Michael Kumpfmüller – Die Herrlichkeit des Lebens 

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Normalerweise weiß ich ja, was ich da gerade für ein Buch lese. Ich informiere mich im Vorfeld, habe Empfehlungen bekommen oder zumindest den Klappentext gelesen. Alles dringend notwendige Maßnahmen zur Erhaltung der Lesefreude angesichts all des Schrotts, der einem im Buchmarkt so angeboten wird. Selten also, dass ich einen Roman lese, von dem ich so gar nichts weiß. Doch bei diesem hier habe ich es gemacht.

Komplett gar nicht stimmt eigentlich auch wieder nicht. Ich kannte zumindest den Autor, Michael Kumpfmüller. Im letzten Jahr stand sein Roman „Die Erziehung des Mannes“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Der hat mir so gut gefallen, dass ich mir bei Medimops ein paar weitere, gut erhaltene Backlist-Titel von ihm besorgt habe. Unter anderem auch „Die Herrlichkeit des Lebens“. Erstausgabe, gebunden, aber ohne Schutzumschlag und damit auch ohne weitere Angaben zum Inhalt. Ich hätte mich natürlich im Netz informieren können, habe ich aber nicht gemacht.

Wenn man so im Blindflug in ein Buch einsteigt, braucht man gut und gerne 50 Seiten, um sich halbwegs zu orientieren. Der letzte Roman von Kumpfmüller war zeitgenössisch, dieser hier ist es nicht. Erst als über die Auswirkungen der Inflation in Deutschland gesprochen wurde, wusste ich, dass die Handlung in den zwanziger Jahren spielen musste. Ein kränklicher Schriftsteller trifft im Ostseebad Gral Müritz eine junge Frau. Sie verlieben sich, doch es ist alles nicht so einfach: der Altersunterschied, diverse Vorbehalte, seine Krankheit, fehlendes Geld, die dominanten Eltern. Sie schreiben sich wochenlang Briefe, und nach ein wenig Hin und Her kommen Franz und Dora schließlich zusammen und erleben ein paar Monate bescheidenen Glücks, bevor es ihm gesundheitlich immer schlechter geht und er schließlich in ihren Armen stirbt.

Soweit eine durchschnittlich tragische Geschichte. Doch als ich zwischendurch irgendwann mal zum Ende blätterte und die Danksagung las, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Das ist nicht irgendein Schriftsteller, den Kumpfmüller da auf seinen letzten Tagen begleitet. Das ist Franz Kafka! Einer meiner Lieblingsschriftsteller aus alten Zeiten. Und ich Idiot hab das nicht mitbekommen. Gott sei Dank habe ich die Danksagung noch früh genug entdeckt und nicht erst am Ende des Romans. So konnte ich die Geschichte seiner letzten Liebe zu der polnischen Jüdin Dora auf einmal mit ganz anderen Augen lesen. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern einer der größten der deutschen Literatur. Das steigert die Aufmerksamkeit, das macht die Geschichte für mich noch einmal ganz besonders.

Ich liebe es ja, wenn ein Roman zugleich auch ein Sachbuch ist. Wenn man eine tragisch-schöne Liebesgeschichte liest und dabei noch etwas Nützliches erfährt. Ich wusste nämlich gar nicht, dass Kafka so früh, und zwar 1923, an den Folgen einer langjährigen Tuberkuloseerkrankung gestorben ist. Ich habe tatsächlich gedacht, er wäre wie seine Schwestern von den Nazis im KZ umgebracht worden. Weiß der Geier wie ich darauf kam. Und so habe ich parallel zur Lektüre im Internet recherchiert, habe mir Bilder von Dora Diamant angesehen und mein Kafka-Wissen aufgefrischt. So wusste ich zum Beispiel auch nicht, dass Kafka Teilhaber einer Asbestzementfabrik und eigentlich, wie ich, PR-Texter war. Ich weiß jetzt, dass man ihn den ewigen Junggesellen der deutschen Literatur nannte, dass er glaubte, eine glückliche Beziehung zu einer Frau wäre kontraproduktiv für das Schreiben. Ja, das scheint wirklich so eine Grundfrage schreibender Menschen zu sein. Entweder ist man ein glücklicher Mensch oder ein guter Schriftsteller. Beides zusammen scheint schwer kombinierbar zu sein.

Aber jetzt mal zum Leseeindruck. Trotz der geschilderten Tragik macht es Spaß, ‚Die Herrlichkeit des Lebens‘ zu lesen. Das Buch hat einen ganz eigenen Sound und ist überhaupt nicht vergleichbar mit Kumpfmüllers letztem Roman. Ein ganz anderer Stil, eine andere Sprache, ich würde sagen: zeitgemäß veraltet, aber trotzdem dynamisch und kraftvoll. Die Weimarer Zeit, das Berlin der Zwanziger Jahre entsteht durch den Erzählstil vor dem geistigen Auge. Wie macht Kumpfmüller das? Ist es meine Einbildung oder schriftstellerisches Können? Ich finde es schwer, das an bestimmten Elementen konkret festzumachen. Vielleicht ist es das Präsens. Der ganze Roman ist im Präsens geschrieben. Dann der Wechsel zwischen kurzen, einfachen Aussagen — Subjekt, Prädikat, Objekt — und langen verschachtelten Aufzählungen. Jeder Absatz beginnt mit einer kurzen Feststellung und einer darauffolgenden, längeren Ausschmückung. Oder ist es die Erzählperspektive, die einerseits neutrale aber sich trotzdem einfühlende Chronistenstimme, die der Geschichte diese historische Patina gibt?

Wie auch immer. Kumpfmüller überrascht, Kumpfmüller lässt einen nicht kalt, von Kumpfmüller werde ich definitiv auch die anderen Backlist-Titel lesen.
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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Seiten: 235

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