10 Dinge, die in keinem Murakami-Roman fehlen dürfen

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1. Jazzkneipen
Murakami betrieb bis 1983 das Peter Cat, eine Jazzbar in Tokio. In fast jedem seiner Romane sind daher solche Jazzbars ganz zentrale Orte. Hier warten seine Protagonisten auf die starken, schönen Frauen seiner Romane. Frauen wie Aomane, die ein- oder zweimal dort erscheinen und sich dann nie wieder blicken lassen. Ansonsten wird hier Whiskey getrunken, Klaviermusik von Cole Porter gehört und stundenlang auf die Holzintarsien an der Decke gestarrt.

2. Hausarbeit
Ich kenne kaum einen Autor, der dem Kochen und Putzen, dem Waschen und Bügeln so viel Raum gibt. Über vier fünf Seiten können wir Leser die Protagonisten beim Zubereiten von Mahlzeiten beobachten. Vorzugsweise Salate mit Seetang, Omelett oder Spaghetti. Es wird viel eingekauft, abgewaschen, in Schränke eingeräumt. Nun ja, auch Romanhelden haben ihren Haushalt.

3. Sport
Murakami ist ein sportlicher Autor. Er selbst läuft Marathon, seine Romanhelden schwimmen viel und machen ihre Morgengymnastik. Dehnen und strecken mit Hingabe jeden Muskel. Das dauert so zwei bis drei Seiten, danach gibt es ein ausgiebiges Frühstück . Wenn dann abgewaschen und das Geschirr wieder in den Schränken verstaut ist, schaut sich der Murakami-Held gerne noch ein Baseball-Spiel im Fernsehen an.

4. Einzelgänger
Murakami macht gar keinen Hehl daraus, dass seine Protagonisten ihm ähneln. Alle sind Einzelgänger, leben entweder allein oder sind zusammen mit einem Partner einsam. Alle Mitte 30, alle auf der Suche, keiner wirklich herausragend. Sie schwimmen im Leben so mit, sitzen schweigsam zu Hause vor dem Fernseher und trinken Dosenbier. Hin und wieder gehen sie in Jazzkneipen und ins Schwimmbad.

5. Parallelwelten
In seinen Romanen wird viel geträumt. Sowohl nachts als auch am Tage. Dabei verschwimmen die Grenzen. Zwischen Tag und Nacht, zwischen Realität und Traumwelt und ehe man sich versieht, geht schon eine Tür auf und dahinter führt uns eine Treppe in eine andere Welt. Auf den Grund eines Brunnens, unter eine Autobahn, in einen unterirdischen See, an die Grenze zur Mongolei. Dort gibt es viele Abenteuer zu bestehen, bis wieder eine Tür aufgeht und man urplötzlich wieder in der Jazzkneipe am Tresen sitzt.

6. Suizid
In einem Interview habe ich mal gelesen, dass Murakami immer dann schreibt, wenn er traurig ist. Wenn man sich sein umfangreiches Werk so betrachtet, dann kann man davon ausgehen, dass der Autor sehr oft traurig ist. Seine Protagonisten sind es folglich auch. Und in nahezu jedem Roman gibt es eine Figur, die sich umbringt. Sei es Kizuki, der sich gleich zu Anfang von Naokos Lächeln mit Autoabgasen vergiftet oder Shiro aus seinem letzten Roman, die damit die angebliche Vergewaltigung nicht mehr richtig stellen kann. Die Romanhelden, die sich nicht umbringen, schreiben wenn sie traurig sind. Manche gehen auch schwimmen oder braten sich ein Omelett.

7. Musik
Wer viel Murakami liest, kennt den Musikgeschmack des Meisters. In Jazzkneipen hört man nun mal Jazz. Ich verstehe nicht viel davon und kann mir die entsprechenden Musiker daher auch nicht merken. In einigen Romanen hört der einsame Protagonist aber auch Klassik-Platten. Manchmal zusammen mit einem Mädchen, das er gerade kennenlernt hat. Stundenlang sitzen sie reglos nebeneinander und hören die Platten aus der Sammlung ihrer oder seiner Eltern. Danach gehen sie lange spazieren. Eines Tages ist das Mädchen dann weg und taucht nie wieder auf.

8. Fabelwesen
Bei jedem anderen Autor würde ich mit den Augen rollen. Doch von Murakami lasse ich mich bereitwillig in die krudesten Fantasiewelten entführen. Mit großem Vergnügen stelle ich mir die merkwürdigsten Figuren vor. Ach, wie interessant: ein Schafsmann und ein Aufziehvogel. Das ist ja mal eine tolle Idee, hab ich ja noch nie gehört. Und eine Puppe aus Luft, wie soll das denn gehen?

9. USA
Murakami lebte ein paar Jahre in den USA. Er hat jede Menge amerikanische Autoren ins Japanische übersetzt. Darunter die ganz großen Helden wie Fitzgerald, Irving, Capote, Carver und auch den legendären Raymond Chandler. Die Coolness Chandlers findet man auch bei Murakami wieder. Oft genug begegnet einem ein japanischer Philip Marlowe, kettenrauchend mit Trenchcoat und Sonnenbrille. Vielleicht liegt hier das Geheimnis seines Erfolges. Dass er gar nicht so extrem japanisch ist, sondern mehr so ein amerikanischer Japaner.

10. Ursula Gräfe
Murakamis Romane leben von seiner Sprache: einfach, reduziert, klar. Fast schon zwanghaft schnörkellos, simple Abläufe beschreibend, in einfachen Wörtern und trotzdem tief und berührend. Murakami hat seine ersten Romane in Englisch geschrieben, mit begrenztem Wortschatz und mangelnder Gewandtheit. Er hat diesen aus der Not heraus reduzierten Satzbau dann wieder ins Japanische übersetzt und etwas angereichert. So entstand der typische Murakami Stil, den Ursula Gräfe seit einigen Jahren gekonnt und routiniert ins Deutsche übersetzt. Ich kann nicht beurteilen, ob sie alles richtig macht, aber mir gefällt ihre Übersetzung aus dem Japanischen. Sie macht es einfach, klar, reduziert und wunderschön traurig.

Foto: Gabriele Luger

3 thoughts on “10 Dinge, die in keinem Murakami-Roman fehlen dürfen

  1. Sehr schöne Liste – auch wenn ich selbst nicht zu den Murakami-„Jüngern“ gehöre. Ein paarmal musste ich laut auflachen: „Sie schwimmen im Leben so mit, sitzen schweigsam zu Hause vor dem Fernseher und trinken Dosenbier. Hin und wieder gehen sie in Jazzkneipen und ins Schwimmbad.“ Und: „Die Romanhelden, die sich nicht umbringen, schreiben wenn sie traurig sind. Manche gehen auch schwimmen oder braten sich ein Omelett.“ 🙂 In Ordnung, irgendwann knüpfe ich mir diesen stillen, einsamen, sportlichen amerikanischen Japaner noch mal vor.

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    • Hallo Caterina,
      ich habe in all den Jahren meiner Murakami-Leidenschaft festgestellt, dass man für diesen Autor schon eine gewisse Neigung zur Traurigkeit haben muss. So wie Joy Division auch nicht unbedingt Musik für lebensbejahende, extrovertierte Durchstarter ist. 😦

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      • Nun, eine Neigung zur Traurigkeit bringe ich durchaus mit, jedenfalls lese ich überaus selten heitere Literatur, arbeite mich stattdessen an schwerer Kost ab. Murakami konnte mich dennoch nicht gefangen nehmen, aber wir hatten auch erst einmal das Vergnügen, nämlich mit Naokos Lächeln, das ich ganz furchtbar fand.

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