Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Ich kann vieles in diesem Buch sehr gut nachvollziehen. Ein Protagonist, der Bücher liebt und für nichts anderes als seine bibliophile Leidenschaft lebt, hat grundsätzlich meine vollste Sympathie. Literatur vor dem Vergessen zu bewahren, alte Schätze zusammenzutragen, sie bis an die Decke zu stapeln, mit den Fingerkuppen über die Einbände zu streichen und sich an den Regalreihen nicht sattsehen zu können – das kenne ich nur zu gut. Ein Bücherfreund wie Norbert Paulini, der Held dieses Romans, kann kein schlechter Mensch sein, denke ich – und weiß natürlich, wie naiv so eine Aussage ist.

„Was ist ein schlechter Mensch?“ lautet dann auch die berechtigte Frage gegen Ende dieses Romans. Die Antwort darauf ist simpel und ernüchternd: „Um herauszufinden, was gut ist und was schlecht ist … dafür brauchen wir unser ganzes Leben. Aber ob wir es herausfinden werden?“

Ja, was nützt dann die Lektüre mehrerer tausend Bücher, wenn man danach noch nicht mal so eine einfache Frage beantworten kann? Und überhaupt, welcher Maßstab gilt, wenn es um die politische Gesinnung geht? Ist man gut, wenn man links und schlecht, wenn man rechts von der Mitte steht? Wer legt das fest und fällt am Ende das Urteil? Die Geschichte hat gezeigt, dass das schon mal variiert, dass Gut oder Böse davon abhängen, wo man sich selbst verortet, geistig, moralisch und manchmal auch regional. Und wenn dieser Ort in Sachsen liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass rechts von der Mitte gut und alles andere eben schlecht ist.

Das sind die Gedanken, die mir beim Lesen dieses Romans durch den Kopf gegangen sind. Und die ganze Zeit während der ca. einwöchigen Lektüre war ich unschlüssig: Finde ich „Die rechtschaffenen Mörder“ nun gut oder eher nicht? Erst am Ende stand mein Urteil fest. Gut! Richtig gut. Und zwar gerade, weil es so ein langer Prozess war. Gerade, weil man immer wieder dachte: Was soll das jetzt? Ist das nicht zu billig, zu wenig hergeleitet, zu viel aktueller politischer Diskurs?

Aber während ich das hier schreibe, poppt in meiner Timleine wieder mal die Casa ‚Tellkamp‘ auf. Gleicher Ort, ebenfalls Literaturbetrieb, und wie im Roman von Ingo Schulze stellt sich auch hier die Frage nach der richtigen Gesinnung. Also von wegen konstruiert. Aktueller kann ein Romanthema wohl kaum sein.

Was ich anfangs etwas verwirrend, am Ende aber richtig gut fand, ist die Aufteilung des Romans in drei unterschiedliche Erzählebenen. Im ersten Teil wird die wechselvolle Geschichte des Antiquars Norbert Paulini aus Sicht eines scheinbar neutralen Erzählers geschildert. Die frühen Jahre in der DDR, der Aufbau des Antiquariats Paulini – die ersten Jahre nach der Wende werden sehr detailliert beschrieben. Als Paulini mit seinen Büchern in die sächsische Schweiz umzieht und sich politisch immer mehr rechts positioniert, bricht die Erzählung plötzlich ab. Dann wechselt die Perspektive, und der Erzähler des ersten Teils wird zum Ich-Erzähler des zweiten Teils. Zunächst rollte ich mit den Augen, weil ich dachte, jetzt wiederholt sich alles noch mal. Aber bis auf ein paar Überschneidungen war dem nicht so. Ganz neue Perspektiven, andere Einblicke und eine komplizierte Liebesgeschichte kamen hinzu. Schlussendlich übernimmt die Lektorin des Erzählers der ersten beiden Teile und führt die Geschichte im dritten Teil an ihren Schlusspunkt. Und so sehr ich zwischendurch auch haderte und immer wieder mit dem Gedanken spielte, die Lektüre einfach abzubrechen, so sehr hat es sich am Ende doch gelohnt.

Denn ob ein Roman in meinen Augen gut oder schlecht ist, hängt nicht davon ab, wie stimmig ich den Plot finde oder ob ich mich mit den Protagonisten identifizieren kann. Es hat auch nichts damit zu tun, wie schnell ich durchkomme, ob ich mich beim Lesen schwer getan habe, es spannend oder lustig fand. Nein, entscheidend ist, was sich an Gedanken parallel zum Lesen in meinem Kopf ergibt. Und das waren in diesem Fall eine ganze Menge.

Neben dem, was ich oben schon geschrieben habe, der Frage nämlich, wann ein Mensch gut und wann er schlecht ist, ist es aber vor allem die Figur des ambitionierten Lesers, die mich an diesem Werk fasziniert hat und bei der sich unweigerlich auch Parallelen zu meiner Person ergeben. Wie ist das, wenn einer viel liest? Entzieht sich so jemand der Welt, obwohl er sich doch gedanklich viel intensiver mit ihr beschäftigt, als jeder Nicht-Lesende das jemals tut? Nähert uns die Literatur dem Leben und den Menschen an, oder entfernt sie uns von ihnen?

Und nicht zuletzt, die entscheidende Frage, der sich jeder Literaturfreund einmal stellen muss. Ist mir das Lesen genug, reicht mir dieser Status? Will ich ein Leser sein oder lieber ein Schreiber? Akteur oder Konsument? In meinem Fall ist die Antwort klar: Ich bin Leser und kein Schreiber. Aber wenn man mich fragt, warum ich lese, ist die Antwort klar: um darüber zu schreiben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
318 Seiten, 21,00 Euro
nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse

Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Wenn es draußen in der Welt drunter und drüber geht, die gesellschaftlichen Konflikte immer vielschichtiger werden und schnelle Lösungen nicht in Sicht sind, dann ist wieder einmal Hochsaison für den guten alten Familienroman. Mit Kuscheldecke und `ner Tasse Tee auf dem Lesesofa den Schlagzeilen entfliehen, die Welt im Kleinen betrachten, sich in bekannte Strukturen mit überschaubaren Problemen begeben.

In der Ur-Zelle alles Zwischenmenschlichen kennen wir uns aus: Vater, Mutter, Kind – da kommen wir alle her. Da ist alles angelegt, dort werden die Weichen gestellt und es entscheidet sich, welches Leben wir einmal führen werden. Keiner kann sagen, das gehe ihn nichts an. Und deswegen ist auch nicht weiter verwunderlich, dass Familienromane gerade eine Renaissance erleben. Ob autobiografisch oder fiktional, romantisch verklärt oder anklagend, von etablierten Autoren oder Debütanten – auf den Büchertischen findet man derzeit kaum noch andere Themen. Das ist nicht nur purer Eskapismus, das ist auch der Frage geschuldet, wie man heutzutage überhaupt noch eine größere Menge Menschen erreicht.

Es gibt kaum noch Dinge, die eine Art Wir-Gefühl erzeugen, keine gemeinschaftlichen Erlebnisse wie die große Samstagabend-Familienshow im öffentlich rechtlichen Fernsehen, keinen Thomas Gottschalk, den wirklich jeder kennt. Zu divers ist das Themenspektrum, zu groß die mediale Vielfalt; zu viele Optionen, Leben und Freizeit zu gestalten. Aber Familie kennt jeder. Sie ist die letzte gemeinsame Klammer, die Menschen im 21. Jahrhundert miteinander verbindet. Fluchtpunkt und zugleich Sehnsuchtsort und etwas, wozu alle nicht nur eine Meinung haben, sondern auch ein Gefühl.

Sorry für dieses etwas zu lang geratene Intro. Kommen wir nun zum eigentlichen Thema, dem Debütroman von Katya Apekina. Es handelt sich hier – was jetzt sicherlich keinen mehr sonderlich überraschen wird – um einen klassischen Familienroman, und zwar um einen richtig guten. Mit ganz viel Emotion, interessanten Charakteren, lebendig erzählt und mit einem kreativ konstruierten Spannungsbogen. Erzählt wird die Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Schwestern, Edie und Mae, die nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter in die Obhut ihres Vaters kommen. Dennis Lomack ist ein bekannter Schriftsteller, der die Familie vor mehr als zehn Jahren verlassen hat und seither in New York lebt. Die Schwestern reagieren unterschiedlich auf den so lange abwesenden Vater. Während Edie auf Distanz bedacht ist, steigert sich die jüngere Schwester in einen ungesunden Liebeswahn zum Vater.

Alle auftauchenden Figuren sind gleichzeitig auch erzählende Personen. Der in insgesamt vier Teile, zahlreiche Kapitel und Abschnitte gegliederte – und dabei leider auch etwas zer-gliederte Roman lässt uns Leser immer wieder aus unterschiedlichen Erzähl- und Zeit-Perspektiven auf das Geschehene blicken. Hinzu kommen noch Zeitungsartikel, Prozess- und Krankenakten, die nach und nach immer mehr Licht in die komplexen Familienverhältnisse bringen. Dieser kreative Mix unterschiedlicher Erzählformen ist zwar äußerst reizvoll und verleiht diesem Roman das gewisse Etwas, hemmt allerdings auch den Lesefluss. Obwohl mich die Geschichte nicht eine Minute gelangweilt hat, habe ich doch ziemlich lange für die knapp 400 Seiten gebraucht. Wenn alle vier, fünf Seiten ein größerer Cut kommt und die Perspektive wechselt, ist der Impuls, eine Lesepause einzulegen, um mal eben Mails abzurufen oder bei Facebook nach dem Rechten zu sehen, ziemlich hoch.

Trotz dieser manchmal auch länger dauernden Lesepausen hatte mich dieser Roman die ganze Zeit am Haken und konnte im letzten Drittel sogar noch einen echten Sog entwickeln. Und auch nachdem ich das Buch ausgelesen und zufrieden nickend aus der Hand gelegt habe, ließen mich die Gedanken, die diese tragische Familiengeschichte in mir angestoßen hat, nicht mehr los. Auf alle Fälle hat Katya Apekina sehr eindrucksvoll bewiesen, dass die Komplexität der Probleme in Familien denen in der Welt da draußen in nichts nachsteht.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Aus dem Amerikanischen übersetzt von: Brigitte Jakobeit
396 Seiten, 24,00 €

Artur Dziuk – Das Ting

Mein erster Gedanke nach ca. fünfzig Seiten: Ich will auch so ein Ting! Etwas, das mein Leben besser macht. Was nicht heißt, dass es aktuell schlecht ist. Aber besser geht doch immer. Muss ja gar nicht perfekt sein, aber etwas gesünder, erfolgreicher, unbeschwerter wäre nicht verkehrt. Ich glaub, mir würde sowas gefallen. So ein kleiner Mann im Ohr; einer, der auf mich aufpasst, den Überblick über mein mitunter etwas sprunghaftes Wesen hätte – mein ganz persönlicher Coach, vielleicht sogar so etwas wie ein Freund.

Und jetzt weiß man schon so in etwa, worum es in diesem Buch geht: eine innovative Tech-Idee, vier Young Professionals, ein StartUp, ein Elevator Pitch, jede Menge Geld und die Chance, mit einem Produkt die Welt zu verändern. Die einmalige Gelegenheit, zu einer Business-Ikone zu werden. Ein neuer Steve Jobs, Jeff  Bezos oder Mark Zuckerberg. Klingt wie ein John Grisham- Setting, bietet aber in diesem Fall mehr als nur spannende Unterhaltung. Denn Artur Dziuk hat einen anderen Anspruch – zumindest glaube ich das. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Selten so unschlüssig gewesen, ob das hier tatsächlich mehr ist, als nur ein gut aufbereitetes Zeitgeist-Thema mit Bestseller-Potenzial.

Fakt ist, ich habe das Buch sehr gerne gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Und es hat etwas in mir in angestoßen. Auch zwei Wochen nach der Lektüre bewege ich mich gedanklich immer noch im Setting, lassen mich zahlreiche Fragen nicht los. Zum Beispiel, was überhaupt ein perfektes Leben ist? Und wer letztlich besser beurteilen kann, was gut für einen ist: man selbst oder eine Maschine, die Millionen Daten von dir hat und Zugriff auf das gesamte gespeicherte Wissen der Menschheit? Ist Mensch nicht erst Mensch, weil er so unperfekt ist? Und natürlich stellt man beim Lesen dieses Romans wieder einmal fest, dass Geld allein nicht glücklich macht, genauso wenig wie Erfolg und Anerkennung. Aber das ist ja nun wirklich eine simple Erkenntnis und ziemlich profaner Mainstream.

Hmm… bin ich etwa auf der falschen Fährte? Täuscht mich mein Gefühl? Interpretiere ich in dieses Buch viel zu viel hinein? Für einen literarischen Anspruch spricht die Langatmigkeit, mit der Dziuk seine Hauptcharaktere einführt. Man muss schon etwas Sitzfleisch, respektive Leselangmut und Ausdauer mitbringen, um sich den vier Protagonisten zu nähern. Hier noch ein Persönlichkeits-Detail, da noch ein erzählerischer Seitenschwenk. Es ist vielschichtig, aber trotzdem bleiben die Figuren das, was sie von Anfang an waren. Ziemlich eindimensional und ohne Entwicklung: Linus ein bemitleidenswerter Lappen, Kasper der ewige Sohn, Adam ein Blender und Softwareentwicklerin Niu der autistische Nerd.

Aber warum mache ich es mir überhaupt so schwer? Wen interessiert eigentlich, ob das jetzt große Literatur oder ein profaner Unterhaltungsroman ist? Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass ‚Das Ting‘ das Beste aus beiden Welten vereint. Und es ist ohne Zweifel ein sehr lesenswertes Buch, das noch lange nachklingt. Belassen wir es doch einfach dabei.

Und dann gucke ich zufällig noch, was das überhaupt für ein merkwürdiger Verlag ist: bold. Es stellt sich heraus, dass das ein neues  Imprint von dtv ist und auf der Webseite readbold.de steht dann auch schwarz auf weiß: „bold bietet ein junges, trendiges Buch-Programm zwischen Unterhaltung und Literatur, von Autoren, die wie ihre Leser im Internet zu Hause sind.

Na, bitte. Meine Rede.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: bold (dtv)
464 Seiten, 18,00 €

Das Hörbuch ist auch sehr empfehlenswert:
Verlag: Audible Studios
Gelesen von Sascha Tschorn
14 h, 35 min
Hörprobe

Rezi-Shortcuts mit: Iris Wolff, Anke Stelling und R.R. Sul

R.R. Sul – Das Erbe

Schwarze Schrift auf schwarzem Grund ­– so dunkel, dass man auf dem Buchcover den Namen des Autors kaum erkennen kann, aber das ist auch gar nicht wichtig, denn der ist sowieso nicht echt. R.R. Sul ist ein Pseudonym und in diesem Fall sogar ein besonders schlecht gewähltes. Denn der Name klingt irgendwie billig, nach Groschenroman vom Bahnhofskiosk und hat mich mehr abgeschreckt als mein Interesse geweckt. Aber schon die ersten Seiten offenbaren, dass das genaue Gegenteil der Fall ist und man es hier mit einer echten literarischen Entdeckung zu tun hat. Sprachlich sehr besonders, stellenweise sogar poetisch, mit wunderbar komponierten Sätzen hat mich dieser Roman sofort gefangen genommen und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Ein unglaublich spannendes und ergreifendes Meisterwerk zum derzeitigen Trendthema Familie, das alles mitbringt, was man für einen verregneten Lese-Wintertag auf der Couch braucht: starke Charaktere, Krankheit und Tod, Glaube und Gewalt, Liebe, Einsamkeit, Verzweiflung und vor allem: Anspruch UND Unterhaltung. Eine tolle Entdeckung.

Und am Ende fragt man sich, warum sich der Autor oder die Autorin eigentlich nicht zu diesem Meisterwerk bekennt? Was ist mit Ruhm und Ehre, einem Platz auf dem blauen Sofa, ein paar Wochen Rummel im Netz und vielleicht sogar im Feuilleton? Ist das alles denn gar nichts mehr wert? Wie uneitel kann man eigentlich sein? Es kann einem doch nicht nur darum gehen, diese eine Geschichte aufzuschreiben. Oder ist es die eigene Familie, die da beschrieben wird und die Geschichte daher zu persönlich?

Wie auch immer – meiner Meinung nach handelt es sich bei R.R. Sul entweder um das Projekt eines etablierten literarischen Profis oder aber um ein bemerkenswertes literarisches Talent, von dem ich mir wünschen würde, dass er oder sie einfach mal was beim Blogbuster-Preis einreicht.

Verlag: dtv
224 Seiten, 21,00 €

 

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen (Hörbuch)

Was passieren kann, wenn sich eine Autorin allzu hemmungslos aus ihrem privaten Umfeld bedient, zeigt Anke Stelling in ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“, mit dem sie im letzten Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Ich habe mir die Hörbuchversion angehört, die im letzten Herbst im Berliner Indie-Hörbuchverlag ‚Speaklow‘ erschienen ist und von der Autorin selbst gelesen wurde. Nicht immer ist es eine gute Idee, den oder die Verfasser/in das machen zu lassen, aber hier ist es mal gelungen. Stelling kann nicht nur gut lesen, sondern verleiht der Protagonistin mit ihrer ganz persönlichen Intonation einen noch authentischeren Auftritt.

Stellings Thema ist bundesdeutscher Familienalltag: Leben in der Stadt, zerrissen zwischen Kindern, Beruf und Selbstverwirklichung. Es kommen Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann stellt – erst recht, wenn man das sogenannte Schwabenalter erreicht hat. Spätestens mit 40 nämlich – so will es das Prenzlberger Gesetz – sollte man in seinem Leben angekommen sein, etwas Nachweisbares geschaffen und aufgebaut haben. Seit jeher haben es in diesem Etablierungs-Wettbewerb Künstler jeglicher Art besonders schwer. Die Romanheldin ist Autorin und macht in Ermangelung anderer Themen ihr persönliches Umfeld zu Protagonisten einer schonungslos ehrlichen Publikation. Der Erfolg des Textes macht sie im Freundes- und Bekanntenkreis zur Persona non grata. Aber was soll sie auch anderes tun? Sich entweder in der seichten Oberflächlichkeit ihres bürgerlichen Umfelds einrichten und sich damit abfinden, im Leben außer Familie und Haushalt nichts geschaffen zu haben, oder aber das alles als Inspirationsquelle zu nutzen und schonungslos zu demaskieren. Auch hier gilt wahrscheinlich das Motto: Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine gute Geschichte verzichten und die Chance auf den literarischen Durchbruch zu verspielen.

Ja, in diesem Dilemma stecken wahrscheinlich sehr viele Autoren. Die Themen, die einen wirklich berühren, die man bis ins kleinste Detail kennt, weil man sie selbst durchlitten hat, kann man nicht bringen, ohne Gefahr zu laufen, jemanden, der sich wiedererkennt, zu verletzen. Eltern, Kinder, enge Freunde und Arbeitskollegen – all diese Personen sind als Romanhelden eigentlich tabu. Stellings Heldin macht trotzdem eine Geschichte daraus und konfrontiert uns dabei mit den existenziellen Fragen aller Personen jenseits des Schwabenalters: War es das jetzt? Kommt da noch was? Die ernüchternde Antwort lautet in beiden Fällen: Nein.

Hörbuchverlag: speak low
Gelesen von: Anke Stelling
Dauer: 7h, 21 min

 

Iris Wolff – So tun, als ob es regnet

Bleiben wir weiter Indie und weiter besonders: Der nächste Titel ist ein echtes Kleinod. Kleines Format, kleiner Verlag, ganz große Literatur. Ein Geheimtipp, für dessen Entdeckung ich sehr dankbar bin, denn dieses Buch stand auf keiner meiner Leselisten. Ab und zu haben wir Buchblogger ja das Glück, Schriftsteller und Schriftstellerinnen in echt kennenzulernen. Iris Wolff habe ich in Berlin getroffen, an einem wunderbaren Sommertag im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert, ich war Teil der Publikumsjury und habe mich in ihre Texte und ihre unglaublich sympathische Ausstrahlung verliebt. Natürlich wollte ich dann sofort etwas von ihr lesen und wurde nicht enttäuscht.

„So tun, als ob es regnet“, ist ein leises, stilles Buch. Eines, das sich nicht aufdrängt und nichts fordert. Es will dir nichts beibringen, dich nicht zu irgendwas bekehren, will nicht, dass du nach seiner Lektüre ein anderer Mensch bist. Alles, was dieses Buch will, ist, dass du es gerne in die Hand nimmst, um darin zu lesen. Und wer das tut, wird reich beschenkt. Mit vier wunderbaren Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat der Autorin, vier Generationen, vier Schicksale, deren zart geflochtene Bande sich beim Lesen erst nach und nach erschließen. Am Ende dieses Episodenromans hat sich ein großer zeitgeschichtlicher Bogen aufgespannt, der einem wieder einmal aufzeigt, wie sehr jeder einzelne von uns doch das Kind seiner Zeit und der politischen Verhältnisse ist.

Wer jetzt angefixt ist, kann sich auf noch mehr Iris Wolff freuen. Im Herbst erscheint ihr neuer Roman bei Klett Cotta.


Verlag: Otto Müller
166 Seiten, 20,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Terézia Mora – Auf dem Seil

Der Literaturbetrieb freut sich, denn Darius Kopp ist wieder da. Und alle anderen so: Darius wer? Kopp, Darius. Kennst du nicht? Das Ungeheuer und der einzige Mann auf dem Kontinent, literarischer Serienstar und mehrfach ausgezeichneter Protagonist. Man könnte ihn auch Mr. Burnout nennen, den Mann mit der Urne oder neuerdings auch den deutschen Pizzabäcker vom Ätna. Oder war das der Stromboli?  Auf alle Fälle Sizilien, denn da ist der Ex-IT-Experte im Verlauf seiner Mir-ist-alles-egal-ich-lass-mich-einfach-treiben-Odyssee schließlich gelandet. Und dort treffen ihn die treuen Leser von Terezia Mora am Anfang des letzten Teils der Darius Kopp-Trilogie wieder.

Jetzt werden wahrscheinlich alle aussteigen, die Band 1 und 2 nicht kennen. Doch halt! Das hier ist keine Netflix-Serie. Man kann ohne Probleme nur diesen einen Roman lesen, ohne Gefahr zu laufen, den Plot nicht zu verstehen, weil wesentliche Informationen aus vorherigen Bänden fehlen. Ich selbst habe nur ‚Das Ungeheuer‘ gelesenen. Den mit dem Deutschen Buchpreis 2013 prämierten zweiten Band der Reihe.  Und ich kann mich nach all den Jahren an überhaupt nichts mehr erinnern, außer dass mir der Roman sehr gut gefallen hat. Damals habe ich noch nicht gebloggt, also kann ich auch nichts mehr nachlesen. Wenn im Klapper dieses Bandes also nicht gestanden hätte, dass der Protagonist immer der gleiche ist, ich hätte es vermutlich noch nicht einmal bemerkt.

Soviel zu meinen Unzulänglichkeiten als Leser. Kommen wir zu denen von Darius Kopp als Romanheld. Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ein Held ist er schon mal nicht. Wenn, dann ein Antiheld; einer, der sich allem entzieht, sich in die Trauer über den Tod seiner Frau und einen komplizierten Mix an Befindlichkeiten flüchtet. Wer wissen will, was genau ihn so zerstört und aus der Bahn geworfen hat, müsste wahrscheinlich tatsächlich noch Band 1 und 2 der Trilogie lesen. Mir reicht das, was ich zu Beginn von Band 3 vorgefunden habe: einen gebrochenen Mann, einen der die Achtung und den Respekt vor sich und seinem Leben verloren hat. Denn Darius ist nicht nur einmal grandios gescheitert, sondern scheitert seitdem jeden Tag aufs Neue. Er lebt vom Wohlwollen anderer, schnorrt und buckelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt von irgendwelchen Tagelöhnerjobs und suhlt sich in seinem Elend.

Ich finde so eine Apathie ganz fürchterlich, will Darius eigentlich permanent schütteln und zurufen, er solle sich verdammt nochmal endlich zusammenreißen. Und doch habe ich für solche Abstürze vollstes Verständnis und weiß, dass dergleichen jederzeit jedem von uns passieren kann. Und der plötzliche Tod der geliebten Partnerin ist allemal ein mehr als nachvollziehbarer Grund dafür. Nicht wenige verlieren in solchen Momenten jeglichen Lebensmut, sehen keinen Ausweg und flüchten in den Freitod. Aber wenn man schon alles fallen lässt, warum dann in den Tod fallen und nicht ins Leben? Dann natürlich in ein ganz anderes Leben, eines, das sich komplett unterscheidet. Weit weg von all dem, mit dem man gescheitert ist. Keine Ziele mehr, nichts mehr wollen, kein Plan B und auch kein Plan A, überhaupt nichts mehr planen, einfach nur da sein und sehen, was kommt.

Und irgendwas kommt mit Sicherheit, früher oder später. Entweder das endgültige Aus, oder ein neuer Weg, eine Herausforderung, ein neues Ziel. Bei Darius Kopp kam seine Nichte Lorelei und mit ihr der Wunsch zurück, wieder Verantwortung zu übernehmen. Augenscheinlich erstmal für sie und dann irgendwann auch wieder für sich selbst. Das ist fast schon ein wenig zu banal, klingt wie simple Küchenpsychologie, der gut gemeinte Ratschlag eines Bekannten, sich bei mentalen Problemen doch einfach eine Aufgabe oder ein Hobby zu suchen, dann würde es einem mit Sicherheit schon bald wieder besser gehen. Und bestimmt funktioniert so etwas genauso häufig, wie es eben nicht funktioniert. Bei Darius Kopp hat es funktioniert. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft. Und so wird er am Ende doch noch zum Romanhelden. Ein ziemlich trauriger zwar, aber dafür ein sehr sympathischer. Und ich bin sehr dankbar, dass ich seine Bekanntschaft machen konnte.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 24,00 €

Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

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Da bildet man sich ein, man würde sich im Literaturbetrieb ein wenig auskennen, wüsste was gerade angesagt ist, welche Autorin, welcher Autor eine gewisse Relevanz hat, welche man zumindest vom Namen her kennen sollte und von wem man unbedingt noch etwas lesen muss. Und dann fällt einem zufällig dieser Roman in die Hände und man fragt sich: warum habe ich bisher eigentlich noch nie etwas von Regina Scheer gehört?

Wer dieses Gefühl kennt und ebenfalls von der 1950 in Ost-Berlin geborenen Historikerin und Publizistin noch nichts gehört hat, obwohl ihr in 2014 erschienener Debütroman  ‚Machandel‘ mehrfach ausgezeichnet wurde und sie seitdem von ihrem Verlag als Bestsellerautorin geführt wird, sollte das schnellstens nachholen und jetzt unbedingt „Gott wohnt im Wedding“ lesen.

Eine dringende Leseempfehlung auch für all diejenigen, die wie ich der Meinung sind, schon genug Berlin-Romane gelesen zu haben, in denen die wechselvolle Geschichte der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart geschildert wird. Denn Scheers Idee, ein Wohnhaus im Berliner Arbeiterbezirk Wedding zum Protagonisten ihres neuesten Romans zu machen, ist nicht nur auf eine charmante Art anders und überaus unterhaltsam, sondern angesichts einer beeindruckenden Detailkenntnis historischer Fakten auch unglaublich lehrreich.

Ein Thema, das mich literarisch beispielsweise bisher überhaupt noch nicht erreicht hat, ist die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Ich muss zugegeben, es hat mich auch noch nie besonders interessiert, denn wie ich beim Lesen selbstkritisch festgestellt habe, war auch ich nicht vorurteilsfrei. Doch hier habe ich mal was anderes als die gängigen Klischees über diese Volksgruppe erfahren, denn im Haus in der Utrechter Straße sind sie alle ein- und ausgegangen: Kommunisten, die dem „Roten Wedding“ seinen Namen gaben, Juden, Nazis, Russen und eben auch Sinti und Roma. Menschen in Zwei- und Dreiraumwohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Nachbarn, denen man im Hausflur begegnet, die man in der Wohnung über einem streiten, lachen und weinen hört. Und auf einmal erweitert sich der Horizont, man lernt dazu und versteht.

Der Roman ist sehr vielschichtig aufgebaut. Zahlreiche Personen, häufige Zeitsprünge und wechselnde Erzählperspektiven lassen den unkonzentrierten Leser leicht den Überblick verlieren. Aber durch den episodenhaften Aufbau dieses Romans findet man schnell wieder rein. Und wenn ich mit einigen der zahlreichen Erzählstränge auch weniger anfangen konnte, so freute ich mich doch umso mehr, wenn meine Lieblingsfiguren wieder ins Spiel kamen. Allen voran Gertrud Rhomberg, weit über 90 Jahre alt und seit Ihrer Geburt Mieterin in der Utrechter Straße.

Sie und das Haus haben viel erlebt: wie ein SA-Mann direkt vor der Tür ermordet und zum Märtyrer stilisiert wurde, wie sich zwei jüdische Jungs in ihrer Wohnung versteckten, wie der, den sie liebte, von den Nazis entdeckt und in ein Vernichtungslager verschleppt wurde, wie ein SS-Mann sie vergewaltigte, wie die Russen kamen und wieder gingen, die schwere Zeit des Wiederaufbaus, wie irgendwann die ersten Türken, Jugoslawen und danach auch Sinti einzogen und ganz am Ende, siebzig Jahre später, der andere der beiden jüdischen Jungs wieder unten im Hof steht und zu ihrer Wohnung hochschaut.

Ein Leben, ein Schicksal, das sich oberflächlich betrachtet nicht besonders von all denen unterscheidet, die zur selben Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Unzählige Geschichten, die es auch wert gewesen wären, erzählt, aufgeschrieben und nicht vergessen zu werden. Große Häuser, kleine Häuser, die irgendwann entstanden sind und wieder wieder verschwanden. So wie wir alle, irgendwann.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardover
416 Seiten, 24,00 €

Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch:
Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von: Johann von Bülow
Länge: 14 h, 21 min
Hörprobe

Die besten Romane 2019 (Teil 2: Autoren)

Von männlichen Autoren haben es in diesem Jahr nur sechs Titel auf meine Bestenliste geschafft.

 

Michel Houellebecq – Serotonin

Das Rennen um den besten Roman des Jahres war im Prinzip schon entschieden, als am 07. Januar Serotonin in die Buchläden kam. Wieder ein echter Houellebecq, mit allem was dazu gehört: altbekannte, depressive Grundstimmung, ewig gleiches Alt-Männer-Gejammer, mit einer ordentlichen Portion Sexismus und Rassismus – so kennt man den immer mehr verwahrlosenden Kettenraucher. Selbst der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem mit seinem Themenmix. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art.

Verlag: DuMont
330 Seiten, 24,00 €

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Matthias Brandt – Blackbird

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Schauspieler meinen, auch noch ein Buch schreiben zu müssen? Ist das pure Hybris, einem übergroßem Ego geschuldet oder einfach nur kaufmännisch klever gedacht? Wie auch immer, nur selten kommt dabei was Vernünftiges raus. Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist Matthias Brandt.

Schon der Erzählband Raumpatrouille hat mir sehr gut gefallen, und sein erster Roman Blackbird steht dem in nichts nach. Beide Bücher habe ich regelrecht inhaliert und mich geärgert, dass sie nicht doppelt so dick waren. Das mag daran liegen, dass ich wie Brandt ein Babyboomer bin und es mir ein sentimentales Vergnügen bereitet, mit seinen Figuren zurück in die Siebziger zu reisen. Es ist aber in erster Linie die Lässigkeit, mit der Brandt seine Geschichte erzählt. Ohne auf Teufel komm raus cool, witzig und originell erscheinen zu wollen oder übertrieben literarisch und pathetisch.

Nein, das alles will Brandt nicht sein, und trotzdem ist sein erster Roman Blackbird all das, aber in genau dem richtigen Maß: cool und witzig, ein wenig pathetisch, unterhaltsam und  literarisch anspruchsvoll. Genretechnisch ein Coming-of-Age-Roman für Best Ager, vergleichbar mit Auerhaus und Tschik, doch hat mich Blackbird emotional wesentlich stärker gepackt. An manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich dann dazu entschieden, diesen Roman in allen Facetten einfach nur grandios zu finden.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
288 Seiten, 22,00 €

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Saša Stanišić – Herkunft

Eigentlich wollte ich den mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman nicht auf die Liste setzen. Denn nach wie vor finde ich es blöd, dass Stanišić dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert. Aber cooler wäre es gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Die Herkunft-Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „Ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man dem latenten Rassismus all derer, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln, sondern „ursprünglich“ herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Trotzdem: Was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage des Talents, das man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt Stanišić besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig.

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 22,00 €

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Friedemann Karig – Dschungel

Ich war nie in Kambodscha, und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig.

Karigs Themen sind Suche und Freundschaft. Klingt erstmal nicht besonders unique.  Doch wer es als Autor schafft, ein Allerweltsthema wie Freundschaft so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden Protagonisten persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an gemeinsame Jahre, die Entwicklung einer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt, ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

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Eugen Ruge – Metropol

Am Anfang hatte ich Probleme, reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann. Man erlebt, dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt gar nicht in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

Verlag: Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

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Norbert Scheuer – Winterbienen

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman auszeichnen. Zum einen ist es die Geschichte an sich; sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Der Routinier Nobert Scheuer führt seine Leser mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings.

Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Verlag: C.H. Beck
319 Seiten, 22,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger