Leserbrief #2

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Lieber Benjamin,

nicht mehr lange, dann erscheint dein neuer Roman. Ist es überhaupt ein Roman? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ist ja auch egal. Ich habe mich auf alle Fälle tierisch gefreut, als ich davon erfahren habe. Panikherz soll er heißen. Richtig gut soll er sein. Wieder an die alten Zeiten anknüpfen. An damals, als du die Lesebühnen gerockt hast und ganz anders warst als die anderen. Mit Diaprojektor und Musik, mit jungen Mädchen, die kreischten, wenn du die Bühne betreten hast.

Ich weiß das noch zu gut, denn ich war dabei, habe dich mal gesehen. Damals in Düsseldorf im Zakk – ist jetzt bestimmt schon fast zwanzig Jahre her. Der Laden war brechend voll, und ich war so voller Missgunst. Ich habe dich bewundert und dich gleichzeitig gehasst. Aber in erster Linie bin ich fast gestorben vor Neid. Du warst Anfang zwanzig und hattest bereits alles erreicht, was ich aus meiner damaligen Sicht als erstrebenswert erachtet habe. Du hattest ein saucooles Buch geschrieben, du wurdest im Fernsehen und im Feuilleton als der deutsche Nick Hornby gefeiert, dir lag die Welt zu Füßen.

Und ich? Ich war zehn Jahre älter als du, hatte mit Müh und Not einen Babysitter für diesen Abend besorgt, bin um halb sechs von der Arbeit nach Hause geeilt, musste mich von Kollegen fragen lassen, ob ich einen halben Tag Urlaub genommen hätte und zu Hause, wo ich denn jetzt erst herkäme. Egal, wir haben es dann irgendwie doch noch pünktlich zu deiner Lesung geschafft. Nur umziehen konnte ich mich nicht mehr. Ich saß da also mit einem 90er-Jahre Anzug mitten im coolsten Szene-Publikum und konnte mir gerade noch die rotgestreifte Krawatte abnehmen. Nur um dann zu sehen, dass auch du mit Anzug und Krawatte auf die Bühne kamst. Aber mein Anzug und dein Anzug – dazwischen lagen in Sachen Coolness Welten – wie zwischen Roberto Blanco und David Bowie. „Guck mal“, sagte meine damalige Frau, „der hat das Gleiche an wie Du“. Und ich fragte mich, will sie mich nur trösten, oder sieht sie den Unterschied tatsächlich nicht?

Egal – diesen Abend habe ich bis heute nicht vergessen. Dich da stehen zu sehen, mit dieser ungeheuren Leichtigkeit, dieser Selbstsicherheit, dieser Eloquenz, dem Erfolg, den kreischenden Groupies und dem nicht zu leugnenden Talent – das hat mich nicht nur tief beeindruckt, das hat etwas in mir zerstört. Auf einmal war alles dahin, alle Hoffnung und Zuversicht, es irgendwann auch mal zu schaffen, mit meinem kleinen Talent, mit meinen bescheidenen, schriftstellerischen Ambitionen. Denn neben Beruf und Familie hatte ich da noch so ein kleines Manuskript, an dem ich nachts akribisch arbeitete. Aber nach diesem Abend war erst mal Schluss damit. Das ist alles Scheiße, das rockt nicht, das ist Roberto Blanco.

Erst Jahre später habe ich daran weitergearbeitet, habe es soweit gebracht, dass man es vorzeigen konnte, habe es zehnmal ausgedruckt, gebunden und bin damit zur Buchmesse nach Leipzig gefahren. Wie Blei lagen die Manuskripte in meiner Tasche. Ich bin durch die Messehallen getigert, habe hier und da mal vorgesprochen und bin natürlich kein einziges Manuskript losgeworden. Aber dich habe ich gesehen. Am Stand deines Verlages, im Gespräch mit Marcel Reif. Damals warst du schon drauf. Ich wusste das natürlich nicht und sah nur die ganzen Speichellecker um euch herum, den Hofstaat der VIPs. Ich sah dich lachen, sah deine Bücher im Regal stehen, deinen Namen in großen Lettern am Stand. Und dann sah ich zu, dass ich wieder nach Hause kam.

Seitdem ist das Thema Schriftsteller für mich ein für allemal gestorben. Die zehn Manuskripte habe ich neulich im Keller in einer alten Umzugskiste wiedergefunden. Sie einfach wegzuschmeißen, konnte ich nicht über mich bringen. Ich habe die Kiste einfach zugemacht und bin wieder hochgegangen.

Stattdessen mache ich jetzt das hier. Ich blogge über Bücher, ich erlaube mir ein Urteil über etwas, das ich selbst nie geschafft habe. Und was soll ich sagen? Es ist gar nicht mal so schlecht. Von Monat zu Monat klicken mehr Leute auf meine Seite. Jetzt im Januar waren es über 5.500 Klicks. Gar nicht so übel, oder? Ich frage mich, erreicht ein durchschnittlicher Debütautor überhaupt so viele Leser?

Du kannst über solche Zahlen natürlich nur lachen. Du bist da ganz anderes gewohnt. Aber ich weiß ja auch, dass dich das alles fertig gemacht hat. Dass Du dem Drogentod noch mal gerade so von der Schippe gesprungen bist. Und so fühlt sich Otto-Nomalverbraucher wieder halbwegs wohl in seiner Haut. Ich bin gar nicht mehr neidisch auf dich, sondern freue mich, dass es dir wieder gut geht, dass Du ein neues Buch geschrieben hast, dass ich es lesen und rezensieren darf. Und ganz besonders freue ich mich auf Deine Lesung in Düsseldorf. Am 19. April – natürlich wieder im Zakk. 

Sei bis dahin herzlich gegrüßt von
deinem alten Buddy aus dem Buchrevier

12 thoughts on “Leserbrief #2

  1. 90er Jahre Deutschland – da hab ich nur ganz wenig mitbekommen. Habe noch nix von ihm gelesen. Der Name ist mir ein Begriff, aber sonst. Hmm. Sollte ich ihn kennenlernen, was meinst Du ?

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  2. Damals war Stuckrad-Barre meine erste Lesung, habe mich blendend unterhalten gefühlt. Dass er für Harald Schmidt geschrieben hat, merkte man recht deutlich. „Soloalbum“ war für mich aber schon damals nur ganz nett, weil es mich zu stark an Hornby erinnerte und nur wenig eigenständig war – eher so ein Popliteratur-Prototyp. Als Journalisten und Essayisten fand ich ihn später jedenfalls interessanter.

    Aber auf deine Manuskripte von damals wäre ich ja schon recht neugierig! 😉

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  3. Zu Benamin Stuckrad-Barre kann ich nicht viel sagen, obwohl ich „Soloalbum“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2011/10/31/soloalbum/gelesen habe, dafür aber etwas zu den eigenen Manuskripten, die im Keller oder in den Regalen schlummern und wie man dadurch zum (Bücher)bloggen kommt.
    Denn ich bin auch eine, die seit über vierzig Jahren schreibt und damit in den untersten Etagen der Klein- und Kleinstliteraturzeitschriften vor sich hin dümpelte, bis sie 2000 angefangen hat, ihre Bücher selbst herauszugeben.
    Damals hat man das „Eigenverlag“, ein Wort, das ich immer bekämpfte, genannt und man war damit aber sowas von out.
    2008 habe ich dann sicher deshalb zu bloggen angefangen, um mein literarisches Leben zu dokumentieren, schreibe aber weiter, obwohl ich inzwischen auch schon bald ausgeschrieben bin und unter der mangelnden Anerkennung sicher leide. Trotzdem würde ich raten, das eigene Schreiben wertzuschätzen, wenn es einem wichtig ist, also die Kiste nur im Keller lassen, wenn man selber davon überzeugt ist, daß sie nichts taugt und einer längst vergangenen Phase angehört.
    Sonst würde ich empfehlen weiterzuschreiben und sich nicht mit Martin Walser, Benjamain von Stuckrad-Barre, etc, zu vergleichen, wenn man sich nicht vielleicht ganz heimlich denkt, wie das mir jetzt manchmal passiert, so gut bin ich eigentlich auch und das (Bücher)bloggen ist für mich kein Ersatz, sondern eine Ergänzung meines Lebensstils, zu dem das Schreiben und das Lesen gehört.
    Deshalb bin ich vielleicht auch nicht so „kritisch“ und schmeiße ein Buch auch nicht nach zehn, zwanzig, vierzig, sechzig oder was immer Seiten weg und lasse Autoren auch weiterschreiben, wenn sie ihren Zenit schon hinter sich ließen!
    Wieder liebe Grüße aus Wien und der Salzburg-Aufenthalt https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/02/01/salzburg-buechertour/war ein Erfolg, auch wenn er mich dann vom Bahnhof weg in die „Alte Schmiede“ zu Peter Handke und „Jung und Jung“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/02/01/zwischen-peter-handke-und-jochen-jung/ trieb.
    Und diese „Bücherbrief“ sind wahrscheinlich schon als literarische Texte anzusehen, die wie man sieht, auch ihre Fans finden!

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    • Liebe Frau Jancak,
      es ist immer ein wenig anstrengend, Ihre verwirrend assoziativ konstruierten und mit Links gespickten Texte zu lesen. Aber es lohnt sich, denn es stecken immer wieder viele kluge Gedanken dahinter. Mit der Zeit sind Sie mir richtig ans Herz gewachsen und ich würde mich freuen, wenn wir uns mal auf der Buchmesse in Leipzig oder Frankfurt zu einem Einspänner oder Verlängerten zusammensetzen.

      Herzlichst grüßt Ihr
      Bloggerkollege aus dem Buchrevier.

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      • Ja, gern, wenn das ein Kopliment ist, ich fasse es jedenfalls als solches auf und Arno Schmidt und Ulrich Pelzer, beziehungsweise Elfriede Jelinek, mit denen ich mich natürlich nicht vergleiche, schreiben ja auch sehr kompliziert!
        Ich lese Ihre Texte auch sehr gerne, obwohl ich sie, wie Sie wahrscheinlich merkten, manchmal als etwas „überheblich“ finde, aber die Männer sind eben selbstbewußter als die Frauen und ich komme auch nach „Leipzig“.
        Nach „Frankfurt“ nicht, das ist mir zu teuer und hat mir nach den zwei Besuchen, die ich dort machte, gereicht.
        Wir können uns also gerne in Leipzig treffen, ich habe mich allerdings noch nicht Bloggerin aggredidiert, werde als vielleicht mit einer Dauerkarte kommen und kann dann nicht in diese Bloggerlounge.
        Aber am Donnerstag hat es um vier immer im Österreich-Cafe einen Österreichempfang gegeben, ich bin zwar nicht ganz sicher, ob wir nicht erst am Donnerstag fahren, aber dort kann man sicher nach mir fragen und es gibt auch viele Fotos auf meinen Blog und Einspänner bzw. Verlängerten wird es dort wahrscheinlich auch geben!
        Vielen Dank für Ihre Anteilnahme, die mich sehr freut!

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