Was vom Lesen übrig bleibt

5

…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

__________

Foto: Gabriele Luger

Leserbrief #2

12

IMG_6927

Lieber Benjamin,

nicht mehr lange, dann erscheint dein neuer Roman. Ist es überhaupt ein Roman? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ist ja auch egal. Ich habe mich auf alle Fälle tierisch gefreut, als ich davon erfahren habe. Panikherz soll er heißen. Richtig gut soll er sein. Wieder an die alten Zeiten anknüpfen. An damals, als du die Lesebühnen gerockt hast und ganz anders warst als die anderen. Mit Diaprojektor und Musik, mit jungen Mädchen, die kreischten, wenn du die Bühne betreten hast.

Ich weiß das noch zu gut, denn ich war dabei, habe dich mal gesehen. Damals in Düsseldorf im Zakk – ist jetzt bestimmt schon fast zwanzig Jahre her. Der Laden war brechend voll, und ich war so voller Missgunst. Ich habe dich bewundert und dich gleichzeitig gehasst. Aber in erster Linie bin ich fast gestorben vor Neid. Du warst Anfang zwanzig und hattest bereits alles erreicht, was ich aus meiner damaligen Sicht als erstrebenswert erachtet habe. Du hattest ein saucooles Buch geschrieben, du wurdest im Fernsehen und im Feuilleton als der deutsche Nick Hornby gefeiert, dir lag die Welt zu Füßen.

Und ich? Ich war zehn Jahre älter als du, hatte mit Müh und Not einen Babysitter für diesen Abend besorgt, bin um halb sechs von der Arbeit nach Hause geeilt, musste mich von Kollegen fragen lassen, ob ich einen halben Tag Urlaub genommen hätte und zu Hause, wo ich denn jetzt erst herkäme. Egal, wir haben es dann irgendwie doch noch pünktlich zu deiner Lesung geschafft. Nur umziehen konnte ich mich nicht mehr. Ich saß da also mit einem 90er-Jahre Anzug mitten im coolsten Szene-Publikum und konnte mir gerade noch die rotgestreifte Krawatte abnehmen. Nur um dann zu sehen, dass auch du mit Anzug und Krawatte auf die Bühne kamst. Aber mein Anzug und dein Anzug – dazwischen lagen in Sachen Coolness Welten – wie zwischen Roberto Blanco und David Bowie. „Guck mal“, sagte meine damalige Frau, „der hat das Gleiche an wie Du“. Und ich fragte mich, will sie mich nur trösten, oder sieht sie den Unterschied tatsächlich nicht?

Egal – diesen Abend habe ich bis heute nicht vergessen. Dich da stehen zu sehen, mit dieser ungeheuren Leichtigkeit, dieser Selbstsicherheit, dieser Eloquenz, dem Erfolg, den kreischenden Groupies und dem nicht zu leugnenden Talent – das hat mich nicht nur tief beeindruckt, das hat etwas in mir zerstört. Auf einmal war alles dahin, alle Hoffnung und Zuversicht, es irgendwann auch mal zu schaffen, mit meinem kleinen Talent, mit meinen bescheidenen, schriftstellerischen Ambitionen. Denn neben Beruf und Familie hatte ich da noch so ein kleines Manuskript, an dem ich nachts akribisch arbeitete. Aber nach diesem Abend war erst mal Schluss damit. Das ist alles Scheiße, das rockt nicht, das ist Roberto Blanco.

Erst Jahre später habe ich daran weitergearbeitet, habe es soweit gebracht, dass man es vorzeigen konnte, habe es zehnmal ausgedruckt, gebunden und bin damit zur Buchmesse nach Leipzig gefahren. Wie Blei lagen die Manuskripte in meiner Tasche. Ich bin durch die Messehallen getigert, habe hier und da mal vorgesprochen und bin natürlich kein einziges Manuskript losgeworden. Aber dich habe ich gesehen. Am Stand deines Verlages, im Gespräch mit Marcel Reif. Damals warst du schon drauf. Ich wusste das natürlich nicht und sah nur die ganzen Speichellecker um euch herum, den Hofstaat der VIPs. Ich sah dich lachen, sah deine Bücher im Regal stehen, deinen Namen in großen Lettern am Stand. Und dann sah ich zu, dass ich wieder nach Hause kam.

Seitdem ist das Thema Schriftsteller für mich ein für allemal gestorben. Die zehn Manuskripte habe ich neulich im Keller in einer alten Umzugskiste wiedergefunden. Sie einfach wegzuschmeißen, konnte ich nicht über mich bringen. Ich habe die Kiste einfach zugemacht und bin wieder hochgegangen.

Stattdessen mache ich jetzt das hier. Ich blogge über Bücher, ich erlaube mir ein Urteil über etwas, das ich selbst nie geschafft habe. Und was soll ich sagen? Es ist gar nicht mal so schlecht. Von Monat zu Monat klicken mehr Leute auf meine Seite. Jetzt im Januar waren es über 5.500 Klicks. Gar nicht so übel, oder? Ich frage mich, erreicht ein durchschnittlicher Debütautor überhaupt so viele Leser?

Du kannst über solche Zahlen natürlich nur lachen. Du bist da ganz anderes gewohnt. Aber ich weiß ja auch, dass dich das alles fertig gemacht hat. Dass Du dem Drogentod noch mal gerade so von der Schippe gesprungen bist. Und so fühlt sich Otto-Nomalverbraucher wieder halbwegs wohl in seiner Haut. Ich bin gar nicht mehr neidisch auf dich, sondern freue mich, dass es dir wieder gut geht, dass Du ein neues Buch geschrieben hast, dass ich es lesen und rezensieren darf. Und ganz besonders freue ich mich auf Deine Lesung in Düsseldorf. Am 19. April – natürlich wieder im Zakk. 

Sei bis dahin herzlich gegrüßt von
deinem alten Buddy aus dem Buchrevier

Lila Azam Zanganeh – Der Zauberer

3

 

Nabokov und das Glück.

Ich habe so etwas noch nie gelesen und kann auch nach der Lektüre dieses Buches immer noch nicht sagen, was es genau ist. Es ist auf alle Fälle kein Roman, aber auch kein Sachbuch. Es hat etwas von einem literaturwissenschaftlichen Essay, hier und da meint man, eine in sich geschlossene Kurzgeschichte erkannt zu haben. Dann wieder kommt es einem vor wie Tagebucheinträge, ja wie ein Blog, mit unterschiedlichen Rubriken und Menüpunkten, die aber für die analoge Printversion entfernt wurden, wodurch die einzelnen Beiträge einfach kunterbunt hintereinander weggedruckt wurden. Aber egal, was es auch immer ist oder auch nicht ist – es ist gut.

Alleine schon die Grundidee ist phänomenal. Die Autorin Lila Azam Zanganeh schreibt über sich als Leserin, Leserin eines Autors, der wenige Monate nach ihrer Geburt bereits gestorben ist: Vladimir Nabokov. Wir lesen was sie von ihm liest, wie sie liest und was sie sich dazu denkt. Indem sie uns an ihrem Lesen teilhaben lässt, wird auch für uns Leser ihr Lieblingsautor Nabokov wieder lebendig. Und nicht nur das – auch sein Sohn, seine Frau, seine Romanfiguren, die Romansettings und die Lebensstationen des russischen Autors tauchen vor unserem inneren Auge auf, durchmischen sich mit dem Leben der Autorin, Nabokovs und verwischen dabei die Grenzen. Stellenweise weiß man nicht, ob man sich gerade in einer Romanszene des Skandalbuches Lolita oder im Berliner Exil befindet, wohin Nabokov nach der Oktoberrevolution geflohen ist.

Das alles ist literarisch unheimlich reizvoll komponiert, aber gleichzeitig auch total rätselhaft und verworren. Ich musste immer wieder zurückblättern, habe Passagen noch einmal gelesen und versucht, mich irgendwie in diesem Werk zu orientieren. Ganz zum Schluss habe ich ein ausführliches Quellenverzeichnis gefunden – aber da war es leider schon zu spät für meine Fragen. Trotzdem hat mich das in der Vermutung bestärkt, dass der Zauberer eigentlich mal als eine literaturwissenschaftliche Arbeit geplant war.

Aber von einem wissenschaftlichen Anspruch hat sich die Autorin ziemlich schnell wieder verabschiedet. Denn logisch, rational und wissenschaftlich ist dieses Buch beileibe nicht. Beim Blättern ist mir auch der Klappentext von Ilja Trojanow wieder aufgefallen, den ich vor dem Einstieg in die Lektüre schon gelesen, aber nicht besonders beachtet hatte. „Alle…waren sich einig, dass wir ein Werk gelesen hatten, dass so sehr verwirrt und verzaubert, provoziert und bestätigt, das einen Weg weist, von dem wir alle etwas ahnen, den wir aber selten betreten.“

Und obwohl ich von Trojanow als Autor nicht viel halte, hier hat er vollkommen recht. So einen Weg habe ich als Leser in der Tat noch nie betreten. Ich gebe zu, ich fühle mich auf diesem Pfad etwas unsicher, weiß nicht so recht, wie ich meine Schritte zu setzen habe. Normalerweise schreibe ich meine Rezensionen relativ schnell, weiß nach kurzem Nachdenken meistens ganz genau, was ich schreiben will. Aber bei diesem Buch war ich erst einmal ratlos. Ich wüsste auch nicht , ob und wem ich dieses Buch empfehlen sollte. Denn es ist nicht einfach. Die ersten Kapitel sind noch klar strukturiert. Wir begegnen dem Autor und dem Menschen Nabokov und erleben seine Entwicklung als Schriftsteller, verlassen mit ihm Russland, gehen mit ihm nach Berlin, in die USA und schließlich in die Schweiz auf Schmetterlingsjagd.

Dann wird es zusehends verworren und sonderlich. Die Autorin assoziiert und lässt sich gedanklich treiben, die Ebenen vermischen sich und man muss wie im dichten Nebel seinen Weg suchen. Das hat Längen, das ist bestimmt auch nicht jedermanns Sache, aber der Nebel lichtet sich kapitelweise auch wieder, so dass man sich zehn, zwanzig Seiten weiter wieder orientieren kann.

Das ganze Buch würde nicht funktionieren, wenn es sprachlich die Stimmung nicht tragen würde. Es ist von Susann Urban aus dem Englischen übersetzt und bewegt sich auf einem hohen literarischen Niveau. Wird heiter und leicht, wenn es auf Schmetterlingsjagd geht, melancholisch, getragen und geheimnisvoll, je mehr sich die Handlungsebenen durchmischen.

So ein richtiges Fazit kann ich bei diesem Buch nicht ziehen. Ich habe es zwischen den Jahren gelesen, hatte Ruhe, konnte mich darauf einlassen, drüber nachdenken. Darüber hinaus habe ich als leidenschaftlicher Leser eine Grundsympathie für alle, die leidenschaftlich gerne lesen. Es macht mich glücklich, Menschen zu begegnen, die ihr Glück zwischen zwei Buchdeckeln gefunden haben. Und da dies in der Literatur meistens unglaublich kitschig rüberkommt, hier aber nicht, hat mich das Lesen dieses Buches phasenweise auch sehr glücklich gemacht

_________________________

Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Edition Büchergilde
220 Seiten, 22,95 €
Hier direkt online bei Buchhandel.de bestellen.

Eine weitere  Rezension findet man auch auf Ilja Regiers Blog Muromez.

Hier auch ein sehr empfehlenswertes Video. Die Autorin über das Glück zu lesen und ihre Liebe zum Werk von Nabokov.

Kat Kaufmann – Die Superposition

2

Dialogmassaker. 

Wenn ein Roman-Debüt mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wird, dann ist das schon was. Dann kann das Buch nicht schlecht sein, dachte ich mir so, fragte ein Leseexemplar beim Verlag an und googelte schon mal die Autorin.

Kat Kaufmann heißt eigentlich Ekaterina Kaufmann und dürfte alleine schon aufgrund ihrer Vita die Kulturbourgeoisie hierzulande in Entzücken versetzen. Die Autorin hat jüdische Wurzeln und wurde 1981 in der damaligen Sowjetunion geboren. In den Achtzigern ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland immigriert. Und alle Studienrätinnen so: Echt? Sie spricht akzentfrei Deutsch, hat eine flotte Schreibe spielt Klavier, komponiert Musikstücke und ist auch noch Fotografin. Und alle Ärzte und Rechtsanwälte so: Toll! Und dann sieht sie auch noch blendend aus, hat ein sympathisches Lächeln und kann eloquent und gewinnend erzählen. Und ich so: Yeah!

Als das Buch dann kam, blätterte ich rein und nickte zunächst zufrieden. Aber nach der Lektüre von ca. 50 Seiten stellte ich fest, dass ich mal wieder einem literarischen Hype aufgesessen bin. Denn dieses Buch ist in meinen Augen alles andere als ausgezeichnet. Es ist aufgesetzt, wirkt irgendwie krampfhaft gewollt und hat mich am Ende nur noch genervt.

Ganz besonders nervt die Protagonistin Izy, die genau wie die Autorin eine russisch, jüdische Allround-Künstlerin ist. Eine, die natürlich in Berlin lebt, Klavier spielt, komponiert und das macht, was Künstler halt so machen. Sich reiben, sich produzieren und in Szene setzen. Und zwar nicht nur auf der Bühne, sondern überall. Schon auf den ersten Seiten war mir die Hauptfigur total unsympathisch. Unheimlich selbstverliebt stolpert Izy von einer Gesprächssituation zur nächsten. Überhaupt ist der ganze Roman ein einziges Dialogmassaker. Seitenlange, wirre Gespräche teilweise im Drogenrausch, ein nicht enden wollendes Hin und Her an „sagt er/sagt sie“, Anführungsstriche oben, Anführungsstriche unten. Man verliert irgendwann den Faden, weiß auf einmal nicht mehr, wer jetzt was gesagt hat. Aber Izy erkennt man immer wieder. Sie ist immer die Coole, die Souveräne, die Überlegene, die Checkerin.

Sprachlich war ich zunächst ganz angetan. Oder sagen wir so: auf den ersten Seiten hat mir das gefallen. Abgehackte, unvollständige Sätze, Aufzählungen, Einschübe, Szenesprech. Für einen fünfminütigen Poetry Slam genau das Richtige. Aber für einen Roman ist dieser Sprachduktus dann doch eher ermüdend und nicht zielführend. Denn eine richtige Handlung kommt dadurch nicht in Gang. Ist aber auch nicht schade drum, denn dieser Migration-Religion-Berlin-Boheme-Selbstdarstellungsplot hätte mir auch in anderer Erzählform nicht gefallen.

Alles in allem ein enttäuschendes Werk, dessen Lektüre ich niemandem ernsthaft empfehlen kann. Und die deutsche Kulturbourgeoisie so: Warum?

Und ich so: Darum.

___________
Verlag: Hoffmann & Campe
272 Seiten, 20,00 €

Hier bestellen bei: Buchhandel.de

 

Juan S. Guse – Lärm und Wälder

1

 

Meine neuen Laufschuhe? Ganz ok. Spaghetti Bolognese? Kann man essen. Der neue James Bond? Geht so. Jeder kennt das. Die meisten Dinge im Leben sind so ‚lala’. Hauen einen nicht vom Hocker, sind nicht richtig gut, aber auch nicht richtig schlecht. Mittelmaß halt. Selbst der Großteil der Bücher, die ich im meinem Leben so gelesen habe, fällt in diese Kategorie. Auch der Debütroman von Juan S. Guse macht da keine Ausnahme. ‚Lärm und Wälder’ ist nicht so schlecht, dass man die Lektüre irgendwann genervt oder gelangweilt abbricht, aber auch nicht so gut, dass es einen richtig packt und begeistert. Eben so lala.

Das beginnt schon beim Thema. Das geschmackvoll bedruckte Hardcover aus dem Fischerverlag ist – wie sollte es anders sein – mal wieder ein Endzeitroman. Derzeit scheinbar ein beliebtes Topic. Kein Wunder, denn die Gegenwartsliteratur greift ja meistens das auf, was vielen gerade so durch den Kopf geht. Und wer die Zeitung aufschlägt, kommt nicht umhin, sorgenvoll in die Zukunft zu schauen. Je jünger man ist, desto berechtigter die Sorge. Kein Wunder also, dass der blutjunge Juan S. Guse, geboren 1989, sich Sorgen macht und das literarisch verarbeitet.

Und wie er das macht, verdient durchaus Respekt. Sein Setting ist nicht ganz einfach, aber gekonnt inszeniert. Die Welt ist noch nicht ganz am Ende, aber es spitzt sich langsam zu. Richtig safe und unbehelligt lebt es sich nur noch in einer dieser sogenannten Gated Communities, mit Schutzzaun, privatem Sicherheitsdienst und peniblen Eingangskontrollen. Das kennt man aus den USA, Südafrika und vielen anderen Ländern, wo die Schere zwischen arm und reich besonders stark auseinander klafft.

Guse lässt seine Handlung in Südamerika spielen, am Fuße der Anden befindet sich Nordelta, eine dieser streng bewachten Siedlungen, wo die Privilegierten vor dem tobenden Mob noch halbwegs in Sicherheit sind. Wir begleiten eine vierköpfige Familie durch ihren Alltag in der Nordelta-Community. Da wird viel erklärt und muss nach Guses Ansicht wohl auch viel beschrieben werden, damit man sich das als Leser auch richtig vorstellen kann. Haushalt, Schule, Arbeit, Nachbarn, Glaubensgemeinschaft, Freizeit – das alles wird sehr ausführlich beschrieben. Das ermüdet etwas und lässt einen fast übersehen, dass der Jungautor sich mit einem Setting nicht zufrieden gibt und noch einen zweiten Handlungsstrang aufbaut.

So ganz trennscharf ist der Übergang nicht. Irgendwann habe ich aber doch mitbekommen, dass sich die Erzählperspektive geändert hat und wir uns in einer anderen Zeit an einem anderen Ort befanden. Pelusa und Hektor, die beiden Protagonisten, in ihrer Zeit vor dem Umzug nach Nordelta. Oder danach? So ganz klar wird das nicht.

Ist auch egal. Der zweite Handlungsstrang rettet auf alle Fälle die trotz aller Endzeitproblematik etwas dröge Rahmenhandlung. Und überhaupt – während der Roman ca. 200 Seiten lang eher durchschnittliche Unterhaltung bietet – sprachlich durchaus solide, nicht bemerkenswert, aber ganz ok – dreht Guse auf den letzten 100 Seiten noch einmal richtig auf. Da freut man sich dann, dass man doch dran geblieben ist, den Roman nicht vorschnell in die Ecke gelegt hat und das Ende der Geschichte doch noch mitbekommt.

Mein Fazit? Kann man lesen, muss man aber nicht.

_________

Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Fischer
320 Seiten, 19,99 €
Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

 

Rainald Goetz – Johann Holtrop

7

 

Ich konnte diesen Lackaffen ja noch nie leiden. Mit seinen halsabschneidenden Button-Down-Hemden, der randlosen Brille, seinen Krawattennadeln und Manschettenknöpfen. Alles Dinge, die so gar nicht gehen und auch schon in den 90ern nicht gingen. Die Rede ist von Thomas Middelhoff, alias Johann Holtrop, wie der Autor ihn in seinem Schlüsselroman nennt. Ehemaliger CEO der Bertelsmann AG (im Buch Assperg AG genannt) danach Arcandor-Chef (hier: Lanz AG) und zuletzt Untersuchungshäftling in der JVA Essen. An keiner Persönlichkeit der deutschen Wirtschaft kann man den Aufstieg und Fall eines Top-Managers besser skizzieren als an Big T., wie Middelhoff in seinen Glanzzeiten genannt wurde.

Im Gegensatz zum Protagonisten kann ich den Autor Rainald Goetz gut leiden. Wie er erst neulich vor dem versammelten Hochkulturbetrieb bemerkenswert dilettantisch den Wanda-Klassiker „Bologna“ intonierte – das hatte was. Und nicht zu vergessen: seine blutige Klagenfurt Performance – legendär. Doch gelesen habe ich bisher nichts von ihm. Darum war ich auch ganz besonders gespannt auf diesen Roman aus dem Jahr 2012, dessen damalige Nicht-Nominierung zur Shortlist des Deutschen Buchpreises für allerlei böses Blut gesorgt hat. Aber das sind alte Geschichten, wie auch die von Big T.

Ja, in unserer schnelllebigen Zeit ist das alles schon sehr lange her. Man wundert sich, wie schnell man Typen wie Rolf Breuer, Mark Wössner, Josef Ackermann und Leo Kirch schon wieder vergessen hat. Alles Charaktere, die in diesem literarischen Top-Business-Drama unter anderen Namen vorkommen. Genauso wie Hubert Burda, Maria Furtwängeler, Liz Mohn, Friede Springer und Mathias Döpfner. Ich hatte meinen Spaß daran, die Romanfiguren den Real-Life Persönlichkeiten zuzuordnen. Ich freute mich, als ich im stumpenhaft daherkommenden Herrn Schwaake irgendwann Hubert Burda erkannte und dann auch wusste, dass der ihn um zwei Köpfe überragende Messmer, CEO von Gosch, niemand anderes sein kann als Mathias Döpfner, CEO von Springer.

Nicht, dass ich jemals mit einem dieser Top-Managern zu tun hatte. Ich bin da eher zwei Hierarchiestufen darunter unterwegs. Aber dieser Holtropsche Business-Typ hat mich durch mein gesamtes, bisheriges Berufsleben begleitet. Solche gab und gibt es auch im mittleren Management, nicht ganz so grandios und charismatisch wie Holtrop, aber doch vergleichbar. Das sind diese Time-System-Typen, die nichts anders kennen, als für den Erfolg zu funktionieren. Mit Vorzimmerdame und persönlichem Assistenten, mit Terminen in den USA und China und einem gelegentlichen First-Class Upgrade beim Interkontinentalflug. 150 Prozent Effektivität, der ganze Tag mit spitzem Bleistift durchgeplant, perfektes Business Outfit, morgens die Ersten und abends die Letzten im Büro. Das Leben und Denken solcher Leute besteht zu 95 Prozent nur aus Firma und persönlicher Karriereplanung. Da ist kein Platz für Familie, Freizeit oder mal ein gutes Buch.

Das alles beschreibt Götz sehr eindringlich und treffend. Obwohl der Autor keine Konzernerfahrung hat, gibt er die internen Abläufe, die kleinen und großen Intrigen, die quälend langen, ergebnislosen Meetings sehr authentisch wieder. Das gilt auch für die Management-Innensicht, die Geringschätzung der Führungskräfte füreinander. Der tägliche Kampf der Alpha-Männchen, die sich nicht zerfleischen, weil sie sich in ihrer gegenseitigen Verachtung aber auch gegenseitig tolerieren.

Dass sich das alles sogar recht fesselnd und spannend liest, liegt vor allem an der Sprache dieses Romans. Und wenn man Rainald Götz lesen sieht, weiß man auch wie er das macht. Er schreibt nicht, er komponiert Sätze. Eine Hand hält das Buch, die andere dirigiert und gibt den Rhythmus vor. Seine Sätze klingen, haben eine Melodie und transportieren die jeweilige Stimmung der Romanszene. Werden leicht und einfach, wenn auch Holtrop entspannt und in Plauderlaune ist. Dann wieder lang, kompliziert, verdichtet und verschachtelt, wenn es eng und bedrohlich wird.

Ich merke immer ob mir ein Buch gefällt, wenn ich mich auf dem Nachhauseweg schon auf die abendliche Lektüre freue. Und das habe ich bei diesem Roman definitiv getan. Es war ein rauschendes Leseerlebnis und eine bedrückende Charakterstudie. Selbst Tage danach hat mich die Frage nicht losgelassen: Muss man so sein, um Erfolg zu haben?

Über die Antwort denke ich immer noch nach.

_____________

Diese Rezension gibt es auch als Audio-Podcast auf Literaturradio Bayern:
Bildschirmfoto 2015-12-16 um 09.37.47

Verlag: Suhrkamp
342 Seiten,  Taschenbuch, 10,00 €
Online bei Buchhandel.de bestellen.

 

Cornelia Travnicek – Junge Hunde

 

Man kann davon ausgehen, dass jeder Autor sich ganz genau überlegt, mit welchem Satz er einen Roman beginnt. Und wenn er nicht selber darauf achtet, dann werden es Verlag und Lektor tun. Denn der erste Satz muss sitzen. Er ist ein Versprechen, eine Art Willkommensgruß, spannt den Bogen, bestellt das Feld. Auch Cornelia Travnicek wird sich etwas dabei gedacht haben, als sie den folgenden ersten Satz für ihren Roman „Junge Hunde“ ausgewählt hat: „Der Tag ist frühmorgens mit flüssigem Licht übergossen worden und lichtern trieft es nun an den Bäumen herab.“

Ja, was hat sich die junge, österreichische Autorin wohl dabei gedacht? Ich nehme an, sie wollte einen stimmungsvollen Einstieg schaffen, wollte zeigen, dass es in diesem Roman um große Gefühle geht. Es wird übergossen und es trieft. Also weniger Plot, mehr Stimmung – getragen, poetisch-literarisch, anspruchsvoll. Alles schön und gut, aber musste sie mit einem Satz beginnen, der auch von Günter Grass hätte stammen können?

Problematisch ist dieser lichtern triefende und altmodisch anmutende Satz, von dem es im weiteren Verlauf des Romans noch weitere gibt, weil er so gar nicht zum flockig, poppigen Auftritt dieses klassischen Coming-of-Age-Romans passt. So zielt die günstige Paperback-Ausgabe mit einem schmelzenden Cuja-Mara Split auf petrolfarbenem Cover ganz klar auf eine junge Leserschaft. Jung wie die beiden Romanhelden Johanna und Ernst – beide Mitte Zwanzig, beide fertig mit dem Erwachsenwerden, beide vor dem nächsten Entwicklungsschritt. Eine schwierige Zeit, rückblickend betrachtet sogar die allerschwerste Zeit im Leben. Tausend Fragen, auf die man eine Antwort finden muss. Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Wer liebt mich? Wen liebe ich? Was ist Liebe überhaupt?

Und während Johanna gerade dabei ist, all diese Rätsel zu lösen, stirbt plötzlich der Hund, mit dem sie aufgewachsen ist und es wird ernst mit dem Erwachsensein. Jetzt noch schnell einen Haken an die letzte, alles entscheidende Frage machen – Wo komm ich her, was macht mich aus? – und dann durchstarten in ein verantwortungsvolles Leben.

Aber in diesem Roman wird nicht durchgestartet, es wird erst mal aufgeräumt. Und zwar in Johannas ehemaligem Elternhaus. Und das ist düster, verstaubt und bedeutungsschwer. Also das genaue Gegenteil von dem, was das sommerlich leichte Pop-Art-Cover verspricht. Und so geht es auf den 235 Seiten dieses Romans auch weiter.

Die Sprache ist melancholisch getragen, die Handlungsstränge durch surreale Einschübe gebrochen, keine Leichtigkeit, kein Witz, keine Dynamik. Beinahe hätte ich gesagt: typisch österreichisch. Eine konstant morbide Stimmungslage beherrscht das Setting. Auch der zweite Romanheld Ernst, der in China auf der Suche nach seinen Wurzeln ist, erlebt keine wirklich gute Zeit.

Dass diese Melancholie nicht einfach nur dem Österreichischen entspringt, sondern von der Autorin ganz bewusst ein- und aufgesetzt wurde, zeigt sich in dieser Gesprächspassage zwischen Johanna und ihrem Nachbarn Glantz: „Wissen Sie, der Mensch hat ein Recht darauf, traurig zu sein. Sind Sie manchmal traurig? Das ist gut. Traurig sein ist gut. Lassen Sie sich das nicht nehmen. Auch jungen Menschen steht es zu, ein wenig melancholisch gestimmt zu sein, ja wirklich…Nichts wofür man sich schämen müsste.“

Und damit wird klar, was die Autorin ihren Protagonisten und Lesern für den nächsten Lebensabschnitt mit auf den Weg gibt: Ohne Trauer, keine Freude, ohne Schwermut, keine Leichtigkeit, ohne Ängste, keine Sorglosigkeit. Und daraus ergibt sich zwangsläufig: ohne Rückschritt, keine Entwicklung. Eigentlich ein schönes Fazit für einen Entwicklungsroman, der zwar hier und da einige Schwächen und Längen hat, aber gleichzeitig auch beeindruckend dicht, intensiv und authentisch ist. Und ja, traurig ist er natürlich auch. Aber wie sagt der Österreicher? Kein Grund gleich den „Fotz hängen zu lassen“.
____________________________
Titelfoto: Gabriele Luger
Verlag: DVA
238 Seiten, 14,99 €

Auf Youtube findet sich auch ein Buchtrailer:

Eine weitere, lesenswerte Rezension samt einem Autoreninterview haben Mareike und Maike auf ihrem Blog Herzpotenzial veröffentlich.