Jonas Lüscher – Kraft

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Früher als Kinder haben uns wir ständig solche Fragen gestellt: Für wieviel würdest du mit nackten Beinen durch Brennnesseln gehen, in den kalten Bach springen, einen ganzen Teller Rosenkohl essen? Je nachdem, wie unvorstellbar eklig oder schmerzhaft irgendetwas war, hieß es dann: Für eine Million würde ich es machen. Was soviel bedeutete wie: niemals. In den Neunzigern gab es dann mit dem Hollywood-Blockbuster „Ein unmoralisches Angebot“ eine Adaption dieses Spielchens für Erwachsene. Demi Moore bekam eine Million für etwas geboten, wofür andere Frauen ohne zu zögern sofort ihr Sparbuch geplündert und alles hergeben hätten: eine Nacht mit Robert Redford. Und jetzt hat Jonas Lüscher das Thema für die Intellektuellen im Lande aufbereitet: eine Million Dollar für die Antwort auf die Frage: weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können.

Ich hätte jetzt spontan geantwortet: Weil etwas, das nicht gut ist, gar nicht erst wäre und der Drang, Dinge andauernd verbessern zu wollen, der menschlichen Hybris geschuldet ist. Aber mich fragt ja keiner, und für so eine banale Antwort gäbe es auch keine Million Dollar. Nein, das muss in diesem Fall schon etwas philosophisch fundierter daherkommen und deshalb stellt sich auch der Tübinger Rhetorik-Professor Richard Kraft dieser Frage, um die vom us-amerikanischen Internet Millardär Tobias Erkner ausgelobte Prämie einzuheimsen. Geld, das Kraft dringend braucht, um sich nach zwei gescheiterten Ehen seine Freiheit zurückzukaufen. Denn – auch das lernen wir hier – ein vergleichsweise üppiges Hochschulprofessoren-Gehalt reicht nicht aus, um zwei anspruchsvollen Ex-Frauen und vier Kindern gerecht zu werden.

Der Roman kam in diesem Frühjahr raus und ist eigentlich schon durch. Er wurde viel gelobt und oft besprochen und gilt allgemein als die wichtigste Neuerscheinung dieses Bücherfrühlings. Normalerweise ist es nicht mein Ding, da jetzt ins gleiche Horn zu tuten und die dreihundertste Meinung beizusteuern. Doch das Buch hat mich immer wieder angelächelt, und als es jetzt als Lizenzausgabe bei der Büchergilde erschien, habe ich zugegriffen und bin sofort eingestiegen.

Im Prinzip ist dieser Roman das perfekte Buch. Denn hier wird mir all das geboten, weswegen ich so gerne lese. Ich tauche gerne in Geschichten ein, lasse mich vereinnahmen und fesseln. Das gelingt Lüscher bereits auf den ersten Seiten. Locker und erzählerisch gekonnt führt er uns in die philosophische Thematik und die Welt seiner intellektuellen Protagonisten ein. Nichts ist, wie zunächst befürchtet, schwer oder sperrig. Ganz im Gegenteil, es liest sich locker und unterhaltsam. Und mit dieser Leichtigkeit führt uns Lüscher auch zu den komplexeren Überlegungen, die Richard Kraft unternimmt, um der Preisfrage gerecht zu werden. Und jeder, der gerne liest, um über sich, die Welt und das, was sie zusammenhält, mehr zu erfahren, kommt hier ebenfalls voll auf seine Kosten. Auch wenn ich Kraft bei seinen mitunter langatmigen Überlegungen nicht immer folgen konnte, so habe ich mich doch mit großer Freude dieser Aufgabe gestellt und einiges für mich herausgezogen.

Und dann sind da noch die Charaktere, die aus einer Ansammlung von Überlegungen und Theorien erst einen richtigen Roman machen. Kraft und sein Studienfreund Ivan, die gescheiterten Beziehungen zur mütterlichen Ruth, der schweigsamen Johanna und der spöttischen Heike. Die vier Kinder, die Stanford-Elite-Studenten, der egozentrische Milliardär. Lüscher braucht nicht viel Raum, um seine Figuren zu skizzieren. Im Zentrum natürlich die Hauptfigur, Professor Dr. Dr. Richard Kraft, angesehener Wissenschaftler, Nachfolger des legendären Walter Jens auf dem Tübinger Rhetorik-Lehrstuhl. So respekt- und ehrfurchtgebietend seine gesellschaftliche Stellung auch ist, so jämmerlich kommt der Professor als Mensch daher. Eine tragische Figur, die trotz aller Begabung und intellektueller Fähigkeiten am Leben gescheitert ist. So etwas authentisch und ohne Brüche darzustellen, ist schon eine große Kunst, braucht viel Einfühlungsvermögen, Know-how und erzählerisches Talent.

Und als letzten Aspekt möchte ich noch den Kontext erwähnen, der dieses Werk zu einem für mich perfekten Roman macht. Die Geschichte bewegt sich auf einer Zeitachse von den frühen Achtziger Jahren bis heute; beleuchtet die unterschiedlichen Strömungen der Bonner Republik über die Zeit der Wende bis jetzt. Der Sturz der Regierung Schmidt, die lange Ära Kohl, die Hoffnungen und Enttäuschung durch Schröder. Ich bin nie politisch besonders aktiv gewesen, aber wenn überhaupt, dann genau in dieser Zeitspanne. Auch ich habe in den Achtzigern an der FU Berlin studiert, die linksalternative Studentenschaft erlebt und kann mir gut vorstellen, wie Typen wie Kraft und Ivan mit ihren konservativ, wirtschaftsliberalen Ansichten ausgegrenzt wurden.

Und so habe ich das Buch am Ende zugeklappt und mich gefreut, dass alles, was darin ist, gut ist, obwohl ich an der einen oder anderen Stelle durchaus noch Verbesserungspotenzial sehe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: C.H. Beck / Büchergilde (liz.)
237 Seiten, 19,95 €

Martin Becker – Marschmusik 

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Als ich mit Buchrevier anfing, wollte ich mich eigentlich auf Literatur aus dem Ruhrgebiet fokussieren — daher auch der Zusatz ‚Revier‘. Aber schnell musste ich feststellen, dass da nicht viel ist, worüber sich zu schreiben lohnt. Genau genommen so gut wie gar nichts. Das wäre ein ziemlich langweiliger Blog geworden. Einige Autoren sind im Ruhrpott geboren, wie zum Beispiel Ralf Rothmann, aber geblieben ist eigentlich nur Frank Goosen, der mittlerweile einzig bekannte, wenngleich nicht unbedingt literarische Ruhrgebietsautor. Das ist schon ein ziemliches Armutszeugnis für diese eigentlich ziemlich kreative Metropolenregion, wo ich mein berufliches Zuhause habe.

Aber zunächst mal Martin Becker. Wie viele Menschen in Deutschland heißen eigentlich so? Auf dem Cover seines aktuellen Romans Marschmusik prangt das inoffizielle Logo des Ruhrgebiets, der Förderturm der Zeche Zollverein. Ein klareres Bekenntnis zum Pott kann man nicht abgeben, zugleich aber auch kein einfallsloseres. Aber sei’s drum, ich hab’s gesehen, und mein Interesse war da. Und so wird es wahrscheinlich vielen gehen. Eine Posaune, die andere denkbare Cover-Illustration für einen Roman namens Marschmusik, hätte sicherlich nicht so viel Interesse erzeugt.
Auch der Autor Martin Becker ist weder im Ruhrgebiet geboren, noch lebt er jetzt da. Aber seine Wurzeln liegen im Pott. Sowohl Großvater und Vater waren Bergleute in Bochum, und in Marschmusik geht er diesem Leben auf den Grund. Einem typischen Malocher-Leben, einer Männerwelt unter Tage, mit Begriffen wie Arschleder, Flöz und Kaue. Wörtern, die heute kaum noch jemand kennt und die demnächst aussterben werden. Mit dem typischen Feierabendbier von der Trinkhalle und der ewigen Kippe im Mundwinkel.
Martin Beckers autobiografischer Ich-Erzähler erinnert sich, er recherchiert, will mehr über sich und seine Herkunft erfahren. Er trifft sich mit dem alten Sauhund Hartmann, einem Freund seines verstorbenen Vaters, fährt als Besucher für einen Tag in einen der letzten aktiven Schächte ein und geht durch die Zimmer des kleinen, von zigtausend Zigaretten eingequalmten Reihenmittelhauses der Eltern. Die Mutter lebt noch, immer auch noch in dem alten Haus, ist nach schwerer Krankheit zwar nur noch ein Schatten ihrer selbst, aber sie freut sich, ihn zu sehen. Er dagegen zählt die Stunden, bis er wieder in sein eigenes Leben entschwinden kann, das so gänzlich anders ist, als das seiner Eltern. Aber warum ist das so, warum ist er so anders? Wie hat er es geschafft, aus den einfachen Arbeiterklasse-Verhältnissen auszubrechen und was hat er davon mitgenommen? Und ist das Leben, das er lebt, tatsächlich besser und glücklicher als das, was sein Großvater und Vater führten? Oder einfach nur anders, weniger hart, gesünder, komplizierter und wahrscheinlich auch länger. Fragen, die sich jeder irgendwann einmal stellt. Wo komme ich her, was hat mich geprägt und welche Päckchen schleppe ich deswegen durchs Leben?
So etwas ist natürlich überhaupt nicht unique, hat man schon tausendfach gelesen, das ist sozusagen der klassische Einstieg in das literarische Schreiben. Den Unterschied macht allerdings das Wie. Setting, Aufbau, Figuren, Sprache und Stimmung. Und hier hat mich Martin Becker richtig beeindruckt.
Ich habe in diesem Jahr überhaupt noch nicht über den Deutschen Buchpreis nachgedacht. Einfach, weil mir bisher kein Buch untergekommen ist, das dafür infrage kommt. Marschmusik dagegen ist in meinen Augen ein glasklarer Longlist-Kandidat. Becker hat seinen ganz eigenen literarischen Stil, auf den man sich erstmal einlassen muss. Wiederholungen, Zwei-Wortsätze, ein sprachliches Stakkato mit viel Rhythmus und Drive. Aber wenn man sich da erstmal eingefuchst hat, macht das Lesen richtig Spaß. Ich hab mir manche Passagen laut vorgelesen, um den Sound dieses Romans besser aufzunehmen.
Das mit den Wiederholungen ist etwas verwirrend. Manchmal sind es nur einzelne Sätze, die immer wieder auftauchen, die eine bestimmte Szene noch einmal aus anderer Sicht beleuchten und so das Bild verfeinern. Manchmal sind es aber auch ganze Textpassagen, die wiederholt werden, bei denen man plötzlich stockt und sich denkt: Moment mal, das habe ich doch gerade schon mal gelesen. Da das Lektorat an manchen Stellen ein wenig schlampig ist, hier und da schon mal ein Wort fehlt, gerät man ins Zweifeln, ob das jetzt gewollt ist oder einfach nur übersehen wurde. Das trübt ein wenig das Lesevergnügen, macht den Roman an sich aber nicht weniger lesenswert. Marschmusik hat mich stark beeindruckt. Setting authentisch, Figuren liebevoll gezeichnet, Sprache beeindruckend, langer Nachhall garantiert.
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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand

288 SEITEN, 18,00 €

 

Emmanuelle Pirotte – Heute leben wir

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Es gibt definitiv zu viele Bücher auf dem Markt. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass ein Juwel wie dieses hier, eine ergreifende und gekonnt erzählte Geschichte mit einem echten USP, so überhaupt nicht beachtet wird. In meiner durchaus literaturaffinen Filterblase findet dieser Roman nicht statt. Und da das Buch bereits aus dem Frühjahr ist und jetzt schon wieder auf das Herbstprogramm geschaut wird, wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Das Ding ist durch, hat nicht gezündet, weiß der Geier warum.

Vielleicht, weil alle damit beschäftigt waren, die Lesezeit fressenden Tausendseiter von Hanya Yanagihara und Paul Auster zu lesen – die definitiven Must-Reads der Saison. Vielleicht aber auch, weil der Verlag mit dem Cover und einem an Dale Carnegie und Nicolas Sparks erinnernden Allerwelts-Titel mal wieder voll daneben gegriffen hat. Die Aufmachung, die Mainstream-Unterhaltung für die weibliche Zielgruppe verspricht, hat mich natürlich überhaupt nicht angesprochen. Und wenn der Verlag mir das Buch nicht als Leseexemplar einfach ungefragt zugeschickt hätte, wäre es auch an mir komplett vorbei gegangen.

Aber hässliche Schutzumschläge kann man ja abmachen und sich so auf das konzentrieren, was ein Buch wirklich ausmacht: den Inhalt. Und hier hat der Debütroman der Belgierin Emmanuelle Pirotte jede Menge zu bieten. Es gehört schon was dazu, wenn man mit einer Geschichte über die Judenverfolgung durch die Nazis heutzutage noch einen literarischen Blumentopf gewinnen will. Das Thema ist eigentlich zur Genüge auserzählt, sollte man meinen. Und doch hat es Pirotte geschafft, hier noch einmal eine ganz andere Sicht auf die vielen sich ähnelnden Familientragödien und Kriegsschicksale aufzuzeigen.

Erzählt wird die Geschichte des kleinen jüdischen Mädchens Renée, die ihre Eltern durch den Naziterror verloren hat und bei einer belgischen Gastfamilie untergekommen ist. Die Alliierten sind auf dem Vormarsch und ein Ende des Krieges absehbar. Aber noch sind die Deutschen überall – verwundet und daher umso gefährlicher. Auf der Flucht gerät Renée in die Fänge von zwei SS-Elitesoldaten, die sich als Amerikaner getarnt haben. Sie wird in den Wald geführt und soll erschossen werden. Doch im letzten Moment dreht sie sich um und sieht dem Soldaten, der die Waffe auf sie richtet, in die Augen. Und der erschießt dann nicht sie, sondern seinen Kameraden und nimmt das Mädchen mit auf die Flucht durch die Ardennen. Sie verstecken sich in einer Berghütte, und es entwickelt sich eine an das Stockholm-Syndrom erinnernde Zuneigung zwischen der kleinen Jüdin und dem SS-Schergen.

Eigentlich ist die Geschichte so kitschig und unglaubwürdig wie nur irgendwas und passt prinzipiell voll zum Cover des Buches. Aber uneigentlich habe ich das beim Lesen überhaupt nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil. An keiner Stelle habe ich auch nur ansatzweise mit den Augen gerollt oder mit dem Kopf geschüttelt. Das unschuldige Lamm und der böse Wolf – so eine Geschichte muss man erstmal erzählen, ohne altbekannte Klischees zu bedienen oder sich in Übertreibungen zu verlieren. Ich habe der Autorin von der ersten bis zu letzten Seite alles abgenommen. Weil die Protagonisten authentisch sind und die Sprache schnörkellos und treffend. Weil sie sich – und das ist der USP – nicht in gängigen Rollenbildern verliert, sondern unsere Vorstellungen von Gut und Böse gehörig durcheinander wirbelt. So sehr, dass man tatsächlich am Ende auf Seiten des skrupellos tötenden SS-Offiziers Matthias steht, der reihenweise Freund und Feind die Kehle durchschneidet, nur um mit dem kleinen Judenmädchen zusammen zu sein.

„Heute leben wir“ ist eine gekonnt erzählte, herrlich spannende und bewegende Geschichte, die mich ein wenig an Ralf Rothmanns letzten Roman „Im Frühling sterben“ erinnert hat. Diese Zeit, wenn der Krieg eigentlich schon entschieden ist, es um nichts mehr geht und trotzdem immer noch gestorben wird. Pirotte hat die Sinnlosigkeit des Sinnlosen, diese Stimmung zwischen Hoffen und Bangen, Krieg und Frieden wunderbar eingefangen. In Frankreich hat dieser Roman hohe Wellen geschlagen. Vielleicht bekommt hierzulande das Buch ja doch noch die verdiente Aufmerksamkeit, wenn demnächst der Film dazu in die Kinos kommt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
287 Seiten, 20,00 €
Übersetzung: Grete Osterwald

Stephan Lohse – Ein fauler Gott

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Was versprechen sich Menschen eigentlich davon, ein Buch zu schreiben? Ich mein, da steckt ja richtig viel Arbeit drin. Ganz besonders, wenn man das noch neben dem eigentlichen Beruf machen will. Abends, am Wochenende, im Urlaub – immer einsam und allein auf den Laptop einhackend, statt gemütlich in geselliger Runde zu entspannen. Stephan Lohse ist Schauspieler. Ich würde sagen, gar nicht mal so unerfolgreich. Es kommt mir vor, als hätte ich das Gesicht schon mal irgendwo im Fernsehen gesehen. Jetzt ist er 53 und hat seinen ersten Roman geschrieben. Und ich frage mich: Warum?

Wenn man wirklich etwas zu erzählen hat – irgendetwas Originelles, bisher noch nicht Dagewesenes, meinetwegen auch Witziges – wenn man seit Jahren schon mit der ultimativen Idee für einen Roman schwanger geht oder aber wirklich gut schreiben kann, einen eigenen, ganz besonderen Erzählstil hat, dann, ja dann kann ich verstehen, dass man unbedingt einen Roman schreiben will. Weshalb Stephan Lohse das getan hat, verstehe ich nicht.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Roman jetzt grottenschlecht ist, die Geschichte überhaupt nicht erzählenswert und sprachlich komplett daneben. Aber leider ist „Der faule Gott“ auch nicht richtig gut oder besonders bemerkenswert. Eben nur ganz ok; literarische Durchschnittsware, kann man lesen, muss man aber nicht. Manchmal klappt das ja, dass einer aus dem angrenzenden Kulturbetrieb, Schauspiel oder Musik, einen literarischen Erfolg landet. Joachim Meyerhoff oder Thees Uhlmann ist dies gelungen. Vielen anderen aber nicht. Und ich schätze, Stephan Lohse gehört zu der zweiten Gruppe.

Meinetwegen soll es jeder mal als Romanautor versuchen. Und vielleicht kommt ja noch ein Maxim Biller vorbei und behauptet wieder im Fernsehen, sein ganzes Leben auf ein Buch wie dieses gewartet zu haben. Möglich ist alles. In Stephan Lohses Vita steht jedenfalls jetzt: „Schauspieler und Schriftsteller“. Dafür hat sich der ganze Schreibaufwand schon wieder gelohnt. So ein Allround-Künstler lässt sich immer gut vermarkten. Mich ärgert aber, dass solche Kulturbetriebs-Typen mit ihren literarischen Ego- und Selbstverwirklichungs-Projekten den wirklich talentierten Autoren die Programmplätze wegnehmen.

Das große Potenzial dieser Kindheits-Retrospektiven ist ja, dass die jeweils angesprochene Generation in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen kann. Die 70er-Jahre-Motto-Party als Buch. Rudi Carrell und Hans Joachim Kulenkampff, Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Das Bonanza-Rad, Status Quo und Mal Sondocks Hitparade. Ich bin genau diese Generation, gerade mal ein Jahr jünger als der Autor und prinzipiell sehr empfänglich für solche Throwback-Momente. Ich hatte mich sogar sehr darauf gefreut, beim Lesen mal wieder in Erinnerungen zu schwelgen: in dieser alten, nur in der Erinnerung unbeschwerten Zeit; vor dem ersten Computer und dem Internet.

Lohse baut genau auf diesen Effekt, integriert all die kohärenzstiftenden Dinge, die jedes Kind der Siebziger nie vergessen wird. Clementine und ihr Ariel (wäscht nicht nur sauber, sondern rein), Olympia 1972 zum ersten Mal im Farbfernsehen, die Familie Leroc aus dem Französisch-Buch, der Opel-Rekord und die drei 3-Gang-Sachs-Schaltung. Natürlich kenne ich das alles noch und denke gerne dran zurück. Aber im Rahmen dieses Romans hat es mich einfach nur gelangweilt. Zu vorhersehbar, zu konstruiert, nicht schlüssig, nicht stimmig, nicht gut.

Und dann die eigentliche Handlung – der achtjährige Jonas stirbt plötzlich und lässt Mutter und Bruder in Trauer zurück. Na klar ist das ein Trauma, na klar kann man darüber ein Buch schreiben und erzählen, wie dieser Verlust das Leben der beiden Verbliebenen in der Familie verändert hat. Aber irgendwie hat auch das mich emotional nicht erreicht. Dass der 12-Jährige Ben psychisch auffällig wird, auf einmal komisch geht und summt, ist ja gar nicht so abwegig. Kann alles passieren, wenn plötzlich die schöne heile Familienwelt zusammenbricht. Aber ich lese das, fange an zu Gähnen und blättere drei Seiten vor.

Es ist alles irgendwie nicht stimmig in diesem Buch. Auch sprachlich misslingt Lohse der Wechsel zwischen den beiden Protagonisten, dem 12-Jährigen Ben und seiner Mutter Ruth, zwischen der kindlichen und der erwachsenen Verzweiflung. Vielleicht hätte er die Geschichte statt mit einer neutralen Erzählstimme besser aus wechselnden Ich-Perspektiven geschildert. Vielleicht hat er das auch zunächst gemacht, dann aber auf Empfehlung seines Lektorats noch einmal umgeschrieben. Wer weiß.

Für mich ist das alles nichts Halbes und nichts Ganzes. Der faule Gott nichts weiter als ein fauler Kompromiss. Eine Geschichte, die nicht zündet und ein Autor, der nicht überzeugt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
330 Seiten, 22,00

 

 

Jan Schomburg – Das Licht und die Geräusche

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So verläuft ein typisches Gespräch, wenn Menschen aus meinem Umfeld hören, dass ich Buchblogger bin:

< Dann kennst du dich wahrscheinlich ganz gut aus mit Büchern.
> Ja, geht so.
< Wie findest du denn Nele Neuhaus?
> Kenn ich nicht.
< Ach, aber doch sicher Jussi Adler-Olsen?
< Nur vom Namen her.
> Hmm… und Bernhard Hennen, der kommt sogar auch aus Krefeld.
< Nie gehört.

Peinliches Schweigen. Klar, was der andere denkt: Was ist das denn für ein Buchblogger? Der kennt ja gar nichts.

Die Autorennamen wechseln, aber das Ergebnis bleibt immer gleich. Mit anderen komme ich selten zusammen, jedenfalls nicht in Sachen Bücher. Denn jeder liest für sich in seiner Blase. Und davon gibt es Tausende. Für jeden Lesetyp die entsprechende Lektüre. Das unterhaltsame Sachbuch für Männer ab Mitte Vierzig, Eskapismus-Dramen für unglückliche Ehefrauen, Fantasy-Träumereien für young adults, Krimis für die Oma, Historienschinken für den Opa.

Aber warum schreibe ich das hier, wo doch eigentlich etwas über Jan Schomburgs Debütroman ‚Das Licht und die Geräusche‘ stehen sollte? Warum? Weil mir all diese Gedanken gerade durch den Kopf gehen. Weil ich mich frage, was ich da eigentlich gerade gelesen habe, in welche Schublade ich dieses Buch stecken soll. Was will mir der Autor damit sagen, und warum erzählt er diese Geschichte? Was treibt ihn an, sich hinzusetzen und Seite für Seite in ein 18/19-jähriges Mädchen hineinzuversetzen?

Schomburg erzählt die Geschichte von Jugendlichen, die zur Schule gehen, abends Party machen, auf Klassenfahrt nach Barcelona fahren, andere Schüler mobben, sich verlieben und das Leben infrage stellen, bevor es überhaupt angefangen hat. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman also – mit einer jugendlichen Erzählstimme; mit ein paar interessanten Zeitsprüngen und ein wenig Drama und Erotik. Ein literarisches Erfolgsrezept, eine todsichere Sache, funktioniert fast immer und könnte mit einem bisschen Glück sogar durch die Decke gehen.

Aber bei mir funktioniert das nur, wenn da noch ein wenig mehr passiert: eine andere Ebene, Platz für Assoziationen, Bezüge, sprachliche Feinheiten — irgendwas in der Art. Stattdessen lauscht man diesem typischen Jungmädchenton, der immer irgendwas Wütendes und Vorwurfsvolles an sich hat. Sehr direkt und auf den Punkt, dann wieder ausschweifend und sich in kruden Theorien verlierend; am Ende irgendwie trotzig und fast schon naiv. Zunächst fand ich das ganz reizvoll, aber irgendwann nicht mehr. Dann fehlte mir auf einmal alles.

Wäre ich Buchhändler, ich würde diesen Roman Jugendlichen ab 17 Jahren empfehlen. Ich habe bis dato zwar noch nie eines dieser Young-Adult-Bücher gelesen, das hier scheint aber eins zu sein. Und damit ist auch klar, warum ich damit so gar nichts anfangen konnte. Ich hab die Geschichte trotzdem bis zum Schluss durchgehalten. Es wurde zwar nicht mehr viel besser, aber es war auch nicht unerträglich schlecht. Eigentlich so, wie ich mir unbekannterweise einen Roman von Nele Neuhaus oder Jussi Adler-Olsen vorstelle. Unterhaltsam und bestimmt auch spannend, aber eben nur eine Geschichte und keine Literatur (für mich).

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: dtv
256 Seiten, 20,00

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

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Was brauchen Kinder eigentlich? Was tut ihnen gut, was muss da sein, damit sie sich normal und gesund entwickeln können? Heutzutage ist das ganz schön kompliziert geworden. Da immer mehr Eltern sich über ihre Kinder definieren, gibt es auf diese Fragen tausend Antworten. In einem Punkt sind sich aber alle einig: Liebe ist durch nichts zu ersetzen. Darüber herrscht Konsens – vom Prenzlauer Berg über München Bogenhausen bis nach Duisburg Marxloh. Elternliebe – ja, es gibt nichts Besseres.

Und dann schlägt man den Debütroman von Arno Frank auf und denkt: von wegen! Geh mir weg mit Elternliebe. Auf 350 Seiten kann man miterleben, was Elternliebe alles anrichten kann. Arno Frank schreibt hier die Geschichte seiner Kindheit auf. Einer Kindheit auf der Flucht vor der Polizei, mit Eltern, die immer nur das Beste wollten. Für sich und für Ihre Kinder. Ein schönes Zuhause, schöne Klamotten, Essen in den besten Restaurants, einen Pool, Hunde, Sportwagen, ein Kindermädchen. Und da sich das alles auf normalem Wege nicht einfach so ergeben wollte, haben sie es sich halt genommen. Unsaubere Geschäfte, veruntreutes Geld, ein kriminelles Ding nach dem anderen.

Und natürlich ist das nicht gut gegangen. Die ganze Familie flieht mit drei Kindern und zwei Hunden durch halb Europa, verelendet immer mehr, paralysiert von Langeweile, Hunger und Angst. Aber Liebe, Liebe war immer da. Vater und Mutter lieben ihre Kinder, schleppen sie vor lauter Liebe von einer Katastrophe in die nächste. Hauptsache, wir sind alle zusammen – so lautet das Familien-Mantra. Bis dann irgendwann gar nichts mehr geht, ein traumatischer Showdown in einem bayerischen Hotelzimmer.

Und dann wieder Normalität. Ein trockenes Bett, saubere Klamotten, genug zu essen, Schule und ein paar Freunde. Der Vater im Knast und danach für immer verschwunden. Noch ein paar Jahre mit der Mutter, die das alles nicht wollte. Und nach der Schule dann so schnell wie möglich ins eigene Leben. Das Erlebte irgendwie wegstecken, verdrängen, klar kommen. Sich schwören, dass die eigenen Kinder so etwas niemals durchmachen müssen. Und nach dem Tod der Mutter sich endlich hinsetzen und das alles aufschreiben, weg von der Seele, reinen Tisch machen. Frieden finden.

Ich habe diesen Roman mit offenem Mund an einem Tag durchgelesen, mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen weggelegt und an den Mann gedacht, mit dem ich mich in Leipzig auf der Tropen-Party so gut unterhalten hatte. Arno Funk war mir sofort sympathisch. Ein cooler Typ, der für Spiegel Online, taz und den Musikexpress schreibt. Wir haben uns über Ulf „Porsche“ Poschardt und Tom Kummer unterhalten, der da auch irgendwo herumsprang. Damals hatte ich noch keine Ahnung von seinem Roman, wusste nur, dass er Debütautor bei Tropen ist. Jetzt würde ich mich mit ihm über andere Dinge unterhalten. Ob er seinen Eltern verziehen hat, ob er sie liebt oder hasst, weiß, ob sein Vater noch lebt und was der kleine Bruder mit den Schwimmflügeln heute macht.

Dieses Buch hat mich mitgenommen. Ich bin aufgewühlt und habe das Gefühl, dass ich jetzt etwas ganz Besonderes darüber schreiben müsste. Aber es fällt mir beim besten Willen nichts ein, was meine Gefühle auch nur annähernd wiedergibt. Daher bleibt am Ende nur diese eine Frage, die sich für mich immer bei autobiografischen Werken stellt. Kommt danach noch ein weiterer Roman oder war es das schon mit der Schriftsteller-Karriere?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Tropen
351 Seiten, 22,00 Euro

 

Sven Amtsberg – Superbuhei

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Was kann man mehr von einem Buch erwarten, als dass es einen für ein paar Stunden aus dem Alltag reißt, mit Problemen konfrontiert, die nicht die eigenen sind, mit fremden Stimmungen, Gerüchen und Ängsten. Wer kennt nicht dieses tolle Gefühl, wenn man beim Lesen kurz innehält, aufblickt und sein eigenes Leben betrachtet. Wie friedlich, wie schön und wertvoll einem dann auf einmal alles erscheint. Wenn sich darüber hinaus noch die Protagonisten und das Setting eines Romans in die Träume schleichen, man morgens ein paar Sekunden braucht, um zu realisieren, dass man nicht in einem muffig riechenden Haus in Hannover-Langenhagen, sondern im eigenen, heimeligen Bett erwacht, dann, ja dann ist das Leseglück perfekt.

Eigentlich habe ich ja momentan überhaupt keine Zeit für irgendwelche Neuerscheinungen. Die Frühjahrs-Novitäten stapeln sich bei mir ungelesen im Regal und müssen warten, bis ich mit den Blogbuster-Manuskripten durch bin. Aber ich blättere zumindest mal rein, schau aufs Autorenfoto, lese den Klappentext, um ganz grob Bescheid zu wissen. Das tat ich auch bei diesem Buch – mit dem Resultat, dass ich es nicht mehr aus den Händen legen konnte. Die Story ist so skurril und dabei so trocken und auf den Punkt erzählt, dass es eine wahre Freude ist, sich in dieses miefige niedersächsische Setting fallen zu lassen.

Dabei landet man in einem Supermarkt in Hannover-Langenhagen, dem Superbuhei, wo Mona, eine solariumgebräunte Sitzschönheit, an der Kasse arbeitet. Bei den meisten Supermärkten findet man hinter den Kassen einen Bäcker. Im Superbuhei ist dort eine Kneipe, die so heißt, wie der wohl bekannteste Sohn der Stadt: Scorpions-Frontmann Klaus Meine. In dem wohl trostlosesten Ort auf Erden sitzen jeden Tag von 8:00 bis 18:00 Uhr ein paar Alkoholiker am Tresen und hören die immer gleichen Scorpions-CDs. Das ‚Klaus Meine‘ gehört Jesse, Monas Freund. Er ist der Sohn eines Elvis Imitators und mit seinem Zwillingsbruder Aaron in Hamburg Rahlstedt aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern fühlte er sich von Aaron bedroht und flüchtete vor dessen Nachstellungen nach Hannover.

Das klingt jetzt nicht besonders spannend, trotzdem hat mich der Roman begeistert. Amtsberg schafft es, trotz des skurrilen Settings, der schrägen Figuren und den Musikbezügen, keinen typischen PopLit-Roman abzuliefern, wie ich es zunächst erwartet hätte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte zu einem bedrückend intensiven Familienpsychogramm.

Da sind zunächst Jesses Eltern, ihre Träume und ihr Scheitern. Das verzweifelte Streben, irgendetwas Besonderes aus dem bisschen Lebenszeit zu machen. Doch es reichte nur für einen Imbisswagen, einen Glitzeranzug und zwei Jungs, die am gleichen Tag geboren wurden, an dem der King of Rock’n’Roll im fernen Memphis tot von der Toilette fiel. Auch der Wunsch des Vaters, der Geist von Elvis und vor allem sein Talent möge in die Rahlstedter Zwillinge fahren, ging nicht in Erfüllung. Stattdessen scheinen sie das Verlierer-Gen der Eltern geerbt zu haben.

Und so sitzt Jesse tagein, tagaus im Klaus Meine hinterm Tresen und blickt seinen volltrunkenen Stammgästen in ihr verlebtes Gesicht. Er weiß genau, sein Leben ist beinahe genauso trostlos wie ihres, aber es ist zumindest sein eigenes Leben. Eines, das er nicht mit seinem Bruder Aaron teilen muss, der ihn im Lauf der Zeit immer mehr kopierte, nachahmte und sich gegenüber Freunden sogar für ihn ausgab. Nach seiner Flucht aus Rahlstedt fühlte sich Jesse zunächst in Sicherheit. Doch er ahnt: Aaron ist ihm auf der Spur, vielleicht hat er ihn bereits gefunden.

Jesses Verfolgungs-Paranoia wächst, wird konkreter, nimmt immer mehr Raum ein. Er trinkt dagegen an, versucht zu verdrängen und auch der Sache nüchtern auf den Grund zu gehen. Aber nichts hilft; ihm fehlen die Beweise. Dennoch ist sich Jesse sicher, dass Aaron in der Nähe ist, vielleicht gerade in diesem Moment mit seiner Freundin Mona schläft, sein Leben Schritt für Schritt übernehmen will. Alles entwickelt sich zu einer am Ende wirklich super spannenden und bemerkenswerten Geschichte. Der relaxte Erzählton und der zurückhaltende, niedersächsische Humor bilden einen interessanten Kontrast zu der sich bedrohlich entwickelnden Szenerie, den tiefschürfenden Tresengedanken und der Tragik gescheiterter Lebensentwürfe.

Gewidmet ist dieser sehr empfehlenswerte Debütroman doch tatsächlich dem kleinen großen Sohn von Hannover-Langenhagen. Klaus Meine ist zwar kein Elvis, hat kaum noch Haare und kann nicht tanzen, doch dafür kann er wunderbar pfeifen. Der Autor tut das zwar nicht, aber wer will, könnte daraus ableiten, dass es oft die kleinen Dinge sind, die Großes bewirken. Wie auch bei diesem Buch: kleiner Verlag, große Entdeckung.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
315 Seiten, 24,00 €