Karen Köhler – Miroloi

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Ich habe bei diesem Buch nahezu alle Phasen durchgemacht – alles, was man als Leser so empfinden kann. Es begann mit Warten. Fünf lange Jahre mussten sich ihre Fans, zu denen auch ich gehöre, gedulden. Ich fragte mich: Was macht sie nur so lange? Warum kommt da nichts nach? Hat der Erfolg ihres Erstlings sie schreibblockiert? War der Druck zu groß? Sollte „Wir haben Raketen geangelt“ tatsächlich nur ein One-Hit-Wonder bleiben? Dann im Frühjahr die erlösende Nachricht und ab sofort große Vorfreude: Im Sommer kommt was Neues. Keine Stories, sondern diesmal die Königsdisziplin: ein Roman. Und nicht irgendeiner sollte es sein, sondern ein großer Wurf, einer, für den sich das Warten lohnt. Ein immer wieder aktuelles Thema, eine starke Botschaft, ein ganz besonderes Setting und das alles im unnachahmlichen Köhler-Style. Ja! Klingt gut. Will ich haben. Sofort.

Dann war endlich Sommer, der Roman da und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich ihn überhaupt noch lesen wollte. Zuviel Timeline-Präsenz, zu viel Applaus von zweifelhafter Seite, zu viel Schmusi-Busi für die wunderbare Karen Köhler. So ein Hype weckt sofort den „grumpy man“ in mir. Ich kann nichts dafür, es ist fast schon eine Art Reflex. Ich verschränke die Arme vor der Brust und sage: nein. Ich verkrampfe und verweigere mich, will auf gar keinen Fall zur Jubelmasse dazugehören. Kindisch, ich weiß. Aber wem soll ich hier was vormachen?

Und dann kam auch noch Deutschlandfunk-Redakteur Jan Drees. Zunächst mit der Entdeckung eines simplem Grammatikfehlers, irgendwas war falsch dekliniert, dann mit der Frage, warum sich die Literaturkritik überhaupt mit einem Werk auseinandersetzt, das eindeutig keine gehobene Literatur, sondern allenfalls bessere Unterhaltung oder sogar nur ein Jugendroman ist. Andere schlossen sich ihm an und schon war auch der zweite Hanser-Spitzentitel des Jahres vom Feuilleton zum Abschuss freigegeben. Dachte ich, aber bevor es richtig losgehen konnte, kam die Longlist-Platzierung der Buchpreis-Jury für Miroloi und merkwürdigerweise beruhigten sich die Gemüter sofort wieder. Noch nicht mal der eine Blog, der normalerweise genüsslich auf jeden noch so mickrigen Debatten-Zug aufspringt, stieg hier mit ein. Vielleicht ja aus Respekt vor dem Preis, aber wer hat in dieser Branche schon Respekt vor einem Preis?

So kam es, dass ich nun doch das Verlangen verspürte, dieses Buch unbedingt lesen zu wollen. Aus alter Sympathie, neu geweckter Neugierde, aus Respekt vor dem Preis und natürlich, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Und selbstverständlich war ich nicht unvoreingenommen. Als zweifelnder Fan, fast schon Ex-Fan bin ich eingestiegen und habe natürlich auch auf fast jeder Seite etwas gefunden, was mir nicht gefallen hat. Eine schräge Metapher, Sätze mit einem Tacken zu viel an Emotion, der bereits entdeckte Grammatikfehler, ein etwas zu naiver Kinderdialog, der Gebrauch der dritten Person Plural im Sinne von „die da oben“. Aber ich hab trotzdem immer weiter gelesen, bis ich an eine Stelle kam, wo ich beinahe ausgestiegen wäre. Und zwar als es in der 45. Strophe zwischen dem Bethausschüler Yael und der namenlosen Protagonistin intim wurde. Das war so ein klassischer Fremdschämmoment. Die Sex-Szene ist so uuuh… ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll. Das Wording ist jedenfalls so gar nicht meins. Wenn eine Frau in intimen Situationen so sprechen würde, wäre bei mir sofort tote Hose.

Aber das soll es mit der Kritik auch schon gewesen sein. Kommen wir dazu, was mir an diesem Roman richtig gut gefallen hat. Und das ist eine ganze Menge. Auf dem Blog Fuxbooks habe ich eine sehr treffende Formulierung gefunden: Die Bloggerin Anne Sauer hat sich trotz mehrfach  hochgezogener Augenbrauen irgendwann entschieden, diesen Roman einfach zu mögen. Genau so habe ich es auch gemacht. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das konnte, dass mich ein sehr weibliches Buch, wie es Miroloi ohne Frage ist – und ich sage nicht Frauenbuch – dass mich das erreicht und etwas in meiner männlichen Seele zum klingen gebracht hat.

Wenn ich das Werk in Gänze betrachte, dann schaue ich auf einen ganz großen, beeindruckenden Roman, bei dem es in meinen Augen nicht um eine wie auch immer geartete Form von Feminismus geht, wie häufig behauptet. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es hier um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich nicht verliert. Aber unter dem Label ‚Feminismus‘ verkauft sich so ein Roman natürlich viel besser.

Lassen wir die bereits erwähnten Nickeligkeiten beiseite, die falschen Deklinationen, die dritte Person Plural und die missglückten Sex-Szenen. Was am Ende bleibt, ist ein literarische Werk, das mich zu einem noch größeren Karen Köhler-Fan hat werden lassen. Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Muss ich jetzt noch sagen, worum es in dem Buch überhaupt geht? Wer es unbedingt wissen will, findet genügend Inhaltsangaben im Netz. Lieber möchte ich noch etwas über die Sprache sagen, mit der ich anfänglich auch meine Schwierigkeiten hatte. Zu effektheischend, zu metaphorisch, zu durchgetaktet. Doch dann packt es einen auf einmal mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

Verlag Hörbuch: tacheles! / Roof Music
Sprecherin: Karen Köhler, 11 h, 12 min

 

Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

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Meine halbe Kindheit habe ich mit Warten verbracht. Auf den Beginn der Ferien, auf Geburtstage und Weihnachten, auf die Rückgabe der Mathearbeit, für die ich so viel gelernt habe, auf ein Bonanza-Rad. Später dann auf das erste Mofa und den Führerschein. Viel hat sich seitdem verändert, aber das Warten ist geblieben. Tagein, tagaus warte ich noch immer auf irgendwas. Es sind keine großen Dinge mehr und erst recht keine Geburtstage, die ich herbeisehne. Stattdessen lauter Kleinigkeiten. Dinge die einem Mann in meinem Alter Freude machen. Wenn es Sonntags mal wieder Rouladen gibt, morgens aufzustehen ohne Rückenschmerzen und zwei mal im Jahr Buchmesse mit den Bloggerfreunden.

Auch Jan Peter Bremers Protagonisten, der alternde Maler Günter Greilach und seine Frau Natascha, verbringen ihr Leben mit Warten. Doch was sie herbeisehnen, ist weit mehr als nur ein Sonntagsbraten, auch wenn es sich ähnlich profan anhört. Sie warten auf Besuch. Doch der, auf den sie warten, ist kein x-Beliebiger, weder Freund noch Familie, sondern ein junger Doktorand, den sie noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben, dessen Kommen sie aber seit mehr als zwei Jahren sehnsüchtig und hoffnungsvoll erwarten. Sehnsüchtig, weil sein Besuch per Postkarte immer wieder verschoben wird. Mal, weil der junge Doktorand in Spanien vom Pferd gefallen ist, im Krankenhaus eine Krankenschwester kennengelernt und spontan geheiratet hat, mal, weil seine junge Ehefrau urplötzlich verstorben ist. Hoffnungsvoll, weil dieser Besuch    Recherchezwecken für eine größere akademische Arbeit über das künstlerische Werk des Hausherren Greilach dient.

Die Postkarten, mit denen sie vertröstet werden, lassen das Bild des erwarteten Gasts in immer schillernderen Farben erscheinen. Besonders in Natascha Greilachs Vorstellung nimmt der junge Doktorand immer konkretere Züge an und ist am Ende ein sportlicher Womanizer, dem weder spanische Krankenschwestern noch deutsche Hausfrauen widerstehen können. Ihr Mann dagegen erwartet einen jungen, talentierten Kenner des Kunstbetriebes, dessen Geschmack und Expertise allein dadurch schon belegt ist, weil er sich intensiv mit dem Werk von Günter Greilach beschäftigt hat.

Und so sitzen die beiden Eheleute in ihrer umgebauten Wassermühle auf dem Lande und warten, nähren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, bis es eines Abends an der Tür klingelt und er endlich da ist. Ganz anders als erwartet, besonders in Nataschas Augen. Kein Latin Lover, sondern aufgeschwemmt und kettenrauchend steht er da, der junge Doktorand. Und doch ist das völlig nebensächlich, denn er ist endlich eingetroffen. Und nur das zählt. Mit offenen Armen wird er empfangen, von ihr und von ihm. Und schon geht es los, das Hick-Hack um den größeren Anteil an Quality Time mit dem Sehnsuchtsgast.

Mehr will ich vom Plot gar nicht erzählen. Dass der junge Doktorand sich als herbe Enttäuschung entpuppt und weder Nataschas Sehnsüchten noch Günters Hoffnungen entspricht, kann man sich vielleicht denken. Doch diese Vorhersehbarkeit schmälert in keinster Weise das Lesevergnügen an dieser kleinen „Gesellschaftsparabel über unser allgegenwärtiges Bedürfnis, gesehen zu werden“, wie es auf dem Backcover heisst.

Jan Peter Bremer hat einen sehr eigenen, mit feinsinnigem Humor durchwebten Erzählstil und ist ein wahrer Meister der Dialoge. Die Streitereien zwischen Natascha und Günter sind so lebendig und einfühlsam geschildert, als streite man als Leser mit. Ich hätte mir am Ende noch ein wenig mehr als die 176 großzügig formatierten Seiten gewünscht, Aber nur, weil mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat. Gefehlt hat mir an der Geschichte nichts, und meiner Meinung nach ist dieser Roman vollkommen zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet.

Auch wenn es vielleicht etwas weit hergeholt ist, musste ich beim Lesen immer wieder an Wladimir und Estragon denken, die beiden Landstreicher, die in Samuel Becketts berühmtem Bühnenstück auf Godot warten. Ich weiß nicht so recht, um was es Jan Peter Bremer bei diesem Roman wirklich geht. Um das Bedürfnis, gesehen zu werden, als Mensch Bedeutung zu bekommen, weil sich Dritte mit einem beschäftigen, oder tatsächlich nur um das Warten? Dieser Zustand, in dem  noch nichts entschieden, alles noch möglich ist, Sehnsüchte und Hoffnungen noch nicht ad acta gelegt sind. Ich frage mich, ob es nicht sogar lebensnotwendig ist, immer irgendetwas zu haben, auf das man Warten kann. Sei es ein Sonntagsbraten, ein junger Doktorand oder die Verkündung der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit oder ohne Jan Peter Bremer.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
176 Seiten, 20 Euro

 

Die Guten ins Köpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen

Gesammelte Kurzrezensionen. JETZT NEU: mit Sternchen-Bewertungen

 

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Familienromane sind momentan wieder der neue heiße Scheiß im Buchmarkt. Noch heißer und angesagter sind nur noch Familiengeschichten, die nicht dem klassischen Rollenbild entsprechen. So wie im Debüt von Miku Sophie Kühmel, mit dem sie aus dem Stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Die Protagonisten dieses kleinen Familienromans sind ein mittelaltes schwules Paar, der eine Hochschulprofessor, der andere Künstler. In der Abgeschiedenheit eines Brandenburger Ferienhauses am See wird ihnen von der Autorin ein alleinerziehender bisexueller Pianist und seine mittlerweile erwachsene Hetero-Tochter hinzu gesellt. Fertig ist ein kompliziertes Wochenend-Szenario-Beziehungsflecht der queeren Art. Kühmel macht das gut, hat einen sehr souveränen Erzählstil, gibt den vier Personen genügend Raum, sich zu entfalten.

Doch man muss sich schon auf dieses sehr enge Beziehungsspiel einlassen, denn außer den Verflechtungen der vier handelnden Personen untereinander, Liebe und Leid, Rückblicke auf glänzende Erfolge und solide Bodenständigkeit, Spannungen und Beziehungsbrüchen, passiert auf den knapp dreihundert Seiten nicht viel. Literarisch ist das ohne Frage auf einem hohem Niveau, aber mich hat die Lektüre stellenweise doch sehr gelangweilt, so dass ich die letzten hundert Seiten nur noch que(e)r gelesen habe. Genau das passiert mir bei Buchpreis-Kandidaten sehr häufig, und daher könnte ich mir vorstellen, dass der Roman beim dbp sehr gute Chancen hat, eine Runde weiter zu kommen.

3,5 von 5 Sternen

Dana von Suffrin – Otto

Hier haben wir den klassischen Fall eines Buches, das fulminant startet, irgendwann in der Mitte stark nachlässt und am Ende in quälenden Erzählschleifen ausplätschert. So zumindest habe ich die Lektüre dieses Debütromans empfunden, der – wie soll es auch momentan anders sein – eine Familiengeschichte erzählt. Auch hier steht keine klassische deutsche Durchschnittsfamilie, sondern eine mit Migrationshintergrund und jüdischem Glauben im Mittelpunkt. Ein manipulativ despotischer Patriarch, der seit Jahren im Sterben liegt, sich aber immer wieder aufrafft und das Leben seiner Töchter beschwert. Am Anfang fand ich das Setting ganz spannend und auch die Vita des aus Siebenbürgen stammenden Juden Otto hat mich interessiert. Die Art, wie er seine Töchter in die Pflicht nimmt, dieses Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche; sein Geiz, seine Wehleidigkeit, der Stolz, die Arroganz und auf der anderen Seite der Familiensinn und die Liebe zu seiner Lieblingstochter. Das alles wird auf den ersten hundert Seiten sehr schön skizziert, so dass man Lust auf mehr davon bekommt. Aber dann fängt von Sufrin an, in vielen assoziativen Rückblenden die Familiengeschichte nachzuerzählen, und ab da verliert der Roman massiv, wird zäh und langweilig. Auch hier habe ich auf den letzten fünfzig Seiten nur noch hier und und da einen Absatz gelesen und habe das Buch am Ende schwer enttäuscht zur Seite gelegt.

3 von 5 Sternen

Charles Lewinsky – Der Stotterer

Ich habe sehr gerne den Vorgängerroman Kastelau gelesen. Ein Buch, das ich noch in guter Erinnerung habe. Eins aus der Rubrik anspruchsvolle Unterhaltung. Das habe ich auch hier erwartet – auch wegen Diogenes – und wurde leider enttäuscht. Was ich bekam, war eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte, einfallslos an einer sehr naheliegenden Idee entlang konstruiert. Alles wirkt so, als wenn Lewinsky Wochen nach einer Idee für den nächsten Roman gesucht hat und nach diversen Brainstorming-Sitzungen endlich den ultimativen Einfall hatte. Warum nicht eine Geschichte über jemanden schreiben, der nicht gut sprechen kann – weil Stotterer – aber dafür umso besser schreiben? Gibt es das eigentlich schon? Nein? Na, dann mal los. Was braucht man dafür? Einen Protagonisten mit einer schweren Kindheit, Missbrauch, religiösen Fanatismus; egal, Hauptsache ein ordentlich hartes Schicksal, das einen natürlich irgendwann ins Gefängnis bringt. Denn jeder weiß: Hast du erstmal Scheiße am Schuh, wirst du das so schnell nicht mehr los. Und so schreibt er sich einen zurecht. Der Protagonist im Roman sowie Lewinsky. Und weder dem einen noch dem anderen gelingt es, mich mit seinem Geschreibsel zu überzeugen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man für einen Roman über jemanden, der besonders gut schreiben kann, auch selber besonders gut schreiben können sollte.

2 von 5 Sternen

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commandatore Teil 2. Eine Metapher wandelt sich.

Eigentlich diskutiere ich ja nicht über Murakami. Ich habe gelernt, dass das nichts bringt, denn entweder ist man Fan oder eben nicht. Diesen Autor kannst du nicht schön reden. Wenn einer das, was ich beim Lesen seiner Werke empfinde, nicht auch nur ansatzweise fühlt, dann kannst du dir alle Argumente sparen. Das ist wie Musik. Entweder sie gefällt, geht in den Bauch, trifft dich ins Herz, bringt etwas in dir zum Klingen, oder eben nicht. Mir ist Murakami vor vielen Jahren in einer schwierigen Lebensphase zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Ich fühlte mich verstanden, seine Romane haben mich aufgefangen, mir Trost gegeben. Und seither ist er einer meiner Helden, auf den ich eigentlich nichts kommen lasse. Doch nach den beiden Bänden vom Commandatore muss ich leider sagen, dass ich etwas ernüchtert bin. Den ersten Teil habe ich noch klassisch gelesen, Band 2 dann als Hörbuch gehört. Und beim Hören sind mir auf einmal Dinge aufgefallen, die ich beim Lesen so noch nie wahrgenommen habe. Beispielsweise äußerst naive Satzkonstruktionen, nervige Wiederholungen und ein Plot auf Kindergartenniveau. Und plötzlich bin ich sehr verunsichert. Das Denkmal steht schief auf dem Sockel, und ich kann mich gar nicht lassen, fühle mich irgendwie illoyal und undankbar. Ich schlage vor, wir lassen das einfach mal so stehen und warten auf das nächste Buch.

3 von 5 Sternen

Leila Slimani – All das zu verlieren

Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, so wie auch schon der Vorgängerroman von Leila Slimani. Sie hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Am Ende ihrer Romane hat man stets das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück. Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin!

4,5 von 5 Sternen

 

Colson Whitehead – Die Nickel Boys

Ich finde es gut, wenn ein Autor sein Thema gefunden hat. Man kann sich als Leser einstellen, weiß was einen erwartet, erlebt keine bösen Überraschungen. Colson Whiteheads Thema ist die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA: Sklaverei, Unterdrückung und Alltagsrassismus. Nach „John Henry Days“ und „Underground Railroad“ ist dies der dritte Roman, den ich von Whitehead gelesen habe. Und wieder ist es eine ans Herz gehende Geschichte, fiktiv, mit erfundenen Charakteren, aber nach einer wahren Begebenheit. Das Nickel, eine Besserungsanstalt für Jungen, in denen insbesondere die farbigen Jungs misshandelt und auch getötet wurden, hat es tatsächlich in den USA gegeben. Erzählt wird die Geschichte von Elwood, einem intelligenten und eigentlich kreuzbraven Jungen, der beim Trampen in den falschen Wagen eingestiegen ist und als Autodieb im Nickel landete. Es gibt zahlreiche Zeitsprünge und unterschiedlich interessante Einzelschicksale, die den Erzählfluss etwas zäh gestalten, aber insgesamt ist dies wieder ein sehr empfehlenswerter Roman des routiniertesten Chronisten der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

3,5 von 5 Sternen

 

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success

Ja, so sind sie wohl – die Amerikaner. Gary Shteyngart gelingt in seiner derzeit vielbeachteten Investmentbanker-Road-Novel ein wunderbar vielschichtiges und aktuelles Psychogram einer gespaltenen Nation. Hier die Kapitalisten, Materialisten, Trumpisten und Hedonisten und auf der anderen Seite die, die daran nicht teilhaben können, wollen oder andere Ziele im Leben verfolgen. Viel scheint sich nicht verändert zu haben. Als ich in den Achtzigern mal zwei Monate drüben war und wie Barry Cohen, der Held dieses Romans, auch viel mit dem Greyhound gereist bin, habe ich es ähnlich empfunden. Ich habe sehr aufgeschlossene, weltoffene, aber auch sehr oberflächliche und bornierte Menschen kennengelernt, unvorstellbaren Reichtum und schockierende Armut gesehen, inspirierende Multi-Kulti-Viertel kennengelernt und dann wieder Ghettos, die man als Weißer besser nicht betritt.

An all das musste ich denken, während ich Barry Cohen, dem tragischen Helden von „Willkommen in Lake Success“, auf seiner Reise, bzw. Flucht durch die USA lesend begleitete. Und dass Barry nach all den Erlebnissen am Ende kein anderer Mensch und keinen Deut besser geworden ist, sondern diese Episode in seinem Leben nur benutzt, um lediglich so zu tun als ob, ist nicht nur bitterböse, sondern in meinen Augen auch typisch amerikanisch. Fazit: ein großer und gleichzeitig großartiger Amerika-Roman, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann.

4 von 5 Sternen

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Foto: Gabriele LugerContinue Reading

Was vom Lesen übrig bleibt

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…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

Bret Easton Ellis – Weiß

Auf Facebook und Instagram habe ich schon geschrieben, was ich von diesem Buch halte. Nämlich nichts. Es ist nicht nur in weiten Teilen sterbenslangweilig, wenig originell und fast schon einfältig. Es ist auch wehleidig, selbstverliebt und am Ende einfach ein kompletter Schuss in den Ofen. Dabei war Bret Easton Ellis bis dato einer meiner literarischen Helden. So alt wie ich, aber während ich noch Zivildienst machte, hatte er schon seinen ersten Roman ‚Unter Null’ veröffentlicht. Kurz darauf den zweiten, und im Alter von 27 kam dann American Psycho, ein Buch, das ihn zur Legende und unsterblich gemacht hat. Danach hätte er sich zur Ruhe setzen und seinen Ruhm genießen können. Aber was macht der Kerl? Er twittert sich um Kopf und Kragen und zerstört mit diesem Buch voll windiger Ausflüchte und Erklärungen sein Denkmal bis auf die Grundmauern.

Es ist nicht so, dass alles kompletter Blödsinn wäre, was er so in diesem Memoir behauptet. Ja, noch nicht mal einzelne Aussagen könnte ich rausgreifen und sagen: Seht her, das geht doch gar nicht. Es ist der Grundtenor, der ein ungutes Gefühl in mir aufkommen lässt. Wenn Ellis von den Linken als eine sich moralisch überlegen fühlende, intolerante und autoritäre Wutmaschine spricht, wenn er den Trump-Gegnern einen kindischen Faschismus unterstellt, die Generation der Millenials als übersensible Weicheier bezeichnet, dann mag überall vielleicht ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken, aber insgesamt erinnert mich das doch sehr an das Vokabular latent reaktionärer Kräfte, die einfach nicht einsehen wollen, dass sich die Gesellschaft in den letzten zehn, fünfzehn Jahren verändert hat und bestimmte Dinge einfach nicht mehr toleriert werden.

Und wer nachts im besoffenen Kopf zum Handy greift, um bei Twitter einfach mal seine Meinung herauszulallen, darf sich nicht wundern, am nächsten Morgen ein böses Erwachen zu erleben. Und so erscheinen mir viele Passagen im Buch wie nachträgliche Rechtfertigungen und an den Haaren herbeigezogene Erklärungsversuche für misslungene Tweets. Und wie immer, wenn einer aus der Defensive argumentiert, klingt auch seine Kritik an den Tugendwächtern und Wörtlichnehmern auf Twitter wie die beleidigte Retourkutsche eines abgehalfterten VIP, der krampfhaft versucht, sein ramponiertes Image wieder aufzupolieren.

Wenn es denn wenigstens halbwegs originell wäre, hätte ich der Lektüre ja noch irgendetwas Künstlerisches abgewinnen können. Aber gerade am Anfang liest es sich wie eine Aneinanderreihung peinlicher Facebook-Posts von Leuten, die ihre Kindheit in den Siebzigern glorifizieren. „Wir waren immer aktiv und in Bewegung, ob auf Spielplätzen oder in Parks; das Fernsehen bestand nur aus ein paar Dutzend Sendungen; unsere Eltern waren praktisch nicht existent.“

Ja, lieber Bret Easton Ellis, du hast es ganz richtig erkannt: seit damals hat sich ganz schön was getan in der Welt. Alles ist wesentlich komplexer und vielschichtiger geworden, alte Besitzstände, Hoheitszonen und Denkmuster sind weitestgehend verschwunden. Dazu gehört auch, dass man sich den Respekt, von dem man glaubt, man hätte als relevanter Gegenwartsautor einen Anspruch drauf, täglich neu erarbeiten muss. Vor 28 Jahren mal einen Mega-Bestseller geschrieben zu haben und danach eigentlich nur noch mittelmäßiges Zeug, ist definitiv zu wenig. Wahrscheinlich würde „American Psycho“ heutzutage nur noch ein müdes Schulterzucken provozieren. Denn so weichgespült und übersensibel sind die von Ellis abschätzend „Generation Weichei“ genannten Millenials gar nicht. Sie sind sogar ziemlich hart drauf und wesentlich kompromissloser als wir Babyboomer.

Ich gebe Ellis recht, dass die dauerempörte Stock-Im-Arsch-Fraktion den Wahlsieg Trumps wohl erst möglich gemacht hat. Weil es genügend Menschen gibt, die von der zunehmenden Komplexität und dem gesellschaftlichen Wandel überfordert sind und sich nach einfachen und althergebrachten Lösungen sehnen. Menschen, die sich den gepflegten Herrenwitz nicht verbieten lassen wollen und immer noch in den Achtzigern leben. Aber wie Ellis zu sagen: „ich bin ja auch gegen Trump, aber der Typ ist nun einmal gewählt, findet euch damit ab und hört auf zu nerven“, ist in meinen Augen fast noch schlimmer. Trump ist eine lebende Katastrophe und eine Gefahr für den Weltfrieden und wer als us-amerikanischer Autor nicht nur nichts dagegen tut, sondern sich auch noch über die, die etwas tun, lustig macht, der hat bei mir sämtliche Sympathien verspielt.

Da hilft auch nicht, dass Ellis auf den über 300 Seiten von „Weiß“ immer wieder betont, dass kein Grund besteht, sich aufzuregen. Denn das ist ja alles nur seine persönliche Meinung und die wird man ja wohl noch äußern dürfen. Darf man, lieber Bret Easton Ellis und die Generation Weichei wird sich dafür einsetzen, dass Du das auch in Zukunft weiter tun darfst. Bei Trump wäre ich mir da allerdings nicht so sicher.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
316 Seiten, 20,00 €

Corinna T. Sievers – Vor der Flut

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Oha! Dachte ich nur, als ich mitbekam, worum es in diesem Roman ging. Was soll man von einer Geschichte erwarten, bei der eine alternde, nymphomane Zahnärztin die Hauptrolle spielt? Zum Thema Nymphomanie fallen mir auf Anhieb eine  Handvoll schlechter Witze ein, aber kein einziges gutes Buch. Was nicht heißt, dass darüber nichts geschrieben wurde – ganz im Gegenteil. Es gibt wahrscheinlich unzählige schmierige Horny-Romance-Heftchen oder etwas anspruchsvoller: Softporno-Belletristik à la Fifty Shades of Grey – nur eben nichts Gutes. Bis jetzt, bis „Vor der Flut“ von Corinna T. Sievers.

Ich finde es gleich in mehrfacher Hinsicht mutig, sich a) als Frau an ein solches Sujet zu wagen, sich dabei b) von all den billigen, Männer-Fantasien bedienenden Klischees abzugrenzen und c) dem Ganzen einen literarisch anspruchsvollen Rahmen zu geben, der d) als solches auch vom Kulturbetrieb erkannt und gewürdigt wird. Und wenn man mich fragt, ob das Corinna Sievers gelungen ist, dann kann ich nur sagen: ja!

Ich weiß nicht, wieviele Männer davon träumen, von ihrer Zahnärztin auf dem Behandlungsstuhl einen geblasen zu bekommen. Es sind bestimmt nicht wenige. Und von der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass einem normalen Mann so etwas irgendwann tatsächlich einmal passiert, lebt einen ganze Industrie. Und jetzt fragt man sich vielleicht, was unterscheidet so eine Szene, die in Corinna Sievers Roman tatsächlich so vorkommt, von einem herkömmlichen Porno?

Schwer zu sagen. Das zu lesen, hat mich jedenfalls nicht erregt, eher im Gegenteil. Obwohl ich nicht prüde bin, fand ich die Vorstellung eher erschreckend. Vielleicht auch, weil ich das Ganze beim Lesen aus der Perspektive der Frau imaginierte, einer Frau, deren zwanghafte Triebhaftigkeit ich bereits als krankhaft und zerstörerisch wahrgenommen habe. Vielleicht ist das der hauptsächliche Unterschied zwischen Sexszenen in der Literatur und im Porno, dass man nicht nur kopulierende Körper wahrnimmt, sondern komplexe Persönlichkeiten, deren Antrieb, Vorgeschichte und Seelenlage man kennt.

Und die Seelenlage von Judith, einer auf einer Nord- oder Ostseesinsel praktizierenden Zahnärztin, verheiratet mit einem Psychoanalytiker, der sich ihr seit mehr als zwanzig Jahren sexuell verweigert, ist komplex. Da ist zum einen ihre extreme Promiskuität, ein stummer Schrei nach Liebe, oder wie ihr Mann Hovard diagnostiziert, ein Verstärker, um sich selbst zu spüren. Da ist aber auch ihr vorgeschrittenes Alter – über 50 und damit nach Judiths Meinung nicht unbedingt das, was sich ein durchschnittlicher Mann als Bettgespielin wünscht. Hinzu kommt ihr kleiner, bzw. fast nicht vorhandener Busen, ihr leptosomer Körper und diverse weitere körperliche Unzulänglichen, die sich nunmal im Laufe der Jahre so einstellen. Aber Judith kennt die Männer und weiß, was sie zu tun hat, damit sie auf ihre Kosten kommt.

Ich muss sagen, mich hat die Lektüre abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, was dazu geführt hat, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Nicht, weil ich gespannt auf die nächste Fickszene war, die übrigens alle von der Autorin sehr explizit, anschaulich und durchaus gekonnt geschildert werden, sondern weil man mit jeder Seite die Verzweiflung und Seelenpein der Protagonistin immer stärker spüren konnte. Ein Druck oder besser gesagt, eine Leere, die am Ende kein Schwanz mehr ausfüllen konnte. Ein Leben, das aus dem Ruder gerät, weil Sex keine Lösung ist und im Alter immer schwieriger wird.

Ein grandioses Buch, das sich sehr sensibel mit einem Thema beschäftigt, von dem wir Männer – auch wenn wir so tun als ob – nicht die leiseste Ahnung haben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (FVA)
225 Seiten, 20,00 €

Weitere Rezensionen bei: Bücherwurmloch 

 

Saša Stanišić – Herkunft

Irgendwie finde ich es blöd, dass er dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht – ich meine: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert und, wie Richard Kämmerlings auf dem Backcover ganz richtig sagt, einfach einer unserer besten Erzähler. Aber cooler wäre gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Es wird angesichts seiner Vita mit Sicherheit oft nachgefragt, ist ja auch naheliegend und marketingtechnisch eine todsichere Sache, aber leider auch sehr Mainstream. Diese Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man diesem latenten Rassismus, all denen, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln kommt, sondern – sie wissen schon, ich mein – ursprünglich herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Ijoma Mangold hat das jüngst gemacht und da fand ich es noch gut. Auch er hat sich seine Herkunft von der Seele geschrieben. Vielleicht, um das Thema für ein für allemal abzuschließen, um bei künftigen Fragen einfach sagen zu können: „Lesen Sie das Buch, dann wissen Sie wo ich herkomme.“ Eine Art Befreiungsschlag, Angriff statt Verteidigung. Einmal die Hose runterlassen, alles erzählen, und dann ist endlich Ruhe und man kann sich wieder anderen, wichtigeren Themen zuwenden. Jetzt hat es Saša Stanišić auch gemacht. Ganz anders als Mangold, in weiten Teilen sogar besser, doch auf einmal finde ich es gar nicht mehr gut. Und das hat nichts mit dem Werk zu tun, sondern mit dem Thema an sich.

Aber tue ich ihm da nicht Unrecht? Hat sich Literatur nicht immer schon mit Herkunft beschäftigt? Fragen wie: „Wo komme ich her und was macht mich aus?“ sind quer durch alle Epochen das zentrale Sujet zahlloser großer Romane. Und ist die Selbstverortung, das Sich-Finden in erzählten Geschichten nicht einer der Hauptanreize beim Lesen?

Aber kommen wir zurück zum Buch. Dass Stanišić  einer unserer ganz großen deutschsprachigen Autoren ist, wurde ja weiter oben schon erwähnt. Seit ich vor ca. sechs Jahren „Vor dem Fest“ gelesen habe, bin auch ich ein großer Fan. Ich habe ihn auf einer Lesung erlebt, war von seiner lebendigen Vortragsform beeindruckt und habe auch seinen Erzählband „Fallensteller“ sehr gemocht. Und natürlich ist auch „Herkunft“ alles andere als ein schlechtes Werk. Kein Roman, auch wenn er als solcher durchaus durchgehen würde, sondern ein Memoir. Stanišić blickt zurück. Auf seine Kindheit im ehemaligen Jugoslawien, auf die Umstände seines Fortgehens, auf sein Ankommen in Deutschland, die ersten Schritte in einer fremden Welt, auf neue und alte Freunde, auf all die vielen Stanišićs, die in der alten Heimat auf dem Friedhof liegen, auf Vater und Mutter und die demente Großmutter, die immer mehr von ihren Erinnerungen verliert, woraufhin er anfängt, Erinnerungen zu sammeln.

Man hört Stanišić gerne zu, weil er authentisch und ein netter Kerl ist. Und was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage von Talent, was man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt er besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig. Nicht diese Art Witz, den Lesebühnen-Autoren an sich haben – ein Schmunzler alle dreißig Sekunden und nach spätestens zweieinhalb Minuten ein Schenkelklopfer – nein, das nicht. Sein Humor ist eher beiläufig, nicht zwanghaft darauf aus, Lacher einzufordern und daher für meinen Geschmack sehr angenehm.

Alles in allem ist „Herkunft“ ein durchaus lesenswertes Buch, das seine Leser unterhält und sich sehr facettenreich und ausführlich mit dem literarischen Megathema „Wo komm ich her, was macht mich aus?“ beschäftigt. Doch wie gesagt – cooler wäre gewesen, hätte Stanišić dieses Buch nicht geschrieben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
350 Seiten, 22,00 €