Nino Haratischwili – Die Katze und der General

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Vier Jahre haben die Fans auf den Brilka-Nachfolger gewartet. Nun ist er endlich da, 760 Seiten dick und noch vor der Veröffentlichung für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Timing war perfekt. Die diesjährige Buchmesse mit dem Gastland Georgien war für Nino Haratischwili sozusagen ein Heimspiel. Kein Lesebühnensofa, auf dem die in Georgien geborene Ausnahmekünstlerin nicht gesessen hätte. Und über kein Buch wird derzeit mehr gesprochen, als über ihren neuen Roman „Die Katze und der General“.

Doch das, was so gesprochen wird, dürfte der Autorin und dem Verlag gar nicht gefallen. Und auch ich bin nicht sonderlich begeistert, um nicht zu sagen sehr enttäuscht von diesem Roman, auf den ich mich wie viele andere Nino-Fans auch sehr gefreut habe. Die Enttäuschung fing schon an, als ich im Sommer zum ersten Mal hörte, wie der Roman heißen sollte: „Die Katze und der General“. Ok, dachte ich, kann man machen, ist ja nur der Titel. Es gibt in der Literaturgeschichte viele erfolgreiche Beispiele, wo sowas gut funktioniert hat, wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Bei Büchern für eine junge Zielgruppe scheint es ein bewährtes Prinzip zu sein, die Geschichte einfach nach den beiden Hauptprotagonisten zu benennen. Aber für einen ernstzunehmenden Roman finde ich es irgendwie zu billig.

Man hätte den verunglückten Titel mit einer ansprechenden Covergestaltung auffangen können, aber das ist meiner Einschätzung nach nicht gerade die Stärke der Frankfurter Verlagsanstalt. Stattdessen wurde der bewährte Collage-Look von Brilka auf dieses Werk übertragen. Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wenn ich eines über Grafikdesign gelernt habe, dann, dass die Darstellung des allzu Offensichtlichen nicht unbedingt für eine hohe Kreativität des Entwurfs steht. Es zerschellen Hoffnungen wie ein Boot an Felsen, eine Romanfigur nennt sich Krähe, Rubiks Zauberwürfel kommt vor – und all das findet man dann auch bunt zusammengewürfelt auf dem Cover. Fehlen eigentlich nur noch eine stilisierte Katze und ein General.

Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten, und letztlich sind Titel und Cover zwar verkaufsentscheidend, aber auch Geschmackssache und sagen nichts über die eigentliche Qualität des Romans aus. Kommen wir also zum Inhalt.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Gleich zu Anfang des Romans lernen wir Nura kennen, die während des Tschetschenien-Krieges 1994/1995 Opfer eines Kriegsverbrechens wird. An der Vergewaltigung und Tötung von Nura sind vier russische Soldaten beteiligt, die eigentlich auf Fronturlaub sind. Mehr als zwanzig Jahre später ist einer der beteiligten Soldaten zum Oligarchen aufgestiegen. Durch einen familiären Schicksalsschlag geläutert, will der von allen nur General genannte Oligarch das Verbrechen sühnen und alle damals Beteiligten mit ihrer Schuld konfrontieren. Dafür engagiert er die Katze, eine Schauspielerin, die dem Opfer von damals zum Verwechseln ähnlich sieht. Es entwickelt sich, spitzt sich zu und kommt zu einem finalen Showdown, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Denn so sehr ich mich auch bemüht habe, ich habe den Roman nicht beendet, sondern nach ca. 300 Seiten endgültig abgebrochen.

Normalerweise gebe ich einem Buch ungefähr 50 bis 80 Seiten Zeit, mich als Leser aufzunehmen und in die Geschichte zu ziehen. Wenn ich bis dahin nicht drin bin, steige ich aus. Normalerweise. Aber da Nino Haratischwili eine meiner Lieblingsautorinnen ist, habe ich hier gleich mehrere Ausnahmen gemacht. Nach 100 Seiten legte ich das Buch zum ersten Mal frustriert für zwei Wochen zur Seite. Dann habe ich es mir noch mal vorgenommen und fühlte mich 100 Seiten später immer noch genauso fremd. So sehr ich mich auch bemühte, ich fand einfach keinen Zugang, bin zu keiner Zeit in die Geschichte reingekommen. Zu guter Letzt habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen, in der Hoffnung, darüber einen besseren Zugang zu finden. Doch auch das war vergeblich. Zwei, drei Stunden habe ich noch reingehört und es dann endgültig drangegeben.

Jetzt wird sich natürlich jeder fragen, was mich denn konkret gestört hat. Ich versuche es mal einzugrenzen. Der Plot ist nicht uninteressant und das Setting authentisch. Auch sprachlich habe ich bis auf ein paar reichlich dick aufgetragene Vergleiche nicht viel auszusetzen. Haratischwili schreibt halt opulent. Aber meiner Meinung nach sind Grundgerüst und Dramaturgie nicht stimmig. Zu viele ausufernd beschriebene Figuren, zu viele Schleifen führen dazu, dass der rote Faden der Geschichte immer wieder verloren geht. Folgendes Beispiel: Da sitzen fünf Leute um den Tisch einer Nebenfigur namens Tina, von der ich nach 200 Seiten immer noch nicht genau weiß, ob sie jetzt die Mutter oder die Schwester der Protagonistin ist. Kann ja sein, dass ich irgendwo nicht richtig aufgepasst habe. Aber statt, dass sich dies langsam aufklärt, wird mir auf den Folgeseiten zusätzlich noch die komplette Vita der fünf um den Tisch sitzenden Personen präsentiert, ausufernde Charaktersierungen, die auch Eltern und Großeltern mit einbeziehen. Vierzig Seiten später weiß ich immer noch nicht, wer genau jetzt Tina ist. Dafür kenne ich die komplette Lebensgeschichte der fünf neuen Nebenfiguren, die vom Tisch aufstehen und nie wieder gesehen werden. Vielleicht kommen sie 200 Seiten später ja nochmal ins Spiel, wenn man es denn bis dahin aushält. Und so mäandert die Geschichte Seite um Seite dahin, es kommt weder Spannung noch Wohlgefühl beim Lesen auf. Stattdessen Langeweile, Frustration und langsam sich steigender Groll über ein handwerklich so misslungenes Werk.

Es tut mir leid, das in dieser Deutlichkeit zu sagen. Wie ich im Netz gesehen habe, bin ich auch nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit diesem Buch hat. Die Nino-Fangemeinde, die Brilka noch uneingeschränkt gefeiert hat, ist sichtlich gespalten. Viele sind genauso enttäuscht wie ich, einige finden es ganz passabel, aber richtig begeistert ist – mit Ausnahme von ein paar Hardcore-Fans – keiner. Nicht ganz so rücksichtsvoll wie die eher freundlichen Blogger geht Denis Scheck mit diesem Roman ins Gericht. Komplett misslungen und eine Verschwendung von Lebenszeit, so sein harsches Urteil. Und so leid es mir tut, er hat recht. Wenn eine Autorin es nicht schafft, einen motivierten und um das Buch bemühten Leser in eine im Prinzip sehr spannende und erzählenswerte Geschichte zu ziehen, dann hat sie einfach ihren Job nicht gut gemacht.

Warum dieses Buch dann auch noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, erschließt sich mir wieder einmal nicht. Trotzdem ist und bleibt Nino Haratischwili eine sehr beachtenswerte Autorin, die mit dem Vorgängerroman „Das achte Leben (für Brilka)“ echte Weltliteratur geschrieben hat. Also: die Katze bitte auslassen und stattdessen Brilka lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
750 Seiten, 30,00 Euro

Hörbuch:
HörbuchHamburg HHV
Gelesen von: Peter Kaempfe, Torben Kessler, Luana Velis, Valery Tscheplanowa
Dauer: 23 h, 21 Min.

Michael Kumpfmüller – Tage mit Ora

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Ich kann mir schon vorstellen, was einige meiner jüngeren Bloggerkollegen zu Michael Kumpfmüllers neuem Werk sagen würden, wenn sie es denn jemals lesen sollten. Sowas ähnliches wie: alter weißer Mann schreibt ein Buch über einen alten weißen Mann, der mit einer deutlich jüngeren Frau auf Reisen geht, seinen zweiten Frühling erlebt und gedanklich sein Leben noch mal Revue passieren lässt. Solche Geschichten, höre ich sie sagen, kennen wir von anderen alten weißen Männern wie Bodo Kirchhoff oder noch älter: Martin Walser. Das ist so gewöhnlich, so ausgelutscht, so wenig zeitgemäß. Kein debattentaugliches Thema, kein politisches Statement, kein LGBTQ, ja noch nicht mal irgendwas mit Georgien. Wer soll sowas lesen? Wo ist die Botschaft? Wem kann man heutzutage noch so ein langweiliges Buch verkaufen?

Mir zum Beispiel. Mittelalten Männern, die vorzugsweise unaufgeregte, leise Geschichten präferieren. Mit Protagonisten, die einem ähneln, die weniger Leben vor als hinter sich haben, die zwar enttäuscht und frustriert sind, aber ihren Lebensmut trotzdem nicht verloren haben. Oldschool-Typen, die Frauen noch als entzückende Wesen bezeichnen, sich Hotelzimmer für 200 Dollar mieten und junge Musik hören, um nur so alt zu erscheinen, wie sie sich fühlen. Solch gesettelten Kunden kann man auch ein Buch mit weniger als 180 großzügig formatierten Seiten für stolze 19 Euro verkaufen. Menschen, für die das Lesen von Büchern eine Art Trost ist; Ablenkung von, und ein Sich-Arrangieren mit Dingen, die nun mal so passiert sind.

Auch wenn die Twentysomething-Generation das in ihrer juvenilen Hybris nicht glauben mag, die meisten von uns mittelalten Knackern sind ganz zufrieden mit sich, wollen gar nicht mehr jung sein, sondern denken vielmehr mit Schrecken an die Irrungen und Wirrungen ihrer jungen Jahre zurück; all die verpassten Chancen, unausgegorenen Ansichten und Peinlichkeiten. Kein verkrampftes „ich will, ich muss, ich brauche unbedingt“ mehr, stattdessen lieber: „ich weiß, hab ich schon gehabt und schaun mer mal, was noch kommt“.

Genauso unaufgeregt und entspannt, wenn auch mit Unterstützung entsprechender Psychopharmaka, kommt der mittelalte Protagonist dieses kleinen sympathischen Romans daher. Mitten in einer Lebenskrise lernt der namenlose Erzähler die zehn Jahre jüngere Ora kennen. Und anstatt in seinem Lebensüberdruss vom Balkon zu springen, stürzt sich der über 50-jährige in eine Beziehung mit der für ihn so entzückenden Person. Auch Ora hat bereits ein vielfältiges Beziehungsleben hinter sich, hat ihre Blessuren davongetragen und ebenfalls Trost in kleinen bunten Pillen gefunden. Sie nähern sich zaghaft an und beschließen irgendwann, zu verreisen. Denn – so beider gemeinsame Lebenserfahrung – bei keiner Gelegenheit lernt man sein Gegenüber besser kennen,als beim gemeinsamen Reisen. Und so geht es noch vor dem ersten Sex auf einen Roadtrip durch die USA, den Spuren eines Songs der Band Bright Eyes folgend. Auf dieser Reise kann der erzählende Protagonist dann seinen größten Trumpf ausspielen: absolute Entspanntheit, sich selbst zurücknehmen, alles mitmachen und immer gute Laune haben. Eigenschaften, die auf Reisen mehr zählen als jede Bikini-Figur, die man aber erst im Alter richtig zu schätzen weiß.

Es war mir eine wahre Freude, diese beiden turtelnden BestAger auf ihrem Urlaubstrip zu begleiten, die zaghafte Annäherung und das respektvolle, wertschätzende Miteinander zu verfolgen, bei der die sexuelle Komponente zwar nicht ausgeschlossen ist, aber nicht im Vordergrund steht. Denn beide haben diesbezüglich schon genug erlebt, es an den ungewöhnlichsten Orten getrieben, alles ausprobiert – im Auto, im Wald und im Maisfeld – und letztlich festgestellt, dass es in einem bequemen Bett und mit einem liebevollen Menschen immer noch am schönsten ist.

Und das ist es auch schon, was als Erkenntnis nach dem Lesen dieses mit außerordentlicher Leichtigkeit geschriebenen Buches übrig bleibt. Dass man sich im Leben zwar viel vornehmen und erreichen kann, es aber alles nur halb so viel wert ist, wenn man es nicht teilen kann. Entweder auf Facebook oder Instagram oder eben auf althergebrachte Art: mit dem richtigen Partner an seiner Seite.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
179 Seiten, 19,00 Euro

 

Heinz Helle – Die Überwindung der Schwerkraft

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Wenn ein Autor zu langen Sätzen greift, zu nicht enden wollenden Konstruktionen, wenn sich das, was er zu sagen hat, in endlosen Schleifen aneinanderreiht, er dem Leser keine Pause gönnt, ihn rastlos, atemlos und treibend vor sich her hetzt, durch ein Meer an Haupt- und Nebensätzen, Strudeln mit Einschüben, Erweiterungen, Satzreihen und Satzgefügen schwimmen lässt, dazu noch keine Kapitel, ja, noch nicht mal Absätze als Leserastplätze anbietet, wenn kein Etappenziel sichtbar ist, vor einem nichts als eine zweihundert Seiten lange Bleiwüste, die man in Erwartung einer kathartischen Erlösung entweder bis zum bitteren Ende durchschreiten oder aber als Verlierer, Gescheiterter vorzeitig verlassen kann; wenn jemand so etwas macht, dann kann man davon ausgehen, dass dieser Jemand einen gewissen literarischen Anspruch hat, die Nominierung für mindestens zwei oder drei Literaturpreise bereits fest einplant, dass er nicht den gestressten und Entspannung suchenden Leser ansprechen will, sondern die, die so einen Anspruch goutieren, wertschätzen, die nicht den Kopf schütteln, sondern sich mit Wollust in dieses Meer an Sprache stürzen, sich laben, lautsprechen und begeisterte Rezensionen schreiben. Punkt. Kurze Pause. Weiter. Tatsächlich macht Heinz Helle in seinem neuen Roman auch immer mal wieder einen Punkt, mindestens einen pro Seite, aber Absätze macht er keine, da kennt er keine Gnade und jeder, der das hier liest, diesen Bandwurm bis hierher verfolgt und ertragen hat, weiß jetzt so in etwa, was bei „Die Überwindung der Schwerkraft“ auf ihn zukommt, natürlich um einiges besser und kunstvoller, als ich das hier vermag, aber vom Prinzip her gleich. Und obwohl ich eigentlich auch ein eher gestresster und Entspannung suchender Leser bin, hat mich dieser auf den ersten Blick leseunfreundliche Stil überhaupt nicht angestrengt, sondern auf sehr angenehme Weise in eine Art kontemplativen Leseflow versetzt, der mich geradezu wie auf Wolken durch die Geschichte der zwei Brüder, den Hauptfiguren dieses Romans, geführt hat, die genau genommen Halbbrüder sind, nur den Vater teilen, ein paar Jahre auseinander sind und auch sonst nicht viel gemeinsam haben, aber irgendwie doch aneinander hängen, denn sie sind ja schließlich Brüder, haben das gleiche Blut, zumindest zur Hälfte, und da verzeiht man so manches, hat Verständnis und kann den anderen, auch wenn man es gerne möchte, nie so ganz aus den Gedanken streichen, obwohl die Gedanken immer wieder assoziativ abschweifen, zum belgischen Kinderschänder Marc Dutroux, dem Förster, der ihn festgenommen hat, zu allerlei anderem Zeug, um dann am Ende wieder zurückzufinden, zu dem, was einen verbindet, beziehungsweise einst verbunden hat, denn der Bruder stirbt, ist eines Tages einfach nicht mehr da und zurück bleiben jede Menge ungeklärte Fragen, endlose Gedankenschleifen, verschwommene Bilder gemeinsam verbrachte Abende, letzte Eindrücke, ein letztes Bier und ein letzter langer Satz.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
208 Seiten, 20,00 €

Heinz Helle liest „Zehn Seiten“

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Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

Kinder, eine eigene Familie, ein schönes Haus mit Garten und netten Nachbarn. Wer träumt nicht davon? Sehr viele tun das. Und das obwohl sie immer wieder hören, dass es nicht immer so idyllisch und harmonisch ist, wie man es sich in seiner Unerfahrenheit ausgemalt hat, dass es wahrlich kein Zuckerschlecken ist, dass es sogar manchmal ziemlich schlimm sein kann. Ja, man hört und liest so manches. Kann passieren, ja, durchaus – aber doch nicht bei mir. Nicht wir beide. Wir werden es allen zeigen, machen alles anders, alles besser, alles schön.

Menschen denken so, weil sie nicht anders können. Es ist ihnen angeboren, das zu denken, genau das zu wollen. Und das ist gut so. Denn würden sie das nicht tun, dann hätten wir alle keine Zukunft. Dann würde keiner mehr etwas anders, besser oder schön machen. Und ohne diese sich wider alle Vernunft ständig selbst nährende Hoffnung wäre alles aus. Kein Einfamilienhaus, keine gepflegten Gärten, keine SUVs in Garageneinfahrten, keine Nachbarn, die schon wieder in den Urlaub fahren. Nichts.

In ihrem ersten Nicht-Jugendbuch seit langer Zeit führt Alexa Hennig von Lange ihre Leser genau in diese Welt. In eine dieser klassischen Neubau-Siedlungen am Rande der Stadt, mit schicken Häusern, in denen schicke Menschen wohnen, die alles irgendwann mal auch anders, besser und schöner machen wollten. Bis sie irgendwann einsehen mussten, dass sich so eine Immobilienfinanzierung nicht von alleine trägt, dass man Karriere entweder ganz oder gar nicht und nicht nur ein bisschen machen kann, dass mit dem zweiten Kind die Probleme nicht abnehmen, sondern sich verdoppeln, dass man plötzlich weniger Sex hat, als ein verpickelter Teenager und man irgendwann realisiert, dass nichts auch nur annähernd anders, besser, geschweige denn schöner ist, als das was sie nie wollten.

Das ist das Setting, in dem Rita und Ulla mit Ihren Männern und den Kindern Johannes, Klara und Lexchen wohnen. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive des jeweiligen Kapitel-Protagonisten, was den Lesefluss immer wieder unterbricht. Es hat etwas gedauert, bis ich die Kinder und Männer den jeweiligen Müttern zuordnen konnte. Daher hat das Buch auch erst spät Fahrt aufgenommen, was ich aber gerne in Kauf genommen habe, da es sprachlich wirklich überzeugend ist und immer wieder mit Passagen aufwartet, die einen zustimmend nicken und schmunzeln lassen.

Man merkt, dass Alexa Hennig von Lange, die Ende der 90er-Jahre zusammen mit Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre und Judith Herrmann zu den erfolgreichsten deutschen Pop-Literaten zählte, weiß wovon sie schreibt. Mit mittlerweile fünf eigenen Kindern sollte sie das auch. Die wilden Zeiten, von denen ihr 1997 erschienener Debütroman „Relax“ handelt, sind genauso Vergangenheit wie die jungen Jahre ihrer Protagonistinnen Ulla und Rita. Die eine, eine talentierte und vielversprechende Architektin, die andere…, ja was? Ich habe es vergessen. Wahrscheinlich jung und hübsch und voller Tatendrang. Und dann landen beide mit Kind und Kegel in dieser Siedlung. Und plötzlich ist die Welt eine andere, fokussiert und zielgerichtet aber gleichzeitig auch eng und beklemmend. Die Kinder, das Haus und die Nachbarn, die das alles kritisch betrachten, vergleichen, bewerten. So wie es auch Ulla und Rita machen, so wie es alle machen, die sie kennen.

Was in dieser Siedlung passiert, ist nicht wirklich außergewöhnlich. Mitten durch die Reihen schicker Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten läuft auch hier der „Boulevard Of Broken Dreams“. Man blickt auf makellose Putzfassaden, hinter denen sich die üblichen kleinen und großen Familiendramen abspielen. Die üblichen Probleme mit Pubertierenden, jüngeren Geschwistern, die nebenher laufen, häuslicher Gewalt, junger Liebe, außerehelichen Begehrlichkeiten und sogar einer Vergewaltigung.

Der permanente Wechsel des Betrachtungswinkels von Figur zu Figur relativiert die Geschehnisse in einigen Punkten, lässt das Szenario aber nicht weniger bedrohlich erscheinen. Am Ende schüttelt der junge Leser wahrscheinlich nur noch den Kopf, um für sich zu beschließen, es später einmal ganz anders, besser und schöner zu machen. Und der ältere Leser denkt, dass er es im Vergleich zu Rita und Ulla ja noch ganz gut hinbekommen hat, mit den Kindern, der Familie, dem schönen Haus und den Nachbarn. Und so kann und wird es ewig weitergehen. Immer wieder und immer wieder neu.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Dumont
224 Seiten, 20,00 Euro

 

 

 

 

 

Robert Seethaler – Das Feld

*Tobias Nazemi*

Ich habe immer gerne gelesen. Als sich dann der Zustand meiner Augen im Alter immer mehr verschlechterte, bin ich auf Hörbücher umgestiegen. Zuerst war es eine Notlösung, dann fand ich das Zuhören sogar noch besser als selbst zu lesen. So hat mir bis zu meinem letzten Tage nichts gefehlt.

Während ich jetzt hier unten liege und nichts anderes zu tun habe, als den vielfältigen Geräuschen des Gräberfeldes zu lauschen, fehlen mir die Bücher schon sehr. Mein ganzes Leben lang hat mich die Literatur ummantelt, mir Orientierung gegeben, Perspektiven aufgezeigt und geholfen, mich zurechtzufinden. Durch die Bücher habe ich viel erlebt, war ständig unterwegs, an den exotischsten Orten, habe unzählige Menschen kennengelernt, mich verloren und manchmal auch verliebt.

Natürlich weiß ich, dass das alles nur Einbildung war. In Wirklichkeit hab ich mich mein halbes Leben lang nicht vom Fleck bewegt, im Sessel am Fenster gesessen und mir die Augen verdorben. Aber ich will mich beim besten Willen nicht beklagen und würde – wenn ich könnte – noch einmal alles ganz genauso machen. Denn ich hatte ein glückliches und erfülltes Leben.

Ideal wäre gewesen, wenn ich meine Bücher einfach hätte mitnehmen können. Natürlich nicht alle, aber eine kleine Auswahl – meine zehn Lieblingstitel oder die Autoren, für die mir zu Lebzeiten immer die Muße fehlte: Foster-Wallace, Joyce, Musil, Proust. Aber auch wenn man sie mir mit beigelegt hätte, es hätte mir nichts genutzt, denn es ist hier definitiv viel zu dunkel zum Lesen.

So bleiben mir nur mehr oder weniger schwache Erinnerungen an die vielen hundert Geschichten und Schicksale, die ich in meinem Haus zurücklassen musste. Was wohl aus den ganzen Büchern geworden ist? Aber wenn die Erinnerung auch verblasst, an ein ganz bestimmtes Buch aus dem Jahr 2018 kann ich mich auch jetzt noch ganz genau erinnern. Und zwar deshalb, weil es genau die Situation beschreibt, in der ich mich jetzt befinde. Erkaltet und eingesperrt in einen Kasten von 0,5 mal 2,20 Meter, nur einen spaltbreit über dem Grundwasser.

Robert Seethalers literarischer Spaziergang über den Friedhof von Paulstadt hat mich damals nachhaltig beeindruckt. Auch wenn jeder genau weiß, dass in den Gräbern eines Friedhofes Menschen liegen, die alle genauso intensiv gelebt, geliebt und gelitten haben wie du und ich, ist die Vorstellung, dass sie plötzlich wieder eine Stimme haben und zu dem, der da oben steht, sprechen, schon ziemlich spooky. Auch wenn es umgekehrt eigentlich genauso befremdlich ist, dass Angehörige am Grab stehend zu den darin liegenden Toten sprechen.

Aber Seethaler hat das grandios gemacht, hat eine ganze Stadt in vielen kleinen, mit den jeweiligen Namen auf den Grabstein betitelten Kapiteln literarisch wieder auferstehen lassen. Vom Hilfsarbeiter, Obsthändler, der Schuhverkäuferin bis zum Pfarrer und Bürgermeister. Und jeder der Toten erzählt auf seine Art, was ihm grad so einfällt. Schlüsselszenen ihres Lebens oder aber Belangloses. Wenn man erstmal hier unten liegt, das weiß ich jetzt nur allzu gut, ist sowieso alles belanglos, auch ehemalige Schlüsselszenen. Nichts hat mehr Bedeutung. Ob Leben oder Tod, Wahrheit oder Lüge, wen interessiert das noch? Kein Richter, kein Henker. Keine Schuld und keine Sühne.

Ja, an „Das Feld“ erinnere ich mich noch allzu gut. Für mich war das ein ganz klarer Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Aber Seethaler ist damit noch nicht mal auf die Longlist gekommen. Wahrscheinlich, weil es gar kein richtiger Roman ist. Egal, auch das ist mittlerweile total belanglos. Trotzdem hätte ich das Buch zum noch mal Reinlesen und Schwelgen jetzt gerne hier unten. Und dazu bitte noch eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
240 Seiten, 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich:
Tacheles! / Roof Music
Gesprochen von Robert Seethaler, 5 h, 21 min

 

 

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex (Band 1-2)

Kann es sein, dass es in der Literatur das Themengebiet „Digitalisierungs-Schicksale“ noch nicht gibt? Das mag ich gar nicht glauben. Und wenn doch, dann wäre diese Romantrilogie, von der bisher zwei Bände erschienen sind, das neue Standardwerk in diesem Bereich. Denn das Schicksal von Vernon Subutex, der seinen Pariser Plattenladen wegen iTunes und Spotify schließen musste, der sich nicht neu orientieren konnte oder wollte und infolgedessen obdachlos wurde, ist symptomatisch für das, was gerade überall um uns herum passiert.

Die digitale Transformation grassiert und hat sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche verändert. Und wie bei all solchen Prozessen gibt es auch hier Gewinner und Verlierer. Vernon gehört definitiv zu den Verlierern – das denkt man zumindest noch im ersten Band. Im zweiten Band relativiert sich das Bild ein wenig und man stellt fest, dass wir alle mehr oder weniger Verlierer sind. Für jede neue digitale Errungenschaft verlieren wir im Gegenzug auch etwas. Dank Smartphone sind wir immer und überall erreichbar. Ein Vorteil, der den Nachteil hat, immer und überall erreichbar zu sein. Wir bekommen etwas und geben dafür etwas anderes her. So funktioniert der digitale Deal.

Und natürlich geht einem wie mir beim Lesen durch den Kopf, dass das, was Vernon mit seinem Plattenladen passiert ist, schon morgen auch den Buchhändlern passieren könnte. Netflix kommt, das Buch geht. Und dann liegen plötzlich in den Parks und Hauseingängen überall obdachlose Buchhändler. Aber lassen wir das Thema. Fakt ist, dass alles im Wandel begriffen ist, dass die Bits und Bytes ein Leitbild nach dem anderen vom Sockel stoßen und wir dafür keinen gleichwertigen Ersatz geboten bekommen. Stattdessen wird ein stinkender Haufen unkuratierter Unterhaltungsschrott nach oben gespült. Und wie es ist, als gefallener Held durch diesen Mist zu waten, verloren in einem System, dessen Regeln man nicht mehr versteht, das führt uns Virginie Despentes in ihrem grandiosen Sittengemälde der Pariser Boheme auf schonungslose, oftmals derbe Art vor Augen.

Bei Michel Houellebecqs ersten Büchern haben sich noch alle aufgeregt und ‚Skandal‘ gerufen, aber wo sind die sendungsbewussten Netzaktivisten in diesem Fall geblieben? Wo bleibt der Aufschrei angesichts übelstem Sexismus, Gewalt, Rassismus, Islamophobie, Transphobie, Rechtsradikalität und Netzkriminalität, den Despentes über ihre Leser ausschüttet? Die Autorin kümmert sich einen Dreck um politcal correctness und berichtet schonungslos aus dem Innenleben von Musikern, Regisseuren, Produzenten, ehemaligen Pornostars und professioneller Internettrolle. Bei der Lektüre geht man durch ein Wechselbad der Gefühle. Empörung, Begeisterung Unverständnis, Schmunzeln, Kopfschütteln, lautes Auflachen, tiefe Betroffenheit und zustimmendes Nicken wechseln sich ab.

Und genau deswegen bin ich ziemlich begeistert von dieser Lektüre. Die zahlreichen Figuren, denen Vernon auf seinem Weg in die Obdachlosigkeit begegnet, sind – obwohl alles andere als Sympathieträger – beinahe liebevoll gezeichnet. Beim Lesen bin ich immer wieder Typen begegnet, die ich aus meiner eigenen Vita zu kennen scheine. So arbeitete mein ganz persönlicher Vernon im Musikexpress in der Hamelner Fischpfortenstraße, wo ich in den Achtzigern meine ersten Vinyls gekauft habe. Er trug Lederjacke, enge Hosen, spitze Schuhe und hatte die Haare in alle Richtungen abstehend. Alle Mädchen waren verrückt nach diesem Typ.

Und ich bin sicher, jeder von uns kennt so einen Vernon-Typ. Einen, der die Lockerheit hatte, die einem selbst gefehlt hat. Einen der den Rock`n Roll, den Punk und den Indie Rock wie kein anderer verkörperte. Mit jeder Menge Coolness, aber ohne jegliche Ambitionen. Und wie ist das jetzt, diesen Vernon am Boden und komplett gescheitert zu sehen? Tut das dem eigenen Ego nicht irgendwie auch gut? Ist das nicht die gerechte Strafe für all die sorglose Blauäugigkeit? Was nützt einem all die Coolness, der ganze Rock’n Roll, wenn man am Ende nicht mal mehr ein Dach über dem Kopf hat? Das Scheitern eines solchen Helden ist die schönste Genugtuung für alle Uncoolen dieser Welt.

Wer schon immer mal Proust und Balzac lesen wollte, um mehr über die französische Seele zu erfahren, kann das jetzt getrost weiter bis zur Rente aufschieben, denn im Moment gibt es nichts Aktuelleres, Besseres und Beeindruckenderes als den Vernon-Epos von Virginie Despentes. Ich freue mich schon auf den dritten Band, der am 7. September erscheint.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witch
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz
Band 1: 400 Seiten, 22,00 €
Band 2: 400 Seiten, 22,00 €

Hörbuch: Audio Verlag
gesprochen von: Johann von Bülow, jeweils 11 Stunden

 

 

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

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Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, ob Ralf Rothmann ein guter oder nicht so guter Autor ist. Das steht komplett außer Frage. Wir müssen auch nicht darüber diskutieren, ob Romane, die sich mit Geschichten aus dem Dritten Reich beschäftigen, auch nach über 70 Jahren noch wichtig, lesbar und lehrreich sind. Auch das bedarf angesichts der aktuellen politischen Großwetterlage keinerlei Diskussion. Doch wir sollten uns aber darüber unterhalten, ob ein erfolgreicher Schriftsteller sich unbedingt dem Diktat des Marktes beugen und alle zwei Jahre einen neuen Roman herausbringen muss. Lasst uns darüber diskutieren, ob ein schlechter Roman eines guten Autors immer noch besser ist als ein guter Roman eines schlechten Autors. Und zu guter Letzt würde mich mal interessieren, ob auch andere Leser so enttäuscht von Ralf Rothmanns neuem Roman sind.

Natürlich ist „Der Gott jenes Sommers“ nicht grottenschlecht. Rothmann ist immer noch Rothmann und routiniert genug, um selbst aus einer halbgaren Idee, eine ganz passable Geschichte zu machen. Und tatsächlich kommt es mir so vor, als wenn der Autor noch Rohmaterial seines letzten Romans übrig hatte – eine Nebenhandlung und eine Protagonistin, die ihm der Lektor aus „Im Frühling sterben“ rausgestrichen hat – und das hat er nun in einem neuen Buch noch mal aufgewärmt und etwas ausgewalzt.

Das Setting ist zumindest das Gleiche wie im letzten Roman: ein Bauernhof in Norddeutschland in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. Und irgendwie kann ich schon verstehen, was Rothmann an Zeit und Ort so sehr gereizt hat, dass er da gleich noch einen zweiten Roman ansiedelt – zumal sein letzter überaus erfolgreich war und laut Klappentext in 25 Sprachen übersetzt wurde. Die letzten Tages eines Krieges, der eigentlich schon entschieden ist, die letzten Tage eines Regimes, dessen Tage gezählt sind und trotzdem wird weitergemacht, als wäre nichts geschehen. Menschen leiden und sterben, obwohl man das Licht am Ende des Tunnels schon sehen kann. Das macht das ganze Elend noch sinnloser und tragischer. Und dann so ein noch halbwegs intakter und funktionierender Bauernhof mitten im komplett zerbombten Deutschland. Das hat schon alles einen großen erzählerischen Reiz.

Aber trotzdem: Rothmann hat das alles schon mal erzählt. Und jeder, der „Im Frühling sterben“ gelesen hat, wird unwillkürlich Vergleiche anstellen und feststellen, dass die Geschichte der zwölfjährigen Luisa Norff bei weitem nicht an die von Fiete und Walter des Vorgängerbuches heranreicht. Ich schreibe das jetzt ungefähr eine Woche nachdem ich das Buch beendet habe, und jetzt schon kann ich mich nur noch mit sehr viel Mühe an die Handlung erinnern. In ein paar Tagen werde ich es komplett vergessen haben. Denn auf den ganzen 250 Seiten war nichts, was mich besonders interessiert, verblüfft, berührt oder mir bemerkenswert erschienen wäre. „Der Gott jenes Sommers“ ist nichts weiter als eine sauber erzählte Geschichte, wie ich sie schon hundertmal gelesen habe, manchmal besser, manchmal auch schlechter erzählt.

Alles in allem ist das ein ganz guter Roman über die Tragik der letzten Kriegstage, über ein zwölfjähriges Mädchen, das seine Kindheit verloren hat, über Hoffnungen und Ängste, über sinnlose Opfer und den Hass und die Ablehnung, die schon immer Geflüchteten entgegenschlug. Aber es ist auch einer der schlechtesten Romane, die ich von Ralf Rothmann bisher gelesen habe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
254 Seiten, 22,00 Euro

Den Roman gibt es auch als Hörbuch:
Hörbuch Hamburg HHV
Gesprochen von Wiebke Puls und Shenja Lacher
6h 58 min
Erhältlich bei Audible. (Hörprobe)