Gegen die Blockade

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Jan Brandt – Tod in Turin.

Natürlich habe ich ‚Gegen die Welt’ gelesen. Und natürlich war das der einzige Grund, warum der ‚Tod in Turin’ für mich überhaupt in Frage kam. Denn wen interessiert nach Goethe noch die Italienreise irgendeines zeitgenössischen, deutschen Schriftstellers? Wenn man ihn nicht kennt, wenn man nicht weiß, was das für ein stimmungsvoller Erzähler ist. Wenn man noch nicht einmal weiß, ob das Buch jetzt ein Roman ist, ein Essay oder was. Wenn man voller Zweifel und dumpfer Befürchtung die ersten Seiten anliest und sich dann aber befreit und zufrieden lächelnd zurücklehnt. Aufatmend denkt – ja, das ist gut, es ist leicht, es hat Witz und es macht Spaß.

Denn man kennt ihn ja. Diesen Jan Brandt, den Star-Debütanten aus 2011. Damals aus dem Nichts gleich und völlig zu Recht auf die Shortlist des Buchpreises. Mit diesem grünschnäbligen Klappenfoto, obwohl er damals schon Ende 30 war. Seither ein paar Kolumnen im Feuilleton, Freitext bei der ZEIT. Immer nett zu lesen, immer etwas spröde, norddeutsch halt – wie sie so sind, da oben in Jericho, seinem Romandorf. Seither auch mit Bart, erwachsener, mit Hand im Gesicht und ausdrucksstärker, wie es sich so ergibt mit Anfang 40. Und von wegen Norddeutschland – auch er ist jetzt da, wo sie alle sind: Berlin.

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Und ja, es ist schon sinnvoll, Jan Brandts Debütroman gelesen zu haben, um Tod in Turin angemessen würdigen zu können. Um zu verstehen, mit wem man es hier eigentlich zu tun hat, um Gespräche zu deuten, Anspielungen zu verstehen. Und nicht nur das. Man sollte sich überhaupt im deutschen und wenn möglich auch im italienischen Literaturbetrieb halbwegs gut auskennen. Denn hier spielt die Handlung dieses … Werks, dieses… Buches, ja was ist das eigentlich?

Es steht nicht ROMAN auf dem Cover. Aber es könnte einer sein. Denn da ist alles dran, was dazu gehört. Ein Protagonist, eine Handlung, ein Spannungsbogen. Jan Brandt höchstpersönlich, zur Shortlist-Zeit und danach. Erst der Hype und dann wird es immer ruhiger. Er hat nichts Neues in der Mache, der Druck nimmt zu, doch er findet kein neues Thema. Und urplötzlich – die Rettung, ein kleiner Aufschub. Die Übersetzung seines Debüts ins Italienische. Noch einmal alles von vorn. Nur diesmal auf Italienisch. Interviews mit der italienischen Presse, Messetermine mit italienischen Verlagsmenschen, Messe-Parties mit italienischen Autoren und Groupies.

Doch das Ende der Messe naht, und was folgt ist klar: der obligatorische Nachmesse-Blues und für Jan Brandt die Rückkehr in ein Land, das seit mehr als drei Jahren auf einen neuen beeindruckenden Roman von ihm wartet. Noch gewaltiger als ‚Gegen die Leere’, noch bahnbrechender oder zumindest vergleichbar groß. Genug Zeit hat er ja gehabt, Stipendien und Auslandsaufenthalte sogar – da muss doch was bei rauskommen. Aber scheinbar tut sich nichts. Jeden Tag nur ein Satz, der am nächsten Tag aber wieder gelöscht wird. Das ist definitiv zu wenig. Daraus kann nichts entstehen. Das weiß unser netter und freundlicher Schriftsteller, der auch kompliziert, anstrengend und ein echtes Arschloch sein kann, wie er immer wieder betont. Aber im Moment ist ihm einfach nicht danach.

Und dann macht Jan Brandt das Beste, was man in so einer Situation tun kann. Er schreibt ein Buch ‚Gegen die Blockade’. Schreibt auf, wie das so ist, wenn man einen großen bedeutenden Debütroman geschrieben hat und alle Welt auf die Fortsetzung wartet, interessiert nachfragt, einen liebevoll ermuntert, erwartungsvoll anlächelt.

Ich habe die Lektüre sehr genossen, fast noch mehr als ‚Gegen die Welt’. ‚Tod in Turin’ ist ein ehrliches, ein witziges, ein interessantes und ein tiefgründiges Buch. Man kommt sehr nah ran an den Autor und gleichzeitig auch an den Menschen Jan Brandt. Einem grandiosen Erzähler mit feinsinniger Beobachtungsgabe, einem Menschen mit sprödem norddeutschen Charme und Humor. Und ich bin überzeugt, Jan Brandt kann bestimmt auch furchtbar kompliziert, anstrengend und ein echtes Arschloch sein. Nur das zeigt er uns wahrscheinlich erst in seinem nächsten großen, beeindruckenden Roman. Ich warte drauf – ungeduldig.

Titelfoto: Gabriele Luger

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Diesen Beitrag kann man sich auch als Audio-Podcast auf Literaturradio Bayern anhören

5 thoughts on “Gegen die Blockade

  1. Schöner Text – und das Fazit hat mich zum Lachen gebracht. Aber muss man wirklich den Erstling gelesen haben, um das hier würdigen zu können? Nein, oder? Ich habe »Gegen die Welt« nicht gelesen, werde es ganz sicher noch tun, irgendwann in meinem Leben, verspüre aber große Lust auf dieses Werk, das, so vermute ich, auch eine Satire ist auf den Betrieb, in dem ich selbst arbeite. Und dann auch noch Italien! Turin gar! Da habe ich mal für kurze Zeit gelebt. Ich fühle mich also prädestiniert für diese Lektüre! Da stimmst du mir doch bestimmt zu, oder?

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    • Freut mich, wenn Du Spaß an dem Text hattest. Ich hatte auch Spaß an dem Buch – so schließt sich der Kreis. So oder so ist es ratsam, nein, sogar unbedingt notwendig, Jan Brandts Debütroman endlich zu lesen. Denn wenn Du das noch weiter aufschiebst, kann es tatsächlich irgendwann passieren, dass er mit dem zweiten, lang ersehnten, beeindruckenden und hochgelobten Roman um die Ecke kommt. Und dann hast Du auf einmal drei Werke von Brandt vor der Brust und kommst zu gar nichts mehr.

      Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Lektüre des Erstlings zum besseren Verständnis der vielen kleinen Details in dem Buch, den vielen kleinen Beobachtungen, Bemerkungen und Gesprächen wichtig ist. Es hilft zu wissen, dass Jan Brandt einen ganz großen Roman geschrieben hat, um seinen Humor zu verstehen, um ihn nicht eingebildet und arrogant zu empfinden. Wer aber so ein Insider ist wie Du, der hat da sicherlich noch einen anderen Zugang. Und wer dazu noch Italophil (sagt man das so?) ist, so wie Du, der sollte jetzt alles stehen und liegen lassen und endlich dieses Buch lesen.

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  2. Mir geht es ein wenig wie Dir: Ich habe Gegen die Welt gelesen und ich mochte es sehr, auch, weil ich darin so viel Bekanntes aus meiner eigenen Jugend gefunden habe. Und Tod in Turin interessiert mich auch erst einmal aus diesem Grund. Gut, vielleicht – wahrscheinlich wäre mir das Buch auch so aufgefallen, aber es ist eben von Jan Brandt, da frage ich mich natürlich, was kommt wohl nach Gegen die Welt? Ich glaube Dir jetzt einfach mal, dass es mich nicht enttäuschen wird und freu mich schon drauf. 🙂

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    • Ich bin mir sicher, dass Tod in Turin Dir gefallen wird. Es ist Jan Brandt, er ist ein Held, er hat einen großen, bedeutenden Debütroman geschrieben. Sein Pech war, dass 2011 noch die DDR-Romane boomten, sonst hätte er das Rennen um den Buchpreis gemacht. Ich glaube, er kann gar nicht schlecht schreiben. Er ist befreundet mit David Wagner. Er ist der Held der Fußnote, er hat einen Bart, ein rotes Hemd und was er zum Beispiel über Jo Lendle schreibt, ist exakt das, was ich auch denke. Nein, Du wirst garantiert nicht enttäuscht sein.

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