Paul Auster – Winterjournal

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Dieser Mann ist weltberühmt, seine Bücher sind in zig Sprachen übersetzt und globale Bestseller. Und was macht so ein Mensch, wenn er mit 64 Jahren auf sein bedeutendes Leben zurückblickt? Keine eitle Nabelschau, kein Namedropping, keine Auflistung seiner größten Erfolge auf dem Weg in den Bestseller-Olymp. Nein, er schaut auf seine Hände und zählt auf, was sie in all den Jahren schon angefasst, gehalten, gehoben, gewiegt, geschmiegt, berührt und gestreichelt haben. Wie viele andere Hände er mit ihnen schon geschüttelt, wie viele Türklinken er gedrückt, Zigaretten angesteckt und Telefonhörer abgenommen hat; wie oft er sich damit am Kopf und auch am Hintern gekratzt hat. Er erinnert sich an Mädchen und Frauen, die er geküsst, Wohnungen, in denen er gewohnt hat, Länder, in die er schon gereist ist. Und wo er war, als Oma und Opa, sein Vater und seine Mutter gestorben sind und als die Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme krachten.

Eine Handvoll prägender Momente auf der einen Seite und unzählige Alltäglichkeiten, Begegnungen und ein großer Batzen erinnerungsloser Zeit auf der anderen – so geht Leben. Deins, meins, und auch das von Paul Auster. Ein Leben, an dem er die Leser dieses Buches in allen Nebensächlichkeiten teilhaben lässt. Mittlerweile ist Auster nochmal zehn Jahre älter und erfreut sich meines Wissens immer noch bester Gesundheit. Und doch ist Winter Journal schon so etwas wie ein Vermächtnis. Ob mit 64, 74 oder 84 Jahren – was am Ende übrig bleibt, sind ein paar Erinnerungsschnipsel und Bilder, die als Film in Fast-Forward vor deinem inneren Augen ablaufen, während du auf das grelle Licht am Ende des Tunnels zugehst. Leben heißt zurücklassen. Orte, Menschen, Tätigkeiten. Das Einzige, das bleibt, bist du. Dein Körper, alt und krumm, mit Narben auf der Haut und der Seele.

Wir alle kennen das, wenn wir Fotos aus vergangenen Tagen betrachten. Das Erste, was uns ins Auge sticht, sind wir selbst. Nichts interessiert und fasziniert uns so sehr, wie wir selbst. Wie wir uns verändert haben, was die Zeit mit uns gemacht hat, und wie wir aus heutiger Sicht unser Ich von damals betrachten. Das ist weder hedonistisch, noch egoman – das ist einfach nur menschlich und natürlich. Auster hat das alles aufgeschrieben, hat haarklein beschrieben, was er in seinem Leben zurückgelassen hat und welche Narben geblieben sind. Menschen, Orte und Tätigkeiten, die ihn eine Zeit begleitet haben und die ohne dieses Buch irgendwann vergessen und spurlos verschwinden würden.

Und natürlich beschäftigt auch Auster die Frage, die sich früher oder später jeder stellt: Bist du zufrieden mit deinem Leben, war es die ganzen Anstrengungen überhaupt wert? Nach Alfred Adler, dem berühmten Psychotherapeuten, ist es rein gar nichts wert, wenn kein anderer als du selbst, es mit Bedeutung und Emotion auflädt. Wenn du nichts in anderen Menschen hinterlässt, wenn keiner sagt: Dieser Mensch hat mich beeindruckt. Seine Texte, seine Gedanken, sein auch im Alter noch volles Haar. Wenn nur du allein, dich gut findest und kein anderer – dann ist das alles gar nichts wert, dann bist du nicht mehr als ein Max Mustermann, ein leeres Abziehbild der Bedeutungslosigkeit.

Ein Schicksal, was Paul Auster niemals treffen wird. Denn er hat eine Menge bedeutender Romane geschrieben und damit viele Menschen beeindruckt und geprägt. Aber vor allen Dingen hat er ‚Winter Journal‘ geschrieben und damit reinen Tisch gemacht. Mit der Vergangenheit, mit dem Bild seiner selbst, mit dem Mythos, dem er nicht entsprechen wollte.

Und so bleibt mir nur, die letzten Sätze aus diesem Buch zu zitieren, die da lauten:

„Deine nackten Füße auf dem kalten Boden, wenn du aus dem Bett steigst und zum Fenster gehst. Du bist vierundsechszig Jahre alt. Draußen ist alles grau, fast weiß, die Sonne nicht sichtbar. Du fragst dich, wieviele Morgen bleiben noch? Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. Du bist im Winter deines Lebens eingetreten.“

Ich persönlich bin momentan erst im Herbst meines Lebens und habe noch ein wenig Zeit – wenn alles gut läuft. Vielleicht.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Übersetzt von: Werner Schmitz
256 Seiten, 12,00 €

 

Übrigens, bei ARTE gibt es ein sehr sehenswertes Autorenportrait von Paul Auster. Kann ich nur empfehlen.

Margaret Atwood – Der Report der Magd

5

Es war keine gute Idee, dieses Buch jetzt in dieser Zeit zu lesen. Nein, das hätte ich mal lieber sein gelassen. Ganz ehrlich? Ich habe Angst. Da ist so ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend, etwas, was mir sagt, dass ich da nicht nur irgendeine gut gemachte Dystopie gelesen habe, keinen dieser unzähligen Romane, in denen Menschen unterdrückt werden, sterben und die Welt ihr vertrautes Gesicht verliert. Nein, hier hatte ich beim Lesen das Gefühl, als schaute ich aus dem Fenster, auf das, was hier gerade direkt vor meinen Augen passiert. Kein wohliger Schauder beim Zuklappen nach der letzten Seite, keine Freude darüber, dass das ja nur eine fürchterliche Geschichte sei, dass so etwas nie und nimmer in meinem Leben passieren könnte. Nein, diesmal nicht. Man legt das Buch weg, aber die Beklemmung bleibt. 

Dabei war es gar nicht mal die aktuelle Krisenlage, die mich zu diesem Buch gebracht hat. Es war vielmehr eine Dokumentation auf ARTE über das Leben von Margaret Atwood, einer Autorin, die für mich seit jeher eher uninteressant war und von der ich folglich auch noch nie etwas gelesen habe. Und natürlich gab es für dieses Desinteresse keine auch nur ansatzweise nachvollziehbare,  rationale Begründung. Atwood war für mich eine Autorin, die mehr oder weniger anspruchsvolle Romane für Frauen schrieb. So wie Isabel Allende oder ganz früher Colette – alles Vorurteile, ich weiß, aber irgendwie muss man sich ja in diesem weiten Feld der Literatur orientieren. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht immer wieder auch bereit bin, meine Meinung zu ändern. So wie in diesem Fall. Nein, Atwood ist wirklich Spitze und sie schreibt Romane, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer interessieren (sollten). Zumindest dieser eine Roman sollte das.

Als ihr mit Abstand erfolgreichstes Buch war ‚Der Report der Magd‘ natürlich ein zentrales Thema in dem ARTE-Autorinnenportrait (ich habe die Sendung unten verlinkt). Mich hat in der wirklich sehr sehenswerten Dokumentation zweierlei verblüfft: zum einen, dass so ein weltweiter literarischer Erfolg komplett an mir vorbei gehen konnte und andererseits die Aussage Atwoods, dass sie bei dem Roman eigentlich nichts erfunden hat, sondern nur zusammengefügt hat, was überall auf der Welt entweder bereits geschehen ist oder aktuell gerade passiert. Drittes Reich, Stalinismus und Islamischer Gottesstaat nach iranischem Vorbild. Als der Roman Anfang der Achtziger entstanden ist, gab es noch keinen IS. Aber was die Ayatollahs mit den Frauen im Iran damals schon gemacht haben, den Entzug aller Freiheiten und einem Großteil ihrer Bürgerrechte, die Reduktion auf rein dienende Funktionen, die Uniformierung und Verhüllung, die drastischen Strafen für jegliche Abweichung vom starren Moralkodex, das kommt dem schon sehr nah, was Atwood in ihrem Roman schildert und was dreißig Jahre später von radikalen Islamisten noch   perfektioniert wurde. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich meine Geschlechtsgenossen für so ein Verhalten verachte. 

Und genau das ist es, was mich bei diesem Buch neben weiteren Parallelen zu den aktuellen Corona-Einschränkungen am meisten aufgeregt und bewegt hat. Das radikale Patriarchat, die systematische Unterdrückung von Frauen, ihre Reduktion auf Reproduktion und Arterhaltung, das ganze dumme männliche Machtgehabe. Es kotzt mich so an. Von Caligula über Dschingis Khan, Hitler, Stalin, bis hin zu Orban, Bolzenaro, Trump und Erdogan – immer schon waren und sind es Männer, die die Welt zu einem deutlich schlechteren Ort machten und immer noch machen. In diesem Zusammenhang muss ich an aktuelle Berichte denken, wonach sich Länder, die von Frauen geführt werden, am erfolgreichsten gegen die Corona-Pandemie stellen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. In puncto Politik, Bildung und Wirtschaft haben Frauen oftmals ein wesentlich besseres Händchen. Ist es generell nicht langsam Zeit für einen Wechsel? Zeit, sich  als Mann in die zweite Reihe zu stellen und die Welt in weibliche Hände zu geben? 

Aber kommen wir zurück zum eigentlich Thema. Nachdem die Welt Orwells Schicksalsjahr 1984 ohne Big-Brother-Diktatur unbeschadet überlebt hatte, musste dringend ein neues Worst-Case Szenario her. Atwoods Roman erschien1985 und schloß diese Lücke. Was im Report der Magd beschrieben wurde, musste für damalige Verhältnisse völlig utopisch klingen. Geschlossene Grenzen, wo sich doch Europa gerade öffnete, das Erstarken religiöser und partriachalischer Strukturen, staatliche Willkür und der Verlust persönlicher Freiheiten – in den westlichen Industrienationen glaubte man, das ein für allemal hinter sich gelassen zu haben. Man hatte das Gefühl, dass das Leben jeden Tag ein wenig freier, gleichberechtigter und friedlicher wurde.    

Und jetzt? In wenigen Wochen bekommen wir eine Big-Brother App, die jeden unserer Schritte überwacht, die Grenzen sind zu, in den Läden sind die Grundnahrungsmittel ausverkauft, und Ordnungsdienst und Polizei patrouillieren in den Straßen, um die Hygienevorschriften und Kontaktsperren zu überwachen. Klar, das ist alles nur vorübergehend so. Wenn Corona erstmal vorbei ist, normalisiert sich das alles und unser Leben wird wieder so wie vorher. 

Und wenn nicht?    

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Piper Taschenbuch
Übersetzung: Helga Pietsch
412 Seiten, 12,00 €

Hier geht es zu der sehr sehenswerten Dokumentation über Margaret Atwood auf ARTE:

John Wray – Retter der Welt

Zum ersten Mal hörte ich den Namen John Wray vor einem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Bloggerkollege Jochen Kienbaum hatte gerade ein Interview mit ihm gemacht und schwärmte in den höchsten Tönen vom Autor und seinem jüngsten Buch. Weil Jochen ein literarischer Connaisseur ist, habe ich mir den Namen gemerkt. Da er aber bekanntermaßen auch eine Vorliebe für dicke, sperrig-schwierige Romane hat, habe ich John Wray für mich gleich wieder ausgeschlossen.

Dann tauchte der junge Amerikaner in diesem Sommer in Klagenfurt auf und ich dachte mir: Was macht ein Ami beim Bachmann Wettbewerb? Da wusste ich noch nicht, dass er halber Österreicher ist und einen zweiten Wohnsitz in Kärnten hat. Sein Auftritt soll ja mächtig Eindruck gemacht haben. Ein paar Tage später lief mir John Wray dann beim Bücherstöbern auf Medimops über den Weg. Dort wurde mir sein 2009 erschienener Roman „ Der Retter der Welt“ – gebunden, sehr gut erhalten – für schlappe 3,09 Euro angeboten. Ich hab’s mir bestellt und sofort reingeblättert. Der erste Eindruck, befreiend: weder besonders lang, noch besonders sperrig. Und dann habe ich es nicht mehr aus der Hand gelegt und die 350 Seiten in einem Rutsch durchgelesen.

Es ist schwer, das Gelesene in Worte zu fassen: sehr beeindruckend, sehr bedrückend, sehr düster, so mein erstes Bauchgefühl. Eine krude Mischung aus Beckett, Kafka, Dostojewski und Boris Vian. Zuerst dachte ich: eine klassische Dystopie. Doch es ist eher ein vielschichtiges Psychogramm, fast schon ein Thriller. Die Dystopie spielt sich im Kopf des Protagonisten ab. William, genannt Lowboy, ist psychisch krank (paranoid-schizophren) und grad aus einer psychatrischen Klinik geflohen. Zwei Jahre zuvor hat er seine damalige Freundin Emily aufs Gleisbett der U-Bahn gestoßen. Sie konnte gerettet werden, und Lowboy wurde weggesperrt.

Tabletten und Hitzetherapie haben ihn ruhig gestellt aber nicht geheilt. Seine Überzeugung: Die Welt wird immer heißer, in Flammen aufgehen und verbrennen. Und das nicht irgendwann, sondern bereits in wenigen Stunden. Der Einzige, der die Apokalypse aufhalten kann, ist er selbst. Wenn es ihm gelingt, seine innere Hitze abzuleiten, dann könnte das Schlimmste verhindert werden. Dazu müsste er Sex haben, zum ersten Mal überhaupt.

Von dieser Wahnvorstellung getrieben stromert er durch die New Yorker U-Bahn. Fährt den ganzen Tag hin und her, verstört diverse Fahrgäste, versteckt sich vor den Sicherheitsleuten und folgt einer Obdachlosen durch das weit verzweigte Tunnelverlies. Währenddessen sitzt seine Mutter Violet bei der Polizei und steht Polizeikommissar Ali Lateef Rede und Antwort. Wray schafft hier eine zweite Erzählebene, wir bekommen Einblick in die symbiotische Mutter-Kind-Beziehung und Lowboys Krankheitsverlauf. Gleichzeitig entspinnt sich eine Beziehungsebene zwischen dem Polizisten und Violet. Im Wechselspiel mit Lowboys skurilen Erlebnissen im U-Bahn-Tunnelsystem entsteht ein sehr spannendes und atmosphärisch dichtes Erzählgeflecht.

Ich habe diesen Roman mit sehr großer Begeisterung gelesen und weiß genau, dass ich diesen liebenswerten und zugleich beängstigenden Protagonisten nicht so schnell vergessen werde. In der Bahn sehe ich manchmal Typen wie Lowboy und frage mich seitdem, ob sie auch diese Hitze in sich tragen. „Wray hat uns einen neuen Holden Caulfield (Fänger im Roggen) geschenkt“ steht auf dem Backcover des Buches. Das sehe ich genauso: William Heller, alias Lowboy, hat Kultpotenzial, und sein Erfinder John Wray ist auf dem besten Weg, ein neuer literarischer Held zu werden.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt (rororo)
352 Seiten, 9,95 € TB
Übersetzt von Peter Knecht

 

Juli Zeh – Nullzeit

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Wer hätte gedacht, dass ich einmal Fan einer Autorin wie Juli Zeh werden würde. Doch in den letzten zwei Jahren habe ich einiges dazugelernt, unter anderem, weniger oberflächlich zu sein, nicht alles nach Schema F in Schubläden zu packen, Menschen, auch wenn sie anders sind als ich, einfach mal so anzunehmen. Vielleicht ist es das Alter, so eine präsenile Leck-mich-am-Arsch-Stimmung. Irgendwann hört man einfach auf, sich über Dinge aufzuregen. Vielleicht hat es aber auch ganz andere Gründe. Noch mal was Neues ausprobieren, eingefahrene Denkmuster verlassen, Sympathie und Antipathie infrage stellen.

Wie dem auch sei. Nach dem Bestseller „Unterleuten“ habe ich jetzt schon den zweiten Roman dieser Autorin gelesen und bin zum zweiten Mal ziemlich begeistert. „Nullzeit“ ist aus dem Jahr 2012 und nicht bei ihrem aktuellen Verlag Luchterhand, sondern noch bei Schöffling erschienen und gerade mal 250 Seiten dick. Juli Zeh ist ja gesellschaftspolitisch sehr aktiv und engagiert. In ihren Romanen merkt man glückerlicherweise nur wenig davon. Hier und da schwingt mal zwischen den Zeilen etwas Sozialkritik mit, aber das war es auch schon. Ansonsten beschäftigt sie sich in erster Linie mit den Facetten des Zwischenmenschlichen. Bei diesem Werk soll es sich laut Klappentext sogar um einen Krimi oder Thriller handeln. Kannst du ja mal einschieben, dachte ich mir, und bin mit diesem Backlisttitel in den Urlaub gestartet. Ich hatte insgesamt fünf Bücher für zwei Wochen dabei; bis auf Nullzeit alles ziemlich dicke Schinken von 500 Seiten und mehr. Natürlich habe ich gerade mal eines der dicken Dinger geschafft und dann noch dieses hier, weil es dünner war, weil es Spannung versprach und weil es von Juli Zeh war – meiner neuen Lieblingsautorin.

Ohne es zu ahnen, hatte ich mit Nullzeit die perfekte Urlaubslektüre eingepackt. Denn der Roman spielt auf Lanzarote und handelt von einem ungleichen deutschen Paar auf Tauchurlaub. Und was gibt es Schöneres als mit einem Buch am Meer zu sitzen, auf Fischerboote und badende Kinder zu schauen und eine Geschichte über Menschen zu lesen, die gerade das Gleiche tun? Ein Mann liest ein Buch über einen Mann, der ein Buch liest – Realität und Fiktion im perfekten Einklang.

Das tauchende Protagonisten-Pärchen sind Theo und Jola. Er ein mittelalter Schriftsteller, der gerade mal einen mäßig erfolgreichen Roman veröffentlicht hat. Sie eine blutjunge Serienschauspielerin aus gutem Hause, die auf ihren Durchbruch als ernsthafte Schauspielerin wartet. Dann ist da noch Sven, ein ehemaliger Jurastudent, der nach dem ersten Staatsexamen eine aussichtsreiche Juristen-Karriere gegen ein Aussteigerleben als Tauchlehrer auf den Kanaren eintauschte. Theo und Jola führen eine Beziehung à la Richard Burton und Liz Taylor – sie küssen und sie schlagen sich. Und natürlich entwickelt sich nach kurzer Zeit auch etwas zwischen Jola und dem Tauchlehrer, was natürlich Theo nicht verborgen bleibt und auch nicht gut gehen kann. Denn da sind gemeinsame Tauchgänge, bei denen es darauf ankommt, dass jeder im Team dem anderen vertraut.

Eigentlich eine ziemlich vorhersehbare Geschichte. Aber Juli Zeh wäre nicht Juli Zeh, wenn sie in diese nur zu offensichtliche Mainstream-Falle tappen würde. Nein, eine leidenschaftliche Affäre zwischen dem Tauchlehrer und seiner Schülerin und ein anschließendes Eifersuchtsdrama unter Wasser wären viel zu naheliegend. Aber keine Affäre zwischen Sven und Jola wäre auch keine Lösung gewesen. Und so konstruiert Juli Zeh ein literarisches Zwischenstadium, eine Nicht-Affaire, eine andeutungsreiche Liebelei mit viel Hin und Her, bei der wir Leser durch unterschiedliche Sichtweisen stets im Unklaren gelassen werden. Am Ende kommt es so, wie ich lebenserfahrener Fuchs es schon geahnt habe.

Man merkt vielleicht schon, dieser Roman ist mehr als nur eine spannende Strandlektüre mit einem Schuss Erotik und ein paar touristischen Bezügen. Nullzeit ist intelligent konstruiert und zeichnet sich durch das aus, was Juli Zeh nahezu perfekt wiederzugeben versteht. All die Facetten des Zwischenmenschlichen – die Hoffnungen und Wünschen, die Ängste und Abgründe, das Hässliche aber auch das Liebenswerte am Menschen.

Und deswegen bin ich jetzt großer Fan, habe mir noch drei weitere Romane von Juli Zeh besorgt und frage mich gerade, ob ich mittlerweile sogar bereit dazu wäre, einen Roman von Marlene Streeruwitz zu lesen. Ja, warum eigentlich nicht?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Schöffling & Co.
254 Seiten, 19,99 € (Taschenbuch bei btb, 9,99 €)

 

Michael Kumpfmüller – Die Herrlichkeit des Lebens 

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Normalerweise weiß ich ja, was ich da gerade für ein Buch lese. Ich informiere mich im Vorfeld, habe Empfehlungen bekommen oder zumindest den Klappentext gelesen. Alles dringend notwendige Maßnahmen zur Erhaltung der Lesefreude angesichts all des Schrotts, der einem im Buchmarkt so angeboten wird. Selten also, dass ich einen Roman lese, von dem ich so gar nichts weiß. Doch bei diesem hier habe ich es gemacht.

Komplett gar nicht stimmt eigentlich auch wieder nicht. Ich kannte zumindest den Autor, Michael Kumpfmüller. Im letzten Jahr stand sein Roman „Die Erziehung des Mannes“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Der hat mir so gut gefallen, dass ich mir bei Medimops ein paar weitere, gut erhaltene Backlist-Titel von ihm besorgt habe. Unter anderem auch „Die Herrlichkeit des Lebens“. Erstausgabe, gebunden, aber ohne Schutzumschlag und damit auch ohne weitere Angaben zum Inhalt. Ich hätte mich natürlich im Netz informieren können, habe ich aber nicht gemacht.

Wenn man so im Blindflug in ein Buch einsteigt, braucht man gut und gerne 50 Seiten, um sich halbwegs zu orientieren. Der letzte Roman von Kumpfmüller war zeitgenössisch, dieser hier ist es nicht. Erst als über die Auswirkungen der Inflation in Deutschland gesprochen wurde, wusste ich, dass die Handlung in den zwanziger Jahren spielen musste. Ein kränklicher Schriftsteller trifft im Ostseebad Gral Müritz eine junge Frau. Sie verlieben sich, doch es ist alles nicht so einfach: der Altersunterschied, diverse Vorbehalte, seine Krankheit, fehlendes Geld, die dominanten Eltern. Sie schreiben sich wochenlang Briefe, und nach ein wenig Hin und Her kommen Franz und Dora schließlich zusammen und erleben ein paar Monate bescheidenen Glücks, bevor es ihm gesundheitlich immer schlechter geht und er schließlich in ihren Armen stirbt.

Soweit eine durchschnittlich tragische Geschichte. Doch als ich zwischendurch irgendwann mal zum Ende blätterte und die Danksagung las, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Das ist nicht irgendein Schriftsteller, den Kumpfmüller da auf seinen letzten Tagen begleitet. Das ist Franz Kafka! Einer meiner Lieblingsschriftsteller aus alten Zeiten. Und ich Idiot hab das nicht mitbekommen. Gott sei Dank habe ich die Danksagung noch früh genug entdeckt und nicht erst am Ende des Romans. So konnte ich die Geschichte seiner letzten Liebe zu der polnischen Jüdin Dora auf einmal mit ganz anderen Augen lesen. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern einer der größten der deutschen Literatur. Das steigert die Aufmerksamkeit, das macht die Geschichte für mich noch einmal ganz besonders.

Ich liebe es ja, wenn ein Roman zugleich auch ein Sachbuch ist. Wenn man eine tragisch-schöne Liebesgeschichte liest und dabei noch etwas Nützliches erfährt. Ich wusste nämlich gar nicht, dass Kafka so früh, und zwar 1923, an den Folgen einer langjährigen Tuberkuloseerkrankung gestorben ist. Ich habe tatsächlich gedacht, er wäre wie seine Schwestern von den Nazis im KZ umgebracht worden. Weiß der Geier wie ich darauf kam. Und so habe ich parallel zur Lektüre im Internet recherchiert, habe mir Bilder von Dora Diamant angesehen und mein Kafka-Wissen aufgefrischt. So wusste ich zum Beispiel auch nicht, dass Kafka Teilhaber einer Asbestzementfabrik und eigentlich, wie ich, PR-Texter war. Ich weiß jetzt, dass man ihn den ewigen Junggesellen der deutschen Literatur nannte, dass er glaubte, eine glückliche Beziehung zu einer Frau wäre kontraproduktiv für das Schreiben. Ja, das scheint wirklich so eine Grundfrage schreibender Menschen zu sein. Entweder ist man ein glücklicher Mensch oder ein guter Schriftsteller. Beides zusammen scheint schwer kombinierbar zu sein.

Aber jetzt mal zum Leseeindruck. Trotz der geschilderten Tragik macht es Spaß, ‚Die Herrlichkeit des Lebens‘ zu lesen. Das Buch hat einen ganz eigenen Sound und ist überhaupt nicht vergleichbar mit Kumpfmüllers letztem Roman. Ein ganz anderer Stil, eine andere Sprache, ich würde sagen: zeitgemäß veraltet, aber trotzdem dynamisch und kraftvoll. Die Weimarer Zeit, das Berlin der Zwanziger Jahre entsteht durch den Erzählstil vor dem geistigen Auge. Wie macht Kumpfmüller das? Ist es meine Einbildung oder schriftstellerisches Können? Ich finde es schwer, das an bestimmten Elementen konkret festzumachen. Vielleicht ist es das Präsens. Der ganze Roman ist im Präsens geschrieben. Dann der Wechsel zwischen kurzen, einfachen Aussagen — Subjekt, Prädikat, Objekt — und langen verschachtelten Aufzählungen. Jeder Absatz beginnt mit einer kurzen Feststellung und einer darauffolgenden, längeren Ausschmückung. Oder ist es die Erzählperspektive, die einerseits neutrale aber sich trotzdem einfühlende Chronistenstimme, die der Geschichte diese historische Patina gibt?

Wie auch immer. Kumpfmüller überrascht, Kumpfmüller lässt einen nicht kalt, von Kumpfmüller werde ich definitiv auch die anderen Backlist-Titel lesen.
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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Seiten: 235

Thomas Glavinic – Das bin doch ich

5

Ab und zu – wirklich nicht häufig – aber manchmal kommt es vor, dass ich überhaupt keine Idee habe, welches Buch ich als nächstes lesen soll. Dann stehe ich vor meinem Bücherregal, schaue durch die Reihen, ziehe hier und da mal ein Buch heraus, blättere rein, lese den Klappentext und stelle es lustlos wieder zurück. Ein ganzes Regal mit nichts zum Lesen.

Ich hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank und gehe in den Garten. Auf meiner Bank sitzend starre ich ins Grün. Von wem wollte ich denn neulich noch was lesen? Nicht Witzel, auch nicht Setz. Da war doch noch einer, so ein Machotyp, nicht der Stanisic, aber so ähnlich, zumindest vom Namen her. Glavinic! Genau, so hieß er. Thomas Glavinic, Österreicher, hat gerade einen neuen Roman bei Fischer veröffentlich. 700 Seiten, soll gut sein. Könnte ich mir bestellen, aber ich müsste doch auch noch was Älteres von ihm irgendwo im Regal stehen haben. Für 2,99 € mal bei Medimops geschossen – da ist es ja: „Das bin doch ich“, 2007 bei Hanser erschienen; für meine Verhältnisse mal ein richtig alter Schinken. Das könnte ich doch glatt für die Golden Backlist-Challenge nehmen, bei der man mal wieder Bücher lesen soll, die älter als fünf Jahre sind. Mal sehen, was der Klappentext sagt. “ … ein Roman über einen Besessenen, der nur ein einziges Opfer kennt: sich selbst. Und der dieses Opfer mit gnadenloser Komik zur Stecke bringt“. Und dann steht da noch was von Alkohol, Hodenkrebs und einer Literaturagentin. Ok, klingt nicht schlecht und hat nur 230 Seiten – kann man ja mal reinlesen. Hab’s gedacht, und schon war ich drin.

Ich bin ja ein großer Fan der Serie Pastewka, in der Bastian Pastewka sich und sein Leben als Comedian im Privatfernsehbetrieb dokumentiert. So ähnlich muss man sich auch diesen Roman vorstellen. Nur ist die Hauptfigur kein Comedian, sondern Schriftsteller. Die Handlung spielt nicht im TV- und Unterhaltungsbusiness, sondern im Literaturbetrieb und der Protagonist heißt nicht Pastewka, sondern Glavinic. Und wie der Comedian Pastewka stellt sich auch Glavinic als Person schonungslos offen zur Schau. Mit allen Ängsten, Phobien, Schwächen, Zweifeln und Entgleisungen, die das Leben eines hoffnungsvollen Jungautoren, der immer noch auf den ganz großen Erfolg wartet, so mit sich bringt. Und dazu noch mit jeder Menge Humor und Selbstironie.

Glavinic ist ein Macho, wie er im Buche steht. Er wohnt zwar mit Frau und Kind zusammen, lebt aber trotzdem das Leben eines Singles; kommt und geht, wann immer es ihm gefällt und interessiert sich eigentlich nur für einen einzigen Menschen auf der Welt: sich selbst. Sein Erfolg als Autor, seine Rolle im Literaturbetrieb, seine kleinen Wehwehchen. Darum geht es in diesem Buch. Als Autor macht Glavinic gerade eine schwere Zeit durch. Für seinen neuen Roman gibt es noch keinen Verlag, eine Literaturagentin ist da dran, meldet sich aber nicht. Sein Freund Daniel Kehlmann hat gerade „Die Vermessung der Welt“ herausgebracht und geht damit im Verlauf der Romanhandlung durch die Decke. Sind es am Anfang nur 35.000 Exemplare, so ist er am Ende bei über 700.000 angelangt. Und mit jedem neu verkündeten Auflagenrekord fällt Glavinics Stimmung ins Bodenlose, wo sie von im Alkohol getränkten Selbstzweifeln zerfressen wird. Und hinzu kommen noch Frau und Kind, Vater und Mutter und die ganze übrige Familie, die nicht verstehen kann, dass der Daniel so ein erfolgreiches Buch geschrieben hat und der Thomas nicht.

Um all das geht es in diesem Roman. Es ist ein typisches Zwischenbuch, das man schreibt, wenn man nicht richtig weiß, was man schreiben soll. Wenn das letzte Werk gerade abgeschlossen, das nächste Thema aber noch nicht gefunden ist. Wenn man zwischen den Seilen hängt und sich mit nichts anderem beschäftigen kann, als mit sich und seinen Selbstzweifeln. Dann ist es das Beste, wenn man sich alles mal von der Seele schreibt und siehe da: Da ist er ja! Ein neuer Roman, mit dem Glavinic 2007 – wie Kollege Kehlmann zwei Jahre davor – sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Zu Recht, denn „Das bin doch ich“ ist ein echtes Meisterwerk; tiefgründig, tragisch, komisch, authentisch und unheimlich unterhaltsam. Das perfekte Zwischenbuch, wenn man ein anderes gerade ausgelesen hat und noch nicht weiß, was man als nächstes lesen soll.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser / dtv
230 Seiten, 19,90 €/9,90 €