Rafael Horzon – Das neue Buch

Ach, wie sehr habe ich dieses Buch gemocht und scheinbar auch gebraucht. Schon seit Wochen tue ich mich schwer mit dem Lesen, fange immer wieder neue Titel an und lege sie nach wenigen Seiten wieder weg. Momentan sind es bis zu vier Bücher, die ich parallel lese. Die alle nicht so gut sind, dass sie mich begeistern oder gar fesseln können, aber auch nicht so schlecht, dass ich sie einfach weglege. Doch das neue Buch des Unternehmers und Sachbuchautors Rafael Horzon ist anders. Erstmals habe ich mal wieder mit Genuss und Freude mehrere Stunden am Stück  gelesen. Samstag gekauft, Sonntag Abend schon ausgelesen und mit einem Gefühl großer Zufriedenheit ins Regal gestellt. 

Es ist wahrlich keine schwere Lektüre, hat aber trotzdem Tiefgang und hält, was der Aufkleber auf dem Cover verspricht: Es ist das Buch des Monats und es ist neu. Etwas, was man beileibe nicht von jedem in diesem Herbst erschienenen Buchtitel behaupten kann. Schaut man sich die zahlreichen Neuerscheinungen im Buchhandel genauer an, stellt man schnell fest, dass kein einziges davon als „Buch des Monats“ oder gar als „Das neue Buch“ geführt wird. Wer also in diesen Tagen nicht irgendein Buch lesen will, sondern das ultimative November-Buch und noch dazu Wert darauf legt, dass es auch wirklich neu ist, kommt an diesem Titel also nicht vorbei. 

Dabei weiß das neue Buch gleich auf mehreren Ebenen zu glänzen. Schon im Handel lockt es, augenscheinlich schlicht und einfarbig gehalten, je nach Ausleuchtung des Verkaufsraums den Sachbuch interessierten Leser in den schillerndsten Farben. Ein Eindruck, der sich weiter fortsetzt, wird die Schutzfolie im heimischen Lesezimmer entfernt. Wenn sich das Licht der Leselampe in den unzähligen Fingerabdrücken auf dem Cover bricht und in den Lochungen des Titels verliert, ist dies nicht nur ein interessanter optischer Effekt, sondern korrespondiert auch perfekt mit den inhaltlichen Glanzpunkten dieses epochalen Sachbuchklassikers. 

Horzon gelingt es auf trefflichste Weise, die Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung am Beispiel eines modernen Möbelunternehmers zu umreißen. Was gefällt und ist erfolgreich? Was ist Kunst und was Deko? Und vor allem: Was muss man tun, um für ein Buch den Nobelpreis zu bekommen? Fragen, die klassischerweise von Schriftstellern in herkömmlichen Romanen erörtert werden. Aber das ist nicht Horzons Anspruch. Fakten statt Fiktion, lautet sein Credo, und so nähert sich der routinierte Sachbuchautor diesen Themen auf eine wohltuend neutrale und faktenorientierte Weise.

Nichts wird hinzu erfunden, alle auftretenden Personen sind echt und googelbar. Noch dazu kann der wissbegierige Leser seine beim Lesen erworbenen Kenntnisse anhand zweier illustrierter Kapitel mit zahlreichen Dokumentationsfotografien überprüfen und weiter vertiefen. Alles in allem ein wertvolles Sachbuch und ein Must-Read für angehende Möbelunternehmer, Nobelpreisträger und natürlich alle Rafael Horzon-Fans. 

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp Nova
303 Seiten (Broschiert), 20,00 €

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

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Mittlerweile habe ich fast alles von ihr gelesen oder gehört, und sogar die ersten beiden Serien-Staffeln der neapolitanischen Saga habe ich mir angeschaut. Man kann also schon sagen, dass ich so etwas wie ein Fan von Elena Ferrante bin. Genauso bin ich aber mittlerweile auch Fan von Karin Krieger, ihrer einfühlsamen Übersetzerin, von Margherita Mazzucco, die die Elena in der HBO-Serie spielt und natürlich ganz besonderes von Eva Mattes, die auch den aktuellen Roman der großen Unbekannten der Weltliteratur wieder als Hörbuch eingesprochen hat. Wenn ich auf Ferrantes literarischen Kosmos schaue, fühle ich mich reich beschenkt. Ich bin dankbar, dass ich mich auf etwas eingelassen habe, was ich zunächst als reines Frauending abgetan hatte. 

Ich kenne tatsächlich nur zwei Männer, die auch Ferrante lesen. Einer wohnt in Hamburg, der andere in Trier. Und ich muss gestehen: Meinem männlichen Ego widerstrebt es noch immer ein wenig, mich auch als Ferrante-Leser zu outen – zu sentimental und gefühlig, zu viel Familie, zu viel weibliche Selbstfindung, zu bunt und gefällig die Buchcover. Und doch tauche ich immer wieder gerne in diese Welt ein, fühle mich beim Lesen wohl und geborgen. Vielleicht – nein, ganz bestimmt sogar – liegt es ja gerade an dieser typisch weiblichen Sichtweise auf Beziehungen, Freundschaften und natürlich auch auf Männer, die einem auch in „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ wieder erwartet. 

Wenn ich mir die Welt außerhalb der Literatur so anschaue, die breitbeinige Großmäuligkeit in Politik und Wirtschaft, das rücksichtslose männliche Dominanzgebaren in Familie und Gesellschaft, dann wünsche ich mir in allen Lebensbereichen deutlich mehr weibliche Sichtweisen. Etwas mehr Feinfühligkeit, Anteilnahme und Zusammenhalt – das würde fürs Erste schon reichen, um die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen. Ein Anfang wäre auch gemacht, wenn etwas mehr Männer Elena Ferrante lesen würden. 

Aber bitte nicht gerade „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“. Denn das ist zusammen mit „Lästige Liebe“ in meinen Augen einer ihrer eher schwächeren Romane. Ein deutlich empfehlenswerterer Einstieg in den Ferrante-Kosmos sind da „Tage des Verlassenwerdens“, „Frau im Dunkeln“ oder gleich die vier Bände der neapolitanischen Saga. Der aktuelle Roman, der im Gegensatz zu den zuletzt erschienenen nicht neu aufgelegt, sondern nach dem großen Durchbruch neu geschrieben wurde, ist eher etwas für eingefleischte Fans, die Sehnsucht nach diesem typisch neapolitanischen Setting haben, die einfach mal wieder in Gedanken durch die Via Soundso nach Posillipo schlendern und den derben Dialekt des Rione hören wollen. Ein Blurb auf dem Umschlagklapper bestätigt meine Einschätzung: „Diesen Roman zu lesen, das ist wie eine Heimkehr.“

Und in der Tat, es ist wieder alles drin, was in einen guten Ferrante-Roman hineingehört. Die weibliche Erzählstimme, der Familienfokus, Liebe, Lüge und Verrat, zeternde Frauen, mürrische und dominante Männer. Und natürlich blitzt auch Ferrantes Überthema zwischen den Zeilen immer wieder auf:  Wie man sich mithilfe von Bildung von den Zwängen seiner Herkunft befreien kann, um ein besseres und selbstbestimmtes Leben zu führen. Gerade für Frauen im patriarchalisch geprägten Italien ist das ein wichtiges Thema und oftmals die einzige Chance, etwas anderes zu werden, als eine Pasta kochende Mama. 

Ich mag es ja, wenn Autorinnen und Autoren sich nicht mit jedem Werk neu erfinden wollen, sondern ihren Themen treu bleiben und das abliefern, wofür man sie kennt und schätzt. Die Herausforderung und eigentliche Kunstfertigkeit besteht darin, den treuen Lesern genau das zu geben, was sie schon beim letzten Buch so toll gefunden haben, ohne sich selbst zu kopieren oder zu wiederholen. Und zunächst sah es so aus, als ob Ferrante das auch diesmal wieder gelingen sollte. Schon nach den ersten drei Sätzen war ich drin in der Story und bis ungefähr zur Hälfte des Buches im altbekannten Ferrantefever gefangen. Die Geschichte der pubertierenden Giovanna, deren glückliche Kindheit zu Ende geht, als sie dem lügenhaften Leben der Erwachsenen auf die Schliche kommt, hat mir zunächst sehr gut gefallen und viel Stoff zum Nachdenken geboten. Gibt es wahre Liebe ohne Lügen, Vertrauen ohne Kontrolle und eine zweite Chance auf Glück und eine unbeschwerte Zukunft, wenn man vorher ein anderes Glück zerstört hat? Was klingt wie ein kitschiger Schlagertext, sind altbekannte Fragen, die seit Adam und Eva zwischen Mann, Frau (und Divers) verhandelt werden. 

Doch nach etwa zweihundert Seiten war die Geschichte für mich auserzählt. Ich hatte die Botschaft verstanden und brauchte nicht noch eine Begebenheit, einen weiteren erzählerischen Schwenk, um zu verstehen, dass erwachsen zu werden heißt, Lügen zu lernen. Und so schleppte ich mich zusehends gelangweilt durch die Seiten. Um es nicht einfach abzubrechen, habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen und mich von Eva Mattes samtiger Stimme bis zum enttäuschenden Ende tragen lassen. 

Fazit: Dieses Buch ist wie ein Heimspiel von Schalke 04. Am Ende ist man zwar frustriert und enttäuscht, aber immer noch Fan.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
415 Seiten, 24,00 €

Peter Prange – Eine Familie in Deutschland (Band 1 und 2)

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In meiner Timeline ist Peter Prange noch nie aufgetaucht. Bisher scheint keiner der Bloggerinnen und Blogger, denen ich folge, schon mal irgendetwas von diesem Bestseller-Autor gelesen zu haben. Warum eigentlich nicht? Im Buchhandel ist der Autor dagegen sehr präsent. Man muss nicht lange suchen, im Bestseller-Regal und auf den Highlight-Tischen stapeln sich die beiden Bände von „Eine Familie in Deutschland“. Erst kürzlich habe ich ein Beratungsgespräch belauscht, bei dem die Buchhändlerin zu einer Kundin sagte: Damit können sie nichts falsch machen – das ist erstklassige Unterhaltungsliteratur, die man in einem Rutsch so wegliest.

Wenn von Unterhaltungsliteratur die Rede ist, bin ich normalerweise sofort raus, und daher hakte ich Prange zunächst auch für mich ab. Doch prinzipiell mag ich ja dicke Familienepen sehr, liebe es, wenn man von Seite zu Seite immer vertrauter mit den Figuren wird, bis man irgendwann wie ein altes Familienmitglied mit am Tisch sitzt und den Gesprächen lauscht. Ich erinnere mich an tolle Erlebnisse mit den Buddenbrooks und Kempowskis, mit der Familie von Nino Haratischwilis Brilka und zuletzt natürlich mit den Cerullos, Carraccis und Solaras in Ferrantes Neapel. Auch wenn es den einen oder anderen Leser vielleicht abschreckt, schiere Länge macht immer noch Eindruck.

Alleine die lange Zeit, die man mit in einer Geschichte verbringt – bei mir waren es in diesem Fall knapp drei Wochen für einmal 700 beim ersten Band und nochmal 800 Seiten beim zweiten – haben etwas Prägendes. So schnell werde ich diese langen, ereignislosen Sommerwochen im Corona-Jahr, die ich mit den Isings verbracht habe, wohl nicht vergessen. Eine Romanfamilie, wie sie für eine RTL Telenovela nicht besser hätte gecastet werden können. Prange hat in die 1.500 Seiten alles reingepackt, was das Schmonzetten- und Dramaherz begehrt, vom sympathischen Herzensbrecher und Lieblingssohn bis zum intriganten und lüsternen Onkel wurde jede Rolle besetzt. Und alle Figuren erfüllen genau das, was man von ihnen erwartet. Der Vater ist väterlich, die Mutter mütterlich, die beiden Söhne im ungleichen Hahnenkampf gefangen, die Töchter talentiert, erfolgreich aber unglücklich und dazu der kleine Willy, der immer fröhlich ist und mit jedem „Ei“ machen will. Alles spielt in der Zeit des Nationalsozialismus, erzählt von den Anfängen bis zum desaströsen Ende. In einer Zeit, die allen alles abverlangt, und gute und schlechte Eigenschaften schonungslos offenlegt. Das Scherenschnitthafte der Charaktere wird dadurch noch mehr verstärkt.

Prange fährt dick auf. Nahezu alles, was man als Nicht-Zeitzeuge aus der Nazizeit so kennt: den Kommisston der Sturmbannführer, die blonden Haarschnecken der gebärfreudigen Ehefrauen, die Arbeitslager, das Pervitin, die Propagandafilme bis hin zur Rampe und den Gaskammern in Ausschwitz – wirklich alles wird irgendwie in die Handlung eingebaut. Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit sind dabei fließend. Hitler, Göring, Ferdinand Porsche, Josef Goebbels, Leni Riefenstahl sind genauso mit von der Partie und interagieren mit den Isings, wie auch die Jüdin Stella Goldschmidt, deren nacherzählte Geschichte erst jüngst zu Takis Würgers literarischem Waterloo wurde.

Natürlich hat mich das gestört, natürlich habe ich beim Lesen immer wieder mit den Augen gerollt und in Gedanken schon eine vernichtende Rezension geschrieben, in der ich diesem Werk jeglichen literarischen Anspruch abspreche. Aber trotzdem konnte ich von diesem Buch nicht lassen, habe nach Band 1 sofort auch Band 2 hinterhergeschoben und mich dabei wunderbar unterhalten gefühlt.

Ja, dieser Roman ist voller Klischees und Nazikitsch, die Figuren sind sehr eindimensional und in ihrem Handeln vorhersehbar und zum krönenden Abschluss erwartet einen noch ein echtes Happy End aus der Hölle. Ja, das ist wahrlich keine große Literatur und doch wäre es eine Lüge zu behaupten, dass es mir nicht gefallen hat. Die Buchhändlerin aus Krefeld hat recht: Prange produziert erstklassige Unterhaltungsliteratur, die man in einem Rutsch so wegliest. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Fischer Scherz
Band 1: Zeit zu hoffen und zu leben,
672 Seiten, 13,00 Euro (Taschenbuch)

Band 2, Am Ende die Hoffnung,
811 Seiten, 24,00 Euro (Hardcover)

Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

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Früher waren mehr Interviews. Hier und auf den anderen Blogs. Und früher ist noch gar nicht so lange her: gerade mal drei oder vier Jahre. Mittlerweile fragt mich keiner mehr was, und auch ich will von anderen kaum noch was wissen. Schade eigentlich. Könnte ich mal wieder ändern. Aber wenn schon Interviews, dann bitte nicht mehr diese weichgespülten und tausendmal abgestimmten Frage-und-Antwort-Floskeln. Wenn schon, dann offen und ehrlich, spontan und wahrheitsgetreu. Ok, versuchen wir es mal.

Vervollständigen Sie bitte diesen Satz: Die Wahrheit ist…

… das aktuelle Buch von Eshkol Nevo, einem israelischen Gegenwartsautor, von dem ich bisher noch gar nichts gehört oder gelesen habe. Er beantwortet in diesem autobiografisch anmutenden Roman die Fragen seiner Leser und schreibt sich mit seinen Antworten aus einer Schreibblockade. Dabei ist die eigentliche Frage nur ein Impuls für einen Gedankenstrom, den er immer weiter ausrollt, sich dabei seinen Lebenslügen und allerlei unangenehmen Wahrheiten stellt und auf diese Weise einen Roman von über 400 Seiten produziert.

Also eine Schreibblockaden-Therapie, aus der am Ende ein Roman entstanden ist?

Ja, schon, aber das ist in diesem Fall wirklich sehr gelungen. Und ist Schreiben nicht immer eine Art von Therapie? Ich wage sogar zu behaupten, dass alles was mehr sein will, als nur reine Unterhaltung, immer etwas Therapeutisches hat. Nur wer als Autor seine Leser ganz nah an sich ran lässt, sie durch die Aufdeckungen seiner Wahrheiten dazu bringt, über ihre eigenen nachzudenken, sprich: eine zweite Erzählebene im Kopf des Lesers erschafft, darf sich auch Literat nennen.

Und? Hat Eshkol Nevo Sie dazu gebracht, über Ihre eigenen Wahrheiten nachzudenken?

Absolut. Und nicht nur das. Wenn man sich erstmal mit seinen Wahrheiten beschäftigt, landet man ganz schnell auch bei seinen Lügen. Den vielen kleinen und großen Alltags-Unwahrheiten, den unzähligen Notlügen bis hin zu den gut verborgenen Lebenslügen. Ja, mir ging beim Lesen viel davon durch den Kopf. Und weil wir vorhin von Therapie gesprochen haben – was für den Autor das Schreiben, war für mich das Lesen: ein irgendwie heilsamer Prozess. Die Lektüre hat dadurch etwas länger gedauert, weil es viel zu erinnern und zu durchdenken gab. Am Ende des Romans fühlte ich mich aber irgendwie befreit und geläutert. Wenn man es so nennen will, eine Art von Katharsis.

Wow, das klingt gut. Hätten Sie das von einem israelischen Autor erwartet?

Dies ist wirklich eine sehr dumme Frage. Was hat das denn mit der Nationalität des Autors zu tun? So ein Effekt ist ausschließlich dem Können und Talent des jeweiligen Künstlers geschuldet, egal aus welchem Land er stammt.

Entschuldigung, aber sie werden doch nicht bestreiten, dass es in der Literatur spezifische Erzählmuster gibt, die typisch für einen bestimmten Kulturkreis, eine Region oder ein Land sind. Sie selbst haben doch schon gesagt, dass Sie keinen Zugang zu Autoren aus spanischsprachigen Ländern finden.  

Ja, das stimmt. Habe ich gesagt. Auch zu Literatur aus dem afrikanischen und arabischen Raum  finde ich nur selten einen Zugang. Trotzdem finde ich es falsch und geradezu rassistisch, Autorinnen und Autoren nach ihrer Herkunft zu klassifizieren. Wenn ich keinen Zugang zu Literatur finde, egal aus welchem Kulturkreis auch immer, dann hat das meistens mit den Themen zu tun, die mich nicht interessieren, mit überbordender Symbolik und einer Sprache, die mir zu kitschig und bildhaft ist.

Ok, lassen wir das Thema. Vielleicht ist Ihnen das Buch auch deswegen so nahe gegangen, weil der Protagonist – genau wie Sie auch – ein mittelalter Mann ist?

Das will ich nicht bestreiten. Ich bin ein typischer Identifikationsleser und freue mich immer, wenn das, was ich lese, in irgendeiner Form etwas mit mir zu tun hat. Wenn ich mich mit einer Person, einem Thema einer Situation identifizieren kann. Ob ich ein Buch mag oder nicht mag, hängt oftmals davon ab, ob ich mich in einem Setting zu Hause fühle und Gedanken und Gefühle der handelnden Personen nachvollziehen kann. Das konnte ich bei Eshkol Nevos Roman sehr gut. Ob das eine Frage des Alters, des Geschlechts oder der Herkunft ist, weiß ich nicht. Manchmal ist es auch einfach nur Sympathie und eine gewisse Art von Humor, die einen mit anderen Menschen verbindet – im echten Leben genauso wie in der Literatur.

Jetzt haben wir viel über Ihre persönlichen Leseeindrücke erfahren, aber kaum etwas über Handlung dieses Romans. Was passiert in „Die Wahrheit ist“ eigentlich?

Ja, stimmt. Das vergesse ich nur zu gerne. Für mich ist das Nacherzählen des Plots eine lästige Pflicht, der ich nur nachkomme, wenn mir sonst nicht viel zu einem Buch einfällt. Gerne verweise ich daher auf andere Quellen im Netz, wo man das alles gut nachlesen kann. In diesem Fall gibt der Text auf dem Buchrücken wunderbar Auskunft über das, was einen im Inneren erwartet. Ich lese mal eben vor: „Ein Mann Mitte vierzig steckt in der Krise: Seine Ehe steht vor dem Aus, seine älteste Tochter geht auf Distanz zu ihm, er arbeitet für einen fragwürdigen Politiker. Ein hoher Preis für seine Lebenslügen. Die Wahrheit ist: Sein einziger Ausweg ist die Flucht nach vorn. Zum ersten Mal in seinem Leben findet er den Mut, sich den Tatsachen zu stellen. Schonungslos, mitreißend und berührend.“

Und? Trifft es das?

Ja und Nein. Wie bei jeder Zusammenfassung fehlen auch hier wieder wichtige, prägende Details, die den besonderen Reiz der Geschichte ausmachen. Aber der letzte Satz trifft voll ins Schwarze: „schonungslos, mitreißend und berührend“ – ja, das ist dieses Buch in jedem Fall.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: dtv
Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke
430 Seiten, 22,00 €

Rebecca Makkai – Die Optimisten

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Wenn ich so schaue, was Bloggerinnen und Blogger in diesem Frühjahr lesen und besprechen, dann ist dieses Buch in den allermeisten Fällen mit dabei. Und in der Regel wird es positiv oder sogar hymnisch besprochen: Da ist vom Herzensbuch die Rede, dem richtigen Buch zu richtigen Zeit, vom Pageturner, der Entdeckung des Jahres und so weiter und so fort. Kollektive Lobhudelei, wohin man auch schaut.

Nicht selten, dass ich in solchen Fällen die Lust an einem derart gehypten Buch verliere, es gar nicht mehr lesen und erst recht nichts drüber schreiben will. Aber diesmal habe ich mir die Mühe gemacht und es gelesen, bevor meine Timeline damit überschwemmt wurde. Und da das immerhin über 600 Seiten Lektüre waren, die mich zwei Wochen Zeit gekostet haben, will ich es nicht unter den Tisch fallen lassen. Zunächst einmal: Es hat keine Mühe gemacht, es zu lesen, sondern war ein wahres Vergnügen. Und ja, die anderen haben recht: Es ist in der Tat die Entdeckung des Jahres, ein Pageturner und meinetwegen auch ein Herzensbuch.

Und was habe ich darüber hinaus noch dazu zu sagen? Auf alle Fälle werde ich hier nicht mit einer Inhaltsangabe Zeilen schinden. Mache ich ja sowieso nur sehr ungern. Nein, ich möchte an dieser Stelle lieber über andere Dinge sprechen. Zum Beispiel über AIDS. Warum? Weil der Ausbruch von AIDS im Chicago der achtziger Jahre das zentrale Thema dieses Romans ist, weil daran immer noch Jahr für Jahr viele Tausend Menschen sterben, weil ich die Anfänge in den frühen Achtzigern selbst miterlebt habe und mich noch gut daran erinnere – und natürlich, weil sich sofort Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie aufdrängen. Ein Vergleich, der an vielen Stellen hinkt, aber in der aktuellen Situation geradezu zwangsläufig ist.

Beide Viren sind gefährlich. Corona, weil man sich aufgrund der Ansteckungswege viel schlechter gegen eine Infektion schützen kann. Und HIV, weil die Folgen einer Infektion wesentlich gravierender sind und es auch nach über 30 Jahren immer noch keinen Impfstoff gibt. Welches Virus als das schrecklichere und verheerendere in die Geschichtsbücher eingehen wird, lässt sich bis dato noch nicht sagen. Fakt ist, dass die Autorin so einen Bezug zu keiner Zeit eingeplant hat, als der Roman im Jahr 2018 in den USA erschien. Aber jetzt, im Frühjahr 2020, bei Erscheinen der deutschen Übersetzung, geht das natürlich vielen Lesern durch den Kopf. Und sicherlich ist diese ungewollte Inzidenz für den Abverkauf des Buches alles andere als negativ, so dass weder der Verlag noch die Autorin das besonders bedauern werden. In dieser Woche ist Rebecca Makkai auf Platz 44 in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. Und ich bin sicher, dass es in den nächsten Wochen weiter nach oben gehen wird. Eine Top 20-Platzierung müsste drin sein.

Eins noch, dann höre ich mit den Pandemie-Vergleichen auf. Während ein positiver Corona-Test für Menschen ohne Vorerkrankungen oftmals relativ folgenlos bleibt, bedeutete ein positiver HIV-Test für die Homosexuellen von Chicago im Jahr 1985, wo einer der beiden Handlungsstränge des Romans spielt, den sicheren Tod. Das ist keine neue Erkenntnis, aber trotzdem: Genau das ist es, was einem beim Lesen dieses Buchs so mitnimmt. Makkai schildert sehr eindringlich und emotional aufwühlend, wie das Virus als Gevatter Tod in diese Gemeinschaft einbricht und einen nach den anderen dahinrafft. Allesamt junge, lebensfrohe, talentierte Männer, wie Nico, Terrence, Julian, Charlie und Yale, denen die ganze Welt noch offen stand. Innerhalb weniger Wochen ist ihr Leben vorbei, mit einer brutalen Konsequenz, diskussions- und ausweglos. Und alles letztlich nur, weil keiner ein Kondom benutzt hat. Ein Pfennigartikel, dessen Fehlen das Leben kostet.

Aber das ist nur einer der Aspekte, die diesen Roman zu einer emotional aufwühlenden Lektüre machen. Dieses Buch ist voller kleiner und großer Geschichten, die alle für sich bereits genügend Stoff für weitere Romane ergeben würden. Wie der Kampf um den Nachlass von Nora, die in jungen Jahren in Paris Künstlern wie Amadeo Modigliani und Chaim Soutine Modell saß und dafür signierte Skizzen bekam. Die tragische Geschichte des Malers Ranko, für dessen Andenken und künstlerische Würdigung sich seine Freundin Nora auch mehr als 50 Jahre nach seinem Tod noch einsetzt. Die Tochter, die verschollen ist und von ihrer Mutter per Privatdetektiv über zwei Kontinente hinweg gesucht wird. Der ehemalige Pilot, dem seine an allen möglichen Orten liegen gelassene Brieftasche immer wieder nachgeschickt wird. Der Fotograf, der im Alter noch eine internationale Karriere macht und natürlich Yale, der Held und Sympathieträger dieses Romans, dessen Schicksal einem das Herz zerreißt. All diese Geschichten hängen mir nach und bleiben im Gedächtnis.

Was mir sonst noch zu diesem Buch einfällt? Nun ja, ein absoluter Glücksgriff ist zum Beispiel der Romantitel. Wer greift in einer Zeit, in der alle gängigen literarischen Dystopien scheinbar Realität geworden sind, nicht gerne zu einem Buch mit dem Titel „Die Optimisten“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und ist obendrein gerade sehr gefragt. Apropos Glücksgriff – mich wundert, wie ein vergleichsweise kleiner Indie-Verlag wie Eisele sich solch einen Spitzentitel unter den Nagel reißen kann. Die Optimisten, bzw. im Original „The Great Believer“, stand in den USA auf der Shortlist des Pulitzer-Preises, war ein New-York-Times Bestseller. Wer hat bei den großen Verlagen wie Hanser, Fischer oder Rowohlt eigentlich geschlafen, als die deutsche Lizenz verhandelt wurde?

Scheinbar alle. Obendrein schafft es die umtriebige Indie-Verlegerin mit dem Gespür für Bestseller immer wieder, dass nicht nur Blogger und Bookstagrammer, sondern auch der Buchhandel ihre Titel zu Herzensbüchern erklären und sich bereitwillig vor den Verkaufskarren spannen lassen. Und wenn ich auch manchmal gerne querschieße, in diesem Fall schließe ich mich an.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele Verlag
Übersetzt von: Bettina Abarbanell
620 Seiten, 24,00 €

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Ich kann vieles in diesem Buch sehr gut nachvollziehen. Ein Protagonist, der Bücher liebt und für nichts anderes als seine bibliophile Leidenschaft lebt, hat grundsätzlich meine vollste Sympathie. Literatur vor dem Vergessen zu bewahren, alte Schätze zusammenzutragen, sie bis an die Decke zu stapeln, mit den Fingerkuppen über die Einbände zu streichen und sich an den Regalreihen nicht sattsehen zu können – das kenne ich nur zu gut. Ein Bücherfreund wie Norbert Paulini, der Held dieses Romans, kann kein schlechter Mensch sein, denke ich – und weiß natürlich, wie naiv so eine Aussage ist.

„Was ist ein schlechter Mensch?“ lautet dann auch die berechtigte Frage gegen Ende dieses Romans. Die Antwort darauf ist simpel und ernüchternd: „Um herauszufinden, was gut ist und was schlecht ist … dafür brauchen wir unser ganzes Leben. Aber ob wir es herausfinden werden?“

Ja, was nützt dann die Lektüre mehrerer tausend Bücher, wenn man danach noch nicht mal so eine einfache Frage beantworten kann? Und überhaupt, welcher Maßstab gilt, wenn es um die politische Gesinnung geht? Ist man gut, wenn man links und schlecht, wenn man rechts von der Mitte steht? Wer legt das fest und fällt am Ende das Urteil? Die Geschichte hat gezeigt, dass das schon mal variiert, dass Gut oder Böse davon abhängen, wo man sich selbst verortet, geistig, moralisch und manchmal auch regional. Und wenn dieser Ort in Sachsen liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass rechts von der Mitte gut und alles andere eben schlecht ist.

Das sind die Gedanken, die mir beim Lesen dieses Romans durch den Kopf gegangen sind. Und die ganze Zeit während der ca. einwöchigen Lektüre war ich unschlüssig: Finde ich „Die rechtschaffenen Mörder“ nun gut oder eher nicht? Erst am Ende stand mein Urteil fest. Gut! Richtig gut. Und zwar gerade, weil es so ein langer Prozess war. Gerade, weil man immer wieder dachte: Was soll das jetzt? Ist das nicht zu billig, zu wenig hergeleitet, zu viel aktueller politischer Diskurs?

Aber während ich das hier schreibe, poppt in meiner Timleine wieder mal die Casa ‚Tellkamp‘ auf. Gleicher Ort, ebenfalls Literaturbetrieb, und wie im Roman von Ingo Schulze stellt sich auch hier die Frage nach der richtigen Gesinnung. Also von wegen konstruiert. Aktueller kann ein Romanthema wohl kaum sein.

Was ich anfangs etwas verwirrend, am Ende aber richtig gut fand, ist die Aufteilung des Romans in drei unterschiedliche Erzählebenen. Im ersten Teil wird die wechselvolle Geschichte des Antiquars Norbert Paulini aus Sicht eines scheinbar neutralen Erzählers geschildert. Die frühen Jahre in der DDR, der Aufbau des Antiquariats Paulini – die ersten Jahre nach der Wende werden sehr detailliert beschrieben. Als Paulini mit seinen Büchern in die sächsische Schweiz umzieht und sich politisch immer mehr rechts positioniert, bricht die Erzählung plötzlich ab. Dann wechselt die Perspektive, und der Erzähler des ersten Teils wird zum Ich-Erzähler des zweiten Teils. Zunächst rollte ich mit den Augen, weil ich dachte, jetzt wiederholt sich alles noch mal. Aber bis auf ein paar Überschneidungen war dem nicht so. Ganz neue Perspektiven, andere Einblicke und eine komplizierte Liebesgeschichte kamen hinzu. Schlussendlich übernimmt die Lektorin des Erzählers der ersten beiden Teile und führt die Geschichte im dritten Teil an ihren Schlusspunkt. Und so sehr ich zwischendurch auch haderte und immer wieder mit dem Gedanken spielte, die Lektüre einfach abzubrechen, so sehr hat es sich am Ende doch gelohnt.

Denn ob ein Roman in meinen Augen gut oder schlecht ist, hängt nicht davon ab, wie stimmig ich den Plot finde oder ob ich mich mit den Protagonisten identifizieren kann. Es hat auch nichts damit zu tun, wie schnell ich durchkomme, ob ich mich beim Lesen schwer getan habe, es spannend oder lustig fand. Nein, entscheidend ist, was sich an Gedanken parallel zum Lesen in meinem Kopf ergibt. Und das waren in diesem Fall eine ganze Menge.

Neben dem, was ich oben schon geschrieben habe, der Frage nämlich, wann ein Mensch gut und wann er schlecht ist, ist es aber vor allem die Figur des ambitionierten Lesers, die mich an diesem Werk fasziniert hat und bei der sich unweigerlich auch Parallelen zu meiner Person ergeben. Wie ist das, wenn einer viel liest? Entzieht sich so jemand der Welt, obwohl er sich doch gedanklich viel intensiver mit ihr beschäftigt, als jeder Nicht-Lesende das jemals tut? Nähert uns die Literatur dem Leben und den Menschen an, oder entfernt sie uns von ihnen?

Und nicht zuletzt, die entscheidende Frage, der sich jeder Literaturfreund einmal stellen muss. Ist mir das Lesen genug, reicht mir dieser Status? Will ich ein Leser sein oder lieber ein Schreiber? Akteur oder Konsument? In meinem Fall ist die Antwort klar: Ich bin Leser und kein Schreiber. Aber wenn man mich fragt, warum ich lese, ist die Antwort klar: um darüber zu schreiben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
318 Seiten, 21,00 Euro
nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse

Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Wenn es draußen in der Welt drunter und drüber geht, die gesellschaftlichen Konflikte immer vielschichtiger werden und schnelle Lösungen nicht in Sicht sind, dann ist wieder einmal Hochsaison für den guten alten Familienroman. Mit Kuscheldecke und `ner Tasse Tee auf dem Lesesofa den Schlagzeilen entfliehen, die Welt im Kleinen betrachten, sich in bekannte Strukturen mit überschaubaren Problemen begeben.

In der Ur-Zelle alles Zwischenmenschlichen kennen wir uns aus: Vater, Mutter, Kind – da kommen wir alle her. Da ist alles angelegt, dort werden die Weichen gestellt und es entscheidet sich, welches Leben wir einmal führen werden. Keiner kann sagen, das gehe ihn nichts an. Und deswegen ist auch nicht weiter verwunderlich, dass Familienromane gerade eine Renaissance erleben. Ob autobiografisch oder fiktional, romantisch verklärt oder anklagend, von etablierten Autoren oder Debütanten – auf den Büchertischen findet man derzeit kaum noch andere Themen. Das ist nicht nur purer Eskapismus, das ist auch der Frage geschuldet, wie man heutzutage überhaupt noch eine größere Menge Menschen erreicht.

Es gibt kaum noch Dinge, die eine Art Wir-Gefühl erzeugen, keine gemeinschaftlichen Erlebnisse wie die große Samstagabend-Familienshow im öffentlich rechtlichen Fernsehen, keinen Thomas Gottschalk, den wirklich jeder kennt. Zu divers ist das Themenspektrum, zu groß die mediale Vielfalt; zu viele Optionen, Leben und Freizeit zu gestalten. Aber Familie kennt jeder. Sie ist die letzte gemeinsame Klammer, die Menschen im 21. Jahrhundert miteinander verbindet. Fluchtpunkt und zugleich Sehnsuchtsort und etwas, wozu alle nicht nur eine Meinung haben, sondern auch ein Gefühl.

Sorry für dieses etwas zu lang geratene Intro. Kommen wir nun zum eigentlichen Thema, dem Debütroman von Katya Apekina. Es handelt sich hier – was jetzt sicherlich keinen mehr sonderlich überraschen wird – um einen klassischen Familienroman, und zwar um einen richtig guten. Mit ganz viel Emotion, interessanten Charakteren, lebendig erzählt und mit einem kreativ konstruierten Spannungsbogen. Erzählt wird die Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Schwestern, Edie und Mae, die nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter in die Obhut ihres Vaters kommen. Dennis Lomack ist ein bekannter Schriftsteller, der die Familie vor mehr als zehn Jahren verlassen hat und seither in New York lebt. Die Schwestern reagieren unterschiedlich auf den so lange abwesenden Vater. Während Edie auf Distanz bedacht ist, steigert sich die jüngere Schwester in einen ungesunden Liebeswahn zum Vater.

Alle auftauchenden Figuren sind gleichzeitig auch erzählende Personen. Der in insgesamt vier Teile, zahlreiche Kapitel und Abschnitte gegliederte – und dabei leider auch etwas zer-gliederte Roman lässt uns Leser immer wieder aus unterschiedlichen Erzähl- und Zeit-Perspektiven auf das Geschehene blicken. Hinzu kommen noch Zeitungsartikel, Prozess- und Krankenakten, die nach und nach immer mehr Licht in die komplexen Familienverhältnisse bringen. Dieser kreative Mix unterschiedlicher Erzählformen ist zwar äußerst reizvoll und verleiht diesem Roman das gewisse Etwas, hemmt allerdings auch den Lesefluss. Obwohl mich die Geschichte nicht eine Minute gelangweilt hat, habe ich doch ziemlich lange für die knapp 400 Seiten gebraucht. Wenn alle vier, fünf Seiten ein größerer Cut kommt und die Perspektive wechselt, ist der Impuls, eine Lesepause einzulegen, um mal eben Mails abzurufen oder bei Facebook nach dem Rechten zu sehen, ziemlich hoch.

Trotz dieser manchmal auch länger dauernden Lesepausen hatte mich dieser Roman die ganze Zeit am Haken und konnte im letzten Drittel sogar noch einen echten Sog entwickeln. Und auch nachdem ich das Buch ausgelesen und zufrieden nickend aus der Hand gelegt habe, ließen mich die Gedanken, die diese tragische Familiengeschichte in mir angestoßen hat, nicht mehr los. Auf alle Fälle hat Katya Apekina sehr eindrucksvoll bewiesen, dass die Komplexität der Probleme in Familien denen in der Welt da draußen in nichts nachsteht.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Aus dem Amerikanischen übersetzt von: Brigitte Jakobeit
396 Seiten, 24,00 €

Artur Dziuk – Das Ting

Mein erster Gedanke nach ca. fünfzig Seiten: Ich will auch so ein Ting! Etwas, das mein Leben besser macht. Was nicht heißt, dass es aktuell schlecht ist. Aber besser geht doch immer. Muss ja gar nicht perfekt sein, aber etwas gesünder, erfolgreicher, unbeschwerter wäre nicht verkehrt. Ich glaub, mir würde sowas gefallen. So ein kleiner Mann im Ohr; einer, der auf mich aufpasst, den Überblick über mein mitunter etwas sprunghaftes Wesen hätte – mein ganz persönlicher Coach, vielleicht sogar so etwas wie ein Freund.

Und jetzt weiß man schon so in etwa, worum es in diesem Buch geht: eine innovative Tech-Idee, vier Young Professionals, ein StartUp, ein Elevator Pitch, jede Menge Geld und die Chance, mit einem Produkt die Welt zu verändern. Die einmalige Gelegenheit, zu einer Business-Ikone zu werden. Ein neuer Steve Jobs, Jeff  Bezos oder Mark Zuckerberg. Klingt wie ein John Grisham- Setting, bietet aber in diesem Fall mehr als nur spannende Unterhaltung. Denn Artur Dziuk hat einen anderen Anspruch – zumindest glaube ich das. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Selten so unschlüssig gewesen, ob das hier tatsächlich mehr ist, als nur ein gut aufbereitetes Zeitgeist-Thema mit Bestseller-Potenzial.

Fakt ist, ich habe das Buch sehr gerne gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Und es hat etwas in mir in angestoßen. Auch zwei Wochen nach der Lektüre bewege ich mich gedanklich immer noch im Setting, lassen mich zahlreiche Fragen nicht los. Zum Beispiel, was überhaupt ein perfektes Leben ist? Und wer letztlich besser beurteilen kann, was gut für einen ist: man selbst oder eine Maschine, die Millionen Daten von dir hat und Zugriff auf das gesamte gespeicherte Wissen der Menschheit? Ist Mensch nicht erst Mensch, weil er so unperfekt ist? Und natürlich stellt man beim Lesen dieses Romans wieder einmal fest, dass Geld allein nicht glücklich macht, genauso wenig wie Erfolg und Anerkennung. Aber das ist ja nun wirklich eine simple Erkenntnis und ziemlich profaner Mainstream.

Hmm… bin ich etwa auf der falschen Fährte? Täuscht mich mein Gefühl? Interpretiere ich in dieses Buch viel zu viel hinein? Für einen literarischen Anspruch spricht die Langatmigkeit, mit der Dziuk seine Hauptcharaktere einführt. Man muss schon etwas Sitzfleisch, respektive Leselangmut und Ausdauer mitbringen, um sich den vier Protagonisten zu nähern. Hier noch ein Persönlichkeits-Detail, da noch ein erzählerischer Seitenschwenk. Es ist vielschichtig, aber trotzdem bleiben die Figuren das, was sie von Anfang an waren. Ziemlich eindimensional und ohne Entwicklung: Linus ein bemitleidenswerter Lappen, Kasper der ewige Sohn, Adam ein Blender und Softwareentwicklerin Niu der autistische Nerd.

Aber warum mache ich es mir überhaupt so schwer? Wen interessiert eigentlich, ob das jetzt große Literatur oder ein profaner Unterhaltungsroman ist? Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass ‚Das Ting‘ das Beste aus beiden Welten vereint. Und es ist ohne Zweifel ein sehr lesenswertes Buch, das noch lange nachklingt. Belassen wir es doch einfach dabei.

Und dann gucke ich zufällig noch, was das überhaupt für ein merkwürdiger Verlag ist: bold. Es stellt sich heraus, dass das ein neues  Imprint von dtv ist und auf der Webseite readbold.de steht dann auch schwarz auf weiß: „bold bietet ein junges, trendiges Buch-Programm zwischen Unterhaltung und Literatur, von Autoren, die wie ihre Leser im Internet zu Hause sind.

Na, bitte. Meine Rede.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: bold (dtv)
464 Seiten, 18,00 €

Das Hörbuch ist auch sehr empfehlenswert:
Verlag: Audible Studios
Gelesen von Sascha Tschorn
14 h, 35 min
Hörprobe

Rezi-Shortcuts mit: Iris Wolff, Anke Stelling und R.R. Sul

R.R. Sul – Das Erbe

Schwarze Schrift auf schwarzem Grund ­– so dunkel, dass man auf dem Buchcover den Namen des Autors kaum erkennen kann, aber das ist auch gar nicht wichtig, denn der ist sowieso nicht echt. R.R. Sul ist ein Pseudonym und in diesem Fall sogar ein besonders schlecht gewähltes. Denn der Name klingt irgendwie billig, nach Groschenroman vom Bahnhofskiosk und hat mich mehr abgeschreckt als mein Interesse geweckt. Aber schon die ersten Seiten offenbaren, dass das genaue Gegenteil der Fall ist und man es hier mit einer echten literarischen Entdeckung zu tun hat. Sprachlich sehr besonders, stellenweise sogar poetisch, mit wunderbar komponierten Sätzen hat mich dieser Roman sofort gefangen genommen und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Ein unglaublich spannendes und ergreifendes Meisterwerk zum derzeitigen Trendthema Familie, das alles mitbringt, was man für einen verregneten Lese-Wintertag auf der Couch braucht: starke Charaktere, Krankheit und Tod, Glaube und Gewalt, Liebe, Einsamkeit, Verzweiflung und vor allem: Anspruch UND Unterhaltung. Eine tolle Entdeckung.

Und am Ende fragt man sich, warum sich der Autor oder die Autorin eigentlich nicht zu diesem Meisterwerk bekennt? Was ist mit Ruhm und Ehre, einem Platz auf dem blauen Sofa, ein paar Wochen Rummel im Netz und vielleicht sogar im Feuilleton? Ist das alles denn gar nichts mehr wert? Wie uneitel kann man eigentlich sein? Es kann einem doch nicht nur darum gehen, diese eine Geschichte aufzuschreiben. Oder ist es die eigene Familie, die da beschrieben wird und die Geschichte daher zu persönlich?

Wie auch immer – meiner Meinung nach handelt es sich bei R.R. Sul entweder um das Projekt eines etablierten literarischen Profis oder aber um ein bemerkenswertes literarisches Talent, von dem ich mir wünschen würde, dass er oder sie einfach mal was beim Blogbuster-Preis einreicht.

Verlag: dtv
224 Seiten, 21,00 €

 

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen (Hörbuch)

Was passieren kann, wenn sich eine Autorin allzu hemmungslos aus ihrem privaten Umfeld bedient, zeigt Anke Stelling in ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“, mit dem sie im letzten Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Ich habe mir die Hörbuchversion angehört, die im letzten Herbst im Berliner Indie-Hörbuchverlag ‚Speaklow‘ erschienen ist und von der Autorin selbst gelesen wurde. Nicht immer ist es eine gute Idee, den oder die Verfasser/in das machen zu lassen, aber hier ist es mal gelungen. Stelling kann nicht nur gut lesen, sondern verleiht der Protagonistin mit ihrer ganz persönlichen Intonation einen noch authentischeren Auftritt.

Stellings Thema ist bundesdeutscher Familienalltag: Leben in der Stadt, zerrissen zwischen Kindern, Beruf und Selbstverwirklichung. Es kommen Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann stellt – erst recht, wenn man das sogenannte Schwabenalter erreicht hat. Spätestens mit 40 nämlich – so will es das Prenzlberger Gesetz – sollte man in seinem Leben angekommen sein, etwas Nachweisbares geschaffen und aufgebaut haben. Seit jeher haben es in diesem Etablierungs-Wettbewerb Künstler jeglicher Art besonders schwer. Die Romanheldin ist Autorin und macht in Ermangelung anderer Themen ihr persönliches Umfeld zu Protagonisten einer schonungslos ehrlichen Publikation. Der Erfolg des Textes macht sie im Freundes- und Bekanntenkreis zur Persona non grata. Aber was soll sie auch anderes tun? Sich entweder in der seichten Oberflächlichkeit ihres bürgerlichen Umfelds einrichten und sich damit abfinden, im Leben außer Familie und Haushalt nichts geschaffen zu haben, oder aber das alles als Inspirationsquelle zu nutzen und schonungslos zu demaskieren. Auch hier gilt wahrscheinlich das Motto: Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine gute Geschichte verzichten und die Chance auf den literarischen Durchbruch zu verspielen.

Ja, in diesem Dilemma stecken wahrscheinlich sehr viele Autoren. Die Themen, die einen wirklich berühren, die man bis ins kleinste Detail kennt, weil man sie selbst durchlitten hat, kann man nicht bringen, ohne Gefahr zu laufen, jemanden, der sich wiedererkennt, zu verletzen. Eltern, Kinder, enge Freunde und Arbeitskollegen – all diese Personen sind als Romanhelden eigentlich tabu. Stellings Heldin macht trotzdem eine Geschichte daraus und konfrontiert uns dabei mit den existenziellen Fragen aller Personen jenseits des Schwabenalters: War es das jetzt? Kommt da noch was? Die ernüchternde Antwort lautet in beiden Fällen: Nein.

Hörbuchverlag: speak low
Gelesen von: Anke Stelling
Dauer: 7h, 21 min

 

Iris Wolff – So tun, als ob es regnet

Bleiben wir weiter Indie und weiter besonders: Der nächste Titel ist ein echtes Kleinod. Kleines Format, kleiner Verlag, ganz große Literatur. Ein Geheimtipp, für dessen Entdeckung ich sehr dankbar bin, denn dieses Buch stand auf keiner meiner Leselisten. Ab und zu haben wir Buchblogger ja das Glück, Schriftsteller und Schriftstellerinnen in echt kennenzulernen. Iris Wolff habe ich in Berlin getroffen, an einem wunderbaren Sommertag im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert, ich war Teil der Publikumsjury und habe mich in ihre Texte und ihre unglaublich sympathische Ausstrahlung verliebt. Natürlich wollte ich dann sofort etwas von ihr lesen und wurde nicht enttäuscht.

„So tun, als ob es regnet“, ist ein leises, stilles Buch. Eines, das sich nicht aufdrängt und nichts fordert. Es will dir nichts beibringen, dich nicht zu irgendwas bekehren, will nicht, dass du nach seiner Lektüre ein anderer Mensch bist. Alles, was dieses Buch will, ist, dass du es gerne in die Hand nimmst, um darin zu lesen. Und wer das tut, wird reich beschenkt. Mit vier wunderbaren Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat der Autorin, vier Generationen, vier Schicksale, deren zart geflochtene Bande sich beim Lesen erst nach und nach erschließen. Am Ende dieses Episodenromans hat sich ein großer zeitgeschichtlicher Bogen aufgespannt, der einem wieder einmal aufzeigt, wie sehr jeder einzelne von uns doch das Kind seiner Zeit und der politischen Verhältnisse ist.

Wer jetzt angefixt ist, kann sich auf noch mehr Iris Wolff freuen. Im Herbst erscheint ihr neuer Roman bei Klett Cotta.


Verlag: Otto Müller
166 Seiten, 20,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Terézia Mora – Auf dem Seil

Der Literaturbetrieb freut sich, denn Darius Kopp ist wieder da. Und alle anderen so: Darius wer? Kopp, Darius. Kennst du nicht? Das Ungeheuer und der einzige Mann auf dem Kontinent, literarischer Serienstar und mehrfach ausgezeichneter Protagonist. Man könnte ihn auch Mr. Burnout nennen, den Mann mit der Urne oder neuerdings auch den deutschen Pizzabäcker vom Ätna. Oder war das der Stromboli?  Auf alle Fälle Sizilien, denn da ist der Ex-IT-Experte im Verlauf seiner Mir-ist-alles-egal-ich-lass-mich-einfach-treiben-Odyssee schließlich gelandet. Und dort treffen ihn die treuen Leser von Terezia Mora am Anfang des letzten Teils der Darius Kopp-Trilogie wieder.

Jetzt werden wahrscheinlich alle aussteigen, die Band 1 und 2 nicht kennen. Doch halt! Das hier ist keine Netflix-Serie. Man kann ohne Probleme nur diesen einen Roman lesen, ohne Gefahr zu laufen, den Plot nicht zu verstehen, weil wesentliche Informationen aus vorherigen Bänden fehlen. Ich selbst habe nur ‚Das Ungeheuer‘ gelesenen. Den mit dem Deutschen Buchpreis 2013 prämierten zweiten Band der Reihe.  Und ich kann mich nach all den Jahren an überhaupt nichts mehr erinnern, außer dass mir der Roman sehr gut gefallen hat. Damals habe ich noch nicht gebloggt, also kann ich auch nichts mehr nachlesen. Wenn im Klapper dieses Bandes also nicht gestanden hätte, dass der Protagonist immer der gleiche ist, ich hätte es vermutlich noch nicht einmal bemerkt.

Soviel zu meinen Unzulänglichkeiten als Leser. Kommen wir zu denen von Darius Kopp als Romanheld. Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ein Held ist er schon mal nicht. Wenn, dann ein Antiheld; einer, der sich allem entzieht, sich in die Trauer über den Tod seiner Frau und einen komplizierten Mix an Befindlichkeiten flüchtet. Wer wissen will, was genau ihn so zerstört und aus der Bahn geworfen hat, müsste wahrscheinlich tatsächlich noch Band 1 und 2 der Trilogie lesen. Mir reicht das, was ich zu Beginn von Band 3 vorgefunden habe: einen gebrochenen Mann, einen der die Achtung und den Respekt vor sich und seinem Leben verloren hat. Denn Darius ist nicht nur einmal grandios gescheitert, sondern scheitert seitdem jeden Tag aufs Neue. Er lebt vom Wohlwollen anderer, schnorrt und buckelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt von irgendwelchen Tagelöhnerjobs und suhlt sich in seinem Elend.

Ich finde so eine Apathie ganz fürchterlich, will Darius eigentlich permanent schütteln und zurufen, er solle sich verdammt nochmal endlich zusammenreißen. Und doch habe ich für solche Abstürze vollstes Verständnis und weiß, dass dergleichen jederzeit jedem von uns passieren kann. Und der plötzliche Tod der geliebten Partnerin ist allemal ein mehr als nachvollziehbarer Grund dafür. Nicht wenige verlieren in solchen Momenten jeglichen Lebensmut, sehen keinen Ausweg und flüchten in den Freitod. Aber wenn man schon alles fallen lässt, warum dann in den Tod fallen und nicht ins Leben? Dann natürlich in ein ganz anderes Leben, eines, das sich komplett unterscheidet. Weit weg von all dem, mit dem man gescheitert ist. Keine Ziele mehr, nichts mehr wollen, kein Plan B und auch kein Plan A, überhaupt nichts mehr planen, einfach nur da sein und sehen, was kommt.

Und irgendwas kommt mit Sicherheit, früher oder später. Entweder das endgültige Aus, oder ein neuer Weg, eine Herausforderung, ein neues Ziel. Bei Darius Kopp kam seine Nichte Lorelei und mit ihr der Wunsch zurück, wieder Verantwortung zu übernehmen. Augenscheinlich erstmal für sie und dann irgendwann auch wieder für sich selbst. Das ist fast schon ein wenig zu banal, klingt wie simple Küchenpsychologie, der gut gemeinte Ratschlag eines Bekannten, sich bei mentalen Problemen doch einfach eine Aufgabe oder ein Hobby zu suchen, dann würde es einem mit Sicherheit schon bald wieder besser gehen. Und bestimmt funktioniert so etwas genauso häufig, wie es eben nicht funktioniert. Bei Darius Kopp hat es funktioniert. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft. Und so wird er am Ende doch noch zum Romanhelden. Ein ziemlich trauriger zwar, aber dafür ein sehr sympathischer. Und ich bin sehr dankbar, dass ich seine Bekanntschaft machen konnte.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 24,00 €

Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

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Da bildet man sich ein, man würde sich im Literaturbetrieb ein wenig auskennen, wüsste was gerade angesagt ist, welche Autorin, welcher Autor eine gewisse Relevanz hat, welche man zumindest vom Namen her kennen sollte und von wem man unbedingt noch etwas lesen muss. Und dann fällt einem zufällig dieser Roman in die Hände und man fragt sich: warum habe ich bisher eigentlich noch nie etwas von Regina Scheer gehört?

Wer dieses Gefühl kennt und ebenfalls von der 1950 in Ost-Berlin geborenen Historikerin und Publizistin noch nichts gehört hat, obwohl ihr in 2014 erschienener Debütroman  ‚Machandel‘ mehrfach ausgezeichnet wurde und sie seitdem von ihrem Verlag als Bestsellerautorin geführt wird, sollte das schnellstens nachholen und jetzt unbedingt „Gott wohnt im Wedding“ lesen.

Eine dringende Leseempfehlung auch für all diejenigen, die wie ich der Meinung sind, schon genug Berlin-Romane gelesen zu haben, in denen die wechselvolle Geschichte der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart geschildert wird. Denn Scheers Idee, ein Wohnhaus im Berliner Arbeiterbezirk Wedding zum Protagonisten ihres neuesten Romans zu machen, ist nicht nur auf eine charmante Art anders und überaus unterhaltsam, sondern angesichts einer beeindruckenden Detailkenntnis historischer Fakten auch unglaublich lehrreich.

Ein Thema, das mich literarisch beispielsweise bisher überhaupt noch nicht erreicht hat, ist die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Ich muss zugegeben, es hat mich auch noch nie besonders interessiert, denn wie ich beim Lesen selbstkritisch festgestellt habe, war auch ich nicht vorurteilsfrei. Doch hier habe ich mal was anderes als die gängigen Klischees über diese Volksgruppe erfahren, denn im Haus in der Utrechter Straße sind sie alle ein- und ausgegangen: Kommunisten, die dem „Roten Wedding“ seinen Namen gaben, Juden, Nazis, Russen und eben auch Sinti und Roma. Menschen in Zwei- und Dreiraumwohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Nachbarn, denen man im Hausflur begegnet, die man in der Wohnung über einem streiten, lachen und weinen hört. Und auf einmal erweitert sich der Horizont, man lernt dazu und versteht.

Der Roman ist sehr vielschichtig aufgebaut. Zahlreiche Personen, häufige Zeitsprünge und wechselnde Erzählperspektiven lassen den unkonzentrierten Leser leicht den Überblick verlieren. Aber durch den episodenhaften Aufbau dieses Romans findet man schnell wieder rein. Und wenn ich mit einigen der zahlreichen Erzählstränge auch weniger anfangen konnte, so freute ich mich doch umso mehr, wenn meine Lieblingsfiguren wieder ins Spiel kamen. Allen voran Gertrud Rhomberg, weit über 90 Jahre alt und seit Ihrer Geburt Mieterin in der Utrechter Straße.

Sie und das Haus haben viel erlebt: wie ein SA-Mann direkt vor der Tür ermordet und zum Märtyrer stilisiert wurde, wie sich zwei jüdische Jungs in ihrer Wohnung versteckten, wie der, den sie liebte, von den Nazis entdeckt und in ein Vernichtungslager verschleppt wurde, wie ein SS-Mann sie vergewaltigte, wie die Russen kamen und wieder gingen, die schwere Zeit des Wiederaufbaus, wie irgendwann die ersten Türken, Jugoslawen und danach auch Sinti einzogen und ganz am Ende, siebzig Jahre später, der andere der beiden jüdischen Jungs wieder unten im Hof steht und zu ihrer Wohnung hochschaut.

Ein Leben, ein Schicksal, das sich oberflächlich betrachtet nicht besonders von all denen unterscheidet, die zur selben Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Unzählige Geschichten, die es auch wert gewesen wären, erzählt, aufgeschrieben und nicht vergessen zu werden. Große Häuser, kleine Häuser, die irgendwann entstanden sind und wieder wieder verschwanden. So wie wir alle, irgendwann.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardover
416 Seiten, 24,00 €

Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch:
Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von: Johann von Bülow
Länge: 14 h, 21 min
Hörprobe

Die besten Romane 2019 (Teil 2: Autoren)

Von männlichen Autoren haben es in diesem Jahr nur sechs Titel auf meine Bestenliste geschafft.

 

Michel Houellebecq – Serotonin

Das Rennen um den besten Roman des Jahres war im Prinzip schon entschieden, als am 07. Januar Serotonin in die Buchläden kam. Wieder ein echter Houellebecq, mit allem was dazu gehört: altbekannte, depressive Grundstimmung, ewig gleiches Alt-Männer-Gejammer, mit einer ordentlichen Portion Sexismus und Rassismus – so kennt man den immer mehr verwahrlosenden Kettenraucher. Selbst der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem mit seinem Themenmix. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art.

Verlag: DuMont
330 Seiten, 24,00 €

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Matthias Brandt – Blackbird

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Schauspieler meinen, auch noch ein Buch schreiben zu müssen? Ist das pure Hybris, einem übergroßem Ego geschuldet oder einfach nur kaufmännisch klever gedacht? Wie auch immer, nur selten kommt dabei was Vernünftiges raus. Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist Matthias Brandt.

Schon der Erzählband Raumpatrouille hat mir sehr gut gefallen, und sein erster Roman Blackbird steht dem in nichts nach. Beide Bücher habe ich regelrecht inhaliert und mich geärgert, dass sie nicht doppelt so dick waren. Das mag daran liegen, dass ich wie Brandt ein Babyboomer bin und es mir ein sentimentales Vergnügen bereitet, mit seinen Figuren zurück in die Siebziger zu reisen. Es ist aber in erster Linie die Lässigkeit, mit der Brandt seine Geschichte erzählt. Ohne auf Teufel komm raus cool, witzig und originell erscheinen zu wollen oder übertrieben literarisch und pathetisch.

Nein, das alles will Brandt nicht sein, und trotzdem ist sein erster Roman Blackbird all das, aber in genau dem richtigen Maß: cool und witzig, ein wenig pathetisch, unterhaltsam und  literarisch anspruchsvoll. Genretechnisch ein Coming-of-Age-Roman für Best Ager, vergleichbar mit Auerhaus und Tschik, doch hat mich Blackbird emotional wesentlich stärker gepackt. An manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich dann dazu entschieden, diesen Roman in allen Facetten einfach nur grandios zu finden.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
288 Seiten, 22,00 €

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Saša Stanišić – Herkunft

Eigentlich wollte ich den mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman nicht auf die Liste setzen. Denn nach wie vor finde ich es blöd, dass Stanišić dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert. Aber cooler wäre es gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Die Herkunft-Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „Ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man dem latenten Rassismus all derer, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln, sondern „ursprünglich“ herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Trotzdem: Was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage des Talents, das man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt Stanišić besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig.

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 22,00 €

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Friedemann Karig – Dschungel

Ich war nie in Kambodscha, und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig.

Karigs Themen sind Suche und Freundschaft. Klingt erstmal nicht besonders unique.  Doch wer es als Autor schafft, ein Allerweltsthema wie Freundschaft so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden Protagonisten persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an gemeinsame Jahre, die Entwicklung einer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt, ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

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Eugen Ruge – Metropol

Am Anfang hatte ich Probleme, reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann. Man erlebt, dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt gar nicht in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

Verlag: Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

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Norbert Scheuer – Winterbienen

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman auszeichnen. Zum einen ist es die Geschichte an sich; sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Der Routinier Nobert Scheuer führt seine Leser mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings.

Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Verlag: C.H. Beck
319 Seiten, 22,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Die besten Romane 2019 (Teil 1: Autorinnen)

Ich habe in diesem Jahr viele tolle Romane von Frauen gelesen. Hier meine sieben besten Bücher des Jahres:

Isabel Bogdan – Laufen 

Was mir aufgefallen ist: Schreiben ist gar nicht so viel anders als Laufen. Bei beidem gilt: einfach anfangen, alle Stop-Signale von Körper und Geist ignorieren und stur auf das tägliche Ziel zusteuern. Und irgendwann – man muss nur daran glauben – fällt all die Schwere von einem ab und es läuft. Auf der Straße, auf dem Papier.

Wer Isabel Bogdan auf Facebook abonniert hat, weiß, dass sie es beim Schreiben von „Laufen“ genauso gemacht hat. Hinsetzen, machen. Alles ausblenden, sich abschotten, fokussieren und durchbeißen. Ein Ziel haben und drauf losstürmen. Zweifel und Blockaden einfach wegschreiben. Ein ein aus aus aus. Nicht denken, nur atmen und schreiben. Luft wird bewegt, immer wieder rein und raus aus dem Körper. Und mit jedem Atemzug kommen schließlich die Sätze, kommen von ganz allein; ein Gedanke folgt dem nächsten und am Ende ist es vollbracht: ein 200-seitiger Bewusstseinsstrom, atemlos, wuchtig und voll mit den stärksten Emotionen am Markt: Liebe, Trauer, Ängste, Verzweiflung. Und damit es nicht nicht unerträglich wird, kommen irgendwann auch Hoffnung, Zuversicht und schlussendlich auch wieder Liebe dazu. The Circle of Life.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Spiegel Bestseller-Autorin mit ihrem zweiten Roman ein echtes literarisches Meisterstück gelungen ist. Ganz anders als ihr seichtes Schmunzel-Debüt, hat mich „Laufen“ tief bewegt. Ich war oft den Tränen nah, bin Seite für Seite atemlos mitgelaufen; immer wieder die Runde um die Außenalster, bis auch mir alles weh tat. Ein rauschhaftes Leseerlebnis, das man nur schwer beschreiben kann. Man muss schon selber laufen, äh… lesen.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
208 Seiten, 20,00 €

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Elena Ferrante – Tage des Verlassenwerdens

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Ferrante-Fan, und ich steh dazu. Doch das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren gehörte auch ich zu denen, die den aufkommenden Hype mit Kopfschütteln und verschränkten Armen verweigerten. Aber über den Umweg Hörbuch hat mich das #ferrantefever dann doch noch gepackt und seither bin ich infiziert. Und dieser Roman hier, von dem ich gar nicht weiß, ob er jetzt ein Früh- oder Spätwerk ist, vor oder nach der neapolitanischen Saga geschrieben wurde, hat mich noch mal mehr in meinem Urteil bestätigt. Elena Ferrante ist eine der ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit und für mich persönlich die Autorin, die mir die weibliche Sichtweise auf die kleinen und großen Dinge im Leben bisher am eindringlichsten und sympathischsten vermittelt hat.

Und während ich das schreibe, frage ich mich, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, von einer weiblichen Sichtweise zu sprechen. Gerade Ferrante bricht in ihren Romanen doch immer wieder mit dem traditionellen Frauenbild der warmherzigen, Pasta kochenden Mama. Auch in diesem Roman ist die Protagonistin Olga, die von ihrem Mann für eine zwanzig Jahre jüngere Frau verlassen wird, alles andere als warmherzig, sondern einfach nur enttäuscht, wütend und verzweifelt. Und wie tief man in so einer Situation fallen kann, wie egal einem alles wird, selbst die eigenen Kinder, das vermittelt einem Ferrante mit solch einer eindringlichen Kraft, dass es einen beim Lesen nahezu umhaut. Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil ich die beklemmende Stimmung kaum ertragen konnte. Keine zwei Minuten später hatte ich es wieder in der Hand und las weiter. Ein zutiefst verstörender Roman, der von einigen jungen Rezensenten als übertrieben und grenzüberschreitend bezeichnet wurde. Ich dagegen finde dieses Buch einfach nur grandios, weil es so mutig und kompromisslos ehrlich ist.

Verlag: Suhrkamp
252 Seiten, 22,00 €

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Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Ich glaube, ich bin einer der wenigen Männer in meinem Umfeld (online und offline sowieso), die dieses Buch gelesen haben. Denn Titel, Aufmachung und Inhalt erwecken den Eindruck, dass es sich hier um ein typisches Frauenbuch handelt. Das wird nochmals verstärkt, wenn im Buchhandel Daniela Kriens blumig gestalteter Vorgängerroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ direkt daneben liegt. Aber weit gefehlt.

Denn obwohl es in den fünf geschilderten Frauenschicksalen dieses Romans immer wieder um die Liebe an sich und die verschiedenste Arten, an ihr zu scheitern geht, ist dies alles andere als ein herkömmlicher Liebesroman. Und das allein schon deshalb, weil nichts an diesen Geschichten trivial ist. Keine Klischees, keine Plattitüden, keine Allerwelts-Figuren, sondern starke und interessante Frauencharaktere, die eigentlich nichts gemeinsam haben, außer sich überschneidende Lebenslinien. Beim Lesen habe ich mich nacheinander in jede einzelne dieser fünf Frauen verliebt. In die traurige Paula genauso wie in die einsame Judith, die anstrengende Brida, die weiche Malika und auch die erfolgreiche Jorinde. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, ich habe mit ihnen gelacht und gelitten, und doch weiß ich ganz genau: Auch ich hätte sie als Mann nicht wirklich glücklich gemacht.

Verlag: Diogenes
288 Seiten, 22,00 €

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Karen Köhler – Miroloi

Wer bei Miroloi erwartet hat, einen feministischen Roman zu lesen, wird zweifellos enttäuscht sein. Ich weiß gar nicht, woher diese vielfach geäußerte Erwartungshaltung kommt, aber es ist definitiv kein feministisches Buch. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es in Miroloi um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich selbst nicht verliert.

Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Und ist der Schalter erst einmal umgelegt, dann packt es einen mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

Verlag: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

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Katja Oskamp – Marzahn, mon Amour

Ohne meine kleine literarische Online-Blase, wäre dieses wunderbare Buch wohl komplett an mir vorbeigegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil alle sechs Monate so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es doch so viele andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt.

Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

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Leila Slimani – All das zu verlieren

Und natürlich darf Leila Slimani mit ihrem neuesten Roman in dieser Liste nicht fehlen. Denn diese Autorin hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Wie schon beim Vorgängertitel hat man nach der Lektüre  auch dieses Romans das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück.

Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin.

Verlag: Luchterhand
224 Seiten, 22,00 €

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Sibylle Berg – GRM: Brainfuck.

Sibylle Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Karen Köhler – Miroloi

7

Ich habe bei diesem Buch nahezu alle Phasen durchgemacht – alles, was man als Leser so empfinden kann. Es begann mit Warten. Fünf lange Jahre mussten sich ihre Fans, zu denen auch ich gehöre, gedulden. Ich fragte mich: Was macht sie nur so lange? Warum kommt da nichts nach? Hat der Erfolg ihres Erstlings sie schreibblockiert? War der Druck zu groß? Sollte „Wir haben Raketen geangelt“ tatsächlich nur ein One-Hit-Wonder bleiben? Dann im Frühjahr die erlösende Nachricht und ab sofort große Vorfreude: Im Sommer kommt was Neues. Keine Stories, sondern diesmal die Königsdisziplin: ein Roman. Und nicht irgendeiner sollte es sein, sondern ein großer Wurf, einer, für den sich das Warten lohnt. Ein immer wieder aktuelles Thema, eine starke Botschaft, ein ganz besonderes Setting und das alles im unnachahmlichen Köhler-Style. Ja! Klingt gut. Will ich haben. Sofort.

Dann war endlich Sommer, der Roman da und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich ihn überhaupt noch lesen wollte. Zuviel Timeline-Präsenz, zu viel Applaus von zweifelhafter Seite, zu viel Schmusi-Busi für die wunderbare Karen Köhler. So ein Hype weckt sofort den „grumpy man“ in mir. Ich kann nichts dafür, es ist fast schon eine Art Reflex. Ich verschränke die Arme vor der Brust und sage: nein. Ich verkrampfe und verweigere mich, will auf gar keinen Fall zur Jubelmasse dazugehören. Kindisch, ich weiß. Aber wem soll ich hier was vormachen?

Und dann kam auch noch Deutschlandfunk-Redakteur Jan Drees. Zunächst mit der Entdeckung eines simplem Grammatikfehlers, irgendwas war falsch dekliniert, dann mit der Frage, warum sich die Literaturkritik überhaupt mit einem Werk auseinandersetzt, das eindeutig keine gehobene Literatur, sondern allenfalls bessere Unterhaltung oder sogar nur ein Jugendroman ist. Andere schlossen sich ihm an und schon war auch der zweite Hanser-Spitzentitel des Jahres vom Feuilleton zum Abschuss freigegeben. Dachte ich, aber bevor es richtig losgehen konnte, kam die Longlist-Platzierung der Buchpreis-Jury für Miroloi und merkwürdigerweise beruhigten sich die Gemüter sofort wieder. Noch nicht mal der eine Blog, der normalerweise genüsslich auf jeden noch so mickrigen Debatten-Zug aufspringt, stieg hier mit ein. Vielleicht ja aus Respekt vor dem Preis, aber wer hat in dieser Branche schon Respekt vor einem Preis?

So kam es, dass ich nun doch das Verlangen verspürte, dieses Buch unbedingt lesen zu wollen. Aus alter Sympathie, neu geweckter Neugierde, aus Respekt vor dem Preis und natürlich, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Und selbstverständlich war ich nicht unvoreingenommen. Als zweifelnder Fan, fast schon Ex-Fan bin ich eingestiegen und habe natürlich auch auf fast jeder Seite etwas gefunden, was mir nicht gefallen hat. Eine schräge Metapher, Sätze mit einem Tacken zu viel an Emotion, der bereits entdeckte Grammatikfehler, ein etwas zu naiver Kinderdialog, der Gebrauch der dritten Person Plural im Sinne von „die da oben“. Aber ich hab trotzdem immer weiter gelesen, bis ich an eine Stelle kam, wo ich beinahe ausgestiegen wäre. Und zwar als es in der 45. Strophe zwischen dem Bethausschüler Yael und der namenlosen Protagonistin intim wurde. Das war so ein klassischer Fremdschämmoment. Die Sex-Szene ist so uuuh… ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll. Das Wording ist jedenfalls so gar nicht meins. Wenn eine Frau in intimen Situationen so sprechen würde, wäre bei mir sofort tote Hose.

Aber das soll es mit der Kritik auch schon gewesen sein. Kommen wir dazu, was mir an diesem Roman richtig gut gefallen hat. Und das ist eine ganze Menge. Auf dem Blog Fuxbooks habe ich eine sehr treffende Formulierung gefunden: Die Bloggerin Anne Sauer hat sich trotz mehrfach  hochgezogener Augenbrauen irgendwann entschieden, diesen Roman einfach zu mögen. Genau so habe ich es auch gemacht. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das konnte, dass mich ein sehr weibliches Buch, wie es Miroloi ohne Frage ist – und ich sage nicht Frauenbuch – dass mich das erreicht und etwas in meiner männlichen Seele zum klingen gebracht hat.

Wenn ich das Werk in Gänze betrachte, dann schaue ich auf einen ganz großen, beeindruckenden Roman, bei dem es in meinen Augen nicht um eine wie auch immer geartete Form von Feminismus geht, wie häufig behauptet. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es hier um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich nicht verliert. Aber unter dem Label ‚Feminismus‘ verkauft sich so ein Roman natürlich viel besser.

Lassen wir die bereits erwähnten Nickeligkeiten beiseite, die falschen Deklinationen, die dritte Person Plural und die missglückten Sex-Szenen. Was am Ende bleibt, ist ein literarische Werk, das mich zu einem noch größeren Karen Köhler-Fan hat werden lassen. Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Muss ich jetzt noch sagen, worum es in dem Buch überhaupt geht? Wer es unbedingt wissen will, findet genügend Inhaltsangaben im Netz. Lieber möchte ich noch etwas über die Sprache sagen, mit der ich anfänglich auch meine Schwierigkeiten hatte. Zu effektheischend, zu metaphorisch, zu durchgetaktet. Doch dann packt es einen auf einmal mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

Verlag Hörbuch: tacheles! / Roof Music
Sprecherin: Karen Köhler, 11 h, 12 min

 

Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

1

Meine halbe Kindheit habe ich mit Warten verbracht. Auf den Beginn der Ferien, auf Geburtstage und Weihnachten, auf die Rückgabe der Mathearbeit, für die ich so viel gelernt habe, auf ein Bonanza-Rad. Später dann auf das erste Mofa und den Führerschein. Viel hat sich seitdem verändert, aber das Warten ist geblieben. Tagein, tagaus warte ich noch immer auf irgendwas. Es sind keine großen Dinge mehr und erst recht keine Geburtstage, die ich herbeisehne. Stattdessen lauter Kleinigkeiten. Dinge die einem Mann in meinem Alter Freude machen. Wenn es Sonntags mal wieder Rouladen gibt, morgens aufzustehen ohne Rückenschmerzen und zwei mal im Jahr Buchmesse mit den Bloggerfreunden.

Auch Jan Peter Bremers Protagonisten, der alternde Maler Günter Greilach und seine Frau Natascha, verbringen ihr Leben mit Warten. Doch was sie herbeisehnen, ist weit mehr als nur ein Sonntagsbraten, auch wenn es sich ähnlich profan anhört. Sie warten auf Besuch. Doch der, auf den sie warten, ist kein x-Beliebiger, weder Freund noch Familie, sondern ein junger Doktorand, den sie noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben, dessen Kommen sie aber seit mehr als zwei Jahren sehnsüchtig und hoffnungsvoll erwarten. Sehnsüchtig, weil sein Besuch per Postkarte immer wieder verschoben wird. Mal, weil der junge Doktorand in Spanien vom Pferd gefallen ist, im Krankenhaus eine Krankenschwester kennengelernt und spontan geheiratet hat, mal, weil seine junge Ehefrau urplötzlich verstorben ist. Hoffnungsvoll, weil dieser Besuch    Recherchezwecken für eine größere akademische Arbeit über das künstlerische Werk des Hausherren Greilach dient.

Die Postkarten, mit denen sie vertröstet werden, lassen das Bild des erwarteten Gasts in immer schillernderen Farben erscheinen. Besonders in Natascha Greilachs Vorstellung nimmt der junge Doktorand immer konkretere Züge an und ist am Ende ein sportlicher Womanizer, dem weder spanische Krankenschwestern noch deutsche Hausfrauen widerstehen können. Ihr Mann dagegen erwartet einen jungen, talentierten Kenner des Kunstbetriebes, dessen Geschmack und Expertise allein dadurch schon belegt ist, weil er sich intensiv mit dem Werk von Günter Greilach beschäftigt hat.

Und so sitzen die beiden Eheleute in ihrer umgebauten Wassermühle auf dem Lande und warten, nähren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, bis es eines Abends an der Tür klingelt und er endlich da ist. Ganz anders als erwartet, besonders in Nataschas Augen. Kein Latin Lover, sondern aufgeschwemmt und kettenrauchend steht er da, der junge Doktorand. Und doch ist das völlig nebensächlich, denn er ist endlich eingetroffen. Und nur das zählt. Mit offenen Armen wird er empfangen, von ihr und von ihm. Und schon geht es los, das Hick-Hack um den größeren Anteil an Quality Time mit dem Sehnsuchtsgast.

Mehr will ich vom Plot gar nicht erzählen. Dass der junge Doktorand sich als herbe Enttäuschung entpuppt und weder Nataschas Sehnsüchten noch Günters Hoffnungen entspricht, kann man sich vielleicht denken. Doch diese Vorhersehbarkeit schmälert in keinster Weise das Lesevergnügen an dieser kleinen „Gesellschaftsparabel über unser allgegenwärtiges Bedürfnis, gesehen zu werden“, wie es auf dem Backcover heisst.

Jan Peter Bremer hat einen sehr eigenen, mit feinsinnigem Humor durchwebten Erzählstil und ist ein wahrer Meister der Dialoge. Die Streitereien zwischen Natascha und Günter sind so lebendig und einfühlsam geschildert, als streite man als Leser mit. Ich hätte mir am Ende noch ein wenig mehr als die 176 großzügig formatierten Seiten gewünscht, Aber nur, weil mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat. Gefehlt hat mir an der Geschichte nichts, und meiner Meinung nach ist dieser Roman vollkommen zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet.

Auch wenn es vielleicht etwas weit hergeholt ist, musste ich beim Lesen immer wieder an Wladimir und Estragon denken, die beiden Landstreicher, die in Samuel Becketts berühmtem Bühnenstück auf Godot warten. Ich weiß nicht so recht, um was es Jan Peter Bremer bei diesem Roman wirklich geht. Um das Bedürfnis, gesehen zu werden, als Mensch Bedeutung zu bekommen, weil sich Dritte mit einem beschäftigen, oder tatsächlich nur um das Warten? Dieser Zustand, in dem  noch nichts entschieden, alles noch möglich ist, Sehnsüchte und Hoffnungen noch nicht ad acta gelegt sind. Ich frage mich, ob es nicht sogar lebensnotwendig ist, immer irgendetwas zu haben, auf das man Warten kann. Sei es ein Sonntagsbraten, ein junger Doktorand oder die Verkündung der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit oder ohne Jan Peter Bremer.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
176 Seiten, 20 Euro

 

Die Guten ins Köpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen

Gesammelte Kurzrezensionen. JETZT NEU: mit Sternchen-Bewertungen

 

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Familienromane sind momentan wieder der neue heiße Scheiß im Buchmarkt. Noch heißer und angesagter sind nur noch Familiengeschichten, die nicht dem klassischen Rollenbild entsprechen. So wie im Debüt von Miku Sophie Kühmel, mit dem sie aus dem Stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Die Protagonisten dieses kleinen Familienromans sind ein mittelaltes schwules Paar, der eine Hochschulprofessor, der andere Künstler. In der Abgeschiedenheit eines Brandenburger Ferienhauses am See wird ihnen von der Autorin ein alleinerziehender bisexueller Pianist und seine mittlerweile erwachsene Hetero-Tochter hinzu gesellt. Fertig ist ein kompliziertes Wochenend-Szenario-Beziehungsflecht der queeren Art. Kühmel macht das gut, hat einen sehr souveränen Erzählstil, gibt den vier Personen genügend Raum, sich zu entfalten.

Doch man muss sich schon auf dieses sehr enge Beziehungsspiel einlassen, denn außer den Verflechtungen der vier handelnden Personen untereinander, Liebe und Leid, Rückblicke auf glänzende Erfolge und solide Bodenständigkeit, Spannungen und Beziehungsbrüchen, passiert auf den knapp dreihundert Seiten nicht viel. Literarisch ist das ohne Frage auf einem hohem Niveau, aber mich hat die Lektüre stellenweise doch sehr gelangweilt, so dass ich die letzten hundert Seiten nur noch que(e)r gelesen habe. Genau das passiert mir bei Buchpreis-Kandidaten sehr häufig, und daher könnte ich mir vorstellen, dass der Roman beim dbp sehr gute Chancen hat, eine Runde weiter zu kommen.

3,5 von 5 Sternen

Dana von Suffrin – Otto

Hier haben wir den klassischen Fall eines Buches, das fulminant startet, irgendwann in der Mitte stark nachlässt und am Ende in quälenden Erzählschleifen ausplätschert. So zumindest habe ich die Lektüre dieses Debütromans empfunden, der – wie soll es auch momentan anders sein – eine Familiengeschichte erzählt. Auch hier steht keine klassische deutsche Durchschnittsfamilie, sondern eine mit Migrationshintergrund und jüdischem Glauben im Mittelpunkt. Ein manipulativ despotischer Patriarch, der seit Jahren im Sterben liegt, sich aber immer wieder aufrafft und das Leben seiner Töchter beschwert. Am Anfang fand ich das Setting ganz spannend und auch die Vita des aus Siebenbürgen stammenden Juden Otto hat mich interessiert. Die Art, wie er seine Töchter in die Pflicht nimmt, dieses Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche; sein Geiz, seine Wehleidigkeit, der Stolz, die Arroganz und auf der anderen Seite der Familiensinn und die Liebe zu seiner Lieblingstochter. Das alles wird auf den ersten hundert Seiten sehr schön skizziert, so dass man Lust auf mehr davon bekommt. Aber dann fängt von Sufrin an, in vielen assoziativen Rückblenden die Familiengeschichte nachzuerzählen, und ab da verliert der Roman massiv, wird zäh und langweilig. Auch hier habe ich auf den letzten fünfzig Seiten nur noch hier und und da einen Absatz gelesen und habe das Buch am Ende schwer enttäuscht zur Seite gelegt.

3 von 5 Sternen

Charles Lewinsky – Der Stotterer

Ich habe sehr gerne den Vorgängerroman Kastelau gelesen. Ein Buch, das ich noch in guter Erinnerung habe. Eins aus der Rubrik anspruchsvolle Unterhaltung. Das habe ich auch hier erwartet – auch wegen Diogenes – und wurde leider enttäuscht. Was ich bekam, war eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte, einfallslos an einer sehr naheliegenden Idee entlang konstruiert. Alles wirkt so, als wenn Lewinsky Wochen nach einer Idee für den nächsten Roman gesucht hat und nach diversen Brainstorming-Sitzungen endlich den ultimativen Einfall hatte. Warum nicht eine Geschichte über jemanden schreiben, der nicht gut sprechen kann – weil Stotterer – aber dafür umso besser schreiben? Gibt es das eigentlich schon? Nein? Na, dann mal los. Was braucht man dafür? Einen Protagonisten mit einer schweren Kindheit, Missbrauch, religiösen Fanatismus; egal, Hauptsache ein ordentlich hartes Schicksal, das einen natürlich irgendwann ins Gefängnis bringt. Denn jeder weiß: Hast du erstmal Scheiße am Schuh, wirst du das so schnell nicht mehr los. Und so schreibt er sich einen zurecht. Der Protagonist im Roman sowie Lewinsky. Und weder dem einen noch dem anderen gelingt es, mich mit seinem Geschreibsel zu überzeugen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man für einen Roman über jemanden, der besonders gut schreiben kann, auch selber besonders gut schreiben können sollte.

2 von 5 Sternen

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commandatore Teil 2. Eine Metapher wandelt sich.

Eigentlich diskutiere ich ja nicht über Murakami. Ich habe gelernt, dass das nichts bringt, denn entweder ist man Fan oder eben nicht. Diesen Autor kannst du nicht schön reden. Wenn einer das, was ich beim Lesen seiner Werke empfinde, nicht auch nur ansatzweise fühlt, dann kannst du dir alle Argumente sparen. Das ist wie Musik. Entweder sie gefällt, geht in den Bauch, trifft dich ins Herz, bringt etwas in dir zum Klingen, oder eben nicht. Mir ist Murakami vor vielen Jahren in einer schwierigen Lebensphase zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Ich fühlte mich verstanden, seine Romane haben mich aufgefangen, mir Trost gegeben. Und seither ist er einer meiner Helden, auf den ich eigentlich nichts kommen lasse. Doch nach den beiden Bänden vom Commandatore muss ich leider sagen, dass ich etwas ernüchtert bin. Den ersten Teil habe ich noch klassisch gelesen, Band 2 dann als Hörbuch gehört. Und beim Hören sind mir auf einmal Dinge aufgefallen, die ich beim Lesen so noch nie wahrgenommen habe. Beispielsweise äußerst naive Satzkonstruktionen, nervige Wiederholungen und ein Plot auf Kindergartenniveau. Und plötzlich bin ich sehr verunsichert. Das Denkmal steht schief auf dem Sockel, und ich kann mich gar nicht lassen, fühle mich irgendwie illoyal und undankbar. Ich schlage vor, wir lassen das einfach mal so stehen und warten auf das nächste Buch.

3 von 5 Sternen

Leila Slimani – All das zu verlieren

Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, so wie auch schon der Vorgängerroman von Leila Slimani. Sie hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Am Ende ihrer Romane hat man stets das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück. Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin!

4,5 von 5 Sternen

 

Colson Whitehead – Die Nickel Boys

Ich finde es gut, wenn ein Autor sein Thema gefunden hat. Man kann sich als Leser einstellen, weiß was einen erwartet, erlebt keine bösen Überraschungen. Colson Whiteheads Thema ist die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA: Sklaverei, Unterdrückung und Alltagsrassismus. Nach „John Henry Days“ und „Underground Railroad“ ist dies der dritte Roman, den ich von Whitehead gelesen habe. Und wieder ist es eine ans Herz gehende Geschichte, fiktiv, mit erfundenen Charakteren, aber nach einer wahren Begebenheit. Das Nickel, eine Besserungsanstalt für Jungen, in denen insbesondere die farbigen Jungs misshandelt und auch getötet wurden, hat es tatsächlich in den USA gegeben. Erzählt wird die Geschichte von Elwood, einem intelligenten und eigentlich kreuzbraven Jungen, der beim Trampen in den falschen Wagen eingestiegen ist und als Autodieb im Nickel landete. Es gibt zahlreiche Zeitsprünge und unterschiedlich interessante Einzelschicksale, die den Erzählfluss etwas zäh gestalten, aber insgesamt ist dies wieder ein sehr empfehlenswerter Roman des routiniertesten Chronisten der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

3,5 von 5 Sternen

 

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success

Ja, so sind sie wohl – die Amerikaner. Gary Shteyngart gelingt in seiner derzeit vielbeachteten Investmentbanker-Road-Novel ein wunderbar vielschichtiges und aktuelles Psychogram einer gespaltenen Nation. Hier die Kapitalisten, Materialisten, Trumpisten und Hedonisten und auf der anderen Seite die, die daran nicht teilhaben können, wollen oder andere Ziele im Leben verfolgen. Viel scheint sich nicht verändert zu haben. Als ich in den Achtzigern mal zwei Monate drüben war und wie Barry Cohen, der Held dieses Romans, auch viel mit dem Greyhound gereist bin, habe ich es ähnlich empfunden. Ich habe sehr aufgeschlossene, weltoffene, aber auch sehr oberflächliche und bornierte Menschen kennengelernt, unvorstellbaren Reichtum und schockierende Armut gesehen, inspirierende Multi-Kulti-Viertel kennengelernt und dann wieder Ghettos, die man als Weißer besser nicht betritt.

An all das musste ich denken, während ich Barry Cohen, dem tragischen Helden von „Willkommen in Lake Success“, auf seiner Reise, bzw. Flucht durch die USA lesend begleitete. Und dass Barry nach all den Erlebnissen am Ende kein anderer Mensch und keinen Deut besser geworden ist, sondern diese Episode in seinem Leben nur benutzt, um lediglich so zu tun als ob, ist nicht nur bitterböse, sondern in meinen Augen auch typisch amerikanisch. Fazit: ein großer und gleichzeitig großartiger Amerika-Roman, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann.

4 von 5 Sternen

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Foto: Gabriele LugerContinue Reading

Was vom Lesen übrig bleibt

5

…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

Bret Easton Ellis – Weiß

Auf Facebook und Instagram habe ich schon geschrieben, was ich von diesem Buch halte. Nämlich nichts. Es ist nicht nur in weiten Teilen sterbenslangweilig, wenig originell und fast schon einfältig. Es ist auch wehleidig, selbstverliebt und am Ende einfach ein kompletter Schuss in den Ofen. Dabei war Bret Easton Ellis bis dato einer meiner literarischen Helden. So alt wie ich, aber während ich noch Zivildienst machte, hatte er schon seinen ersten Roman ‚Unter Null’ veröffentlicht. Kurz darauf den zweiten, und im Alter von 27 kam dann American Psycho, ein Buch, das ihn zur Legende und unsterblich gemacht hat. Danach hätte er sich zur Ruhe setzen und seinen Ruhm genießen können. Aber was macht der Kerl? Er twittert sich um Kopf und Kragen und zerstört mit diesem Buch voll windiger Ausflüchte und Erklärungen sein Denkmal bis auf die Grundmauern.

Es ist nicht so, dass alles kompletter Blödsinn wäre, was er so in diesem Memoir behauptet. Ja, noch nicht mal einzelne Aussagen könnte ich rausgreifen und sagen: Seht her, das geht doch gar nicht. Es ist der Grundtenor, der ein ungutes Gefühl in mir aufkommen lässt. Wenn Ellis von den Linken als eine sich moralisch überlegen fühlende, intolerante und autoritäre Wutmaschine spricht, wenn er den Trump-Gegnern einen kindischen Faschismus unterstellt, die Generation der Millenials als übersensible Weicheier bezeichnet, dann mag überall vielleicht ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken, aber insgesamt erinnert mich das doch sehr an das Vokabular latent reaktionärer Kräfte, die einfach nicht einsehen wollen, dass sich die Gesellschaft in den letzten zehn, fünfzehn Jahren verändert hat und bestimmte Dinge einfach nicht mehr toleriert werden.

Und wer nachts im besoffenen Kopf zum Handy greift, um bei Twitter einfach mal seine Meinung herauszulallen, darf sich nicht wundern, am nächsten Morgen ein böses Erwachen zu erleben. Und so erscheinen mir viele Passagen im Buch wie nachträgliche Rechtfertigungen und an den Haaren herbeigezogene Erklärungsversuche für misslungene Tweets. Und wie immer, wenn einer aus der Defensive argumentiert, klingt auch seine Kritik an den Tugendwächtern und Wörtlichnehmern auf Twitter wie die beleidigte Retourkutsche eines abgehalfterten VIP, der krampfhaft versucht, sein ramponiertes Image wieder aufzupolieren.

Wenn es denn wenigstens halbwegs originell wäre, hätte ich der Lektüre ja noch irgendetwas Künstlerisches abgewinnen können. Aber gerade am Anfang liest es sich wie eine Aneinanderreihung peinlicher Facebook-Posts von Leuten, die ihre Kindheit in den Siebzigern glorifizieren. „Wir waren immer aktiv und in Bewegung, ob auf Spielplätzen oder in Parks; das Fernsehen bestand nur aus ein paar Dutzend Sendungen; unsere Eltern waren praktisch nicht existent.“

Ja, lieber Bret Easton Ellis, du hast es ganz richtig erkannt: seit damals hat sich ganz schön was getan in der Welt. Alles ist wesentlich komplexer und vielschichtiger geworden, alte Besitzstände, Hoheitszonen und Denkmuster sind weitestgehend verschwunden. Dazu gehört auch, dass man sich den Respekt, von dem man glaubt, man hätte als relevanter Gegenwartsautor einen Anspruch drauf, täglich neu erarbeiten muss. Vor 28 Jahren mal einen Mega-Bestseller geschrieben zu haben und danach eigentlich nur noch mittelmäßiges Zeug, ist definitiv zu wenig. Wahrscheinlich würde „American Psycho“ heutzutage nur noch ein müdes Schulterzucken provozieren. Denn so weichgespült und übersensibel sind die von Ellis abschätzend „Generation Weichei“ genannten Millenials gar nicht. Sie sind sogar ziemlich hart drauf und wesentlich kompromissloser als wir Babyboomer.

Ich gebe Ellis recht, dass die dauerempörte Stock-Im-Arsch-Fraktion den Wahlsieg Trumps wohl erst möglich gemacht hat. Weil es genügend Menschen gibt, die von der zunehmenden Komplexität und dem gesellschaftlichen Wandel überfordert sind und sich nach einfachen und althergebrachten Lösungen sehnen. Menschen, die sich den gepflegten Herrenwitz nicht verbieten lassen wollen und immer noch in den Achtzigern leben. Aber wie Ellis zu sagen: „ich bin ja auch gegen Trump, aber der Typ ist nun einmal gewählt, findet euch damit ab und hört auf zu nerven“, ist in meinen Augen fast noch schlimmer. Trump ist eine lebende Katastrophe und eine Gefahr für den Weltfrieden und wer als us-amerikanischer Autor nicht nur nichts dagegen tut, sondern sich auch noch über die, die etwas tun, lustig macht, der hat bei mir sämtliche Sympathien verspielt.

Da hilft auch nicht, dass Ellis auf den über 300 Seiten von „Weiß“ immer wieder betont, dass kein Grund besteht, sich aufzuregen. Denn das ist ja alles nur seine persönliche Meinung und die wird man ja wohl noch äußern dürfen. Darf man, lieber Bret Easton Ellis und die Generation Weichei wird sich dafür einsetzen, dass Du das auch in Zukunft weiter tun darfst. Bei Trump wäre ich mir da allerdings nicht so sicher.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
316 Seiten, 20,00 €

Corinna T. Sievers – Vor der Flut

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Oha! Dachte ich nur, als ich mitbekam, worum es in diesem Roman ging. Was soll man von einer Geschichte erwarten, bei der eine alternde, nymphomane Zahnärztin die Hauptrolle spielt? Zum Thema Nymphomanie fallen mir auf Anhieb eine  Handvoll schlechter Witze ein, aber kein einziges gutes Buch. Was nicht heißt, dass darüber nichts geschrieben wurde – ganz im Gegenteil. Es gibt wahrscheinlich unzählige schmierige Horny-Romance-Heftchen oder etwas anspruchsvoller: Softporno-Belletristik à la Fifty Shades of Grey – nur eben nichts Gutes. Bis jetzt, bis „Vor der Flut“ von Corinna T. Sievers.

Ich finde es gleich in mehrfacher Hinsicht mutig, sich a) als Frau an ein solches Sujet zu wagen, sich dabei b) von all den billigen, Männer-Fantasien bedienenden Klischees abzugrenzen und c) dem Ganzen einen literarisch anspruchsvollen Rahmen zu geben, der d) als solches auch vom Kulturbetrieb erkannt und gewürdigt wird. Und wenn man mich fragt, ob das Corinna Sievers gelungen ist, dann kann ich nur sagen: ja!

Ich weiß nicht, wieviele Männer davon träumen, von ihrer Zahnärztin auf dem Behandlungsstuhl einen geblasen zu bekommen. Es sind bestimmt nicht wenige. Und von der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass einem normalen Mann so etwas irgendwann tatsächlich einmal passiert, lebt einen ganze Industrie. Und jetzt fragt man sich vielleicht, was unterscheidet so eine Szene, die in Corinna Sievers Roman tatsächlich so vorkommt, von einem herkömmlichen Porno?

Schwer zu sagen. Das zu lesen, hat mich jedenfalls nicht erregt, eher im Gegenteil. Obwohl ich nicht prüde bin, fand ich die Vorstellung eher erschreckend. Vielleicht auch, weil ich das Ganze beim Lesen aus der Perspektive der Frau imaginierte, einer Frau, deren zwanghafte Triebhaftigkeit ich bereits als krankhaft und zerstörerisch wahrgenommen habe. Vielleicht ist das der hauptsächliche Unterschied zwischen Sexszenen in der Literatur und im Porno, dass man nicht nur kopulierende Körper wahrnimmt, sondern komplexe Persönlichkeiten, deren Antrieb, Vorgeschichte und Seelenlage man kennt.

Und die Seelenlage von Judith, einer auf einer Nord- oder Ostseesinsel praktizierenden Zahnärztin, verheiratet mit einem Psychoanalytiker, der sich ihr seit mehr als zwanzig Jahren sexuell verweigert, ist komplex. Da ist zum einen ihre extreme Promiskuität, ein stummer Schrei nach Liebe, oder wie ihr Mann Hovard diagnostiziert, ein Verstärker, um sich selbst zu spüren. Da ist aber auch ihr vorgeschrittenes Alter – über 50 und damit nach Judiths Meinung nicht unbedingt das, was sich ein durchschnittlicher Mann als Bettgespielin wünscht. Hinzu kommt ihr kleiner, bzw. fast nicht vorhandener Busen, ihr leptosomer Körper und diverse weitere körperliche Unzulänglichen, die sich nunmal im Laufe der Jahre so einstellen. Aber Judith kennt die Männer und weiß, was sie zu tun hat, damit sie auf ihre Kosten kommt.

Ich muss sagen, mich hat die Lektüre abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, was dazu geführt hat, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Nicht, weil ich gespannt auf die nächste Fickszene war, die übrigens alle von der Autorin sehr explizit, anschaulich und durchaus gekonnt geschildert werden, sondern weil man mit jeder Seite die Verzweiflung und Seelenpein der Protagonistin immer stärker spüren konnte. Ein Druck oder besser gesagt, eine Leere, die am Ende kein Schwanz mehr ausfüllen konnte. Ein Leben, das aus dem Ruder gerät, weil Sex keine Lösung ist und im Alter immer schwieriger wird.

Ein grandioses Buch, das sich sehr sensibel mit einem Thema beschäftigt, von dem wir Männer – auch wenn wir so tun als ob – nicht die leiseste Ahnung haben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (FVA)
225 Seiten, 20,00 €

Weitere Rezensionen bei: Bücherwurmloch 

 

Saša Stanišić – Herkunft

Irgendwie finde ich es blöd, dass er dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht – ich meine: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert und, wie Richard Kämmerlings auf dem Backcover ganz richtig sagt, einfach einer unserer besten Erzähler. Aber cooler wäre gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Es wird angesichts seiner Vita mit Sicherheit oft nachgefragt, ist ja auch naheliegend und marketingtechnisch eine todsichere Sache, aber leider auch sehr Mainstream. Diese Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man diesem latenten Rassismus, all denen, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln kommt, sondern – sie wissen schon, ich mein – ursprünglich herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Ijoma Mangold hat das jüngst gemacht und da fand ich es noch gut. Auch er hat sich seine Herkunft von der Seele geschrieben. Vielleicht, um das Thema für ein für allemal abzuschließen, um bei künftigen Fragen einfach sagen zu können: „Lesen Sie das Buch, dann wissen Sie wo ich herkomme.“ Eine Art Befreiungsschlag, Angriff statt Verteidigung. Einmal die Hose runterlassen, alles erzählen, und dann ist endlich Ruhe und man kann sich wieder anderen, wichtigeren Themen zuwenden. Jetzt hat es Saša Stanišić auch gemacht. Ganz anders als Mangold, in weiten Teilen sogar besser, doch auf einmal finde ich es gar nicht mehr gut. Und das hat nichts mit dem Werk zu tun, sondern mit dem Thema an sich.

Aber tue ich ihm da nicht Unrecht? Hat sich Literatur nicht immer schon mit Herkunft beschäftigt? Fragen wie: „Wo komme ich her und was macht mich aus?“ sind quer durch alle Epochen das zentrale Sujet zahlloser großer Romane. Und ist die Selbstverortung, das Sich-Finden in erzählten Geschichten nicht einer der Hauptanreize beim Lesen?

Aber kommen wir zurück zum Buch. Dass Stanišić  einer unserer ganz großen deutschsprachigen Autoren ist, wurde ja weiter oben schon erwähnt. Seit ich vor ca. sechs Jahren „Vor dem Fest“ gelesen habe, bin auch ich ein großer Fan. Ich habe ihn auf einer Lesung erlebt, war von seiner lebendigen Vortragsform beeindruckt und habe auch seinen Erzählband „Fallensteller“ sehr gemocht. Und natürlich ist auch „Herkunft“ alles andere als ein schlechtes Werk. Kein Roman, auch wenn er als solcher durchaus durchgehen würde, sondern ein Memoir. Stanišić blickt zurück. Auf seine Kindheit im ehemaligen Jugoslawien, auf die Umstände seines Fortgehens, auf sein Ankommen in Deutschland, die ersten Schritte in einer fremden Welt, auf neue und alte Freunde, auf all die vielen Stanišićs, die in der alten Heimat auf dem Friedhof liegen, auf Vater und Mutter und die demente Großmutter, die immer mehr von ihren Erinnerungen verliert, woraufhin er anfängt, Erinnerungen zu sammeln.

Man hört Stanišić gerne zu, weil er authentisch und ein netter Kerl ist. Und was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage von Talent, was man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt er besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig. Nicht diese Art Witz, den Lesebühnen-Autoren an sich haben – ein Schmunzler alle dreißig Sekunden und nach spätestens zweieinhalb Minuten ein Schenkelklopfer – nein, das nicht. Sein Humor ist eher beiläufig, nicht zwanghaft darauf aus, Lacher einzufordern und daher für meinen Geschmack sehr angenehm.

Alles in allem ist „Herkunft“ ein durchaus lesenswertes Buch, das seine Leser unterhält und sich sehr facettenreich und ausführlich mit dem literarischen Megathema „Wo komm ich her, was macht mich aus?“ beschäftigt. Doch wie gesagt – cooler wäre gewesen, hätte Stanišić dieses Buch nicht geschrieben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
350 Seiten, 22,00 €