Was vom Lesen übrig bleibt

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…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

Bitte schenkt mir keine Bücher!

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Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.

Emmanuelle Pirotte – Heute leben wir

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Es gibt definitiv zu viele Bücher auf dem Markt. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass ein Juwel wie dieses hier, eine ergreifende und gekonnt erzählte Geschichte mit einem echten USP, so überhaupt nicht beachtet wird. In meiner durchaus literaturaffinen Filterblase findet dieser Roman nicht statt. Und da das Buch bereits aus dem Frühjahr ist und jetzt schon wieder auf das Herbstprogramm geschaut wird, wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Das Ding ist durch, hat nicht gezündet, weiß der Geier warum.

Vielleicht, weil alle damit beschäftigt waren, die Lesezeit fressenden Tausendseiter von Hanya Yanagihara und Paul Auster zu lesen – die definitiven Must-Reads der Saison. Vielleicht aber auch, weil der Verlag mit dem Cover und einem an Dale Carnegie und Nicolas Sparks erinnernden Allerwelts-Titel mal wieder voll daneben gegriffen hat. Die Aufmachung, die Mainstream-Unterhaltung für die weibliche Zielgruppe verspricht, hat mich natürlich überhaupt nicht angesprochen. Und wenn der Verlag mir das Buch nicht als Leseexemplar einfach ungefragt zugeschickt hätte, wäre es auch an mir komplett vorbei gegangen.

Aber hässliche Schutzumschläge kann man ja abmachen und sich so auf das konzentrieren, was ein Buch wirklich ausmacht: den Inhalt. Und hier hat der Debütroman der Belgierin Emmanuelle Pirotte jede Menge zu bieten. Es gehört schon was dazu, wenn man mit einer Geschichte über die Judenverfolgung durch die Nazis heutzutage noch einen literarischen Blumentopf gewinnen will. Das Thema ist eigentlich zur Genüge auserzählt, sollte man meinen. Und doch hat es Pirotte geschafft, hier noch einmal eine ganz andere Sicht auf die vielen sich ähnelnden Familientragödien und Kriegsschicksale aufzuzeigen.

Erzählt wird die Geschichte des kleinen jüdischen Mädchens Renée, die ihre Eltern durch den Naziterror verloren hat und bei einer belgischen Gastfamilie untergekommen ist. Die Alliierten sind auf dem Vormarsch und ein Ende des Krieges absehbar. Aber noch sind die Deutschen überall – verwundet und daher umso gefährlicher. Auf der Flucht gerät Renée in die Fänge von zwei SS-Elitesoldaten, die sich als Amerikaner getarnt haben. Sie wird in den Wald geführt und soll erschossen werden. Doch im letzten Moment dreht sie sich um und sieht dem Soldaten, der die Waffe auf sie richtet, in die Augen. Und der erschießt dann nicht sie, sondern seinen Kameraden und nimmt das Mädchen mit auf die Flucht durch die Ardennen. Sie verstecken sich in einer Berghütte, und es entwickelt sich eine an das Stockholm-Syndrom erinnernde Zuneigung zwischen der kleinen Jüdin und dem SS-Schergen.

Eigentlich ist die Geschichte so kitschig und unglaubwürdig wie nur irgendwas und passt prinzipiell voll zum Cover des Buches. Aber uneigentlich habe ich das beim Lesen überhaupt nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil. An keiner Stelle habe ich auch nur ansatzweise mit den Augen gerollt oder mit dem Kopf geschüttelt. Das unschuldige Lamm und der böse Wolf – so eine Geschichte muss man erstmal erzählen, ohne altbekannte Klischees zu bedienen oder sich in Übertreibungen zu verlieren. Ich habe der Autorin von der ersten bis zu letzten Seite alles abgenommen. Weil die Protagonisten authentisch sind und die Sprache schnörkellos und treffend. Weil sie sich – und das ist der USP – nicht in gängigen Rollenbildern verliert, sondern unsere Vorstellungen von Gut und Böse gehörig durcheinander wirbelt. So sehr, dass man tatsächlich am Ende auf Seiten des skrupellos tötenden SS-Offiziers Matthias steht, der reihenweise Freund und Feind die Kehle durchschneidet, nur um mit dem kleinen Judenmädchen zusammen zu sein.

„Heute leben wir“ ist eine gekonnt erzählte, herrlich spannende und bewegende Geschichte, die mich ein wenig an Ralf Rothmanns letzten Roman „Im Frühling sterben“ erinnert hat. Diese Zeit, wenn der Krieg eigentlich schon entschieden ist, es um nichts mehr geht und trotzdem immer noch gestorben wird. Pirotte hat die Sinnlosigkeit des Sinnlosen, diese Stimmung zwischen Hoffen und Bangen, Krieg und Frieden wunderbar eingefangen. In Frankreich hat dieser Roman hohe Wellen geschlagen. Vielleicht bekommt hierzulande das Buch ja doch noch die verdiente Aufmerksamkeit, wenn demnächst der Film dazu in die Kinos kommt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
287 Seiten, 20,00 €
Übersetzung: Grete Osterwald

Stephan Lohse – Ein fauler Gott

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Was versprechen sich Menschen eigentlich davon, ein Buch zu schreiben? Ich mein, da steckt ja richtig viel Arbeit drin. Ganz besonders, wenn man das noch neben dem eigentlichen Beruf machen will. Abends, am Wochenende, im Urlaub – immer einsam und allein auf den Laptop einhackend, statt gemütlich in geselliger Runde zu entspannen. Stephan Lohse ist Schauspieler. Ich würde sagen, gar nicht mal so unerfolgreich. Es kommt mir vor, als hätte ich das Gesicht schon mal irgendwo im Fernsehen gesehen. Jetzt ist er 53 und hat seinen ersten Roman geschrieben. Und ich frage mich: Warum?

Wenn man wirklich etwas zu erzählen hat – irgendetwas Originelles, bisher noch nicht Dagewesenes, meinetwegen auch Witziges – wenn man seit Jahren schon mit der ultimativen Idee für einen Roman schwanger geht oder aber wirklich gut schreiben kann, einen eigenen, ganz besonderen Erzählstil hat, dann, ja dann kann ich verstehen, dass man unbedingt einen Roman schreiben will. Weshalb Stephan Lohse das getan hat, verstehe ich nicht.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Roman jetzt grottenschlecht ist, die Geschichte überhaupt nicht erzählenswert und sprachlich komplett daneben. Aber leider ist „Der faule Gott“ auch nicht richtig gut oder besonders bemerkenswert. Eben nur ganz ok; literarische Durchschnittsware, kann man lesen, muss man aber nicht. Manchmal klappt das ja, dass einer aus dem angrenzenden Kulturbetrieb, Schauspiel oder Musik, einen literarischen Erfolg landet. Joachim Meyerhoff oder Thees Uhlmann ist dies gelungen. Vielen anderen aber nicht. Und ich schätze, Stephan Lohse gehört zu der zweiten Gruppe.

Meinetwegen soll es jeder mal als Romanautor versuchen. Und vielleicht kommt ja noch ein Maxim Biller vorbei und behauptet wieder im Fernsehen, sein ganzes Leben auf ein Buch wie dieses gewartet zu haben. Möglich ist alles. In Stephan Lohses Vita steht jedenfalls jetzt: „Schauspieler und Schriftsteller“. Dafür hat sich der ganze Schreibaufwand schon wieder gelohnt. So ein Allround-Künstler lässt sich immer gut vermarkten. Mich ärgert aber, dass solche Kulturbetriebs-Typen mit ihren literarischen Ego- und Selbstverwirklichungs-Projekten den wirklich talentierten Autoren die Programmplätze wegnehmen.

Das große Potenzial dieser Kindheits-Retrospektiven ist ja, dass die jeweils angesprochene Generation in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen kann. Die 70er-Jahre-Motto-Party als Buch. Rudi Carrell und Hans Joachim Kulenkampff, Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Das Bonanza-Rad, Status Quo und Mal Sondocks Hitparade. Ich bin genau diese Generation, gerade mal ein Jahr jünger als der Autor und prinzipiell sehr empfänglich für solche Throwback-Momente. Ich hatte mich sogar sehr darauf gefreut, beim Lesen mal wieder in Erinnerungen zu schwelgen: in dieser alten, nur in der Erinnerung unbeschwerten Zeit; vor dem ersten Computer und dem Internet.

Lohse baut genau auf diesen Effekt, integriert all die kohärenzstiftenden Dinge, die jedes Kind der Siebziger nie vergessen wird. Clementine und ihr Ariel (wäscht nicht nur sauber, sondern rein), Olympia 1972 zum ersten Mal im Farbfernsehen, die Familie Leroc aus dem Französisch-Buch, der Opel-Rekord und die drei 3-Gang-Sachs-Schaltung. Natürlich kenne ich das alles noch und denke gerne dran zurück. Aber im Rahmen dieses Romans hat es mich einfach nur gelangweilt. Zu vorhersehbar, zu konstruiert, nicht schlüssig, nicht stimmig, nicht gut.

Und dann die eigentliche Handlung – der achtjährige Jonas stirbt plötzlich und lässt Mutter und Bruder in Trauer zurück. Na klar ist das ein Trauma, na klar kann man darüber ein Buch schreiben und erzählen, wie dieser Verlust das Leben der beiden Verbliebenen in der Familie verändert hat. Aber irgendwie hat auch das mich emotional nicht erreicht. Dass der 12-Jährige Ben psychisch auffällig wird, auf einmal komisch geht und summt, ist ja gar nicht so abwegig. Kann alles passieren, wenn plötzlich die schöne heile Familienwelt zusammenbricht. Aber ich lese das, fange an zu Gähnen und blättere drei Seiten vor.

Es ist alles irgendwie nicht stimmig in diesem Buch. Auch sprachlich misslingt Lohse der Wechsel zwischen den beiden Protagonisten, dem 12-Jährigen Ben und seiner Mutter Ruth, zwischen der kindlichen und der erwachsenen Verzweiflung. Vielleicht hätte er die Geschichte statt mit einer neutralen Erzählstimme besser aus wechselnden Ich-Perspektiven geschildert. Vielleicht hat er das auch zunächst gemacht, dann aber auf Empfehlung seines Lektorats noch einmal umgeschrieben. Wer weiß.

Für mich ist das alles nichts Halbes und nichts Ganzes. Der faule Gott nichts weiter als ein fauler Kompromiss. Eine Geschichte, die nicht zündet und ein Autor, der nicht überzeugt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
330 Seiten, 22,00

 

 

Svenja Gräfen – Das Rauschen in unseren Köpfen

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Wer noch nie geliebt hat – und zwar so richtig, so dass es weh tut; diese eine Liebe, von der man später sagen wird, das war die Liebe meines Lebens – wer so etwas noch nie erlebt hat, wer immer nur Beziehungen hatte, die ok waren, in denen man sich eine Zeitlang gut verstanden und vielleicht sogar geliebt hat, dann aber irgendwann nicht mehr, weil das nunmal der Lauf der Dinge ist – für den also Liebe und Leid nicht untrennbar miteinander verbunden sind, nicht zwei Seiten einer Medaille – der wird mit diesem Buch nichts anfangen können.

Der wird mit den Augen rollen, das alles unglaubwürdig und aufgesetzt finden. Der wird denken, dass sich die Protagonisten aus Svenja Gräfens Debütroman mal nicht so anstellen und nicht jeden beiläufigen Blick und Unterton auf die Goldwaage legen sollen, dass jede Partnerschaft Freiräume braucht, man gar nicht immer alles von dem Anderen zu wissen braucht. Wer also die symbiotische Liebe, dieses Nicht-Miteinander- und Nicht-Ohneeinander-Können nicht schon mal am eigenen Leib erlebt hat, wird wahrscheinlich auch die Qualität dieses Romans gar nicht erkennen.

So zumindest meine Vermutung. Aber vielleicht liege ich auch falsch und es ist genau anders herum, und man blickt fasziniert auf das, was man nicht kennt. Ist ja auch egal. Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber, was andere bei der Lektüre dieses Romans empfinden könnten und erzähle nicht einfach, wie es mir selbst beim Lesen von „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ergangen ist? Wie ich schon auf den ersten Seiten gemerkt habe, dass ich ein ganz besonderes Buch in den Händen halte; wieder so ein sprachliches Juwel, das man eigentlich vom Anfang bis zum Ende laut lesen möchte. Mit wunderschönen Sätzen – manchmal lang und verschachtelt, manchmal kurz und knapp – immer in der richtigen Taktung für das, was da gerade beschrieben wird.

Aber worum geht es eigentlich? Svenja Gräfen erzählt die Liebesgeschichte von Lene und Hendrik, beide Anfang/Mitte Zwanzig, die sich zufällig in der U-Bahn über den Weg laufen. Nach einem gemeinsam verbrachten Nachmittag ist ihnen sofort klar: Das ist die große Liebe. Vom ersten Tag an geht es bereits nicht mehr ohne den anderen. Im Englischen heißt es: „Falling in Love“. Und genau das ist, was Lene tut. Sie fällt aus ihrem bisherigen Leben, hinein in diese neue Liebe und verliert sich dabei in einer bodenlosen Tiefe, die Hendrik mit in die Beziehung gebracht hat.

Lene gefällt Hendriks Schwermut, sein tiefer wissender Blick, seine zurückhaltende und schweigsame Art. Sie ahnt nicht, dass es mehr ist als nur ein Charakterzug, dass man so wird, wenn der depressive Vater monatelang das Bett nicht verlässt, um dann irgendwann aufzustehen, sich Anzug und Krawatte anzuziehen und mit dem Auto gegen einen Betonpfeiler zu fahren. Lene wusste auch nicht, dass Hendrik so etwas wie mit ihr schon mal erlebt hat. Die Erkenntnis ist zwar der absolute Romantikkiller, aber es ist leider so: Manchmal begegnet einem die Liebe des Lebens auch zum zweiten Mal.

Hendrik war vor Lene bereits mit Klara zusammen, seiner ersten großen Liebe. Und wenn die Krankheit des Vaters nicht schon genug Leid über Hendrik gebracht hätte, so eliminierten Klaras depressive Schübe das letzte Bisschen von Hendriks Unbeschwertheit. Hendrik stand Klara bei, begleitete sie mit seiner Liebe durch ihre dunklen Tage. Und als es ihr schließlich wieder besser ging, verließ sie ihn. Er zog von Hamburg nach Berlin, traf dort Lene in der U-Bahn, und die zweite große Liebe nahm ihren Lauf.

Doch natürlich kann so etwas nicht gut gehen. Manche Menschen können gar nicht anders als mit diesem Absolutheitsanspruch zu lieben. Immer wieder ganz oder gar nicht. Hendrik scheint so ein Mensch zu sein. Und dazu gehört auch, dass so eine Liebe, auch wenn sie offiziell vorbei ist, niemals so ganz erlischt. Klara meldet sich wieder, signalisiert, dass es ihr nicht gut geht; Hendrik weiß nicht mehr weiter, und es passiert, was passieren muss. Die Liebe des Lebens zerbricht, weil es eben doch nur eine geben kann.

Svenja Gräfen ist erst 27 Jahre alt. Ich bin schwer beeindruckt, wie man in so jungen Jahren, schon ein so reifes Werk vorlegen kann. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis mit jeder Menge Gänsehautmomenten und das ideale Buch für Sprachverliebte, Großstadt-Melancholiker und natürlich für alle Liebenden.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Ullstein Fünf
236 Siten, 16,00 €

Jan Schomburg – Das Licht und die Geräusche

2

So verläuft ein typisches Gespräch, wenn Menschen aus meinem Umfeld hören, dass ich Buchblogger bin:

< Dann kennst du dich wahrscheinlich ganz gut aus mit Büchern.
> Ja, geht so.
< Wie findest du denn Nele Neuhaus?
> Kenn ich nicht.
< Ach, aber doch sicher Jussi Adler-Olsen?
< Nur vom Namen her.
> Hmm… und Bernhard Hennen, der kommt sogar auch aus Krefeld.
< Nie gehört.

Peinliches Schweigen. Klar, was der andere denkt: Was ist das denn für ein Buchblogger? Der kennt ja gar nichts.

Die Autorennamen wechseln, aber das Ergebnis bleibt immer gleich. Mit anderen komme ich selten zusammen, jedenfalls nicht in Sachen Bücher. Denn jeder liest für sich in seiner Blase. Und davon gibt es Tausende. Für jeden Lesetyp die entsprechende Lektüre. Das unterhaltsame Sachbuch für Männer ab Mitte Vierzig, Eskapismus-Dramen für unglückliche Ehefrauen, Fantasy-Träumereien für young adults, Krimis für die Oma, Historienschinken für den Opa.

Aber warum schreibe ich das hier, wo doch eigentlich etwas über Jan Schomburgs Debütroman ‚Das Licht und die Geräusche‘ stehen sollte? Warum? Weil mir all diese Gedanken gerade durch den Kopf gehen. Weil ich mich frage, was ich da eigentlich gerade gelesen habe, in welche Schublade ich dieses Buch stecken soll. Was will mir der Autor damit sagen, und warum erzählt er diese Geschichte? Was treibt ihn an, sich hinzusetzen und Seite für Seite in ein 18/19-jähriges Mädchen hineinzuversetzen?

Schomburg erzählt die Geschichte von Jugendlichen, die zur Schule gehen, abends Party machen, auf Klassenfahrt nach Barcelona fahren, andere Schüler mobben, sich verlieben und das Leben infrage stellen, bevor es überhaupt angefangen hat. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman also – mit einer jugendlichen Erzählstimme; mit ein paar interessanten Zeitsprüngen und ein wenig Drama und Erotik. Ein literarisches Erfolgsrezept, eine todsichere Sache, funktioniert fast immer und könnte mit einem bisschen Glück sogar durch die Decke gehen.

Aber bei mir funktioniert das nur, wenn da noch ein wenig mehr passiert: eine andere Ebene, Platz für Assoziationen, Bezüge, sprachliche Feinheiten — irgendwas in der Art. Stattdessen lauscht man diesem typischen Jungmädchenton, der immer irgendwas Wütendes und Vorwurfsvolles an sich hat. Sehr direkt und auf den Punkt, dann wieder ausschweifend und sich in kruden Theorien verlierend; am Ende irgendwie trotzig und fast schon naiv. Zunächst fand ich das ganz reizvoll, aber irgendwann nicht mehr. Dann fehlte mir auf einmal alles.

Wäre ich Buchhändler, ich würde diesen Roman Jugendlichen ab 17 Jahren empfehlen. Ich habe bis dato zwar noch nie eines dieser Young-Adult-Bücher gelesen, das hier scheint aber eins zu sein. Und damit ist auch klar, warum ich damit so gar nichts anfangen konnte. Ich hab die Geschichte trotzdem bis zum Schluss durchgehalten. Es wurde zwar nicht mehr viel besser, aber es war auch nicht unerträglich schlecht. Eigentlich so, wie ich mir unbekannterweise einen Roman von Nele Neuhaus oder Jussi Adler-Olsen vorstelle. Unterhaltsam und bestimmt auch spannend, aber eben nur eine Geschichte und keine Literatur (für mich).

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: dtv
256 Seiten, 20,00

Charles Lewinsky – Kastelau

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Wie soll ich anfangen? Was nach vorne stellen? Am besten gar nicht lange überlegen, sondern sagen wie es ist. Kastelau ist ein wunderbarer Roman, meine Entdeckung des Jahres, eine Top-Empfehlung für jeden Literaturfreund.

Innerhalb von drei Tagen habe ich das Buch ausgelesen. Gestern habe ich es ins Regal gestellt und gedacht: was für eine Wohltat! Endlich mal wieder ein Buch mit Anspruch, das flüssig und angenehm zu lesen ist. Kein Handlungs-Tohuwabohu, keine sprachlichen Experimente. Hier bemüht sich ein Autor nicht um einen irgendwie gearteten literarischen Anspruch, hier bemüht sich der Autor um seine Leser. Lewinsky will einem nicht beweisen, wie gut er schreiben kann, er will eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die gar nicht mal so einfach ist – mit unzähligen Charakteren, unterschiedlichsten Schauplätzen und Zeitsprüngen von über 70 Jahren. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen auch noch zig verschiedene Stilformen hinzu, die alle paar Seiten wechseln. Die Geschichte schlängelt sich durch ein Manuskript, das eigentlich eine Dissertation ist, durch ein Interview, Tagebuchnotizen, Wikipedia-Einträge, Fragebögen, Drehbücher, Briefe und Presseberichte.

Beste Voraussetzungen eigentlich, um ein literarisches Ungetüm zu erschaffen, das den Leser an seine Grenzen führt, von der Kritik als Jahrhundertroman gelobt wird und allgemein als unlesbar gilt. Ein neuer Ulysses, ein neuer David Foster Wallace. Doch das ist nicht Lewinskys Anspruch. Er hat zu jedem Zeitpunkt den Leser seiner Geschichte im Auge und will ihn nicht verlieren. Jeder der zahlreichen Ort- und Zeitsprünge, jede neue Stilform macht Sinn. Man hat das Gefühl, das musste jetzt so kommen, ist dramaturgisch folgerichtig und logisch. Kaum stellt sich eine Frage, bietet Lewinsky schon im nächsten Kapitel die passende Antwort. Das ist Covenience-Reading im besten Sinne.

Mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit führt Lewinksy uns von Berlin in die USA, vom zweiten Weltkrieg in die Achtziger Jahre, von einem Drehbuch zu einer Dissertation. Und das alles, ohne dass der Erzählstrang abreißt, der Spannungsbogen bricht oder der Leser ihm entgleitet. Ich würde gerne jedem jungen Autor Kastelau als Lehrbuch empfehlen. Damit man mal sieht, wie das geht, mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven.

Und jetzt bin ich bei aller Begeisterung mal wieder mit keinem Wort auf die Handlung dieses Romans eingegangen. Das sei ganz kurz noch erwähnt. Auch hier lässt Lewinsky sich nicht lumpen und bietet dem Leser ein ganzes Füllhorn menschlicher Tragödien. Es geht um Eitelkeit und Ehrlichkeit, Sieg und Niederlage und gescheiterte Lebensentwürfe.

Fazit: ein toller Roman, ein wunderbarer Lesegenuss und ein Autor, der im Gegensatz zu seinen Romanhelden nicht an seinen Ansprüchen gescheitert ist.

Fotos: Gabriele Luger