Blogger unter Leistungsdruck

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19.00 Uhr – ich bin endlich zu Hause, begrüße Frau und Hund. Zum Abendessen gibts gebratene Hühnerbrust mit Salat, danach noch ein paar Sätze über dies und das. Kurz vor acht gehe ich dann hoch und setze mich in meinen Sessel. Die aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Da passiert nicht viel. Introspektiv eigentlich schon, aber eine echte Handlung ist das nicht. Und in letzter Zeit bin ich abends ziemlich platt. Kann mich schwer konzentrieren. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig. Also noch zwei Abende zum Lesen und einen zum Schreiben. Dann darf aber nichts mehr dazwischen kommen. Keine Einladung bei Freunden, keine familiäre Verpflichtung, keine Projekte im Garten. Klappt schon irgendwie.

Also los jetzt. Nicht Facebook gucken, Handy aus und lesen. Vielleicht packt mich das Buch ja doch und ich schaff heute noch 50 oder 100 Seiten. Dann wäre ich wieder voll im Zeitplan. Und wenn nicht, muss ich mir was anderes überlegen. Vielleicht mal wieder ‘ne Liste, irgendetwas Witziges. Könnte diesen Monat eh noch ein paar Klicks gebrauchen. Nur mit Besprechungen kann man ja nichts reißen. Das wird zur Kenntnis genommen, aber viel mehr passiert da nicht. Ich glaube, bei den anderen ist es ähnlich. Irgendwie stagniert im Moment alles. Der Markt scheint gesättigt. Wachstum ist kaum noch möglich, es sei denn durch Verdrängung. Die Erfolgskonzepte von gestern funktionieren nicht mehr. Kaum einer kann mit Sicherheit sagen, was gut und was weniger gut läuft. Eines steht aber fest: Auf die Bücher kommt es nicht an. Egal ob total angesagt oder vollkommen unbekannt – ich hatte schon Tops und Flops in beiden Bereichen. Selbst böse Verrisse oder das beliebte Blogger-Bashing sorgen nur noch für ein müdes Schulterzucken.

Ehrlich gesagt bin ich grad komplett ratlos und glaube langsam, dass viraler Erfolg so ein Random-Ding ist. Man kann es nicht beeinflussen, sondern nur immer wieder probieren. So wie die traurigen Gestalten von gegenüber, die jeden Tag aufs Neue die Spielhalle betreten und die Automaten mit Münzen füllen. Irgendwann kommt der Jackpot, ganz bestimmt sogar, man darf nur nicht aufhören, daran zu glauben. Einfach Weitermachen – so lautet das Mantra. Geduld und Stehvermögen haben und den Frust einfach runterschlucken. Irgendwann zahlt sich das dann aus. Und stell dir bloß mal vor, du hörst kurz vorher auf. Der letzte Heiermann, der den Jackpot bringen würde, den sparst du dir und kaufst dir dafür stattdessen ein Bier und ne Bratwurst. Das tut gut im Magen, aber dann hörst du es im Hintergrund auf einmal klackern. Dein Automat spuckt den Hauptgewinn aus, aber ein anderer steht davor und kann sein Glück kaum fassen. Dein Glück in anderen Händen. Kann passieren. Warum hast du auch aufgehört? Noch ein Fünfer und der Automat wär fällig gewesen. Aber du, du hattest ja Hunger.

Ich ertappe mich beim Träumen. Habe mal wieder drei, vier Seiten gelesen und an etwas ganz anderes gedacht. Also noch mal zurückblättern und schauen, wo sie mich verlassen hat, diese Geschichte, die nicht meine ist. Die sich zieht, wie Kaugummi, nichts mit mir zu tun hat, mich langweilt, mich wegträumen lässt. Was tue ich mir hier eigentlich an? Jeden verdammten Abend in diesem Sessel sitzen, mich konzentrieren, zuhören, in fremde Leben eintauchen. Als wenn ich kein eigenes hätte, keine Probleme und Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. Habe ich aber. Da ist ganz viel Introspektives, auch in mir drin. Könnte ich ja auch mal einfach so rauslassen, runterschreiben und irgendein armer Hund müsste das dann lesen und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Würde mir das gefallen? Wäre das der Jackpot?

Sei doch mal locker. Nicht immer so grumpy. Eigentlich ist doch alles gut. Wenn am Wochenende nichts online geht, ist auch egal. Das stört keinen großen Geist. Lass mal chillen, lass mal Leben an dich ran. Nicht aufgewärmt, nicht Second Hand. Eigenes Leben.

Wer sagt mir das? Bin ich das? Ich höre mich ja schon an, wie die da draußen. Wie die, die jetzt kommentieren würden, dass ich mal ne Pause bauche, mich nicht zwingen sollte und dass es wichtigeres im Leben gibt als den Blog. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Nein, ich bin ok, mir geht es gut. Kein Chance Leute, mich werdet ihr nicht los. Ich schmeiße weiter Münzen in den Automaten und warte auf den Jackpot. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, meine aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

17 thoughts on “Blogger unter Leistungsdruck

  1. Vielleicht hast Du einfach Lust auf eine Bratwurst? Hol Dir eine. 🙂 Ich denke mal, Du machst das (Lesen und das Schreiben hier), weil Du es willst. So einfach. Bücher zu lesen, die einen nicht erreichen, finde ich anstrengend. Ich würde das nicht machen wollen und hab es nur einmal gemacht, mit Knausgards Schinken (Leben). Ich wünsche Dir erfolgreiches Weiterlesen und freue mich schon auf die Rezension, wobei ich keine Ahnung habe, was Du überhaupt liest, aber das wird hier ja vermutlich bald zu lesen sein. Ach, und solltest Du etwas über Dein Leben schreiben wollen – nur zu! 🙂 Liebe Grüße und schönes Wochenende Dir!

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  2. … meine letzte besprechung (ich bin übrigens ganz zufrieden mit dem, was ich ’nur‘ mit besprechungen reisse…) liegt eine woche zurück, wie befreiend, die langjährige taktung von zwei pro woche zu durchbrechen. und das, obwohl der nächst fällig werdende beitrag eigentlich fertig war, es waren nur noch ein paar links einzufügen. zehn minuten…. aber wie gesagt, es gibt richtig einen kick, mal keinen beitrag hochzuladen. 😉

    grüße
    gerd

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  3. Sehr schön geschriebener Beitrag – über ein Problem, das ich gerade nur allzu gut nachvollziehen kann. Die Woche zu geschafft von Arbeit, dann müsste ich mich danach eigentlich noch an einen Beitrag setzen, mit dem ich aber nicht so recht vorankomme. Heute wollte ich eigentlich fertig werden, weil der Beitrag morgen online gehen sollte. So richtig voran geht da aber gerade nichts. Und am Ende frage ich mich eh, ob sich der ganze Stress wieder für ein paar Likes lohnt, die ich nur bekomme – einfach nur, weil ich den Beitrag zur falschen Zeit geteilt habe. Ich muss da wohl einfach entspannter werden. Am Ende ist man sich ja doch nur selbst Rechenschaft schuldig.
    Liebe Grüße, Caecilia

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  4. Schöner Beitrag, in dem ich mich selbst auch ein bisschen wiederfinde. Und wie heißt es doch so salopp: „Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“. Manchmal muss man vielleicht doch innehalten und mal das Bloggen ganz knallhart auf die Frage runterbrechen, warum man das eigentlich tut. Für Klicks oder um irgendeine fiktive Maschinerie am Laufen zu halten – oder einfach nur um sein Hobby mit anderen zu teilen. So professionell man das als Blogger oft auch angehen will, letztlich sollte nie Zwang dabei sein. Diejenigen, die wirklich an einem Blog interessiert sind, die gucken auch nach einer Woche nochmal vorbei, um zu sehen, ob ein neuer Beitrag da ist. Und das sind die, die einem vielleicht auch erstmal (außer sich selbst natürlich) wichtig sein sollten.

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  5. Ja, es ist immer nie genug Zeit für alles. Stapel noch unrezensierter gelesener Bücher neben Stapeln noch ungelesener zu rezensierender Bücher türmen sich auf bis zur Zimmerdecke. Und dabei werden Rezensionen auch bei mir weniger goutiert und mit „Gefällt mir“ bedacht als Beiträge, die ´echten Mehrwert´ durch handfeste Tipps oder bisher unbekannte Informationen bringen. Und dass man zwischendurch Geld verdienen muss, macht es auch nicht besser. Zumal ich mein Geld ebenfalls überwiegend mit Schreiben und Lesen verdiene. Da schieben sich dann immer mal bezahlte Projekte vor die geplanten Beiträge und Rezensionen. Tja, so ist das. Warum habe ich das jetzt hier geschrieben? Keine Ahnung. LG, Anton

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  6. Dieses Gedankenkarussell kenne ich auch. Und das hat mir die Lust am Bloggen genommen. Bücher, die mich nicht begeistern, breche ich ab und erkläre dies auch in meinen Besprechungen. Das befreit. Und am Ende bin ich nur einer Person Rechenschaft schuldig: mir.
    Ich wünsche dir, dass der innere Druck dich nicht kaputt macht.
    LG
    Denise

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  7. Der Einzige, der dir Druck machst, das bist doch du, lieber Tobias. Ich werde deine Rezensionen auch dann lesen, wenn hier mal 4 Wochen Funkstille ist. Hauptsache, dir geht’s gut. Lesen wir nicht aus purem Genuss?! Lassen wir es doch einfach mal sein, wenn andere Dinge wichtiger sind –
    Ich schau jetzt eine DVD und lass die Bücher links liegen. Also, genieß auch du dein Offline-Leben, deine tolle Familie oder ein kühles Bier. Du bestimmst, was dir gut tut 🙂

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  8. Dein Artikel ist authentisch und ehrlich, er gefällt mir sehr, vielen Dank dafür! An der Stelle, an der du nach oben gehst und dich in den Sessel setzt, habe ich mich gefragt, ob Frau und Hund dich dann vermissen. Ich selbst habe nämlich immer wieder genau damit Probleme – mich einfach rauszuziehen, um zu schreiben oder zu lesen. Habe dann ein schlechtes Gewissen, meinen Mann alleine zu lassen. Lesen und schreiben sind sehr a-sozial, da man sie ja größtenteils alleine durchführt. Kennst du auch dieses Gefühl? Ich muss dazu sagen, dass mein Partner weder das eine noch das andere pflegt.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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  9. Geh‘ hinaus und bestaune die Wunder der Natur, lieber Tobias. Das habe ich zuletzt oft getan und genauso gestaunt wie bei einem eindrucksvollen Buch.

    Ich kenne deine Gedanken gut, deshalb schreibe ich dir das ja auch. 😉 Bei mir stapeln sich die gelesenen Bücher und oft sagt eine Stimme in meinem Kopf: „Nun mach schon, schreib doch endlich darüber!“ Doch ich zucke nur mit den Schultern. Irgendwie habe ich da gerade keinen Antrieb, keine Inspiration. Obwohl die Bücher fantastisch waren. Aber was nicht geht, geht einfach nicht. Irgendwann kommen auch wieder andere Zeiten. Das Leben ist ein Fluss.

    Bitte vergeude deine Zeit nicht mit Geschichten, die dich nicht packen. Dafür gibt’s einfach zu viele Titel.

    Sonnige Grüße aus Berlin

    Klappentexterin

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  10. Ich kann deine Gedanken nachvollziehen. Aber ich habe das Gefühl, wenn man als Blogger nicht den Druck raus nimmt, geht irgendwann der Spaß verloren, der Spaß am Lesen, der Spaß am Schreiben. Ich hab‘ vielleicht gut reden, ich blogge und lese tatsächlich nur aus Freude, wenn mir danach ist. Wenn nicht, dann gehen eben gerade andere Dinge vor, Kind, Familie, Freunde, Arbeit, einfach das Hier und Jetzt. Gut, mein Stapel zu rezensierender Bücher wächst in den Himmel, aber egal. Dafür nehme ich in Kauf, dass ich mit Tausend Leben vielleicht weniger Leute erreiche als andere, aber die dafür mit Herzblut. Das Rezensieren und vor allem das Partizipieren, also liken und kommentieren, das Lesen anderer Blogs, das Recherchieren welche neuen Bücher gerade auf den Markt kommen… all das kostet unheimlich viel Zeit. Und ich versuche, diese sehr sehr ausgewählt einzusetzen. Ich wünsche dir, das du eine gute Balance für dich zwischen Bloggen, Lesen und Leben findest. Und freue mich auf die nächste Rezension, auch wenn diese nur alle zwei, drei, vier Wochen erscheint 😊✊🏻.

    Liebe Grüße
    Nadine

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  11. Ach Tobias,

    Irgendwie erkenne ich mich da wieder, nur das noch zwei kleine Kinder mit dazu kommen, die den Zeitfaktor noch weiter runterschrauben. Den Stress, unbedingt bloggen zu müssen, habe ich mittlerweile abgelegt. Statt dessen lese ich lieber oder, ganz verrückt, schaue mir eine Serie an. Wat will man machen? Mach das, wonach es dir in dem Moment gelüstet, dann geht der Stress von ganz allein.

    Gruß
    Marc

    P.S. Bin auf die neue Blogbusterstaffel gespannt, man sagt ja, dass das zweite Jahr das schwierigere ist. Good Luck auch bei diesem Projekt.

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  12. Oh je, so viele Kommentare bin ich gar nicht gewohnt. Ich freue mich über die Resonanz.

    Ich denke mal, früher oder später kommt jeder Blogger an so einen Punkt. Und jeder, der noch dabei ist, hat irgendwann auch Mechanismen gefunden, damit umzugehen. Bei mir ist dieser Leistungsdruck Alltag, ich habe gewisse Erwartungen an das, was ich tue und darunter will ich es auch nicht machen. Es muss in erster Linie mir gefallen und trotz aller Zweifel, die ich manchmal habe, bin ich ganz zufrieden mit meiner Performance. Und es macht mir auch immer noch Spaß. Wenn der Druck auf einmal weg wäre, würde mir etwas fehlen.

    Sollte es trotzdem einmal zu viel werden, kann man einfach so einen Beitrag schreiben und schon gehts einem wieder besser. Ich habe wieder eine Woche Ruhe und jede Menge Klicks hat dieser Text auch gebracht. Also alles ist gut und vielen Dank fürs Lesen!

    Tobias

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  13. Auch von mir ein paar Gedanken und der Rat sich nicht so unter Druck zu setzen, wenn das Lesen keinen Spaß mehr macht, ist das eigentlich sehr schade.
    Beim Bloggen geht es mir eigentlich nie so, wahrscheinlich weil ich meistens einfach drauf los schreibe und nachher die Flüchtligkeitsfehler korrigiere, beim Lesen, ich bin gerade beim dopptelten Buchpteisbloggen österreichisch und deutsch oder umgekehrt weil der früher dran war und dann noch die Rezenzsionsexemplare, die dazwischen kamen und die Bücher stapeln sich im Badezimmer und da denke ich dann auch, ich müßte sollte schneller lesen und bei der Beschreibung des etwas faden anspruchsvollen Buch, bin ich bei der der Frage, ob es vielleicht das ist, was ich gerade lese und nicht so recht warm geworden bin, mein zwölftes Longlist- und erstes Shortlistbuch und ich verstehe den Hype nicht, den es darum geht und denke, das ist jetzt das Buch, das mir am wenigstens gefällt und wie bringe ich das „Suhrkamp“ bei?
    Liebe Grüße aus Wien und viel Spaß beim Weiteren Bloggen oder vielleicht eine Pause machen!

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  14. In meinem Blog herrscht gerade gähnende Leere, ich komme zu nichts – nicht zum Lesen, nicht zum Schreiben. Ich muss seit drei Wochen jeden Morgen um 6.00 aufstehen und so viel machen, dass ich abends wie tot umfalle, und mit abends meine ich 21.00. Und ja, doch, es quält mich – obwohl es ja nur meine eigene Erwartungshaltung ist, dass jede Woche zwei Beiträge bei mir erscheinen müssen. Von den anderen interessiert das sowieso keine Sau, da hast du Recht.

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