Longlistlesen für den Blogbuster

 

Es tut mir leid, aber ich kann grad nicht – weder reden, noch schreiben. Bin nur noch am lesen, mache kaum noch etwas anderes. Ich lese DIN A4 Ausdrucke, ich lese PDFs auf dem Reader, ich lese in der Bahn, im Flugzeug, ich lese im Bett und am Frühstückstisch. Ich lese bis mir die Augen tränen, bis die Wörter und Buchstaben verschwimmen. So viel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gelesen.

Normalerweise sind es drei oder vier Bücher im Monat, jetzt sind es vierzehn. Bücher, die streng genommen noch gar keine sind. Die es erst noch werden sollen. Mit ein wenig Glück und meinem Zutun. Was mir gefällt, bekommt meine Stimme. Ist zwar nur eine von fünf, aber immerhin. Kommt es zum Patt, dann entscheidet diese eine fünfte Stimme; entscheidet über hop oder top. Ob aus einem Word-Dokument, aus einem Haufen bedruckten Papiers ein richtiges Buch wird. Von DIN A4 zu DIN A5. Nicht irgendwann mal, sondern noch in diesem Jahr. Kein Paperback, sondern Hardcover. Ein Buch aus guten Hause; eines, das man im Buchladen kaufen, als Geschenk verpacken und unter den Weihnachtsbaum legen kann. Ein Buch, über das man einmal sagen wird, dass es das erste war, das diesen Preis gewonnen hat.

Oh, Mann. Das ist ganz schön krass. Ich kann noch gar nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert. Dass es tatsächlich funktioniert hat, der Plan aufgegangen ist. Mein Baby. Knapp neun Monate bin ich damit schwanger gegangen. In Frankfurt dann die Zangengeburt und seitdem schreit es aus vollem Hals, hat ständig Hunger, quengelt und will auf den Arm. Aber es wächst und gedeiht und entwickelt sich prächtig. Noch stehen viele Prüfungen und Bewährungsproben an, aber auch das werden wir schaffen. Jetzt erstmal Longlist-Krabbelgruppe, bevor im Herbst dann schon die Einschulung im Buchhandel ansteht.

Ich lese und lese und lasse mich fallen. Die Luft schmeckt nach Plastik, es riecht nach Frauen, die schweres Parfüm und Hüte tragen. In der Taiga heulen die Wölfe, eine Familie sitzt im Garten und hat Hunger. Im Nebenhaus wird ein schwarzes Loch installiert. Das alles spürt und erlebt man beim Lesen der Longlist-Romane. Und obwohl es anstrengend ist, macht es mir richtig Spaß. Tolle Plots, interessante Charaktere, experimentell, emotional, humorvoll, spannend. Da ist für jeden etwas dabei. Und alles auf einem wirklich hohen Niveau. Ich kann gar nicht glauben, dass diese Romane noch keinen Verlag gefunden haben. Da kommen jedes Jahr tausende von Büchern auf den Markt und trotzdem ist da noch so viel Unentdecktes, so viel Talent, so viel Potenzial.

Klar entdeckt man hier und da noch ein paar Rechtschreibfehler, Ungereimtheiten und Längen. Aber ich hätte mit deutlich mehr gerechnet. Da haben die Blogger-Kollegen schon eine richtig gute Auswahl getroffen. Und das ist auch ein Punkt, der mich glücklich macht. Dass wir Blogger hier mal wieder gezeigt haben, dass wir Ahnung haben, dass wir gute Literatur nicht nur bewerten, sondern auch entdecken können. Ich lese die Manuskripte und ich sehe dabei den Blogger, die Bloggerin vor mir und glaube zu wissen, warum sie sich gerade für dieses Manuskript, diesen Autor entschieden haben. Die Paarungen sind manchmal naheliegend, manchmal verblüffend aber immer interessant. Ich bin gespannt, ob sich vielleicht sogar Freundschaften daraus ergeben.

Mehr kann ich angesichts des noch laufenden Verfahrens nicht dazu sagen. Ich bitte um Verständnis, dass es hier auch in den nächsten Wochen nicht viel Neues zu lesen geben wird. Aber dafür findet sich auf der Blogbuster-Seite jede Menge von dem, was mich gerade so fasziniert: Leseproben, Interviews und Blogbeiträge rund um die Longlist-Autorinnen und Autoren unseres außergewöhnlichen Experiments.

Bloggerfreie Zone

3

 

Auf der Frankfurter Buchmesse konnte man den Wandel hin zu einem neuen Bedeutungshoch deutlich spüren. Die geballte Wertschätzungsoffensive der Verlage – Einladungen zu Pizza und Partys, exklusive Treffen und Lesungen mit Autoren sowie jede Menge Goodie-Bags. Überall zustimmendes Nicken zur wachsenden Bedeutung digitaler Literaturvermittlung und allenthalben Einigkeit, dass die Zukunft den Blogs gehört.

Wirklich allenthalben und überall auf der Messe? Nein, ein von scheinbar unbeugsamen Offlinern bewirtschafteter Stand in Halle 3.1 hört nicht auf, den digitalen Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Literaturblogger, die als Besatzung in den befestigten Lagern ihrer Blogs leben und immer wieder versuchen, diese letzte Bastion zu erobern. Auch ich habe es in Frankfurt noch einmal versucht, bin zum Messestand und habe mich an eine nette Dame am Info-Counter gewendet.

Ich: „Guten Tag, können Sie mir sagen, wer bei Ihnen im Verlag für Blogger zuständig ist?“

Die nette Dame am Info-Counter: „Das ist die Presseabteilung“.

Ich: „Ich bin Blogger. Ich hätte gerne mal mit jemandem aus der Abteilung gesprochen“.

Dame am Info-Counter: „Das ist grad schlecht, die sind alle im Gespräch“.

Ich: „Kein Problem, dann komme ich später noch mal wieder. An wen kann ich mich dann wenden?“

Am Info-Counter: „Das kann ich Ihnen nicht sagen“.

Ich: „Warum nicht?“

Info-Counter: „Schauen sie doch bitte auf unserer Webseite nach. Da stehen alle Ansprechpartner“.

Ich: „Da habe ich schon geguckt und keinen Namen gefunden. Nur eine allgemeine Mailadresse, um Rezensionsexemplare zu bestellen“.

Counter: „Ja, genau. Schreiben sie da einfach eine Mail hin, wir melden uns dann“.

Ich: „Aber ich bin doch jetzt hier, es dauert auch wirklich nicht lang“.

Sie: „Tut mir wirklich leid“.

Sagt es, schenkt mir ein bittersüßes Lächeln und wendet sich dem Nächsten zu. Ok, das war jetzt deutlich, die wollen anscheinend keinen direkten Blogger-Kontakt. Muss ja auch nicht sein, ist schließlich auch eine Art, sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Der Messestand als bloggerfreie Zone. Wenn dort nicht einige meiner Lieblingsautoren unter Vertrag wären, wäre es mir das ja egal. Aber so?

Kopfschüttelnd schaue ich mich noch ein wenig auf dem Stand um, erblicke den smarten Shortlist-Autor aus Österreich und mehrere Regale mit einem einzigen, auffallend roten Buch, anscheinend der Top Neuerscheinung des Verlages in diesem Herbst. Und als ich den reißerischen Titel „Ich hasse dieses Internet“ lese, wird mir auf einmal alles klar.

Foto: Gabriele Luger

 

Blogger gehen auf Talentsuche

2

 

Ich bin stolz. Denn eine Idee, an der ich mit einigen anderen Bloggern seit knapp einem halben Jahr herumlaboriere, hat Gestalt angenommen und erblickt heute das Licht der Online-Welt. Darf ich vorstellen? Blogbuster – der Preis der Literaturblogger.

Die Idee erinnert ein wenig an die einschlägigen TV-Castingshows, nur diesmal geht es nicht um Gesang oder gutes Aussehen, sondern um eine gute Schreibe. 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potenzial des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Fachjury vorgestellt. Neben dem Jury-Vorsitzenden Denis Scheck entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar und Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse über den Blogbuster-Gewinner. Ich sitze als Initiator der Aktion auch mit in der Fachjury.

Es wurde in der Vergangenheit ja viel über Literaturblogs berichtet. Die Berichterstattung war nicht selten etwas abfällig und der Tenor prinzipiell immer gleich: Es gibt Blogger, die schreiben in ihrer Freizeit mehr oder weniger subjektiv und selten kenntnisreich über Unterhaltungsliteratur. Jetzt zeigen wir, dass es viele anspruchsvolle Blogs gibt, die nicht nur Literatur gut vermitteln, sondern auch gute Literatur entdecken können. Obendrein wollten wir mit Blogbuster keine Blogger-Version bestehender Literaturpreise schaffen, sondern etwas Eigenständiges auf die Beine stellen, was dem Charme und Spirit von Blogs entspricht. Interessant an dem Wettbewerb ist auch der Aspekt, dass erstmals engagierte Leser bestimmen können, was sie gerne lesen würden. Und zwar noch bevor es gedruckt im Buchladen liegt.

An dem Experiment Blogbuster sind 15 qualitativ hochwertige und reichweitenstarke Literaturblogs beteiligt. Der Wettbewerb startet am 21.10. mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Weitere Informationen unter: Blogbuster-Preis.de

bildschirmfoto-2016-10-04-um-11-15-15

Auftaktveranstaltung und Pressekonferenz
am 21.10.2016, 16.00 Uhr
Frankfurter Buchmesse, Orbanism Space, Halle 4.1, D88
mit Elisabeth Ruge, Tom Kraushaar, Lars Birken Bertsch und Denis Scheck und mir.

Es geht schon wieder los

5

Nach dem Buchpreis ist vor dem Buchpreis / Die Buchpreisblogger sind wieder da

Im letzten Jahr wagte der Deutsche Buchpreis, dieses alljährlich stattfindende, hochkulturelle Literaturspektakel, mal ein Experiment. Man öffnete sich der Welt jenseits des Literaturbetriebs und erlaubte einer Gruppe leselustiger Laien, die in ihrer Freizeit so einen Internet-Blog betreiben, sich mit der Longlist auseinanderzusetzen. Prinzipiell kann das ja jeder machen, der über zu viel Freizeit verfügt, aber bei den Buchpreisbloggern handelte es sich um um eine von ganz oben offiziell geduldete und mit Leseexemplaren unterstütze Aktion.

Und siehe da, das war gar nicht peinlich. Da kamen ein paar ganz brauchbare Sachen raus, und es gab jede Menge Traffic im Internet. Das Feuilleton und die Buchbranche betrachtete das Experiment mit wohlwollendem Kopfnicken und berichtete hier und da. Auch für das etwas verstaubte Image des wichtigsten deutschen Literaturpreises war die Aktion nicht schlecht. Man zeigte sich tolerant und aufgeschlossen und hat sich zeitgemäß positioniert. Internet – das können wir. Und das Beste daran war: Das alles hat so gut wie gar nichts gekostet. Also stand schnell fest, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und da Literaturblogger mit kostenlosen Leseexemplaren und ein paar geteilten, reichweitenstarken Facebook-Posts leicht zu ködern sind, gehen auch in diesem Jahr wieder sechs Buchpreisblogger an den Start und stellen sich dem literarischen Abenteuer Longlist. Diesmal ist mit Herbert Griestop auch einer dieser sogenannten Vlogger (Video-Blogger) mit im Team. „Herbert liest“ heißt sein vielbeachteter Vlog und YouTube-Kanal. Ach ja, und ganz besonders freut mich, dass auch das Buchrevier wieder mit dabei sein darf.

Hier die sechs Buchpreisblogger 2016:

Wenn die Longlist mit den zwanzig nominierten Titeln am 23. August verkündet wird, geht es los. Dann werden wir wieder Seiten fressen, lesen, diskutieren, bloggen, vloggen, eine Blogger-Shortlist-Empfehlungsliste aufstellen und dem großen Finale am 17. Oktober in Frankfurt entgegenfiebern. Ein besonderes Highlight im Rahmen dieses Projektes ist für mich die Einladung zum Goethe-Institut nach Kopenhagen, wo ich im Oktober zusammen mit Sophie Weigand die sechs Shortlist-Titel vorstellen werde.

Alle, denen ich davon erzähle, fragen mich immer, wie ich das nur schaffe, die ganzen vielen Bücher zu lesen und dann noch darüber zu schreiben, alles neben dem ganz normalen Job. Aber für mich ist das keine Arbeit. Ich mache das gerne, ich schlafe in der Zeit einfach ein bisschen weniger und vernachlässige meine Frau, meine Kinder und Freunde. Dann klappt das schon irgendwie.

Titelfoto: Gabriele Luger
Buchpreisblogger-Llogo: Jochen Kienbaum

 

Leibsch, my Love

8

 

Düsseldorf Flughafen, es ist kurz vor sieben Uhr in der Früh. An der Sicherheitskontrolle lange Schlangen. Eine Armee von geschäftig dreinschauenden Businesstypen auf dem Weg zum ersten Tomatensaft des Tages. An meinem Gate dann ein etwas anderes Bild. Da sitzen deutlich mehr Frauen als Männer und ich weiß sofort: Hier bin ich richtig für den Flieger zur Leipziger Buchmesse.

Ich fange Blicke auf. Was guckt die Frau mich so an? Kennt die mich? Kenne ich sie? Soll ich sie einfach mal fragen? Denn es ist schon auffällig, wie die guckt. Dann plötzlich erkenne ich sie. Eine Debütautorin aus dem letzten Jahr. Sie war damals Teil des Shitstorms zum Thema Autorenfotos. Jetzt ist alles klar. Sie mag mich nicht, deswegen guckt die so.

IMG_7223

IMG_7314

In Leipzig angekommen, noch am Flughafen, schon wieder Blicke. Wieder ein Autor, aber dieser hier mag mich und winkt mir freundlich zu. Ich mag ihn auch und winke fröhlich zurück. Wir fahren gemeinsam zu Messe, checken ein und sofort ist da wieder dieses Wohnzimmergefühl – die große sonnendurchflutete Glashalle, die Treppe mit dem Logo, die Mangas. Zum vierten Mal bin ich jetzt hier – ich kenne mich aus, fühle mich wohl, habe viel vor. Und hepp!

Diesmal habe ich den Büchermenschen hier auch etwas zu erzählen. Auf meinem iPad ist die Präsentation für ein ambitioniertes Blog-Projekt. Noch kann ich über Projekt X nicht viel verraten – nur so viel sei gesagt: Es kam bei den Verlagen und Bloggern super gut an. Das hat mich froh und beschwingt durch die Hallen schreiten lassen. Meine iPhone-App hat am ersten Tag 17.000 Schritte gezählt, am zweiten 16.000 und am dritten Tag waren es noch 13.000. Ja, ich war drei volle Tage da. Für meinen Geschmack ist das genau richtig. Nicht zu kurz und nicht zu lang.IMG_7226

 

IMG_7262 (1).jpg

Drei Tage voller Begegnungen mit wirklich tollen Menschen. Da war zum Beispiel diese kleine, zerbrechlich wirkende Autorin, die den Debütroman des Jahres geschrieben hat und sympathisch lächelnd zuerst einem ZDF-Kamerateam und dann mir Rede und Antwort stand. Oder Mr.Charming schlechthin, auflagenstarker Megastar des Diogenes-Verlages, den ich aus Prinzip nicht mögen wollte, der mich aber nach zwei Minuten zum Fan gecharmed hat. Und dann war da noch mein Lieblings-Buchmesse-Mensch. Auch Blogger, auch mit einer nagelneuen Carhartt-Jeans, die alles blau färbt, wo auch immer man sich niederlässt, aber fast zwei Köpfe größer als ich und mit einer wesentlich schöneren Singstimme. Wir haben uns eine Wohnung geteilt, die eigentlich Stanley,  einem gutaussehenden Musiker mit einer noch schöneren Singstimme gehörte. Zum Frühstück gab es ein Snickers und einen Müsliriegel – brüderlich geteilt. Abends dann den super Leipzig-Döner mit frittiertem Käse.

IMG_7268

IMG_7301Die ganzen drei Messetage war ich in Sachen Projekt X unterwegs. Vom aktuellen Frühjahrsprogramm und dem Ausblick auf den Herbst habe ich nur am Rande etwas erfahren. Im Messerucksack waren dann am Ende auch nur zwei Bücher. Eines davon habe ich bereits als Lektüre zur Messe mitgebracht, das andere habe ich unserem Vermieter geschenkt. Die Verlage haben aber versprochen, mir ein paar Titel zuzuschicken – sie wissen ja mittlerweile, was ich mag.

Nachts ging es dann auf die Verlagspartys. Im Gegensatz zu Frankfurt musste man nicht auf einer Gästeliste stehen, kam überall locker rein, musste dafür aber sein Bier selbst bezahlen. Neben den Taxikosten war das der größte Kostenfaktor. Auf diesen Partys kann man so einiges erfahren. Ich weiß jetzt, mit wem Ronja von Rönne Händchen hält, dass Benedict Wells beim Schreiben wie ich auch Interpol hört und dass Leander Wattig keinen Schlaf braucht.

Und zwischen all diesen Stationen ist da diese Stadt. Mit ihren schönen Gebäuden, mit den großen Kreuzungen, den vollgestopften Straßenbahnen und Taxifahrern mit diesem derben Akzent. Ich bin verliebt in diese Stadt um diese Zeit. Und nächstes Jahr bin ich wieder da. Versprochen.

IMG_7300

 

IMG_7239.jpg

 

Happy Birthday Buchrevier

10

 

Allein im Auto auf der A3, von Heppenheim nach Hause. Es ist dunkel, kein Stau, ich fahre so dahin, denke nach. Ein Jahr mache ich das jetzt also schon. Oder besser gesagt: ein Jahr erst. Mir scheint es so viel länger, so viel besser, so ganz anders als all die Jahre zuvor. Da ist etwas ganz schnell groß geworden, hat sich Raum genommen, Zeit gestohlen, Abläufe verändert. Happy Birthday Buchrevier.

So viele Jahre habe ich schon passieren sehen. An die meisten kann ich mich kaum noch erinnern. Aber für alle gilt, es war nie wirklich leicht. Richtig unbeschwert und beschwingt bin ich noch nie durchs Leben gegangen. Oft stand ich mir selbst im Weg. Hier ein paar Talente, da zahlreiche Defizite. Was die eine Hand aufgebaut hat, hat die andere wieder eingerissen. Irgendwann habe ich gelernt, dass Ungleichgewicht keine schlechte Strategie ist. Man muss nur mehr aufbauen als einreißen und schon geht es voran. Das habe ich auch im letzten Jahr so gemacht. Und siehe da, es war auf einmal ganz leicht.

Ich weiß nicht, ob man es Talent nennen kann. Ich weiß nur, dass ich nichts so gerne mache wie schreiben. Die Wörter sind da irgendwo in mir. Ich weiß ganz genau, ich kann das ausdrücken, kann das rund machen, meine Leseerlebnisse wiedergeben. Wenn ich mich bemühe, dann gelingt es mir, Gefühle in Wörter zu transferieren, so dass andere teilhaben können. Nicht immer und jederzeit, aber prinzipiell schon. Ich sitze zwanzig Minuten vor einem leeren Bildschirm und auf einmal sprudelt es. Und wenn ich es dann durchlese und meine, dass es gut ist, die richtigen Wörter, die richtigen Sätze dort stehen, dann bin ich glücklich.

11951416_1647225858893038_8656402975702164924_o

Gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt ist die Welt kein guter Ort. Mir geht es zwar ganz ok, aber so vielen anderen nicht. Hass, Verblendung, Ängste und Vorurteile nehmen uns die Luft zu atmen, lassen alles in einem anderen Licht erscheinen. Ich finde es bewundernswert, wenn Menschen sich dem stellen und versuchen, das Rad zu drehen. Mir fehlt dazu die Kraft, die Überzeugung und auch die Hoffnung. Ich tauche weg, ich entschwinde in andere Welten, stecke meinen Kopf zwischen zwei Buchdeckel, beschäftige mich mit Problemen, die irgendwann auf Seite 450 ein Ende finden. Nur so kann ich das alles ertragen. Das ist keine Lösung, aber ein großer Trost. Und da sind sie wieder – die Defizite.

Dass ich das zugeben kann, mir und Außenstehenden kein X für ein U vormache, ist einer der wenigen Vorteile des Älterwerdens. Mit fünfzig hat man seinen Frieden mit sich und seinen Defiziten gemacht. Ich bin gelassener geworden, muss niemandem mehr etwas beweisen. Wem nicht gefällt, was ich so schreibe, der braucht das ja nicht zu lesen. Wenn alles kann und nichts muss, passiert bekanntlich mehr als geplant. Mit Buchrevier habe ich in den vergangenen zwölf Monaten weit mehr erreicht, als ich mir jemals vorgenommen habe. Ob Bloggerpate bei der Leipziger Buchmesse, Rezensent beim Literaturradio oder Buchpreisblogger – alles flog mir irgendwie so zu und hat dafür gesorgt, dass Buchrevier von Tag zu Tag bekannter wurde.

10991438_597175000427170_1335490062629449815_o

IMG_5370

Nicht verschweigen möchte ich eine Sache, die mir auch mehr oder weniger zugeflogen ist. Und zwar aus heiterem Himmel wie Vogelscheiße mitten ins Gesicht. Es war kein Aprilscherz, als am 1. April ein ganz bestimmter Artikel auf Buchrevier auf einmal über zweitausendmal angeklickt wurde. Es hat etwas gedauert, bis ich realisierte, dass ich mich mitten in einem veritablen Shitstorm befand. Wenn ein gendertechnisch nicht ganz so korrekter Text von den richtigen Leuten verlinkt und entsprechend anmoderiert wird, gehen die Zugriffszahlen durch die Decke und man ist auch auf einen Schlag bekannt, aber so wie man es nie sein wollte. Eine einschneidende Erfahrung, die ich aber rückblickend nicht missen möchte. Denn ich habe dadurch sehr viel über die Macht des Internets am eigenen Leib erfahren. Wie rasend schnell sich Dinge verbreiten, wie einem Worte im Munde herumgedreht werden, wie hemmungslos sich manche Menschen auf ihr Opfer stürzen, wie wenig Kinderstube selbst augenscheinlich gebildete Menschen haben, wie einen das alles, obwohl es ja nur virtuell ist, doch nachhaltig verletzten kann. Ich habe gelernt, dass man zwar alles denken kann, aber nicht alles schreiben sollte, mit bestimmten Themen lieber nicht polarisiert und manche Diskussionen auch mit den besten Argumenten nicht gewinnen kann. Letztlich habe ich das Erlebnis unter „Erfahrungen“ verbucht. Aber vergessen habe ich es nicht.

An all das denke ich, während ich im Auto auf der A3 von Heppenheim nach Hause fahre. Zwölf unheimlich intensive Monate, in denen so unglaublich viel passiert ist. Und das, obwohl ich nicht viel mehr gemacht habe, als im Sessel zu sitzen und zu lesen. Happy Birthday Buchrevier.

Titelfoto: Gabriele Luger

10562932_1590584731223818_4852830480725506390_n-2

 

 

 

 

 

 

 

Blauer Samstag in Zimmer 406

2

 

Es klopft. Ich öffne die Augen und erwache irgendwo im Nirgendwo. Es klopft noch einmal, und gleich darauf öffnet sich die Tür. Augenblicklich bin ich hellwach und schnelle in die Höhe. Ein kurzes „Entschuldigung“ und schon ist die Tür wieder zu. Erleichtert sinke ich zurück in die Federn und versuche mich zu erinnern. Ok, ich bin in Frankfurt, Buchmesse, dritter Morgen. Gestern Verlagsparty und definitiv ein paar Bier zu viel. Kurzer Blick durchs Zimmer. Ja, das auf dem Boden sind meine Klamotten, auch der Rucksack ist da und das iPhone liegt auf dem Nachttisch und lädt. So schlimm kann es also nicht gewesen sein. Auch wenn ich mich an die letzten Stunden kaum noch erinnern kann.

Ja, so ist das also. Ich hab´s ja schon tausendmal irgendwo gelesen. Buchmesse ist Party, ist Saufen, ist Aspirin. Und Buchrevier ist jetzt mittendrin statt nur dabei. Aber nur diese eine, letzte Nacht. Die anderen Abende war ich diszipliniert und bin früh in die Federn, damit ich am nächsten Tag klug und gewählt über Literatur parlieren konnte. Aber heute steht nichts mehr an, es geht zurück in die Heimat. Apropos – voller Schrecken schaue ich auf die Uhr. Gott sei Dank – es ist erst kurz nach 11.00 Uhr, das Hotel-Frühstück hab ich zwar verpasst, aber meinen Zug nach Hause noch nicht. Duschen, Koffer packen und raus auf die Straße. Die frische Luft tut mir gut. Ich gehe zu Fuß zum Bahnhof, Kopfhörer rein und mit dem neuen Foals-Album stellt sich Schritt für Schritt Ernüchterung ein.

Zeit für einen Blick zurück. Was waren das nur für intensive Tage. Ich hab es locker angehen lassen, mir gar nicht so viele Termine gemacht, wollte einfach schauen, mich treiben lassen und Lesungen verfolgen. Und das war genau richtig. Ich hatte Zeit, konnte mich in Ruhe unterhalten und unterhalten lassen. Ich habe meine Lieblingsverlage angesteuert, wurde erkannt und nett bewirtet. Ich habe neue Verlage kennengelernt, Autoren wie Rolf Lappert, Ruth Cerha und noch viele, viele andere gesehen. Und überall die Bloggerkollegen, unterwegs wie ich, in ihrem Element, glücklich, zufrieden, aufgekratzt.

Ich komme aus Frankfurt zurück mit einem Koffer voller Ideen, vielen Empfehlungen, Leseexemplaren und der Gewissheit, dass ich mit dem Projekt Buchrevier auf dem richtigen Weg bin. Ärgerlich ist nur, dass ich mein iPhone Ladekabel im Hotel vergessen habe. Aber irgendwas ist ja immer.

IMG_6255 (1)