Fünf Gründe, den neuen Houellebecq zu lesen — fünf Gründe dagegen

12

Du musst ihn lesen:

1. Aus Respekt vor dem Hype.

Früher gab es das häufiger — eine riesige mediale Welle, wenn einer der ganz Großen einen neuen Roman herausgebracht hat. Ein neuer Irving, ein neuer Walser oder Hornby. Das war schon was. Alle sprachen darüber. Im Fernsehen, in den Zeitungen, am Arbeitsplatz. Das ist aber mehr als zehn Jahre her. Heute gelingt das nur noch einem einzigen Schriftsteller. Fragt euch mal, warum.

2. Weil er sich treu bleibt.

Ein häufig gelesener Kritikpunkt an Serotonin ist, dass es mal wieder ein typischer Houellebecq ist. Altbekannte Grundstimmung, ewig gleiches Gejammer. Wie langweilig, wie einfallslos. Kennst du einen, kennst du alle. Warum erfindet er sich nicht einfach mal neu? So wie Madonna es seit Jahren macht: aktuell mit Kim-Kardashian-Implantat. Oder Juli Zeh — mit immer wieder neuen Romanideen, die dann alle enttäuschen (außer mich). Nein, das macht er nicht. Houellebecq bleibt sich treu. Ich lese seine Bücher, weil ich sie gut finde. Und zwar genau so wie sie sind. Die Grundstimmung, das Gejammer. Nicht einfallslos und niemals langweilig.

3. Weil ihm alles egal ist.

Im literaturaffinen Netz und in den Buchläden herrscht ein gesellschaftspolitischer Konformismus. Houellebecqs Helden scheren sich dagegen einen Scheißdreck darum. Sie sind sexististisch, rassistisch und rechtskonservativ. Und das weder unabsichtlich noch verschämt, sondern grad so, wie es ihnen in den Sinn kommt und ohne Reue. Und der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem damit. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

4. Weil die Grenzen verschwimmen.

Es gilt als im höchsten Maße unprofessionell, einen Autor mit den fiktiven Charakteren seiner Romane gleichzusetzen. Doch bei Houellebecq machen das alle. Er entspricht auf so ideale Weise dem Bild, was man sich beim Lesen seiner Romane von den Protagonisten macht, dass es schier unmöglich scheint zu denken, dass der Autor in irgendeinem Punkt anderer Ansicht ist, als seine kettenrauchenden Helden. Das ist natürlich Kalkül und sorgt für eine angenehme Verwirrung beim Leser. Aus kopfschüttelndem Unverständnis sowie Ekel und Ablehnung beim Lesen entsteht so etwas wie Mitleid, Sorge und Sympathie für den Autor. Total strange.

5. Weil Serotonin ein richtig guter Roman ist.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art. Für mich schon jetzt der beste Roman des Jahres.

 

Du solltest ihn nicht lesen,

1. … wenn dich die obigen 5 Punkte nicht überzeugt haben.

2. … wenn du militanter Nichtraucher bist.

3. … wenn du Spaß daran hast, öffentlich zu bekunden, dass du nicht jeden Hype mitmachst.

4. …wenn du meinst, die spinnen sowieso alle, die Franzosen

5. … wenn du die 24 Euro für das Buch sparen willst, um dir stattdessen den neuen Roman von Takis Würger zu kaufen.

________

Foto: Gabriele Luger

Literarische Helden (3) – Michel Houellebecq

6

 

Er ist einer meiner ganz großen literarischen Helden. Trotzdem kann ich mir nie merken, wie sein Nachname geschrieben wird. Muss immer wieder nachschauen. Und beim nächsten Mal mach ich es wieder falsch. Dieses „cq“ am Ende will mir nicht in den Schädel. Aber warum sollte dieser Mensch auch einen einfachen Namen haben? Wo doch so gar nichts an ihm glatt und wohlgefällig ist. Weder innerlich noch äußerlich. Die neuesten Aufnahmen, die ihn bei der Vorstellung seines neuen Romans zeigen, machen mir Angst. Krank und verwahrlost sieht er aus. „Ich bin dabei zu krepieren“ sagt er über sich in einem ZEIT-Interview. Er hat sich scheinbar aufgegeben. Die ungeliebten Eltern endlich tot, der geliebte Hund aber leider auch. Nun ist scheinbar nichts mehr da, was sich noch zu hassen oder lieben lohnt.

Sich selbst zu lieben, hat er nie gelernt. Ein glücklicher, selbstzufriedener Autor von zahlreichen Weltbestsellern, der mit einem charmanten Lächeln auf sein vielfach ausgezeichnetes Lebenswerk blickt – bei ihm leider unvorstellbar.

Das ist gut für uns Leser – denn ohne das Wechselspiel von Egozentrik und Selbstüberschätzung, Frustration und Selbsthass würde es den Autor Michel Houellebecq nicht geben. Das Werk lebt von seinen psychischen Problemen. Den Menschen Houellebecq wird das aber in absehbarer Zeit ins Grab bringen. Aber als Autor ist er schon jetzt unsterblich.

Dabei hat er gar nicht so viel geschrieben. Mit dem neuen Buch „Unterwerfung“ sind das gerade mal sechs Romane. Und jeder einzelne davon ein Skandal. Indignez-vous – empört Euch – in Frankreich ist das bei jeder Houellebecq’schen Buchpremiere zur schönen Gewohnheit geworden. Er gilt als Rassist, Frauenhasser, Reaktionär oder auch als perverser Triebtäter und Sektenfreund. Das bringt es so mit sich, wenn man als Ich-Erzähler schreibt und einige seiner Figuren auch noch Michel nennt. Da wird dann nicht mehr unterschieden zwischen dem Protagonisten und dem Autor.

Bildschirmfoto 2015-01-15 um 22.49.55

Natürlich hat er das gewollt. Natürlich war das immer auch Kalkül. Ich will nicht wissen, wie viele Autoren versucht haben, das nachzuahmen. Ein kleiner Skandal und schon gehen die Verkaufszahlen durch die Decke. Aber das muss man erst mal schaffen, in einer Zeit, wo niemanden auch nur irgendetwas noch überrascht, geschweige denn empört. Houellebecq hat es immer wieder geschafft und damit ausgesorgt. Was könnte er mit dem ganzen verdienten Geld für ein wunderbares Leben führen. Wenn er es sich denn selbst gönnen würde. Tut er aber nicht. Und so wird Houellebecq als tragische Gestalt schon bald verschwinden, in seinen Werken aber weiterleben. Als trauriger Mann mit Zigarette.

(Heute erscheint sein neuer Roman „Unterwerfung“ bei Dumont)

Der Autor ist interessanter als sein Buch

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet

Kann man Michel Houellebecq vorurteilsfrei begegnen? Sicherlich nicht, nach all dem, was in den vergangenen zehn Jahren von ihm und über ihn zu lesen war. Dieser Autor polarisiert. Und genau das macht seinen Erfolg aus. Auch das neueste Werk ist in erster Linie der neue Roman des Autors von „Elementarteilchen“ und dann erst eine Geschichte über den französischen Kulturbetrieb mit kriminalistischem Showdown. Hätte irgendein anderer Autorenname auf dem Buchdeckel gestanden, ich hätte das Machwerk nach ca. 100 Seiten weggelegt. Was soll der Quatsch?

Aber weil es Houellebecq ist, kann das nicht das naive Geschreibsel eines kulturinteressierten Krimiautoren sein. Wer den Autor von „Plattform“ kennt, ahnt dass „Karte und Gebiet“ nur eine bissige Satire auf den Kunstmarkt und die Kunstschaffenden sein kann. Aber das macht die Geschichte auch nicht gerade besser. Auch der zweite Teil, in dem der Tod des Autors himself und die verzweifelte Suche nach dem Mörder für etwas mehr Unterhaltung sorgt, kann nicht wirklich überzeugen. Das ist alles lahm, Stieg Larsson oder Simon Beckett hätten das besser hinbekommen. Interessant ist auch hier lediglich wieder die Figur des Autors hinter der Figur des Autors. Warum schreibt er das? Warum stellt er sich sein Ende so vor und lässt uns daran teilhaben? Ist das der letzte verzweifelte Versuch, noch ein Tabu zu brechen. Das letzte Tabu, das da vielleicht heißt: Du sollst dich nicht selbst öffentlich abmetzeln?

Trotz des frischen grünen Einbandes strahlt dieses Buch eine unglaubliche Müdigkeit aus. Selten bin ich auch beim Lesen so häufig eingenickt. So desillusioniert wie Houellebecq scheinbar durchs Leben geht, so matt und antriebslos schlürfen auch seine Protagonisten durch die Geschichte. Alle Tabus sind gebrochen. Der Zorn ist verflogen. Liebe kommt und geht. Hoffnung wird vertagt.

Am Ende stellt man sich als Leser die Frage: Was bleibt?
Houellebecq würde sagen: Nichts!

Gelesen: April 2011