Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1/100)

Ich habe mir für 2021 etwas vorgenommen. Nichts Schwieriges, nichts, was mir besonders schwer fällt oder keinen Spaß machen würde. Und trotzdem, wenn ich mir das nicht extra vornehme, würde ich es nicht machen. Weil kein Druck dahinter ist und weil immer etwas dazwischen kommt. Etwas aus dem Frühjahr oder aus dem Herbst, der ganze heiße Scheiß, über den gerade geredet wird.

Und ja, richtig geraten – da dieser Blog Buchrevier heisst, geht es natürlich ums Lesen. Ich habe mir vorgenommen, exakt 100 Bücher zu lesen. Nicht alle in einem Jahr und auch nicht irgendwelche, sondern Romane, die ich schon im Regal stehen habe. Farbenfrohe Bände, die ich in den letzten zwei Jahren akribisch gesammelt und dekorativ in einem extra Regal aufgereiht habe. Um sie zu haben und immer wieder anzuschauen. Um von eins bis einhundert lückenlos durchzählen zu können und das zutiefst befriedigende Gefühl zu genießen, etwas Vollständiges und in sich Geschlossenes zu besitzen.       

Die Rede ist von der SZ Bibliothek mit den einhundert großen Romanen des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von der Feuilletonredaktion der Süddeutschen Zeitung. Ein Leseprojekt, das ich mir eigentlich für die Rente aufgespart hatte. Für die Zeit nach dem Hamsterrad, wenn der Wecker nicht mehr um 5:30 Uhr klingelt und ich hoffentlich endlich zur Ruhe gekommen bin – innerlich wie äußerlich – und endlich Zeit satt zum Lesen habe.

Aber warum so lange warten? Warum nicht sofort loslegen? Jetzt, wo man eh nicht viel mehr machen kann als Lesen und Spazierengehen. Und Band 1 ist in meiner Generation eigentlich ein Must Read. Von Milan Kundera habe ich knapp zehn Romane gelesen, nur diesen einen, seinen berühmtesten mit dem epischen Titel eben nicht. Stattdessen habe ich mir damals in den späten Achtzigern die  Verfilmung mit Daniel Day Lewis und Juliette Binoche in den Hauptrollen mindestens drei mal im Kino angeschaut. Auch heute ist das noch einer meiner absoluten Lieblingsfilme. 

Das Buch zum Film zu lesen, kam mir bisher nie in den Sinn. Denn warum etwas Perfektes der Gefahr aussetzen, dass es in anderer Darreichungsform womöglich an Glanz verliert und entzaubert wird. Und tatsächlich, der Roman ist nochmal ein ganz anderes Erlebnis und mit dem, was ich vom Film in Erinnerung habe, überhaupt nicht vergleichbar. Tatsächlich wird die komplette Handlung des Films schon auf den ersten vierzig Seiten des Romans umrissen. Prag im Frühling 1968, die erste Begegnung von Tomas und Teresa in einem böhmischen Kurort, ihre stürmische Liebe, Tomas Promiskuität, Teresas Eifersucht, Sabina, die schöne Künstlerin mit der Melone und natürlich Karenin, der Hund. 

Wo der Film endet, fängt der Roman erst an. Die wunderbar emotionale Liebesgeschichte zwischen Tomas und Terasa ist nur der rote Faden, der einen durch ein komplexes weltanschauliches und zeitgeschichtliches Erzählgerüst führt und die Lektüre zu einer facettenreichen aber auch fordernden Aufgabe macht. Immer wieder wird die Handlung durch assoziative Exkurse unterbrochen. Seitenlange Abschweifungen über die Psychologie menschlicher Bindungen, die Philosophie des Zufalls, die Bedingungslosigkeit von Entscheidungen, über Freiheiten und Zwänge und die mittlerweile weltberühmte unerträgliche Leichtigkeit des Seins, machen die Lektüre zuweilen etwas sperrig. 

Wer daher nur den Film vor Augen hat und Kundera als Autor nicht kennt, wird sich mit dem Buch vielleicht etwas schwer tun. Aber wenn dieser Roman nicht mehr zu bieten hätte, als eine romantische Liebesgeschichte in politisch turbulenten Zeiten, hätte er es wohl kaum an den Anfang einer Liste mit den großen Romanen des zwanzigsten Jahrhunderts geschafft. 

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Die Titel der SZ-Bibliothek sind nur noch antiquarisch zu erwerben.

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