Anthony Powell – Eine Frage der Erziehung (Hörbuch)

Man stelle sich eine Zeit ohne die heutigen Unterhaltungsangebote vor. Ohne das Internet, ohne Fernsehen und Kino und – für einige komplett unvorstellbar: ohne Netflix! Was haben die Menschen damals nur mit ihrer ganzen freien Zeit angefangen? Die Arbeiterschicht hatte ja nicht viel Freizeit, aber das Bildungsbürgertum schon. Und was taten die Damen und Herren der feinen Gesellschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wenn ihnen fad war und es sie nach Zerstreuung und anspruchsvoller Unterhaltung gelüstete? Sie gingen zum Bücherregal und griffen sich ein Buch, vorzugsweise einen gepflegten, dickbändigen Gesellschaftsroman von Tolstoi oder Dostojewski, Balzac oder Colette, Fontane oder Droste-Hülshoff, Dickens, Austen oder Powell.

Alle die Genannten kennt der Bildungsbürger diesen Jahrhunderts zumindest dem Namen nach. Einige davon noch aus der Schule, die anderen, weil ihre Werke verfilmt wurden und den Rest, weil man oftmals gerne nur so tut als ob. Aber einen dieser Literaten dürfte wirklich kaum einer kennen, und auch ich habe von Anthony Powell bis vor wenigen Wochen noch nie etwas gehört. Dabei hat der britische Romancier, der im Jahr 2000 im Alter von 95 Jahren starb, ein wahrlich bedeutendes literarisches Gesamtwerk hinterlassen, allen voran ein echtes Opus Magnum, den zwölfbändigen Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Dieser Zyklus von zwölf Gesellschaftsromanen, an denen Powell von 1951 bis 1975 schrieb, wird häufig mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen und ist jetzt in einer Neuübersetzung beim Berliner Elfenbein-Verlag komplett neu aufgelegt worden. Und auch an einer Hörbuch-Fassung wird derzeit gearbeitet. Der junge Berliner Hörbuchverlag „Speak Low“ hat sich dieses Mammutprojekt vorgenommen und bereits drei Audiobände der Romanreihe veröffentlicht. Ich habe mir Band 1 „Eine Frage der Erziehung“ angehört und war sehr begeistert.

Aber der Reihe nach – zunächst: Der Vergleich mit Proust passt und ist mir auch sofort in den Sinn gekommen. So detailliert, wie der Franzose die bessere Gesellschaft seiner Zeit aus Sicht eines sich in ihr bewegenden Erzählers portraitiert, so tut es der Brite Powell in seinem Werk. Da gibt es keinen Spannungsbogen, keine unterschiedlichen Perspektiven und Erzählstränge – da werden einfach nur in aller Ausführlichkeit Personen beschrieben, Zusammenkünfte, Begegnungen und Tischrunden dokumentiert, Gespräche wiedergeben und Gedankengänge skizziert. Und das ist alles so old-fashioned, langatmig, unspektakulär und langweilig, dass es schon wieder spannend ist zu beobachten, wie lange man das wohl durchhält. Als Leselektüre hätte ich nach 100 Seiten mit Sicherheit die Segel gestrichen, doch die Hörbuch-Version, sehr elegant vorgetragen vom wunderbaren Frank Arnold, hat mich mit einer beispiellosen Leichtigkeit von Kapitel zu Kapitel und letztlich durch den gesamten ersten Band getragen.

Hören geht in diesem Fall deutlich besser als Lesen. Ich habe das einfach knapp 9 Stunden auf mich Einplätschern lassen, bin auch mal fünf Minuten unkonzentriert gewesen oder eingeschlafen, dann wieder aufgewacht und hatte in der Zeit nicht viel versäumt, denn da war immer noch die gleiche Männerrunde dabei, über irgendeine Belanglosigkeit zu debattieren. Aber so zähflüssig und langatmig sich das alles auch anhört, so schön und absolut bereichernd habe ich es letztlich empfunden. Denn zum einen ist die Sprache von ausgewählter Eleganz – geschliffene Sätze, tolle Formulierungen – zum anderen sind mir selten so gut beschriebene Charaktere begegnet – jede Figur erscheint geradezu plastisch vor dem inneren Auge. Allen voran der linkische Widmerpool, die  Jugendfreunde Stringham und Templer, Professor Sillery – vier von insgesamt knapp 400 Personen, die das zwölfbändige Gesamtkunstwerk bevölkern.

Vielleicht sollte ich noch ein paar Sätze zur Handlung verlieren. So viel lässt sich dazu nicht sagen. Das große Gesellschaftspanorama, das Powells kunstvoll entfaltet, wird dem Leser aus Sicht des Ich-Erzählers Nicholas Jenkins, dem Spross eines ranghohen britischen Militärs, vermittelt. Band 1 beginnt im Jahr 1921 und führt uns ans Eton College, wo Jenkins zusammen mit seinen Schulfreunden Charles Stringham und Peter Templer die Abschlussklasse besucht. Anschließend begleiten wir Jenkins auf den Landsitz der Templers, wo er sich zaghaft und unerwidert in Peters Schwester Jean verliebt. Nach einem Sprachurlaub in Frankreich auf dem Anwesen der Leroys endet ‚Die Erziehung‘ in Jenkins Studienort Oxford. Das sind die wesentlichen Rahmendaten der Handlung. Was sonst noch passiert, sind kleinere und größere Tischrunden, lange Spaziergänge sowie hier und da ein paar Streitigkeiten und Missstimmungen unter den handelnden Personen. Das war‘s.

Anders als die heute noch bekannten Gesellschaftsromane von den oben genannten Autorinnen und Autoren könnte ich dieses Werk nicht uneingeschränkt jedem empfehlen. Es ist schon etwas aus der Zeit gefallen und trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Mich hat es ein wenig an die TV-Serie „Das Haus am Eaton Place“ aus den Achtzigern erinnert – sehr förmlich und sehr britisch. Wer aber Spaß an einem eleganten Erzählton hat, sich für treffende Charakterstudien und die britische Upper-Class Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, dem sei dieser Roman und eventuell auch der komplette Zyklus empfohlen.

Ich für meinen Teil freue mich, Powell für mich entdeckt zu haben. Ich bin jetzt drin, angefixt und im Serienfieber. Mit Sicherheit werde ich mir auch Band 2 mit dem Titel „Tendenz steigend“ als Hörbuch anhören und vielleicht besorge ich mir sogar alle zwölf Print-Bände von „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Ob ich sie jemals alle lesen werde, sei mal dahin gestellt. Es reicht ja, wenn ich sie einfach nur dekorativ ins Regal stelle, direkt neben den Proust, und einfach nur so tue als ob.

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Englischen übersetzt von: Heinz Feldmann

Verlag (Hörbuch): speak low 
8 h, 40 min, Sprecher: Frank Arnold,
12,99 Download (audible), MP3 CDs: 19,99 €
(Erhältlich auch im Streaming-Abo z.B. bei Apple.Music und Spotify)

Sehr sehenswert ist auch das Video der Hörbuchproduktion (einfach aufs Bild klicken).

 

 

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