Sasha Marianna Salzmann – Ausser sich

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Jeder kennt das: man liest ein Buch, das einem eigentlich ganz gut gefällt. Es ist sprachlich herausragend, hat einen guten Sound, und es könnte eine schöne Lesestimmung entstehen, wenn da nur dieses eine Wort nicht wäre: eigentlich. Denn uneigentlich kommt man damit nicht weiter. Ein paar Seiten jeden Abend, viel mehr ist nicht drin. Die Geschichte entwickelt keinen Sog, man kommt auch nach zweihundert Seiten nicht richtig rein und steigt daher irgendwann enttäuscht aus.

So ist es mir mit dem von der Literaturkritik hochgelobten Romandebüt der Theater-Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann gegangen. Zwei Wochen lang habe ich es immer wieder in die Hand genommen, wollte es unbedingt schaffen, doch es gelang mir nicht. Ich dachte zunächst, es läge an mir und suchte nach Entschuldigungen: habe wohl gerade zu viel um die Ohren, keinen Kopf für so verworrene Geschichten, aber morgen dann, ganz bestimmt, wäre ja auch schade drum.

Und irgendwann erstarrte der allabendliche Impuls, nach dem Buch zu greifen, schon in der Bewegung. Stattdessen griff ich zum Handy, zur Zeitung, sogar zur Fernseh-Fernbedienung und schließlich dann auch zu anderen Büchern, die ich ohne Probleme in einem Rutsch durchlas. Und das war dann der Todesstoß für dieses Werk. Als ich es pro forma nach ein paar Wochen Pause noch einmal in die Hand nahm, konnte ich mich erst recht nicht mehr in die verworrenen Zeit- und Handlungsstränge, Personen und Settings hineinfinden.

Wenn dieser Roman sprachlich nicht so überragend wäre, hätte ich überhaupt kein Problem damit, ihn mittendrin einfach abzubrechen, einen Verriss zu schreiben und das Ding so schnell wie möglich zu vergessen. Aber die Autorin hat großes Talent, ist eine echte Virtuosin und konstruiert tolle, klangvolle Sätze. Melodisch und rhythmisch fein austariert, mal lang, mal weniger lang, mal bildhaft und poetisch und dann wieder nüchtern und faktisch – perfekte Vorlesesätze. Aber Sprache ist halt nicht alles. Die Geschichte, das Setting, die Protagonisten, die Handlungsstränge, der rote Faden – das alles ist mindestens ebenso wichtig und sollte sich im Idealfall zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Und das tut es hier leider nicht.

Dabei ist die Geschichte nicht allzu kompliziert. Es geht um Alissa, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Zwillingsbruder Anton ist. Die Suche führt sie nach Istanbul, mitten in die Wirren der Aufstände am Taksim-Platz. Es gibt immer wieder Zeitsprünge, und wir erfahren wie die Eltern und Großeltern als Juden in der Sowjetunion gelebt haben, bis sie in den Neunziger Jahren nach Deutschland emigrieren durften. Anton verschwindet irgendwann spurlos, nach Jahren erreicht die Familie eine Postkarte von ihm aus Istanbul, und Alissa macht sich auf die Suche.

Das Themenspektum ist riesig: Politik, Religion, Familie, Emigration und Immigration. Das alles hätte vollkommen ausgereicht, um einen großen Gegenwartsroman zu schreiben. Doch nicht für die begabte Jungautorin Salzmann. Aus Alissa wurde Ali und aus dem ohnehin schon thematisch überfrachteten Roman-Gemengelage ein queeres Vewirrstück. Das war der Punkt, an dem ich dann ausgestiegen bin. Nicht weil ich mit der Transgender-Thematik nichts anfangen kann, sondern weil sich die Autorin einfach mit den Themen übernommen hat. Eine russisch-deutsche, gleichgeschlechtlich liebende, transgender Protagonistin jüdischen Glaubens mitten im muslimischen Istanbul während der aktuellen politischen Unruhen – das ist einfach übertrieben konstruiert und nicht mehr glaubwürdig. Da rolle ich mit den Augen und bin raus.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
366 Seiten, 22,00

 

Der Buchtrailer:

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Simon Strauß – Sieben Nächte

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Du bist Anfang zwanzig, hast den Bachelor in der Tasche und letzten Sonntag CDU gewählt? Dann könnte das ein Buch für dich sein. Du fragst dich, wie der nächste Karriereschritt aussehen könnte? Auf eine Stelle bewerben oder lieber noch den Master machen? 40.000 im Jahr müssten jetzt schon machbar sein. In fünf Jahren das Doppelte und spätestens mit 30 dann sechsstellig. So lautet der Plan, das hast du dir fest vorgenommen.

Kein Problem, hau rein, du schaffst das. Aber vorher tue mir bitte noch einen Gefallen: Lies dieses Buch. Es dauert auch nicht lange. Es ist dünn, an einem Abend bist du damit durch. Und dann schlaf einfach mal ne Nacht darüber. Lass das alles auf dich wirken, und wenn du dich am nächsten Morgen fragst, warum ich dir das überhaupt empfohlen habe, was dir dieses Buch hätte sagen sollen, außer ein paar wirren Gedanken, dann ist alles gut. Dann muss ich dir auch gar nichts mehr erklären. Denn dann bist du definitiv auf dem richtigen Weg. Mach einfach weiter so, fordere beim Bewerbungsgespräch 50.000 Euro und bestell dir nach der Probezeit deinen ersten BMW.

Wenn es dir aber beim Lesen der knapp 140 Seiten so ging wie mir, wenn du das schmale Büchlein nicht mehr aus der Hand legen konntest, einige Passagen sogar laut gelesen hast, um die Kraft und den Pathos des Geschrieben besser zu spüren, dann, ja dann brauche ich eigentlich auch gar nichts mehr zu sagen. Es wird jetzt unter Garantie irgendetwas in dir arbeiten.

Innehalten, noch mal über alles nachdenken, sich an sich erinnern – darum geht es in diesem Buch. Und das macht man immer gerne, wenn mal wieder eine Dekade durchlitten ist. Man zieht ein Fazit und definiert neue Ziele. Oder wie Simon Strauß es auf Seite 20 so schön sagt: “Bevor der Moment des Übergangs kommt, die Zukunft mich für immer eingemeindet, will ich den festgelegten Ablauf noch einmal durchbrechen. Will mich mit aller Kraft an den Uhrzeiger hängen und versuchen einmal selbst Anstifter zu sein. Ein einziges Mal will ich spüren, wie es ist, groß anzusetzen, aus dem Schatten hervorzutreten, von oben auf das Geschehen herabzusehen. Ich will. Und ich kann.“

In „Sieben Nächte“ geht es um den Übergang von Zwanzig auf Dreißig – bei mir ist das schon lange her. Und doch kann ich mich noch ganz genau erinnern. Ich stand in voller Blüte, hatte mein Leben fest im Griff – so dachte ich. In Wirklichkeit aber war ich vollkommen fremdbestimmt. Alles folgte einem geheimen Plan. Familie und Karriere – darum drehte sich alles. In dieser Zeit habe ich nichts gelesen und nichts infrage gestellt. War zufrieden in meinem Hamsterrad.

Was wäre gewesen, wenn ich damals ein Buch wie dieses in die Hände bekommen hätte? Vielleicht hätte ich es nach ein paar Seiten entnervt zur Seite gelegt und es als dummes Geschwätz abgetan. Vielleicht aber auch nicht, denn ich war schon immer anfällig für eine gewisse Form von Größenwahn und Maßlosigkeit – zwei der sieben Todsünden, die in diesem Buch beschrieben werden.

Bevor ich weiter abschweife, will ich kurz noch erzählen, worum es überhaupt geht. Zunächst einmal: Es ist kein Roman, obwohl es eine Art Rahmenhandlung gibt. Der namenlose Protagonist wird demnächst Dreißig, blickt auf sein Leben zurück und schließt mit einem Unbekannten einen Pakt. In sieben Nächten stellt er sich jeweils einer der Todsünden und schreibt seine Erfahrungen auf. Am Ende gibt es ein Fazit. Das war’s auch schon in Sachen Handlung. Alles andere ist freie Assoziation. Simon Strauß lässt seinen Gedanken freien Lauf, schreibt alles auf, was ihm zu den Themen Hochmut, Völlerei, Faulheit, Habgier, Neid, Wollust und Jähzorn durch den Kopf geht. Und dieser Flow ist wirklich bemerkenswert.

Um diese Art Pamphlet genießen zu können, sollte man sich zunächst von der Erwartung frei machen, eine Bestandsaufnahme des geistigen Zustands der Twenty-Something-Generation zu bekommen. Das hier ist auch keine philosophische Auseinandersetzung mit den sieben Todsünden. Es geht nicht um Inhalte, um das, was für Völlerei, für Wollust oder Jähzorn stehen könnte. Auch nicht darum, welcher Versuchung man unbedingt noch nachgehen sollte, bevor man 30 wird. Nein, hier geht es um ein Gefühl, um ganz persönliche Ansprüche, Haltungen und Ansichten. Subjektiv verbrämt und nicht vollständig durchdacht – so wie Tagträume und Gedankenströme nun mal sind. Diese Authentizität macht das Buch für mich so wertvoll und überzeugend.

Wer keinen emotionalen Zugang findet, wird mit diesem Buch stranden. Eine rationale Auseinandersetzung mit dem Text macht erstens keinen Spaß und fördert zweitens zahllose Ungereimtheiten, geschwätzige Wiederholungen, antiquierte Begriffe und schräge Wortbilder zutage. Katharina Herrmann hat das in ihrer sehr lesenswerten Rezension wunderbar treffend ausgeführt. Mich hat das alles nicht gestört. Stattdessen habe ich mich an der Sprachmelodie und dem Rhythmus erfreut. Ich kann nur empfehlen, es laut zu lesen. Schon nach wenigen Seiten ist man im Flow.

Wenn ich ehrlich bin, ist dieses Buch genau das, was ich immer schon hätte schreiben wollen. Damals Mitte/Ende zwanzig, als ich mir vorgenommen habe, im Leben keine kleinen Brötchen zu backen, immer das etwas größere Rad zu drehen und mutig nach vorne zu gehen.

Damals? Eigentlich hat sich nichts verändert. Ich will das alles immer noch. Gleich morgen fang ich damit an.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Blumenbar Verlag (Aufbau) 
140 Seiten, 16,00 €

Édouard Louis – Im Herzen der Gewalt

2

Ich finde solche Geschichten ja immer etwas übergriffig. Da lässt einer die Hosen runter, erzählt schonungslos von einem schrecklichen Erlebnis, von Demütigung, Raub, Vergewaltigung, versuchtem Mord. Er beschreibt seine Todesangst, die Schmerzen, das Davor und das Danach, die Konsequenzen, die Rückblenden, die quälenden Gedanken und Erinnerungen. Für ihn ist danach nichts mehr so, wie es vorher war. Das alles schreibt er auf, macht sich nackig, lässt nichts aus, schont und schützt sich nicht.

Was soll, was kann man als normal empfindender Mensch anderes dazu sagen, außer: Chapeau! Kompliment, das ist mutig, wichtig, vorbildlich. Vielleicht noch: tut mir leid, das hat mich tief bewegt, mich wütend und traurig gemacht. Aber es ist richtig und wichtig, dass das mal aufgeschrieben wurde. Nicht nur der Vorfall an sich, auch das Danach, das Verarbeiten, die Strafverfolgung, die erneute Demütigung, all die Urteile und Vorurteile. Das alles passiert ja immer wieder, ist beileibe kein Einzelfall. Ein wichtiges Buch, gerade heutzutage, das einen zwingt, auch mal wieder über Verständnis und Toleranz nachzudenken.

So weit so gut. Aber wenn man nun eine ganz andere Meinung zu diesem Buch hat? Wenn man es übertrieben, langatmig, aufgeblasen, nervtötend, kalkuliert und in höchstem Maße übergriffig findet, ist das dann auch ok? Oder ist man dann automatisch unsensibel, ein ungehobelter, grober Klotz, ohne Empathie und Mitgefühl? Darf man so eine persönliche Beichte, einen Therapieroman überhaupt kritisieren? Den Aufbau, die Lesestimmung, die Dramaturgie? Ist es legitim, dem Autor vorzuwerfen, dass die vielen Erzählperspektiven sich nicht stimmig zusammenfügen? Darf man sich überhaupt ein Urteil erlauben, wenn man selber nichts vergleichbar Schreckliches erlebt hat?

Das meine ich, wenn ich sage, die Geschichte ist übergriffig. Als Leser ist man im Opferschutz-Programm gefangen. Ich fühle mich nicht frei, anders zu urteilen, als wie der Klappentext es vorgibt: „…ein literarischer Schock“, „mutig und aus tiefer Notwendig heraus geschrieben “, „nuanciert, aufwühlend, sprachgewaltig“ von “einem der bedeutendsten Autoren seiner Generation“. Das sind die politisch korrekten Meinungsbilder, das darf gesagt werden. Alles andere verbietet einem der Respekt vor dem Geschehenen und der Person des Autors.

Und jetzt frage ich mich, warum müssen wir Leser eigentlich wissen, dass dieser Roman autobiografisch ist? Um die erzählerischen Schwächen durch ein Mehr an Authentizität wieder auszugleichen? Wie dem auch sei, mich hat das Beschriebene weder geschockt, noch fand ich es erzählerisch oder sprachlich besonders. Es hallt nicht nach, es bleibt nichts zurück. Ich hab’s vor knapp zwei Wochen gelesen und fast schon wieder vergessen.

Erinnern tue ich mich aber an den erhobenen Zeigefinger, mit dem der Autor auf Vorurteile und Ressentiments gegenüber Ausländern und Homosexuellen hinweist. Und das ist insofern besonders fragwürdig, weil alles, was passiert, eigentlich den gängigen Klischees entspricht. Spontaner, schneller Sex mit einem Unbekannten – das scheint nicht ungewöhnlich in der Schwulenszene zu sein. Ebenso klischeehaft ist das Bild des Nordafrikaners, der körperliche Nähe sucht, um einen zu beklauen. Und wenn Edouard Louis dann betont, dass der Täter kein normaler Algerier, sondern ein Kabyle ist, sagt das in meinen Augen gar nichts aus und ist stattdessen nur eine andere Form von Rassismus.

Ich habe mir den Autor bei Youtube angeschaut. Ein sehr sympathischer Kerl – introvertiert und nachdenklich. Kein aufgeregtes Huhn, kein Show-Typ. Ich nehme ihm ab, dass er aus dem Erlebten keinen Profit schlagen wollte. Dass er nur nach einem Weg gesucht hat, das alles zu verarbeiten. Es tut mir ehrlich sehr leid, was ihm passiert ist. Aber berührt hat mich seine Geschichte nicht.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
217 Seiten, 20,00 Euro
Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

Weitere Besprechungen zu dem Buch bei: Masuko13letteratura und Literaturen

 

Colson Whitehead – Underground Railroad

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Ja, das ist ein wichtiges Buch. Ja, gerade jetzt in dieser Zeit. Ja, man sollte es lesen, unbedingt. Und wenn man mich dann noch fragt, ob es auch Spaß macht, gut geschrieben ist und einen nachhaltig bewegt, kann ich nur antworten: Ja! Ja! Ja!

Wer kurze und knackige Empfehlungen mag, kann jetzt schon aufhören zu lesen, sollte stattdessen lieber in die Buchhandlung gehen und sich dieses Buch besorgen. Und wer wie ich als Kind voller Begeisterung ‚Onkel Toms Hütte‘ und ‚Tom Sawyers Abenteuer’ gelesen hat, mit Tränen in den Augen die Verfilmung von Haleys ‚Roots’ im Fernsehen gesehen hat und zuletzt auch Tarantinos ‚Django unchained’, wird von ‚Underground Railroad‘ nicht minder beeindruckt sein.„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – hier zeigt sich wieder mal, wie wahr das ist.

Aufgrund der genannten literarisch/filmischen Vorbilder erscheint einem das Setting von ‚Underground Railrood’ merkwürdig vertraut: Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Baumwollplantage in den Südstaaten. Man sieht das hölzerne Herrenhaus mit großer Terrasse, den Plantagenbesitzer mit weißem Hut und schlechten Zähnen und die eingeschüchterten Sklaven geradezu vor sich. Colson Whitehead erzählt die Geschichte des Sklavenmädchens Cora, die auf so einer typischen Baumwollplantage in Georgia aufwächst. Zusammen mit Caesar flieht sie eines Tages von der Farm und entkommt mithilfe der sogenannten Underground Railroad in die Freiheit.

Natürlich läuft das alles nicht reibungslos, nicht ohne Rückschläge. Nach ein paar Monaten trügerischer Sicherheit in North-Carolina, folgt die erneute Flucht und Gefangennahme. Underground Railroad ist über weite Strecken ein typischer Abenteuerroman, der einen als Leser fasziniert mitfiebern und nägelkauend Seite um Seite umblättern lässt. Man braucht ein wenig, um reinzukommen, doch dann kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen und liest die 350 Seiten in einem Rutsch durch.

Obwohl ich mich schon immer für das Thema interessiert habe, von einer Underground Railroad hatte ich noch nie gehört. Und natürlich hat dieses geheime unterirdische Eisenbahnnetz, über das die Sklaven quer durchs Land bis nach Kanada flüchten konnten, so nicht existiert. Die Railroad war vielmehr ein informelles Netzwerk, eine Art Fluchthilfe-Geheimbund der Sklavengegner. Und während all die geschilderten Grausamkeiten in der einen oder anderen Form sicherlich genau so stattgefunden haben, hat es die langen Fahrten durch die dunklen, kalten Tunnel der Underground Railroad so nie gegeben. Diese surreale Finesse hebt die Geschichte auf eine andere Ebene, unterscheidet diesen Roman von ‚Onkel-Toms-Hütte‘, ‚Roots’ und den unzähligen anderen Abenteuer- und Fluchtromanen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich schon mal einen Roman von Colson Whitehead gelesen. Natürlich kann ich mich nicht mehr an alle Handlungsdetails erinnern – in ‚John Henry Days’ ging es auch um Afroamerikaner, um Eisenbahnbau und die triste amerikanische Provinz. Die Lese-Stimmung war ähnlich intensiv, beeindruckend und pageturnend. Whitehead ist ein Meister seines Fachs, ein beeindruckender Erzähler, der gut unterhält und gleichzeitig zum Nach- und Weiterdenken anregt. Immer wieder musste ich beim Lesen kurz innehalten und den aufkommenden Gedanken nachgehen. Zum Beispiel, welches Verbrechen der amerikanischen Geschichte wohl schlimmer zu werten ist: die Vertreibung, der Mord und die Kasernierung der amerikanischen Ureinwohner oder die Sklavenhaltung auf den Baumwollplantagen der Südstaaten? Einen Menschen als Eigentum zu betrachten, als Gebrauchsgegenstand, ihn zu quälen, zu missbrauchen und wenn er nichts mehr taugt, einfach zu töten – einfach weil man es kann? Oder aber einem Menschen alles wegzunehmen ­– Land, Identität, Kultur – und ihn mit ein paar Flaschen Whisky zum Trost seinem Schicksal zu überlassen?

Auf dem Backcover steht. „Ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Nun ja – seit Donald Trump hat man das Gefühl, dieses Gesicht sehr gut zu kennen. Und man weiß mittlerweile auch, dass das Thema immer noch nicht durch ist. Sklaverei und Rassentrennung sind zwar seit Jahrzehnten abgeschafft, aber in den Köpfen der weißen Landbevölkerung hat sich nicht viel verändert. Die Vorfälle in Charlottesville zeigen, dass all das, was in diesem Buch als Vorkommnisse aus der Mitte des 19.Jahrhunderts beschrieben wird, eigentlich jederzeit wieder passieren kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, entwickeln sich im Moment überall auf der Welt Dinge wieder zurück. Konflikte, die wir überwunden zu haben glaubten, entzünden sich aufs Neue. Manchmal wünsche ich mir, einfach eine geheime Falltür zu öffnen und mit der Underground Railroad vor all dem zu flüchten. Kilometerweit durchs dunkle Tunnelsystem bis nach Kanada, ein Land, das damals wie heute eine echte Alternative zu sein scheint. Doch Wölfe gibt es da auch, sogar echte.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
352 Seiten, 24,00 Euro
übersetzt von: Nikolaus Stingl

 

José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

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Ich schreibe hier den Namen des Autors hin, der gar nicht mal so schwer zu merken ist, und vergesse ihn innerhalb von zwei Minuten wieder. Schon seit einigen Jahren beobachte ich dieses Phänomen an mir und kann es nicht erklären. Da ist scheinbar ein ganz großes schwarzes Loch in meinem Gehirn, wo alles hineinfällt und verschwindet, was irgendwie mit Literatur aus Spanien, Portugal oder Lateinamerika zu tun hat.

Vielleicht ändert sich das ja irgendwann mal – so meine Hoffnung – wenn ich endlich mal ein wirklich gutes Buch aus einem dieser Länder gelesen habe. Eines, das sich nicht wie ein Märchen für Erwachsene anhört. Eine Geschichte, die keine Allegorie für irgendetwas sein will, nicht gefühlsüberladen oder kitschig-sentimental. Und so versuche ich es immer wieder, greife zu diesen für mich namenlosen Autoren, um immer wieder neu enttäuscht zu werden. Im besten Falle lege ich das Buch mit einem Schulterzucken zur Seite und vergesse es noch im selben Moment. Oder aber ich pfeffere es nach ein paar Seiten angeekelt in die Ecke und schwöre mir, nie wieder auch nur den Versuch zu wagen.

Leider war auch dieser Roman keine Ausnahme, obwohl der Titel „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ und die Story eigentlich ganz vielversprechend klangen. Da mauert sich eine Frau am Vorabend der angolanischen Revolution im Penthouse eines Hochhauses ein und lebt dort dreißig Jahre unentdeckt. Mich hat interessiert zu erfahren, wie man das überlebt, so ohne Lebensmittel, Wasser und Strom, warum man das überhaupt macht und was einem in dieser Zeit so alles durch den Kopf geht. Von einer angolanischen Revolution hatte ich vorher auch noch nie gehört und auch noch nie einen Roman gelesen, der in diesem Land spielt. Also die Bereitschaft, mich auf diese Geschichte einzulassen, war durchaus da, zumal der Zeitbedarf für die Lektüre sich angesichts der gerade mal 190 Seiten in Grenzen hält. Aber es war auch dieses Mal wieder nichts Anderes als eine schnöde Märchenstunde.

Dieser portugiesische Autor, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, kann sich natürlich nicht darauf beschränken, nur die Geschichte seiner Hauptfigur Ludovica zu erzählen. Nein, er lässt noch eine ganze Reihe holzschnittartig gezeichneter Figuren auftauchen, die alle entweder gut oder böse, bettelarm oder steinreich sind. Da wird ein skrupelloser Auftragskiller in den Wirren der Revolution an die Wand gestellt und exekutiert. Doch er stirbt nicht, wird von einer guten Fee namens Magdalena aufgenommen, gesund gepflegt und in einem angolanischen Stammesdorf versteckt, wo aus dem Saulus ein Paulus wird. Dann ist da noch ein tanzendes Flußpferd, ein Affe, eine Taube mit Diamanten im Bauch, ein kleiner Straßenjunge sowie eine verloren geglaubte Tochter. Und natürlich darf in der kitschig-schwülstigen Märchenwelt auch eine große Bibliothek mit mehreren tausend Büchern nicht fehlen. Am Ende kommt es zum großen Showdown, vor der Tür der Alten, Gut trifft auf Böse und oh Wunder – das Gute gewinnt.

Das ist jetzt natürlich etwas zynisch zusammengefasst und meinem gestörten Verhältnis zu ibero-literarischen Erzeugnissen geschuldet. Aber es kann doch wohl nicht sein, dass ich immer wieder meine Vorurteile bestätigt bekomme. Gibt es eigentlich keine coolen spanisch- oder portugiesisch-sprachigen Gegenwartsautoren? Natürlich muss es die irgendwo geben, ich kenne sie nur nicht. Mein Verdacht ist ja, dass die nicht-kitschigen Spanier und Portugiesen einfach nicht ins Deutsche übersetzt werden und daher hierzulande gar nicht stattfinden. Und der Verlagsbranche ist das auch nur recht, denn Märchen für Erwachsene verkaufen sich gut. Wo Xavier, José oder Paolo draufsteht, ist immer ganz viel Gefühl mit drin – zum Schwelgen, zum Träumen und Sich-Verlieren. Und immer gibt es eine Botschaft, eine Lebensweisheit, mit der man am Ende der Lektüre belohnt wird. Warum sollte man sich diese Marke kaputt machen, indem man junge, außergewöhnliche Autoren/innen mit schrägen oder gar verstörenden Texten publiziert?

Die Botschaft nach der Lektüre dieses Romans lautet für mich: Nicht aufgeben und weiter auf der Suche nach einem/r guten Spanisch oder Portugiesisch schreibenden Autor/in bleiben. Ich melde mich, wenn ich endlich fündig geworden bin.

 

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Verlag: C.H. Beck
übersetzt von: Michael Kegler
197 Seiten, 19.95 €

Theresia Enzensberger – Blaupause

2

Als Vater zweier erwachsener Söhne freue ich mich immer, wenn ich höre, dass Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Es funktioniert also doch noch, den Stab von Generation zu Generation weiterzureichen, Vorbild statt abschreckendes Beispiel zu sein. Ich habe bisher nichts vom Vater der Autorin gelesen, kenne Hans Magnus Enzensberger nur dem Namen nach, deswegen kann ich keine Vergleiche anstellen und nichts weiter zu der Vater/Tochter-Geschichte sagen.

Nichts sagen werde ich auch zur Nicht-Nominierung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Seit die ersten Kritiken zu Theresia Enzensbergers Romandebüt auftauchten, war Blaupause für mich ein klarer Kandidat. Nachdem ich es jetzt selbst gelesen habe, finde ich es geradezu skandalös, dass dieser Titel nicht nominiert wurde. Aber darüber zu diskutieren, welches Buch für den Deutschen Buchpreis infrage kommt oder nicht, ist ebenfalls mehr als müßig und in diesem Jahr auch nicht meine Aufgabe.

Und so kann ich diese beiden Themen getrost beiseite lassen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: Inhalt und Form dieses Romans. Die Inhaltsangaben im Klappentext haben sofort mein Interesse geweckt. Ein literarisches Werk, das Einblick in die wilden, prägenden Jahre der Bauhaus-Akademie in Weimar und Dessau verspricht, ist mir bisher nicht untergekommen. Ich finde, das allein ist schon mal eine tolle Idee. Ich mag die Bauhaus-Bewegung – die Architektur, die Werbegrafiken, das Design von Möbeln und Uhren – aber eigentlich weiß ich viel zu wenig darüber. Klar kenne ich den Gropius-Bau in Berlin und die Bilder von Kandinsky und Paul Klee. Hier bei uns in Krefeld gibt es sogar einige Fabrikanten-Villen, die von Mies van der Rohe gebaut wurden. Alles, was heutzutage irgendwie Design ist, ist ohne die Bauhaus-Bewegung nicht denkbar.

Die Autorin lässt die wilde Weimarer Zeit durch ihre Erzählung sehr bildhaft und stimmig wieder auferstehen. Noch ehe man sich versieht, hat einen die Geschichte gefangen genommen und nimmt einen mit zu den Esoterikern der sogenannten Mazdaznan-Lehre, einer frühen Form der heutigen Öko-Über-Eltern vom Prenzlberg, die sich in Weimar rund um den Künstler Johannes Itten formierte. Dies und weitere interessante Details über Fastenkuren, Drogenpartys, aufkommenden Antisemitismus und die damals aktuellen politischen Strömungen erfahren wir, indem wir Luise Schilling, eine junge Berliner Fabrikanten-Tochter, auf ihrem Weg durchs Studium am Bauhaus begleiten. Die Heldin des Romans will Architektin werden, doch das ist für eine Frau in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht so einfach – selbst am damals fortschrittlichsten Ausbildungsort der Welt.

Ich wusste viele Dinge rund um die Bauhaus-Lehre nicht und hab beim Lesen immer mal wieder gegoogelt und festgestellt, dass Enzensberger ihre Geschichte ziemlich nah an den historischen Fakten aufgebaut hat. Was man aber nicht bei Wikipedia findet, ist, dass die Bauhaus-Pioniere trotz ihres fortschrittlichen Denkens vor allem eine eingeschworene Männergemeinschaft waren, die Frauen in ihrer Runde nur am Webstuhl aber nicht auf der Baustelle tolerierten. Auch in Louises Elternhaus ist es diesbezüglich nicht viel anders. Der Vater holt sie nach dem Vorkurs raus aus Weimar und schickt sie auf eine Hauswirtschaftsschule. Die Mutter kann nicht verstehen, dass sie kein Interesse daran hat, einen netten Mann aus guten Hause zu heiraten, und der sich als Nachwuchspatriarch gebärdende Bruder ist auch nicht viel besser. Ein rückständiges Frauenbild, wie man es aus dem heutigen Islam kennt.

Was diesen Roman aber so besonders macht, ist nicht das Bauhaus und nicht die Zeit, in der die Geschichte spielt. Es ist die weibliche Protagonistin, die einem Seite für Seite immer mehr ans Herz wächst. Zwischen all diesen bedeutenden und stilprägenden Personen wie Gropius, Kandinsky und Klee, ist die Architekturstudentin und Fabrikantentochter Louise Schilling vor allen Dingen eins: Louise. Ein junges Mädchen, das ihren Dickkopf hat, gerne zeichnet, Fleisch isst, ausgelassen feiert und sich immer wieder in die falschen Männer verliebt. Liebevoll begleitet Enzensberger ihre Protagonistin durch die Geschichte. Sie ist der Mittelpunkt, um sie kreist die Geschichte. Das Bauhaus, der Sexismus, die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Nazis sind nur Beiwerk.

Der Verlag bezeichnet das Buch als sogenannten Campus-Roman. Nie gehört? Ich auch nicht. Erst dachte ich, das ist eine neue Erfindung des kreativen Hanser-Marketingteams zur verbesserten Ansprache der Lesezielgruppe Studenten und Akademiker. Doch dann musste ich feststellen, dass es dieses Genre tatsächlich gibt. So wie die Arzt-Romane, Köln-Krimis und Elfen-Epen. Auf jeden Buchtopf passt ja mittlerweile ein Genredeckel. Wenn ich Blaupause in eine Schublade einordnen sollte, dann stünde auf dieser jedenfalls nicht „Campus-Roman“, sondern eher sowas wie „überraschend gut“ oder vielleicht sogar „Romandebüt des Jahres“.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
256 Seiten, 22,00 Euro

 

Jonas Lüscher – Kraft

2

 

Früher als Kinder haben uns wir ständig solche Fragen gestellt: Für wieviel würdest du mit nackten Beinen durch Brennnesseln gehen, in den kalten Bach springen, einen ganzen Teller Rosenkohl essen? Je nachdem, wie unvorstellbar eklig oder schmerzhaft irgendetwas war, hieß es dann: Für eine Million würde ich es machen. Was soviel bedeutete wie: niemals. In den Neunzigern gab es dann mit dem Hollywood-Blockbuster „Ein unmoralisches Angebot“ eine Adaption dieses Spielchens für Erwachsene. Demi Moore bekam eine Million für etwas geboten, wofür andere Frauen ohne zu zögern sofort ihr Sparbuch geplündert und alles hergeben hätten: eine Nacht mit Robert Redford. Und jetzt hat Jonas Lüscher das Thema für die Intellektuellen im Lande aufbereitet: eine Million Dollar für die Antwort auf die Frage: weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können.

Ich hätte jetzt spontan geantwortet: Weil etwas, das nicht gut ist, gar nicht erst wäre und der Drang, Dinge andauernd verbessern zu wollen, der menschlichen Hybris geschuldet ist. Aber mich fragt ja keiner, und für so eine banale Antwort gäbe es auch keine Million Dollar. Nein, das muss in diesem Fall schon etwas philosophisch fundierter daherkommen und deshalb stellt sich auch der Tübinger Rhetorik-Professor Richard Kraft dieser Frage, um die vom us-amerikanischen Internet Millardär Tobias Erkner ausgelobte Prämie einzuheimsen. Geld, das Kraft dringend braucht, um sich nach zwei gescheiterten Ehen seine Freiheit zurückzukaufen. Denn – auch das lernen wir hier – ein vergleichsweise üppiges Hochschulprofessoren-Gehalt reicht nicht aus, um zwei anspruchsvollen Ex-Frauen und vier Kindern gerecht zu werden.

Der Roman kam in diesem Frühjahr raus und ist eigentlich schon durch. Er wurde viel gelobt und oft besprochen und gilt allgemein als die wichtigste Neuerscheinung dieses Bücherfrühlings. Normalerweise ist es nicht mein Ding, da jetzt ins gleiche Horn zu tuten und die dreihundertste Meinung beizusteuern. Doch das Buch hat mich immer wieder angelächelt, und als es jetzt als Lizenzausgabe bei der Büchergilde erschien, habe ich zugegriffen und bin sofort eingestiegen.

Im Prinzip ist dieser Roman das perfekte Buch. Denn hier wird mir all das geboten, weswegen ich so gerne lese. Ich tauche gerne in Geschichten ein, lasse mich vereinnahmen und fesseln. Das gelingt Lüscher bereits auf den ersten Seiten. Locker und erzählerisch gekonnt führt er uns in die philosophische Thematik und die Welt seiner intellektuellen Protagonisten ein. Nichts ist, wie zunächst befürchtet, schwer oder sperrig. Ganz im Gegenteil, es liest sich locker und unterhaltsam. Und mit dieser Leichtigkeit führt uns Lüscher auch zu den komplexeren Überlegungen, die Richard Kraft unternimmt, um der Preisfrage gerecht zu werden. Und jeder, der gerne liest, um über sich, die Welt und das, was sie zusammenhält, mehr zu erfahren, kommt hier ebenfalls voll auf seine Kosten. Auch wenn ich Kraft bei seinen mitunter langatmigen Überlegungen nicht immer folgen konnte, so habe ich mich doch mit großer Freude dieser Aufgabe gestellt und einiges für mich herausgezogen.

Und dann sind da noch die Charaktere, die aus einer Ansammlung von Überlegungen und Theorien erst einen richtigen Roman machen. Kraft und sein Studienfreund Ivan, die gescheiterten Beziehungen zur mütterlichen Ruth, der schweigsamen Johanna und der spöttischen Heike. Die vier Kinder, die Stanford-Elite-Studenten, der egozentrische Milliardär. Lüscher braucht nicht viel Raum, um seine Figuren zu skizzieren. Im Zentrum natürlich die Hauptfigur, Professor Dr. Dr. Richard Kraft, angesehener Wissenschaftler, Nachfolger des legendären Walter Jens auf dem Tübinger Rhetorik-Lehrstuhl. So respekt- und ehrfurchtgebietend seine gesellschaftliche Stellung auch ist, so jämmerlich kommt der Professor als Mensch daher. Eine tragische Figur, die trotz aller Begabung und intellektueller Fähigkeiten am Leben gescheitert ist. So etwas authentisch und ohne Brüche darzustellen, ist schon eine große Kunst, braucht viel Einfühlungsvermögen, Know-how und erzählerisches Talent.

Und als letzten Aspekt möchte ich noch den Kontext erwähnen, der dieses Werk zu einem für mich perfekten Roman macht. Die Geschichte bewegt sich auf einer Zeitachse von den frühen Achtziger Jahren bis heute; beleuchtet die unterschiedlichen Strömungen der Bonner Republik über die Zeit der Wende bis jetzt. Der Sturz der Regierung Schmidt, die lange Ära Kohl, die Hoffnungen und Enttäuschung durch Schröder. Ich bin nie politisch besonders aktiv gewesen, aber wenn überhaupt, dann genau in dieser Zeitspanne. Auch ich habe in den Achtzigern an der FU Berlin studiert, die linksalternative Studentenschaft erlebt und kann mir gut vorstellen, wie Typen wie Kraft und Ivan mit ihren konservativ, wirtschaftsliberalen Ansichten ausgegrenzt wurden.

Und so habe ich das Buch am Ende zugeklappt und mich gefreut, dass alles, was darin ist, gut ist, obwohl ich an der einen oder anderen Stelle durchaus noch Verbesserungspotenzial sehe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: C.H. Beck / Büchergilde (liz.)
237 Seiten, 19,95 €