Dörte Hansen – Mittagsstunde

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Auch ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Etwas größer als Dörte Hansens Brinkebüll, aber auch norddeutsch, mit einer Dorfschule, zwei Bäckern, einem Postamt und zwei Lebensmittelläden. Und während der Lektüre von ‚Mittagsstunde‘ war ich in Gedanken die ganze Zeit wieder genau dort, bin mit dem Fahrrad durch die  Straßen meines niedersächsischen Heimatdorfes gefahren, habe all die Leute wieder vor mir gesehen, den Sportlehrer, der uns Jungs immer an den Ohren gezogen hat, die Bäuerin, bei der ich mit der Blechkanne die Milch geholt habe, die alten Kumpels mit den Bonanza-Rädern. Es hat ein bisschen weh getan – so ein Kloß in der Brust, gespeist von Wehmut und einem ganz warmen Gefühl, das ich nicht näher bestimmen kann, sich aber gut anfühlte.

Und jetzt mal ehrlich – ist dies nicht genau das, was wir alle erwarten, wenn wir ein Buch aufschlagen? Dass das Gelesene Assoziationen weckt, tief in uns drin etwas anstößt. Dass sich im Kopf des Lesers neue Ebenen auftun, dass sich weitere Handlungsstränge entspinnen, dass Romanhandlung und persönliche Erinnerungen sich gegenseitig befeuern, einen in die Zange nehmen, bis man am Ende nicht mehr unterscheiden kann, zwischen dem wahren Leben und Literatur.

Ok, vielleicht sollte ich nicht immer von mir auf andere schließen. Ich weiß natürlich, dass das tatsächlich nicht alle wollen. Zum Beispiel Menschen mit einem komplett anderen Literaturverständnis, die keine Identifikation mit Romanfiguren wollen oder brauchen, keine zweite oder dritte Ebene, keine individuell angereicherte Durchmischung. Stattdessen die reine Literatur – objektiv betrachtet, unabhängig von der Vita des Lesers, einzig am geschriebenen Wort gemessen und bewertet. Wer so etwas von mir erwartet, ist hier sowieso komplett falsch. Objektiv kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht. Mein lesendes Ich schwebt über allem. Literatur muss sich an mir reiben, darf mich nicht kalt lassen. Und Dörte Hansens Mittagsstunde hat genau das getan. Sich gerieben und mich nicht kalt gelassen.

Dabei dachte ich zunächst: was für eine lahme, unzeitgemäße Hinterwäldler-Story. Aber weit gefehlt. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass Dörte Hansen hier eigentlich das derzeit am meisten diskutierte Thema überhaupt abhandelt: Heimat. Aktuell geht es in jeder zweiten gesellschaftspolitischen Debatte früher oder später immer wieder nur um eins: Heimat. Um Fragen der nationalen und regionalen Identität, um Zugehörigkeitsempfinden, kulturelles Erbe, Integration und Ausgrenzung – Heimat. Ein Mega-Thema auch in der aktuellen Gegenwartsliteratur. Flucht, Vertreibung, Familie, Herkunft, Vater, Mutter, Kind – Heimat. Und auch die klassischen Fragen: Wo gehöre ich hin, was macht mich aus, was hat mich geprägt?Alles immer wieder nur dieses eine Mega-Thema: Heimat.

Heimat ist Umgebung, ist Landschaft, ist der scharfe Wind, der über die flurbereinigten Felder zieht. Heimat ist aber auch das tuckernde Mofa von Hanni Thomsen, das Geräusch der klappernden Holzlatschen von Marret Ünnegang oder die schallende Ohrfeige vom Dorflehrer Steensen. Heimat ist so viel und immer wieder anders. Und so wenig literaturkritisch das jetzt auch wieder klingen mag – ich habe mich einfach daheim gefühlt in Brinkebüll. Ich habe dieses nordfriesische Geestdorf, das die Autorin in ihrem Roman über einen Zeitraum von knapp 60 Jahren beschreibt, beinahe bildlich vor mir gesehen und ein paar sehr angenehme Lesetage dort verbracht.

Gestern bin ich zufällig auf eine Kritik zu diesem Buch gestoßen. Birgit Bollinger vom Literaturblog Sätze & Schätze moniert in ihrer Besprechung die vielen Klischees, aus denen sich das Bild vom Brinkebüller Dorfleben zusammensetzt. Ich kann nachvollziehen, was sie meint. Diese knorrigen Stereotypen scheint es in jedem Dorf zu geben. Auch in meinem Heimatdorf gab es eine tüdelige Marret, einen Hanni mit seinem Mofa, einen Ingwer Feddersen, der den Absprung in ein anderes Leben geschafft hat. In jedem Dorf gibt es Menschen, wie die aus Brinkebüll. Aber das macht diesen Roman noch lange nicht klischeehaft. Dann wären Juli Zehs „Unterleuten“ und Jan Brandts „Gegen die Welt“ – zwei Heimatromane an die ich bei der Lektüre von „Mittagsstunde“ oft denken musste – das auch. Nein, Stereotype sind nicht immer auch Klischees, genauso wenig wie Muster Wiederholungen sein müssen. Gute Autoren – und Dörte Hansen gehört zweifellos dazu – können hier differenzieren.

Und so schließe ich mit einer nicht ganz uneingeschränkten Leseempfehlung für einen leisen Heimatroman, der kein Pageturner ist, einige Längen hat, mich aber sowohl sprachlich als auch atmosphärisch sehr überzeugt hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardcover
320 Seiten, 22,00 €

Juli Zeh – Neujahr

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Nein, das ist wahrlich kein Traumberuf, Schriftsteller zu sein. Gerade jetzt, wo es eh bergab geht und weder Ehre, Ruhm noch viel Geld zu erwarten sind. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland ein grundsätzliches Problem mit unseren Leistungsträgern haben. Erfolg – ganz gleich ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur errungen – ist zunächst erstmal verdächtig. Wer es im Buchmarkt tatsächlich bis ganz nach oben geschafft hat, darf weder Anerkennung, Respekt noch Stolz erwarten, dafür aber jede Menge kritisches Hinterfragen und den geweckten Ehrgeiz all derer, die Spaß an der Demontage haben.

Und was bringt einem unbedeutenden Rezensenten mehr Aufmerksamkeit, als einer unserer besten und zugleich erfolgreichsten literarischen Autorinnen ans Bein zu pinkeln. Sich gegen den Mainstream und Tausende von Fans zu stellen und vollmundig zu behaupten, dass das letzte Buch jetzt wahrlich kein Meisterwerk war. Und wer jetzt denkt, das muss der Herr Buchrevier grad sagen, hat natürlich recht. Ich bin ja selbst einer, der an solch despektierlichem Tun seine Freude hat. Doch bei Juli Zeh würde ich das niemals machen. Denn es wäre nicht nur grundsätzlich nicht richtig, sondern auch ganz konkret falsch.

Doch warum schreibe ich das überhaupt? Weil ich bei Facebook und Instagram ein Foto vom besagten Buch mit dem mittlerweile berühmten Backcover-Blurb von Volker Weidermann gepostet habe, wo er behauptet, Juli Zeh sei genau die Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen. Ein Zitat, das zwangsläufig die kritischen Mainstream-Hinterfrager, Großverlags-Verweigerer und notorischen Denkmalstürzer auf den Plan ruft. Und da man auf dem Backcover eines Buches nichts kommentieren kann, tut man es eben im Netz. Soweit so normal. Dafür gibt es ja die sozialen Medien, und ich würde es auch nicht erwähnenswert finden, wenn die kritisch-spöttischen Kommentare mich nicht all das denken ließen, was ich gerade versucht habe, in Worte zu fassen.

Ich bin kein Fan von Volker Weidermann, aber bei dem, was er über Juli Zeh sagt, hat er vollkommen recht. Auch in meinen Augen ist sie eine nahezu perfekte Schriftstellerin und völlig zurecht so erfolgreich. Unter einem der Facebook-Kommentare habe ich erläutert, warum ich das so sehe. „Weil Juli Zeh das Handwerk eines Romanciers beherrscht wie keine Zweite, weil sie es immer wieder schafft, ihre Leser mit neuen Themen zu überraschen, weil sie Anspruch und Unterhaltung aufs Feinste kombiniert. Weil ihre Charaktere immer authentisch sind und mich ihre Bücher bisher niemals kalt gelassen haben. ‚Unterleuten‘ ist herausragend gewesen, ‚Leere Herzen‘ war thematisch verblüffend und in ‚Neujahr‘ hat sie wieder mal gezeigt, wie gut sie sich in ihre Figuren hineinfühlen kann.“

Man kann gut und gerne darüber streiten, ob Neujahr jetzt einer ihrer besseren oder schlechteren Romane ist und auch nur annähernd an ihren Besteller Unterleuten heranreicht. Meinetwegen. Fakt ist aber, dass auch ein schlechter Roman von Juli Zeh immer noch besser ist, als 80 Prozent von dem, was der Literaturbetrieb sonst so auf den Markt wirft.

Und natürlich weiß ich, dass diese Aussage genau so viel Widerspruch erzeugen wird, wie der Blurb von Volker Weidermann. Aber so ist das nunmal, wenn man Fan ist. Dann stellt man sich schützend vor seinen Star, nimmt Spott und Häme gerne auf sich, auch wenn man die Kritik in Ansätzen verstehen kann. Aber darum geht es nicht. Natürlich ist Neujahr nicht mit Unterleuten vergleichbar. Unterleuten ist ein epochales Werk mit einem starken Setting, beeindruckenden Charakteren und dem für mein Empfinden genau richtigen Quäntchen Gesellschaftskritik. Neujahr ist dagegen alles andere als ein Epos, sondern vielmehr eine Art Kammerspiel mit dem engen Fokus auf den Nukleus Kleinfamilie, aus dem alles erwächst, was uns Menschen prägt.

Gerade überlege ich, ob es jetzt nicht an der Zeit wäre, mal auf das Buch einzugehen. Wer bis hierhin durchgehalten hat, sollte zumindest ansatzweise erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Vielleicht so viel, dass es darin um Henning geht, der mit seiner Familie nach Lanzarote in den Urlaub fliegt. Dass dieser Henning mit seiner Vaterrolle hadert, dass er seinen Ansprüchen und denen seines Umfeldes in Bezug auf Familie und Beruf nicht gerecht zu werden scheint. Dass ihn Angstzustände plagen und er bei einer Neujahrs-Fahrradtour in den Bergen Lanzarotes plötzlich erkennt, dass diese Angstzustände ihren Ursprung in seiner Kindheit haben. Und zwar genau genommen in einem Urlaub auf Lanzarote mit seinen Eltern vor ca. dreißig Jahren.

Viel mehr muss man im Vorfeld gar nicht wissen, außer dass dieser Roman nicht wie Unterleuten über 600 Seiten, sondern gerade mal 190 hat, die Charaktere aber genauso intensiv und vielschichtig verwoben sind, die Geschichte wieder ultraspannend ist und auf hohem Niveau unterhält und man diesen Roman in einem Rutsch innerhalb weniger Stunden durchgelesen hat. Dass man ihn am Ende emotional aufgewühlt und mit einem Kloß im Hals zurück ins Regal stellt und sich ab sofort bereits auf den nächsten Roman dieser grandiosen Autorin freut.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
191 Seiten, 20,00 €

Paolo Cognetti – Acht Berge

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Sind das erste Anzeichen einer Altersdemenz? Wie sonst ließe sich erklären, dass ich mir diesen Namen nicht merken kann: Paolo Cognetti – so schwer ist der doch gar nicht. Aber frag mich mal in fünf Minuten. Egal – die beste Therapie gegen das Vergessen ist, einen Blogbeitrag über diesen Autor zu schreiben, von dem ich in den letzten Tagen gleich zwei Romane gelesen habe. Und zwar zunächst seinen Debütroman „Sophia trägt immer schwarz“ aus dem Jahr 2012, der jetzt mit einiger Verspätung in deutscher Übersetzung bei Penguin erschienen ist, und dann den vor zwei Jahren erschienenen und deutlich stärkeren Nachfolger „Acht Berge“, der mittlerweile als internationaler Bestseller geführt wird.

Und wenn ich schon den Stapel mit den durchaus attraktiven Neuerscheinungen links liegen lasse, um einen Titel aus 2016 zu lesen – was im kurzlebigen Buchmarkt gefühlt so weit zurückliegt, wie der Fall der Mauer – dann muss ich von diesem Autor schon ziemlich begeistert sein. Und in der Tat, dieser junge literarische Shootingstar aus Italien kann nicht nur beklemmende Settings erschaffen, beeindruckende Charaktere mit wenigen Sätzen formen und eine geradezu kontemplative Lesestimmung erzeugen – er sieht zu allem Überfluss auch noch genauso aus, wie man sich solch eine Person vorstellt.

Ja, ich kann es einfach nicht lassen und schaue mir nach wie vor gerne die Autorenfotos im Klapper an. Und bei Paolo Cognetti blickt man dabei in ein Gesicht, dem man ansieht, dass er all das, was er in seinen Romanen beschreibt, selber schon durchlitten hat. Auch der Umstand, dass er regelmäßig den Sommer in einer Berghütte auf zweitausend Metern Höhe verbringt, so wie auch die beiden Protagonisten aus „Acht Berge“ es tun, passt und ergibt ein stimmiges Buch/Autor-Gesamtpaket.

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Auf dem Backcover steht, Cognetti wäre die männliche Antwort auf Elena Ferrante. Ich würde ihn eher als den italienischen Robert Seethaler bezeichnen. Aber bleiben wir bei dem Ferrante-Vergleich. Beide stammen aus Italien, das stimmt. Aber was Ferrante nur auf der Langstrecke gelingt, schafft Cognetti in aller Kürze. Gerade mal 250 Seiten braucht er für seine eindringlichen Familiengeschichten und bietet dabei alles, was das Leserherz begehrt. Charaktere mit Identifikationspotenzial, kaputte Lebensentwürfe oder auch glanzvolle Karrieren, Liebe, Leid und Rebellion. Und in „Acht Berge“ noch eine extra Portion Natur und Ursprünglichkeit.

Es sind schon die klassischen und in der Literatur scheinbar ewig aktuellen Themen, die Cognetti bedient. Die Frage, welcher Weg der richtige ist, die emotionalen Päckchen, die jeder so mit sich herumschleppt, die Familie als Segen oder Fluch. Altbekannt und trotzdem top aktuell. Nach meinem Empfinden behandelt momentan jeder zweite in diesem Jahr veröffentliche Roman genau diese Themen. Mal spielen die Geschichten in Deutschland oder Österreich, im Kaukasus, den USA, Japan oder eben Italien. Es sind immer und überall die gleichen Fragen, die uns Menschen bewegen und auf die wir in Büchern nach Antworten suchen.

Eine Antwort könnte lauten, dass es keine Antwort gibt. Dass Leben nun mal so ist – so tragisch, so fragil, so unabwendbar. Aber wer Cognetti liest, findet noch weitere Antworten. Dass Leben zwar hart und brutal sein kann, aber auch voll ursprünglicher und trostspendender Schönheit. Und die findet man in der Natur, ganz weit oben in den Bergen, wo all das, was uns groß und wichtig erscheint, zu dem wird, was es ist. Nichtig und klein.

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Foto: Gabriele Luger

Acht Berge (2016)
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Verlag: DVA
256 Seiten, 20,00 €

Sophia trägt immer schwarz (2012)
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Verlag: Penguin Hardcover
240 Seiten, 18,00 €

Auch interessant und lesenswert: ein Interview mit Paolo Cognetti zu „Acht Berge“

Hank Zerbolesch – Raw

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Den Anfang machte eine E-Mail. Eine von diesen, die Buchblogger mittlerweile täglich von Autoren bekommen. Ich weiß nicht warum, aber bei dem, was und wie er schrieb, hatte ich sofort ein gutes Gefühl, war sehr zuversichtlich, dass das endlich mal wieder etwas sein könnte.  Etwas Gutes, Außergewöhnliches, was reinhaut und Spaß machen könnte. Und mein Gefühl hat mich nicht getäuscht. Was da mit der Post kam, war keine B-Ware, kein Machwerk eines Möchtegern-Autoren, sondern der ultimative Beweis, dass es da draußen immer noch jede Menge unentdeckte literarische Talente gibt.

Hank Zerbolesch ist ohne Zweifel so ein Talent. Keiner dieser schnöseligen Literaturinstituts-Zöglinge, weder Feuilleton-affin und hochakademisch noch besonders sprachelaboriert. Nein, das ist er nicht. Zerbolesch ist der Typ von der Straße, sehr tight und sehr real. Einer dieser Underground Poeten, die den Eindruck machen, keine Verträge mit irgendetwas zu haben und Debatten auch mal mit den Fäusten führen. Seine Sprache ist direkt und kraftvoll, seine Geschichten aus dem Leben gegriffen und seine Figuren sind so, wie auch sein Buch heißt: roh.

Raw ist kein klassischer Roman, sondern wie Zerbolesch es nennt: ein Antiroman. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die Erzählung keinem festgelegten Handlungsstrang folgt, sondern sich eher zufällig aus Einzelepisoden ergibt, die zum größten Teil für sich alleine stehen, hier und da aber auch Charaktere und Handlungen wieder aufgreifen, spiegeln und Geschichten weiterführen. Das ist als literarisches Stilelement jetzt nicht besonders außergewöhnlich, und den Begriff „Antiroman“ gibt es, wie eine schnelle Google-Recherche ergab, wohl auch schon länger, aber das tut dem frischen und unkonventionellen Auftritt keinen Abbruch.

Man darf nicht zart besaitet sein, wenn man sich auf Zerboleschs Antiroman einlässt. Es wird gesoffen, gefickt, gekokst, gefixt, geprügelt und gemordet. Wem das zu bäh und gewöhnlich ist, der sollte die Finger davon lassen. Und wer jetzt an Bukowski denkt, liegt nicht falsch, aber auch nicht richtig. Hier wird kein einzelner Dirty Old Man, sondern eine komplette Dirty Old Society vorgeführt, die alle darin lebenden einsam und traurig macht, aus Liebe Hass entstehen lässt, aus Angst Wut und Verzweiflung. Wer jetzt an Gangster-Rap denkt, ist schon nah dran. Man muss sich nicht gut mit diesem Genre auskennen, um bereits beim Buchcover zu erkennen, dass Zerbolesch dort seine Wurzeln hat, dass Moses Pelham, 2Pac und Haftbefehl seine Helden sind.

In Raw geht Zerbolesch der Frage nach, warum Menschen tun, was sie tun. Warum und woran sie verzweifeln, warum sie manchmal nicht anders können, als tatenlos zu erstarren oder aber in blinder Wut alles zu zerstören. Doch neben all der Brutalität und dem Hass, die in den erzählten Geschichten stecken, die sie antreiben und uns als Leser atemlos Seite um Seite umblättern lassen, finden sich immer wieder Momente voller Zärtlichkeit, Mitgefühl und echter Liebe. Und dieses Wechselspiel ist es, was einem den Boden beim Lesen wegzieht, Gänsehaut erzeugt und am Ende dankbar und reich beschenkt zurücklässt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: periplaneta
161 Seiten, 12.80 € (Paperback)

André Herrmann – Platzwechsel

Ich könnte mir vorstellen, dass jedem halbwegs erfolgreichen Poetry Slammer früher oder später die Frage gestellt wird, warum er eigentlich nicht mal ein Buch schreibt. Er könne doch so gut schreiben und er sollte doch mal drüber nachdenken. Also ich würde es kaufen, heißt es abschließend, unterstützt von einem motivierenden Lächeln. Und was wie eine Floskel oder ein billiges Kompliment klingt, ist in den allermeisten Fällen sogar grundehrlich, anerkennend und wertschätzend gemeint. Wer das als Poetry Slammer noch nie gefragt wurde, kann eigentlich sofort mit dem Quatsch aufhören.

Im anderen Fall ist so ein Autor allerdings auch schlecht beraten, das alles für bare Münze zu nehmen. Denn tatsächlich ist es meistens doch nur eine Floskel und der Tatsache geschuldet, dass sich die Menschen nicht vorstellen können, dass einer, der sich ernsthaft mit Texten beschäftigt, damit zufrieden ist, diese einfach nur vorzulesen und dem geneigten Publikum lediglich ein paar Schmunzler und Lacher zu entlocken.

Es ist scheinbar für viele immer noch schier unmöglich, dass ein Mann oder eine Frau des Wortes nicht scharf darauf ist, den eigenen Namen auf einem Buchdeckel gedruckt zu sehen. Vielleicht ist es immer noch dieses Unsterblichkeitsding, die Aufnahme in die ISBN-Hall of Fame, die zweifelhafte Ehre, sich Schriftsteller nennen zu können, was einen guten Bühnenautor nicht davon abzuhalten scheint, einen durchschnittlichen oder sogar schlechten Roman zu schreiben. So wie es der Poetry Slammer André Herrmann mit „Platzwechsel“ leider getan hat.

Ich will jetzt nicht so hart urteilen, denn letztlich hätte ich ja wissen können, auf was ich mich da einlasse. Alles, was mich an diesem Roman gestört hat, stand eigentlich schon im Klappentext. Wie zum Beispiel die Outline der seichten Story, die einen weder fordert noch sonderlich fesselt, sondern gefällig plätschert und wunderbar beiläufig konsumierbar ist wie ein Mittwochabend-Fernsehfilm auf ZDF. Der Held dieses Romans heißt André, ist Anfang 20 und wohnt noch bei seinen Eltern in Sachsen Anhalt. Die weiteren Themen: Selbstfindung, Provinz, Abnabelung, Demenz, Verantwortung, Thermomix, Behinderung, Freundschaft, Liebe.

Das alles könnte durchaus Tiefgang haben, ist aber so nervig humorig verpackt, dass jegliches Nachsinnen über das Erzählte mit dem obligatorischen Wortwitz und den Mainstream-Kalauern der Bühnenautoren sofort im Keim erstickt wird. Wie viele Poetry- bzw. Comedy-Slammer hat scheinbar auch André Herrmann irgendwann zu Beginn seiner Karriere einen Clown gefrühstückt, und der taucht in diesem Roman auf jeder zweiten Seite auf und treibt seinen unseligen Schabernack. Nur lachen konnte ich darüber nicht, sondern fand es eher peinlich. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich ein gestörtes Verhältnis zu gewollt humorigen Büchern habe und stehe da eher auf die subtileren Formen des Humors.

Ich habe diesen Roman tatsächlich bis zum Ende gelesen, denn er ist wirklich leicht und locker konsumierbar. Aber gefallen hat er mir nicht, und am Ende habe ich mich sogar geärgert. Denn es gibt so viele tolle Romane, bewegende Geschichten von Autoren, die was zu sagen haben, die sprachlich brillieren, mich zum Nachdenken bringen, zu Tränen rühren oder laut auflachen lassen. Und was mache ich? Ich verschwende meine Zeit mit diesem seichten Geschichtchen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Voland & Quist
304 Seiten, 20,00 €

 

Elena Ferrante – Lästige Liebe

Vergessen wir mal für einen Moment, wer Elena Ferrante ist. Lassen wir mal außer acht, dass sie mit Linu und Lila zwei unsterbliche Romanfiguren erschuf, deren Schicksal Millionen Menschen auf der ganzen Welt berührt hat. Ignorieren wir einfach die Tatsache, dass die vier Bände ihrer neapolitanischen Saga bereits jetzt zu den Klassikern der Weltliteratur gehören. Ja, nehmen wir an, wir könnten dieses Wissen einfach so beiseite schieben und völlig unvoreingenommen diesen kleinen Roman in die Hand nehmen und lesen. Was würden wir dann sagen?

Hätte dieses Romanmanuskript überhaupt einen Verlag gefunden? Wäre diese unfertige Fingerübung jemals außerhalb Neapels wahrgenommen, geschweigen denn übersetzt und in alle Welt verkauft worden? Wohl kaum. Denn so leid es mir tut, dieser Roman ist einfach nicht gut und hätte getrost weiter im Keller der vergessenen Backlist-Titel verbleiben können.

Aber natürlich kann keiner, der einmal mit dem #Ferrantefever infiziert war, der Versuchung widerstehen, nach einem Buch mit diesem Autorennamen zu greifen, es zu kaufen, zu lesen und es mit wohlwollender Nachsicht zu bewerten. Und natürlich ist es schön, überhaupt mal wieder in Neapel zu sein, auf den Straßen der Altstadt zu flanieren, sich die Auslagen in den Schaufenstern anzuschauen und diesen so merkwürdig vertrauten, leidenschaftlichen, impulsiv-grobschlächtigen, im Dialekt fluchenden Menschentyp wieder zu begegnen, der einen auf über 2000 Seiten so ans Herz gewachsen ist. Ja, das alles ist in „Lästige Liebe“ schon vorhanden, die schwüle Hitze der Stadt, die aus dem Fenster zeternden Mamas, die schmierigen alten Männer, wie Donato Sarratore, oder die aggressiven Jungspunde wie Michele Solara. Hier heißen sie Caserta und Polledro.

Ja, atmosphärisch ist einem das Setting schon sehr vertraut, man fühlt sich augenblicklich wohl, kuschelt sich ein und wartet darauf, eingesaugt und davon getragen zu werden, sich nochmal mit deutlich erhöhter Lesetemperatur dem Ferrantefieber zu ergeben. Aber nichts davon passiert. Hier und da flackert mal Wohlgefühl auf, aber dann humpelt und holpert es wieder dahin, verliert sich die Geschichte in wirren Reflektionen, Traumsequenzen und Rückblenden. Ich habe die letzten 50 Seiten nur noch quer gelesen und war froh, dass der Roman nur 200 Seiten umfasste und ich ihn nach zwei Tagen wieder ins Regal stellen konnte.

Dabei ist die Geschichte durchaus erzählenswert und auch voll im Trend, denn Mutter/Tochter-, Vater/Sohn-, Stiefvater/Stieftochter- und Familiengeschichten jeglicher Couleur stapeln sich geradezu im Neuheitenregal der Buchhandlungen. Irgendwie arbeiten sich alle gerade an ihren Eltern ab, laufen durch verlassene Wohnungen, ziehen Schubladen auf, kramen alte Brief-Bündel hervor und entdecken plötzlich verstörende Seiten an ihren engsten Angehörigen. So auch Delia, die nach dem Tod ihrer Mutter versucht, ihre letzten Tage und Wochen zu rekonstruieren und dabei immer weiter und tiefer in die verschütteten Untiefen ihrer gemeinsame Vergangenheit vordringt.

„Einer der fesselndsten, intensivsten Romane über Mütter und Töchter, die es gibt“, steht als Zitat aus „Le Monde“ auf dem Backcover. Das ist natürlich pure Verkaufsförderung und eine vollkommen subjektive und haltlose Behauptung, die in keinster Weise meinem Leseerlebnis entspricht. „Intensiv“ ist sowieso ein Begriff, der mich bei Buchbesprechungen aufhorchen und skeptisch werden lässt. Wie ein Immobilienmakler die direkte Nachbarschaft zur Autobahn gerne mal als verkehrsgünstige Lage tituliert, steht „intensiv“ im Feuilleton oftmals für eine wirre Introspektive, der man als Leser nur mit Mühe folgen kann. Hier hat sich das mal wieder bewahrheitet.

Und so muss ich leider sagen, dass „Lästige Liebe“ eine Lektüre war, die zwar an einigen Stellen den großen Wurf schon erahnen lässt, aber insgesamt doch eher enttäuschend und bei aller Nachsicht angesichts des großen Namens doch keine Leseempfehlung ist.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
206 Seiten, 22,00 Euro

 

 

Nino Haratischwili – Die Katze und der General

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Vier Jahre haben die Fans auf den Brilka-Nachfolger gewartet. Nun ist er endlich da, 760 Seiten dick und noch vor der Veröffentlichung für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Timing war perfekt. Die diesjährige Buchmesse mit dem Gastland Georgien war für Nino Haratischwili sozusagen ein Heimspiel. Kein Lesebühnensofa, auf dem die in Georgien geborene Ausnahmekünstlerin nicht gesessen hätte. Und über kein Buch wird derzeit mehr gesprochen, als über ihren neuen Roman „Die Katze und der General“.

Doch das, was so gesprochen wird, dürfte der Autorin und dem Verlag gar nicht gefallen. Und auch ich bin nicht sonderlich begeistert, um nicht zu sagen sehr enttäuscht von diesem Roman, auf den ich mich wie viele andere Nino-Fans auch sehr gefreut habe. Die Enttäuschung fing schon an, als ich im Sommer zum ersten Mal hörte, wie der Roman heißen sollte: „Die Katze und der General“. Ok, dachte ich, kann man machen, ist ja nur der Titel. Es gibt in der Literaturgeschichte viele erfolgreiche Beispiele, wo sowas gut funktioniert hat, wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Bei Büchern für eine junge Zielgruppe scheint es ein bewährtes Prinzip zu sein, die Geschichte einfach nach den beiden Hauptprotagonisten zu benennen. Aber für einen ernstzunehmenden Roman finde ich es irgendwie zu billig.

Man hätte den verunglückten Titel mit einer ansprechenden Covergestaltung auffangen können, aber das ist meiner Einschätzung nach nicht gerade die Stärke der Frankfurter Verlagsanstalt. Stattdessen wurde der bewährte Collage-Look von Brilka auf dieses Werk übertragen. Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wenn ich eines über Grafikdesign gelernt habe, dann, dass die Darstellung des allzu Offensichtlichen nicht unbedingt für eine hohe Kreativität des Entwurfs steht. Es zerschellen Hoffnungen wie ein Boot an Felsen, eine Romanfigur nennt sich Krähe, Rubiks Zauberwürfel kommt vor – und all das findet man dann auch bunt zusammengewürfelt auf dem Cover. Fehlen eigentlich nur noch eine stilisierte Katze und ein General.

Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten, und letztlich sind Titel und Cover zwar verkaufsentscheidend, aber auch Geschmackssache und sagen nichts über die eigentliche Qualität des Romans aus. Kommen wir also zum Inhalt.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Gleich zu Anfang des Romans lernen wir Nura kennen, die während des Tschetschenien-Krieges 1994/1995 Opfer eines Kriegsverbrechens wird. An der Vergewaltigung und Tötung von Nura sind vier russische Soldaten beteiligt, die eigentlich auf Fronturlaub sind. Mehr als zwanzig Jahre später ist einer der beteiligten Soldaten zum Oligarchen aufgestiegen. Durch einen familiären Schicksalsschlag geläutert, will der von allen nur General genannte Oligarch das Verbrechen sühnen und alle damals Beteiligten mit ihrer Schuld konfrontieren. Dafür engagiert er die Katze, eine Schauspielerin, die dem Opfer von damals zum Verwechseln ähnlich sieht. Es entwickelt sich, spitzt sich zu und kommt zu einem finalen Showdown, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Denn so sehr ich mich auch bemüht habe, ich habe den Roman nicht beendet, sondern nach ca. 300 Seiten endgültig abgebrochen.

Normalerweise gebe ich einem Buch ungefähr 50 bis 80 Seiten Zeit, mich als Leser aufzunehmen und in die Geschichte zu ziehen. Wenn ich bis dahin nicht drin bin, steige ich aus. Normalerweise. Aber da Nino Haratischwili eine meiner Lieblingsautorinnen ist, habe ich hier gleich mehrere Ausnahmen gemacht. Nach 100 Seiten legte ich das Buch zum ersten Mal frustriert für zwei Wochen zur Seite. Dann habe ich es mir noch mal vorgenommen und fühlte mich 100 Seiten später immer noch genauso fremd. So sehr ich mich auch bemühte, ich fand einfach keinen Zugang, bin zu keiner Zeit in die Geschichte reingekommen. Zu guter Letzt habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen, in der Hoffnung, darüber einen besseren Zugang zu finden. Doch auch das war vergeblich. Zwei, drei Stunden habe ich noch reingehört und es dann endgültig drangegeben.

Jetzt wird sich natürlich jeder fragen, was mich denn konkret gestört hat. Ich versuche es mal einzugrenzen. Der Plot ist nicht uninteressant und das Setting authentisch. Auch sprachlich habe ich bis auf ein paar reichlich dick aufgetragene Vergleiche nicht viel auszusetzen. Haratischwili schreibt halt opulent. Aber meiner Meinung nach sind Grundgerüst und Dramaturgie nicht stimmig. Zu viele ausufernd beschriebene Figuren, zu viele Schleifen führen dazu, dass der rote Faden der Geschichte immer wieder verloren geht. Folgendes Beispiel: Da sitzen fünf Leute um den Tisch einer Nebenfigur namens Tina, von der ich nach 200 Seiten immer noch nicht genau weiß, ob sie jetzt die Mutter oder die Schwester der Protagonistin ist. Kann ja sein, dass ich irgendwo nicht richtig aufgepasst habe. Aber statt, dass sich dies langsam aufklärt, wird mir auf den Folgeseiten zusätzlich noch die komplette Vita der fünf um den Tisch sitzenden Personen präsentiert, ausufernde Charaktersierungen, die auch Eltern und Großeltern mit einbeziehen. Vierzig Seiten später weiß ich immer noch nicht, wer genau jetzt Tina ist. Dafür kenne ich die komplette Lebensgeschichte der fünf neuen Nebenfiguren, die vom Tisch aufstehen und nie wieder gesehen werden. Vielleicht kommen sie 200 Seiten später ja nochmal ins Spiel, wenn man es denn bis dahin aushält. Und so mäandert die Geschichte Seite um Seite dahin, es kommt weder Spannung noch Wohlgefühl beim Lesen auf. Stattdessen Langeweile, Frustration und langsam sich steigender Groll über ein handwerklich so misslungenes Werk.

Es tut mir leid, das in dieser Deutlichkeit zu sagen. Wie ich im Netz gesehen habe, bin ich auch nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit diesem Buch hat. Die Nino-Fangemeinde, die Brilka noch uneingeschränkt gefeiert hat, ist sichtlich gespalten. Viele sind genauso enttäuscht wie ich, einige finden es ganz passabel, aber richtig begeistert ist – mit Ausnahme von ein paar Hardcore-Fans – keiner. Nicht ganz so rücksichtsvoll wie die eher freundlichen Blogger geht Denis Scheck mit diesem Roman ins Gericht. Komplett misslungen und eine Verschwendung von Lebenszeit, so sein harsches Urteil. Und so leid es mir tut, er hat recht. Wenn eine Autorin es nicht schafft, einen motivierten und um das Buch bemühten Leser in eine im Prinzip sehr spannende und erzählenswerte Geschichte zu ziehen, dann hat sie einfach ihren Job nicht gut gemacht.

Warum dieses Buch dann auch noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, erschließt sich mir wieder einmal nicht. Trotzdem ist und bleibt Nino Haratischwili eine sehr beachtenswerte Autorin, die mit dem Vorgängerroman „Das achte Leben (für Brilka)“ echte Weltliteratur geschrieben hat. Also: die Katze bitte auslassen und stattdessen Brilka lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
750 Seiten, 30,00 Euro

Hörbuch:
HörbuchHamburg HHV
Gelesen von: Peter Kaempfe, Torben Kessler, Luana Velis, Valery Tscheplanowa
Dauer: 23 h, 21 Min.