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Am Ende der Vorstellungskraft

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Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen.

Stell dir vor, du wachst morgens auf und auf einmal ist alles anders. Eine andere Welt da draußen, alles dunkel, alles leblos, alles kalt. Stell dir vor, du bist mit ein paar Freunden ganz allein auf dieser Welt. Ihr wandert umher, wisst aber nicht wohin, wisst nicht warum und wieso. Und am Ende kehrt ihr einfach wieder um und geht dahin zurück, wo vor ein paar Tagen noch alles in Ordnung war.

Und jetzt stell dir vor, das Ende ist nicht nur das Ende dieser Geschichte oder das Ende aller Vorstellungskraft, sondern es ist auch das Ende allen Lebens und vielleicht sogar das Ende der Welt. Und dann stell dir bitte noch vor, da sitzt einer in der schönen Schweiz am Schreibtisch, guckt aus dem Fenster auf den See und die Berge, und dieser Mann stellt sich all das vor. Und nicht nur das. Er schreibt es auf und macht daraus so einen typischen „Stell-Dir-mal-vor“-Roman und nennt ihn: „Eigentlich müssten wir tanzen.“

Jetzt habe ich eigentlich schon den ganzen Plot erzählt. Dieser Roman spielt mit unserer, des Lesers Vorstellungskraft. Wir bekommen ein Endzeit-Szenario präsentiert, werden in diese kalte Welt geworfen und ständig gezwungen, uns das alles vorzustellen: die Hoffnungslosigkeit, die Kälte, die Auflösung sämtlicher ethisch-moralischer Werte, die Verrohung, die Sinnlosigkeit. Ab und zu dürfen wir zurückreisen, gedanklich, in die Zeit vor all dem. Die gute alte Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, wir das aber alles gar nicht mitbekommen haben. Stattdessen nur unsere kleinen Probleme im Kopf hatten, den Focus ganz eng gestellt. Und dann werden wir wieder zurückgebeamt, zwei Wochen weiter vor, wieder in die Kälte, wieder ins Elend, wieder ans Ende aller Vorstellungskraft.

Stell dir vor, du würdest ein Buch mit so einer Geschichte lesen. Wie würdest du das finden? Würde dich das schockieren, aufwühlen, nachdenklich stimmen? Würdest du dir als Leser alles brav vorstellen, so wie der Autor das augenscheinlich von dir erwartet? Oder würdest du dich sperren und diesen Vorstellungszwang einfach nicht mitmachen? Denn es ist dir zu billig, zu aufgesetzt, zu konstruiert. Nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich. Kurze Sätze, lange Sätze. Mal beschreibend, erzählend, einfach und schlicht. Dann wieder assoziativ, durchmischt, konstruiert, verwirrend. Nicht alles wird durch die Beschreibung klarer. Soll es ja auch nicht. Denn was ist schon klar, wenn die Welt am Ende ist und keiner weiß warum?

Man merkt vielleicht, dass ich nicht ganz so begeistert von diesem literarischen Endzeitszenario bin. Ja, mir war das alles ein wenig zu aufgesetzt, zu konstruiert – klingt blöd bei einer Dystopie, die ja immer irgendwie konstruiert ist – war aber so. Ich habe mich beim Lesen fast schon bedrängt und zum Vorstellen genötigt gefühlt. Klingt auch blöd bei einer Fiktion, die ja Vorstellungsvermögen voraussetzt. Aber für mich war das alles zu zwangsläufig. Die Massenvergewaltigung, der seinem Schicksal überlassene Freund mit dem gebrochen Fuß, die verminte Grenze, die Rückkehr in die Hütte, der Mord und dann auch noch der Bruch mit dem letzten denkbaren Tabu.

Ich weiß nicht, aber mir hat das alles nicht gefallen. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr mit Valerie Fritschs Winters Garten ein weiteres literarisches Endzeitszenario erschienen ist, das mich wesentlich mehr beeindruckt hat. Im gleichen Verlag, mit ungefähr dem gleichen Umfang und wie Helle, auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Auch bei Fritsch geht die Welt unter, und man erfährt nicht, warum und wieso. Aber anders als bei Helle fühlt man sich gedanklich nicht gedrängt. Alles ist weniger offensichtlich und zwangsläufig. Bei Valerie Fritsch verabschieden wir uns als Leser von der Welt auf eine ganz individuelle Art und Weise. Mit sonnenschweren Assoziationen, gefühlsstarken Bildern und durch kraftvolle Poesie geläutert. Bei Helle ist es ganz anders. Da bleibt zum Schluss ein erhobener Zeigefinger, ein Schulterzucken und ein Kopfschütteln, das sagt: „Nein, ich will mir das nicht vorstellen müssen“.

Diese Rezension gibt es auch als Radio-Podcast auf Literaturradio Bayern.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
173 Seiten, 19,95 €
Hier direkt bei Buchhandel.de bestellen.

Weitere Links: 
Kurz-Interview mit Heinz Helle auf Sophie Weigands Blog Literaturen und dazu auch eine Rezension.

Weitere Rezension findet man auf den Blogs der Buchpreisblogger-Kollegen Uwe Kalkowski und Jochen Kienbaum.

Heinz Helle liest zehn Seiten aus seinem Buch.

 

 

Ein Kommentar zu “Am Ende der Vorstellungskraft

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