Sebastian 23 – Die Sonnenseite des Schneemanns

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Ich kenne ihn schon lange und er ist so etwas wie ein Vorbild für mich. Oder halt, nein, nicht direkt Vorbild. Ich will ja gar nicht so sein wie er, würde nicht unbedingt mit ihm tauschen wollen. Denn im Prinzip und grundsätzlich betrachtet, bin ich ja ziemlich zufrieden mit mir. Aber sagen wir es mal so: Er hat ein paar Eigenschaften, die ich auch gern hätte. Ich spreche von Sebastian Rabsahl, alias Sebastian23, einem der erfolgreichsten deutschen Poetry Slammer. Er rockt jede Bühne, gewinnt Meisterschaften, sitzt in TV-Talkshows und hat jetzt seinen ersten Roman veröffentlicht.

Ich habe ihn schon immer für seine Lockerheit bewundert – damals, vor mehr als zehn Jahren, als auch ich mal für ein paar Monate mit eigenen Texten als Poetry Slammer unterwegs war. Mit mäßigem Erfolg und schon bald realisierend, dass ich gegen Sympathieträger und Rampensäue wie Sebastian nicht den Hauch einer Chance hatte. Wenn er die Bühne betritt, strahlt er wie kein Zweiter aus, dass er mit sich im Reinen ist. Egal, wie das Publikum am Ende entscheidet, er für sich ist immer der Gewinner. Mit dem sprichwörtlichen Schalk im Nacken und einem sympathischen Dauergrinsen fliegen ihm, wohin er auch kommt, sofort alle Herzen zu.

Das sind diese Eigenschaften von denen ich sprach. Ja, klar kann ich manchmal witzig sein – aber Sebastian23 ist immer noch etwas witziger. Ich kann ganz passabel schreiben, aber er kann es deutlich besser. Und – machen wir uns nichts vor – so richtig im Reinen bin ich mit mir eigentlich auch noch nie gewesen. Da war und ist bei mir immer noch ein Restzweifel, die Gewissheit, dass es eigentlich nicht genügt und dass Typen wie Sebastian23 so was viel leichter fällt.

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich fatal, den Debütroman eines Mannes zu rezensieren, dem man bisher immer unterlegen war. Die Gefahr ist groß, es ihm auf diesem Wege endlich einmal heimzuzahlen. Für die drei, vier Niederlagen auf Poetry-Slam-Bühnen in Duisburg und Düsseldorf, für die souveränen Talkshow-Auftritte, den ganzen Fame, für sein selbstgefälliges Grinsen, dafür, dass er jetzt auch noch einen sehr passablen Debütroman geschrieben hat, für alles und nichts.

Ich könnte jetzt schreiben, dass Poetry Slammer im besten Fall auf der literarischen Kurzstrecke punkten können; ganz gut darin sind, innerhalb von fünf Minuten mindestens zwanzig Schenkelklopfer oder Schmunzler rauszuhauen, aber bei allem, was darüber hinaus geht, kläglich versagen. Hätte ich sagen können. Ist sicherlich auch oft zutreffend, aber in diesem Fall nicht. Die dauergrinsende Rampensau hat es doch tatsächlich geschafft, einen richtig guten Roman zu schreiben. Das wird jetzt nicht der Bestseller 2018 werden, dafür hat der kleine Lektora-Verlag einfach nicht genug Power, aber das Ding ist richtig geil. Es liest sich nicht nur gut und ist wie erwartet – Sebastian-like – sehr wortwitzig, aber Gott sei Dank nicht zu sehr, es folgt nicht wie bei der Nackten Kanone alle paar Sekunden ein Lacher oder Schmunzler.

Stattdessen hat Sebastian Rabsahl in „Die Sonnenseite des Schneemanns“ ein geradezu surrealistisch/futuristisches Setting geschaffen: krude Protagonisten, total überzeichnet, eine unkonventionelle Liebesgeschichte, schwungvoll und mitreißend. Ian, dessen Name „Jan“ ausgesprochen wird, einer dieser grauen Männer mit Aktentasche und dem langweiligsten Job der Welt – er malt schwarze Vierecke auf ein Flipboard – trifft auf Luise, eine Großstadt-Punkerin, die sich vorgenommen hat, diesen Jan wieder ins Leben zurückzuführen.

Das ist alles nicht so einfach, denn da ist noch die eifersüchtige Punker-Freundin von Luise, der spießige Aktenkoffer-Freund von Ian, seine Mutter und eine Stadtrats-Abgeordnete. Doch trotz aller Widerstände gelingt Ian und Luise die Annäherung. Eine tolle Geschichte, die mich stellenweise an den skurrilen U-Bahn-Roman „Retter der Welt“ von John Wray erinnert hat, eine aberwitzige Paarung und ein literarisches Get-Together der anderen Art.

Jeder, der Sebastian23 bisher nicht auf dem Plan hatte, sollte sich diesen Namen unbedingt merken. Wenn er irgendwo in eurer Nähe auftreten sollte, dürft ihr das nicht verpassen. Ich habe weiter unten mal ein Video eines Talkshow-Auftrittes eingestellt, wo er ab Minute 5:30 sein geniales Slam-Gedicht „Zeit für Lyrik“ vorträgt. Die Sonnenseite des Schneemanns ist zwar der erste Roman, aber nicht das einzige Buch von Sebastian23. Mit Storys wie zum Beispiel dem neuesten Kurzgeschichtenband „Hinfallen ist wie anlehnen, nur später“ hat er sich auch außerhalb der Slammer-Szene eine große Fangemeinde erarbeitet.

Generell sind Poetry Slams und Spoken Word Veranstaltungen wesentlich interessanter als die oftmals schnarchigen Lesungen arrivierter Autoren. Es ist natürlich auch viel Schlechtes dabei, einiges ist pure Comedy; man will gefallen, sein Publikum unterhalten. Aber ich habe da auch schon beeindruckende Nachwuchs-Literaten entdeckt, die extrem starke Texte vortrugen.

Meine Poetry-Slam-Karriere dauerte nur kurz, weil ich es nicht ertragen konnte, von Standup-Comedians mit witzigen Texten ständig an die Wand gespielt zu werden. Doch mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht, gönne den witzigen Typen ihren Erfolg und erkenne an, dass auch Comedy-Texte literarisch sein können. Mit seinem Romandebüt hat Sebastian23 das eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ob er wirklich ein Vorbild für mich ist, darüber muss ich noch mal stark nachdenken. Ein kleines bisschen, vielleicht.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Lektora Verlag
279 Seiten, 17,80 Euro

Bildschirmfoto 2017-12-16 um 19.02.03Sebastian 23 mit allerlei illustren Gästen in der NDR Talkshow. Ab Minute 5:30 trägt er seinen vitalen Hit „Zeit für Lyrik“ vor.

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