Kurz aber nicht weilig

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Andreas Maier – Der Ort.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, dieses Buch hat mir nicht gefallen. Warum? Weil es mich nicht erreicht hat, weil ich es konstruiert und aufgesetzt fand und – es tut mir leid, es sagen zu müssen – weil es mich einfach extrem gelangweilt hat.

Noch nie sind mir 150 Seiten so lang vorgekommen. Kaum habe ich zwei, drei Absätze gelesen, griff ich schon wieder zum Handy. Ein bisschen Facebook, ein wenig hier und da – alles, nur nicht in diesem Buch weiterlesen. Wenn ich mich dann doch wieder zum Weiterlesen gezwungen habe, fielen mir nach zwei Seiten die Augen zu. Da half auch keine Tasse Kaffee mehr – was da geschrieben stand, kam einfach nicht bei mir an.

Und trotzdem – die professionelle Literaturkritik ist voll des Lobes, und auch in den Blogs habe ich noch keinen Verriss gelesen. Warum geht es mir mit diesem Buch so anders? Was habe ich an diesem Roman nicht verstanden? Das herauszufinden, interessiert mich jetzt selber.

Normalerweise hätte ich die Lektüre nach der Hälfte abgebrochen, das Buch einfach ins Regal gestellt und ganz schnell vergessen. Aber 150 Seiten, das kann man mal eben durchziehen. Vielleicht ergibt sich ja am Schluss noch etwas, ein oder zwei Seiten, bei denen ich hätte sagen können, dafür hat sich die ganze Anstrengung gelohnt. Aber nein, es zog sich weiter wie Kaugummi, konstruierte sich bleiern durch bis zum bitteren Ende.

Eigentlich hat mich das Thema ja angesprochen. Der Autor ist ungefähr in meinem Alter und wie ich in den siebziger und achtziger Jahren in einer kleinen, westdeutschen Provinzstadt aufgewachsen. Und genau darüber schreibt er. Die Pubertät, die Kumpels, die erste Liebe. Das klang nach Herkules und Zündapp, Mal Sondocks Hitparade und nach jeder Menge wohliger Déjà-vus.

Aber nichts davon kam auf. Wenn Maier sich darauf beschränkt hätte, seine Jugenderlebnisse einfach nur aufzuschreiben, dann wäre alles gut gewesen. Dann hätte zwar immer noch was gefehlt – nämlich eine gute Story, etwas Spannung, der Grund überhaupt ein Buch zu schreiben – aber ich hätte beim Lesen ein paar schöne Stunden in den frühen Achtzigern verbracht, auf Kellerpartys mit Musik von Manfred Mans Earth Band und Supertramp. Aber Maier beschränkt sich nicht aufs bloße Erzählen, Maier analysiert, typologisiert und bauscht mit kruden Theorien die Erzählung auf. Da werden Hierarchien zwischen den Jugendlichen beschrieben, Bewegungsströme auf Partys dargestellt und die Unterhose des Protagonisten in allen Einzelheiten auf sechs Seiten behandelt. Der Erzählfluss gerät dadurch immer wieder ins Stocken, es ist vollkommen überflüssig, wirkt aufgesetzt und kommt mir vor wie Seiten schinden.

Wer sich auf eine schöne Liebesgeschichte gefreut hat, wird leider auch nicht auf seine Kosten kommen. Da ist die Tochter des Buchhändlers, da ist Katja Melchior, da ist viel Verwirrung – eigentlich typisch für einen Pubertierenden – aber schlecht für einen Roman, der noch ein paar andere Baustellen hat.

Aus Enttäuschung und Ratlosigkeit habe ich angefangen, im Netz zu recherchieren. Und da wurde mir einiges klarer. Andreas Maier plant einen elfteiligen Romanzyklus mit dem Namen Ortsumgehung. Nach „Das Zimmer“ folgten die Romane „Das Haus“ und „Die Straße“ und jetzt „Der Ort“. Vielleicht sollte man die ersten Romane des Zyklus auch gelesen haben, um das Werk im Gesamtkontext richtig zu würdigen? Aber das wäre eine billige Entschuldigung. Wo Roman drauf steht, muss auch ein in sich stimmiger und abgeschlossener Roman drin sein. Generell erinnert mich das Projekt auch von der Namensgebung her an Karl Ove Knausgard, der mit Leben, Lieben, Spielen, Sterben eine ähnliche Reihe autobiografischer Romane geschaffen und damit international sehr großen Erfolg hat. Vielleicht hat sich Maier gedacht, was der Knausgard kann, das kann ich auch. Das ganz normale Leben: hinschauen und alles aufschreiben. Mehr nicht.

Aber auch bei Knausgard hat mir das schon nicht gefallen. Vielleicht ist dieser naturalistische Erzählstil einfach nichts für mich. Mir fehlt da etwas, ein Anreiz, ein Sinn, irgendeine eine Begründung für die investierte Lesezeit. Und viel weiter will ich der Sache auch gar nicht auf den Grund gehen. Ich stelle das schmale Bändchen ins Regal und nehme mir einfach ein anderes Buch, das mir hoffentlich besser gefällt.

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Ganz anders empfindet der geschätzte Bloggerkollege Gérard diesen Roman. Für ihn ist das ein literarischer Hochgenuss. http://pop-polit.com/2015/05/25/andreas-maier-der-ort-roman/

Titelfoto: Gabriele Luger

2 thoughts on “Kurz aber nicht weilig

  1. Moin 😉 ich war zögerlich das Buch zu bestellen und weiß jetzt auch warum : Es ist eine Knausgardkopie, irgendwie ! Knausgard allerdings lese ich wie eine Unterhaltung mit einem guten Freund. Dieser norwegische Autor kommt mir nah, hat Tiefe und selbst wenn manche Abschnitte sehr lang erscheinen, bewahrt er einen Spannungsbogen. Jederzeit könnte z.b. der Vater unberechenbar dazwischenkommen usw usw usw. Lese bereits das 3. Buch „Spielen“. Keine Ahnung woher diese Anziehungskraft kommt, sprachlich aber auch besonders emotional. Das ist schon sehr verrückt. Danke für die Rezension. Ich finde es immer gut, wenn Rezensenten wirklich aus sich selbst heraus schreiben und denken.

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    • Wenn Dir Knausgard gefällt, dann würde ich es doch mal mit Maier versuchen. Mich konnte der Norweger ja nicht so begeistern. Auch da fehlte mir etwas. Und was bei Knausgard der unberechenbare Vater, ist bei Maier das unberechenbare Ich.

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