Emily Ruskovich – Idaho

Manches Buch ist wie ein nasses Stück Seife. Zunächst formschön, handschmeichelnd, wohlriechend und sanft dahingleitend. Doch ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügt, und schon glitscht es einem aus der Hand, rutscht am Boden wild umher, lässt sich nur schwer wieder greifen, und wenn man es nach viel Hin und Her wieder im Griff hat, ist es angeschlagen, schmutzig und komplett aus der Form. Genauso habe ich auch „Idaho“ empfunden, den Debütroman der jungen Amerikanerin Emily Ruskovich.

Dieses Buch konnte ich beim besten Willen nicht greifen. Es hat mich stellenweise fasziniert und begeistert, dann wieder genervt und gelangweilt. Aber nicht am Anfang einmal so und zum Ende hin wieder anders, sondern immer schön abwechselnd. Immer wenn ich dachte, geil, das macht ja gerade richtig Spaß, flaute es ab, verfranste sich die Handlung, wurde alles zäh und tranig. Und kurz bevor ich es abbrechen und enttäuscht zurück ins Regal stellen wollte, zog es wieder an, wurde treibend, spannend, interessant – um ein paar Seiten später wieder abzuflauen.

Zunächst dachte ich: Wie kann das sein? Haben zwei unterschiedliche Menschen diesen Roman geschrieben? Doch dann erkannte ich das Muster. Die Geschichte wurde einfach nur auf knapp 400 Seiten aufgeblasen. Der Plot an sich bietet gerade mal Futter für die Hälfte. Und das entspricht ungefähr dem Teil des Buches, der mir richtig gut gefallen hat. Aber der Rest ist wie einer dieser mit Stickstoff aufgeblasenen Frischkäse, die als luftig, leicht und lecker gepriesen werden, sich aber bei genauer Betrachtung geschmacklich und überhaupt als Luftnummer erweisen.

Ich erzähle vielleicht kurz mal, worum es geht. Wade und Jenny leben irgendwo in Idaho auf einem Berg. Sie führen ein einfaches, naturverbundenes Leben, haben zwei Töchter, sind zufrieden. Plötzlich tötet Jenny im Affekt die jüngste Tochter mit einem Beil, die andere Tochter läuft weg und wird nie wieder gefunden. Jenny kommt lebenslänglich ins Gefängnis, Wade bleibt allein auf dem Berg zurück. In dieses zerstörte Leben tritt die junge Musiklehrerin Ann. Sie heiratet Wade bereits ein Jahr nach dem Mord, zieht in das Haus auf dem Berg und lebt mit Wade bis er – wie bereits sein Vater und Großvater – Anfang Fünfzig an Demenz erkrankt. Während der Tod seiner Tochter und der Verlust seiner kompletten Familie anfangs noch wie ein schwerer Schleier über allem liegt und die Beziehung von Ann und Wade nie wirklich unbeschwert werden lässt, bessert sich die Situation, Wades beginnender Demenz geschuldet, nach und nach immer mehr. Der Schmerz erlischt, wird einfach vergessen, und erst als alles Vergangene in ihm erloschen ist, hat Ann zum ersten Mal das Gefühl, ihrem Mann wirklich nahe zu sein.

Das ist zwar einerseits eine simple Crime-Story, andererseits erwächst daraus aber auch ein ziemlich starker Plot aus allerlei Zwischenmenschlichem. Wade und seine erste Frau Jenny, die beiden Töchter June und May, Wade und seinen zweite Frau Ann, Jenny und ihre Zellengenossin im Gefängnis – das alles sind schon ziemlich starke Zweierkonstellationen, die Ruskovich auch gekonnt in Szene setzt.

Aber wie gesagt, immer wieder flutscht einem die Geschichte aus der Hand, zerfasert sich in Nebensächlichkeiten, werden Personen eingeführt, die für die Geschichte überhaupt nicht wichtig sind, wie der Musikschüler Eliot, der in einem kaputten Holzsteg ein Bein verliert. Oder der Mann, der die Phantomzeichnungen des vermissten Mädchens fertigt und schließlich sogar der Bluthund, der die Spur der vermissten Tochter verfolgt.

Das ist zwar, wie alles Übrige auch, gut geschrieben, sprachlich sehr überzeugend, aber dennoch überflüssig und genau das, was den Gesamteindruck dieses Buches so trübt. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Und so kann mich eine augenscheinlich talentierte Autorin leider doch nicht überzeugen, und ich frage mich: ist das Lektorat dafür verantwortlich, dass diese Geschichte wie ein Frischkäse aufgeblasen und dadurch schlussendlich verhunzt wurde oder hat das die Autorin komplett allein geschafft?

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Foto Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
384 Seiten, 24,00 €
Übersetzt von Stefanie Jacobs

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man stelle sich vor, Simon Strauss hätte zwanzig Jahre nach „Sieben Nächte“ noch einmal einen Roman geschrieben. Was könnte das für ein Buch sein? Wo könnte der namenlose Protagonist, der sich Ende zwanzig den sieben Todsünden gestellt hat, mit Ende vierzig angekommen sein? Gut möglich, dass er Vorstand und Partner einer Investmentbank wäre, mit einem beeindruckenden Haus im Taunus, mehreren Millionen auf dem Konto und einem Porsche mit Elektroantrieb. Da aber Simon Strauss noch nicht so weit ist, hat Alexander Schimmelbusch jetzt diesen Roman geschrieben und ihn „Hochdeutschland“ genannt.

Es ist dieser hedonistische Grundton, das Selbstverliebte, der latente Größenwahn, der mich den Vergleich zwischen diesen beiden Büchern ziehen lässt. Genau wie bei Strauss hat auch Schimmelbuschs Romanheld diese Hybris, und das macht für mich den Reiz dieser beiden Romane aus. Und da wir grad beim Vergleichen sind, will ich in bewährter Amazon-Algorithmus-Manier nicht verheimlichen, woran mich das alles noch erinnert hat. Wer den Lifestyle der Protagonisten von Bret Easton Ellis mag, die Detailverliebtheit, mit der die Helden von Haruki Murakami sich eine warme Mahlzeit zubereiten und auch das Setting von Juli Zehs letztem Roman „Leere Herzen“, der wird auch „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch gut finden.

Doch worum geht es eigentlich? Dieser oben bereits erwähnte Investmentbanker namens Victor hat alles erreicht, was man in seiner Profession erreichen kann. Top-Studium, Karrierestationen bei den ersten Finanzhäusern der Branche und danach Gesellschafter einer erfolgreichen Investmentbank. Geld ist im Übermaß vorhanden. So viel, dass er im Leben nie mehr alles wird ausgeben können. Der Stress im Job ist zur Routine geworden, doch die 100 Stunden-Woche muss er nicht mehr abreißen, dafür hat er Angestellte. Er muss niemandem mehr etwas beweisen, kann sich etwas Quality-Time mit seiner Tochter gönnen und sich mal eben zwei Wochen rausziehen, um einen Roman zu schreiben.

Nebenher entwirft er auch noch eine Art politisches Pamphlet, in dem er auf der einen Seite linke Positionen vertritt, eine staatliche Regulierung von Privatvermögen, die Etablierung einer volkseigenen Fondsgesellschaft zur Förderung von Zukunftstechnologien. Andererseits artikuliert er darin aber auch nahezu rechtspopulistische, ausländerfeindliche Thesen. Am Ende gründet er mit dem Spross einer Kreuzberger Döner-Dynastie eine neue Partei, die bei den Wahlen auf Anhieb zweite Kraft wird.

Ich weiß nicht so recht, was ich von diesem Werk halten soll. Vielleicht liegt es an der Hybris, dem Machtstreben, dem Porsche, dass ich das Gefühl habe, Hochdeutschland ist ein eher männliches Buch. Schimmelbuschs Protagonist Victor erklärt uns, wie die Welt funktioniert und hat dafür den Hashtag #mansplaining mehr als verdient. Ich schätze mal, dass der Roman auch überwiegend von Männern gekauft und gelesen werden wird, was schon mal nicht so gut für den Umsatz ist. Und als ich gerade das Wort ‚männlich’ geschrieben habe, kamen mir doch tatsächlich noch zwei weitere Parallelen in den Sinn. Und zwar einerseits Houellebecq und irgendwie auch Glavinic. Der Franzose wegen seiner Desillusioniertheit und der Österreicher wegen seiner Maßlosigkeit und Prinzipienuntreue. Alles Charaktereigenschaften, die auch Schimmelbuschs Protagonisten anhaften, die aber vielleicht auch wieder typisch für Männer in einer gehobenen Position und ab einem gewissen Alter sind.

Am besten wird die Intention dieses Werkes noch durch das Zitat von McKinsey & Company beschrieben, das der Autor seinem Roman voranstellt hat: „Unser Anliegen ist es, eine Faktenbasis und einen Interpretationsrahmen für notwendige Diskussionen zu liefern. Dabei geht es uns nicht darum, ein fertiges Rezept oder ein bestimmtes Zielbild vorzugeben, sondern Optionsräume zu skizzieren.“

Der Optionsraum in diesem Fall heißt: dieses Buch lesen oder nicht lesen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Entscheidung jetzt leichter gemacht habe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Tropen/Klett-Cotta
214 Seiten, 20,00 €

 

Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

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Kleines Buch, großes Thema. Auf 160 großzügig formatierten Seiten beschäftigt sich Peter Stamms neuer Roman mit dem, was uns Menschen seit jeher umtreibt: der Zeit, die man eigentlich nicht zurückdrehen kann, der Vergangenheit, die einen irgendwann wieder einholt und der Gegenwart, die wir größtenteils mit Rückblick und Vorausschau vergeuden. Aber während das bei uns allen nur Gedankenspiele sind, passiert dem Protagonisten dieses Romans all dies tatsächlich.

Christoph holt die Vergangenheit ein; er begegnet nicht nur einer Frau, die seiner ehemaligen Freundin zum Verwechseln ähnlich sieht und auch noch fast genauso heißt – nein, er begegnet auch sich selbst wieder. Seinem alten Ego, dem zwanzig Jahre jüngeren Christoph, der wie er studiert, in der gleichen Stadt und dort sogar in der gleichen Wohnung wohnt wie er damals. Klingt ziemlich konstruiert, und das ist es auch. Aber ich mag so etwas. Ganz besonders, wenn irgendwann das Raum–Zeit–Kontinuum aus den Fugen gerät, die Zukunft in die Gegenwart eingreift und sich dadurch die Vergangenheit verändert.

Arrrgh! Das tut dann immer im Kopf so weh, man kann es nicht greifen, alles dreht sich im Kreis. Das ist dieser „Zurück in die Zukunft“-Effekt, die Vorstellung, in die Vergangenheit zu reisen, sagen wir ins Jahr 1898 nach Braunau in Österreich und da einen kleinen Jungen namens Adolf umzubringen. Könnte ich das? Mit dem Wissen aus der Zukunft in die Vergangenheit eingreifen, um die Welt zu retten? Dann lieber noch zehn Jahre weiter zurückreisen und irgendwie verhindern, dass er überhaupt gezeugt wird. Das sind diese Gedankenspiele, die in meinem Kopf unweigerlich aufpoppen, wenn literarisch mit dem Thema Zeit gespielt wird.

Und natürlich kommt es genau so. Der alte Christoph stalkt sein junges Ego eine Weile, hält es aber irgendwann nicht mehr aus. Es kommt zum Kontakt, Christoph spricht mit Christoph und erzählt ihm alles über sein noch vor ihm liegendes Leben. Berichtet von Magdalena, seiner großen Liebe, von der Trennung und dem Roman, den er daraufhin geschrieben hat. Und mit diesem Wissen ausgestattet, verändert der junge Christoph die Zukunft in einigen kleinen aber entscheidenden Punkten.

Wenn man das alles liest, könnte man annehmen, dass mir dieses Buch gut gefallen hat. Stimmt aber nicht. Mir gefallen Zeitreisen, mir gefallen die damit verbundenen Gedankenspiele. Ich liebe es, mich darin zu verlieren, immer wieder aufs Neue und jedes Mal anders dieses „Was-wäre-wenn“ zu denken. Peter Stamm hätte sprachlich das Zeug, mich auf so eine literarische Zeitreise mitzunehmen. Ich mag dieses Wechselspiel einfacher, klarer Sätze mit verspielt verschachtelten Konstruktionen. Es hat mich nicht gestört, sondern ich fand es eher interessant, dass die Geschichten der beiden Christophs sich durchmischten und man sich als Leser bei jedem Kapitel neu orientieren musste. Ich mag auch den Titel des Buches. Würde ein Film so heißen, ich müsste ihn unbedingt sehen.

Aber leider, leider – dieser kleine Roman gefällt mir trotz allem nicht so richtig. Ich bin irgendwie nicht reingekommen – bevor ich mich eingrooven, mit den Figuren warm werden und meine ersten kleinen gedanklichen Zeitreisen unternehmen konnte, war alles auch schon wieder vorbei. Was bleibt, ist so ein unfertiges Gefühl. Ich stelle das Büchlein zurück ins Regal und denke mir, dass man da hätte mehr draus machen können. Wenn ich ins Jahr 2015 zurückreisen könnte, hätte ich Peter Stamm auf der Leipziger Buchmesse einfach angesprochen. Ich hätte ihm von meiner Enttäuschung über seinen noch gar nicht geschriebenen Roman erzählt und hätte ihm geraten, die Figuren etwas stärker auszuarbeiten. Hätte, hätte Fahrradkette.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
160 Seiten, 20,00 €

Video: Peter Stamm liest aus dem Roman.

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David Szalay – Was ein Mann ist

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Titel und Klappentext lassen vermuten, dass es sich hier augenscheinlich um ein Männerbuch handelt. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass ich als „last man reading“ dieses Werk zur Beurteilung zugeschickt bekommen habe. Und ich muss zugeben, dass das keine schlechte Idee vom Verlag war, denn es hat mir auf Anhieb gefallen, was ich da in den Händen hielt. Geschmackvolle Aufmachung, ein Autor, der auf dem Foto im Klapper aussieht wie mein Bloggerfreund Tilman Winterling und ein Zitat auf dem Buchrücken, das mich genau da abholt, wo ich mich als Mensch und Mann gerade befinde.

„Ich bin nicht mehr jung, hatte er gedacht, mit den Händen im Schoß im Hotel sitzend, den Fußboden anstarrend. Wann ist das passiert?“

Wenn ich dieses Buch im Handel erblickt hätte, ich hätte es garantiert gekauft und zwar ausschließlich wegen dieses einen Zitats auf der Rückseite. Auch wenn ich schon länger über die Midlife-Crisis hinweg bin, das Älterwerden an sich und seine vielen Begleiterscheinungen beschäftigen mich nach wie vor – nicht unbedingt täglich, aber oft. Eigentlich fühle ich mich schon seit ich denken kann, zu alt für irgendetwas. Zu alt, um noch ein Musikinstrument oder eine Sprache zu erlernen, zu alt für ein Auslandsstudium, zu alt für die Techno-Party, zu alt für den Job beim Startup-Unternehmen, zu alt, um mich noch jung zu fühlen.

Aber zurück zum Buch. David Szalay ist ein mir bis dato völlig unbekannter Autor mit kanadisch/ungarischen Wurzeln, der bereits drei Bücher veröffentlicht hat. Das erste, was mir an seinem jüngsten Roman auffiel, war die Tatsache, dass es überhaupt kein Roman ist. Auch wenn der Verlag sich mit zwei einleitenden Texten (einer Rezension und einem Interview mit dem Autor) größte Mühe gibt, das Etikett ‚Roman‘ zu rechtfertigen, sind und bleiben es neun eigenständige und in sich geschlossene Erzählungen. Nichts knüpft inhaltlich an die vorherige Geschichte an, die Handlungsstränge überschneiden sich nicht und fließen am Ende auch nicht zusammen. Und doch funktioniert diese Konstruktion. Man liest und empfindet es zusammenhängend, beinahe so – ich kann es nicht anders beschreiben – wie bei einem richtigen Roman.

Also lassen wir die Bezeichnung Roman mal so stehen. Es sind neun Geschichten in neun Kapiteln; sie spielen jeweils in einem anderen Monat (beginnend mit April), in einem anderen europäischen Land und haben einen Protagonisten, der jeweils zehn bis fünfzehn Jahre älter ist, als der im vorherigen Kapitel. Wir bewegen uns beim Lesen also durch die Monate eines Jahres, die Länder Europas und verschiedene Lebensabschnitte. Die Helden jeder Geschichte, jeden Kapitels sind Männer im Alter von 17 bis 73, alle in einer mehr oder weniger prekären Lebenssituation. Es sind keine dramatischen Begebenheiten, die da erzählt werden. Ganz im Gegenteil, es sind Alltagserlebnisse, die aber für das Denken und Empfinden in einem bestimmten Lebensabschnitt kennzeichnend sind.

Ich war nie mit einem Interrail-Ticket unterwegs, nie alleine im Billig-Urlaub auf Zypern und doch kommen mir Stimmung und Atmosphäre der ersten beiden Geschichten merkwürdig vertraut vor. Und auch bei den übrigen sieben Kapiteln ist es nicht anders. Als wenn man eine Reise durchs eigene Leben unternimmt. Es hat etwas Tröstliches zu sehen, dass wir Menschen noch so unterschiedlich sein können, uns aber im Laufe eines Lebens immer die gleichen Themen beschäftigen. Am Anfang die Frage, wer ich bin und wer ich sein will. Dann die ersten Niederlagen und Dinge, die einem einfach so passieren, inklusive Verletzungen, die man anderen zuführt. Mittendrin die Hochphase, man ist im Spiel, entweder Sieger oder Loser, manchmal auch beides. Und zum Ende rinnt einem alles, was man aufgebaut und geschaffen hat durch die Finger, zuletzt das eigene Leben.

Das ist genau das, was ein Mensch ist. Nicht mehr und nicht weniger. Die siebzig oder achtzig Jahre, die man Leben nennt. Ein Wimpernschlag im Weltenlauf. Ob Mann oder Frau – egal. Was spielt das für eine Rolle? Im englischen Original heißt der Titel, „All That Man Is“ – „Man“ im Sinne von Mankind – Menschheit. Im Interview sagt Szalay, dass ihm das Doppeldeutige in der deutschen Übersetzung gefällt. Mir gefällt das auch. Denn schließlich liegt genau darin die Antwort auf die Frage, was ein Mann ist.

Ein Mensch.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Hanser
511 Seiten, 24,00 €
Aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens.

 

Gesammelte Verrisse 02/18

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Je länger ich mich mit Büchern beschäftige, mich um eine Meinung bemühe, links und rechts schaue, was andere zum gleichen Gegenstand sagen, desto überzeugter bin ich davon, dass es ein allgemeingültiges Urteil über die Qualität von literarischen Werken nicht gibt. Selbst die Profis im Literaturbetrieb bieten da wenig Orientierungshilfe. So sehr sich die Damen und Herren Mangold und Scheck, Delius und Dorn auch bemühen, quasi-objektive Kriterien für oder gegen ein Werk ins Felde zu führen, es findet sich immer einer, der mit den gleichen Mitteln das genaue Gegenteil sagt. Scheinbar ist es in letzter Instanz doch nichts anderes als Geschmackssache, ob ein Buch gefällt oder eben nicht.

Seit ich das realisiert habe, verunsichert es mich auch nicht mehr, wenn andere ein Buch, welches ich aus unterschiedlichsten Gründen unerträglich finde, in höchsten Tönen loben. Manchmal erwischt mich ein Roman einfach auf dem falschen Fuß, da kann der beste Autor nichts dafür, wenn mich gerade andere Dinge interessieren und ich keinen Kopf für sein Thema habe. Das kann ein paar Wochen später schon wieder anders sein, was aber an der Sache an sich nichts ändert, denn ein einmal verrissenes Werk bekommt angesichts der Unmenge noch auf mich wartender Bücher nur äußerst selten eine zweite Chance.

Das zur Einleitung. Und nun viel Vergnügen bei den Kurz-Verrissen des Monats.

Jon McGregor – Speicher 13

Gleich das erste Werk ist so ein Buch, bei dem sich die Geister scheiden. Man findet im Netz sehr viel Positives über den neuen Roman des Briten Jon McGregor. Auf dem Klappentext wird er als literarischer Thriller angepriesen, der sich „ganz beiläufig zu einem eindringlichen Roman über das Leben und die Vergänglichkeit der Zeit“ entwickelt. Das hat mich neugierig gemacht, obwohl ich hätte merken müssen, dass hier der gleiche Marketing-Trick angewandt wird, wie beim Kinder-Überraschungsei. Dem Leser wird Spannung, Erbauliches und zugleich Nachdenkliches versprochen obwohl jeder, der schon mal ein Überraschungsei gegessen hat weiß, dass sich drei Wünsche nur in seltenen Fällen mit einem einzigen Produkt befriedigen lassen. Und so war auch ich enttäuscht von dem, was sich mir zwischen den Buchdeckeln präsentierte. Weder Spannung noch Erbauliches, sondern nur nachdenkliches Grübeln über die zahllosen Charaktere, die McGregor einem alle paar Seiten im Dutzend vor die Füße wirft. Ein ganzes Dorf an konturlosen Protagonisten schwirrt einem beim Lesen der ersten fünfzig Seiten durch den Kopf, ständig musste ich zurückblättern, mich vergewissern, wer jetzt noch mal wer war. Ich hasse sowas und finde, eine gewisse Übersichtlichkeit im Setting herzustellen, gehört nunmal zum Handwerkszeug eines Schriftstellers. Und so quälte ich mich eine Woche lang Abend für Abend durch dieses Buch und hab am Ende nur 70 Seiten gelesen, bevor ich die befreiende Entscheidung traf, es einfach abzubrechen.

Verlag: Liebeskind
323 Seiten, 22,00 Euro

 

Han Kang – Menschenwerk (Hörbuch)

Das große Durcheinander bei den Protagonisten ärgerte mich auch beim neuesten Roman der südkoreanischen Autorin Han Kang. In „Menschenwerk“ geht es um die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Südkorea Anfang der Achtziger Jahre, bei denen tausende Demonstranten ihr Leben verloren. Es werden teilweise drastische Szenen geschildert, die Unmenschlichkeit und Brutalität des Krieges stellt sich in erschreckendem Ausmaß dar. Ich habe Menschenwerk nicht gelesen, sondern das Hörbuch gehört und festgestellt, dass sich nicht jedes Buch auch zum Vorlesen eignet. Vielleicht hätte es mit einer anderen Sprecherin funktioniert, aber Rike Schmids aufgeladene, stets anklagende und sich bei besonders grausamen Schilderungen brechende Stimme hat eine Antihaltung bei mir erzeugt. Vielleicht war auch das der Grund dafür, dass ich es nicht geschafft habe, herauszufinden, wer von den zahllosen Protagonisten, deren asiatische Namen für europäische Ohren auch ziemlich gleich klingen, jetzt gerade gedemütigt, gefoltert oder umgebracht wurde. Trotzdem bin ich bis zum Schluss dran geblieben, habe das Hörbuch einfach weiterlaufen lassen und meine nach Zuordnungen verlangende innere Stimme einfach ignoriert. Am Ende muss das Durcheinander in meinem Kopf in etwa dem Durcheinander auf den Straßen von Gwangju während der Miltäreinsätze entsprochen haben. Ob die Autorin genau das bezweckt hat? Ich weiß nicht, die Hörbuchvariante hat mir jedenfalls überhaupt nicht gefallen.

Hörbuchverlag: Finch & Zebra
6 h, 10 Minuten, gesprochen von Rike Schmid (Hörprobe)

 

Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen

Das dritte Buch in dieser Reihe an Verissen hat es vielleicht noch weniger verdient, hier genannt zu werden, als die beiden vorangegangenen. Auch zu Christoph Höhtkers Roman, mit dem er es im letzten Jahr sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, findet man im Netz jede Menge Positives. Und auch ich fand zunächst die Geschichte des PR-Mannes Frank Stemmer ganz interessant, der mit seinem Therapeuten wettete, in einem Jahr mit 12 Frauen zu schlafen, um sich anschließend umbringen zu dürfen. Es ist auch echt nicht schlecht geschrieben, hat Anspruch und auch Humor. Aber irgendwie bin ich durch mit diesen ewig gleichen Geschichten von Männern in der Midlife-Crisis, die im Karriere-Hamsterrad gefangen sind, sich mit Sexabenteuern betäuben und dabei immer unglücklicher werden. Das kennt man von Houellebecq und von Glavinic; das braucht man nicht noch in einer deutschen Variante. Und so habe ich mich gelangweilt durch die ersten 80 Seiten gequält, um dann irgendwann festzustellen, dass es mir egal ist, ob und wie der Held dieses Romans die anderen elf Frauen noch ins Bett bekommt.

Verlag: weissbooks.w

256 Seiten, 22,00 €

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Foto: Gabriele Luger

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore (1)

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Da ist er ja wieder, mein japanischer Freund. Mit einem anderen Leben zwar, mit ein paar neuen Skills, trotzdem unverkennbar er. Er öffnet die Tür und lässt mich eintreten. Ein kurzes freundschaftliches Nicken, kein Händedruck. Die vertraute Ordnung empfängt mich, alles hier hat seinen Platz, penibel sauber, wie immer. Es ist, als wäre ich nie weg gewesen.

Wir trinken einen grünen Tee, dazu reicht er ein paar leichte Sandwiches mit Thunfisch und Salat. Ob ich Lust hätte, etwas Musik zu hören, fragt er, während er eine Vinyl-Langspielplatte aus dem Regal zieht und zu der teuren Stereoanlage geht. Er habe leider nur klassische Musik, sagt er entschuldigend. Als er mein verdutztes Gesicht erblickt, fügt er erklärend hinzu, dass er trotzdem nach wie vor großer Jazz-Fan ist. Es wäre nicht seine Plattensammlung und auch überhaupt nicht sein Haus.

Aus den dezent im Raum verteilten Lautsprechern ertönt eine Mozart-Oper. „Don Giovanni – in einer Version, die nur zweimal in dieser Form aufgeführt wurde“, erläutert er und setzt sich in den bequem aussehenden Sessel mir gegenüber. Einige Zeit sitzen wir nur da, lauschen schweigend der Musik. Irgendwann frage ich, was alles so passiert ist seit damals. Nicht viel, lautet die spontane Antwort, während er meinem Blick ausweicht. Eine Zeitlang blickt er seltsam entrückt aus dem Fenster, und ich kann nicht einordnen, ob er in seiner Erinnerung nach Erzählenswertem kramt oder einfach nur der Musik lauscht und dabei meine Anwesenheit total vergessen hat.

„Meine Frau hat mich vor sechs Monaten verlassen“, fängt er unvermittelt an zu erzählen. Er hätte noch am gleichen Tag seine Sachen gepackt und sei ein paar Wochen mit dem Autor durchs Land gefahren. Er war im Norden, an der Küste, hat manchmal im Auto übernachtet – trotz Kälte, ist viel im dritten Gang gefahren und auch mal im vierten. Irgendwann hat aber der Motor gestreikt, und dann ist er in dieses Haus gezogen, wo er seitdem ein einsames und bescheidenes Leben führt.

Er erzählt mit dieser leisen, tonlosen Stimme, die mir so vertraut ist. Ich muss für ein paar Minuten eingeschlafen sein, während er mir von einem Bild berichtete, das er auf dem Dachboden gefunden hat. Als ich einige Zeit später wieder aufwache, ist er immer noch an diesem Bild dran, beschreibt gerade alle darauf abgebildeten Personen, darunter ein Mann, der aus einer Luke aus dem Boden schaut.

Ein kalter Schauer durchfährt mich. Sofort bin ich wieder hellwach. Ein Mann schaut aus einer im Boden befindlichen Luke! Da haben wir es wieder. Was jetzt kommt, ist klar. Schließlich kenne ich meinen alten japanischen Freund seit Jahren. Immer wieder gerät er an solche Leute, immer wieder passieren ihm diese Geschichten.

Und natürlich bestätigen sich meine schlimmsten Vermutungen. Eine Glocke, die plötzlich jede Nacht läutet, eine Steinkammer unter der Erde, ein Mann dessen Gesicht im Nebel verschwimmt. Mit offenem Mund lausche ich seinen Erzählungen, wundere mich weder über die offenherzigen Details diverser erotischer Begegnungen noch über seine Passivität und Eigensinnigkeit. Das alles kenne ich zur genüge, und genau dafür liebe ich ihn.

Ein paar Stunden schon sitzen wir zusammen, als er seine Erzählung plötzlich unterbricht und mich fragt, ob ich Zeit hätte, im April noch einmal vorbei zu kommen. Dann würde er mir den Rest der Geschichte erzählen. „Aber…“ bricht es aus mir raus, „das geht nicht! Ich will doch wissen, wie es weiter geht“. Doch da war er schon aufgestanden, schob einen kleinen Teppichläufer zur Seite und verschwand in einer darunter verborgenen Luke im Boden.

Fortsetzung folgt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: DuMont Buchverlag
475 Seiten, 26,00 €
Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe

 

Arthur Miller – Fokus

8

Mich würde ja echt mal interessieren, wer überhaupt noch Arthur Miller kennt. Ich schätze, das werden nicht so viele sein. Nur wenige werden etwas von ihm gelesen haben. Wenn, dann hat man eher etwas von ihm gesehen, denn er war in erster Linie Dramatiker. Sein Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ kennt man zumindest vom Namen her oder aber als Verfilmung mit Dustin Hoffmann in der Hauptrolle. Die meisten werden ihn aber aufgrund eines ganz anderen Lebensumstandes kennen. Er war mit Marilyn Monroe verheiratet.

Ach der, werden jetzt viele sagen. Und dieses „Ach, der“ wird Arthur Miller wohl sein halbes Leben bis zu seinem Tod im Jahre 2005 zu hören bekommen haben. Wie muss ihn das gekränkt und belastet haben. Man stelle sich nur mal vor, einerseits einer der profiliertesten und erfolgreichsten Schriftsteller der USA zu sein, ausgezeichnet unter anderem mit dem Pulitzer-Preis, andererseits aber ganz genau zu wissen, dass man nur als der Pfeife rauchender Schriftsteller in Erinnerung bleiben wird, der mal fünf Jahre mit der Monroe verheiratet war. Nun ja, es ist gibt schlimmere Schicksale, aber trotzdem irgendwie tragisch.

Zu seinem bereits stark verblassten literarischen Ruhm hat wohl auch beigetragen, dass er in seinem langen Schriftstellerleben nur einen einzigen Roman geschrieben hat. ‚Fokus’ ist 1945 in den USA und fünf Jahre später unter dem Titel „Brennpunkt“ auch in Deutschland erschienen und jetzt von der Edition Büchergilde wieder neu aufgelegt worden. Ich habe es zugeschickt bekommen und dachte zuerst „Ach, der!“. Dann entfernte ich die Schutzfolie und pfiff unwillkürlich durch die Zähne. Denn was ich da in den Händen hielt, war von ausgesuchter Anmut und Schönheit. Und damit meine ich nicht den Inhalt, sondern das Druckerzeugnis an sich.

 

Es kommt langbeinig daher, in einem besonderen Format, höher und breiter als die meisten Hardcover und damit problematisch für niedrige Regalböden. Aber dieses Buch ist auch nicht dafür geschaffen, in Reih und Glied zu stehen. Es ragt heraus, zieht die Blicke an, kokettiert mit seinen Traummaßen. Der matt und dezent strukturierte Schutzumschlag lädt geradezu ein, ihn abzustreifen, den Titelklapper herauszuziehen und die bibliophile Pracht freizulegen. Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen streichle ich über den in einem gedeckten Hellblau gehaltenen Leineneinband mit dem schwarz geprägten Key-Visual in der Mitte. Das Seitenpapier ist besonders glatt und feinporig, und auch hier kann ich mich nicht zurückhalten, es immer wieder zärtlich zu liebkosen. Aber das ist bei weitem noch nicht alles. Der Roman ist mit 20 vierfarbigen Holzschnitten der Leipziger Künstlerin Franziska Neubert illustriert, die schlicht und unaufdringlich die bedrückende Atmosphäre der Geschichte widerspiegeln.

Bei diesem Buch war es mir fast schon egal, wovon es handelt und wer es geschrieben hat. Ich wollte es lesen, um es in den Händen zu halten, um über die Seiten zu streichen, es auf meinem Nachttisch abzulegen, es morgens wieder hochzunehmen, es anzuschauen und immer wieder aufs Neue seine Schönheit zu bewundern. Es wäre tragisch gewesen, wenn der Inhalt hier nicht hätte mithalten können. Doch alles gut. Das Buch ist nicht nur schön, sondern auch klug. Es ist aufwühlend und leider immer noch brandaktuell.

Und wer bis hierhin mein Geschreibsel durchgehalten hat, sollte jetzt auch endlich erfahren, worum es in diesem Roman eigentlich geht. Es geht um Antisemitismus. Und halt, nein, bitte nicht mit den Augen rollen. Nicht DER Antisemitismus, nicht so, wie man das Thema kennt und schon hundertmal gelesen hat. Nicht hier in Deutschland, sondern in den USA, mitten im zweiten Weltkrieg. Denn was viele nicht wissen: Die Nation, die Europa aus den Fängen des Nationalsozialismus befreit hat, hatte damals selber ein handfestes Problem mit rassistischen Ausschreitungen gegen Juden. Und nicht nur damals, auch heute ist es nicht anders – in den USA, den arabischen Ländern sowieso und leider auch wieder in Deutschland.

Und so wie Arthur Miller die Geschichte von Lawrence Newman, Personalchef einer angesehenen New Yorker Firma erzählt, kann sie im Jahr 1945, 2018 oder in irgendwann in der Zukunft spielen, in den USA, in Deutschland oder jedem anderen Land. Es ist auch nicht unbedingt der Hass gegen Juden, es ist der Hass gegen alles, was anders ist. Es ist schlicht und einfach Rassismus. Und in ‚Fokus’ lässt uns Miller miterleben, wie schnell es gehen kann, selber davon betroffen zu sein. Lawrence Newmans Augen lassen nach, er bekommt eine Brille und sieht damit in den Augen seines Umfeldes plötzlich irgendwie jüdisch aus.

Und obwohl er so wenig jüdisch wie seine Nachbarn und Arbeitskollegen ist, ja, sogar selber die Juden für raffgierig, betrügerisch und nicht amerikanisch hält, wird er angefeindet und angegriffen. Es macht für ihn keinen Sinn, er kann es nicht verstehen, versucht zu argumentieren. Seht her, ich bin wie ihr, es ist nur die Brille. Aber das bleibt erfolglos, denn Rassismus macht nun einmal keinen Sinn. Und es macht auch keinen Sinn, mit Rechten zu reden, genauso wenig wie mit Islamisten, Terroristen und Radikalen jeglicher Couleur.

Und das ist es, was an dieser Geschichte über Antisemitismus so anders ist. Auch wenn du kein Jude bist, schützt dich das nicht vor Judenhass. Es reicht, wenn du so aussiehst. Rassismus kann jeden von uns treffen. Nicht nur in der Fremde, auch in der Heimat. Und so ist ‚Fokus’ ein bewegendes und hochaktuelles Lehrstück, das einem die Augen öffnet und aufzeigt, dass es nur ein schmaler Grat ist, der die Täter von den Opfern trennt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Edition Büchergilde
271 Seiten, 24,00 Euro
Mit Illustrationen von Franziska Neubert
In der Original-Übersetzung von Doris Brehm