Colson Whitehead – Underground Railroad

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Ja, das ist ein wichtiges Buch. Ja, gerade jetzt in dieser Zeit. Ja, man sollte es lesen, unbedingt. Und wenn man mich dann noch fragt, ob es auch Spaß macht, gut geschrieben ist und einen nachhaltig bewegt, kann ich nur antworten: Ja! Ja! Ja!

Wer kurze und knackige Empfehlungen mag, kann jetzt schon aufhören zu lesen, sollte stattdessen lieber in die Buchhandlung gehen und sich dieses Buch besorgen. Und wer wie ich als Kind voller Begeisterung ‚Onkel Toms Hütte‘ und ‚Tom Sawyers Abenteuer’ gelesen hat, mit Tränen in den Augen die Verfilmung von Haleys ‚Roots’ im Fernsehen gesehen hat und zuletzt auch Tarantinos ‚Django unchained’, wird von ‚Underground Railroad‘ nicht minder beeindruckt sein.„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – hier zeigt sich wieder mal, wie wahr das ist.

Aufgrund der genannten literarisch/filmischen Vorbilder erscheint einem das Setting von ‚Underground Railrood’ merkwürdig vertraut: Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Baumwollplantage in den Südstaaten. Man sieht das hölzerne Herrenhaus mit großer Terrasse, den Plantagenbesitzer mit weißem Hut und schlechten Zähnen und die eingeschüchterten Sklaven geradezu vor sich. Colson Whitehead erzählt die Geschichte des Sklavenmädchens Cora, die auf so einer typischen Baumwollplantage in Georgia aufwächst. Zusammen mit Caesar flieht sie eines Tages von der Farm und entkommt mithilfe der sogenannten Underground Railroad in die Freiheit.

Natürlich läuft das alles nicht reibungslos, nicht ohne Rückschläge. Nach ein paar Monaten trügerischer Sicherheit in North-Carolina, folgt die erneute Flucht und Gefangennahme. Underground Railroad ist über weite Strecken ein typischer Abenteuerroman, der einen als Leser fasziniert mitfiebern und nägelkauend Seite um Seite umblättern lässt. Man braucht ein wenig, um reinzukommen, doch dann kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen und liest die 350 Seiten in einem Rutsch durch.

Obwohl ich mich schon immer für das Thema interessiert habe, von einer Underground Railroad hatte ich noch nie gehört. Und natürlich hat dieses geheime unterirdische Eisenbahnnetz, über das die Sklaven quer durchs Land bis nach Kanada flüchten konnten, so nicht existiert. Die Railroad war vielmehr ein informelles Netzwerk, eine Art Fluchthilfe-Geheimbund der Sklavengegner. Und während all die geschilderten Grausamkeiten in der einen oder anderen Form sicherlich genau so stattgefunden haben, hat es die langen Fahrten durch die dunklen, kalten Tunnel der Underground Railroad so nie gegeben. Diese surreale Finesse hebt die Geschichte auf eine andere Ebene, unterscheidet diesen Roman von ‚Onkel-Toms-Hütte‘, ‚Roots’ und den unzähligen anderen Abenteuer- und Fluchtromanen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich schon mal einen Roman von Colson Whitehead gelesen. Natürlich kann ich mich nicht mehr an alle Handlungsdetails erinnern – in ‚John Henry Days’ ging es auch um Afroamerikaner, um Eisenbahnbau und die triste amerikanische Provinz. Die Lese-Stimmung war ähnlich intensiv, beeindruckend und pageturnend. Whitehead ist ein Meister seines Fachs, ein beeindruckender Erzähler, der gut unterhält und gleichzeitig zum Nach- und Weiterdenken anregt. Immer wieder musste ich beim Lesen kurz innehalten und den aufkommenden Gedanken nachgehen. Zum Beispiel, welches Verbrechen der amerikanischen Geschichte wohl schlimmer zu werten ist: die Vertreibung, der Mord und die Kasernierung der amerikanischen Ureinwohner oder die Sklavenhaltung auf den Baumwollplantagen der Südstaaten? Einen Menschen als Eigentum zu betrachten, als Gebrauchsgegenstand, ihn zu quälen, zu missbrauchen und wenn er nichts mehr taugt, einfach zu töten – einfach weil man es kann? Oder aber einem Menschen alles wegzunehmen ­– Land, Identität, Kultur – und ihn mit ein paar Flaschen Whisky zum Trost seinem Schicksal zu überlassen?

Auf dem Backcover steht. „Ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Nun ja – seit Donald Trump hat man das Gefühl, dieses Gesicht sehr gut zu kennen. Und man weiß mittlerweile auch, dass das Thema immer noch nicht durch ist. Sklaverei und Rassentrennung sind zwar seit Jahrzehnten abgeschafft, aber in den Köpfen der weißen Landbevölkerung hat sich nicht viel verändert. Die Vorfälle in Charlottesville zeigen, dass all das, was in diesem Buch als Vorkommnisse aus der Mitte des 19.Jahrhunderts beschrieben wird, eigentlich jederzeit wieder passieren kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, entwickeln sich im Moment überall auf der Welt Dinge wieder zurück. Konflikte, die wir überwunden zu haben glaubten, entzünden sich aufs Neue. Manchmal wünsche ich mir, einfach eine geheime Falltür zu öffnen und mit der Underground Railroad vor all dem zu flüchten. Kilometerweit durchs dunkle Tunnelsystem bis nach Kanada, ein Land, das damals wie heute eine echte Alternative zu sein scheint. Doch Wölfe gibt es da auch, sogar echte.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
352 Seiten, 24,00 Euro
übersetzt von: Nikolaus Stingl

 

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