Lucy Fricke – Töchter

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Ich freue mich so. Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen darüber, eine bemerkenswerte Autorin entdeckt zu haben, die ich bis dato noch gar nicht kannte. Zum anderen, endlich mal wieder einen Roman gelesen zu haben, der mir ausnahmslos gut gefallen hat – und zwar ohne Anlaufzeit, von der allerersten bis zur letzten Seite. Wann hat man das schon mal, dass man ein Buch anfängt und nach wenigen Zeilen weiß, dass das hier ein großes Lesevergnügen werden wird? Ganz selten. Aber bei Lucy Fricke war ich mir sehr schnell ziemlich sicher, hatte sofort das Gefühl, dass hier eine sehr authentische Erzählung auf mich wartet. Ungekünstelt und trotzdem kunstvoll. Ein Text, der nicht gefallen will, es aber trotzdem tut und zwar genau aus diesem Grunde. So wie Lucy Fricke gleich auf der ersten Seite Italiens Hauptstadt Rom beschreibt – als eine vor sich hingammelnde, desolate Diva, die sich ihrer Schönheit so sehr bewusst ist, dass ihr die ganze Welt den Buckel runterrutschen kann – so ist auch dieser Roman. Von einer geradezu lässigen Anmut gezeichnet, unaufdringlich, gnadenlos ehrlich und mit subtilem Humor durchzogen.

Erzählt wird die Geschichte zweier Frauen, Martha und Betty, die wie Lucy Fricke sagt „…die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutet, dass wir etwas wollen mussten“. Dieses Zitat habe ich unterstrichen und mit einem fetten Ausrufezeichen versehen. Bringt es doch das Dilemma nicht nur der Frauen, sondern auch der Männer aller Generationen nach 68 auf den Punkt. Wir sind alle hoffnungslos überfordert: von der Optionsvielfalt möglicher Lebensentwürfe, vom gesellschaftlichen Wandel, dem technologischen Fortschritt, von der schier unbegrenzten Freiheit, die uns ermöglicht, das eigene Leben entweder grandios erfolgreich zu gestalten oder aber krachend in den Sand zu setzen.

Martha und Betty, beide 40-something aus dem Berliner Wrangelkiez, sind zwei typische Vertreter dieser Just-do it-Generation. Wenn alles möglich ist, ist gleichzeitig nichts mehr wirklich erstrebenswert. Es fehlt der Reiz des Verbotenen, das Brechen von Regeln, das Schwimmen gegen den Strom. Kaum noch Konventionen, gegen die man noch rebellieren kann. Alles wandelt sich von selbst zum Guten. Was bleibt, sind ein paar der alten Feindbilder. Allen voran die eigenen Eltern, die wenn sie noch da sind, entweder dement oder noch verbohrter und eigensinniger geworden sind. Doch gegen jemanden zu revoltieren, um den man sich gleichzeitig kümmern muss, macht auch wieder keinen Sinn.

Und so fahren die beiden Frauen mit Marthas krebskrankem Vater nach Italien. Eigentlich sollte es ja in die Schweiz gehen. Mit einem alten Golf von Berlin aus runter in die Sterbeklinik. Ein letzter Becher auf ex und dann Feierabend. Diesen letzten Wunsch konnte und wollte Martha ihrem Vater nicht verwehren. Aber alleine wollte sie das auf gar keinen Fall machen – Betty soll mitkommen. Und so erleben die beiden – und damit auch wir als Leser – ein grandioses Road-Movie voller abenteuerlicher Verwicklungen, mit ganz viel unterstreichenswürdigen Erkenntnissen über das Leben, die Liebe, die Schatten der Vergangenheit, die eigenen Ansprüche und die Ängste vor dem, was noch kommen wird.

Wenn ich einer dieser Blogger wäre, die die Bücher, die sie besprechen, gewissenhaft durcharbeiten, sich Notizen machen, bunte Post-its an Stellen mit bemerkenswerten Passagen kleben, könnte ich noch viele wunderbare Aussagen wie das oben Zitierte hier einfügen. Der Roman strotzt geradezu vor Zitierwürdigem. Da ich aber so einer nicht bin, kann ich hier nur aus dem ‚Lamäng‘ einen wie immer sehr persönlich gefärbten Gesamteindruck wiedergeben und muss detaillierte Belege schuldig bleiben.

Dafür ist mir beim Lesen dieses Romans etwas ganz anderes aufgefallen. Ich glaube, ich habe einen neuen Trend entdeckt. Und zwar einen Thementrend in der Gegenwartsliteratur. Den neuen heißen Scheiß nach der DDR-Nostalgiewelle, diversen Dystopien, allen möglichen Jung-Frauen-Ängsten, der Flüchtlingsthematik, sozialpolitischen oder größenwahnsinnigen Pamphleten und Covern mit Pflanzenmotiven. Nach meiner Einschätzung sind „fehlende Väter“ das neue literarische Top-Thema. Jetzt, wo es normal ist, dass junge Väter sich kümmern, in Elternzeit gehen, Windeln wechseln können, in Pekip-Gruppen rumsitzen, den Nachwuchs im Tragesack überall mit hinnehmen, erinnert man sich plötzlich an die Zeit, in der das alles nicht so war. Als die Männer noch kettenrauchend im Wartezimmer saßen, während ihre Frauen schreiend im Kreissaal entbunden haben. Männer, die Samstags das Auto wuschen, danach Sportschau guckten und Sonntags zum Frühschoppen gingen. Die sich nur in die Erziehung der Kinder einschalteten, drohend und sanktionierend, wenn die Frau mit ihrem Latein am Ende war. Die alle paar Wochen den Gürtel aus dem Bund zogen und dem Nachwuchs die längst fällige Tracht verabreichten. Die zwar irgendwie da waren, aber nie anwesend, der dunkle Schatten in jeder Familie, die strafende Instanz, die einen zwar liebte, aber es nicht so richtig zeigen konnte. Manche sind auch einfach abgehauen. Weg, ohne sich auch nur einmal noch umzudrehen, haben sich irgendwo ein neues Leben aufgebaut und einen Teufel um das geschert, was sie zurückgelassen haben. Bis irgendwann ein RTL-Kamerateam auftaucht und schöne Grüße ausrichtet, vom Sohn oder der Tochter, die das alte Arschloch so sehr vermissen.

Dieses Thema und was einen sonst noch so mit Mitte Vierzig durch den Kopf geht, behandelt der neue Roman von Lucy Fricke auf eine wirklich sehr eindrucksvolle Weise. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt
240 Seiten, 20,00 €

Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

Das hier sollte eigentlich eine ganz besondere Besprechung über ein ganz besonderes Buch werden. Ich hatte mir vorgenommen, zu Ehren des Autors nicht ein einziges Mal das Wort „Ich“ zu verwenden. Eine seriöse Rezension sollte es diesmal werden, eine intensive Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Werk, eventuell sogar mit Diskussion der zeithistorischen Bezüge und einer Würdigung des literarischen Potenzials.

Aber bereits beim zweiten Satz musste ich passen. Ohne mein Lieblings-Personalpronomen war ich aufgeschmissen, stand wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg und wusste nicht weiter. Immer wieder schrieb ich Sätze, die sich leer und fremd anhörten, als wären sie nicht von mir. Sätze wie man sie aus diesen verkopften Angeber-Rezensionen im Feuilleton kennt, die viel behaupten aber letztlich nichts anderes beweisen wollen, als dass der Schreiber der Zeilen der mit Abstand brillanteste Kopf des Kulturbetriebes ist. Ja, Sätze wie sie Ijoma Mangold und seine Kollegen ablassen, wenn sie über Bücher schreiben.

„Hirnwichse“ sag ich dazu. Das kommt mir nicht auf den Blog. Hier ist kein Platz fürs Schweben in kulturwissenschaftlichen Sphären. Das ist anstrengend und macht keinen Spaß. Hier wird Klartext geredet und – wie es sich für einen Blog gehört – schön persönlich mit ganz viel Ich. Da mache ich auch bei dem Buch von Mr. Feuilleton höchstpersönlich, oder wie es auf dem Backcover steht: dem „schwarzen Reich-Ranicki“, keine Ausnahme.

Man könnte jetzt meinen, dass ich den Autor von „Das Deutsche Krokodil“ nicht besonders mag. Das wäre auch nicht weiter verwunderlich, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Ijoma Mangold auch keine Literaturblogger mag. Und Sympathie, das habe ich in meinem Leben gelernt, beruht nunmal auf Gegenseitigkeit. Oft genug habe ich auf irgendwelchen Buchmesse-Partys geringschätzige Blicke von ihm und seinen Feuilleton-Buddies kassieren müssen.

Heute, nachdem ich seine Geschichte gelesen habe, weiß ich, dass das nichts mit mir zu tun hat. Schon der jugendliche Ijoma hat auf dem Gymnasium mit seinem Gefolge in der Raucherecke gestanden und andere arrogant und abschätzig angeschaut. Der guckt nun mal so. Wenn man seine Lebensgeschichte betrachtet, weiß man auch warum er das tut. Ein bisschen Selbstschutz, die obligatorische Flucht nach vorne und natürlich der Stolz auf das, was ihn von den meisten Menschen unterscheidet: ein Verstand, der etwas wacher ist, eine besondere Empfindsamkeit für Sprache und das Talent, sich ausgesprochen elaboriert zu artikulieren.

Aber die intellektuelle Überlegenheit ist nicht das Einzige, was ihn von anderen unterscheidet. Da ist noch was anderes, etwas viel profaneres; das, was jeder, der ihm seit seiner Geburt begegnet ist, als unausgesprochene Frage stets im Hinterkopf hat. Die Frage nach seiner Herkunft. Darauf zu antworten: „Ich komme aus Dossenheim bei Heidelberg“, wäre zwar richtig, aber nicht das, was gemeint ist. Die Leute interessiert etwas ganz anderes. Sie wollen wissen, wo der Vorname herkommt, warum die Haare so kraus sind und seine Haut so dunkel.

Und genau darum geht es in diesem Buch, das keine Autobiografie sein will, sondern von Mangold als „meine Geschichte“ bezeichnet wird. Es geht um dieses Hautfarbe-Ding, das ein in Deutschland geborenes Kind einer Deutschen und eines Nigerianers ein ganzes Leben begleitet. Etwas, was immer da ist, das sich nicht ablegen lässt und auch einen der angesehensten deutschen Literaturkritiker nicht vor der Frage schützt, warum er denn so gut deutsch sprechen kann.

Mangold nimmt seine Leser mit ins Heidelberg der siebziger und achtziger Jahre, zeigt uns wie er aufgewachsen ist, mit einer prägenden Mutter und einem abwesenden Vater, der zum Medizinstudium nach Heidelberg kam, danach wieder nach Afrika zurückkehrte und nichts weiter zurückließ als ein Baby mit dunkler Hautfarbe und einem fremd klingenden Vornamen. Dank seiner großartigen Mutter fehlt es dem Jungen aber an nichts. Neben Liebe und Fürsorge bekommt er von ihr all das, was ein Kind braucht, um zu einer starken Persönlichkeit zu reifen. Mangold weiß, dass es sein großes Glück war, eine so starke und unkonventionelle Mutter gehabt zu haben. Sie ist daher auch die eigentliche Heldin dieser Geschichte. Von Seite zu Seite ist sie mir mehr ans Herz gewachsen und ihr Tod hat mich beim Lesen schmerzhaft berührt.

Dass er später im Leben seinen Vater doch noch kennenlernt, in Nigeria wie ein verlorener Sohn aufgenommen wird und auf einmal Geschwister sowie unzählige Cousins und Cousinen hat, die ihn bedingungslos lieben – geschenkt. Das kommt alles viel zu spät, hat keinen prägenden Einfluss mehr, kann das, was sein Leben ist, nur noch bereichern, aber nicht mehr verändern.

Ich habe die Lektüre dieses Buches sehr genossen. An ganz vielen Stellen entdeckte ich Parallelen zu meinem Leben – Situationen, die Menschen mit Migrationshintergrund auf die eine oder andere Weise schon erlebt haben. Ich kenne diese immerwährende Angst, nicht als Deutscher betrachtet zu werden, nicht dazuzugehören, im Prinzip nirgendwo richtig daheim zu sein; ich kenne die Strategien, die man dagegen entwickelt, die Flucht in die Literatur und den Trost, der sich daraus speist. Natürlich lässt Mangold in seinen Aufzeichnungen nicht komplett die Hosen runter. Man erfährt nichts Intimes oder Kompromittierendes. Das Bild des distinguierten Literaturkritikers wird zu keiner Zeit beschädigt. Trotzdem ist das hier keine verkopfte Intellektuellen-Prosa, kein „Schaut-her-was-ich-für-ein-schlaues-Kerlchen-bin“, sondern ein ehrliches, authentisches und sich locker lesendes Zeugnis.

Wer sich von diesem Buch Einblicke in den Literaturbetrieb erhofft, wird enttäuscht sein. Mangolds beruflicher Werdegang, der Aufstieg in den Elfenbeinturm des Kulturbetriebes wird nur am Rande gestreift. Wer aber wissen will, wie sich ein Deutscher fühlt, der mit 16 Jahren schon Thomas Mann gelesen und Richard Wagner gehört hat, deutscher denkt und deutscher fühlt als die meisten von uns, aber beim Bäcker um die Ecke immer noch mit Simpel-Deutsch angesprochen wird, der darf sich dieses Buch nicht entgehen lassen.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Rowohlt
352 Seiten, 19,95 €

 

John Wray – Retter der Welt

Zum ersten Mal hörte ich den Namen John Wray vor einem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Bloggerkollege Jochen Kienbaum hatte gerade ein Interview mit ihm gemacht und schwärmte in den höchsten Tönen vom Autor und seinem jüngsten Buch. Weil Jochen ein literarischer Connaisseur ist, habe ich mir den Namen gemerkt. Da er aber bekanntermaßen auch eine Vorliebe für dicke, sperrig-schwierige Romane hat, habe ich John Wray für mich gleich wieder ausgeschlossen.

Dann tauchte der junge Amerikaner in diesem Sommer in Klagenfurt auf und ich dachte mir: Was macht ein Ami beim Bachmann Wettbewerb? Da wusste ich noch nicht, dass er halber Österreicher ist und einen zweiten Wohnsitz in Kärnten hat. Sein Auftritt soll ja mächtig Eindruck gemacht haben. Ein paar Tage später lief mir John Wray dann beim Bücherstöbern auf Medimops über den Weg. Dort wurde mir sein 2009 erschienener Roman „ Der Retter der Welt“ – gebunden, sehr gut erhalten – für schlappe 3,09 Euro angeboten. Ich hab’s mir bestellt und sofort reingeblättert. Der erste Eindruck, befreiend: weder besonders lang, noch besonders sperrig. Und dann habe ich es nicht mehr aus der Hand gelegt und die 350 Seiten in einem Rutsch durchgelesen.

Es ist schwer, das Gelesene in Worte zu fassen: sehr beeindruckend, sehr bedrückend, sehr düster, so mein erstes Bauchgefühl. Eine krude Mischung aus Beckett, Kafka, Dostojewski und Boris Vian. Zuerst dachte ich: eine klassische Dystopie. Doch es ist eher ein vielschichtiges Psychogramm, fast schon ein Thriller. Die Dystopie spielt sich im Kopf des Protagonisten ab. William, genannt Lowboy, ist psychisch krank (paranoid-schizophren) und grad aus einer psychatrischen Klinik geflohen. Zwei Jahre zuvor hat er seine damalige Freundin Emily aufs Gleisbett der U-Bahn gestoßen. Sie konnte gerettet werden, und Lowboy wurde weggesperrt.

Tabletten und Hitzetherapie haben ihn ruhig gestellt aber nicht geheilt. Seine Überzeugung: Die Welt wird immer heißer, in Flammen aufgehen und verbrennen. Und das nicht irgendwann, sondern bereits in wenigen Stunden. Der Einzige, der die Apokalypse aufhalten kann, ist er selbst. Wenn es ihm gelingt, seine innere Hitze abzuleiten, dann könnte das Schlimmste verhindert werden. Dazu müsste er Sex haben, zum ersten Mal überhaupt.

Von dieser Wahnvorstellung getrieben stromert er durch die New Yorker U-Bahn. Fährt den ganzen Tag hin und her, verstört diverse Fahrgäste, versteckt sich vor den Sicherheitsleuten und folgt einer Obdachlosen durch das weit verzweigte Tunnelverlies. Währenddessen sitzt seine Mutter Violet bei der Polizei und steht Polizeikommissar Ali Lateef Rede und Antwort. Wray schafft hier eine zweite Erzählebene, wir bekommen Einblick in die symbiotische Mutter-Kind-Beziehung und Lowboys Krankheitsverlauf. Gleichzeitig entspinnt sich eine Beziehungsebene zwischen dem Polizisten und Violet. Im Wechselspiel mit Lowboys skurilen Erlebnissen im U-Bahn-Tunnelsystem entsteht ein sehr spannendes und atmosphärisch dichtes Erzählgeflecht.

Ich habe diesen Roman mit sehr großer Begeisterung gelesen und weiß genau, dass ich diesen liebenswerten und zugleich beängstigenden Protagonisten nicht so schnell vergessen werde. In der Bahn sehe ich manchmal Typen wie Lowboy und frage mich seitdem, ob sie auch diese Hitze in sich tragen. „Wray hat uns einen neuen Holden Caulfield (Fänger im Roggen) geschenkt“ steht auf dem Backcover des Buches. Das sehe ich genauso: William Heller, alias Lowboy, hat Kultpotenzial, und sein Erfinder John Wray ist auf dem besten Weg, ein neuer literarischer Held zu werden.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt (rororo)
352 Seiten, 9,95 € TB
Übersetzt von Peter Knecht

 

Leserbrief #9

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Lieber Thomas,

kennst du das auch noch von damals? Wenn man als Jugendlicher Fan einer Band war, hat man das auf seine Federmappe geschrieben. Einige haben auch den Schultisch mit Bandnamen vollgekritzelt oder sind mit dem Edding losgezogen und haben Telefonzellen und Häuserwände mit dem Namen ihrer Idole beschriftet. Ich hab mit zwölf, dreizehn zunächst für „Boney M.“ und später dann für „The Police“ geschwärmt. Irgendwann war mir das zu albern, und ich hab aufgehört, mich als Fan von irgendwas zu outen. Doch wenn ich heute noch so eine Federmappe hätte, würde dein Name darauf stehen.

Ich würde sämtliche Berichte über dich aus den Zeitschriften ausschneiden und in eine Kladde kleben. Dein Poster würde über meinem Bett hängen und wenn mich einer fragen sollte, was ich denn später einmal werden will, würde ich sagen: so ein toller Schriftsteller wie der Thomas. Ja, wenn….

Wenn doch heute alles noch so einfach wäre wie damals. Doch das ist längst vorbei. Heute ist selbst Fan-Sein kompliziert. Man erfährt so viel, blickt hinter die Fassaden und lernt seine Idole von Seiten kennen, von denen man besser nichts gewusst hätte. Niemand kann mehr in allen Bereichen Vorbild sein; erst recht nicht, wenn er oder sie sich ungesund ernährt, die falsche Partei wählt, Pelz trägt, seinen Partner betrügt, Steuern hinterzieht, Drogen nimmt oder irgendwie anderweitig verhaltensauffällig ist. Womit wir schon wieder bei dir sind.

Es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr ausblenden. Zu eindringlich und intensiv hast du es in deinem letzten Buch beschrieben. Wie es ist, du zu sein, wie es sich lebt mit deiner Krankheit. Das hat sich in mein Hirn eingebrannt; das ist jetzt immer da, schwingt mit, wenn ich an dich denke oder etwas von dir lese.

Gerade lese ich zum Beispiel deinen Debütroman, mit dem du vor sechs Jahren zum ersten Mal auf der Longlist des Buchpreises gelandet bist. Sprachlich bin ich wieder total begeistert, schwelge in deinen Sätzen, lese mir einige Passagen laut vor und freue mich einfach an deinem unglaublichen Schreibtalent. Und während ich noch denke, dass wirklich niemand persönliche Abgründe, Angst- und Rauschzustände besser beschreiben kann als du, sind auf einmal all die Bilder wieder da. Ich sehe dich vor mir, wie du dich damals beim Schreiben dieses Romans gequält hast, sehe all die dunklen Stunden am Schreibtisch, das anschließende Versteckspiel bei den öffentlichen Auftritten. Du wolltest das so, hattest keine Lust mehr, dich zu verstecken. Jetzt weiß jeder, warum du das alles so intensiv und eindringlich schildern kannst. Und schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass das ja dann auch keine große Kunst ist.

So etwas zu denken, ist derart billig, oberflächlich und hinterhältig, dass ich mich für einem Moment selber nicht leiden kann. Genau das ist eingetreten, was ich befürchtet habe. Weißt du noch, was ich damals zur ‚Welt im Rücken’ geschrieben habe? Dass in Zukunft der ganze Literaturbetrieb denken wird, was guckt der so komisch? Und jetzt bin ich selber keinen Deut besser. Kann Bilder nicht ausblenden, Literatur nicht unvoreingenommen wertschätzen, Romanhelden nicht getrennt vom Autor betrachten.

Auch wenn mir das bewusst ist und ich das ablehne – abstellen kann ich es nicht. Eingebrannt hat sich auch das Bild unserer ersten und einzigen Begegnung. Wie du an der Garderobe im Frankfurter Römer stehst und dir deinen Mantel geben lässt. Hinter dir wird noch der Gewinner des Buchpreises gefeiert, der in diesem Jahr zum dritten Mal nicht du bist. In diesem Augenblick hast du mir so furchtbar leid getan, ich hätte dich am liebsten umarmt und gedrückt. Lange blickte ich dir hinterher, wie du mit gesenkten Haupt zum Ausgang gingst. Aber kurz darauf musste ich schon wieder laut lachen, als ich bei Twitter sah, dass du jetzt als Leonardo DiCaprio des Deutschen Buchpreises bezeichnet wirst.

Ja, das Leben ist manchmal einfach ein großer Haufen Scheiße. Du hast definitiv das bessere Buch geschrieben, das weißt du, das weiß ich. Aber in diesem Jahr wurde nunmal ein Lebenswerk ausgezeichnet. Da kann man nichts machen. Der alte Herr war jetzt einfach mal dran. Irgendwann wirst du da oben stehen und deine Rede halten. Da bin ich mir ganz sicher. Guck doch – selbst Leo hat jetzt auch seinen Oscar bekommen.

Gewonnen hast du trotzdem. Und zwar einen neuen Bewunderer; einen der alles lesen wird, was du schon geschrieben hast und noch schreiben wirst, der auf deinen Lesungen in der ersten Reihe sitzen wird und wenn er nicht schon so alt wäre, sogar ein Poster von dir über seinem Bett aufhängen würde.

Herzlich grüßt

dein neuer, treuer Fan aus dem Buchrevier

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

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Das Erste, was mir beim Melle-Lesen auffiel ist, dass das ja ein bisschen wie Stuckrad-Barres Panikherz ist, nur besser, nur ohne Udo, ohne diesen ganzen Show-Biz-Kram, irgendwie noch abgefahrener und ehrlicher. Da lässt einer die Hosen runter, aber jetzt mal so richtig, ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht wie Stuckiman, der schon beim Schreiben die entsprechende Premierenlesung mit Playlist und Gastauftritt von Udo und Konsorten im Hinterkopf hatte. Melle hat gar nichts im Hinterkopf. Melle will reinen Tisch machen. Diesen ganzen Psycho-Scheiß endlich hinter sich lassen. Es aufschreiben, sich freischreiben, die Meute sich jetzt noch einmal das Maul über ihn zerreißen lassen und dann war es das, dann ist er damit durch. So der Plan. „Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein.“

Jetzt heißt es überall zunächst einmal: Was? Der Melle ist irre? Und ich so: Hab ich mir doch gleich gedacht. Und mein Über-Ich sofort: Ach komm, hör auf. Aber es ist tatsächlich wahr. „Die Welt im Rücken“ ist autobiografisch, Melle ist Melle und keine Romanfigur. Er hat das Versteckspiel satt und sagt es frei heraus: Ja, ich bin krank, manisch-depressiv oder neudeutsch: bipolar gestört. Und er ist es immer noch, wird das nie wieder los, kann keine Entwarnung geben, uns kein Happy End anbieten.

Wie das so ist, wie es einem damit geht, das beschreibt er in diesem Buch. Und das macht er so gut, so intensiv und literarisch bemerkenswert, dass er damit schon wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Auch diese Nominierungs-Meriten scheinen ihn wie seine Krankheits-Schübe immer wieder zu ereilen. Nach „Sickster“ in 2010 und „3000 Euro“ im Jahr 2014 jetzt also schon wieder. Warum? Weil Melle einfach ein unglaubliches Talent ist, sprachlich virtuos, ein hochintelligenter Kopf und einer, der etwas zu erzählen hat.

Und hier hat er es sogar vergleichsweise einfach gehabt. Er musste sich nichts ausdenken, nicht in Charaktere schlüpfen, sich nicht hinter ihnen verstecken. Er musste keinen Plot aufbauen, sondern einfach nur dem Durchlittenen eine lesbare Struktur geben. Und das ist die große Stärke dieses Buches, das sich nicht Roman nennt und trotzdem sehr gute Chancen hat, der beste des Jahres zu werden. Es ist einfach schonungslos offen, ehrlich und authentisch. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Mut, die Bereitschaft, auch das Intimste preiszugeben; die manischen Höhenflüge mit allen Peinlichkeiten, Arroganz- und Wutanfällen, sowie die tiefen Abstürze ins schwarze Loch der Depression.

Ich finde, es ist noch etwas anderes und wesentlich schwerer zuzugeben, dass alles aus einem selber kommt und nicht die Folge irgendeines Drogenmissbrauchs ist. Stuckrad-Barre hatte in seiner Panikherz-Drogenbeichte eine Exit-Option, konnte sich jederzeit von sich selber distanzieren und sagen: ‚Das bin nicht ich, das hat die Droge aus mir gemacht. Aber jetzt bin ich clean, alles ist vorbei‘. So eine Exit-Strategie gibt es für Thomas Melle nicht. Weder im Buch noch im wirklichen Leben. Das, was er da beschreibt, ist immer er, er und die Krankheit, beide untrennbar miteinander verbunden. Er ist die Krankheit und die Krankheit ist er. Als das ist er jetzt bekannt. Biopolarität wird der Literaturbetrieb zukünftig mit seinem Namen verbinden. Und dann heißt es vielleicht auf irgendeiner Lesung: Du, der Melle guckt so komisch. Ob er wieder einen Schub hat?

All das wird Thomas Melle vermutlich durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschieden hat, dieses Buch zu schreiben. „Da muss ich, da will ich jetzt durch“, wird er sich gedacht und insgeheim geschworen haben, es so intensiv und bemerkenswert zu machen, dass manche Autoren bereit wären, ihr Schicksal mit seinem zu tauschen, wenn sie nur auch so ein Werk schaffen könnten.

Und genau so ist es geworden. Ich habe dieses Buch wie im Rausch innerhalb eines Wochenendes durchgelesen, habe Melle mit wachsender Begeisterung durch alle mentalen Berge und Täler begleitet, mir mehr als die Hälfte des Buches laut vorgelesen, um den Flow und den einzigartigen Sprachrhythmus noch intensiver zu erleben und das Buch am Ende tief beeindruckt aus der Hand gelegt.

Auch wenn ich erst zwei Titel von der diesjährigen Longlist gelesen habe: Melle ist jetzt schon mein absoluter Favorit auf den Titel. Und wenn ich mir das Autorenfoto im Umschlapklapper anschauen, dann habe ich das Gefühl, er rechnet selber auch damit. Oder warum guckt er sonst so komisch?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt Berlin
352 Seiten, 19,95 €

Auch Sophie Weigand vom Blog Literaturen hat diesen Titel besprochen und war begeistert.

Donald Antrim – Die hundert Brüder

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Schon wieder ein Rowohlt-Buch mit einem Zitat von Jonathan Franzen auf dem Backcover. Und nicht nur das, diesmal hat er auch noch ein Vorwort geschrieben. Macht er das eigentlich freiwillig oder ist das eine Klausel in seinem Verlagsvertrag? Sein Wort hat schon Gewicht und kann sicherlich dem einen oder anderen hier unbekannten US-Autor auf die Sprünge helfen. Aber nachdem ich bei Nell Zink schon darauf reingefallen bin, habe ich diesmal eher skeptisch auf seine Empfehlung reagiert. Das Vorwort habe ich nur angelesen, denn je mehr ich davon las, desto weniger Lust hatte ich auf diesen Roman. Überhaupt Vorworte – ist das nicht irgendwie Achtziger?Aus einer Zeit, als es noch unangreifbare Autoritäten gab und so etwas wie Respekt vor einer Lebensleistung. Da hat man sich nichts dabei gedacht, wenn einem ein angesehener Autor erklären wollte, was für ein Meisterwerk man hier gerade in den Händen hält. Doch heutzutage will das der Leser lieber selber beurteilen.

Ich zumindest habe mich getraut, ohne die einführenden Erläuterungen des Großmeisters in diesen merkwürdigen Roman einzusteigen. Donald Antrim ist mir bisher überhaupt kein Begriff gewesen, also konnte ich eigentlich ziemlich vorurteilsfrei starten. Doch natürlich habe ich mich aufgrund der Zeilen auf dem Klapper schon auf ein eher befremdliches Lesevergnügen eingestellt. Und genau das war es auch. Hat Samuel Beckett eigentlich jemals einen Roman geschrieben? Ich weiß gar nicht, aber wenn, dann wäre der sicherlich ähnlich befremdlich wie ‚Die hundert Brüder‘ ausgefallen. Denn wie Beckett baut auch Antrim ein ziemlich absurdes Szenario auf. 100 Brüder – das allein ist schon vollkommen unvorstellbar – treffen sich zu einem Fest in der alten Bibliothek ihres Vaters zu einem … ja, zu was eigentlich? Irgendein Jahrestag wird es wahrscheinlich sein. Das habe ich jetzt mal angenommen, denn es gibt diverse Rituale, daher werden sie sich wohl öfter dort versammeln.

Überhaupt muss man sich bei diesem Roman ziemlich viele Dinge selber zusammenreimen. Denn Antrim erklärt nicht viel. Weder wie ein einziger Mann 100 Söhne gezeugt haben kann, noch wann und wo die Szenerie angesiedelt ist. Die Bibliothek scheint riesig zu sein. Die ganze Handlung spielt an einem Abend in diesem Raum. Ein ziemlich surrealer Ort, durch den Hunde und Fledermäuse streifen und wo ab und zu mal einer der Brüder bewegungslos auf dem Boden liegt. Man kann sich in den unzähligen Regalreihen verirren, bei manchen Sachgebieten ist bereits Wasser durch die marode Decke gekommen und hat einen Teil des Bibliotheksbestandes zerstört. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man die Lagerfeuer von Obdachlosen, die vor dem Anwesen campieren. Die 100 Brüder kennen sich scheinbar recht gut, zumindest kennen sie alle ihren Bruder Doug, den Erzähler dieser Geschichte, der uns alle Figuren vorstellt, ihre Charaktereigenschaften, ihre Marotten, Eigenarten und Beziehungen zueinander.

Ich kann mir vorstellen, dass bei dieser Beschreibung einige schon abwinken und meinen, das wäre nichts für sie. Das Buch ist zwar seltsam, ohne richtigen Plot, voller skurriler und merkwürdiger Charaktere, rätselhaft und überhaupt nicht spannend – aber trotzdem liest es sich leicht und unterhaltsam. Ich habe meinen Spaß an den vielen kleinen Details gehabt. Man hat das Gefühl, jedem der Brüder schon mal begegnet zu sein, so sehr ähneln sie Typen, die wir alle kennen. Ich will jetzt nicht den gleichen literaturwissenschaftlichen Bogen spannen, wie Franzen es in seinem Vorwort macht und überall Bezüge herstellen. Aber wer Spaß daran hat, kann das natürlich tun und in dem gesamten Szenario eine Anspielung auf den Untergang des Bildungsbürgertums sehen. Hält uns Antrim nicht den Spiegel hin? Und mit „uns“ meine ich die heterogene Erbengeneration, die mehr mit sich selbst zu tun hat, als sich um den Erhalt irgendwelcher Werte zu kümmern. Und als zusätzliche Bedrohung steht das Prekariat schon vor der Tür. Ja, dieser Roman ist voller Bezüge, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich ein Proseminar über zeitgenössische amerikanische Literatur mit diesem Roman ein ganzes Semester lang beschäftigen kann.

Aber unabhängig davon ziehe ich bei jedem Buch immer auch mein ganz persönliches Lesefazit. Und das hat in diesem Fall gestimmt. Ich fühlte mich bei der Lektüre auf eine sehr angenehme Art gefordert, musste mich konzentrieren, stellenweise auch zum Weiterlesen motivieren. Aber immer hatte ich das Gefühl, Antrim bemüht sich, mich als Leser nicht zu verlieren, sorgt in dem von ihm konstruierten Wahnsinn hin und wieder für Momente der Klarheit, wie Rettungsinseln auf die man flüchten kann, etwas verschnaufen und nachdenken, bevor man sich wieder ins Wortgetümmel stürzt. Am Ende legt man es aus der Hand und muss sich erstmal schütteln, ein paar Runden um den Block laufen, um den Kopf wieder klar zu bekommen. Aber was bleibt ist ein Art inspirierende Konfusion und das Gefühl, gerade etwas ganz Besonderes gelesen zu haben.

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Titelfoto: Gabriele Luger
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
216 Seiten, 12,99 €
Übersetzung: Gottfried Röckelein

Nell Zink – Mauerläufer

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Ich hatte mit Juli Zehs „Unterleuten“ gerade einen Pageturner von über 600 Seiten nach wenigen Tagen ausgelesen und war so richtig im Leseflow. Nach positiven Lektüre- Erlebnissen bin ich immer total aufgekratzt und freue mich schon wie Bolle auf das nächste Setting, die nächste Geschichte. Ganz besonders, wenn sich Jonathan Franzen himself auf dem Backcover des von mir aus dem SUB gefischten Debütromans zu der Behauptung hinreißen lässt, die Sätze und Geschichten der mir vollkommen unbekannten Autorin so stark und überzeugend zu finden, dass man sich ihnen nicht entziehen kann.

Na dann – hinein ins Vergnügen. Aber schon nach wenigen Seiten musste ich feststellen, dieser Roman ist alles, nur kein Pageturner. Meine Augenlider wurden von Satz zu Satz immer schwerer, dabei war es gerade mal früh am Abend. Erstmal im Sessel ein kleines Nickerchen machen. So eine halbe Stunde Schlaf zwischen zwei Seiten kann manchmal richtig erfrischend sein. Dann geht es meistens umso besser weiter. Nach einer halben Stunde bin ich meistens auch wieder wach. Der Rücken schmerzt, aber ich bin wieder voll da. Kurz mal online gehen und auf dem Blog nachsehen, was die letzte Rezension macht. Oh, es gibt neue Kommentare. Die beantworte ich aber erst morgen. Und bei Facebook? Schon wieder zwei neue Likes auf Buchrevier. Mal schauen, was das für Leute sind. Aha, da ist ja noch eine Rezension zu Juli Zeh erschienen. Mal eben lesen. Nicht schlecht geschrieben, und den Blog kenn ich ja noch gar nicht. Was hat er denn noch so besprochen? Oh, eine Nachricht auf dem Messenger. Ach, wie nett. Da schreibe ich gleich mal zurück.

Jetzt bin ich aber durstig. Ich hol mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank. Und dazu ein paar Gummibärchen. Aber was ist das denn? Haben wir etwa keine Gummibärchen mehr? Die Frau meint, dass in der Schublade noch welche sein müssten. Aber die Schublade ist leer. Dann eben ohne Gummibärchen! Schlecht gelaunt sinke ich wieder in den Lesesessel. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Nell Zinks Mauerläufer, der Debütroman, dem man sich nicht entziehen kann. Lese ich gleich weiter, aber ich hab heute noch gar nicht auf Twitter geschaut. Was soll der Kommentar denn? Verstehe ich nicht. Ist aber auch egal, ich wollte doch lesen. Ist schon wieder fast zehn Uhr. Ein paar Seiten schaffe ich noch.

Ich wache auf, weil meine Frau mich sanft am Arm berührt. Es ist weit nach Mitternacht und längst Schlafenszeit. Ich klappe den Mauerläufer zu und nehme mir vor, morgen ein paar Seiten mehr zu schaffen. Das schmale Bändchen sollte ich normalerweise in zwei, drei Tagen durch haben. Aber auch am nächsten Abend das gleiche Spielchen. Ich schaffe höchstens, drei vier Seiten, bevor mir das erste Mal wieder die Augen zufallen. Am nächsten Abend fange ich gar nicht erst zu lesen an, sondern schreibe stattdessen etwas. Dann folgen zwei Abende, an denen ich überhaupt nicht zum Lesen komme, und so zieht sich die Lektüre dieses Buches über sage und schreibe knapp zwei Wochen hin. Nach zwei Tagen Pause braucht man ja immer ein paar Seiten, bis man wieder drin ist. Wer war jetzt noch mal Georg? Ach, der Arbeitskollege von Stephen oder bring ich da was durcheinander? Mein Gott, bin ich müde.

Ja, was soll ich sagen? Das habe ich mir jetzt ein paar Tage angeschaut, bis ich heute dann, zwanzig Seiten vor dem Ende, das Buch endgültig in die Ecke gelegt habe. Ich hatte noch nicht einmal mehr Lust, die letzten Seiten quer zu lesen, wollte nicht mehr wissen, mit welchem Umweltaktivisten die Protagonistin Tiffany jetzt wieder ins Bett geht und umgekehrt, mit welcher Vogelschützerin ihr Mann Stephen sie jetzt wieder betrügt. So wenig wie das Liebeschaos den beiden Protagonisten auszumachen schien, so wenig hat mich das interessiert. Es ist ja nicht so, dass ich das Beobachten von Vögeln, Tier- und Umweltschutz grundsätzlich langweilig finde. Uwe Timm hat das in seinem letzten Roman durchaus ansprechend und interessant thematisiert. Und auch in Juli Zehs Unterleuten geht es ja stellenweise auch um Vogelschutz. Aber Nell Zink hat es einfach nicht geschafft, mich mit ihrem Mauerläufer bei der Stange zu halten. Ich frage mich ernsthaft, was die junge Frau mir mit diesem Buch sagen wollte, was sie bewogen hat, überhaupt ein Buch zu schreiben. Weil sie es konnte?

Sprachlich ist es gar nicht übel. Es holpert nicht, hat einen gewissen Anspruch und manche Passagen haben mich sogar ganz gut unterhalten. Aber viel länger als zwei, drei Seiten hintereinander konnte Nell Zink mich nicht fesseln. Dann übermannte mich während der Beschreibung irgendwelcher Umweltschutzprojekte wieder diese bleierne Schwere und das dringende Bedürfnis irgendetwas anderes zu machen – tanzen, essen, trinken, alles nur nicht lesen und schon gar nicht dieses Buch.

Wenn dich eine Geschichte nicht erreicht, dann erreicht sie dich eben nicht. Da kann man nichts machen. Das muss man sportlich nehmen. Und wann hat man schon mal Gelegenheit zu sagen: „Sorry, Mr. Franzen, aber bei diesem Debütroman bin ich vollkommen anderer Meinung“. Interessant wird es am kommenden Freitag, wenn das Buch im literarischen Quartett besprochen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass ein gewisser Frankfurter Sonntagsschreiber schon sein ganzes Leben lang auf dieses Buch gewartet hat. Wollen wir wetten?

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt
192 Seiten, 19,95 €
Übersetzt von: Thomas Überhoff