Meinung

Der Hype ist vorbei.

Literaturblogs in der Sackgasse? 

Als ich im November 2014 mit dem Bloggen anfing, kam ich genau zur richtigen Zeit. Der Literaturbetrieb hatte gerade die Blogger entdeckt. Die Online-Freaks, die anfangs belächelt, nicht ernst genommen wurden und noch nicht mal Rezensionsexemplare bekamen, waren urplötzlich Zielgruppe — wichtige Influencer, die in den Verlagen von sogenannten Influencer-Relations-Managern betreut wurden. In Leipzig gab es auf einmal eine Bloggerlounge, und Bloggerpaten durften den Preis der Messe begleiten. Danach kamen die Buchpreisblogger, diverse BookUps, Bloggertreffen, Verlags-Bloggertage, die Litblog-Convention, der Debütpreis, das Literaturcamp und zuletzt der Blogbuster-Preis.

Für mich eine aufregende Zeit, denn fast überall war ich mit dabei. Ich durfte mich als absoluter Neuling sofort zu den relevanten Bloggern zählen, habe in Rezensions- und Leseexemplaren gebadet, mich mit Begeisterung vor fast jeden Karren spannen lassen, durfte Interviews geben, Vorträge halten und mich wichtig fühlen. Und ich habe neue Freunde gefunden, Menschen wie Tilman, Ilja, Mareike, Sophie und Frank. Aber auch Uwe, Sonja, Jochen, Vera, Jacqueline, Simone, Sarah und Gérard sind mir ans Herz gewachsen. Mittlerweile sind all diese viellesenden Sonderlinge sowas wie Familie. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und würde nichts auf sie kommen lassen.

Anfangs habe ich alles rund um das Bloggen mit großem Interesse verfolgt. Mittlerweile ist das alles nicht mehr ganz so spannend für mich. Es ist Alltag geworden, ich lese hier und da mal rein und freue mich ansonsten, dass der Kaffeehaussitzer mich in seiner Buchmarkt-Kolumne auf dem Laufenden hält. Ab und zu gibt es mal wieder einen dieser abschätzigen Feuilleton-Artikel über das Phänomen Blogger, aber außer einem kollektiven Schulterzucken passiert da nicht mehr viel. Kein Aufschrei, keine Debatte.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass der Hype, die ganze Aufregung um die neuen digitalen Literaturvermittler jetzt erstmal vorbei ist. Der Literaturbetrieb hat akzeptiert, dass es Blogs gibt und dass sie eine immer wichtigere Rolle spielen. Jetzt muss er noch lernen, dass man nicht alle Blogs über einen Kamm scheren kann. Blogs sind genauso vielfältig wie die Verlagswelt und eigentlich ein gutes Abbild der Branche. Natürlich gilbt es viele Blogs, die in meinen Augen gar nicht gehen. Gleiches gilt aber auch für Verlage. Auf jeden Topf passt nunmal ein Deckel.

Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit der derzeitigen Situation – genieße, dass ein wenig Ruhe eingekehrt ist und das mit dem Bloggen über Literatur nicht mehr so hoch gekocht wird. Wie andere Blogger auch, habe ich meinen Weg gefunden, meinen Rhythmus, meine Themen, meine Hood. Ich habe so zehn, fünfzehn Blogs, die ich schätze und verfolge, bei denen ich mir Anregungen hole und im Austausch stehe. Der Rest geht größtenteils an mir vorbei, und ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen.

Mich interessieren die dem Feuilleton nacheifernden Online-Intellektuellen aus der Tell-Fraktion genauso wenig, wie die bunte Schar an Unterhaltungs-, Blümchen- und Genre-Bloggern. Ich finde Challenges blöd, arrangierte Fotos mit Buchcovern, die allermeisten Booktube-Formate und das alberne Kokettieren mit der Büchersucht. Genauso wenig mag ich bemüht literaturkritische Angeber-Rezensionen, den Page 99-Test und Online-Debatten jedweder Couleur. Stattdessen mag ich gut geschriebene Texte, die mehr bieten als nur ein Summary. Ich mag es, wenn jemand Mut zur Meinung hat, interessante Perspektiven und Ansichten aufzeigt, mich fordert und gleichzeitig gut unterhält. Genau diesen Maßstab stelle ich auch an meine eigenen Beiträge.

Dass es in der Bloggerszene auch Animositäten gibt, dass auf Klickzahlen, Blogrolls und Verlinkungen, Likes und Erwähnungen der Anderen geschielt wird, ist nur natürlich. Unsere Währung ist nunmal Aufmerksamkeit, die Resonanz aus dem Netz. Dafür machen wir das alles. Und wenn einer meint, das wäre ihm komplett egal, kann ich das nicht ernst nehmen. Wer etwas veröffentlicht, will auch Öffentlichkeit. Der Unterschied ist, mit wieviel davon man persönlich zufrieden ist. Und selbstverständlich sind Blogs im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit der Netz-Gemeinde auch Wettbewerber. Natürlich checke ich regelmäßig meine Besucherstatistik, schaue welche Beiträge gut und welche weniger gut laufen und registriere auch, wenn ein Verlag meine Rezension zwar liked, aber die eines anderen Bloggers zusätzlich teilt und kommentiert.

Wenn sich die Bloggerszene weiterentwickeln will, muss sie den Mut haben, sich zu differenzieren und auch mal über Qualitätskriterien nachdenken. Das fängt schon damit an, unter den über 1.000 Blogs zwischen Genre-Buchbloggern, Literaturbloggern und dem Online-Feuilleton zu unterscheiden. Letztere Gruppe grenzt sich schon länger von dem Gros der Blogger ab. Der Rest lässt sich weiterhin in einen Topf werfen.

Jeder kann es ja halten wie er will, aber ich für meinen Teil werde auf unspezifische Massenmails mit der Anrede “Lieber Blogger“ nicht mehr reagieren. Gleiches gilt für Veranstaltungen, bei denen querbeet alles, was über Bücher bloggt, eingeladen wird. Die Litblog Convention in Köln mag vielleicht gut besucht gewesen sein, aber ein Verlag wie KiWi sollte sich ernsthaft fragen, ob sie da gut aufgehoben sind und sich eine Kooperation mit Bastei Lübbe, auch wenn es noch so praktisch ist, nicht eher kontraproduktiv ist.
Wenn in Sachen Differenzierung nichts passiert, bleiben wir weiter in den ständig gleichen Diskussionen hängen. Feuilleton versus Blogger in Endlosschleife. Verlage, die entweder gar nichts oder wahllos irgendwas mit Bloggern machen. Ohne Plan und ohne Erfolg. Die Folge sind wachsende Unzufriedenheit in allen Lagern, Stillstand und schließlich Rückschritt. Gattungen definieren, sich einordnen und profilieren, das alles kann man machen, ohne arrogant und dünkelhaft zu wirken. So eine Differenzierung hat auch nichts mit Marketing zu tun, was ja immer sofort als oberflächlich abgetan wird, sondern mit Selbstbewusstsein und Professionalität. Und ich bin mir sicher, es macht auch noch viel mehr Spaß.

Der Hype um die Literaturblogs ist vorbei, aber wir sind noch lange nicht am Ende. Es fängt eigentlich gerade erst an.

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Foto: Gabriele Luger

7 Kommentare zu “Der Hype ist vorbei.

  1. Ich bin ja schon irgendwie neidisch. Ich war vor dem Hype schon da, als das Geblogge noch keine Sau interessiert hat, und jetzt kommt mir das auch immer noch bzw. wieder ganz normal vor. Erstaunlich ist ja, dass wir alle so dahindümpeln, während die Lifestyle- und Fashion-Blogger sich im Ruhm sonnen und ordentlich Geld scheffeln. Von wegen Sackgasse nämlich.

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  2. Ist es nicht vielleicht eher so, dass Du bereits saturiert bist? Ich glaube, dass der Hype noch nicht mal richtig begonnen hat. Ach ja, übrigens: Wen meinst Du denn mit den „dem Feuilleton nacheifernden Online-Intellektuellen aus der Tell-Fraktion „?

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  3. Schöner Beitrag! Als wir vor mehr als zehn Jahren begonnen haben über Bücher zu bloggen, war es in der Tat noch sehr schwer Rezensionsexemplare zu bekommen. Zu der Zeit fing es in Deutschland mit der Bloggerei überhaupt erst an und es gab vermutlich auch nur ganz vereinzelt Blogs, die das Lesen, Literatur und Bücher zum Thema hatten. Ob der Hype vorbei ist mag ich nicht beurteilen, kann ich letztlich auch nicht. Mag sein, dass es einfach nur Wellen sind und sich nach einem übergroßen Interesse das Ganze ein wenig normalisiert bis es vielleicht wieder so etwas wie einen Hype gibt…

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  4. Das Bloggen selbst verändert den Blick und entwickelt sich – so habe ich das erlebt – einfach weiter, ohne dass ich es aktiv wollte. Da ich zusammen mit anderen unseren Blog betreibe, konnten wir gut beobachten, dass jeder von uns gewisse Phasen durchlaufen hat. Von Himmelhochjauchzend zu zu Tode betrübt und irgendwann stellt sich Kontinuität ein – Freude daran, das zu tun, was man tun möchte, egal, ob Klick oder nicht – Austausch ist dabei das Wichtigste geworden. Und einen Hype braucht es nicht für die Dinge, die man gerne tut, sie sollen einfach nur irgendwie Freude bereiten. Im besten Fall nicht nur einem selbst. LG, Brigitte

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