beworben. Kommentare von “ Damit kann ich nichts anfangen“ bis “ Ganz großartig“ kamen rüber. So isset eben: Lesen und lesen lassen 😉

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      • Ja, weil “ Töchter“ ein tolles Buch war und deine Rezension gut passte. Ich kann hier nirgendwo ein „Gefällt mir“ anklicken. Mag mich nicht extra bei WordPress anmelden usw. Bin AppleUser 🙂 ähm ja….ich mag aber die Kommentare hier usw. Juli Zeh habe ich beendet und es war das schlechteste Buch seit langem. Eine konstruierte und schemenhafte Geschichte mit vielen dummen Sätzen. “ Es schneite, obwohl es sehr kalt war “ usw usw usw. Hieße die Autorin Jojo Moyes wäre diese Art von Trivialität einzuordnen. Was jetzt echt fies klingt Ich gebe Constanze auch recht: Es gibt viele wunderbare Autoren die es mehr verdient hätten gelesen und gefühlt und gehört zu werden. Juli Zeh’s Geschichte jedenfalls klingt wie ein unreifes Treatment, aber der Skarabäus auf dem Cover ist schön. Lieber Gruß aus der Provinz

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  4. Ich bin ja so gar nicht Deiner Meinung, aber ich gebe Dir trotzdem ein „Gefällt mir“. Ich bin dafür, die Aufmerksamkeit auf all die Autoren zu lenken, die wunderbar schreiben, aber leider untergehen, und da gibt es leider immer noch sehr viele davon, weil ihre Themen und Bücher eben nicht in den Mainstream passen. Viele Grüße

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    • Da gebe ich dir recht. Von solchen Autoren gibt es immer noch viele. Aber Juli Zeh bedient auch nicht den Mainstream und könnte daher genauso durchs Raster fallen. Tut sie aber nicht, weil sie andere Dinge richtig macht, einfach ihr Handwerk beherrscht und tatsächlich genau dem entspricht, was Volker Weidermann behauptet. 🤷🏻‍♂️

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      • Das ist richtig. Ich würde Zeh auch nicht im Mainstream verorten, weil sie sehr vielseitig schreibt, was ich sehr schätze. Ich finde es generell nur traurig, wenn so viel Aufmerksamkeit auf ein Buch gelenkt wird, während andere einfach untergehen – aus welchen Gründen auch immer. Viele Grüße

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  5. schöner text über deine lieblingsautorin. ich habe bislang nur eines von ihr gelesen, und das allerdings nicht ganz, das letzte drittel habe ich ausgelassen. (das buch, in dem die erzählerin nach jugoslawien reist mit ihrem hund; den titel erinnere ich gerade nicht). zu den besten und erfolgreichsten schriftstellerinnen, da gehört doch unbedingt noch monika maron genannt.

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  6. Ich habe mich mit Neujahr unglaublich schwer getan und brauchte für die paar Seiten ungewöhnlich lange, weil ich es immer wieder weggelegt habe. Vielleicht sind Kinderthemen gerade nicht so meins, weil ich die Realität selbst zu Hause habe… Am Ende wird der Roman aber ungemein spannend und nimmt sehr an Fahrt auf. Das wiederum war fesselnd und belohnte mein Durchhaltevermögen.

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