John Wray – Retter der Welt

Zum ersten Mal hörte ich den Namen John Wray vor einem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Bloggerkollege Jochen Kienbaum hatte gerade ein Interview mit ihm gemacht und schwärmte in den höchsten Tönen vom Autor und seinem jüngsten Buch. Weil Jochen ein literarischer Connaisseur ist, habe ich mir den Namen gemerkt. Da er aber bekanntermaßen auch eine Vorliebe für dicke, sperrig-schwierige Romane hat, habe ich John Wray für mich gleich wieder ausgeschlossen.

Dann tauchte der junge Amerikaner in diesem Sommer in Klagenfurt auf und ich dachte mir: Was macht ein Ami beim Bachmann Wettbewerb? Da wusste ich noch nicht, dass er halber Österreicher ist und einen zweiten Wohnsitz in Kärnten hat. Sein Auftritt soll ja mächtig Eindruck gemacht haben. Ein paar Tage später lief mir John Wray dann beim Bücherstöbern auf Medimops über den Weg. Dort wurde mir sein 2009 erschienener Roman „ Der Retter der Welt“ – gebunden, sehr gut erhalten – für schlappe 3,09 Euro angeboten. Ich hab’s mir bestellt und sofort reingeblättert. Der erste Eindruck, befreiend: weder besonders lang, noch besonders sperrig. Und dann habe ich es nicht mehr aus der Hand gelegt und die 350 Seiten in einem Rutsch durchgelesen.

Es ist schwer, das Gelesene in Worte zu fassen: sehr beeindruckend, sehr bedrückend, sehr düster, so mein erstes Bauchgefühl. Eine krude Mischung aus Beckett, Kafka, Dostojewski und Boris Vian. Zuerst dachte ich: eine klassische Dystopie. Doch es ist eher ein vielschichtiges Psychogramm, fast schon ein Thriller. Die Dystopie spielt sich im Kopf des Protagonisten ab. William, genannt Lowboy, ist psychisch krank (paranoid-schizophren) und grad aus einer psychatrischen Klinik geflohen. Zwei Jahre zuvor hat er seine damalige Freundin Emily aufs Gleisbett der U-Bahn gestoßen. Sie konnte gerettet werden, und Lowboy wurde weggesperrt.

Tabletten und Hitzetherapie haben ihn ruhig gestellt aber nicht geheilt. Seine Überzeugung: Die Welt wird immer heißer, in Flammen aufgehen und verbrennen. Und das nicht irgendwann, sondern bereits in wenigen Stunden. Der Einzige, der die Apokalypse aufhalten kann, ist er selbst. Wenn es ihm gelingt, seine innere Hitze abzuleiten, dann könnte das Schlimmste verhindert werden. Dazu müsste er Sex haben, zum ersten Mal überhaupt.

Von dieser Wahnvorstellung getrieben stromert er durch die New Yorker U-Bahn. Fährt den ganzen Tag hin und her, verstört diverse Fahrgäste, versteckt sich vor den Sicherheitsleuten und folgt einer Obdachlosen durch das weit verzweigte Tunnelverlies. Währenddessen sitzt seine Mutter Violet bei der Polizei und steht Polizeikommissar Ali Lateef Rede und Antwort. Wray schafft hier eine zweite Erzählebene, wir bekommen Einblick in die symbiotische Mutter-Kind-Beziehung und Lowboys Krankheitsverlauf. Gleichzeitig entspinnt sich eine Beziehungsebene zwischen dem Polizisten und Violet. Im Wechselspiel mit Lowboys skurilen Erlebnissen im U-Bahn-Tunnelsystem entsteht ein sehr spannendes und atmosphärisch dichtes Erzählgeflecht.

Ich habe diesen Roman mit sehr großer Begeisterung gelesen und weiß genau, dass ich diesen liebenswerten und zugleich beängstigenden Protagonisten nicht so schnell vergessen werde. In der Bahn sehe ich manchmal Typen wie Lowboy und frage mich seitdem, ob sie auch diese Hitze in sich tragen. „Wray hat uns einen neuen Holden Caulfield (Fänger im Roggen) geschenkt“ steht auf dem Backcover des Buches. Das sehe ich genauso: William Heller, alias Lowboy, hat Kultpotenzial, und sein Erfinder John Wray ist auf dem besten Weg, ein neuer literarischer Held zu werden.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt (rororo)
352 Seiten, 9,95 € TB
Übersetzt von Peter Knecht

 

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