Terézia Mora – Auf dem Seil

Der Literaturbetrieb freut sich, denn Darius Kopp ist wieder da. Und alle anderen so: Darius wer? Kopp, Darius. Kennst du nicht? Das Ungeheuer und der einzige Mann auf dem Kontinent, literarischer Serienstar und mehrfach ausgezeichneter Protagonist. Man könnte ihn auch Mr. Burnout nennen, den Mann mit der Urne oder neuerdings auch den deutschen Pizzabäcker vom Ätna. Oder war das der Stromboli?  Auf alle Fälle Sizilien, denn da ist der Ex-IT-Experte im Verlauf seiner Mir-ist-alles-egal-ich-lass-mich-einfach-treiben-Odyssee schließlich gelandet. Und dort treffen ihn die treuen Leser von Terezia Mora am Anfang des letzten Teils der Darius Kopp-Trilogie wieder.

Jetzt werden wahrscheinlich alle aussteigen, die Band 1 und 2 nicht kennen. Doch halt! Das hier ist keine Netflix-Serie. Man kann ohne Probleme nur diesen einen Roman lesen, ohne Gefahr zu laufen, den Plot nicht zu verstehen, weil wesentliche Informationen aus vorherigen Bänden fehlen. Ich selbst habe nur ‚Das Ungeheuer‘ gelesenen. Den mit dem Deutschen Buchpreis 2013 prämierten zweiten Band der Reihe.  Und ich kann mich nach all den Jahren an überhaupt nichts mehr erinnern, außer dass mir der Roman sehr gut gefallen hat. Damals habe ich noch nicht gebloggt, also kann ich auch nichts mehr nachlesen. Wenn im Klapper dieses Bandes also nicht gestanden hätte, dass der Protagonist immer der gleiche ist, ich hätte es vermutlich noch nicht einmal bemerkt.

Soviel zu meinen Unzulänglichkeiten als Leser. Kommen wir zu denen von Darius Kopp als Romanheld. Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ein Held ist er schon mal nicht. Wenn, dann ein Antiheld; einer, der sich allem entzieht, sich in die Trauer über den Tod seiner Frau und einen komplizierten Mix an Befindlichkeiten flüchtet. Wer wissen will, was genau ihn so zerstört und aus der Bahn geworfen hat, müsste wahrscheinlich tatsächlich noch Band 1 und 2 der Trilogie lesen. Mir reicht das, was ich zu Beginn von Band 3 vorgefunden habe: einen gebrochenen Mann, einen der die Achtung und den Respekt vor sich und seinem Leben verloren hat. Denn Darius ist nicht nur einmal grandios gescheitert, sondern scheitert seitdem jeden Tag aufs Neue. Er lebt vom Wohlwollen anderer, schnorrt und buckelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt von irgendwelchen Tagelöhnerjobs und suhlt sich in seinem Elend.

Ich finde so eine Apathie ganz fürchterlich, will Darius eigentlich permanent schütteln und zurufen, er solle sich verdammt nochmal endlich zusammenreißen. Und doch habe ich für solche Abstürze vollstes Verständnis und weiß, dass dergleichen jederzeit jedem von uns passieren kann. Und der plötzliche Tod der geliebten Partnerin ist allemal ein mehr als nachvollziehbarer Grund dafür. Nicht wenige verlieren in solchen Momenten jeglichen Lebensmut, sehen keinen Ausweg und flüchten in den Freitod. Aber wenn man schon alles fallen lässt, warum dann in den Tod fallen und nicht ins Leben? Dann natürlich in ein ganz anderes Leben, eines, das sich komplett unterscheidet. Weit weg von all dem, mit dem man gescheitert ist. Keine Ziele mehr, nichts mehr wollen, kein Plan B und auch kein Plan A, überhaupt nichts mehr planen, einfach nur da sein und sehen, was kommt.

Und irgendwas kommt mit Sicherheit, früher oder später. Entweder das endgültige Aus, oder ein neuer Weg, eine Herausforderung, ein neues Ziel. Bei Darius Kopp kam seine Nichte Lorelei und mit ihr der Wunsch zurück, wieder Verantwortung zu übernehmen. Augenscheinlich erstmal für sie und dann irgendwann auch wieder für sich selbst. Das ist fast schon ein wenig zu banal, klingt wie simple Küchenpsychologie, der gut gemeinte Ratschlag eines Bekannten, sich bei mentalen Problemen doch einfach eine Aufgabe oder ein Hobby zu suchen, dann würde es einem mit Sicherheit schon bald wieder besser gehen. Und bestimmt funktioniert so etwas genauso häufig, wie es eben nicht funktioniert. Bei Darius Kopp hat es funktioniert. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft. Und so wird er am Ende doch noch zum Romanhelden. Ein ziemlich trauriger zwar, aber dafür ein sehr sympathischer. Und ich bin sehr dankbar, dass ich seine Bekanntschaft machen konnte.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 24,00 €

Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

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Da bildet man sich ein, man würde sich im Literaturbetrieb ein wenig auskennen, wüsste was gerade angesagt ist, welche Autorin, welcher Autor eine gewisse Relevanz hat, welche man zumindest vom Namen her kennen sollte und von wem man unbedingt noch etwas lesen muss. Und dann fällt einem zufällig dieser Roman in die Hände und man fragt sich: warum habe ich bisher eigentlich noch nie etwas von Regina Scheer gehört?

Wer dieses Gefühl kennt und ebenfalls von der 1950 in Ost-Berlin geborenen Historikerin und Publizistin noch nichts gehört hat, obwohl ihr in 2014 erschienener Debütroman  ‚Machandel‘ mehrfach ausgezeichnet wurde und sie seitdem von ihrem Verlag als Bestsellerautorin geführt wird, sollte das schnellstens nachholen und jetzt unbedingt „Gott wohnt im Wedding“ lesen.

Eine dringende Leseempfehlung auch für all diejenigen, die wie ich der Meinung sind, schon genug Berlin-Romane gelesen zu haben, in denen die wechselvolle Geschichte der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart geschildert wird. Denn Scheers Idee, ein Wohnhaus im Berliner Arbeiterbezirk Wedding zum Protagonisten ihres neuesten Romans zu machen, ist nicht nur auf eine charmante Art anders und überaus unterhaltsam, sondern angesichts einer beeindruckenden Detailkenntnis historischer Fakten auch unglaublich lehrreich.

Ein Thema, das mich literarisch beispielsweise bisher überhaupt noch nicht erreicht hat, ist die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Ich muss zugegeben, es hat mich auch noch nie besonders interessiert, denn wie ich beim Lesen selbstkritisch festgestellt habe, war auch ich nicht vorurteilsfrei. Doch hier habe ich mal was anderes als die gängigen Klischees über diese Volksgruppe erfahren, denn im Haus in der Utrechter Straße sind sie alle ein- und ausgegangen: Kommunisten, die dem „Roten Wedding“ seinen Namen gaben, Juden, Nazis, Russen und eben auch Sinti und Roma. Menschen in Zwei- und Dreiraumwohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Nachbarn, denen man im Hausflur begegnet, die man in der Wohnung über einem streiten, lachen und weinen hört. Und auf einmal erweitert sich der Horizont, man lernt dazu und versteht.

Der Roman ist sehr vielschichtig aufgebaut. Zahlreiche Personen, häufige Zeitsprünge und wechselnde Erzählperspektiven lassen den unkonzentrierten Leser leicht den Überblick verlieren. Aber durch den episodenhaften Aufbau dieses Romans findet man schnell wieder rein. Und wenn ich mit einigen der zahlreichen Erzählstränge auch weniger anfangen konnte, so freute ich mich doch umso mehr, wenn meine Lieblingsfiguren wieder ins Spiel kamen. Allen voran Gertrud Rhomberg, weit über 90 Jahre alt und seit Ihrer Geburt Mieterin in der Utrechter Straße.

Sie und das Haus haben viel erlebt: wie ein SA-Mann direkt vor der Tür ermordet und zum Märtyrer stilisiert wurde, wie sich zwei jüdische Jungs in ihrer Wohnung versteckten, wie der, den sie liebte, von den Nazis entdeckt und in ein Vernichtungslager verschleppt wurde, wie ein SS-Mann sie vergewaltigte, wie die Russen kamen und wieder gingen, die schwere Zeit des Wiederaufbaus, wie irgendwann die ersten Türken, Jugoslawen und danach auch Sinti einzogen und ganz am Ende, siebzig Jahre später, der andere der beiden jüdischen Jungs wieder unten im Hof steht und zu ihrer Wohnung hochschaut.

Ein Leben, ein Schicksal, das sich oberflächlich betrachtet nicht besonders von all denen unterscheidet, die zur selben Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Unzählige Geschichten, die es auch wert gewesen wären, erzählt, aufgeschrieben und nicht vergessen zu werden. Große Häuser, kleine Häuser, die irgendwann entstanden sind und wieder wieder verschwanden. So wie wir alle, irgendwann.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardover
416 Seiten, 24,00 €

Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch:
Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von: Johann von Bülow
Länge: 14 h, 21 min
Hörprobe

Die besten Romane 2019 (Teil 2: Autoren)

Von männlichen Autoren haben es in diesem Jahr nur sechs Titel auf meine Bestenliste geschafft.

 

Michel Houellebecq – Serotonin

Das Rennen um den besten Roman des Jahres war im Prinzip schon entschieden, als am 07. Januar Serotonin in die Buchläden kam. Wieder ein echter Houellebecq, mit allem was dazu gehört: altbekannte, depressive Grundstimmung, ewig gleiches Alt-Männer-Gejammer, mit einer ordentlichen Portion Sexismus und Rassismus – so kennt man den immer mehr verwahrlosenden Kettenraucher. Selbst der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem mit seinem Themenmix. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art.

Verlag: DuMont
330 Seiten, 24,00 €

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Matthias Brandt – Blackbird

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Schauspieler meinen, auch noch ein Buch schreiben zu müssen? Ist das pure Hybris, einem übergroßem Ego geschuldet oder einfach nur kaufmännisch klever gedacht? Wie auch immer, nur selten kommt dabei was Vernünftiges raus. Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist Matthias Brandt.

Schon der Erzählband Raumpatrouille hat mir sehr gut gefallen, und sein erster Roman Blackbird steht dem in nichts nach. Beide Bücher habe ich regelrecht inhaliert und mich geärgert, dass sie nicht doppelt so dick waren. Das mag daran liegen, dass ich wie Brandt ein Babyboomer bin und es mir ein sentimentales Vergnügen bereitet, mit seinen Figuren zurück in die Siebziger zu reisen. Es ist aber in erster Linie die Lässigkeit, mit der Brandt seine Geschichte erzählt. Ohne auf Teufel komm raus cool, witzig und originell erscheinen zu wollen oder übertrieben literarisch und pathetisch.

Nein, das alles will Brandt nicht sein, und trotzdem ist sein erster Roman Blackbird all das, aber in genau dem richtigen Maß: cool und witzig, ein wenig pathetisch, unterhaltsam und  literarisch anspruchsvoll. Genretechnisch ein Coming-of-Age-Roman für Best Ager, vergleichbar mit Auerhaus und Tschik, doch hat mich Blackbird emotional wesentlich stärker gepackt. An manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich dann dazu entschieden, diesen Roman in allen Facetten einfach nur grandios zu finden.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
288 Seiten, 22,00 €

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Saša Stanišić – Herkunft

Eigentlich wollte ich den mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman nicht auf die Liste setzen. Denn nach wie vor finde ich es blöd, dass Stanišić dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert. Aber cooler wäre es gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Die Herkunft-Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „Ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man dem latenten Rassismus all derer, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln, sondern „ursprünglich“ herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Trotzdem: Was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage des Talents, das man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt Stanišić besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig.

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 22,00 €

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Friedemann Karig – Dschungel

Ich war nie in Kambodscha, und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig.

Karigs Themen sind Suche und Freundschaft. Klingt erstmal nicht besonders unique.  Doch wer es als Autor schafft, ein Allerweltsthema wie Freundschaft so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden Protagonisten persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an gemeinsame Jahre, die Entwicklung einer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt, ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

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Eugen Ruge – Metropol

Am Anfang hatte ich Probleme, reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann. Man erlebt, dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt gar nicht in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

Verlag: Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

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Norbert Scheuer – Winterbienen

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman auszeichnen. Zum einen ist es die Geschichte an sich; sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Der Routinier Nobert Scheuer führt seine Leser mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings.

Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Verlag: C.H. Beck
319 Seiten, 22,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Die besten Romane 2019 (Teil 1: Autorinnen)

Ich habe in diesem Jahr viele tolle Romane von Frauen gelesen. Hier meine sieben besten Bücher des Jahres:

Isabel Bogdan – Laufen 

Was mir aufgefallen ist: Schreiben ist gar nicht so viel anders als Laufen. Bei beidem gilt: einfach anfangen, alle Stop-Signale von Körper und Geist ignorieren und stur auf das tägliche Ziel zusteuern. Und irgendwann – man muss nur daran glauben – fällt all die Schwere von einem ab und es läuft. Auf der Straße, auf dem Papier.

Wer Isabel Bogdan auf Facebook abonniert hat, weiß, dass sie es beim Schreiben von „Laufen“ genauso gemacht hat. Hinsetzen, machen. Alles ausblenden, sich abschotten, fokussieren und durchbeißen. Ein Ziel haben und drauf losstürmen. Zweifel und Blockaden einfach wegschreiben. Ein ein aus aus aus. Nicht denken, nur atmen und schreiben. Luft wird bewegt, immer wieder rein und raus aus dem Körper. Und mit jedem Atemzug kommen schließlich die Sätze, kommen von ganz allein; ein Gedanke folgt dem nächsten und am Ende ist es vollbracht: ein 200-seitiger Bewusstseinsstrom, atemlos, wuchtig und voll mit den stärksten Emotionen am Markt: Liebe, Trauer, Ängste, Verzweiflung. Und damit es nicht nicht unerträglich wird, kommen irgendwann auch Hoffnung, Zuversicht und schlussendlich auch wieder Liebe dazu. The Circle of Life.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Spiegel Bestseller-Autorin mit ihrem zweiten Roman ein echtes literarisches Meisterstück gelungen ist. Ganz anders als ihr seichtes Schmunzel-Debüt, hat mich „Laufen“ tief bewegt. Ich war oft den Tränen nah, bin Seite für Seite atemlos mitgelaufen; immer wieder die Runde um die Außenalster, bis auch mir alles weh tat. Ein rauschhaftes Leseerlebnis, das man nur schwer beschreiben kann. Man muss schon selber laufen, äh… lesen.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
208 Seiten, 20,00 €

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Elena Ferrante – Tage des Verlassenwerdens

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Ferrante-Fan, und ich steh dazu. Doch das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren gehörte auch ich zu denen, die den aufkommenden Hype mit Kopfschütteln und verschränkten Armen verweigerten. Aber über den Umweg Hörbuch hat mich das #ferrantefever dann doch noch gepackt und seither bin ich infiziert. Und dieser Roman hier, von dem ich gar nicht weiß, ob er jetzt ein Früh- oder Spätwerk ist, vor oder nach der neapolitanischen Saga geschrieben wurde, hat mich noch mal mehr in meinem Urteil bestätigt. Elena Ferrante ist eine der ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit und für mich persönlich die Autorin, die mir die weibliche Sichtweise auf die kleinen und großen Dinge im Leben bisher am eindringlichsten und sympathischsten vermittelt hat.

Und während ich das schreibe, frage ich mich, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, von einer weiblichen Sichtweise zu sprechen. Gerade Ferrante bricht in ihren Romanen doch immer wieder mit dem traditionellen Frauenbild der warmherzigen, Pasta kochenden Mama. Auch in diesem Roman ist die Protagonistin Olga, die von ihrem Mann für eine zwanzig Jahre jüngere Frau verlassen wird, alles andere als warmherzig, sondern einfach nur enttäuscht, wütend und verzweifelt. Und wie tief man in so einer Situation fallen kann, wie egal einem alles wird, selbst die eigenen Kinder, das vermittelt einem Ferrante mit solch einer eindringlichen Kraft, dass es einen beim Lesen nahezu umhaut. Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil ich die beklemmende Stimmung kaum ertragen konnte. Keine zwei Minuten später hatte ich es wieder in der Hand und las weiter. Ein zutiefst verstörender Roman, der von einigen jungen Rezensenten als übertrieben und grenzüberschreitend bezeichnet wurde. Ich dagegen finde dieses Buch einfach nur grandios, weil es so mutig und kompromisslos ehrlich ist.

Verlag: Suhrkamp
252 Seiten, 22,00 €

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Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Ich glaube, ich bin einer der wenigen Männer in meinem Umfeld (online und offline sowieso), die dieses Buch gelesen haben. Denn Titel, Aufmachung und Inhalt erwecken den Eindruck, dass es sich hier um ein typisches Frauenbuch handelt. Das wird nochmals verstärkt, wenn im Buchhandel Daniela Kriens blumig gestalteter Vorgängerroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ direkt daneben liegt. Aber weit gefehlt.

Denn obwohl es in den fünf geschilderten Frauenschicksalen dieses Romans immer wieder um die Liebe an sich und die verschiedenste Arten, an ihr zu scheitern geht, ist dies alles andere als ein herkömmlicher Liebesroman. Und das allein schon deshalb, weil nichts an diesen Geschichten trivial ist. Keine Klischees, keine Plattitüden, keine Allerwelts-Figuren, sondern starke und interessante Frauencharaktere, die eigentlich nichts gemeinsam haben, außer sich überschneidende Lebenslinien. Beim Lesen habe ich mich nacheinander in jede einzelne dieser fünf Frauen verliebt. In die traurige Paula genauso wie in die einsame Judith, die anstrengende Brida, die weiche Malika und auch die erfolgreiche Jorinde. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, ich habe mit ihnen gelacht und gelitten, und doch weiß ich ganz genau: Auch ich hätte sie als Mann nicht wirklich glücklich gemacht.

Verlag: Diogenes
288 Seiten, 22,00 €

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Karen Köhler – Miroloi

Wer bei Miroloi erwartet hat, einen feministischen Roman zu lesen, wird zweifellos enttäuscht sein. Ich weiß gar nicht, woher diese vielfach geäußerte Erwartungshaltung kommt, aber es ist definitiv kein feministisches Buch. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es in Miroloi um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich selbst nicht verliert.

Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Und ist der Schalter erst einmal umgelegt, dann packt es einen mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

Verlag: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

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Katja Oskamp – Marzahn, mon Amour

Ohne meine kleine literarische Online-Blase, wäre dieses wunderbare Buch wohl komplett an mir vorbeigegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil alle sechs Monate so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es doch so viele andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt.

Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

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Leila Slimani – All das zu verlieren

Und natürlich darf Leila Slimani mit ihrem neuesten Roman in dieser Liste nicht fehlen. Denn diese Autorin hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Wie schon beim Vorgängertitel hat man nach der Lektüre  auch dieses Romans das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück.

Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin.

Verlag: Luchterhand
224 Seiten, 22,00 €

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Sibylle Berg – GRM: Brainfuck.

Sibylle Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Karen Köhler – Miroloi

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Ich habe bei diesem Buch nahezu alle Phasen durchgemacht – alles, was man als Leser so empfinden kann. Es begann mit Warten. Fünf lange Jahre mussten sich ihre Fans, zu denen auch ich gehöre, gedulden. Ich fragte mich: Was macht sie nur so lange? Warum kommt da nichts nach? Hat der Erfolg ihres Erstlings sie schreibblockiert? War der Druck zu groß? Sollte „Wir haben Raketen geangelt“ tatsächlich nur ein One-Hit-Wonder bleiben? Dann im Frühjahr die erlösende Nachricht und ab sofort große Vorfreude: Im Sommer kommt was Neues. Keine Stories, sondern diesmal die Königsdisziplin: ein Roman. Und nicht irgendeiner sollte es sein, sondern ein großer Wurf, einer, für den sich das Warten lohnt. Ein immer wieder aktuelles Thema, eine starke Botschaft, ein ganz besonderes Setting und das alles im unnachahmlichen Köhler-Style. Ja! Klingt gut. Will ich haben. Sofort.

Dann war endlich Sommer, der Roman da und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich ihn überhaupt noch lesen wollte. Zuviel Timeline-Präsenz, zu viel Applaus von zweifelhafter Seite, zu viel Schmusi-Busi für die wunderbare Karen Köhler. So ein Hype weckt sofort den „grumpy man“ in mir. Ich kann nichts dafür, es ist fast schon eine Art Reflex. Ich verschränke die Arme vor der Brust und sage: nein. Ich verkrampfe und verweigere mich, will auf gar keinen Fall zur Jubelmasse dazugehören. Kindisch, ich weiß. Aber wem soll ich hier was vormachen?

Und dann kam auch noch Deutschlandfunk-Redakteur Jan Drees. Zunächst mit der Entdeckung eines simplem Grammatikfehlers, irgendwas war falsch dekliniert, dann mit der Frage, warum sich die Literaturkritik überhaupt mit einem Werk auseinandersetzt, das eindeutig keine gehobene Literatur, sondern allenfalls bessere Unterhaltung oder sogar nur ein Jugendroman ist. Andere schlossen sich ihm an und schon war auch der zweite Hanser-Spitzentitel des Jahres vom Feuilleton zum Abschuss freigegeben. Dachte ich, aber bevor es richtig losgehen konnte, kam die Longlist-Platzierung der Buchpreis-Jury für Miroloi und merkwürdigerweise beruhigten sich die Gemüter sofort wieder. Noch nicht mal der eine Blog, der normalerweise genüsslich auf jeden noch so mickrigen Debatten-Zug aufspringt, stieg hier mit ein. Vielleicht ja aus Respekt vor dem Preis, aber wer hat in dieser Branche schon Respekt vor einem Preis?

So kam es, dass ich nun doch das Verlangen verspürte, dieses Buch unbedingt lesen zu wollen. Aus alter Sympathie, neu geweckter Neugierde, aus Respekt vor dem Preis und natürlich, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Und selbstverständlich war ich nicht unvoreingenommen. Als zweifelnder Fan, fast schon Ex-Fan bin ich eingestiegen und habe natürlich auch auf fast jeder Seite etwas gefunden, was mir nicht gefallen hat. Eine schräge Metapher, Sätze mit einem Tacken zu viel an Emotion, der bereits entdeckte Grammatikfehler, ein etwas zu naiver Kinderdialog, der Gebrauch der dritten Person Plural im Sinne von „die da oben“. Aber ich hab trotzdem immer weiter gelesen, bis ich an eine Stelle kam, wo ich beinahe ausgestiegen wäre. Und zwar als es in der 45. Strophe zwischen dem Bethausschüler Yael und der namenlosen Protagonistin intim wurde. Das war so ein klassischer Fremdschämmoment. Die Sex-Szene ist so uuuh… ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll. Das Wording ist jedenfalls so gar nicht meins. Wenn eine Frau in intimen Situationen so sprechen würde, wäre bei mir sofort tote Hose.

Aber das soll es mit der Kritik auch schon gewesen sein. Kommen wir dazu, was mir an diesem Roman richtig gut gefallen hat. Und das ist eine ganze Menge. Auf dem Blog Fuxbooks habe ich eine sehr treffende Formulierung gefunden: Die Bloggerin Anne Sauer hat sich trotz mehrfach  hochgezogener Augenbrauen irgendwann entschieden, diesen Roman einfach zu mögen. Genau so habe ich es auch gemacht. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das konnte, dass mich ein sehr weibliches Buch, wie es Miroloi ohne Frage ist – und ich sage nicht Frauenbuch – dass mich das erreicht und etwas in meiner männlichen Seele zum klingen gebracht hat.

Wenn ich das Werk in Gänze betrachte, dann schaue ich auf einen ganz großen, beeindruckenden Roman, bei dem es in meinen Augen nicht um eine wie auch immer geartete Form von Feminismus geht, wie häufig behauptet. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es hier um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich nicht verliert. Aber unter dem Label ‚Feminismus‘ verkauft sich so ein Roman natürlich viel besser.

Lassen wir die bereits erwähnten Nickeligkeiten beiseite, die falschen Deklinationen, die dritte Person Plural und die missglückten Sex-Szenen. Was am Ende bleibt, ist ein literarische Werk, das mich zu einem noch größeren Karen Köhler-Fan hat werden lassen. Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Muss ich jetzt noch sagen, worum es in dem Buch überhaupt geht? Wer es unbedingt wissen will, findet genügend Inhaltsangaben im Netz. Lieber möchte ich noch etwas über die Sprache sagen, mit der ich anfänglich auch meine Schwierigkeiten hatte. Zu effektheischend, zu metaphorisch, zu durchgetaktet. Doch dann packt es einen auf einmal mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

Verlag Hörbuch: tacheles! / Roof Music
Sprecherin: Karen Köhler, 11 h, 12 min

 

Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

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Meine halbe Kindheit habe ich mit Warten verbracht. Auf den Beginn der Ferien, auf Geburtstage und Weihnachten, auf die Rückgabe der Mathearbeit, für die ich so viel gelernt habe, auf ein Bonanza-Rad. Später dann auf das erste Mofa und den Führerschein. Viel hat sich seitdem verändert, aber das Warten ist geblieben. Tagein, tagaus warte ich noch immer auf irgendwas. Es sind keine großen Dinge mehr und erst recht keine Geburtstage, die ich herbeisehne. Stattdessen lauter Kleinigkeiten. Dinge die einem Mann in meinem Alter Freude machen. Wenn es Sonntags mal wieder Rouladen gibt, morgens aufzustehen ohne Rückenschmerzen und zwei mal im Jahr Buchmesse mit den Bloggerfreunden.

Auch Jan Peter Bremers Protagonisten, der alternde Maler Günter Greilach und seine Frau Natascha, verbringen ihr Leben mit Warten. Doch was sie herbeisehnen, ist weit mehr als nur ein Sonntagsbraten, auch wenn es sich ähnlich profan anhört. Sie warten auf Besuch. Doch der, auf den sie warten, ist kein x-Beliebiger, weder Freund noch Familie, sondern ein junger Doktorand, den sie noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben, dessen Kommen sie aber seit mehr als zwei Jahren sehnsüchtig und hoffnungsvoll erwarten. Sehnsüchtig, weil sein Besuch per Postkarte immer wieder verschoben wird. Mal, weil der junge Doktorand in Spanien vom Pferd gefallen ist, im Krankenhaus eine Krankenschwester kennengelernt und spontan geheiratet hat, mal, weil seine junge Ehefrau urplötzlich verstorben ist. Hoffnungsvoll, weil dieser Besuch    Recherchezwecken für eine größere akademische Arbeit über das künstlerische Werk des Hausherren Greilach dient.

Die Postkarten, mit denen sie vertröstet werden, lassen das Bild des erwarteten Gasts in immer schillernderen Farben erscheinen. Besonders in Natascha Greilachs Vorstellung nimmt der junge Doktorand immer konkretere Züge an und ist am Ende ein sportlicher Womanizer, dem weder spanische Krankenschwestern noch deutsche Hausfrauen widerstehen können. Ihr Mann dagegen erwartet einen jungen, talentierten Kenner des Kunstbetriebes, dessen Geschmack und Expertise allein dadurch schon belegt ist, weil er sich intensiv mit dem Werk von Günter Greilach beschäftigt hat.

Und so sitzen die beiden Eheleute in ihrer umgebauten Wassermühle auf dem Lande und warten, nähren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, bis es eines Abends an der Tür klingelt und er endlich da ist. Ganz anders als erwartet, besonders in Nataschas Augen. Kein Latin Lover, sondern aufgeschwemmt und kettenrauchend steht er da, der junge Doktorand. Und doch ist das völlig nebensächlich, denn er ist endlich eingetroffen. Und nur das zählt. Mit offenen Armen wird er empfangen, von ihr und von ihm. Und schon geht es los, das Hick-Hack um den größeren Anteil an Quality Time mit dem Sehnsuchtsgast.

Mehr will ich vom Plot gar nicht erzählen. Dass der junge Doktorand sich als herbe Enttäuschung entpuppt und weder Nataschas Sehnsüchten noch Günters Hoffnungen entspricht, kann man sich vielleicht denken. Doch diese Vorhersehbarkeit schmälert in keinster Weise das Lesevergnügen an dieser kleinen „Gesellschaftsparabel über unser allgegenwärtiges Bedürfnis, gesehen zu werden“, wie es auf dem Backcover heisst.

Jan Peter Bremer hat einen sehr eigenen, mit feinsinnigem Humor durchwebten Erzählstil und ist ein wahrer Meister der Dialoge. Die Streitereien zwischen Natascha und Günter sind so lebendig und einfühlsam geschildert, als streite man als Leser mit. Ich hätte mir am Ende noch ein wenig mehr als die 176 großzügig formatierten Seiten gewünscht, Aber nur, weil mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat. Gefehlt hat mir an der Geschichte nichts, und meiner Meinung nach ist dieser Roman vollkommen zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet.

Auch wenn es vielleicht etwas weit hergeholt ist, musste ich beim Lesen immer wieder an Wladimir und Estragon denken, die beiden Landstreicher, die in Samuel Becketts berühmtem Bühnenstück auf Godot warten. Ich weiß nicht so recht, um was es Jan Peter Bremer bei diesem Roman wirklich geht. Um das Bedürfnis, gesehen zu werden, als Mensch Bedeutung zu bekommen, weil sich Dritte mit einem beschäftigen, oder tatsächlich nur um das Warten? Dieser Zustand, in dem  noch nichts entschieden, alles noch möglich ist, Sehnsüchte und Hoffnungen noch nicht ad acta gelegt sind. Ich frage mich, ob es nicht sogar lebensnotwendig ist, immer irgendetwas zu haben, auf das man Warten kann. Sei es ein Sonntagsbraten, ein junger Doktorand oder die Verkündung der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit oder ohne Jan Peter Bremer.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
176 Seiten, 20 Euro

 

Die Guten ins Köpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen

Gesammelte Kurzrezensionen. JETZT NEU: mit Sternchen-Bewertungen

 

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Familienromane sind momentan wieder der neue heiße Scheiß im Buchmarkt. Noch heißer und angesagter sind nur noch Familiengeschichten, die nicht dem klassischen Rollenbild entsprechen. So wie im Debüt von Miku Sophie Kühmel, mit dem sie aus dem Stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Die Protagonisten dieses kleinen Familienromans sind ein mittelaltes schwules Paar, der eine Hochschulprofessor, der andere Künstler. In der Abgeschiedenheit eines Brandenburger Ferienhauses am See wird ihnen von der Autorin ein alleinerziehender bisexueller Pianist und seine mittlerweile erwachsene Hetero-Tochter hinzu gesellt. Fertig ist ein kompliziertes Wochenend-Szenario-Beziehungsflecht der queeren Art. Kühmel macht das gut, hat einen sehr souveränen Erzählstil, gibt den vier Personen genügend Raum, sich zu entfalten.

Doch man muss sich schon auf dieses sehr enge Beziehungsspiel einlassen, denn außer den Verflechtungen der vier handelnden Personen untereinander, Liebe und Leid, Rückblicke auf glänzende Erfolge und solide Bodenständigkeit, Spannungen und Beziehungsbrüchen, passiert auf den knapp dreihundert Seiten nicht viel. Literarisch ist das ohne Frage auf einem hohem Niveau, aber mich hat die Lektüre stellenweise doch sehr gelangweilt, so dass ich die letzten hundert Seiten nur noch que(e)r gelesen habe. Genau das passiert mir bei Buchpreis-Kandidaten sehr häufig, und daher könnte ich mir vorstellen, dass der Roman beim dbp sehr gute Chancen hat, eine Runde weiter zu kommen.

3,5 von 5 Sternen

Dana von Suffrin – Otto

Hier haben wir den klassischen Fall eines Buches, das fulminant startet, irgendwann in der Mitte stark nachlässt und am Ende in quälenden Erzählschleifen ausplätschert. So zumindest habe ich die Lektüre dieses Debütromans empfunden, der – wie soll es auch momentan anders sein – eine Familiengeschichte erzählt. Auch hier steht keine klassische deutsche Durchschnittsfamilie, sondern eine mit Migrationshintergrund und jüdischem Glauben im Mittelpunkt. Ein manipulativ despotischer Patriarch, der seit Jahren im Sterben liegt, sich aber immer wieder aufrafft und das Leben seiner Töchter beschwert. Am Anfang fand ich das Setting ganz spannend und auch die Vita des aus Siebenbürgen stammenden Juden Otto hat mich interessiert. Die Art, wie er seine Töchter in die Pflicht nimmt, dieses Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche; sein Geiz, seine Wehleidigkeit, der Stolz, die Arroganz und auf der anderen Seite der Familiensinn und die Liebe zu seiner Lieblingstochter. Das alles wird auf den ersten hundert Seiten sehr schön skizziert, so dass man Lust auf mehr davon bekommt. Aber dann fängt von Sufrin an, in vielen assoziativen Rückblenden die Familiengeschichte nachzuerzählen, und ab da verliert der Roman massiv, wird zäh und langweilig. Auch hier habe ich auf den letzten fünfzig Seiten nur noch hier und und da einen Absatz gelesen und habe das Buch am Ende schwer enttäuscht zur Seite gelegt.

3 von 5 Sternen

Charles Lewinsky – Der Stotterer

Ich habe sehr gerne den Vorgängerroman Kastelau gelesen. Ein Buch, das ich noch in guter Erinnerung habe. Eins aus der Rubrik anspruchsvolle Unterhaltung. Das habe ich auch hier erwartet – auch wegen Diogenes – und wurde leider enttäuscht. Was ich bekam, war eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte, einfallslos an einer sehr naheliegenden Idee entlang konstruiert. Alles wirkt so, als wenn Lewinsky Wochen nach einer Idee für den nächsten Roman gesucht hat und nach diversen Brainstorming-Sitzungen endlich den ultimativen Einfall hatte. Warum nicht eine Geschichte über jemanden schreiben, der nicht gut sprechen kann – weil Stotterer – aber dafür umso besser schreiben? Gibt es das eigentlich schon? Nein? Na, dann mal los. Was braucht man dafür? Einen Protagonisten mit einer schweren Kindheit, Missbrauch, religiösen Fanatismus; egal, Hauptsache ein ordentlich hartes Schicksal, das einen natürlich irgendwann ins Gefängnis bringt. Denn jeder weiß: Hast du erstmal Scheiße am Schuh, wirst du das so schnell nicht mehr los. Und so schreibt er sich einen zurecht. Der Protagonist im Roman sowie Lewinsky. Und weder dem einen noch dem anderen gelingt es, mich mit seinem Geschreibsel zu überzeugen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man für einen Roman über jemanden, der besonders gut schreiben kann, auch selber besonders gut schreiben können sollte.

2 von 5 Sternen

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commandatore Teil 2. Eine Metapher wandelt sich.

Eigentlich diskutiere ich ja nicht über Murakami. Ich habe gelernt, dass das nichts bringt, denn entweder ist man Fan oder eben nicht. Diesen Autor kannst du nicht schön reden. Wenn einer das, was ich beim Lesen seiner Werke empfinde, nicht auch nur ansatzweise fühlt, dann kannst du dir alle Argumente sparen. Das ist wie Musik. Entweder sie gefällt, geht in den Bauch, trifft dich ins Herz, bringt etwas in dir zum Klingen, oder eben nicht. Mir ist Murakami vor vielen Jahren in einer schwierigen Lebensphase zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Ich fühlte mich verstanden, seine Romane haben mich aufgefangen, mir Trost gegeben. Und seither ist er einer meiner Helden, auf den ich eigentlich nichts kommen lasse. Doch nach den beiden Bänden vom Commandatore muss ich leider sagen, dass ich etwas ernüchtert bin. Den ersten Teil habe ich noch klassisch gelesen, Band 2 dann als Hörbuch gehört. Und beim Hören sind mir auf einmal Dinge aufgefallen, die ich beim Lesen so noch nie wahrgenommen habe. Beispielsweise äußerst naive Satzkonstruktionen, nervige Wiederholungen und ein Plot auf Kindergartenniveau. Und plötzlich bin ich sehr verunsichert. Das Denkmal steht schief auf dem Sockel, und ich kann mich gar nicht lassen, fühle mich irgendwie illoyal und undankbar. Ich schlage vor, wir lassen das einfach mal so stehen und warten auf das nächste Buch.

3 von 5 Sternen

Leila Slimani – All das zu verlieren

Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, so wie auch schon der Vorgängerroman von Leila Slimani. Sie hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Am Ende ihrer Romane hat man stets das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück. Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin!

4,5 von 5 Sternen

 

Colson Whitehead – Die Nickel Boys

Ich finde es gut, wenn ein Autor sein Thema gefunden hat. Man kann sich als Leser einstellen, weiß was einen erwartet, erlebt keine bösen Überraschungen. Colson Whiteheads Thema ist die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA: Sklaverei, Unterdrückung und Alltagsrassismus. Nach „John Henry Days“ und „Underground Railroad“ ist dies der dritte Roman, den ich von Whitehead gelesen habe. Und wieder ist es eine ans Herz gehende Geschichte, fiktiv, mit erfundenen Charakteren, aber nach einer wahren Begebenheit. Das Nickel, eine Besserungsanstalt für Jungen, in denen insbesondere die farbigen Jungs misshandelt und auch getötet wurden, hat es tatsächlich in den USA gegeben. Erzählt wird die Geschichte von Elwood, einem intelligenten und eigentlich kreuzbraven Jungen, der beim Trampen in den falschen Wagen eingestiegen ist und als Autodieb im Nickel landete. Es gibt zahlreiche Zeitsprünge und unterschiedlich interessante Einzelschicksale, die den Erzählfluss etwas zäh gestalten, aber insgesamt ist dies wieder ein sehr empfehlenswerter Roman des routiniertesten Chronisten der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

3,5 von 5 Sternen

 

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success

Ja, so sind sie wohl – die Amerikaner. Gary Shteyngart gelingt in seiner derzeit vielbeachteten Investmentbanker-Road-Novel ein wunderbar vielschichtiges und aktuelles Psychogram einer gespaltenen Nation. Hier die Kapitalisten, Materialisten, Trumpisten und Hedonisten und auf der anderen Seite die, die daran nicht teilhaben können, wollen oder andere Ziele im Leben verfolgen. Viel scheint sich nicht verändert zu haben. Als ich in den Achtzigern mal zwei Monate drüben war und wie Barry Cohen, der Held dieses Romans, auch viel mit dem Greyhound gereist bin, habe ich es ähnlich empfunden. Ich habe sehr aufgeschlossene, weltoffene, aber auch sehr oberflächliche und bornierte Menschen kennengelernt, unvorstellbaren Reichtum und schockierende Armut gesehen, inspirierende Multi-Kulti-Viertel kennengelernt und dann wieder Ghettos, die man als Weißer besser nicht betritt.

An all das musste ich denken, während ich Barry Cohen, dem tragischen Helden von „Willkommen in Lake Success“, auf seiner Reise, bzw. Flucht durch die USA lesend begleitete. Und dass Barry nach all den Erlebnissen am Ende kein anderer Mensch und keinen Deut besser geworden ist, sondern diese Episode in seinem Leben nur benutzt, um lediglich so zu tun als ob, ist nicht nur bitterböse, sondern in meinen Augen auch typisch amerikanisch. Fazit: ein großer und gleichzeitig großartiger Amerika-Roman, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann.

4 von 5 Sternen

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Foto: Gabriele LugerContinue Reading