Süßer die Bücher nie klingen

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Wer viel liest und älter wird, kommt früher oder später an einen Punkt, an dem die Augen, kaum merklich aber doch stetig, immer schlechter werden. Noch reichen die Fünf-Euro-Lesebrillen aus dem dm-Markt, aber irgendwann, so denkt man mit Schrecken, werde ich wie ein alter Opa vielleicht eine Lupe brauchen, und wenn das dann auch nicht mehr geht, dann, ja dann war es das wohl mit dem Lesen. Aus, fini, Feierabend.

Was wird dann aus meinen vielen Büchern? Ganz besonders aus all den ungelesenen, die ich hier horte und noch lesen will, wenn ich eines Tages in Rente gehe – zu einer Zeit, in der es vielleicht gar keine richtigen Bücher mehr gibt, sondern nur noch Dateien? Ja, und noch schlimmer: Was wird dann aus mir? Mir vorzustellen, dass ich irgendwann das nicht mehr machen kann, was seit Kindertagen die einzige Konstante in meinem Leben war – undenkbar. Was auch gerade passierte, in guten wie in schlechten Zeiten, die Freude am Lesen hat mich nie verlassen. Im Gegenteil, je älter ich wurde, desto mehr ist mir das Lesen zu einer Heimat geworden, eine Zuflucht, ein Ort, an dem ich immer willkommen war. Für andere ist Lesen ein schönes Hobby, für mich ist Lesen mein bester Freund.

Und ganz besonders jetzt, wenn ich nach vorne schaue und mir ausdenke, was mal sein wird, wenn morgens um sechs der Wecker nicht mehr klingelt. Wenn ich den ganzen lieben langen Tag tun und lassen kann, was auch immer ich will — gerade dann brauche ich diesen Freund. Die Vorstellung, im Alter nicht mehr lesen zu können, über Bücherrücken zu streichen und die Zeichen im Inneren nicht mehr entziffern zu können, stattdessen Stunde um Stunde aus dem Fenster zu starren, alle paar Minuten vor Langeweile wegzudämmern, das ist mein ganz persönlicher Albtraum.

Aber dazu wird es nicht kommen. Denn auch wenn ich in ein paar Jahren komplett erblinden sollte, was nicht passieren wird, aber wenn, dann wäre das weniger schlimm als befürchtet, denn ich habe in den letzten Wochen etwas für mich entdeckt, von dem ich zwar immer schon wusste, dass es das gibt, aber trotzdem nie richtig wahrgenommen habe. Und das sind Hörbücher.

Für einen älteren Herrn wie mich hat ein Buch nun mal Seiten aus Papier, einen festen Einband und passt ins Bücherregal. Alles andere ist Schnickschnack, der krampfhafte Versuch, Menschen, die nicht lesen, Literatur doch noch irgendwie näher bringen zu wollen. Im Grunde genommen nichts Anderes als eine Romanverfilmung, die ja meistens auch nicht mit dem gedruckten Original mithalten kann.

Hinzu kommt, dass ich das Vorlesen von Literatur, wie ich es auf unendlich vielen Autorenlesungen erlebt habe, eigentlich noch nie als richtig bereichernd empfunden habe. In den allermeisten Fällen musste ich kämpfen, nicht einzuschlafen. Meiner Erfahrung nach können nur ca. 80 Prozent der Autoren, die gut schreiben können, auch gut vorlesen. Eigentlich habe ich erst genau drei erlebt, die das können: Sasa Stanisic, Benjamin von Stuckrad-Barre und Aljosha Brell. Alle anderen lesen, wie auch ich lesen würde. Ganz passabel, sich und ab und zu verhaspelnd, an den falschen Stellen Luft holend, hin und wieder in einen monotonen Singsang abdriftend, irgendwann müde und unkonzentriert werdend.

Nicht so bei gut produzierten Hörbüchern. Das habe ich zu meinem Entzücken in den vergangenen Wochen feststellen können. Wenn der Verlag etwas Geld in die Hand nimmt und gute Sprecher engagiert, die ihr Handwerk beherrschen, die in der Lage sind, aus dem Text noch etwas mehr herauszuholen, als das, was man selber da hineinliest, dann ist der Literaturgenuss sogar noch gesteigert. Das feststellen zu dürfen war geradezu eine Offenbarung für mich.

Seither höre ich neben dem Buch, das ich gerade lese — also klassisch, auf Papier — parallel auch jeden Tag noch ein Hörbuch. Wenn ich unterwegs bin, im Auto, Zug oder Flugzeug, im Garten beim Laub rechen, auf dem Laufband im Fitness-Center. Zunächst dachte ich, man kann sich doch gar nicht so lang auf Gesprochenes konzentrieren. Aber das klappt wunderbar. Auch bei anspruchsvoller Literatur, die nicht unbedingt spannend ist, bleibe ich am Ball und kann einen Roman, genauso als wenn ich ihn selbst lesen würde, als Ganzes erfassen. Nur wenn ich abends mit dem Kopfhörern auf dem Kopf still auf dem Sofa sitze, kann es passieren, dass ich einnicke. Aber das passiert mir nach einem anstrengenden Tag auch oft beim Lesen.

Alles begann, als ich vor ein paar Wochen bei meinem Musik-Streaming-Dienst entdeckte, dass es dort auch Hörbücher gab. Zum Spaß habe ich mal in den neuen Bestseller von Dan Brown reingehört und bin hängengeblieben. Kein großer Literaturgenuss, aber doch spannend und unterhaltend. Danach ging es weiter mit dem ersten Band von Volker Kutschers „Gereon Rath/Berlin Babylon“-Reihe und das war schon deutlich besser. Ein richtig guter Sprecher (David Nathan), ein tolles Setting, spannend und literarisch anspruchsvoll – ich war begeistert. Schnell habe ich herausgefunden, dass man bei Apple Music nach Autorennamen suchen muss, um mehr als nur Krimis zu finden. Ich blieb in den wilden Zwanzigern in Berlin und hörte anschließend tief bewegt Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, gelesen von Frank Arnold, danach Stefan Zweigs „Schachnovelle“, gelesen von Christoph Maria Herbst, und zuletzt ging es nach Finnland mit Jan Costin Wagners „Tage des letzten Schnees“, gelesen von Matthias Brandt.

Danach war klar: Hörbücher – das ist mein neues Ding. Für etwas mehr Auswahl habe ich mich dann letzte Woche bei Audible angemeldet und mir gleich Daniel Kehlmanns neuen Roman „Tyll“, gelesen von Ulrich Noethen, reingezogenen. Wow! Unbeschreiblich toll. Gerade bei diesem Buch, das in der Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt, habe ich Setting, Handlung und Stimmung als Hörbuch wesentlich intensiver empfunden, als wenn ich es selber gelesen hätte. Ulrich Noethen ist aber auch ein grandioser Sprecher. Der holt wirklich alles aus einem Text raus.

Durch die Entdeckung der Hörbücher ist mein Literaturkonsum um 100 Prozent gesteigert worden. Ich habe mit lästigen Tätigkeiten wie Autofahren, Gartenarbeit und Ausdauersport, die ich bisher als reine Zeitfresser angesehen habe, meinen Frieden gemacht. Noch mehr als das; ich freue mich jetzt regelrecht darauf, das alles zu tun, ist es doch eine willkommene Gelegenheit, weiter meinem Hörbuch zu lauschen.

Und weil ich von dieser auditiven Entdeckung so begeistert bin, wird es im kommenden Jahr die Rubrik „Hörbücher“ hier bei Buchrevier geben. Auch da wird es Rezensionen, Listen, Helden und den ganzen Buchrevier-Kram geben. Mal sehen, was mir noch so einfällt. Ich freue mich drauf. Aber ganz besonders freue ich mich, dass ich keine Angst mehr davor habe, mir durch das Lesen die Augen zu ruinieren und eines Tages vielleicht nichts mehr sehen zu können.

Doch plötzlich durchfährt mich ein weiterer schrecklicher Gedanke, und die ganze Glückseligkeit ist mit einem Schlag dahin. Was ist, wenn ich im Alter auch nicht mehr richtig hören kann?

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Foto: Gabriele Luger

6 Antworten auf „Süßer die Bücher nie klingen

  1. Mir macht das auch Angst, dieser Aspekt des Alters. Aber mein Vater las noch bis er achtzig war, dann mit gelasertem Augenlicht. Das Hörbuch Meister und Margarita von Bulgakow“ der Hörverlag“ kann ich auch sehr empfehlen. Ein schönes Weihnachtsfest mit vielen guten Büchern und Hörbüchern wünscht Xeniana

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  2. Ich habe als Jugendliche ein Buch gelesen, in der eine junge Frau sich Geld als Vorleserin bei einer älteren Dame, die nicht mehr selbst lesen kann, dazu verdient. Und seitdem habe ich jemanden gesucht, dem ich vorlesen darf 😉 Ich lese sehr gerne vor, im Zweifel auch mir selbst, und halte mich für eine halbwegs gute Vorleserin.
    Wenn ich mir jedoch selbst vorlese, kann ich dabei nicht einschlafen, genausowenig wie beim normalen Lesen. Daher habe ich mir angewöhnt, abends Hörbücher zu hören und bin gerade zu süchtig geworden. So kann ich schlaflos im Dunkeln liegen, während mein Schatz neben mir schläft, bei guten Stimmen bin ich auch sofort weg. Tagsüber höre ich die Hörbücher schon auch mal weiter, z.B. beim Abwaschen, wenn sie sehr spannend sind. Aber dabei höre ich auch gern einfach nur Musik oder hänge meinen Gedanken nach. Aber um die Gedanken am Abend abschalten zu können, ist ein Hörbuch mittlerweile unverzichtbar geworden.

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  3. Schöner Beitrag. Mir gehen in letzter Zeit mitunter ganz ähnliche Gedanken durch den Kopf. Und ich greife auch wieder häufiger zu Hörbüchern, nicht nur beim Autofahren wie sonst. Mit Kopfhörern ist es auch ein ganz nahes intensives Hören, fast wie selbst lesen … Gerade höre ich „Austerlitz“ von W.G. Sebald gelesen von Michael Krüger … eine sehr warme Stimme.
    Frohe Festtage!

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  4. Schöne Gedanken zum Lesen im kommenden Rentenalter. Ich freu mich auch schon drauf. Nur noch 10-einhalb Jahre oder so!
    Die Angst, irgendwann zu erblinden und meine geliebten Bücher nicht mehr selbst lesen zu können, kenne ich auch; habe das in der Familie bei meiner Oma miterleben müssen. Die genetisch bedingte und vererbliche Augenschwäche ist mittlerweile aber einfach zu behandeln.
    Mit den Hörbüchern hate ich es nicht so. Zu oft wurde ich von falschem Tempo, falschem Timbre und Überbetonung bestimmter Worte zu ungunsten anderer enttäuscht. Absolute Ausnahme: wenn Harry Rowohlt eigene Übersetzungen alkoholgeschwängerte, irische Romane vorliest: unübertreffbarer Höhepunkt: Auf schwimmen zwei Vögel von Flann O’Brien. Unbedingt besorgen und anhören.
    Ansonsten: Dir und Deinen Lieben ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch.
    lg_jochen

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