Was vom Lesen übrig bleibt

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…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

Leserbrief #2

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Lieber Benjamin,

nicht mehr lange, dann erscheint dein neuer Roman. Ist es überhaupt ein Roman? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ist ja auch egal. Ich habe mich auf alle Fälle tierisch gefreut, als ich davon erfahren habe. Panikherz soll er heißen. Richtig gut soll er sein. Wieder an die alten Zeiten anknüpfen. An damals, als du die Lesebühnen gerockt hast und ganz anders warst als die anderen. Mit Diaprojektor und Musik, mit jungen Mädchen, die kreischten, wenn du die Bühne betreten hast.

Ich weiß das noch zu gut, denn ich war dabei, habe dich mal gesehen. Damals in Düsseldorf im Zakk – ist jetzt bestimmt schon fast zwanzig Jahre her. Der Laden war brechend voll, und ich war so voller Missgunst. Ich habe dich bewundert und dich gleichzeitig gehasst. Aber in erster Linie bin ich fast gestorben vor Neid. Du warst Anfang zwanzig und hattest bereits alles erreicht, was ich aus meiner damaligen Sicht als erstrebenswert erachtet habe. Du hattest ein saucooles Buch geschrieben, du wurdest im Fernsehen und im Feuilleton als der deutsche Nick Hornby gefeiert, dir lag die Welt zu Füßen.

Und ich? Ich war zehn Jahre älter als du, hatte mit Müh und Not einen Babysitter für diesen Abend besorgt, bin um halb sechs von der Arbeit nach Hause geeilt, musste mich von Kollegen fragen lassen, ob ich einen halben Tag Urlaub genommen hätte und zu Hause, wo ich denn jetzt erst herkäme. Egal, wir haben es dann irgendwie doch noch pünktlich zu deiner Lesung geschafft. Nur umziehen konnte ich mich nicht mehr. Ich saß da also mit einem 90er-Jahre Anzug mitten im coolsten Szene-Publikum und konnte mir gerade noch die rotgestreifte Krawatte abnehmen. Nur um dann zu sehen, dass auch du mit Anzug und Krawatte auf die Bühne kamst. Aber mein Anzug und dein Anzug – dazwischen lagen in Sachen Coolness Welten – wie zwischen Roberto Blanco und David Bowie. „Guck mal“, sagte meine damalige Frau, „der hat das Gleiche an wie Du“. Und ich fragte mich, will sie mich nur trösten, oder sieht sie den Unterschied tatsächlich nicht?

Egal – diesen Abend habe ich bis heute nicht vergessen. Dich da stehen zu sehen, mit dieser ungeheuren Leichtigkeit, dieser Selbstsicherheit, dieser Eloquenz, dem Erfolg, den kreischenden Groupies und dem nicht zu leugnenden Talent – das hat mich nicht nur tief beeindruckt, das hat etwas in mir zerstört. Auf einmal war alles dahin, alle Hoffnung und Zuversicht, es irgendwann auch mal zu schaffen, mit meinem kleinen Talent, mit meinen bescheidenen, schriftstellerischen Ambitionen. Denn neben Beruf und Familie hatte ich da noch so ein kleines Manuskript, an dem ich nachts akribisch arbeitete. Aber nach diesem Abend war erst mal Schluss damit. Das ist alles Scheiße, das rockt nicht, das ist Roberto Blanco.

Erst Jahre später habe ich daran weitergearbeitet, habe es soweit gebracht, dass man es vorzeigen konnte, habe es zehnmal ausgedruckt, gebunden und bin damit zur Buchmesse nach Leipzig gefahren. Wie Blei lagen die Manuskripte in meiner Tasche. Ich bin durch die Messehallen getigert, habe hier und da mal vorgesprochen und bin natürlich kein einziges Manuskript losgeworden. Aber dich habe ich gesehen. Am Stand deines Verlages, im Gespräch mit Marcel Reif. Damals warst du schon drauf. Ich wusste das natürlich nicht und sah nur die ganzen Speichellecker um euch herum, den Hofstaat der VIPs. Ich sah dich lachen, sah deine Bücher im Regal stehen, deinen Namen in großen Lettern am Stand. Und dann sah ich zu, dass ich wieder nach Hause kam.

Seitdem ist das Thema Schriftsteller für mich ein für allemal gestorben. Die zehn Manuskripte habe ich neulich im Keller in einer alten Umzugskiste wiedergefunden. Sie einfach wegzuschmeißen, konnte ich nicht über mich bringen. Ich habe die Kiste einfach zugemacht und bin wieder hochgegangen.

Stattdessen mache ich jetzt das hier. Ich blogge über Bücher, ich erlaube mir ein Urteil über etwas, das ich selbst nie geschafft habe. Und was soll ich sagen? Es ist gar nicht mal so schlecht. Von Monat zu Monat klicken mehr Leute auf meine Seite. Jetzt im Januar waren es über 5.500 Klicks. Gar nicht so übel, oder? Ich frage mich, erreicht ein durchschnittlicher Debütautor überhaupt so viele Leser?

Du kannst über solche Zahlen natürlich nur lachen. Du bist da ganz anderes gewohnt. Aber ich weiß ja auch, dass dich das alles fertig gemacht hat. Dass Du dem Drogentod noch mal gerade so von der Schippe gesprungen bist. Und so fühlt sich Otto-Nomalverbraucher wieder halbwegs wohl in seiner Haut. Ich bin gar nicht mehr neidisch auf dich, sondern freue mich, dass es dir wieder gut geht, dass Du ein neues Buch geschrieben hast, dass ich es lesen und rezensieren darf. Und ganz besonders freue ich mich auf Deine Lesung in Düsseldorf. Am 19. April – natürlich wieder im Zakk. 

Sei bis dahin herzlich gegrüßt von
deinem alten Buddy aus dem Buchrevier

Lila Azam Zanganeh – Der Zauberer

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Nabokov und das Glück.

Ich habe so etwas noch nie gelesen und kann auch nach der Lektüre dieses Buches immer noch nicht sagen, was es genau ist. Es ist auf alle Fälle kein Roman, aber auch kein Sachbuch. Es hat etwas von einem literaturwissenschaftlichen Essay, hier und da meint man, eine in sich geschlossene Kurzgeschichte erkannt zu haben. Dann wieder kommt es einem vor wie Tagebucheinträge, ja wie ein Blog, mit unterschiedlichen Rubriken und Menüpunkten, die aber für die analoge Printversion entfernt wurden, wodurch die einzelnen Beiträge einfach kunterbunt hintereinander weggedruckt wurden. Aber egal, was es auch immer ist oder auch nicht ist – es ist gut.

Alleine schon die Grundidee ist phänomenal. Die Autorin Lila Azam Zanganeh schreibt über sich als Leserin, Leserin eines Autors, der wenige Monate nach ihrer Geburt bereits gestorben ist: Vladimir Nabokov. Wir lesen was sie von ihm liest, wie sie liest und was sie sich dazu denkt. Indem sie uns an ihrem Lesen teilhaben lässt, wird auch für uns Leser ihr Lieblingsautor Nabokov wieder lebendig. Und nicht nur das – auch sein Sohn, seine Frau, seine Romanfiguren, die Romansettings und die Lebensstationen des russischen Autors tauchen vor unserem inneren Auge auf, durchmischen sich mit dem Leben der Autorin, Nabokovs und verwischen dabei die Grenzen. Stellenweise weiß man nicht, ob man sich gerade in einer Romanszene des Skandalbuches Lolita oder im Berliner Exil befindet, wohin Nabokov nach der Oktoberrevolution geflohen ist.

Das alles ist literarisch unheimlich reizvoll komponiert, aber gleichzeitig auch total rätselhaft und verworren. Ich musste immer wieder zurückblättern, habe Passagen noch einmal gelesen und versucht, mich irgendwie in diesem Werk zu orientieren. Ganz zum Schluss habe ich ein ausführliches Quellenverzeichnis gefunden – aber da war es leider schon zu spät für meine Fragen. Trotzdem hat mich das in der Vermutung bestärkt, dass der Zauberer eigentlich mal als eine literaturwissenschaftliche Arbeit geplant war.

Aber von einem wissenschaftlichen Anspruch hat sich die Autorin ziemlich schnell wieder verabschiedet. Denn logisch, rational und wissenschaftlich ist dieses Buch beileibe nicht. Beim Blättern ist mir auch der Klappentext von Ilja Trojanow wieder aufgefallen, den ich vor dem Einstieg in die Lektüre schon gelesen, aber nicht besonders beachtet hatte. „Alle…waren sich einig, dass wir ein Werk gelesen hatten, dass so sehr verwirrt und verzaubert, provoziert und bestätigt, das einen Weg weist, von dem wir alle etwas ahnen, den wir aber selten betreten.“

Und obwohl ich von Trojanow als Autor nicht viel halte, hier hat er vollkommen recht. So einen Weg habe ich als Leser in der Tat noch nie betreten. Ich gebe zu, ich fühle mich auf diesem Pfad etwas unsicher, weiß nicht so recht, wie ich meine Schritte zu setzen habe. Normalerweise schreibe ich meine Rezensionen relativ schnell, weiß nach kurzem Nachdenken meistens ganz genau, was ich schreiben will. Aber bei diesem Buch war ich erst einmal ratlos. Ich wüsste auch nicht , ob und wem ich dieses Buch empfehlen sollte. Denn es ist nicht einfach. Die ersten Kapitel sind noch klar strukturiert. Wir begegnen dem Autor und dem Menschen Nabokov und erleben seine Entwicklung als Schriftsteller, verlassen mit ihm Russland, gehen mit ihm nach Berlin, in die USA und schließlich in die Schweiz auf Schmetterlingsjagd.

Dann wird es zusehends verworren und sonderlich. Die Autorin assoziiert und lässt sich gedanklich treiben, die Ebenen vermischen sich und man muss wie im dichten Nebel seinen Weg suchen. Das hat Längen, das ist bestimmt auch nicht jedermanns Sache, aber der Nebel lichtet sich kapitelweise auch wieder, so dass man sich zehn, zwanzig Seiten weiter wieder orientieren kann.

Das ganze Buch würde nicht funktionieren, wenn es sprachlich die Stimmung nicht tragen würde. Es ist von Susann Urban aus dem Englischen übersetzt und bewegt sich auf einem hohen literarischen Niveau. Wird heiter und leicht, wenn es auf Schmetterlingsjagd geht, melancholisch, getragen und geheimnisvoll, je mehr sich die Handlungsebenen durchmischen.

So ein richtiges Fazit kann ich bei diesem Buch nicht ziehen. Ich habe es zwischen den Jahren gelesen, hatte Ruhe, konnte mich darauf einlassen, drüber nachdenken. Darüber hinaus habe ich als leidenschaftlicher Leser eine Grundsympathie für alle, die leidenschaftlich gerne lesen. Es macht mich glücklich, Menschen zu begegnen, die ihr Glück zwischen zwei Buchdeckeln gefunden haben. Und da dies in der Literatur meistens unglaublich kitschig rüberkommt, hier aber nicht, hat mich das Lesen dieses Buches phasenweise auch sehr glücklich gemacht

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Edition Büchergilde
220 Seiten, 22,95 €
Hier direkt online bei Buchhandel.de bestellen.

Eine weitere  Rezension findet man auch auf Ilja Regiers Blog Muromez.

Hier auch ein sehr empfehlenswertes Video. Die Autorin über das Glück zu lesen und ihre Liebe zum Werk von Nabokov.

Kat Kaufmann – Die Superposition

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Dialogmassaker. 

Wenn ein Roman-Debüt mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wird, dann ist das schon was. Dann kann das Buch nicht schlecht sein, dachte ich mir so, fragte ein Leseexemplar beim Verlag an und googelte schon mal die Autorin.

Kat Kaufmann heißt eigentlich Ekaterina Kaufmann und dürfte alleine schon aufgrund ihrer Vita die Kulturbourgeoisie hierzulande in Entzücken versetzen. Die Autorin hat jüdische Wurzeln und wurde 1981 in der damaligen Sowjetunion geboren. In den Achtzigern ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland immigriert. Und alle Studienrätinnen so: Echt? Sie spricht akzentfrei Deutsch, hat eine flotte Schreibe spielt Klavier, komponiert Musikstücke und ist auch noch Fotografin. Und alle Ärzte und Rechtsanwälte so: Toll! Und dann sieht sie auch noch blendend aus, hat ein sympathisches Lächeln und kann eloquent und gewinnend erzählen. Und ich so: Yeah!

Als das Buch dann kam, blätterte ich rein und nickte zunächst zufrieden. Aber nach der Lektüre von ca. 50 Seiten stellte ich fest, dass ich mal wieder einem literarischen Hype aufgesessen bin. Denn dieses Buch ist in meinen Augen alles andere als ausgezeichnet. Es ist aufgesetzt, wirkt irgendwie krampfhaft gewollt und hat mich am Ende nur noch genervt.

Ganz besonders nervt die Protagonistin Izy, die genau wie die Autorin eine russisch, jüdische Allround-Künstlerin ist. Eine, die natürlich in Berlin lebt, Klavier spielt, komponiert und das macht, was Künstler halt so machen. Sich reiben, sich produzieren und in Szene setzen. Und zwar nicht nur auf der Bühne, sondern überall. Schon auf den ersten Seiten war mir die Hauptfigur total unsympathisch. Unheimlich selbstverliebt stolpert Izy von einer Gesprächssituation zur nächsten. Überhaupt ist der ganze Roman ein einziges Dialogmassaker. Seitenlange, wirre Gespräche teilweise im Drogenrausch, ein nicht enden wollendes Hin und Her an „sagt er/sagt sie“, Anführungsstriche oben, Anführungsstriche unten. Man verliert irgendwann den Faden, weiß auf einmal nicht mehr, wer jetzt was gesagt hat. Aber Izy erkennt man immer wieder. Sie ist immer die Coole, die Souveräne, die Überlegene, die Checkerin.

Sprachlich war ich zunächst ganz angetan. Oder sagen wir so: auf den ersten Seiten hat mir das gefallen. Abgehackte, unvollständige Sätze, Aufzählungen, Einschübe, Szenesprech. Für einen fünfminütigen Poetry Slam genau das Richtige. Aber für einen Roman ist dieser Sprachduktus dann doch eher ermüdend und nicht zielführend. Denn eine richtige Handlung kommt dadurch nicht in Gang. Ist aber auch nicht schade drum, denn dieser Migration-Religion-Berlin-Boheme-Selbstdarstellungsplot hätte mir auch in anderer Erzählform nicht gefallen.

Alles in allem ein enttäuschendes Werk, dessen Lektüre ich niemandem ernsthaft empfehlen kann. Und die deutsche Kulturbourgeoisie so: Warum?

Und ich so: Darum.

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Verlag: Hoffmann & Campe
272 Seiten, 20,00 €

Hier bestellen bei: Buchhandel.de

 

Juan S. Guse – Lärm und Wälder

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Meine neuen Laufschuhe? Ganz ok. Spaghetti Bolognese? Kann man essen. Der neue James Bond? Geht so. Jeder kennt das. Die meisten Dinge im Leben sind so ‚lala’. Hauen einen nicht vom Hocker, sind nicht richtig gut, aber auch nicht richtig schlecht. Mittelmaß halt. Selbst der Großteil der Bücher, die ich im meinem Leben so gelesen habe, fällt in diese Kategorie. Auch der Debütroman von Juan S. Guse macht da keine Ausnahme. ‚Lärm und Wälder’ ist nicht so schlecht, dass man die Lektüre irgendwann genervt oder gelangweilt abbricht, aber auch nicht so gut, dass es einen richtig packt und begeistert. Eben so lala.

Das beginnt schon beim Thema. Das geschmackvoll bedruckte Hardcover aus dem Fischerverlag ist – wie sollte es anders sein – mal wieder ein Endzeitroman. Derzeit scheinbar ein beliebtes Topic. Kein Wunder, denn die Gegenwartsliteratur greift ja meistens das auf, was vielen gerade so durch den Kopf geht. Und wer die Zeitung aufschlägt, kommt nicht umhin, sorgenvoll in die Zukunft zu schauen. Je jünger man ist, desto berechtigter die Sorge. Kein Wunder also, dass der blutjunge Juan S. Guse, geboren 1989, sich Sorgen macht und das literarisch verarbeitet.

Und wie er das macht, verdient durchaus Respekt. Sein Setting ist nicht ganz einfach, aber gekonnt inszeniert. Die Welt ist noch nicht ganz am Ende, aber es spitzt sich langsam zu. Richtig safe und unbehelligt lebt es sich nur noch in einer dieser sogenannten Gated Communities, mit Schutzzaun, privatem Sicherheitsdienst und peniblen Eingangskontrollen. Das kennt man aus den USA, Südafrika und vielen anderen Ländern, wo die Schere zwischen arm und reich besonders stark auseinander klafft.

Guse lässt seine Handlung in Südamerika spielen, am Fuße der Anden befindet sich Nordelta, eine dieser streng bewachten Siedlungen, wo die Privilegierten vor dem tobenden Mob noch halbwegs in Sicherheit sind. Wir begleiten eine vierköpfige Familie durch ihren Alltag in der Nordelta-Community. Da wird viel erklärt und muss nach Guses Ansicht wohl auch viel beschrieben werden, damit man sich das als Leser auch richtig vorstellen kann. Haushalt, Schule, Arbeit, Nachbarn, Glaubensgemeinschaft, Freizeit – das alles wird sehr ausführlich beschrieben. Das ermüdet etwas und lässt einen fast übersehen, dass der Jungautor sich mit einem Setting nicht zufrieden gibt und noch einen zweiten Handlungsstrang aufbaut.

So ganz trennscharf ist der Übergang nicht. Irgendwann habe ich aber doch mitbekommen, dass sich die Erzählperspektive geändert hat und wir uns in einer anderen Zeit an einem anderen Ort befanden. Pelusa und Hektor, die beiden Protagonisten, in ihrer Zeit vor dem Umzug nach Nordelta. Oder danach? So ganz klar wird das nicht.

Ist auch egal. Der zweite Handlungsstrang rettet auf alle Fälle die trotz aller Endzeitproblematik etwas dröge Rahmenhandlung. Und überhaupt – während der Roman ca. 200 Seiten lang eher durchschnittliche Unterhaltung bietet – sprachlich durchaus solide, nicht bemerkenswert, aber ganz ok – dreht Guse auf den letzten 100 Seiten noch einmal richtig auf. Da freut man sich dann, dass man doch dran geblieben ist, den Roman nicht vorschnell in die Ecke gelegt hat und das Ende der Geschichte doch noch mitbekommt.

Mein Fazit? Kann man lesen, muss man aber nicht.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Fischer
320 Seiten, 19,99 €
Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

 

Rainald Goetz – Johann Holtrop

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Ich konnte diesen Lackaffen ja noch nie leiden. Mit seinen halsabschneidenden Button-Down-Hemden, der randlosen Brille, seinen Krawattennadeln und Manschettenknöpfen. Alles Dinge, die so gar nicht gehen und auch schon in den 90ern nicht gingen. Die Rede ist von Thomas Middelhoff, alias Johann Holtrop, wie der Autor ihn in seinem Schlüsselroman nennt. Ehemaliger CEO der Bertelsmann AG (im Buch Assperg AG genannt) danach Arcandor-Chef (hier: Lanz AG) und zuletzt Untersuchungshäftling in der JVA Essen. An keiner Persönlichkeit der deutschen Wirtschaft kann man den Aufstieg und Fall eines Top-Managers besser skizzieren als an Big T., wie Middelhoff in seinen Glanzzeiten genannt wurde.

Im Gegensatz zum Protagonisten kann ich den Autor Rainald Goetz gut leiden. Wie er erst neulich vor dem versammelten Hochkulturbetrieb bemerkenswert dilettantisch den Wanda-Klassiker „Bologna“ intonierte – das hatte was. Und nicht zu vergessen: seine blutige Klagenfurt Performance – legendär. Doch gelesen habe ich bisher nichts von ihm. Darum war ich auch ganz besonders gespannt auf diesen Roman aus dem Jahr 2012, dessen damalige Nicht-Nominierung zur Shortlist des Deutschen Buchpreises für allerlei böses Blut gesorgt hat. Aber das sind alte Geschichten, wie auch die von Big T.

Ja, in unserer schnelllebigen Zeit ist das alles schon sehr lange her. Man wundert sich, wie schnell man Typen wie Rolf Breuer, Mark Wössner, Josef Ackermann und Leo Kirch schon wieder vergessen hat. Alles Charaktere, die in diesem literarischen Top-Business-Drama unter anderen Namen vorkommen. Genauso wie Hubert Burda, Maria Furtwängeler, Liz Mohn, Friede Springer und Mathias Döpfner. Ich hatte meinen Spaß daran, die Romanfiguren den Real-Life Persönlichkeiten zuzuordnen. Ich freute mich, als ich im stumpenhaft daherkommenden Herrn Schwaake irgendwann Hubert Burda erkannte und dann auch wusste, dass der ihn um zwei Köpfe überragende Messmer, CEO von Gosch, niemand anderes sein kann als Mathias Döpfner, CEO von Springer.

Nicht, dass ich jemals mit einem dieser Top-Managern zu tun hatte. Ich bin da eher zwei Hierarchiestufen darunter unterwegs. Aber dieser Holtropsche Business-Typ hat mich durch mein gesamtes, bisheriges Berufsleben begleitet. Solche gab und gibt es auch im mittleren Management, nicht ganz so grandios und charismatisch wie Holtrop, aber doch vergleichbar. Das sind diese Time-System-Typen, die nichts anders kennen, als für den Erfolg zu funktionieren. Mit Vorzimmerdame und persönlichem Assistenten, mit Terminen in den USA und China und einem gelegentlichen First-Class Upgrade beim Interkontinentalflug. 150 Prozent Effektivität, der ganze Tag mit spitzem Bleistift durchgeplant, perfektes Business Outfit, morgens die Ersten und abends die Letzten im Büro. Das Leben und Denken solcher Leute besteht zu 95 Prozent nur aus Firma und persönlicher Karriereplanung. Da ist kein Platz für Familie, Freizeit oder mal ein gutes Buch.

Das alles beschreibt Götz sehr eindringlich und treffend. Obwohl der Autor keine Konzernerfahrung hat, gibt er die internen Abläufe, die kleinen und großen Intrigen, die quälend langen, ergebnislosen Meetings sehr authentisch wieder. Das gilt auch für die Management-Innensicht, die Geringschätzung der Führungskräfte füreinander. Der tägliche Kampf der Alpha-Männchen, die sich nicht zerfleischen, weil sie sich in ihrer gegenseitigen Verachtung aber auch gegenseitig tolerieren.

Dass sich das alles sogar recht fesselnd und spannend liest, liegt vor allem an der Sprache dieses Romans. Und wenn man Rainald Götz lesen sieht, weiß man auch wie er das macht. Er schreibt nicht, er komponiert Sätze. Eine Hand hält das Buch, die andere dirigiert und gibt den Rhythmus vor. Seine Sätze klingen, haben eine Melodie und transportieren die jeweilige Stimmung der Romanszene. Werden leicht und einfach, wenn auch Holtrop entspannt und in Plauderlaune ist. Dann wieder lang, kompliziert, verdichtet und verschachtelt, wenn es eng und bedrohlich wird.

Ich merke immer ob mir ein Buch gefällt, wenn ich mich auf dem Nachhauseweg schon auf die abendliche Lektüre freue. Und das habe ich bei diesem Roman definitiv getan. Es war ein rauschendes Leseerlebnis und eine bedrückende Charakterstudie. Selbst Tage danach hat mich die Frage nicht losgelassen: Muss man so sein, um Erfolg zu haben?

Über die Antwort denke ich immer noch nach.

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Diese Rezension gibt es auch als Audio-Podcast auf Literaturradio Bayern:
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Verlag: Suhrkamp
342 Seiten,  Taschenbuch, 10,00 €
Online bei Buchhandel.de bestellen.

 

Cornelia Travnicek – Junge Hunde

 

Man kann davon ausgehen, dass jeder Autor sich ganz genau überlegt, mit welchem Satz er einen Roman beginnt. Und wenn er nicht selber darauf achtet, dann werden es Verlag und Lektor tun. Denn der erste Satz muss sitzen. Er ist ein Versprechen, eine Art Willkommensgruß, spannt den Bogen, bestellt das Feld. Auch Cornelia Travnicek wird sich etwas dabei gedacht haben, als sie den folgenden ersten Satz für ihren Roman „Junge Hunde“ ausgewählt hat: „Der Tag ist frühmorgens mit flüssigem Licht übergossen worden und lichtern trieft es nun an den Bäumen herab.“

Ja, was hat sich die junge, österreichische Autorin wohl dabei gedacht? Ich nehme an, sie wollte einen stimmungsvollen Einstieg schaffen, wollte zeigen, dass es in diesem Roman um große Gefühle geht. Es wird übergossen und es trieft. Also weniger Plot, mehr Stimmung – getragen, poetisch-literarisch, anspruchsvoll. Alles schön und gut, aber musste sie mit einem Satz beginnen, der auch von Günter Grass hätte stammen können?

Problematisch ist dieser lichtern triefende und altmodisch anmutende Satz, von dem es im weiteren Verlauf des Romans noch weitere gibt, weil er so gar nicht zum flockig, poppigen Auftritt dieses klassischen Coming-of-Age-Romans passt. So zielt die günstige Paperback-Ausgabe mit einem schmelzenden Cuja-Mara Split auf petrolfarbenem Cover ganz klar auf eine junge Leserschaft. Jung wie die beiden Romanhelden Johanna und Ernst – beide Mitte Zwanzig, beide fertig mit dem Erwachsenwerden, beide vor dem nächsten Entwicklungsschritt. Eine schwierige Zeit, rückblickend betrachtet sogar die allerschwerste Zeit im Leben. Tausend Fragen, auf die man eine Antwort finden muss. Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Wer liebt mich? Wen liebe ich? Was ist Liebe überhaupt?

Und während Johanna gerade dabei ist, all diese Rätsel zu lösen, stirbt plötzlich der Hund, mit dem sie aufgewachsen ist und es wird ernst mit dem Erwachsensein. Jetzt noch schnell einen Haken an die letzte, alles entscheidende Frage machen – Wo komm ich her, was macht mich aus? – und dann durchstarten in ein verantwortungsvolles Leben.

Aber in diesem Roman wird nicht durchgestartet, es wird erst mal aufgeräumt. Und zwar in Johannas ehemaligem Elternhaus. Und das ist düster, verstaubt und bedeutungsschwer. Also das genaue Gegenteil von dem, was das sommerlich leichte Pop-Art-Cover verspricht. Und so geht es auf den 235 Seiten dieses Romans auch weiter.

Die Sprache ist melancholisch getragen, die Handlungsstränge durch surreale Einschübe gebrochen, keine Leichtigkeit, kein Witz, keine Dynamik. Beinahe hätte ich gesagt: typisch österreichisch. Eine konstant morbide Stimmungslage beherrscht das Setting. Auch der zweite Romanheld Ernst, der in China auf der Suche nach seinen Wurzeln ist, erlebt keine wirklich gute Zeit.

Dass diese Melancholie nicht einfach nur dem Österreichischen entspringt, sondern von der Autorin ganz bewusst ein- und aufgesetzt wurde, zeigt sich in dieser Gesprächspassage zwischen Johanna und ihrem Nachbarn Glantz: „Wissen Sie, der Mensch hat ein Recht darauf, traurig zu sein. Sind Sie manchmal traurig? Das ist gut. Traurig sein ist gut. Lassen Sie sich das nicht nehmen. Auch jungen Menschen steht es zu, ein wenig melancholisch gestimmt zu sein, ja wirklich…Nichts wofür man sich schämen müsste.“

Und damit wird klar, was die Autorin ihren Protagonisten und Lesern für den nächsten Lebensabschnitt mit auf den Weg gibt: Ohne Trauer, keine Freude, ohne Schwermut, keine Leichtigkeit, ohne Ängste, keine Sorglosigkeit. Und daraus ergibt sich zwangsläufig: ohne Rückschritt, keine Entwicklung. Eigentlich ein schönes Fazit für einen Entwicklungsroman, der zwar hier und da einige Schwächen und Längen hat, aber gleichzeitig auch beeindruckend dicht, intensiv und authentisch ist. Und ja, traurig ist er natürlich auch. Aber wie sagt der Österreicher? Kein Grund gleich den „Fotz hängen zu lassen“.
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Titelfoto: Gabriele Luger
Verlag: DVA
238 Seiten, 14,99 €

Auf Youtube findet sich auch ein Buchtrailer:

Eine weitere, lesenswerte Rezension samt einem Autoreninterview haben Mareike und Maike auf ihrem Blog Herzpotenzial veröffentlich.

Fuminori Nakamura – Der Dieb

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Nachdem ich die letzten Wochen immer wieder schwere literarische Kost mit mir herumgeschleppt habe, lag das schmale Diogenes-Buch dieses jungen japanischen Autors angenehm leicht in den Händen. Großzügig formatierte 200 Seiten, die ein aufgelockertes Lesevergnügen versprachen. Überhaupt – wie lange habe ich eigentlich schon nichts mehr von Diogenes gelesen? Früher war das definitiv einer meiner Lieblingsverlage. Ich sag nur Philippe Djian, John Irving, Ray Bradbury und vor allem Raymond Chandler! Alles echte literarische Helden, die mich in jungen Jahren stark geprägt haben. Im Verlauf der letzten Jahre hatten Diogenes und ich uns aber eher weniger zu sagen. Hier und da mal ein Suter, ein McCarten oder McEwan – das war es aber auch schon. Ich verweise nur auf definitive No-Gos im Verlagsprogramm wie Paulo Coelho oder Donna Leon.

Aber mit einem neuen, hoffnungsvollen japanischen Autor im Angebot (neben Banana Yoshimoto) ist Diogenes in diesem Herbst wieder ziemlich sexy unterwegs. Ich suche ja schon seit Jahren nach einem Zweit-Murakami, so dass ich im Frühjahr schon hellhörig wurde, als Fuminori Nakamura als japanischer Dostojewski angekündigt wurde. In der aktuellen Verlagswerbung wird dieser Vergleich wohl aufgrund des schmalen Umfangs nicht mehr bemüht, aber ich finde ihn gar nicht so abwegig. Denn Stimmung und Figuren dieses kleinen Romans haben durchaus Dostojewski-Style.

Wie der Name des Romans schon sagt, rankt sich die Handlung um den professionellen Taschendieb Nishimura, der in seiner tristen, einsamen Großstadt-Existenz auch als Murakami-Protagonist durchgehen würde. Vielleicht war das ja der Grund, weswegen ich mich in dem Setting sofort wohl fühlte. Einsame Männer, die in lieblos eingerichteten Tokioter Ein-Zimmer-Appartements wohnen, in Bars herumlungern und ab und zu seelenlosen Sex mit Zufallsbekanntschaften haben – da stellt sich bei mir sofort dieses Haruki-Feeling ein.

Ich weiß nicht, ob das jetzt meine typisch westeuropäische Sichtweise ist, die alles Fernöstliche in einen Topf wirft und Japanisches nur schwer von Chinesischem oder Philippinischem unterscheiden kann. Oder ob Nakamura ganz bewusst diese Parallelen aufgebaut hat. Für mich sieht er auf dem Autorenfoto dem jungen Murakami auch sehr ähnlich. Aber mit japanischen Augen betrachtet besteht da wahrscheinlich eine ähnlich starke Übereinstimmung wie zwischen mir und Dieter Bohlen.

Wie auch immer, ich habe die Lektüre sehr genossen. Düster, stimmungsvoll und trotzdem leicht – das wären die Attribute, die ich diesem Roman zuordnen würde. Düster, weil zu keinem Zeitpunkt irgendwo ein Fünkchen Hoffnung aufkeimt. Weder beim Protagonisten, seiner Karriere als Robin Hood der Tokioter Taschendiebe, noch in der Annäherung eines namenlosen Jungen und seiner Mutter, die er beim Klauen im Supermarkt kennenlernt. Stimmungsvoll, weil es Nakamura mit nur wenigen Worten gelingt, eine klassische Film-Noir-Anmutung zu erzeugen. Mit dubiosen Gestalten im Trenchcoat, unberechenbarer Gewalt und Verbrechen in dunklen Gassen. Und zugleich leicht, weil Nakamura das alles zu einer wunderbaren, kleinen Geschichte zusammengefügt hat. Einer Geschichte, die mir nicht die Augen öffnen will, nicht die Welt erklären oder irgendeine Botschaft vermitteln will. Sondern einer Geschichte, die einfach nur spannend, stimmungsvoll und unterhaltsam ist.

Und das ist doch schon mal etwas. Danke Diogenes, für diese coole Entdeckung!

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Diogenes
211 Seiten, 22,00 €
Übersetzt von: Thomas Eggenberg

Ulrich Peltzer – Das bessere Leben

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Wenn Lesen zur Qual wird. 

Stell dir vor, du willst ein Buch lesen, aber der Autor lässt dich nicht. Legt dir tausend kleine Steine in den Weg. Formuliert sich um Kopf und Kragen, macht es absichtlich wirr und unlesbar. Du denkst zunächst, es ist ein Spiel. Eine kleine Geduldsprobe, um die Spreu vom Weizen zu trennen, die beiläufigen von den ernsthaft interessierten Lesern. Du denkst Dir, irgendwann wird er mit dem Verwirrspiel schon aufhören und vernünftig rüberbringen, was er zu erzählen hat. Aber das tut er nicht. Er treibt das Spielchen weiter, mischt Dialoge, Gedanken, Beschreibungen bunt durcheinander. Man muss höllisch aufpassen, sonst weiß man nie, wer jetzt gerade was gedacht oder gesagt hat. Am besten malt man das ganze Setting auf ein Blatt Papier, erstellt so einen Protagonisten-Interaktions-Plan. Wer mit wem und warum, an welchem Ort und zu welcher Zeit.

Ja, wenn man will, dann bekommt man „Das bessere Leben“ von Ulrich Peltzer schon irgendwie in den Griff. Ein Buch wie ein Wildpferd, dass man erst einreiten muss. Man kann es nicht aufschlagen und einfach lesen. Man muss es zähmen, ihm Zeit geben, Enttäuschungen und Frust einfach wegstecken und sich immer wieder neu aufraffen. Irgendwann, so hofft man, wird die Anstrengung bestimmt belohnt.

Doch wann ist irgendwann? Wie lange muss ich leiden und mich durch wirre Seiten quälen, bis eine Lektüre soweit eingelesen ist, dass es halbwegs erträglich wird? Warum soll ich mich um ein Buch bemühen, wenn der Autor sich augenscheinlich nicht um mich als Leser bemüht? Wenn es ihm egal ist, ob ich ihm folgen kann, wenn Verwirrung und bewusst provozierte Leseunlust als Stilelement eingesetzt werden.

Ich hätte Verständnis, wenn es um hochkomplexe Sachverhalte ginge, die man in einfachen Sätzen nicht wiedergeben kann. Oder nur sehr unzureichend. Dann könnte man sich wenigstens dumm und ungebildet fühlen und das Buch aus diesem Grunde beleidigt in die Ecke pfeffern. Aber noch nicht einmal das. Auf den ersten wirren Seiten wird in einfachen Sätzen nur ein stinknormales Romansetting aufgebaut. Es werden Orte beschrieben und Protagonisten eingeführt. Nichts, was einen durchschnittlich intelligenten Leser überfordern sollte. Es sei denn der Autor legt es bewusst drauf an.

Hier geht es Ulrich Peltzer scheinbar nicht darum, mich als Leser zu gewinnen, mich zu involvieren, zu packen, zu schocken oder was auch immer. Ich habe das Gefühl, hier geht es vielmehr um ein irgendwie geartetes literarisches Experiment, um den Bruch mit Lesegewohnheiten, um Literatur im Elfenbeinturm, neue Lektüre für literaturwissenschaftliche Proseminare. Es geht jedenfalls nicht um mich als Leser.

Und deswegen bin ich irgendwann richtig sauer geworden und habe die Lektüre nach 60 Seiten abgebrochen. Natürlich habe ich vorgeblättert und geschaut, ob es irgendwann besser wird. Aber Peltzer ist sich treu geblieben und hat sein Verwirrspiel bis zum Schluss durchgezogen. Wie bei allen mehr oder weniger unlesbaren Büchern wird es auch bei diesem Roman wieder Leser und Kritiker geben, die sich leidenschaftlich dafür einsetzen. Die sich durch die über 400 Seiten gearbeitet haben, um sich selber und allen anderen zu zeigen, dass sie es sich nicht leicht machen mit der Kunst. Dass große, echte Literatur niemals gefällig und zielgruppenorientiert ist. Dass man sich manche Werke einfach erarbeiten muss, Schritt für Schritt. Und wenn es nicht gleich beim ersten Lesedurchgang zündet, dann vielleicht bei zweiten. Oder man versucht es mal mit dem Hörbuch. Ja, solche Leser gibt es. Und für solche Leser muss es auch entsprechende Bücher geben.

Ich habe dazu keine Zeit und auch keine Lust. Denn Lesen ist für mich immer noch Spaß und keine Arbeit. Und diesen Spaß lasse ich mir durch Bücher wie das von Ulrich Peltzer nicht vermiesen.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: S.Fischer
448 Seiten, 22,99 €
Hier auf Buchhandel.de bestellen.

Leif Randt – Planet Magnon

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Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr Zweitausendundirgendwas. Dies sind die Phantasien des literarischen Hoffnungsträgers Leif Randt, der uns mit seinem 300 Seiten starken Buch Planet Magnon in ein fremdes Sonnensystem entführt. Dort lernen wir neue kollektive Lebensformen und Drogen kennen, die nie zuvor ein Mensch probiert hat.

In Leif Randts SciFi-Roman fliegt der Mensch im Space-Shuttle von Planet zu Planet, ernährt sich bewusst, achtet auf sein Äußeres und sucht immer noch nach dem Sinn des Lebens. Die Mehrzahl der Planetenbürger ist in Kollektiven organisiert, einer Mischung aus Partei und Religion mit Scientology-Parallelen. Das Dolfin-Kollektiv braucht dringend neue Mitglieder, um die interstellaren Fördergelder nicht zu verlieren. Eine Werbekampagne mit den Top-Dolfins wird initiiert. Emma und der Ich-Erzähler Marten sind als Spitzenfellows auf Wahlkampfreise, fliegen von Planet zu Planet, halten Vorträge und tauschen sich mit anderen Kollektiven aus.

Das ist in etwa der Plot. Wer mehr Science und mehr Fiction erwartet, wird von diesem Roman enttäuscht sein. Keine Laserschwerter und keine Jedi-Ritter, dafür aber Sauropoden und Reinigungsroboter. Und ganz viel von den Problemen und Fragestellungen, die uns auch in der heutigen Zeit beschäftigen. Selbstverwirklichung und Sinnsuche auf der einen Seite, Leistungsdruck, Überforderung und Burnout auf der anderen. Unsere aktuellen Themen in der Welt von morgen zu sehen, ist schon etwas frustrierend und desillusionierend. Zeigt es doch, dass wir in der Zukunft zwar von Planet zu Planet fliegen können, aber in der eigentlichen Menschheitsfrage nicht einen Schritt weiter gekommen sind. So viele Kollektive, so viele Antworten gibt es. Alles keine Frage des Wissens, sondern immer noch des Glaubens. Und wer es nicht glauben mag, baut sich eine Tüte oder spült sich den Mund mit Magnon aus, der kupfernen Modedroge des Dolfin-Kollektivs.

Das Sci-Fi Szenario wird vom Autor sehr liebevoll beschrieben. Am Ende bekommt man in einem Glossar die wichtigsten Gegenstände und Begriffe noch einmal ausführlich erläutert. Auch die Aufmachung im kleinen, schwarzen Leinen, mit Kupferscheibe und Grafik des Sonnensystems ist sehenswert und hat Kultcharakter.

Doch so trost- und ereignislos das Leben in Leif Randts Sonnensystem dahinplätschert, so leer und einfallslos hat es mich am Ende zurückgelassen. Ich brauchte ein wenig, bis ich die ganzen Fragezeichen aus dem Kopf bekommen habe. Was soll ich da bloß drüber schreiben? Ich kann mir vorstellen, dass Jugendliche Spaß an diesem Buch haben werden. Es ist leicht zu lesen und irgendwie unverbindlich. Die chillige Botschaft könnte lauten: Warum soll ich mich anstrengen, wenn auch in der Zukunft alles Scheiße ist?

Ja, warum eigentlich? Das frage ich mich gerade auch.
Ich werde die Fragezeichen nicht los.

Foto: Gabriele Luger

Peter Richter – 89/90

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Als die Mauer gefallen ist, habe ich in Westberlin gelebt, direkt am Hermannplatz in Neukölln. Es war dort nie besonders beschaulich, aber die Tage nach dem 09. November 1989 werde ich nie vergessen. Mit der U-Bahnlinie 8 direkt vom Bahnhof Friedrichstraße sind sie bei uns eingefallen, standen in Schlangen vor dem Aldi und der Sparkasse. Mit diesen hellblau gescheckten Jeansstoffen im sogenannten Moon-Washed-Style. Schimmeljeans, wie sie drüben genannt wurden. Es gab davon Hemden, Hosen, Jacken und sogar Portemonnaies. Wer richtig Scheiße drauf war, hat sich von Kopf bis Fuß damit eingekleidet. Dazu eine LCD-Armbanduhr und Minipli-Dauerwelle – vorne kurz, hinten lang. Fertig war der Schimmelmensch.

In jeder Wendedokumentation kann man sie heute noch sehen. Den Menschen in den Schimmeljeans haben wir die deutsche Einheit zu verdanken. Sie sind immer wieder Montags auf die Straße gegangen, sie haben die Stasizentrale gestürmt und bei der ersten freien Volkskammerwahl die CDU gewählt. In Peter Richters Wendechronik 89/90 wird diese Zeit wieder lebendig. Wir begleiten den Ich-Erzähler, der- wie der Autor selbst – diese turbulenten Wendemonate als 17-Jähriger in Dresden erlebt. In kurzen, unterhaltsamen Episoden führt Richter uns durch den Alltag seines Chronisten.

Die letzten Jahre der DDR sind in den vergangenen Jahren immer wieder literarisch aufbereitet worden. Die grandiosen Wenderomane von Uwe Tellkamp und Eugen Ruge sind literarische Bollwerke, an den sich jeder Versuch, diese Zeit zu beschreiben, messen lassen muss. Doch Peter Richter bringt sich gar nicht erst in die Verlegenheit, damit verglichen zu werden. Er wählt eine andere Form der Erzählung. Sein Ich-Erzähler und die Hauptfiguren in 89/90 sind keine Protagonisten, die eine Geschichte voranbringen. Sie sind vielmehr Chronisten, die Geschichte beobachten, von ihr getrieben werden. Alleine der Umstand, dass die handelnden Personen nicht mit Namen, sondern nur mit Abkürzungen genannt werden, zeigt, dass keine Identifikation gewollt ist.

Hier wird aus der Perspektive eines Zeitzeugen berichtet, so wie es tatsächlich war, damals 89/90. Das ist der gleiche naturalistische Erzählstil, wie ihn auch Karl Ove Knausgard verwendet. Chronisten-Blickwinkel einstellen und dann einfach alles aufzeichnen. Doch im Gegensatz zu Knausgard, dessen sachlicher fast schon eintöniger Erzählstil mich auf Dauer doch sehr ermüdet hat, schafft es Peter Richter seine Leser auch sprachlich zu begeistern. Er beschreibt und formuliert stellenweise so treffend, dass ich manche Absätze zwei- bis dreimal gelesen habe. Wie zum Beispiel diese grandiose Passage über zwei Zigaretten rauchende Mädchen auf dem Schulhof, die sich ihre Disko-Erlebnisse erzählten:

„Und weißt du, was der Typ DANN gemacht hat?
Die Duett in den Mund, Feuer geben lassen, Ansaugen – und während des Rauspustens mit der zigarettenführenden Hand einen weiten Bogen nach rechts außen vollführend:
Er hat mit WESTGELD gewedelt.
Andere Zigarettenhalterin: NEIN!
Hand geht zurück zum Mund, hektischer Zweitzug, dann in das Auspusten hinein: OH doch!

An solchen Passagen habe ich einfach Spaß. Und 89/90 ist voll davon, literarisch sehr abwechslungsreich und auf durchgängig hohem Niveau. Ob die beschriebenen Lebensumstände alle so zutreffen, kann ich als Wessi schlecht beurteilen. Mir kommt das alles sehr plausibel vor und deckt sich in vielen Punkten mit meiner Wahrnehmung aus der damaligen Zeit. Alles in allem ein sehr schönes Stück Zeitgeschichte, kurzweilig und literarisch interessant aufbereitet, bei dem sowohl Zeitzeugen als auch die Generation danach auf Ihre Kosten kommen.

Foto: Gabriele Luger

Charles Lewinsky – Kastelau

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Wie soll ich anfangen? Was nach vorne stellen? Am besten gar nicht lange überlegen, sondern sagen wie es ist. Kastelau ist ein wunderbarer Roman, meine Entdeckung des Jahres, eine Top-Empfehlung für jeden Literaturfreund.

Innerhalb von drei Tagen habe ich das Buch ausgelesen. Gestern habe ich es ins Regal gestellt und gedacht: was für eine Wohltat! Endlich mal wieder ein Buch mit Anspruch, das flüssig und angenehm zu lesen ist. Kein Handlungs-Tohuwabohu, keine sprachlichen Experimente. Hier bemüht sich ein Autor nicht um einen irgendwie gearteten literarischen Anspruch, hier bemüht sich der Autor um seine Leser. Lewinsky will einem nicht beweisen, wie gut er schreiben kann, er will eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die gar nicht mal so einfach ist – mit unzähligen Charakteren, unterschiedlichsten Schauplätzen und Zeitsprüngen von über 70 Jahren. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen auch noch zig verschiedene Stilformen hinzu, die alle paar Seiten wechseln. Die Geschichte schlängelt sich durch ein Manuskript, das eigentlich eine Dissertation ist, durch ein Interview, Tagebuchnotizen, Wikipedia-Einträge, Fragebögen, Drehbücher, Briefe und Presseberichte.

Beste Voraussetzungen eigentlich, um ein literarisches Ungetüm zu erschaffen, das den Leser an seine Grenzen führt, von der Kritik als Jahrhundertroman gelobt wird und allgemein als unlesbar gilt. Ein neuer Ulysses, ein neuer David Foster Wallace. Doch das ist nicht Lewinskys Anspruch. Er hat zu jedem Zeitpunkt den Leser seiner Geschichte im Auge und will ihn nicht verlieren. Jeder der zahlreichen Ort- und Zeitsprünge, jede neue Stilform macht Sinn. Man hat das Gefühl, das musste jetzt so kommen, ist dramaturgisch folgerichtig und logisch. Kaum stellt sich eine Frage, bietet Lewinsky schon im nächsten Kapitel die passende Antwort. Das ist Covenience-Reading im besten Sinne.

Mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit führt Lewinksy uns von Berlin in die USA, vom zweiten Weltkrieg in die Achtziger Jahre, von einem Drehbuch zu einer Dissertation. Und das alles, ohne dass der Erzählstrang abreißt, der Spannungsbogen bricht oder der Leser ihm entgleitet. Ich würde gerne jedem jungen Autor Kastelau als Lehrbuch empfehlen. Damit man mal sieht, wie das geht, mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven.

Und jetzt bin ich bei aller Begeisterung mal wieder mit keinem Wort auf die Handlung dieses Romans eingegangen. Das sei ganz kurz noch erwähnt. Auch hier lässt Lewinsky sich nicht lumpen und bietet dem Leser ein ganzes Füllhorn menschlicher Tragödien. Es geht um Eitelkeit und Ehrlichkeit, Sieg und Niederlage und gescheiterte Lebensentwürfe.

Fazit: ein toller Roman, ein wunderbarer Lesegenuss und ein Autor, der im Gegensatz zu seinen Romanhelden nicht an seinen Ansprüchen gescheitert ist.

Fotos: Gabriele Luger

Michel Houellebecq – Unterwerfung

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Was soll man über ein Buch noch schreiben, zu dem sich schon die gesamte intellektuelle Elite des Landes geäußert hat? Was kann ich noch beisteuern, das nicht schon gesagt, gedacht, gemutmaßt wurde? Wer will das noch lesen? Ich weiß es nicht und schreibe einfach mal drauflos. Vielleicht entsteht ja auf den kommenden Zeilen noch irgend etwas Neues. Ein neuer Gedanke, eine neue Interpretation, eine etwas andere Sicht auf das Enfant terrible der europäischen Gegenwartsliteratur.

Ich bin Houellebecq-Fan seit der ersten Stunde. Er war als Autor zwar nie ein Geheimtipp, aber wer sich nicht mit Literatur beschäftigte, kannte ihn auch nicht. Das hat sich innerhalb der ersten beiden Monate des Jahres 2015 schlagartig geändert. Houellebecq hat mittlerweile den Bekanntheitsgrad eines Brad Pit erreicht. Jeder kennt ihn, jeder hat eine Meinung zu ihm, beinahe jeder geht wegen ihm in eine Buchhandlung und kauft das Buch, über das derzeit alle reden.

Gäbe es einen Grammy für Bücher, Unterwerfung würde ihn, müsste ihn bekommen. Und den Oscar und den Bambi noch dazu. Kaum ein Roman hat sich in den letzten Jahren besser verkauft. Kaum ein Autor hat allein durch sein Erscheinungsbild so polarisiert und kaum ein Thema so in die Zeit gepasst.

Ich gönne ihm den Erfolg, aber ich bin auch ein klein wenig traurig. So wie damals Anfang der Achtziger, als meine neu entdeckte Lieblingsgruppe „The Police“ auf einmal kein Geheimtipp mehr war, sondern ganze Stadien füllte. So wie später auch „The Cure“, „U2“ und „Coldplay“. Wie viele ambitionierte Musik- und Literaturfans teile ich meine Lieblinge nicht gerne mit der großen Masse. Mainstream sucks! Nicht selten geht mit steigender Popularität auch das künstlerische Profil flöten. Ecken und Kanten werden rund gefeilt, die Oberflächen glattgebügelt und der Auftritt gefällig gestaltet. Denn wer die Massen im Visier hat, muss zwangsläufig Kompromisse machen.

Aber gilt das auch für Houellebecq? Sein Buch führt seit dem Erscheinen die Bestseller-Listen an, er ist überall das Top-Thema. Aber trotzdem ist Houellebecq alles andere als Mainstream. Man muss ihn sich nur mal anschauen. Wer ihn kennt, weiß auch, dass er die Islamisierung der westlichen Welt nicht aus unternehmerischem Kalkül zum Thema seines Romans gemacht hat. Das war und ist schon immer ein Thema von ihm. Im Roman „Plattform“ zerstören Islamisten eine Sextourismus-Utopie. In Unterwerfung zerstören die Muslimbrüder die Hoffnung auf einen friedlichen europäischen Lebensabend.

Nein, Unterwerfung ist kein glattgebügelter Mainstream-Roman. Houellebecq ist sich treu geblieben und hat mit dem Literaturprofessor Francois wieder einen seiner typischen kettenrauchenden, sexuell frustrierten Bildungsbürger-Protagonisten geschaffen. Und wie alle seine Romane, hat auch Unterwerfung seine Längen und liest sich nicht wie ein Polit-Thriller. Wer Pegida-taugliche Parolen sucht, wird enttäuscht sein. Und die langen Passagen seiner Literatur-theoretischen Ausführungen rund um den Dandy-Schriftsteller Joris Karl Huysmans dürften die meisten seiner neuen Leser langweilen und frühzeitig zum Aufgeben zwingen.

Doch als Houellebecq-Fan der ersten Stunde bin ich von Unterwerfung begeistert. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und dabei so etwas wie mein Grundvertrauen verloren. Die Hoffnung nämlich, dass die Sintflut erst nach mir kommt. Die große Klima-Katastrophe, der dritte Weltkrieg, das Ende der Welt. Jetzt stell auch ich mir vor: Was ist, wenn ich dann noch da bin?

Foto: Gabriele Luger

Leben als Parodie der Träume

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Stephan Thome – Gegenspiel. 

Wenn mich einer nach dem Plot von Stephan Thomes neuem Roman ‚Gegenspiel’ fragen würde, dann hätte ich ein Problem. Ja, wovon handelt die Geschichte von Hartmut und Maria eigentlich? Ist es überhaupt eine Geschichte, die man klassischerweise in einer kurzen Inhaltsangabe zusammenfassen kann? Oder ist es nicht vielmehr das, was wir gemeinhin ein ganz normales Leben nennen? Eine Geschichte, die wir alle in irgendeiner Form erzählen könnten. Vom Erwachsenwerden, den wilden Lehr- und Studentenjahren, der Zeit der Familiengründung, der Ernüchterung, der Midlife-Crisis. Bis hin zur Resignation, Hoffnung und Gleichgültigkeit angesichts der wenigen Zeit, die einem auf einmal nur noch bleibt.

Ja, so sehen viele Lebensverläufe aus und so könnte man auch die Geschichte von Hartmut und Maria zusammenfassen. Die Geschichte einer Ehe, die in Stephan Thomes 2012 erschienen Roman ‚Fliehkräfte’ aus Sicht des Mannes und jetzt in ‚Gegenspiel’ aus der Sicht der Frau erzählt wird. Und wie jede durchschnittliche Ehe ist auch die von Maria und Hartmut eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Jeder kommt mit seiner Vorgeschichte, es passt irgendwie, man bleibt zusammen, hat ein paar glückliche Jahre, bevor es nach und nach immer komplizierter wird.

Viele werden sich fragen, ob man ‚Gegenspiel’ lesen kann, ohne ‚Fliehkräfte’ zu kennen. Ich habe das getan und festgestellt, dass es geht. Jetzt frage ich mich aber allen Ernstes, ob mir ‚Gegenspiel’ so gut gefallen hätte, wenn ich vorher schon Fliehkräfte gelesen hätte? Denn die Geschichte von Harald und Maria ist im eigentlichen Sinne nicht spannend und wird auch nicht spannender, wenn man sie ein zweites Mal erzählt bekommt. Und dann denke ich wieder, dass nur schlechte Autoren eine spannende Geschichte brauchen. Thome ist so gut, er braucht nur seine Romanfiguren, die er seinen Lesern liebevoll eingeführt und schlüssig aufgebaut ans Herz legt.

Und weil Thome gut ist, habe ich diesen Roman auch so genossen. Ich habe viele Parallelen zu meinem Leben entdeckt und konnte mich wunderbar identifizieren. Die Romanheldin Maria ist mein Jahrgang, hat wie ich in den Achtzigern in West-Berlin studiert und erlebt gerade, wie ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Der Nachwuchs ist aus dem Haus und es stellt sich die Frage, ob man die letzten Jahre vor der Rente einfach so weitermacht wie bisher. Oder noch einmal die alten Träume herauskramt und sich an ihnen abarbeitet. Um am Ende des Romans wie Harald ernüchtert festzustellen: „…unser Leben ist die Parodie unserer Träume“.

Das klingt jetzt beinahe kitschig nach „carpe diem“ und „lebe deinen Traum“. Aber Thome findet auch hier die richtige Balance. Taucht uns Leser kurz mal unter und holt uns, bevor es unangenehm wird, schnell wieder aus dem Tal der Tränen. Generell gleitet man leicht durch die 450 Seiten. Beim Lesen habe ich mich wohlig ins Berlin der Achtziger zurückversetzt gefühlt. Das typische Studentenleben zwischen Dahlem und Kreuzberg wird sehr schön und authentisch beschrieben. Auch dem jetzigen, neuen Berlin, in das Maria nach der Familienphase zurückkehrt, wird Thome atmosphärisch gerecht. Ich sehe die Plätze, ich spüre die Stimmung in den Straßen und Cafés, ich merke: es passt. Passen tun auch die vielen netten Bonmots, auf die ich beim Lesen immer wieder gestoßen bin und mit einem zustimmenden Nicken unterstrichen habe. Wie zum Beispiel das hier:  

„Als junge Frau hast du Bücher gelesen und dir einreden lassen, du müsstest etwas Besonderes aus Deinem Leben machen. Erstens musst Du das nicht, und zweitens kannst Du es nicht, weil man dafür ein Talent braucht.“

Ja, das stimmt. Und es bedarf auch keiner besonderen Geschichte, um einen großen Roman zu schreiben. Alles was man braucht ist Talent.

Titelfoto: Gabriele Luger

Katz-und-Maus Spiel

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Steven Uhly – Königreich der Dämmerung.

Steven Uhly kannte ich bisher nicht. Und ohne sachkundige Blogger-Empfehlung hätte ich seinen neuesten Roman auch nicht in die Hand genommen. Der Titel zu schnulzig, die Story rund um Holocaust, Vertreibung, Wiederaufbau und Neuanfang nicht gerade neu. Obendrein hatte ich noch ein paar andere Bücher, die ungelesen zu Hause auf mich warteten. Aber Königreich der Dämmerung wurde gut besprochen und wärmstens empfohlen. Karen Köhler und Nino Haratischwili kannte ich vorher auch nicht und beide haben sich als große Entdeckungen herausgestellt.

Wenn man Uhlys Roman erst einmal in den Händen hat, kann jeder analoge Bücherfreund eigentlich auch nicht mehr zurück. Der schweizer Secession-Verlag hat dem 650 Seiten starken Roman nämlich eine sehr liebevolle und hochwertige Aufmachung spendiert. Ich liebe ja Hardcover ohne Schutzumschlag. Das Coverbild, die blauen Innenklapper, das Papier, die Typo, die Paginierung – alles besonders geschmackvoll und schön.

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Mit der Erwartung eines außergewöhnlichen Lesevergnügens bin ich also in dieses Buch eingestiegen und die ersten hundert Seiten auch nicht enttäuscht worden. Die Story rund um verschiedene Einzelschicksale in der Endzeit des zweiten Weltkrieges hat sich zunächst gut entwickelt. Ich fühlte mich wohl beim Lesen, die Sprache Uhlys gefiel mir, und ich war gespannt, wie sich die Geschichten rund um die Protagonisten Anna, die Familie Kramer und Lisa entwickeln würde.

Doch mit jedem Kapitel kamen immer mehr Personen dazu, und ich fing an, den Überblick zu verlieren. Wer war jetzt noch mal Sarah? Welche Gudrun, welcher Heinrich ist da jetzt gemeint? Alle drei bis vier Seiten wechselt Uhly die Erzählperspektive, macht Zeitsprünge, bringt neue Figuren ins Spiel, gibt bereits eingeführten Personen neue Namen und lässt bei allem seine Leser zunächst einmal im Dunkeln tappen. Ich liebe es ja, von meiner Lektüre gefordert zu werden, erwarte von einem Autor aber, dass er auch auf Leser Rücksicht nimmt, die nicht immer zu 100 Prozent konzentriert dabei sind.

Wenn man dann auch noch ein, zwei Tage nicht zum Lesen kommt und das Buch wieder zur Hand nimmt, dann wird es noch schwieriger. Ich merkte, wie ich so langsam aber sicher die Geduld mit diesem Werk verlor. Als Uhly dann auch noch anfing, statt ein wenig Ordnung in die Geschichte zu bringen, surreale Kapitel mit assoziativen Gedankenströmen einzubauen, wusste ich, dass ich dieses Buch nicht zu Ende lesen werde.

Auf Seite 400 bin ich dann ausgestiegen. Und während ich das hier schreibe, bin ich auch immer noch ziemlich sauer auf den Autor. Denn ich hätte die Geschichte gerne weiterverfolgt, hätte gerne erfahren, was aus Anna und Lisa geworden ist. Es hätte nicht viel bedurft, dem Roman ein wenig Ordnung und Struktur zu geben. Stattdessen wurde daraus ein literarisches Katz-und-Maus-Spiel gemacht. Schade.

Titelfoto: Gabriele Luger

Rezensionen von anderen Bloggern.

Die von mir sehr geschätzte Masuko13 hat eine etwas andere Meinung zu diesem Werk: https://masuko13.wordpress.com/2014/09/15/steven-uhly-konigreich-der-dammerung/

Auch die Klappentexterin ist voll des Lobes. Dabei würde mich interessieren, ob sie das letzte Drittel noch geschafft hat.  https://klappentexterin.wordpress.com/2014/12/14/2014-bucher-die-mich-glucklich-gemacht-haben/

Spannend wie einen Krimi, findet Ruth Justen den Roman:
http://ruthjusten.de/steven-uhly-koenigreich-der-daemmerung#more-2793

Der Walserei verdächtigt

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Moritz Rinke – Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel.

Bei manchen Büchern muss ich einfach aufgrund von Titel und Coverbild schon zugreifen. Das Romandebüt des Dramatikers Moritz Rinke ist so ein Buch. Das Werk ist nicht mehr ganz frisch, schon knapp vier Jahre alt und mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich. Und obwohl es so viele neue Autoren und Neuheiten aus der Frühjahrskollektion zu entdecken gibt, möchte ich diesen Backlist-Titel allen Literaturbegeisterten noch einmal wärmstens ans Herz legen.

Denn da beherrscht einer sein Handwerk. Der erste Roman und schon ein Volltreffer! Toller Plot, liebevoll aufgebaute Charaktere, ein wenig Kultur- und Gesellschaftskritik und zu allem Überfluss auch noch flüssig und spannend zu lesen.

Aber irgendwie kam mir etwas am Erzählstil Rinkes bekannt vor. Ich fühlte mich merkwürdig wohl in dieser Sprachwelt, schaute etwas genauer hin und glaube ein paar literarische Anleihen entdeckt zu haben. Die Protagonisten in Rinkes Roman sind die Kücks. Wer die Zorns, Zürns oder Halms kennt, weiß worauf ich hinaus will. Wer seinen Romanhelden kurze einsilbige Nachnamen gibt, macht sich schnell der „Walserei“ verdächtig. Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn dann noch Begriffe wie „das Muttertelefonat“ oder „der Geburtsschrank“ auftauchen.

Jetzt muss ich aufpassen, weil im Internet immer irgendwo einer ist, der alles falsch versteht. Das ist natürlich kein Plagiats-Vorwurf. Das ist Ironie und letztlich ein ganz großes Lob. Denn wenn auch gewisse Walser-Anleihen in meinen Augen unverkennbar vorhanden sind, dann ist es umso schwieriger, die damit verbundenen Erwartungen auch zu erfüllen. Denn Walser ist (fast) immer ein ganz großer Literaturgenuss. Und genau das bietet auch Rinke seinen Lesern. Auf seine ganz eigene Art, authentisch, lebendig, inspirierend.

Diesen Autor sollte man sich auf alle Fälle merken. Und mittlerweile müsste eigentlich auch mal ein neuer Rinke-Roman fällig sein. Ich würde mich freuen, halte die Augen auf und werde berichten.

Foto: Gabriele Luger
Gelesen: Feb. 2011

Im Sanatorium der schönen Sätze

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Marion Poschmann – Die Sonnenposition. 

Es ist schon komisch mit diesem Buch. Direkt nach dem Auslesen hätte ich es noch als gut, wertvoll und lesenswert bezeichnet. Ein paar Wochen danach, konnte ich mich kaum noch an die Handlung erinnern. Und nicht, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe oder es nur überflogen habe. Nein, weil die Handlung bei diesem Roman wohl eher nebensächlich ist.

Was diesen Roman vielmehr auszeichnet ist die Sprache. Hier bewegt sich die Autorin auf einem beeindruckend hohen Niveau. Marion Poschmann kann mit Ihren Sätzen wunderbare Stimmungen erzeugen. Ich habe mir manche Passagen mehrmals hintereinander laut vorgelesen, weil sie einfach so wunderschön waren.

Inhaltlich allerdings wirkt alles irgendwie konstruiert, unausgegoren, an den Haaren herbeigezogen. Die Protagonisten bleiben für mich merkwürdig konturlos, die Liebesbeziehung zwischen der Schwester und dem Freund Odilo ist in meinen Augen unglaubwürdig. Das Hobby der Hauptfigur Altfried, die Jagd nach Erlkönigen, ist nicht nur albern, sondern passt auch nicht zur Figur. Ich ahne natürlich den tieferen Sinn, sehe auch was allegorisch hinter Odilos Profession und Altfrieds Hobby stehen könnte: das Gewöhnliche, das von Innen leuchtet und das Außergewöhnliche, was sich der Umgebung anpasst und tarnt. Toll! Und was soll ich damit jetzt anfangen?

Im Klappentext steht, dass Marion Poschmann eigentlich Lyrikerin ist. Das erklärt so einiges. Eine Lyrikerin hat einen Roman geschrieben. Das Ergebnis ist ein lyrischer Roman. Was sollte auch sonst dabei herauskommen?

Mein Fazit: Nicht geeignet für den schnellen Konsum. Eher etwas für Genießer, die Spaß an gefühlvollen Sätzen und am Auffinden versteckter Tiefgründigkeiten haben. Sicher auch ein Buch, das beim zweiten Lesen noch gewinnt.

Gelesen: Februar 2014
Titelfoto: Gabriele Luger

Die Belletristik ist im Arsch

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Howard Jacobson – Im Zoo.

Früher, als junger, über vieles noch staunender Leser habe ich mir oft Sätze in Büchern unterstrichen. Dann viele Jahre nicht mehr. Bei Howard Jacobson habe ich wieder mit dem Unterstreichen angefangen. Zum Beispiel Sätze wie diesen hier: „Wie alle anderen in der Welt auch, wollte Vanessa eine Schriftstellerin sein, deren Bücher veröffentlicht wurden. Sie war das, was die Zukunft uns verhieß: keine Leser mehr, aber alle sind Schriftsteller.“

Der aktuelle Roman des – wie die Medien schreiben – witzigsten britischen Autors ist voll mit solch ernüchternden Feststellungen über den Zustand des Buchmarktes. Und wer in letzter Zeit mal einen Blick in die Verkaufsräume einer der großen Buchhandelsketten geworfen hat, kann Jacobson nur zustimmen. Was noch läuft sind Kochbücher für Bulimiker, Fantasy- und Vampir-Geschichten, Regional-Krimis und dicke History-Epen mit den Tudors. Bücher müssen entweder einen praktischen Nutzwert bieten oder eine bemerkenswerte, bisher nie dagewesene Geschichte erzählen. Dafür gibt es laut Jacobson noch immer Leser. Für alles andere nicht mehr – „die Belletristik jedenfalls war am Arsch“ so sein vernichtendes Urteil.

Natürlich ist das eine sehr zynische und übertriebene Sichtweise. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll angesichts des schwarzen, britischen Humors, mit dem Jacobson den Niedergang der Buchbranche skizziert. Dargestellt in der Figur des Schriftstellers Guy Abelmann, der verzweifelt versucht, sich im Geschäft zu halten. Mit einem letzten Tabubruch als Story für seinen nächsten Roman: Sex mit der Schwiegermutter! Und zwar seiner eigenen Schwiegermutter. Und so versucht der Ich-Erzähler im Verlauf der Geschichte, sich an die immer noch sehr attraktive Mutter seiner Frau heranzumachen.

Das alles hat mich sehr gut unterhalten. Jacobson ist wirklich witzig, ein sympathischer Zyniker und Macho, der nicht nur den Niedergang der Buchbranche, sondern auch den ewigen Kampf der Geschlechter trefflich auf den Punkt bringt. Zum Beispiel mit dieser Aussage über die Anziehungskraft von Schriftstellern auf Frauen: „Man schenke einem Mann ein, zwei Worte mehr als normal ist, und er wird immer eine Frau finden, die ihn verehrt.“

Und während ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass ich Jacobson auf den Leim gegangen bin und als ein Leser vorgeführt werde, der keinen Deut besser ist, als das degenerierte Publikum in seinem Roman. Denn letztlich wollte auch ich nur wissen, ob der Protagonist es denn tatsächlich schafft, seine Schwiegermutter ins Bett zu kriegen. Als Nicht-Leser findet man die Antwort darauf bestimmt in irgendeiner Rezension bei Google. Die letzten verbleibenden Leser dagegen finden sie „Im Zoo“.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Ein Buch, um sich zu finden

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Nino Haratischwili – Juja. 

Das Buch ist pink und der Titel „Juja“ klingt etwas kindisch. Das und der Einband ohne Schutzumschlag lassen eher auf einen Jugend-Roman schließen. Juja, das könnte die Geschichte eines rebellischen Teenagers sein, der von Zuhause wegläuft. Oder ein Pferd, das von der Wettmafia aus dem Stall geklaut wird. Aber weit gefehlt. Der Name „Juja“ steht für einen Menschen, den zu lieben es sich lohnt und von dem geliebt zu werden, sich noch mehr lohnt. Dass solche Menschen nicht einfach zu finden sind, viele daran scheitern, ihr Leben mit dem Falschen verbringen, das alles weiß man oftmals erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Also kein Teenager-Roman, sondern Pathos- Literatur par Excellence für Erwachsene.

Gerade habe ich das Buch tief bewegt aus den Händen gelegt. Wieder mal ein beeindruckendes Werk von einer Frau geschrieben, wieder ein Meisterwerk von Nino Haratischwili. Für mich das dritte Buch, das ich von ihr gelesen habe, doch eigentlich ihr Debüt. Mit Juja hat sie es 2010 bereits auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Von mir damals gar nicht wahrgenommen. Erst 2014 habe ich diese wundervolle Autorin entdeckt. Und was soll ich sagen? Auch dieser Roman ist einfach wunderbar und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Doch muss ich zugeben, dass ich ein wenig Startschwierigkeiten hatte. Die ersten hundert Seiten tat ich mich schwer. Verschiedene Erzählfiguren, Handlungsstränge, Zeiten und Orte mussten erst einmal identifiziert, sortiert und zugeordnet werden. Die Autorin lässt den Leser damit bewusst alleine. Wenn man wie ich gar nicht wusste, worum es bei diesem Roman geht, gestaltet sich die Lektüre ein wenig anstrengend. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne Kenntnis ihrer beiden weiteren Romane nicht vorzeitig abgebrochen hätte.

Aber so blätterte ich ab und zu mal zurück, ordnete für mich die einzelnen Frauenfiguren den Erzählsträngen zu und war nach 100 Seiten voll und ganz drin in der Geschichte. Der Plot ist ganz interessant könnte aber auch von Carlos Ruiz Zafon stammen. Ein kleines Buch, angeblich von der 17-Jährigen Selbstmörderin Jeanne Saré geschrieben, treibt jede Menge weitere Frauen in den Tod. Als Leser verfolgen wir verschiedene Charaktere, die zwischen 1953 bis 2005 auf unterschiedlichste Weise mit Saré und ihrem Buch in Verbindung stehen. Wie gesagt, am Anfang etwas verwirrend, aber wenn man alle Figuren geordnet hat, kommt Fahrt auf und es liest sich recht spannend.

Und obwohl ich nicht vorhabe, mich demnächst umzubringen, stellte ich beim Lesen fest, was da erzählt wird, ist auch ein Stück weit meine Geschichte. Denn auch ich bin ein Leser, der prinzipiell immer nach Antworten sucht. Antworten auf Fragen, die ich mir noch gar nicht gestellt habe. Eine der Protagonistinnen, Francesca, bringt es auf den Punkt: „Die Geschichte (des Buches von Saré) selbst erzählt nichts, aber sie gibt Dir die Möglichkeit dich darin wieder zu finden“.

Ich glaube genau das unterscheidet gute von weniger guter Literatur. Nicht dem Leser Antworten geben, sondern die Möglichkeit, die richtigen Fragen zu stellen. Pathos nicht aus jeder Buchseite tropfen lassen, sondern eher beiläufig im Kopf des Publikums zu erzeugen. So dass man am Ende das Werk innerlich aufgewühlt aus der Hand legt und sich fragt, was mit einem passiert ist. Dann, ja dann hat man wohl ein richtig gutes Buch gelesen.

Gelesen: Dezember 2014
Foto: Gabriele Luger

Alle Sorgen plötzlich nichtig und klein

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Robert Seethaler – Ein ganzes Leben.

Manchmal muss man einfach mal die Sichtweise wechseln, um zu sehen, wie gut es einem geht. Und nicht nur das. Um zu begreifen, wie unbedeutend das eigene Leben eigentlich ist. Wie wenig von einem bleibt. Wie schnell alles verfliegt. So wie von Andreas Egger, dem traurigen Helden in Robert Seethalers aktuellem Roman.

Er kam zur Welt, hat früh seine Mutter verloren, ist ungeliebt herangewachsen, hat hart gearbeitet, dann endlich die Liebe gefunden und sie sofort wieder verloren. Er hat gehungert, gefroren, in Stein gebohrt und ist gestorben. Das alles erfährt man in drei bis vier Stunden anregender Lektüre – mehr braucht man für die 150 Seiten von „Ein ganzes Leben“ nicht. Aber diese Lesezeit ist Gold wert. Wie geläutert legt man das Buch aus der Hand und blickt sich um. Alle Alltagsprobleme, der ganze Stress, die großen und kleinen Sorgen – wie beim Flug über den Wolken erscheint einem plötzlich alles „nichtig und klein“.

Was will man mehr? Das ist doch wirklich das Schönste, was man von einem Buch erwarten kann. Lesen, um Gelassenheit zu erlangen, seinen Frieden zu finden. Ich weiß nicht, ob Seethaler das wirklich beabsichtigt hat. Ich glaube nicht. Vielleicht wollte er einfach nur eine einfache Lebensgeschichte erzählen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Moral von der Geschicht`. Und wie das immer so ist, wo die Moral fehlt, denkt sich der Leser eine dazu. Und die lautet diesmal: Lesen macht glücklich.

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Gelesen: Dezember 2014
Foto: Gabriele Luger