Benjamin Myers – Offene See

Wie jeder Buchblogger und jede Buchbloggerin habe auch ich zu Hause einen großen Stapel ungelesener Bücher (im Fachjargon: SUB). Und wie bei allen anderen Buchliebhabern wird er nicht kleiner, sondern von Woche zu Woche immer höher und höher. Für jedes gelesene Buch kommen gefühlt drei oder vier neue hinzu. 

Ein oder zwei nach jedem Stadtbummel, zehn oder fünfzehn nach jeder Buchmesse, mindestens fünf bei jedem Bücherbasar, genauso viele nach jeder Rabattaktion bei Medimops, wenn die Frühjahrstitel erscheinen, wenn die Herbsttitel erscheinen, wenn mir langweilig ist, wenn es Weihnachtsgeld gab, wenn ich zufällig an einem offenen Bücherschrank vorbeikomme, wenn die Sonne scheint, wenn sie nicht scheint. Es ist vollkommen egal – der SUB wächst und wächst, und schon lange handelt es sich auch nicht mehr nur um einen Stapel, sondern um mehrere Stapel, kleinere und größere, die auf verschiedene Räume und Regale im Haus verteilt sind. 

Und natürlich habe ich längst jegliches Maß und auch den Überblick über meine Buchvorräte verloren. Im Wohnzimmerregal herrscht noch eine gewisse Ordnung, sogar alphabetisch sortiert, aber oben im sogenannten Buchrevier-Zimmer, wo meine Frau mich einfach machen lässt, da schleppe ich alles rein, was ich auf meinen Streifzügen so auftreibe, quetsche und stapele in jeder freien Ecke neue  Bücher. Irgendwann fällt das alles über mir zusammen und besiegelt mein Ende und ehrlich gesagt: Ich wäre gar nicht so unglücklich, wenn das tatsächlich mal so  passiert. Es wäre ein schöner, ein angemessener und würdiger Tod. Jawohl! 

Egal, lassen wir das. Ich wollte hier eigentlich ganz was anderes schreiben. Und zwar habe ich in einem dieser unzähligen Stapel vor einigen Tagen zufällig Benjamin Myers Roman „Offene See“ gefunden. Der Verlag muss mir das irgendwann im letzten Jahr zugeschickt haben, denn es ist ein Leseexemplar mit Sperrfrist-Vermerk bis zum 7. April. Wenn dieser Titel nicht vor einigen Tagen zum diesjährigen Liebling der unabhängigen Buchhändler*innen gewählt worden wäre, dann hätte ich diesen Roman mit dem geschmackvoll bedruckten und geprägten Leinencover wohl wieder achtlos zurückgelegt. So aber las ich doch mal rein und siehe da, es entpuppte sich als eines meiner Lesehighlights in diesem fürchterlichen Corona-Jahr. 

Wer hier schon eine Weile mitliest, weiß: Ich bin mit Leib und Seele Identifikationsleser. Wenn ich mich in eine Handlung, einen Protagonisten nicht hineinversetzen kann, bin ich draußen, dann kann ein Buch noch so gut sein, es erreicht mich einfach nicht. So ist es schon immer gewesen, und so wird es auch bleiben. Ich kann einfach nicht nur mit dem Kopf lesen, das Herz muss involviert sein, sonst ist und bleibt jedes Buch für mich nur ein Haufen sinnlos bedrucktes Papier. Und in Myers Geschichte konnte ich mich hineinversetzen, nicht nur zu hundert, sondern zu zweihundert Prozent. 

Ich las die ersten Seiten und erlebte mein ganz persönliches Déjà-vu des Jahres. Da schnürte doch tatsächlich ein junger Mann nach der Schule seinen Rucksack, verabschiedete sich von seinen sorgenvollen Eltern und marschierte los, einmal quer durch England, in Richtung Meer. Geschlafen wurde in der freien Natur, gegessen, was Fauna und Flora so hergaben. Das Ziel war, sich einmal richtig kennenzulernen, zu sehen, wozu man imstande ist, erleben, was wird, wenn alles, was einen bisher gehalten hat, nicht mehr da ist. Kein Netz, kein doppelter Boden.

Ich selbst habe nie den Mut besessen, so etwas zu tun, war immer zu sehr auf Sicherheit bedacht oder habe mir das schlichtweg einfach nicht zugetraut. Nicht so mein jüngster Sohn, der vor ein paar Jahren zu genau so einer Reise aufgebrochen ist und mich als besorgten Vater zurückgelassen hat. All diese Erinnerungen kamen jetzt beim Lesen wieder hoch und so wurde diese Lektüre für mich eine sehr emotionale Reise ins Jahr 2016. 

Zugegeben – das ist jetzt mein ganz eigener Bezug zu diesem Roman und jeder, der das hier liest, wird sich fragen, was das jetzt mit ihm zu tun hat. Erstmal nichts. Bis auf die Tatsache, dass Myers hier eine Geschichte erzählt, die niemanden, selbst Nicht-Identifikationsleser, kalt lassen wird. Der junge Robert und die unkonventionelle Dulcie, das ist einfach ein ikonisches Paar, wie Harold und Maude, keine Liebesgeschichte, wohl aber eine Lebensgeschichte, eine dieser wenigen Begegnungen, die ein Leben verändern und prägen. Und auch sonst ist in diesem Buch alles drin, was ein mitfühlendes Leserherz begehrt: Jugend und Alter, arm und reich, Liebe, Tod und Verlust, ein noch unfertiger und ein bereits gescheiterter Lebensentwurf, der versöhnende und zugleich hoffnungsvolle Blick in die Zukunft. 

Ein Buch fürs Herz und für den Kopf, das einfach nur gut tut.    

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Dumont
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
270 Seiten, 20,00 €

7 Kommentare

  1. Hallo,
    Ich habe gerade meinen Mann den ersten Teil Deines Artikels vorgelesen. Ich wollte ihm zeigen, dass es noch andere Menschen gibt, die genauso Bücher hamstern wie ich. Er meinte zwar, so schlimm wie bei mir ist es nirgends. Aber mich hat Dein Schreiben beruhigt.
    Und „ Offene See“ habe ich auch sehr gerne gelesen.
    Liebe Grüße
    Ruth

    Gefällt 2 Personen

  2. Schön, dass es da draußen Menschen gibt, die mit denselben, von Büchern verursachten Platzproblemen zu kämpfen haben wie ich. Und die ebenfalls so krank sind und das auch noch genießen. 🙂

    Der Titel sagte mir gar nichts. Habe ihn mir jetzt mal näher angeschaut und dann direkt auf den Merkzettel gepackt. Sollten wir es im nächsten Jahr nach Devon schaffen, werde ich das Buch garantiert mitnehmen. Danke für den Tipp und die tolle Besprechung!

    Schönen Abend & schönen 2. Advent
    Stefan

    Gefällt 1 Person

  3. Das ich diese Empfehlung erst jetzt lese…..muss mir durchgerutscht sein. Ich fand das Buch ganz wunderbar und versetzte mich in beide Protagonisten. In jungen Jahren schnürte auch ich mein Bündel und kam bis Ägypten und jetzt, als ältere Lady 😉 schaue ich den jungen DigitalNomanden zu, wie sie aus fernen Ländern berichten…..na ja andere Zeiten eben. Aber LYRIK bleibt….und das Meer auch ! Danke und immer schön weiter stapeln….sagt die Buchhändlerin !

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