Worst of 2017

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Jetzt ist wieder die Zeit der Jahresrückblicke. Überall findet man Empfehlungslisten mit den Must-Reads des Jahres, persönlichen Highlights und Entdeckungen. Aber was sind eigentlich die schlechtesten Bücher des Jahres? Titel, von denen man lieber die Finger lassen sollte, die entweder unerträglich, unlesbar, ärgerlich oder aber so belanglos sind, dass man sie nach zwei Sekunden vergessen hat.

Hier eine Zusammenfassung meiner ganz persönlichen Dislikes des Jahres:

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

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Dieses Buch war definitiv der Marketing-Hype des Jahres. Mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung bin ich in diesen Tausendseiter eingestiegen. Doch entgegen aller Marketing-Versprechen hat mich nichts sonderlich berührt oder gar aufgewühlt. Irgendwann habe ich die Geduld verloren und angefangen, nur noch quer zu lesen. Nichts an dieser Geschichte empfand ich richtig stimmig. Eine Männerwelt, die entweder nur brutal verletzend oder aber übertrieben liebevoll und mitfühlend ist. Nichts dazwischen, reine Schwarz-Weiß-Malerei.

Auch das typisch Amerikanische an der Geschichte hat mich genervt. Alle vier Freunde sind am Ende maximal erfolgreich und reich. Kein Mittelmaß, nein alles ganz tolle Superstars, die Stiftungen gründen und so. Und das Ende – ich will hier gar nicht spoilern – ist so was von kitschig, Tränendrüsen-melancholisch und Hollywoodtauglich, dass einem schlecht wird.

Éduard Louis – Im Herzen der Gewalt

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Und wo wir schon mal dabei sind, hier noch so ein gehyptes Buch über den Missbrauch unter Männern. In diesem Fall sogar mit autobiografischem Hintergrund. Ich finde solche persönlichen Geschichten ja immer etwas übergriffig. Da lässt einer die Hosen runter, erzählt schonungslos von einem schrecklichen Erlebnis, von Demütigung, Raub, Vergewaltigung, versuchtem Mord. Er beschreibt seine Todesangst, die Schmerzen, das Davor und das Danach, die Konsequenzen, die Rückblenden, die quälenden Gedanken und Erinnerungen. Für ihn ist danach nichts mehr so, wie es vorher war. Das alles schreibt er auf, macht sich nackig, lässt nichts aus, schont und schützt sich nicht.

Darf man so eine persönliche Beichte, einen Therapieroman überhaupt kritisieren? Den Aufbau, die Lesestimmung, die Dramaturgie? Ist es legitim, dem Autor vorzuwerfen, dass die vielen Erzählperspektiven sich nicht stimmig zusammenfügen? Dass man es übertrieben, langatmig, aufgeblasen, nervtötend, kalkuliert und in höchstem Maße übergriffig findet? Darf man sich überhaupt ein Urteil erlauben, wenn man selber nichts vergleichbar Schreckliches erlebt hat? Ich finde ja – das darf man.

Tijan Sila – Tierchen Unlimited

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„Was war das denn?“, fragte ich mich nach der Lektüre und konnte gar nicht glauben, dass so ein dünnes Geschichtchen bei einem namhaften Verlag wie KiWi eine Chance bekommen hat. Dabei zieht Tijan Sila mit seinem Debütroman thematisch alle Register. Es geht um Krieg, Flucht, Integration und Rechtsradikalität. Themen, die aktuell, interessant und durchaus erzählenswert sind.Doch sie werden nur gestreift und kollidieren mit dem augenscheinlichen Anspruch des Autors, daraus ein cooles Stück Popliteratur zu schaffen.

Einige Szenen könnten aus dem Drehbuch des neuen Til Schweiger Films sein, andere erinnern in ihrer locker, flockigen Art an die frühen Sketche von Didi Hallervorden. Mich hat der Roman aufgrund dieser Flapsigkeit nicht überzeugt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Fans von Tschick und Auerhaus daran Gefallen finden. Auch bei diesen Romanen habe ich nie verstanden, wie man sich so dafür begeistern kann. Vielleicht passe ich auch einfach nicht zur Zielgruppe und bin mittlerweile zu alt für Popliteratur. Vielleicht aber auch nicht, und „Tierchen Unlimited“ ist einfach nichts weiter als ein belangloses Geschichtchen.

Jan Schomburg – Das Licht und die Geräusche

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Schomburg erzählt die Geschichte von Jugendlichen, die zur Schule gehen, abends Party machen, auf Klassenfahrt nach Barcelona fahren, andere Schüler mobben, sich verlieben und das Leben infrage stellen, bevor es überhaupt angefangen hat. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman also – mit einer jugendlichen Erzählstimme, ein paar interessanten Zeitsprüngen und ein wenig Drama und Erotik.

Für ein Jugendbuch ganz ok, aber als literarisches Werk für ältere Generationen funktioniert das nur, wenn da noch ein wenig mehr passiert: eine andere Ebene, Platz für Assoziationen, Bezüge, sprachliche Feinheiten — irgendwas in der Art. Doch nichts davon. Stattdessen lauscht man diesem typischen Jungmädchenton, der immer irgendwas Wütendes und Vorwurfsvolles an sich hat. Zunächst fand ich das ganz reizvoll, aber irgendwann nicht mehr. Dann fehlte mir auf einmal alles.

Stephan Lohse – Ein fauler Gott

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Was versprechen sich Menschen eigentlich davon, ein Buch zu schreiben? Wenn man wirklich etwas zu erzählen hat – irgendetwas Originelles, bisher noch nicht Dagewesenes, meinetwegen auch Witziges – wenn man seit Jahren schon mit der ultimativen Idee für einen Roman schwanger geht oder aber wirklich gut schreiben kann, einen eigenen, ganz besonderen Erzählstil hat, dann, ja dann kann ich verstehen, dass man unbedingt einen Roman schreiben will. Weshalb Stephan Lohse das getan hat, verstehe ich nicht.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Roman jetzt grottenschlecht ist, die Geschichte überhaupt nicht erzählenswert und sprachlich komplett daneben. Aber leider ist „Der faule Gott“ auch nicht richtig gut oder besonders bemerkenswert. Eben nur ganz ok; literarische Durchschnittsware, kann man lesen, muss man aber nicht.

José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

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Ich habe seit jeher ein Problem mit Literatur aus Spanien, Portugal oder Lateinamerika. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann mal – so meine Hoffnung – wenn ich endlich mal ein wirklich gutes Buch aus einem dieser Länder gelesen habe. Eines, das sich nicht wie ein Märchen für Erwachsene anhört. Eine Geschichte, die keine Allegorie für irgendetwas sein will, nicht gefühlsüberladen oder kitschig-sentimental.

Leider war auch dieser Roman keine Ausnahme, obwohl der Titel „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ und die Story vielversprechend klangen. Da mauert sich eine Frau am Vorabend der angolanischen Revolution im Penthouse eines Hochhauses ein und lebt dort dreißig Jahre unentdeckt. Doch Agualusa kann sich leider nicht darauf beschränken, nur die Geschichte seiner Hauptfigur zu erzählen. Nein, er lässt noch eine ganze Reihe holzschnittartig gezeichneter Figuren auftauchen, die alle entweder gut oder böse, bettelarm oder steinreich sind. Und natürlich darf in der kitschig-schwülstigen Welt auch eine große Bibliothek mit mehreren tausend Büchern nicht fehlen. Märchen für Erwachsene.

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Disclaimer: Es gibt zahlreiche Blogger und Journalisten, die eine ganz andere Meinung zu den Büchern auf dieser Liste haben. Einige fanden die genannten Titel sogar richtig gut. Und vollkommen schlecht sind sie auch nicht. Immerhin habe ich sie komplett gelesen und damit sind sie immer noch besser als die Bücher, die ich bereits nach wenigen Seiten enttäuscht, entsetzt, augenrollend oder genervt abgebrochen habe und die hier noch nicht mal genannt werden.
P.S.: Ich habe in diesem Jahr auch viele gute Bücher gelesen. Die Liste mit den „Best of 2017“ findet man auf der Buchrevier-Startseite in der rechten Spalte (Desktop-Ansicht).

14 Antworten auf „Worst of 2017

  1. Dürfen nicht auch Schauspieler schlechte Bücher schreiben? Selbst wenn sie nur ihre Vita aufpimpen wollen? Übrigens sind es nicht diese „Kulturbetriebs-Typen mit ihren literarischen Ego- und Selbstverwirklichungs-Projekten“, die den wirklich talentierten Autoren die Programmplätze wegnehmen. Es sind die Verlage, die über Programmplätze entscheiden. Ich wünsche ein schönes 2018 mit hoffentlich besseren Büchern. Stephan Lohse

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    • Danke, dass Sie das sportlich sehen. Natürlich hat jeder das Recht, ein schlechtes Buch zu schreiben. Aber ich bleibe dabei: eine gewisse Prominenz erleichtert den Weg zu einem Verlagsvertrag doch ungemein — auch bei schlechten Büchern. Ob jetzt der Berg zum Propheten oder der Prophet zum Berg kommt, ist dabei unerheblich. Liebe Grüße aus dem Buchrevier.

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      • Ich nehme das keineswegs sportlich. Sonst würde ich nicht mit dem Vorsatz brechen, Blogbeiträge nicht zu lesen, und wenn aus Versehen doch, sie wenigstens nicht zu kommentieren. Ich beneide Sie allerdings um Ihre intimen Kenntnisse des Verlagswesens. Ich wünsche Ihnen, dass das Betreiben Ihres Blogs Ihnen zu weiterer Popularität verhilft, dann klappt es sicher auch irgendwann mal mit dem Buchvertrag. S.L.

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      • Ich habe lange überlegt, ob ich mich hier einschalte, aber das kann man so nicht stehen lassen, da ich den Kommentar sehr anmaßend gegenüber Tobias finde, der sehr ordentliche Arbeit leistet und, so nehme ich an, auch sehr fundierte Kenntnisse des Verlagswesen aufweisen kann.
        Tobias schreibt manchmal mit spitzer Feder und ich finde manche seiner Verrisse persönlich etwas über das Ziel hinaus geschossen, aber sich deswegen nun aus dem Autorenkaninchenbau zu schleichen und gegen die Zeilen des Schreibenden zu wettern ohne ihn persönlich zu kennen, hinterlässt keinen guten Eindruck. Ich habe ihr Buch sehr gern gelesen, aber solche Kommentare offenbaren einen Beißreflex, der nicht gut zu Gesicht steht.

        Trotz allem wünsche ich weiterhin alles Gute für den weiteren Weg.

        @Tobias: Auch wenn ich, wie schon erwähnt, nicht alle Verrisse beziehungsweise wie sie geschrieben sind, mag, so schreibst du mit Herzenslust über das, was du gerne machst – Bücher lesen. Mach weiter so, wir lesen uns auch 2018.

        Guten Rutsch
        Marc

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    • Um es mit den Worten meiner Großmutter zu sagen „War dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall !“, die Geschmäcker sind zum Glück verschieden – geschmacklos allerdings wirkt, wenn der Autor eine negative Kritik beleidigt kommentiert – bleiben Sie bei Ihrem Vorsatz, Kritiken nicht zu kommentieren und wenn Sie einen „dünnhäutigen Tag“ haben, lesen Sie es einfach nicht – Sie haben den Mut gehabt, ein Buch zu veröffentlichen, das sagt mir, dass Sie ganz und gar hinter Ihrer Arbeit stehen, 67 % 4 und 5 Sterne bei amazon und auch die Pressestimmen lesen sich durchweg positiv – da muss man sich wegen einem Blogeintrag doch wirklich keine grauen Haare wachsen lassen ;D

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  2. Also „Tierchen unlimited“ hat mir und das habe ich schon geschrieben, sehr gefallen. Auf den Eduard Louis bin ich, seit ich ihm bei einem Interview hörte, sehr gespannt, ich habe mir das Buch zum Geburtstag schenken lassen, leider ist sich das Lesen 2017 nicht mehr ausgegangen und auf „Ein wenig Leben“ wäre ich sehr neugierig, wenn ich das einmal finde. Denn da hört man sehr unterschiedliches. Mein Bauchgefühl hat es nicht so sehr angesprochen, obwohl mich die Themen ja interessieren würden, aber da habe ich bei einigen Bloggern sehr begeistertes gehört, während andere, eher die offizielleren Kritiker sich negativ darüber äußerten und jetzt wär ich gespannt, was ich zu dem Buch sagen würde.
    Zu den anderen Büchern habe ich keine Meinung und habe sie auch nicht gelesen, liebe Grüße aus Wien, beziehungsweise, Harland bei St. Pölten

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  3. @Marc
    Lieber Marc,
    es war nicht der Verriss, der mich geärgert hat, und selbst wenn, stünde es mir als Autor nicht zu, dies zu kommentieren. Ich bin mir auch nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht möglicherweise einen Fehler gemacht habe. Mir ist es etwas peinlich, mich auf diese Weise angreifbar gemacht zu haben, aber ich sitze eben nicht im Kaninchenbau, wo ich mir selbst am nächsten bin, und, meiner Sache sicher, keine Zweifel kenne. Es gibt Verrisse, die mich sehr ärgern, es sind die, denen ich glaube. Herr Nazemi allerdings spekuliert in seiner Rezension über meine Motive, das Buch überhaupt geschrieben zu haben. Er glaubt, dass ich als Schauspieler, als Kulturbetriebstyp, ein Ego- und Selbstverwirklichungsprojekt vorantreibe, um auch noch „Schriftsteller“ in meiner Vita stehen zu haben. Und Herr Nazemi nimmt an, dass solche Typen wie ich, wirklich talentierten Autoren die Programmplätze wegnehmen.
    Das ist Literaturbetriebstratsch. Meine Motive gehen niemanden etwas an. Mein Buch ist nicht autobiographisch, es ist kein Tagebuch, kein Selbsterfahrungsexzess, nichts dergleichen, und selbst wenn es das wäre, wäre es doch meine Sache. Das Buch versteht sich als Literatur, möglicherweise ist sie misslungen, gut, darüber ließe sich reden, und ich bin gerne bereit, etwas zu lernen. Wie Sie es völlig zu Recht von mir für Herrn Nazemi fordern, würde aber auch ich gerne für mich in Anspruch nehmen, nicht über meine Motive beurteilt zu werden, von jemandem, der mich gar nicht kennt.
    Ich kenne mich im Verlagswesen nicht besonders gut aus, aber ich kenne meinen Verlag. Bei der Annahme eines Manuskripts spielen im Suhrkamp Verlag literaturferne Aspekte zunächst keine Rolle. Es zählt der Text. Erst später erinnert sich vielleicht jemand in der Werbeabteilung, dass der Autor auch Schauspieler ist, und die Mitarbeiterin, die die Veranstaltungen akquiriert, wird es vermutlich erwähnen.
    Ich war kürzlich bei einer Veranstaltung unveröffentlichter Autoren. Dort machten merkwürdige Verdächtigungen die Runde, Lektoren seien böswillige Wesen, die den Autoren die Seele raubten, man sei stur auf Genre, Zielgruppe und Vermarktung fixiert, und unverlangt eingesandte Manuskripte würden ohnehin nur vom Nachtportier gelesen. Ich habe diese Erfahrung nicht gemacht. Ich bin in meinem Verlag Leuten begegnet, die schöne Bücher machen wollen. Nicht immer treffen sie dabei den Geschmack der Leser, und in meinem Fall ist es bei Herrn Nazemi leider schief gegangen. Das tut mir leid. Aus der Heftigkeit seiner Reaktion habe ich geschlossen, dass er selbst ein unveröffentlichter Autor ist. Das war voreilig und, da ich annehme, dass Sie mitlesen, Herr Nazemi, entschuldige ich mich hierfür herzlich.

    Ich künftig nichts mehr kommentieren, aber weil ich schon mal dabei bin, wünsche ich allen im Buchrevier ein schönes neues Jahr. Gute Bücher, bessere Bücher und auch ein paar mittelgute Bücher.
    S.L.

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Herr Lohse,

      Sie müssen sich nicht entschuldigen. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wenn ich über schriftstellerische Ambitionen von Kulturbetriebstypen spreche, dann verallgemeinere ich natürlich nur meine persönliche Markt-Wahrnehmung. Ich denke da an Schauspieler wie Joachim Meyerhoff oder Musiker wie Thees Uhlmann, Sven Regener und jetzt aktuell Flake. Ob das alles Ego- oder Selbstverwirklichungsprojekte sind, ob das bei Ihnen oder überhaupt bei irgendjemand der Antrieb ist, weiß ich natürlich nicht und kann es nur vermuten. Ich erlaube mir aber, diese Vermutung einfach zu äußern und glaube nicht, dass bei dem Beitrag irgendjemand dachte, dass ich dazu jetzt über valide Statistiken verfüge oder mich mit Ihnen diesbezüglich unterhalten habe.

      Wenn Sie diese Behauptung trotzdem verletzt haben sollte, dann tut mir das leid. Das war nicht meine Intention.

      Herzlich: Tobias Nazemi

      Gefällt 3 Personen

    • Akzeptiert! 🙂 passiert halt manchmal im Leben und geschriebenes kommt öfter falsch rüber, als wenn man sich die Sachen ins Gesicht sagt.
      Und danke für die Antwort auf meine Einmischung.

      Gruß
      Marc

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