Was vom Lesen übrig bleibt

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…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

Bitte schenkt mir keine Bücher!

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Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.

Emmanuelle Pirotte – Heute leben wir

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Es gibt definitiv zu viele Bücher auf dem Markt. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass ein Juwel wie dieses hier, eine ergreifende und gekonnt erzählte Geschichte mit einem echten USP, so überhaupt nicht beachtet wird. In meiner durchaus literaturaffinen Filterblase findet dieser Roman nicht statt. Und da das Buch bereits aus dem Frühjahr ist und jetzt schon wieder auf das Herbstprogramm geschaut wird, wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Das Ding ist durch, hat nicht gezündet, weiß der Geier warum.

Vielleicht, weil alle damit beschäftigt waren, die Lesezeit fressenden Tausendseiter von Hanya Yanagihara und Paul Auster zu lesen – die definitiven Must-Reads der Saison. Vielleicht aber auch, weil der Verlag mit dem Cover und einem an Dale Carnegie und Nicolas Sparks erinnernden Allerwelts-Titel mal wieder voll daneben gegriffen hat. Die Aufmachung, die Mainstream-Unterhaltung für die weibliche Zielgruppe verspricht, hat mich natürlich überhaupt nicht angesprochen. Und wenn der Verlag mir das Buch nicht als Leseexemplar einfach ungefragt zugeschickt hätte, wäre es auch an mir komplett vorbei gegangen.

Aber hässliche Schutzumschläge kann man ja abmachen und sich so auf das konzentrieren, was ein Buch wirklich ausmacht: den Inhalt. Und hier hat der Debütroman der Belgierin Emmanuelle Pirotte jede Menge zu bieten. Es gehört schon was dazu, wenn man mit einer Geschichte über die Judenverfolgung durch die Nazis heutzutage noch einen literarischen Blumentopf gewinnen will. Das Thema ist eigentlich zur Genüge auserzählt, sollte man meinen. Und doch hat es Pirotte geschafft, hier noch einmal eine ganz andere Sicht auf die vielen sich ähnelnden Familientragödien und Kriegsschicksale aufzuzeigen.

Erzählt wird die Geschichte des kleinen jüdischen Mädchens Renée, die ihre Eltern durch den Naziterror verloren hat und bei einer belgischen Gastfamilie untergekommen ist. Die Alliierten sind auf dem Vormarsch und ein Ende des Krieges absehbar. Aber noch sind die Deutschen überall – verwundet und daher umso gefährlicher. Auf der Flucht gerät Renée in die Fänge von zwei SS-Elitesoldaten, die sich als Amerikaner getarnt haben. Sie wird in den Wald geführt und soll erschossen werden. Doch im letzten Moment dreht sie sich um und sieht dem Soldaten, der die Waffe auf sie richtet, in die Augen. Und der erschießt dann nicht sie, sondern seinen Kameraden und nimmt das Mädchen mit auf die Flucht durch die Ardennen. Sie verstecken sich in einer Berghütte, und es entwickelt sich eine an das Stockholm-Syndrom erinnernde Zuneigung zwischen der kleinen Jüdin und dem SS-Schergen.

Eigentlich ist die Geschichte so kitschig und unglaubwürdig wie nur irgendwas und passt prinzipiell voll zum Cover des Buches. Aber uneigentlich habe ich das beim Lesen überhaupt nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil. An keiner Stelle habe ich auch nur ansatzweise mit den Augen gerollt oder mit dem Kopf geschüttelt. Das unschuldige Lamm und der böse Wolf – so eine Geschichte muss man erstmal erzählen, ohne altbekannte Klischees zu bedienen oder sich in Übertreibungen zu verlieren. Ich habe der Autorin von der ersten bis zu letzten Seite alles abgenommen. Weil die Protagonisten authentisch sind und die Sprache schnörkellos und treffend. Weil sie sich – und das ist der USP – nicht in gängigen Rollenbildern verliert, sondern unsere Vorstellungen von Gut und Böse gehörig durcheinander wirbelt. So sehr, dass man tatsächlich am Ende auf Seiten des skrupellos tötenden SS-Offiziers Matthias steht, der reihenweise Freund und Feind die Kehle durchschneidet, nur um mit dem kleinen Judenmädchen zusammen zu sein.

„Heute leben wir“ ist eine gekonnt erzählte, herrlich spannende und bewegende Geschichte, die mich ein wenig an Ralf Rothmanns letzten Roman „Im Frühling sterben“ erinnert hat. Diese Zeit, wenn der Krieg eigentlich schon entschieden ist, es um nichts mehr geht und trotzdem immer noch gestorben wird. Pirotte hat die Sinnlosigkeit des Sinnlosen, diese Stimmung zwischen Hoffen und Bangen, Krieg und Frieden wunderbar eingefangen. In Frankreich hat dieser Roman hohe Wellen geschlagen. Vielleicht bekommt hierzulande das Buch ja doch noch die verdiente Aufmerksamkeit, wenn demnächst der Film dazu in die Kinos kommt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
287 Seiten, 20,00 €
Übersetzung: Grete Osterwald

Stephan Lohse – Ein fauler Gott

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Was versprechen sich Menschen eigentlich davon, ein Buch zu schreiben? Ich mein, da steckt ja richtig viel Arbeit drin. Ganz besonders, wenn man das noch neben dem eigentlichen Beruf machen will. Abends, am Wochenende, im Urlaub – immer einsam und allein auf den Laptop einhackend, statt gemütlich in geselliger Runde zu entspannen. Stephan Lohse ist Schauspieler. Ich würde sagen, gar nicht mal so unerfolgreich. Es kommt mir vor, als hätte ich das Gesicht schon mal irgendwo im Fernsehen gesehen. Jetzt ist er 53 und hat seinen ersten Roman geschrieben. Und ich frage mich: Warum?

Wenn man wirklich etwas zu erzählen hat – irgendetwas Originelles, bisher noch nicht Dagewesenes, meinetwegen auch Witziges – wenn man seit Jahren schon mit der ultimativen Idee für einen Roman schwanger geht oder aber wirklich gut schreiben kann, einen eigenen, ganz besonderen Erzählstil hat, dann, ja dann kann ich verstehen, dass man unbedingt einen Roman schreiben will. Weshalb Stephan Lohse das getan hat, verstehe ich nicht.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Roman jetzt grottenschlecht ist, die Geschichte überhaupt nicht erzählenswert und sprachlich komplett daneben. Aber leider ist „Der faule Gott“ auch nicht richtig gut oder besonders bemerkenswert. Eben nur ganz ok; literarische Durchschnittsware, kann man lesen, muss man aber nicht. Manchmal klappt das ja, dass einer aus dem angrenzenden Kulturbetrieb, Schauspiel oder Musik, einen literarischen Erfolg landet. Joachim Meyerhoff oder Thees Uhlmann ist dies gelungen. Vielen anderen aber nicht. Und ich schätze, Stephan Lohse gehört zu der zweiten Gruppe.

Meinetwegen soll es jeder mal als Romanautor versuchen. Und vielleicht kommt ja noch ein Maxim Biller vorbei und behauptet wieder im Fernsehen, sein ganzes Leben auf ein Buch wie dieses gewartet zu haben. Möglich ist alles. In Stephan Lohses Vita steht jedenfalls jetzt: „Schauspieler und Schriftsteller“. Dafür hat sich der ganze Schreibaufwand schon wieder gelohnt. So ein Allround-Künstler lässt sich immer gut vermarkten. Mich ärgert aber, dass solche Kulturbetriebs-Typen mit ihren literarischen Ego- und Selbstverwirklichungs-Projekten den wirklich talentierten Autoren die Programmplätze wegnehmen.

Das große Potenzial dieser Kindheits-Retrospektiven ist ja, dass die jeweils angesprochene Generation in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen kann. Die 70er-Jahre-Motto-Party als Buch. Rudi Carrell und Hans Joachim Kulenkampff, Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Das Bonanza-Rad, Status Quo und Mal Sondocks Hitparade. Ich bin genau diese Generation, gerade mal ein Jahr jünger als der Autor und prinzipiell sehr empfänglich für solche Throwback-Momente. Ich hatte mich sogar sehr darauf gefreut, beim Lesen mal wieder in Erinnerungen zu schwelgen: in dieser alten, nur in der Erinnerung unbeschwerten Zeit; vor dem ersten Computer und dem Internet.

Lohse baut genau auf diesen Effekt, integriert all die kohärenzstiftenden Dinge, die jedes Kind der Siebziger nie vergessen wird. Clementine und ihr Ariel (wäscht nicht nur sauber, sondern rein), Olympia 1972 zum ersten Mal im Farbfernsehen, die Familie Leroc aus dem Französisch-Buch, der Opel-Rekord und die drei 3-Gang-Sachs-Schaltung. Natürlich kenne ich das alles noch und denke gerne dran zurück. Aber im Rahmen dieses Romans hat es mich einfach nur gelangweilt. Zu vorhersehbar, zu konstruiert, nicht schlüssig, nicht stimmig, nicht gut.

Und dann die eigentliche Handlung – der achtjährige Jonas stirbt plötzlich und lässt Mutter und Bruder in Trauer zurück. Na klar ist das ein Trauma, na klar kann man darüber ein Buch schreiben und erzählen, wie dieser Verlust das Leben der beiden Verbliebenen in der Familie verändert hat. Aber irgendwie hat auch das mich emotional nicht erreicht. Dass der 12-Jährige Ben psychisch auffällig wird, auf einmal komisch geht und summt, ist ja gar nicht so abwegig. Kann alles passieren, wenn plötzlich die schöne heile Familienwelt zusammenbricht. Aber ich lese das, fange an zu Gähnen und blättere drei Seiten vor.

Es ist alles irgendwie nicht stimmig in diesem Buch. Auch sprachlich misslingt Lohse der Wechsel zwischen den beiden Protagonisten, dem 12-Jährigen Ben und seiner Mutter Ruth, zwischen der kindlichen und der erwachsenen Verzweiflung. Vielleicht hätte er die Geschichte statt mit einer neutralen Erzählstimme besser aus wechselnden Ich-Perspektiven geschildert. Vielleicht hat er das auch zunächst gemacht, dann aber auf Empfehlung seines Lektorats noch einmal umgeschrieben. Wer weiß.

Für mich ist das alles nichts Halbes und nichts Ganzes. Der faule Gott nichts weiter als ein fauler Kompromiss. Eine Geschichte, die nicht zündet und ein Autor, der nicht überzeugt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
330 Seiten, 22,00

 

 

Svenja Gräfen – Das Rauschen in unseren Köpfen

5

 

Wer noch nie geliebt hat – und zwar so richtig, so dass es weh tut; diese eine Liebe, von der man später sagen wird, das war die Liebe meines Lebens – wer so etwas noch nie erlebt hat, wer immer nur Beziehungen hatte, die ok waren, in denen man sich eine Zeitlang gut verstanden und vielleicht sogar geliebt hat, dann aber irgendwann nicht mehr, weil das nunmal der Lauf der Dinge ist – für den also Liebe und Leid nicht untrennbar miteinander verbunden sind, nicht zwei Seiten einer Medaille – der wird mit diesem Buch nichts anfangen können.

Der wird mit den Augen rollen, das alles unglaubwürdig und aufgesetzt finden. Der wird denken, dass sich die Protagonisten aus Svenja Gräfens Debütroman mal nicht so anstellen und nicht jeden beiläufigen Blick und Unterton auf die Goldwaage legen sollen, dass jede Partnerschaft Freiräume braucht, man gar nicht immer alles von dem Anderen zu wissen braucht. Wer also die symbiotische Liebe, dieses Nicht-Miteinander- und Nicht-Ohneeinander-Können nicht schon mal am eigenen Leib erlebt hat, wird wahrscheinlich auch die Qualität dieses Romans gar nicht erkennen.

So zumindest meine Vermutung. Aber vielleicht liege ich auch falsch und es ist genau anders herum, und man blickt fasziniert auf das, was man nicht kennt. Ist ja auch egal. Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber, was andere bei der Lektüre dieses Romans empfinden könnten und erzähle nicht einfach, wie es mir selbst beim Lesen von „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ergangen ist? Wie ich schon auf den ersten Seiten gemerkt habe, dass ich ein ganz besonderes Buch in den Händen halte; wieder so ein sprachliches Juwel, das man eigentlich vom Anfang bis zum Ende laut lesen möchte. Mit wunderschönen Sätzen – manchmal lang und verschachtelt, manchmal kurz und knapp – immer in der richtigen Taktung für das, was da gerade beschrieben wird.

Aber worum geht es eigentlich? Svenja Gräfen erzählt die Liebesgeschichte von Lene und Hendrik, beide Anfang/Mitte Zwanzig, die sich zufällig in der U-Bahn über den Weg laufen. Nach einem gemeinsam verbrachten Nachmittag ist ihnen sofort klar: Das ist die große Liebe. Vom ersten Tag an geht es bereits nicht mehr ohne den anderen. Im Englischen heißt es: „Falling in Love“. Und genau das ist, was Lene tut. Sie fällt aus ihrem bisherigen Leben, hinein in diese neue Liebe und verliert sich dabei in einer bodenlosen Tiefe, die Hendrik mit in die Beziehung gebracht hat.

Lene gefällt Hendriks Schwermut, sein tiefer wissender Blick, seine zurückhaltende und schweigsame Art. Sie ahnt nicht, dass es mehr ist als nur ein Charakterzug, dass man so wird, wenn der depressive Vater monatelang das Bett nicht verlässt, um dann irgendwann aufzustehen, sich Anzug und Krawatte anzuziehen und mit dem Auto gegen einen Betonpfeiler zu fahren. Lene wusste auch nicht, dass Hendrik so etwas wie mit ihr schon mal erlebt hat. Die Erkenntnis ist zwar der absolute Romantikkiller, aber es ist leider so: Manchmal begegnet einem die Liebe des Lebens auch zum zweiten Mal.

Hendrik war vor Lene bereits mit Klara zusammen, seiner ersten großen Liebe. Und wenn die Krankheit des Vaters nicht schon genug Leid über Hendrik gebracht hätte, so eliminierten Klaras depressive Schübe das letzte Bisschen von Hendriks Unbeschwertheit. Hendrik stand Klara bei, begleitete sie mit seiner Liebe durch ihre dunklen Tage. Und als es ihr schließlich wieder besser ging, verließ sie ihn. Er zog von Hamburg nach Berlin, traf dort Lene in der U-Bahn, und die zweite große Liebe nahm ihren Lauf.

Doch natürlich kann so etwas nicht gut gehen. Manche Menschen können gar nicht anders als mit diesem Absolutheitsanspruch zu lieben. Immer wieder ganz oder gar nicht. Hendrik scheint so ein Mensch zu sein. Und dazu gehört auch, dass so eine Liebe, auch wenn sie offiziell vorbei ist, niemals so ganz erlischt. Klara meldet sich wieder, signalisiert, dass es ihr nicht gut geht; Hendrik weiß nicht mehr weiter, und es passiert, was passieren muss. Die Liebe des Lebens zerbricht, weil es eben doch nur eine geben kann.

Svenja Gräfen ist erst 27 Jahre alt. Ich bin schwer beeindruckt, wie man in so jungen Jahren, schon ein so reifes Werk vorlegen kann. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis mit jeder Menge Gänsehautmomenten und das ideale Buch für Sprachverliebte, Großstadt-Melancholiker und natürlich für alle Liebenden.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Ullstein Fünf
236 Siten, 16,00 €

Jan Schomburg – Das Licht und die Geräusche

2

So verläuft ein typisches Gespräch, wenn Menschen aus meinem Umfeld hören, dass ich Buchblogger bin:

< Dann kennst du dich wahrscheinlich ganz gut aus mit Büchern.
> Ja, geht so.
< Wie findest du denn Nele Neuhaus?
> Kenn ich nicht.
< Ach, aber doch sicher Jussi Adler-Olsen?
< Nur vom Namen her.
> Hmm… und Bernhard Hennen, der kommt sogar auch aus Krefeld.
< Nie gehört.

Peinliches Schweigen. Klar, was der andere denkt: Was ist das denn für ein Buchblogger? Der kennt ja gar nichts.

Die Autorennamen wechseln, aber das Ergebnis bleibt immer gleich. Mit anderen komme ich selten zusammen, jedenfalls nicht in Sachen Bücher. Denn jeder liest für sich in seiner Blase. Und davon gibt es Tausende. Für jeden Lesetyp die entsprechende Lektüre. Das unterhaltsame Sachbuch für Männer ab Mitte Vierzig, Eskapismus-Dramen für unglückliche Ehefrauen, Fantasy-Träumereien für young adults, Krimis für die Oma, Historienschinken für den Opa.

Aber warum schreibe ich das hier, wo doch eigentlich etwas über Jan Schomburgs Debütroman ‚Das Licht und die Geräusche‘ stehen sollte? Warum? Weil mir all diese Gedanken gerade durch den Kopf gehen. Weil ich mich frage, was ich da eigentlich gerade gelesen habe, in welche Schublade ich dieses Buch stecken soll. Was will mir der Autor damit sagen, und warum erzählt er diese Geschichte? Was treibt ihn an, sich hinzusetzen und Seite für Seite in ein 18/19-jähriges Mädchen hineinzuversetzen?

Schomburg erzählt die Geschichte von Jugendlichen, die zur Schule gehen, abends Party machen, auf Klassenfahrt nach Barcelona fahren, andere Schüler mobben, sich verlieben und das Leben infrage stellen, bevor es überhaupt angefangen hat. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman also – mit einer jugendlichen Erzählstimme; mit ein paar interessanten Zeitsprüngen und ein wenig Drama und Erotik. Ein literarisches Erfolgsrezept, eine todsichere Sache, funktioniert fast immer und könnte mit einem bisschen Glück sogar durch die Decke gehen.

Aber bei mir funktioniert das nur, wenn da noch ein wenig mehr passiert: eine andere Ebene, Platz für Assoziationen, Bezüge, sprachliche Feinheiten — irgendwas in der Art. Stattdessen lauscht man diesem typischen Jungmädchenton, der immer irgendwas Wütendes und Vorwurfsvolles an sich hat. Sehr direkt und auf den Punkt, dann wieder ausschweifend und sich in kruden Theorien verlierend; am Ende irgendwie trotzig und fast schon naiv. Zunächst fand ich das ganz reizvoll, aber irgendwann nicht mehr. Dann fehlte mir auf einmal alles.

Wäre ich Buchhändler, ich würde diesen Roman Jugendlichen ab 17 Jahren empfehlen. Ich habe bis dato zwar noch nie eines dieser Young-Adult-Bücher gelesen, das hier scheint aber eins zu sein. Und damit ist auch klar, warum ich damit so gar nichts anfangen konnte. Ich hab die Geschichte trotzdem bis zum Schluss durchgehalten. Es wurde zwar nicht mehr viel besser, aber es war auch nicht unerträglich schlecht. Eigentlich so, wie ich mir unbekannterweise einen Roman von Nele Neuhaus oder Jussi Adler-Olsen vorstelle. Unterhaltsam und bestimmt auch spannend, aber eben nur eine Geschichte und keine Literatur (für mich).

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: dtv
256 Seiten, 20,00

Charles Lewinsky – Kastelau

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Wie soll ich anfangen? Was nach vorne stellen? Am besten gar nicht lange überlegen, sondern sagen wie es ist. Kastelau ist ein wunderbarer Roman, meine Entdeckung des Jahres, eine Top-Empfehlung für jeden Literaturfreund.

Innerhalb von drei Tagen habe ich das Buch ausgelesen. Gestern habe ich es ins Regal gestellt und gedacht: was für eine Wohltat! Endlich mal wieder ein Buch mit Anspruch, das flüssig und angenehm zu lesen ist. Kein Handlungs-Tohuwabohu, keine sprachlichen Experimente. Hier bemüht sich ein Autor nicht um einen irgendwie gearteten literarischen Anspruch, hier bemüht sich der Autor um seine Leser. Lewinsky will einem nicht beweisen, wie gut er schreiben kann, er will eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die gar nicht mal so einfach ist – mit unzähligen Charakteren, unterschiedlichsten Schauplätzen und Zeitsprüngen von über 70 Jahren. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen auch noch zig verschiedene Stilformen hinzu, die alle paar Seiten wechseln. Die Geschichte schlängelt sich durch ein Manuskript, das eigentlich eine Dissertation ist, durch ein Interview, Tagebuchnotizen, Wikipedia-Einträge, Fragebögen, Drehbücher, Briefe und Presseberichte.

Beste Voraussetzungen eigentlich, um ein literarisches Ungetüm zu erschaffen, das den Leser an seine Grenzen führt, von der Kritik als Jahrhundertroman gelobt wird und allgemein als unlesbar gilt. Ein neuer Ulysses, ein neuer David Foster Wallace. Doch das ist nicht Lewinskys Anspruch. Er hat zu jedem Zeitpunkt den Leser seiner Geschichte im Auge und will ihn nicht verlieren. Jeder der zahlreichen Ort- und Zeitsprünge, jede neue Stilform macht Sinn. Man hat das Gefühl, das musste jetzt so kommen, ist dramaturgisch folgerichtig und logisch. Kaum stellt sich eine Frage, bietet Lewinsky schon im nächsten Kapitel die passende Antwort. Das ist Covenience-Reading im besten Sinne.

Mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit führt Lewinksy uns von Berlin in die USA, vom zweiten Weltkrieg in die Achtziger Jahre, von einem Drehbuch zu einer Dissertation. Und das alles, ohne dass der Erzählstrang abreißt, der Spannungsbogen bricht oder der Leser ihm entgleitet. Ich würde gerne jedem jungen Autor Kastelau als Lehrbuch empfehlen. Damit man mal sieht, wie das geht, mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven.

Und jetzt bin ich bei aller Begeisterung mal wieder mit keinem Wort auf die Handlung dieses Romans eingegangen. Das sei ganz kurz noch erwähnt. Auch hier lässt Lewinsky sich nicht lumpen und bietet dem Leser ein ganzes Füllhorn menschlicher Tragödien. Es geht um Eitelkeit und Ehrlichkeit, Sieg und Niederlage und gescheiterte Lebensentwürfe.

Fazit: ein toller Roman, ein wunderbarer Lesegenuss und ein Autor, der im Gegensatz zu seinen Romanhelden nicht an seinen Ansprüchen gescheitert ist.

Fotos: Gabriele Luger

Michel Houellebecq – Unterwerfung

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Was soll man über ein Buch noch schreiben, zu dem sich schon die gesamte intellektuelle Elite des Landes geäußert hat? Was kann ich noch beisteuern, das nicht schon gesagt, gedacht, gemutmaßt wurde? Wer will das noch lesen? Ich weiß es nicht und schreibe einfach mal drauflos. Vielleicht entsteht ja auf den kommenden Zeilen noch irgend etwas Neues. Ein neuer Gedanke, eine neue Interpretation, eine etwas andere Sicht auf das Enfant terrible der europäischen Gegenwartsliteratur.

Ich bin Houellebecq-Fan seit der ersten Stunde. Er war als Autor zwar nie ein Geheimtipp, aber wer sich nicht mit Literatur beschäftigte, kannte ihn auch nicht. Das hat sich innerhalb der ersten beiden Monate des Jahres 2015 schlagartig geändert. Houellebecq hat mittlerweile den Bekanntheitsgrad eines Brad Pit erreicht. Jeder kennt ihn, jeder hat eine Meinung zu ihm, beinahe jeder geht wegen ihm in eine Buchhandlung und kauft das Buch, über das derzeit alle reden.

Gäbe es einen Grammy für Bücher, Unterwerfung würde ihn, müsste ihn bekommen. Und den Oscar und den Bambi noch dazu. Kaum ein Roman hat sich in den letzten Jahren besser verkauft. Kaum ein Autor hat allein durch sein Erscheinungsbild so polarisiert und kaum ein Thema so in die Zeit gepasst.

Ich gönne ihm den Erfolg, aber ich bin auch ein klein wenig traurig. So wie damals Anfang der Achtziger, als meine neu entdeckte Lieblingsgruppe „The Police“ auf einmal kein Geheimtipp mehr war, sondern ganze Stadien füllte. So wie später auch „The Cure“, „U2“ und „Coldplay“. Wie viele ambitionierte Musik- und Literaturfans teile ich meine Lieblinge nicht gerne mit der großen Masse. Mainstream sucks! Nicht selten geht mit steigender Popularität auch das künstlerische Profil flöten. Ecken und Kanten werden rund gefeilt, die Oberflächen glattgebügelt und der Auftritt gefällig gestaltet. Denn wer die Massen im Visier hat, muss zwangsläufig Kompromisse machen.

Aber gilt das auch für Houellebecq? Sein Buch führt seit dem Erscheinen die Bestseller-Listen an, er ist überall das Top-Thema. Aber trotzdem ist Houellebecq alles andere als Mainstream. Man muss ihn sich nur mal anschauen. Wer ihn kennt, weiß auch, dass er die Islamisierung der westlichen Welt nicht aus unternehmerischem Kalkül zum Thema seines Romans gemacht hat. Das war und ist schon immer ein Thema von ihm. Im Roman „Plattform“ zerstören Islamisten eine Sextourismus-Utopie. In Unterwerfung zerstören die Muslimbrüder die Hoffnung auf einen friedlichen europäischen Lebensabend.

Nein, Unterwerfung ist kein glattgebügelter Mainstream-Roman. Houellebecq ist sich treu geblieben und hat mit dem Literaturprofessor Francois wieder einen seiner typischen kettenrauchenden, sexuell frustrierten Bildungsbürger-Protagonisten geschaffen. Und wie alle seine Romane, hat auch Unterwerfung seine Längen und liest sich nicht wie ein Polit-Thriller. Wer Pegida-taugliche Parolen sucht, wird enttäuscht sein. Und die langen Passagen seiner Literatur-theoretischen Ausführungen rund um den Dandy-Schriftsteller Joris Karl Huysmans dürften die meisten seiner neuen Leser langweilen und frühzeitig zum Aufgeben zwingen.

Doch als Houellebecq-Fan der ersten Stunde bin ich von Unterwerfung begeistert. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und dabei so etwas wie mein Grundvertrauen verloren. Die Hoffnung nämlich, dass die Sintflut erst nach mir kommt. Die große Klima-Katastrophe, der dritte Weltkrieg, das Ende der Welt. Jetzt stell auch ich mir vor: Was ist, wenn ich dann noch da bin?

Foto: Gabriele Luger

Leben als Parodie der Träume

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Stephan Thome – Gegenspiel. 

Wenn mich einer nach dem Plot von Stephan Thomes neuem Roman ‚Gegenspiel’ fragen würde, dann hätte ich ein Problem. Ja, wovon handelt die Geschichte von Hartmut und Maria eigentlich? Ist es überhaupt eine Geschichte, die man klassischerweise in einer kurzen Inhaltsangabe zusammenfassen kann? Oder ist es nicht vielmehr das, was wir gemeinhin ein ganz normales Leben nennen? Eine Geschichte, die wir alle in irgendeiner Form erzählen könnten. Vom Erwachsenwerden, den wilden Lehr- und Studentenjahren, der Zeit der Familiengründung, der Ernüchterung, der Midlife-Crisis. Bis hin zur Resignation, Hoffnung und Gleichgültigkeit angesichts der wenigen Zeit, die einem auf einmal nur noch bleibt.

Ja, so sehen viele Lebensverläufe aus und so könnte man auch die Geschichte von Hartmut und Maria zusammenfassen. Die Geschichte einer Ehe, die in Stephan Thomes 2012 erschienen Roman ‚Fliehkräfte’ aus Sicht des Mannes und jetzt in ‚Gegenspiel’ aus der Sicht der Frau erzählt wird. Und wie jede durchschnittliche Ehe ist auch die von Maria und Hartmut eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Jeder kommt mit seiner Vorgeschichte, es passt irgendwie, man bleibt zusammen, hat ein paar glückliche Jahre, bevor es nach und nach immer komplizierter wird.

Viele werden sich fragen, ob man ‚Gegenspiel’ lesen kann, ohne ‚Fliehkräfte’ zu kennen. Ich habe das getan und festgestellt, dass es geht. Jetzt frage ich mich aber allen Ernstes, ob mir ‚Gegenspiel’ so gut gefallen hätte, wenn ich vorher schon Fliehkräfte gelesen hätte? Denn die Geschichte von Harald und Maria ist im eigentlichen Sinne nicht spannend und wird auch nicht spannender, wenn man sie ein zweites Mal erzählt bekommt. Und dann denke ich wieder, dass nur schlechte Autoren eine spannende Geschichte brauchen. Thome ist so gut, er braucht nur seine Romanfiguren, die er seinen Lesern liebevoll eingeführt und schlüssig aufgebaut ans Herz legt.

Und weil Thome gut ist, habe ich diesen Roman auch so genossen. Ich habe viele Parallelen zu meinem Leben entdeckt und konnte mich wunderbar identifizieren. Die Romanheldin Maria ist mein Jahrgang, hat wie ich in den Achtzigern in West-Berlin studiert und erlebt gerade, wie ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Der Nachwuchs ist aus dem Haus und es stellt sich die Frage, ob man die letzten Jahre vor der Rente einfach so weitermacht wie bisher. Oder noch einmal die alten Träume herauskramt und sich an ihnen abarbeitet. Um am Ende des Romans wie Harald ernüchtert festzustellen: „…unser Leben ist die Parodie unserer Träume“.

Das klingt jetzt beinahe kitschig nach „carpe diem“ und „lebe deinen Traum“. Aber Thome findet auch hier die richtige Balance. Taucht uns Leser kurz mal unter und holt uns, bevor es unangenehm wird, schnell wieder aus dem Tal der Tränen. Generell gleitet man leicht durch die 450 Seiten. Beim Lesen habe ich mich wohlig ins Berlin der Achtziger zurückversetzt gefühlt. Das typische Studentenleben zwischen Dahlem und Kreuzberg wird sehr schön und authentisch beschrieben. Auch dem jetzigen, neuen Berlin, in das Maria nach der Familienphase zurückkehrt, wird Thome atmosphärisch gerecht. Ich sehe die Plätze, ich spüre die Stimmung in den Straßen und Cafés, ich merke: es passt. Passen tun auch die vielen netten Bonmots, auf die ich beim Lesen immer wieder gestoßen bin und mit einem zustimmenden Nicken unterstrichen habe. Wie zum Beispiel das hier:  

„Als junge Frau hast du Bücher gelesen und dir einreden lassen, du müsstest etwas Besonderes aus Deinem Leben machen. Erstens musst Du das nicht, und zweitens kannst Du es nicht, weil man dafür ein Talent braucht.“

Ja, das stimmt. Und es bedarf auch keiner besonderen Geschichte, um einen großen Roman zu schreiben. Alles was man braucht ist Talent.

Titelfoto: Gabriele Luger

Der Walserei verdächtigt

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Moritz Rinke – Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel.

Bei manchen Büchern muss ich einfach aufgrund von Titel und Coverbild schon zugreifen. Das Romandebüt des Dramatikers Moritz Rinke ist so ein Buch. Das Werk ist nicht mehr ganz frisch, schon knapp vier Jahre alt und mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich. Und obwohl es so viele neue Autoren und Neuheiten aus der Frühjahrskollektion zu entdecken gibt, möchte ich diesen Backlist-Titel allen Literaturbegeisterten noch einmal wärmstens ans Herz legen.

Denn da beherrscht einer sein Handwerk. Der erste Roman und schon ein Volltreffer! Toller Plot, liebevoll aufgebaute Charaktere, ein wenig Kultur- und Gesellschaftskritik und zu allem Überfluss auch noch flüssig und spannend zu lesen.

Aber irgendwie kam mir etwas am Erzählstil Rinkes bekannt vor. Ich fühlte mich merkwürdig wohl in dieser Sprachwelt, schaute etwas genauer hin und glaube ein paar literarische Anleihen entdeckt zu haben. Die Protagonisten in Rinkes Roman sind die Kücks. Wer die Zorns, Zürns oder Halms kennt, weiß worauf ich hinaus will. Wer seinen Romanhelden kurze einsilbige Nachnamen gibt, macht sich schnell der „Walserei“ verdächtig. Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn dann noch Begriffe wie „das Muttertelefonat“ oder „der Geburtsschrank“ auftauchen.

Jetzt muss ich aufpassen, weil im Internet immer irgendwo einer ist, der alles falsch versteht. Das ist natürlich kein Plagiats-Vorwurf. Das ist Ironie und letztlich ein ganz großes Lob. Denn wenn auch gewisse Walser-Anleihen in meinen Augen unverkennbar vorhanden sind, dann ist es umso schwieriger, die damit verbundenen Erwartungen auch zu erfüllen. Denn Walser ist (fast) immer ein ganz großer Literaturgenuss. Und genau das bietet auch Rinke seinen Lesern. Auf seine ganz eigene Art, authentisch, lebendig, inspirierend.

Diesen Autor sollte man sich auf alle Fälle merken. Und mittlerweile müsste eigentlich auch mal ein neuer Rinke-Roman fällig sein. Ich würde mich freuen, halte die Augen auf und werde berichten.

Foto: Gabriele Luger
Gelesen: Feb. 2011

Big Data, der Bücherkanon und warum Amazon gar nicht so schlecht ist

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Wer bloggt, darf sich nicht wundern. Wer auf Facebook ist erst recht nicht. Tue ich auch nicht, denn ich will es ja so. Ich gebe Informationen preis, sag was mir gefällt und was nicht. Und da draußen lesen Leute mit. Auch das wundert mich nicht. Denn ohne Publikum wäre es ja witzlos. Ich weiß auch, dass das alles irgendwo gespeichert wird. Was ich so schreibe, like, meine. In riesigen Rechenzentren in Kalifornien, vielleicht aber auch gleich hier um die Ecke in Mönchengladbach oder Krefeld.

Big Data. Ich bin ein Teil davon. Das Internet kennt mich. Besser als meine Eltern, besser als meine Kollegen. Kennt mich vielleicht irgendwann sogar besser als ich mich selbst. Nicht alles von mir, aber Teile davon. Zum Beispiel mich als Leser. Da bin ich wie ein aufgeschlagenes Buch – nackig, transparent, der gläserne Kunde. Denn alles was ich lese, habe ich entweder aus dem Internet oder stelle es irgendwann dort ein. Als Rezension, mit Foto und Bewertung. Amazon kennt meinen Geschmack genau. Die Buch-Empfehlungen treffen in der Regel auf den Punkt. Der neue Houellebecq wird mir vorgeschlagen. Passt – aber hab ich mir schon im Buchladen gekauft. Lutz Seiler – na klar, gehört als Buchpreisgewinner natürlich auch in meine Leseliste. Seethaler, Thomas Melle und Katja Petrowskaja – alles Volltreffer, alles Top-Empfehlungen.

Bevor hier die ersten mit den Augen rollen und die Litanei vom Überwachungsstaat anstimmen – ich will das so. Ich finde gut, dass Amazon mich so gut kennt, um mir treffsicher Produkte vorzuschlagen. Denn ich habe keine Zeit für Experimente und keine Lust auf Werbung, die nichts mit mir zu tun hat.

Ich denke dabei an die aktuelle Diskussion hier in den Blogs zur neuen Frühjahrs-Bücherschwemme, der Halbwertzeit von Büchern (buzzaldrin) und dem Bücherkanon (sätze&schätze). Birgit zitiert in Ihrem Blog Arno Schmidt, der vorrechnet, dass man als berufstätiger Mensch gerade mal die Lektüre von 3.000 Büchern im Leben schafft. Da ist jede schlechte Empfehlung, jede Lektüre, die mich langweilt, mich nicht weiter bringt, mir nichts zu sagen hat, einfach vertane Lebenszeit. Ich habe nicht nur nichts dagegen, dass Algorithmen meine Daten im Netz zu Werbeempfehlungen hochrechnen. Nein, ich erwarte es mittlerweile sogar. Denn so geht Werbung heutzutage. Streuverluste kosten die Unternehmen nicht nur Geld, mich kostet es Zeit. Lebenszeit, die ich mit dem falschen Produkt verbracht habe. Und schon sind es nur noch 2999 Bücher, die man im Leben lesen kann.

Natürlich bin ich nicht total naiv und weiß selbstverständlich, dass auch Missbrauch mit meinen Daten getrieben werden kann. Aber höre ich deswegen auf zu telefonieren oder krankenversichert zu sein? Ich habe gelernt, mit meinen Datenspuren zu leben. Daten, die ich bewusst freigebe, Daten, von denen ich mir denken kann, dass sie gespeichert werden, Daten, die mein Handy automatisch erfasst. Ich weiß dass ich gerade jetzt, während ich das hier schreibe, Daten produziere, die mich z.B. als Blogger, als Leser, als Amazon-Kunden outen. Genauso wie jeder, der das hier gerade liest, als Datensatz in meiner WordPress-Statistik auftaucht.

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Und damit komme ich zu einem Buch, das ich allen an diesem Thema interessierten Lesern wärmstens empfehlen kann. Christoph Kucklick „Die Granulare Gesellschaft“ – das ultimative Buch zum Thema Big Data!“ Ich bin noch nicht ganz durch, deswegen gibt es hier keine Rezension. Aber soviel kann ich schon sagen. Der Autor zeigt sehr kenntnisreich und ohne dystopische Big-Brother-Ressentiments den Stand der Technik in Sachen Datenauswertung und die Auswirkungen auf unser Leben. Und was soll ich sagen? Das Leben wird durch Big Data nicht schlechter – ganz im Gegenteil. Vieles im Leben wird klarer, wenn man sich einfach nur mal die Daten anschaut. Frei von allen Deutungen und Interpretationen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Vollkommen unromantisch und überhaupt nicht literarisch. In Sachen Gesundheit, bei der Partnerwahl, bei politischen Präferenzen und natürlich auch bei Literaturempfehlungen.

Und wer sich jetzt aufregt und meint: diese Entwicklung müssen wir unbedingt aufhalten – der sei an Dürrenmatts „Physiker“ erinnert. Ich hab den Klassiker damals in der Schule gelesen und die Conclusio ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Alles, was technisch machbar ist, wird auch gemacht. Man kann es nicht aufhalten, man muss lernen, damit zu leben.

Literarische Helden (3) – Michel Houellebecq

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Er ist einer meiner ganz großen literarischen Helden. Trotzdem kann ich mir nie merken, wie sein Nachname geschrieben wird. Muss immer wieder nachschauen. Und beim nächsten Mal mach ich es wieder falsch. Dieses „cq“ am Ende will mir nicht in den Schädel. Aber warum sollte dieser Mensch auch einen einfachen Namen haben? Wo doch so gar nichts an ihm glatt und wohlgefällig ist. Weder innerlich noch äußerlich. Die neuesten Aufnahmen, die ihn bei der Vorstellung seines neuen Romans zeigen, machen mir Angst. Krank und verwahrlost sieht er aus. „Ich bin dabei zu krepieren“ sagt er über sich in einem ZEIT-Interview. Er hat sich scheinbar aufgegeben. Die ungeliebten Eltern endlich tot, der geliebte Hund aber leider auch. Nun ist scheinbar nichts mehr da, was sich noch zu hassen oder lieben lohnt.

Sich selbst zu lieben, hat er nie gelernt. Ein glücklicher, selbstzufriedener Autor von zahlreichen Weltbestsellern, der mit einem charmanten Lächeln auf sein vielfach ausgezeichnetes Lebenswerk blickt – bei ihm leider unvorstellbar.

Das ist gut für uns Leser – denn ohne das Wechselspiel von Egozentrik und Selbstüberschätzung, Frustration und Selbsthass würde es den Autor Michel Houellebecq nicht geben. Das Werk lebt von seinen psychischen Problemen. Den Menschen Houellebecq wird das aber in absehbarer Zeit ins Grab bringen. Aber als Autor ist er schon jetzt unsterblich.

Dabei hat er gar nicht so viel geschrieben. Mit dem neuen Buch „Unterwerfung“ sind das gerade mal sechs Romane. Und jeder einzelne davon ein Skandal. Indignez-vous – empört Euch – in Frankreich ist das bei jeder Houellebecq’schen Buchpremiere zur schönen Gewohnheit geworden. Er gilt als Rassist, Frauenhasser, Reaktionär oder auch als perverser Triebtäter und Sektenfreund. Das bringt es so mit sich, wenn man als Ich-Erzähler schreibt und einige seiner Figuren auch noch Michel nennt. Da wird dann nicht mehr unterschieden zwischen dem Protagonisten und dem Autor.

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Natürlich hat er das gewollt. Natürlich war das immer auch Kalkül. Ich will nicht wissen, wie viele Autoren versucht haben, das nachzuahmen. Ein kleiner Skandal und schon gehen die Verkaufszahlen durch die Decke. Aber das muss man erst mal schaffen, in einer Zeit, wo niemanden auch nur irgendetwas noch überrascht, geschweige denn empört. Houellebecq hat es immer wieder geschafft und damit ausgesorgt. Was könnte er mit dem ganzen verdienten Geld für ein wunderbares Leben führen. Wenn er es sich denn selbst gönnen würde. Tut er aber nicht. Und so wird Houellebecq als tragische Gestalt schon bald verschwinden, in seinen Werken aber weiterleben. Als trauriger Mann mit Zigarette.

(Heute erscheint sein neuer Roman „Unterwerfung“ bei Dumont)

Im Sanatorium der schönen Sätze

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Marion Poschmann – Die Sonnenposition. 

Es ist schon komisch mit diesem Buch. Direkt nach dem Auslesen hätte ich es noch als gut, wertvoll und lesenswert bezeichnet. Ein paar Wochen danach, konnte ich mich kaum noch an die Handlung erinnern. Und nicht, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe oder es nur überflogen habe. Nein, weil die Handlung bei diesem Roman wohl eher nebensächlich ist.

Was diesen Roman vielmehr auszeichnet ist die Sprache. Hier bewegt sich die Autorin auf einem beeindruckend hohen Niveau. Marion Poschmann kann mit Ihren Sätzen wunderbare Stimmungen erzeugen. Ich habe mir manche Passagen mehrmals hintereinander laut vorgelesen, weil sie einfach so wunderschön waren.

Inhaltlich allerdings wirkt alles irgendwie konstruiert, unausgegoren, an den Haaren herbeigezogen. Die Protagonisten bleiben für mich merkwürdig konturlos, die Liebesbeziehung zwischen der Schwester und dem Freund Odilo ist in meinen Augen unglaubwürdig. Das Hobby der Hauptfigur Altfried, die Jagd nach Erlkönigen, ist nicht nur albern, sondern passt auch nicht zur Figur. Ich ahne natürlich den tieferen Sinn, sehe auch was allegorisch hinter Odilos Profession und Altfrieds Hobby stehen könnte: das Gewöhnliche, das von Innen leuchtet und das Außergewöhnliche, was sich der Umgebung anpasst und tarnt. Toll! Und was soll ich damit jetzt anfangen?

Im Klappentext steht, dass Marion Poschmann eigentlich Lyrikerin ist. Das erklärt so einiges. Eine Lyrikerin hat einen Roman geschrieben. Das Ergebnis ist ein lyrischer Roman. Was sollte auch sonst dabei herauskommen?

Mein Fazit: Nicht geeignet für den schnellen Konsum. Eher etwas für Genießer, die Spaß an gefühlvollen Sätzen und am Auffinden versteckter Tiefgründigkeiten haben. Sicher auch ein Buch, das beim zweiten Lesen noch gewinnt.

Gelesen: Februar 2014
Titelfoto: Gabriele Luger

Die Belletristik ist im Arsch

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Howard Jacobson – Im Zoo.

Früher, als junger, über vieles noch staunender Leser habe ich mir oft Sätze in Büchern unterstrichen. Dann viele Jahre nicht mehr. Bei Howard Jacobson habe ich wieder mit dem Unterstreichen angefangen. Zum Beispiel Sätze wie diesen hier: „Wie alle anderen in der Welt auch, wollte Vanessa eine Schriftstellerin sein, deren Bücher veröffentlicht wurden. Sie war das, was die Zukunft uns verhieß: keine Leser mehr, aber alle sind Schriftsteller.“

Der aktuelle Roman des – wie die Medien schreiben – witzigsten britischen Autors ist voll mit solch ernüchternden Feststellungen über den Zustand des Buchmarktes. Und wer in letzter Zeit mal einen Blick in die Verkaufsräume einer der großen Buchhandelsketten geworfen hat, kann Jacobson nur zustimmen. Was noch läuft sind Kochbücher für Bulimiker, Fantasy- und Vampir-Geschichten, Regional-Krimis und dicke History-Epen mit den Tudors. Bücher müssen entweder einen praktischen Nutzwert bieten oder eine bemerkenswerte, bisher nie dagewesene Geschichte erzählen. Dafür gibt es laut Jacobson noch immer Leser. Für alles andere nicht mehr – „die Belletristik jedenfalls war am Arsch“ so sein vernichtendes Urteil.

Natürlich ist das eine sehr zynische und übertriebene Sichtweise. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll angesichts des schwarzen, britischen Humors, mit dem Jacobson den Niedergang der Buchbranche skizziert. Dargestellt in der Figur des Schriftstellers Guy Abelmann, der verzweifelt versucht, sich im Geschäft zu halten. Mit einem letzten Tabubruch als Story für seinen nächsten Roman: Sex mit der Schwiegermutter! Und zwar seiner eigenen Schwiegermutter. Und so versucht der Ich-Erzähler im Verlauf der Geschichte, sich an die immer noch sehr attraktive Mutter seiner Frau heranzumachen.

Das alles hat mich sehr gut unterhalten. Jacobson ist wirklich witzig, ein sympathischer Zyniker und Macho, der nicht nur den Niedergang der Buchbranche, sondern auch den ewigen Kampf der Geschlechter trefflich auf den Punkt bringt. Zum Beispiel mit dieser Aussage über die Anziehungskraft von Schriftstellern auf Frauen: „Man schenke einem Mann ein, zwei Worte mehr als normal ist, und er wird immer eine Frau finden, die ihn verehrt.“

Und während ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass ich Jacobson auf den Leim gegangen bin und als ein Leser vorgeführt werde, der keinen Deut besser ist, als das degenerierte Publikum in seinem Roman. Denn letztlich wollte auch ich nur wissen, ob der Protagonist es denn tatsächlich schafft, seine Schwiegermutter ins Bett zu kriegen. Als Nicht-Leser findet man die Antwort darauf bestimmt in irgendeiner Rezension bei Google. Die letzten verbleibenden Leser dagegen finden sie „Im Zoo“.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Soundtrack fürs Kopfkino

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Es ist eine dieser menschlichen Grundsatzfragen. So wie: kaufen oder mieten? E-Book oder Papier? Kartoffelsalat mit oder ohne Gurken? Ich kenne Menschen, die können nicht mit. Und es gibt Menschen, die können nicht ohne. Die Rede ist vom Musikhören beim Lesen.

Ich bin ein musikhörender Leser. Wenn ich ein Buch auf dem Schoß habe, dann habe ich in der Regel auch die Kopfhörer auf und höre Musik. Das gehört für mich dazu. Einerseits eine Notwendigkeit. Denn wenn Günther Jauch im Hintergrund die 16.000-Euro-Frage stellt, kann ich mich nicht auf meine Lektüre konzentrieren. Andererseits ist Musik für mich beim Lesen ein zusätzlicher Stimmungsverstärker. Der Soundtrack für mein Kopfkino.

Aber natürlich funktioniert das nicht mit irgendwelcher Musik. Genauso wenig wie mit irgendwelchen Büchern. Zu ausgewählter Literatur kommt auch nur ausgewählt Musikalisches auf die Ohren. Für mich zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich kann Menschen nicht verstehen, die einerseits einen hohen literarischen Anspruch haben und andererseits an Musik das hören, was im Radio so läuft. Charthits und der beste Mix aus den Achtzigern, Neunzigern und von Heute. Oder noch schlimmer, aber das wissen die Betroffenen selber gar nicht: Snow Patrol und Sunrise Avenue. Mainstream-Musik zum Lesen von Mainstream-Literatur. Wer es mag – bitte sehr!

Für mich ist das nichts und ich betreibe gern den Aufwand. Denn in Sachen Musik auf dem Laufenden zu bleiben, kostet Zeit und Muße. Genauso, wie sich in Sachen Literatur Up-to-Date zuhalten. Zeit, die heutzutage kaum noch einer hat. Aber es lohnt sich und kann den Literaturgenuss noch steigern. Vorausgesetzt man wählt die richtige Musik zum Lesen aus. Denn nicht alles, was man musikalisch gut findet, eignet sich auch als Begleitung zur Lektüre.

Ich bevorzuge in erster Linie unaufdringliche, stille Stücke. Stimmungstragend, gerne auch nur instrumentell, elektronisch oder Singer/Songwriter mit Gitarre. Kein Uptempo, keine hektischen Gesangsperfomances und treibende Gitarren. Und kein deutscher Text. Denn die Musik muss beim Lesen immer im Hintergrund bleiben. Englische Songtexte kann ich ausblenden, nehme ich gar nicht als Textinformation wahr. Bei deutschen Texten funktioniert das bei mir nicht. Da entsteht beim Lesen so etwas wie eine Rückkopplung mit schrillem Pfeifton im Kopf.

Lesemusik darf Stimmungen tragen, sie unterfüttern, aber auf gar keinen Fall dominieren. Sie hat eine dienende Funktion, ist der Lektüre ungeordnet, darf mit ihr spielen, sie necken, herausfordern, aber auf keinen Fall mehr. Lesemusik ist im besten Falle devot. Sie funktioniert auch ohne Buch, trägt dann meine Gedanken und Tagträume.

Ich nenn einfach mal ein paar Beispiele. Hier die in meinen Ohren besten Alben 2014 zur Begleitung anregender Literatur:

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Obere Reihe (von links nach rechts).

Alone for the First Time – Ryan Hemsworth

Über Alles – Chilly Gonzales

Aftermath – Hundreds

Warpaint – Warpaint

Mittlere Reihe: 

Sleep in the Water – Snakadaktal

If You Wait – London Grammar

The Unknown – Dillon

Bon Iver – Bon Iver

Untere Reihe: 

My Favourite Faded Fantasy – Damien Rice

Angus & Julia Stone – Angus & Julia Stone

As If To Nothing – Craig Armstrong

A Strange Encounter – Thirteen Senses

Ich habe bei Soundcloud nach Hörproben gesucht und die Alben verlinkt.
Hört doch mal in das eine oder andere Album rein. Ich freue mich, wenn Ihr Spaß an der Liste habt.

Ein Buch, um sich zu finden

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Nino Haratischwili – Juja. 

Das Buch ist pink und der Titel „Juja“ klingt etwas kindisch. Das und der Einband ohne Schutzumschlag lassen eher auf einen Jugend-Roman schließen. Juja, das könnte die Geschichte eines rebellischen Teenagers sein, der von Zuhause wegläuft. Oder ein Pferd, das von der Wettmafia aus dem Stall geklaut wird. Aber weit gefehlt. Der Name „Juja“ steht für einen Menschen, den zu lieben es sich lohnt und von dem geliebt zu werden, sich noch mehr lohnt. Dass solche Menschen nicht einfach zu finden sind, viele daran scheitern, ihr Leben mit dem Falschen verbringen, das alles weiß man oftmals erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Also kein Teenager-Roman, sondern Pathos- Literatur par Excellence für Erwachsene.

Gerade habe ich das Buch tief bewegt aus den Händen gelegt. Wieder mal ein beeindruckendes Werk von einer Frau geschrieben, wieder ein Meisterwerk von Nino Haratischwili. Für mich das dritte Buch, das ich von ihr gelesen habe, doch eigentlich ihr Debüt. Mit Juja hat sie es 2010 bereits auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Von mir damals gar nicht wahrgenommen. Erst 2014 habe ich diese wundervolle Autorin entdeckt. Und was soll ich sagen? Auch dieser Roman ist einfach wunderbar und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Doch muss ich zugeben, dass ich ein wenig Startschwierigkeiten hatte. Die ersten hundert Seiten tat ich mich schwer. Verschiedene Erzählfiguren, Handlungsstränge, Zeiten und Orte mussten erst einmal identifiziert, sortiert und zugeordnet werden. Die Autorin lässt den Leser damit bewusst alleine. Wenn man wie ich gar nicht wusste, worum es bei diesem Roman geht, gestaltet sich die Lektüre ein wenig anstrengend. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne Kenntnis ihrer beiden weiteren Romane nicht vorzeitig abgebrochen hätte.

Aber so blätterte ich ab und zu mal zurück, ordnete für mich die einzelnen Frauenfiguren den Erzählsträngen zu und war nach 100 Seiten voll und ganz drin in der Geschichte. Der Plot ist ganz interessant könnte aber auch von Carlos Ruiz Zafon stammen. Ein kleines Buch, angeblich von der 17-Jährigen Selbstmörderin Jeanne Saré geschrieben, treibt jede Menge weitere Frauen in den Tod. Als Leser verfolgen wir verschiedene Charaktere, die zwischen 1953 bis 2005 auf unterschiedlichste Weise mit Saré und ihrem Buch in Verbindung stehen. Wie gesagt, am Anfang etwas verwirrend, aber wenn man alle Figuren geordnet hat, kommt Fahrt auf und es liest sich recht spannend.

Und obwohl ich nicht vorhabe, mich demnächst umzubringen, stellte ich beim Lesen fest, was da erzählt wird, ist auch ein Stück weit meine Geschichte. Denn auch ich bin ein Leser, der prinzipiell immer nach Antworten sucht. Antworten auf Fragen, die ich mir noch gar nicht gestellt habe. Eine der Protagonistinnen, Francesca, bringt es auf den Punkt: „Die Geschichte (des Buches von Saré) selbst erzählt nichts, aber sie gibt Dir die Möglichkeit dich darin wieder zu finden“.

Ich glaube genau das unterscheidet gute von weniger guter Literatur. Nicht dem Leser Antworten geben, sondern die Möglichkeit, die richtigen Fragen zu stellen. Pathos nicht aus jeder Buchseite tropfen lassen, sondern eher beiläufig im Kopf des Publikums zu erzeugen. So dass man am Ende das Werk innerlich aufgewühlt aus der Hand legt und sich fragt, was mit einem passiert ist. Dann, ja dann hat man wohl ein richtig gutes Buch gelesen.

Gelesen: Dezember 2014
Foto: Gabriele Luger

Alle Sorgen plötzlich nichtig und klein

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Robert Seethaler – Ein ganzes Leben.

Manchmal muss man einfach mal die Sichtweise wechseln, um zu sehen, wie gut es einem geht. Und nicht nur das. Um zu begreifen, wie unbedeutend das eigene Leben eigentlich ist. Wie wenig von einem bleibt. Wie schnell alles verfliegt. So wie von Andreas Egger, dem traurigen Helden in Robert Seethalers aktuellem Roman.

Er kam zur Welt, hat früh seine Mutter verloren, ist ungeliebt herangewachsen, hat hart gearbeitet, dann endlich die Liebe gefunden und sie sofort wieder verloren. Er hat gehungert, gefroren, in Stein gebohrt und ist gestorben. Das alles erfährt man in drei bis vier Stunden anregender Lektüre – mehr braucht man für die 150 Seiten von „Ein ganzes Leben“ nicht. Aber diese Lesezeit ist Gold wert. Wie geläutert legt man das Buch aus der Hand und blickt sich um. Alle Alltagsprobleme, der ganze Stress, die großen und kleinen Sorgen – wie beim Flug über den Wolken erscheint einem plötzlich alles „nichtig und klein“.

Was will man mehr? Das ist doch wirklich das Schönste, was man von einem Buch erwarten kann. Lesen, um Gelassenheit zu erlangen, seinen Frieden zu finden. Ich weiß nicht, ob Seethaler das wirklich beabsichtigt hat. Ich glaube nicht. Vielleicht wollte er einfach nur eine einfache Lebensgeschichte erzählen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Moral von der Geschicht`. Und wie das immer so ist, wo die Moral fehlt, denkt sich der Leser eine dazu. Und die lautet diesmal: Lesen macht glücklich.

Hier Robert Seethalers Roman bei ocelot, just another bookstore versandkostenfrei bestellen. 

Gelesen: Dezember 2014
Foto: Gabriele Luger

Ein nahezu perfekter Roman

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James Frey – Strahlend schöner Morgen

Los Angeles ist eine große Stadt. In Los Angeles leben viele Menschen. Menschen wie Du und ich. Und Menschen, die es nur in Los Angeles gibt. So wie Amberton Parker und Esmeralda Hernandez. So wie Maddie und Dylan und Old Man Joe. Das sind die Stars dieses Romans. Ein Roman der kurzen Sätze. So kurz wie diese Sätze hier. Kurz steht für Daten und Fakten. Wir Leser werden damit gefüttert. Mit Zahlen über diese große, weite, prosperierende Metropole. Über Stadtviertel, Bundesstraßen und Highways. Über die Straßengangs. Über die Filmindustrie und auch über die Pornofilmindustrie. Über die Kunstszene. Und über noch viel mehr.

Diese ganzen Details und Aufzählungen wären auf die Dauer unerträglich langweilig, hätte Frey sie nicht in die Handlungsstränge der vier anfangs erwähnten Protagonisten eingebettet. Und so trocken wie Frey die Faktenlage der städtischen Entwicklung schildert, so empathisch, anschaulich und liebevoll baut der Autor seine Romanfiguren auf. Und in diesen Handlungssträngen gibt es auf einmal Nebensätze und gefällige Verschachtelungen.

Der selbstverliebte Amberton Parker, ein Schauspieler von der Bedeutung eines Brat Pit, den seine vor der Öffentlichkeit verborgene Homosexualität in reichlich Schwierigkeiten bringt. Das junge Ausreißer-Paar Maddie und Dylan, die in LA ein neues Leben anfangen wollen, irgendwann Geld klauen und dadurch in reichlich Schwierigkeiten kommen. Esmeralda, die ihre dicken Oberschenkel nicht akzeptieren kann und dadurch Schwierigkeiten hat, einen Mann zu finden. Und Old Man Joe, der jeden Tag aufs Neue mit mehreren Flaschen Chablis vor seinen Schwierigkeiten flüchtet und dabei wieder in Neue hinein gerät.

Frey scheint gerne mit literarischen Stilformen zu experimentieren, immer auf der Suche nach dem perfekten Roman. Aus diesem Grund ist er mir aufgefallen. Sein aktuelles Projekt Endgame sorgt derzeit wieder für viel Diskussion. Genau wie seine vermeintliche Autobiografie „Tausend kleine Scherben“, die er so authentisch verfasst hat, dass ganz Amerika darauf hereingefallen ist. Das wird ihm heute noch übel genommen. Auch „Strahlend Schöner Morgen“ ist ein nahezu perfekter Metropolenroman.

Mir hat die Lektüre viel Spaß gemacht. Und ich denke für James Frey ist es durchaus ok, wenn man die langatmigen Aufzählungen der ganzen Daten und Fakten zu Highways, Straßengangs und sonstigen Kuriositäten einfach auslässt. Denn ein perfekter Roman ist erst perfekt, wenn er nicht ganz perfekt ist.

Hier klicken: Ein Bericht in der literarischen WELT über das neue Projekt von James Frey Endgame.

Gelesen: Dezember 2014
Titelfoto: Gabriele Luger

Kafkaesk in der Ukraine

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Olaf Kühl – Der wahre Sohn 

Es ist schon fast ein Jahr her, am ersten Geschäftstag nach Weihnachten. Das Belletristik-Regal meiner Buchhandlung war ziemlich ausgedünnt und daher schön übersichtlich. Die Titel, die mich interessierten, waren alle nicht da. Also mal schauen. Da fiel mir der niveauvoll gestaltete Einband von „Der wahre Sohn“ in die Hände. Olaf Kühl? Nie gehört. Auf dem Umschlagklapper keine Pressestimmen, sondern eine Leseprobe. Nicht schlecht. Dazu noch Longlist-Titel 2013 – gekauft.

Zuhause dann, nach den ersten hundert Seiten – Enttäuschung, Ärger, Wut! Was ist das denn? Eine Kriminalstory auf Jerry Cotton-Niveau! Nein, noch nicht mal. Da will mir doch der Autor einreden, dass der Vorstand eines großen Konzerns seinen Job riskiert, in dem er seinen Firmenwagen klauen lässt, nur damit er sechs Monate früher das neue Modell bekommt. Für wie blöd…? Dazu präsentiert sich der Protagonist als der unprofessionellste Ermittler der Welt. Stolpert in der Nachwende-Ukraine von einem Fettnäpfchen ins nächste.

Ungnädiges Augenrollen beim Leser. Aufhören? Weiterlesen? Mal schauen – fünfzig Seiten wollte ich dem Roman noch geben. Und dann auf einmal hatte er mich. Plötzlich war klar, dass es hier nicht um den Diebstahl eines Autos geht.

Das ist kein drittklassiger Kriminalroman, sondern ein erstklassiger Familienroman! Mit skurrilen Charakteren wie Svetlana, die auch mit 86 Jahren noch mit ihren weiblichen Reizen kokettiert. Oder dem falschen Sohn Arkadij, der seit Jahren in der Psychiatrie vor sich hindämmert. Mit Olha, dem verschwundenen Kindermädchen und mit Konrad, dem fast schon tollpatschigen Ermittler, mittendrin. Das alles hatte etwas schräges, morbides, je fast schon kafkaeskes.

Also nicht aufhören. Weiterlesen – es lohnt sich. Und positiv erwähnt werden sollte auch, dass der Titel des Buches tatsächlich Sinn macht. Das scheint in letzter Zeit ein wenig unmodern geworden zu sein. Nein, in Olaf Kühls Roman taucht tatsächlich „der wahre Sohn“ noch auf. Und verhilft der Story zu einem fulminanten Showdown. Fast schon wie einem echten Kriminalroman – aber einen, den Kafka hätte schreiben können.

Gelesen: Januar 2014

Foto: Gabriele Luger

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Rückzug in Bodos Welt

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Bodo Kirchhoff – Verlangen und Melancholie.

Draußen in der Welt geht es drunter und drüber: IS, Boko-Haram, Ukraine, Gaza und Ebola. Wie schön ist es da, sich mit einem Glas Wein und dem neuen Kirchhoff aufs Sofa zu setzen und für ein paar Stunden das ganze Elend auszublenden. Ein wohltuender Rückzug ins Innere. In der Literaturbeilage meiner Tageszeitung war jüngst ein kleiner Test zu finden: Welcher Romantyp bin ich? Sieben einfache Fragen galt es zu beantworten und danach stand fest, dass ich ein Identifikationsleser bin. „Sie wollen sich wiedererkennen in Protagonisten, in Abgründen, in Gefühlslabyrinthen und Denkkaskaden.“

Ja, in der Tat: das will ich. Deshalb lese ich überwiegend Bücher von Autoren, die mir prinzipiell sympathisch sind. Ich schaue mir zum Beispiel die Autorenfotos an und entscheide dann, ob ich mich in Figuren dieser Person wiedererkennen möchte. Will ich dem Autor in seine Gefühlslabyrinthe folgen, interessieren mich seine Denkkaskaden?

Bodo Kirchhoff ist mir nicht nur sympathisch, ich bin mittlerweile ein richtiger Fan. Ich liebe seine Wortkaskaden, seine Beziehungsbeschreibungen, den ewigen Kampf der Geschlechter um Liebe, Anerkennung, Lust und Sehnsucht. Und freue mich in jedem seiner Romane wieder aufs Neue mit ihm von Frankfurt über die Alpen nach Italien, vorzugsweise an den Gardasee zu reisen – sein und mein Lebenslieblingsort. Ich habe jetzt vier Bücher von ihm gelesen und obwohl immer wieder die gleichen Muster auftauchen, bin ich immer wieder begeistert. Das ist halt sein Stil, sein Erkennungszeichen. Als Werber würde ich sagen: sein Markenkern.

Wenn man so will, ist „Verlangen und Melancholie“ wieder ein typischer Roman dieses Autors. Da ist alles drin, was die Marke Kirchhoff auszeichnet. Mann und Frau, Liebe und Entfremdung, Verzweiflung, Hoffnung und natürlich auch wieder Frankfurt und Italien. Und so war für mich alles gut. Ich konnte mich herrlich identifizieren, in Gefühlslabyrinthen verirren und Kirchhoffs wunderbare sprachliche Virtuosität genießen. Ein wunderbares Buch für lange Winterabende und um für ein paar Stunden, der harten Wirklichkeit zu entfliehen.

Gelesen: Oktober 2014
Foto: Gabriele Luger

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