Charles Dickens – Große Erwartungen (Hörbuch)

Als ich den Sprecher, dessen Name mir zunächst gar nichts sagte, die ersten zwei Sätze vorlesen hörte, war es um mich geschehen. Das gibt es doch gar nicht. Das ist Hans Paetsch? Natürlich kenne ich den. Mit dieser Stimme bin ich groß geworden! Der Struwwelpeter, Hänsel & Gretel und Rumpelstilzchen – der sonore Klang dieses großen deutschen Märchenonkels war auf nahezu all meinen Lieblings-Hörspielplatten zu hören. Ich habe sie rauf und runter gespielt, kenne jeden Satz noch immer auswendig und verbinde damit so viel Schönes. Ich sehe mich im Wohnzimmer meiner Großeltern sitzen, sehe den Plattenspieler, der mit den Röhrenradio verbunden war, höre meine Oma den Abwasch machen, meinen Opa mit der Bild-Zeitung rascheln.

Und jetzt nach all den Jahren begegne ich dieser so vertrauten und geliebten Stimme also wieder und weiß gar nicht, ob ich das so gut finde. Denn ich kann das gar nicht trennen von all den Erinnerungen. Für mich ist und bleibt das mein Märchenonkel. Und tatsächlich brauchte ich eine Weile, bis ich meine Kindheitserinnerungen wieder wegpacken und mich auf Hans Paetsch als Sprecher von Charles Dickens großem Entwicklungsroman einlassen konnte. Er macht das gut, keine Frage, wenn auch etwas überakzentuiert, was in heutigen Ohren ein wenig oldschool klingt. Aber die Aufnahme ist ja auch von 1989 und Hans Paetsch schon seit nunmehr 17 Jahren tot.

In „Große Erwartungen“ erzählt Dickens die Geschichte von Pip, einem Waisenjungen, der bei seiner älteren Schwester und ihrem Mann, einem Schmied aufwächst. Von einem unbekannten Wohltäter wird ihm vollkommen unerwartet ein hohes Vermögen vermacht, verknüpft mit der Bedingung, sich in London zum Gentleman ausbilden zu lassen. Pip ergreift die Chance, müht sich redlich, ein feiner Herr zu werden, bleibt aber innerlich zerrissen. Hier seine einfache Herkunft, dort die großen Erwartungen.

Als Leser leidet man richtig mit, fühlt die Zerrissenheit des Helden am eigenen Leibe. Aber noch beeindruckender als dieses Gefühl sind die tragenden Figuren dieses Romans, die einem nach über 21 Stunden Hörgenuss nahezu bildlich und gestochen scharf vor dem inneren Auge erscheinen. Von Hans Paetsch so eindrucksvoll zu Gehör gebracht, dass man glaubt, sie nie wieder vergessen zu können. Wie zum Beispiel die alte Miss Havisham, Pips vermeintliche Wohltäterin, die nach einer enttäuschten Liebe den Rest ihres Lebens im Dunkeln verbringt. Oder die eiskalte Schönheit Estrella, die seine Liebe aufgrund ihrer Kaltherzigkeit nicht erwidern kann. Und nicht zuletzt sein liebevoller Ziehvater Joe Gargerey, der Schmied, den Pip trotz aller Liebe als nicht mehr standesgemäß empfindet und zurückweist.

Es ist ein wunderbarer Roman, der nicht umsonst zu den großen Klassikern der Weltliteratur zählt. Man lauscht der Märchenonkel-Stimme und taucht regelrecht ein ins England des 19. Jahrhunderts, hört die Kutschen durch die Straßen fahren, riecht den Dreck in der Gosse. Perfekt aufgebaut, erzählerisch grandios, nicht eine Minute langweilig und im Vergleich zu den oftmals enttäuschenden neuzeitlichen Gesellschaftsromanen einfach um Längen besser.

Also: Lest und hört wieder mehr Dickens. Es lohnt sich.

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Foto: Gabriele Luger

Deutscher Audio-Verlag / NDR 1989
2 Bände: 21 Stunden
Gesprochen von Hans Paetsch

 

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Sehenswert: Ein NDR-Bericht über Deutschland großen Märchenonkel Hans Paetsch aus dem Jahre 1998.

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Auch sehenswert: Der Trailer zur Neuverfilmung des Dickens-Klassikers aus dem Jahr 2012 mit Jeremy Irvine in der Hauptrolle.

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