Keine Angst vor Corona: Leipzig ist safe

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Mehr als 230 Messen weltweit wurden aufgrund der Corona-Epidemie schon abgesagt. Zahlreiche weitere Großveranstaltungen stehen zur Disposition. Nur aus Leipzig heißt es weiterhin: Die Buchmesse findet auf jeden Fall statt. Allerdings mit zahlreichen Einschränkungen und speziellen Sicherheits-Vorkehrungen, die zusammen mit sächsischen Hygiene-Experten erarbeitet wurden, um die Ansteckungsgefahr bei Ausstellern und Besuchern auf ein Minimum zu reduzieren. Hier die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen im Überblick: 

Die schärfsten Restriktionen betreffen die Aussteller und Besucher der beliebten Manga-Comic Con, die auch dieses Jahr wieder in Halle 1 stattfinden wird, allerdings diesmal in deutlich veränderter Form. Alle asiatischen Bezüge, d.h. Comics, Kostüme, Devotionalien aus China, Japan und dem asiatischen Raum, dem Hauptverbreitungsgebiet des Corona Virus, sind in diesem Jahr verboten.  Messebesuchern, die als asiatische Manga-Comic-Charaktere verkleidet sind, wird der Messezutritt verwehrt. Erlaubt sind ausschließlich deutsche oder europäische Comic-Charaktere wie Fix & Foxi, Asterix und Obelix oder Tim und Struppi. Vereinzelte Einschränkungen gibt es auch bei Figuren aus Nord-Italien. Die Messeleitung bittet die Cos-Player, sich im Vorfeld über die Herkunft der Figuren, die sie darstellen, zu informieren und entsprechende Herkunftsnachweise bei sich zu führen. 

Doch das sind nicht die einzigen Veränderungen. Da das Buch in gedruckter Form auf Papier ein idealer Überträger für Viren und Krankheitserreger jeglicher Art ist, wird die Leipziger Buchmesse dieses Jahr als reine eBook- und Hörbuchmesse stattfinden. Bücherregale mit echten Büchern, in denen Tausende von Messebesuchern blättern, lesen, hineinatmen und -husten wird es in diesem Jahr nicht mehr geben. Zu hoch ist die Ansteckungsgefahr. Wie die Hygiene-Experten in zahlreichen Tests herausgefunden haben, bleiben je nach Papierbeschaffenheit auch nach gründlicher Desinfektion auf einzelnen Seiten noch Krankheitserreger zurück. Insbesondere die unteren Seitenecken der Messeexponate sind durch die weit verbreitete Unsitte des Umblätterns mittels eines mit Spucke angefeuchteten Fingers, hochansteckend. E-Book-Reader und Abspielgeräte für Hörbücher lassen sich dagegen leicht mit handelsüblichen Desinfektionsmitteln säubern. Spezielle Desinfektionsbeausftragte an den Ständen der Verlage sorgen dafür, dass eine Reinigung der Geräte nach jedem Besucherkontakt erfolgt. 

Durch diese Vorkehrungen bietet die Leipziger Buchmesse Besuchern und Ausstellern nicht nur ein Optimum an Sicherheit, sondern auch ein völlig neues, multimediales Messeerlebnis. Dafür wird jedem Besucher am Eingang ein Hygiene-Set übergeben, bestehend aus Mundschutz, Latexhandschuhen und keimfrei verpackten Bluetooth-Kopfhörern, die während des gesamten Aufenthalts in den Hallen getragen werden müssen. Das bisher auf Buchmessen von vielen als störend empfundene und zudem hochansteckende ‚Socialising‘ entfällt damit komplett, und die Messebesucher können sich voll und ganz auf die literarischen Frühjahrskollektion der Verlage konzentrieren. 

Auch wenn das neue Messekonzept aus der Not geboren wurde, könnten sich zahlreiche  Aussteller durchaus vorstellen, das auch in den kommenden Jahren so weiterzuführen. „Es hat uns schon immer arg gestört, dass die Buchmesse für viele Besucher eigentlich nur ein Ort der Begegnung, des intensiven Austauschs und des hemmungslosen Party-Machens war. Die Literatur kam dabei leider immer zu kurz“, sagt der Verleger eines großen Publikumsverlages, der  nicht namentlich genannt werden möchte. Andere Verlags-Repräsentanten äußerten sich ähnlich.

Besonders positiv wird diese Entwicklung natürlich von den eBook- und Hörbuchverlagen gesehen, die in Leipzig aus ihrer Nische treten und erstmals die Branche als Ganzes repräsentieren. „Corona ist erst der Anfang“, sagt eine führende Hörbuchverlegerin. „Klimawandel, Natur-Katastrophen und globale Epidemien spielen uns in die Karten und zeigen allen, dass digitale Literatur auch dann noch funktioniert, wenn die analoge Welt komplett zusammenbricht.“ 

Ob in Zukunft dann überhaupt noch eine Reise nach Leipzig oder Frankfurt notwendig sein wird, weil man eine Messe wesentlich besser, effektiver und vor allen Dingen gesünder mit einer 3D-Brille im Netz erkunden kann, bleibt erstmal dahingestellt. Die Erfahrungen mit der neuen #lbm2020 werden es zeigen. 

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Disclaimer: Wer berechtigte Zweifel am Wahrheitsgehalt dieses Beitrages hegt, klicke bitte hier für weitere Informationen. 

Uns geht’s ja noch gold

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Schönwetterfront aus Leipzig beflügelt die Branche.

Was ist in letzter Zeit nicht alles geschrieben worden. Von schlechten Zahlen und düsteren Aussichten, von Millionen neuen Nicht-Lesern und vom bösen Netflix. Jede Woche ein neuer Abgesang und nicht zuletzt die Insolvenz des Großhandels. Also noch mal schnell nach Leipzig fahren, bevor es da demnächst keine Buchmesse mehr gibt. Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Vielleicht lag es an dem herrlichen Frühlingswetter oder daran, dass Totgesagte bekanntlich länger leben, doch von Untergangsstimmung war in Leipzig 2019 überhaupt nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. „Das Buch ist tot, es lebe das Buch“, so könnte das neue Motto lauten, mit dem die Branche die schlechten Nachrichten einfach weg lächelt. Krise? Welche Krise? Noch einen Prosecco?

Natürlich sind die Probleme nach wie vor da und richtige gute Lösungen für eine wirtschaftliche Gesundung des Buchmarktes immer noch nicht in Sicht. Um Kosten zu sparen, verzichtet zum Beispiel ein Großverlag jetzt komplett auf Vorschau-Kataloge. Weder gedruckt noch digital, es gibt sie einfach gar nicht mehr. Die Buchhändler können sich ja im Online-Bestellportal über das Programm informieren. Und ob man tatsächlich unbedingt innerhalb von 24 Stunden jeden Buchtitel liefern muss, ist auch so ein Ding, über das man mal nachdenken sollte. Es kommt einem vor, als hätte die Branche beschlossen, sich von schlechten Nachrichten nicht mehr länger runterziehen zu lassen. Die Veränderungen akzeptieren, den Gürtel enger schnallen und einfach weiter gute Arbeit machen. Irgendwann geht es schon wieder bergauf. Und in der Zwischenzeit genießen wir einfach das schöne Wetter in Leipzig.

Ja, warum eigentlich nicht? Wieso immer auf das Schlechte und nicht auch mal auf das Gute schauen? Gerade hat die Messe ihren Schlussbericht veröffentlich: 286.000 Besucher, 15.000 mehr als im Vorjahr! Na bitte, geht doch. Dass im letzten Jahr aufgrund des Wintereinbruchs der komplette Nah- und Fernverkehr ausgefallen war und man weder nach Leipzig rein noch raus kam, bleibt unerwähnt. Und auch nur Spielverderber und Dauernörgler würden jetzt anmerken, dass die Messegesellschaft den Begriff ‚Besucher‘ dieses Jahr etwas schwammig formuliert und die Zahlen von „Leipzig liest“ einfach dazu addiert hat. Wer mag angesichts solcher Steigerungsraten noch von Krise sprechen?

Und auch bei den Bloggern hat sich die Stimmung wieder deutlich verbessert. Der Hype ist definitiv vorbei, die großen Illusionen und Hoffnungen auf eine stetig steigende Reichweite sowie eine angemessene Monetarisierung unserer Leistungen sind längst begraben. Alle, die noch dabei sind, haben sich mit der Situation arrangiert. Auch die zunächst als Leichtgewichte belächelten Bookstagrammer, bei denen es sich zu einem großen Teil um das Verkaufspersonal des Buchhandels handelt, sind mittlerweile in den Kreis der relevanten Blogger aufgenommen worden. Und andersrum genauso.

Was vieles einfacher macht: Heißgetränke-Bookselfies mit ein paar Zeilen Text und den richtigen Hashtags gehen bei den Verlagen mittlerweile als Rezensionen durch. Das reduziert den Aufwand ungemein. Aber natürlich trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen. Denn einfach nur mit dem Handy ein Foto machen und vom Klapper die Inhaltsangabe abschreiben, bringt noch keine Reichweite. Erst hier und da ein nacktes Körperteil, überbordende Bücherhaufen oder zu Drachenflügeln dekorierte Einbände machen aus einem einfachen Bookstagrammer einen ernstzunehmenden Influencer. Und um solche Fotos zu machen, braucht man mitunter länger, als für eine ausführliche Rezension.

Aber auch hier gilt: Es ist halt so. Der große Elfenbeinturm ist längst eingestürzt. Was soll also erst die professionelle Literaturkritik sagen, die mit ihren Analysen und geistreichen Ergüssen Jahr für Jahr immer weniger Menschen erreicht und sich nicht nur das Pressezentrum in Leipzig, sondern auch die schwindende Aufmerksamkeit für das Medium Buch mit all den Möchtegern-Kritikern teilen muss.

Die großen und kleinen Probleme der gebeutelten Buchbranche scheinen dieses Jahr unter der gleißenden Frühlingssonne von Leipzig einfach so dahingeschmolzen zu sein. Die Zeiten sind nach wie vor hart, wir haben noch viel zu tun, aber seien wir doch mal ehrlich: Im Vergleich zu anderen Branchen geht’s uns ja noch gold. Oder?

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Foto: Gabriele Luger

Achtung: Das ändert sich für Blogger in 2019

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Bei all den innerpolitischen Wirren, mit denen die Groko im letzten Jahr für Aufsehen gesorgt hat, ist ein Thema in der Nachrichtenflut scheinbar untergegangen. Im November letzten Jahres wurde aufgrund eines Eilantrages von CDU/CSU und Grünen eine deutliche Verschärfung der Influencer-Gesetze beschlossen, die bereits seit dem ersten Januar 2019 gelten. Bei Verstößen drohen auch Buchbloggern saftige Strafen. Hier die wichtigsten Änderungen.

Namensnennung in Posts und Blogbeiträgen
Die strengen Auflagen der DSGVO zum Schutz persönlicher Daten ist jetzt auch auf literarische Erzeugnisse ausgeweitet worden. Konkret bedeutet dies, dass der Name eines Autors oder einer Autorin in Blogbeiträgen nicht mehr ohne vorherige Genehmigung des Betreffenden genannt werden darf. Liegt eine schriftliche Einwilligung des Künstlers nicht vor, darf nur der Romantitel mit den Namensplatzhaltern Erika Schreiber für weibliche und Horst Texter für männliche Autoren genannt werden. Gleiches soll ab 2020 auch für die namentliche Erwähnung von Romanfiguren in Blogbeiträgen gelten.

Neue Rezensionsbestimmungen
Ab diesem Jahr gelten auch strengere Rezensionsregeln. Die von der Stiftung zur Erhaltung der Literaturkritik ausgearbeiteten Auflagen sehen vor, dass Texte, die sich mit Literaturerzeugnissen auseinandersetzen, nur noch Rezension genannt werden dürfen, wenn sie keine klar erkennbare Leseempfehlung aussprechen und ausschließlich der intellektuellen Selbstbeweihräucherung des Rezensenten dienen. Texte mit Formulierungen wie „lest dieses Buch“ oder „mein Lesehighlight des Jahres“ dürfen in Zukunft nur noch als „Rezensionsersatz-Text“ oder „Billo-Büchertipp“ bezeichnet werden.

Kennzeichnung von Werbung
Bereits im letzten Jahr galt, dass Posts und Blogbeiträge als Anzeige gekennzeichnet werden müssen, wenn Namen oder Orte genannt werden. Diese Regelung gilt ab sofort auch für nicht digitale Formen der Einflussnahme. Blogger, Bookstagrammer und Booktuber müssen daher in Zukunft auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt gelbe Warnwesten mit der Aufschrift „bibliophiler Werbetreibender“ tragen. Die Warnwesten berechtigen den Träger zum Empfang von Leseexemplaren und die Benutzung des ÖPNV an allen Messetagen. Das Tragen der Warnwesten ist auch bei Besuchen im Buchhandel am sogenannten Indiebookday vorgeschrieben. Bei einer Nichtbeachtung droht Hausverbot.

Bezeichnungen
Die neue Gesetzgebung bringt zum Jahresbeginn auch Klarheit in die oftmals verwirrenden und nicht trennscharfen Begrifflichkeiten und Formen der digitalen Literaturvermittlung. „Blogger“ darf sich in Zukunft nur noch nennen, wer auch einen Blog betreibt. Influencer darf sich ein Blogger erst nennen, wenn er auch ein Instagram-Profil hat. Instagrammer ohne Blog gelten wiederrum erst ab 5.000 Followern als Influencer. Twitter und Facebook-Profile werden in der neuen Gesetzgebung nicht mehr berücksichtigt.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass sich der zuletzt unkontrolliert ausbreitende Markt unqualifizierter Online-Bewertungen durch die neue Gesetzgebung von alleine regulieren wird. Bis Verstöße gegen die neuen Bestimmungen tatsächlich geahndet werden, gilt eine Übergangsfrist von sechs Monaten. Spätestens zur Frankfurter Buchmesse im Herbst dürfte dann aber mit einem geballten Auftritt von bibliophilen Gelbwesten zu rechnen sein.  

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Foto: Gabriele Luger

 

 

Süßer die Bücher nie klingen

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Wer viel liest und älter wird, kommt früher oder später an einen Punkt, an dem die Augen, kaum merklich aber doch stetig, immer schlechter werden. Noch reichen die Fünf-Euro-Lesebrillen aus dem dm-Markt, aber irgendwann, so denkt man mit Schrecken, werde ich wie ein alter Opa vielleicht eine Lupe brauchen, und wenn das dann auch nicht mehr geht, dann, ja dann war es das wohl mit dem Lesen. Aus, fini, Feierabend.

Was wird dann aus meinen vielen Büchern? Ganz besonders aus all den ungelesenen, die ich hier horte und noch lesen will, wenn ich eines Tages in Rente gehe – zu einer Zeit, in der es vielleicht gar keine richtigen Bücher mehr gibt, sondern nur noch Dateien? Ja, und noch schlimmer: Was wird dann aus mir? Mir vorzustellen, dass ich irgendwann das nicht mehr machen kann, was seit Kindertagen die einzige Konstante in meinem Leben war – undenkbar. Was auch gerade passierte, in guten wie in schlechten Zeiten, die Freude am Lesen hat mich nie verlassen. Im Gegenteil, je älter ich wurde, desto mehr ist mir das Lesen zu einer Heimat geworden, eine Zuflucht, ein Ort, an dem ich immer willkommen war. Für andere ist Lesen ein schönes Hobby, für mich ist Lesen mein bester Freund.

Und ganz besonders jetzt, wenn ich nach vorne schaue und mir ausdenke, was mal sein wird, wenn morgens um sechs der Wecker nicht mehr klingelt. Wenn ich den ganzen lieben langen Tag tun und lassen kann, was auch immer ich will — gerade dann brauche ich diesen Freund. Die Vorstellung, im Alter nicht mehr lesen zu können, über Bücherrücken zu streichen und die Zeichen im Inneren nicht mehr entziffern zu können, stattdessen Stunde um Stunde aus dem Fenster zu starren, alle paar Minuten vor Langeweile wegzudämmern, das ist mein ganz persönlicher Albtraum.

Aber dazu wird es nicht kommen. Denn auch wenn ich in ein paar Jahren komplett erblinden sollte, was nicht passieren wird, aber wenn, dann wäre das weniger schlimm als befürchtet, denn ich habe in den letzten Wochen etwas für mich entdeckt, von dem ich zwar immer schon wusste, dass es das gibt, aber trotzdem nie richtig wahrgenommen habe. Und das sind Hörbücher.

Für einen älteren Herrn wie mich hat ein Buch nun mal Seiten aus Papier, einen festen Einband und passt ins Bücherregal. Alles andere ist Schnickschnack, der krampfhafte Versuch, Menschen, die nicht lesen, Literatur doch noch irgendwie näher bringen zu wollen. Im Grunde genommen nichts Anderes als eine Romanverfilmung, die ja meistens auch nicht mit dem gedruckten Original mithalten kann.

Hinzu kommt, dass ich das Vorlesen von Literatur, wie ich es auf unendlich vielen Autorenlesungen erlebt habe, eigentlich noch nie als richtig bereichernd empfunden habe. In den allermeisten Fällen musste ich kämpfen, nicht einzuschlafen. Meiner Erfahrung nach können nur ca. 80 Prozent der Autoren, die gut schreiben können, auch gut vorlesen. Eigentlich habe ich erst genau drei erlebt, die das können: Sasa Stanisic, Benjamin von Stuckrad-Barre und Aljosha Brell. Alle anderen lesen, wie auch ich lesen würde. Ganz passabel, sich und ab und zu verhaspelnd, an den falschen Stellen Luft holend, hin und wieder in einen monotonen Singsang abdriftend, irgendwann müde und unkonzentriert werdend.

Nicht so bei gut produzierten Hörbüchern. Das habe ich zu meinem Entzücken in den vergangenen Wochen feststellen können. Wenn der Verlag etwas Geld in die Hand nimmt und gute Sprecher engagiert, die ihr Handwerk beherrschen, die in der Lage sind, aus dem Text noch etwas mehr herauszuholen, als das, was man selber da hineinliest, dann ist der Literaturgenuss sogar noch gesteigert. Das feststellen zu dürfen war geradezu eine Offenbarung für mich.

Seither höre ich neben dem Buch, das ich gerade lese — also klassisch, auf Papier — parallel auch jeden Tag noch ein Hörbuch. Wenn ich unterwegs bin, im Auto, Zug oder Flugzeug, im Garten beim Laub rechen, auf dem Laufband im Fitness-Center. Zunächst dachte ich, man kann sich doch gar nicht so lang auf Gesprochenes konzentrieren. Aber das klappt wunderbar. Auch bei anspruchsvoller Literatur, die nicht unbedingt spannend ist, bleibe ich am Ball und kann einen Roman, genauso als wenn ich ihn selbst lesen würde, als Ganzes erfassen. Nur wenn ich abends mit dem Kopfhörern auf dem Kopf still auf dem Sofa sitze, kann es passieren, dass ich einnicke. Aber das passiert mir nach einem anstrengenden Tag auch oft beim Lesen.

Alles begann, als ich vor ein paar Wochen bei meinem Musik-Streaming-Dienst entdeckte, dass es dort auch Hörbücher gab. Zum Spaß habe ich mal in den neuen Bestseller von Dan Brown reingehört und bin hängengeblieben. Kein großer Literaturgenuss, aber doch spannend und unterhaltend. Danach ging es weiter mit dem ersten Band von Volker Kutschers „Gereon Rath/Berlin Babylon“-Reihe und das war schon deutlich besser. Ein richtig guter Sprecher (David Nathan), ein tolles Setting, spannend und literarisch anspruchsvoll – ich war begeistert. Schnell habe ich herausgefunden, dass man bei Apple Music nach Autorennamen suchen muss, um mehr als nur Krimis zu finden. Ich blieb in den wilden Zwanzigern in Berlin und hörte anschließend tief bewegt Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, gelesen von Frank Arnold, danach Stefan Zweigs „Schachnovelle“, gelesen von Christoph Maria Herbst, und zuletzt ging es nach Finnland mit Jan Costin Wagners „Tage des letzten Schnees“, gelesen von Matthias Brandt.

Danach war klar: Hörbücher – das ist mein neues Ding. Für etwas mehr Auswahl habe ich mich dann letzte Woche bei Audible angemeldet und mir gleich Daniel Kehlmanns neuen Roman „Tyll“, gelesen von Ulrich Noethen, reingezogenen. Wow! Unbeschreiblich toll. Gerade bei diesem Buch, das in der Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt, habe ich Setting, Handlung und Stimmung als Hörbuch wesentlich intensiver empfunden, als wenn ich es selber gelesen hätte. Ulrich Noethen ist aber auch ein grandioser Sprecher. Der holt wirklich alles aus einem Text raus.

Durch die Entdeckung der Hörbücher ist mein Literaturkonsum um 100 Prozent gesteigert worden. Ich habe mit lästigen Tätigkeiten wie Autofahren, Gartenarbeit und Ausdauersport, die ich bisher als reine Zeitfresser angesehen habe, meinen Frieden gemacht. Noch mehr als das; ich freue mich jetzt regelrecht darauf, das alles zu tun, ist es doch eine willkommene Gelegenheit, weiter meinem Hörbuch zu lauschen.

Und weil ich von dieser auditiven Entdeckung so begeistert bin, wird es im kommenden Jahr die Rubrik „Hörbücher“ hier bei Buchrevier geben. Auch da wird es Rezensionen, Listen, Helden und den ganzen Buchrevier-Kram geben. Mal sehen, was mir noch so einfällt. Ich freue mich drauf. Aber ganz besonders freue ich mich, dass ich keine Angst mehr davor habe, mir durch das Lesen die Augen zu ruinieren und eines Tages vielleicht nichts mehr sehen zu können.

Doch plötzlich durchfährt mich ein weiterer schrecklicher Gedanke, und die ganze Glückseligkeit ist mit einem Schlag dahin. Was ist, wenn ich im Alter auch nicht mehr richtig hören kann?

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Foto: Gabriele Luger

In drei Jahren zu mehr Achtsamkeit

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Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Drei Jahre gibt es Buchrevier nun schon. In der Online-Welt ist das eine kleine Ewigkeit. Dann hast du es entweder geschafft oder bist schon wieder am Ende. Hop oder Top. Im Netz geht alles so verdammt schnell. Die Zeit, sie rast geradezu, fegt wie ein Orkan über alles hinweg und nimmt mit, was nicht fest verankert war — all die Beiläufigkeiten, lockeren Beziehungen und flüchtigen Gedanken; hier ein Lachen, da ein Weinen. Mentaler Ballast, der deinen Arbeitsspeicher vollmüllt, dich träge und langsam macht. All das wird beim nächsten Programmupdate einfach überschrieben.

Buchrevier hat sich gut entwickelt und ist in den letzten drei Jahren eine relevante Größe in der Blogosphäre geworden. Kann ich das einfach so sagen, ohne überheblich zu klingen? Aber warum soll ich lügen, wenn es doch so ist? Und da hätte ich gleich noch eine Frage an euch da draußen – ihr, die ihr das lest, unbekannter- und bekannterweise. Ist diese Form der Überheblichkeit, die ja eigentlich nur eine Meinungsäußerung, eine Haltung oder gesundes Selbstbewusstsein darstellt, ist das nicht genau das, was ihr von mir lesen wollt? Ich bin nicht immer nett, manchmal sogar ziemlich respektlos und undankbar. Ich werde den Büchern, über die ich schreibe, nicht immer gerecht. Aber das ist auch nicht mein Anspruch. Buchrevier soll in erster Linie Spaß machen. Mir beim Schreiben, allen anderen beim Lesen. Wenn dann noch der Funke überspringt und jemand Lust auf die Bücher bekommt, die hier besprochen werden, dann ist das ein schöner Nebeneffekt.

Ich bin kein Lesebotschafter und habe diesbezüglich auch kein Sendungsbewusstsein. Wenn jemand nicht lesen will, dann soll er es sein lassen. Sein Problem, nicht meins. Ich kann nur sagen, mir tut das gut; das Lesen und auch das Schreiben darüber. Mit jedem Buch, mit jedem Blogbeitrag wird mein Leben reicher, vielfältiger, interessanter. Und nicht nur das – seit ich blogge habe auch ich mich verändert. Ich bin achtsamer geworden, schaue und höre genauer hin, bin nicht so vorschnell mit meinem Urteil. Das hängt auch mit den Menschen zusammen, die mich virtuell umgeben. In der überwiegend links-intellektuellen Literaturcommunity musste ich mich erst zurechtfinden und habe am Anfang noch über einige Dinge geschmunzelt. Zum Beispiel über Männer, die sich als Feministen bezeichnen, über das kollektive Amazon-Bashing und die eine oder andere politische Haltung, die nicht meine ist.

Schmunzeln tue ich darüber schon lange nicht mehr. Auch wenn ich immer noch in vielen Punkten anderer Meinung bin, so habe ich doch angefangen, mein eigenes Verhalten verstärkt zu hinterfragen. Bei Amazon kaufe ich zwar immer noch, aber keine Bücher mehr. Auch bin ich wesentlich sensibler gegenüber dem alltäglichen Sexismus geworden, obwohl aus mir niemals mehr ein Feminist werden wird. Aber das alles hat mich vor der typischen Halsstarrigkeit alter Männer bewahrt, und das freut mich sehr.

Der Sturm der Zeit fegt über mich hinweg und rüttelt an allem, was nicht fest in mir gründet. Vieles sehe ich davonfliegen und weiß, dass ich es nicht vermissen werde. Ich frage mich, ob im Leben weniger nicht mehr sein könnte, alles etwas leichter und damit vielleicht auch etwas besser. Und dann denke ich an Zuhause, die vielen Bücher, die da auf mich warten und all die Texte, die ich darüber noch schreiben will. Weniger von allem – vielleicht. Aber auf keinen Fall weniger Bücher.

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Foto: Gabriele Luger

 

Frankfurter Tanz

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Die Buchmesse steckt mir immer noch in den Knochen. Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen und all das, was alten Männer blüht, die ihre Grenzen nicht kennen. Die in drei Tagen mehr reden, mehr laufen und mehr saufen, als sonst in einem ganzen Monat. Die darüber aber nicht weiter nachdenken und erst recht nicht reden wollen und es im nächsten Jahr wieder genauso machen werden.

Von den skandalösen politischen Auseinandersetzungen habe ich, wie so viele andere auch, Null mitbekommen und finde es total frustrierend, dass die wenigen unschönen Ereignisse scheinbar das sind, was von dieser Buchmesse in Erinnerung bleiben wird. Die sendungsbewussten Linken in meiner Filterblase posten und teilen schlaue Kommentare zur Lage der Nation, alle anderen befinden sich in einer Art Schockstarre und fragen sich, ob ein launiger Messerückblick jetzt angemessen ist oder nicht.

Ich habe auch noch so einen Bericht, und er wird nicht besser, wenn er noch länger in der Schublade ruht. Also bitte lest hier das, was mir auf der #fbm17 aufgefallen ist, was mir gefallen und weniger gefallen hat, wie es um die Literatur in Deutschland steht und welche Rolle wir Blogger*innen dabei spielen. Meine Meinung zum politischen Beef habe ich im Bild gestickert.

Messenächte

„Komm, lass uns abhauen, ich will tanzen“ sagt Vera und schaut mich unternehmungslustig an. Seit zwei Stunden schon stehen wir inmitten einer Schar illustrer Gäste auf einer Verlagsparty im Frankfurter Villenviertel und fühlen uns einerseits geehrt dabei zu sein, andererseits auch ein wenig fehl am Platze. Die Highlights bisher: eine halbe Stunde Lesung auf Französisch, Bier nur auf Nachfrage und ein Buchpreisgewinner, der sich in der Schlange am Buffet dreist vordrängelt. Ich höre auf, Michel Friedman und Matthias Matussek anzustarren und blicke auf die Uhr. „Halb elf. Ja, lass uns zu Hanser fahren“.

In Mantis Roofgarden treffen wir dann mehr von unsereins und fühlen uns gleich deutlich wohler. Unsere Gastgeberin Frauke hat ein tolles Kleid an und riecht sehr gut nach irgendwas Teurem von Chanel. Um 24.00 Uhr wird gesungen und Sekt getrunken, denn Vera hat Geburtstag. Danach geht es auf die Tanzfläche mit dem besten Mix der 90er. Die Musik geht eigentlich gar nicht, aber egal, es ist Buchmesse. Um drei Uhr ziehe ich die Notbremse und fahre im Taxi zu meiner Rödelheimer Absteige.

Messetage

Am nächsten Morgen ist die Freude groß, dass ich es nicht übertrieben habe. Mit kaum Kopfschmerzen, festem Schritt und einer freundlichen Grundstimmung betrete ich um 10.00 Uhr Halle 3. Die Termine bei den Verlagen hat Mareike gemacht, und ich darf mitkommen. Einige freuen sich, mich auch mal kennenzulernen, andere weniger. Mein Blogger-Relations-Verlagsranking ist scheinbar nicht überall gut angekommen, besonders bei denen, die nicht so gut abgeschnitten haben. Ich argumentiere, das locker zu sehen und als Ansporn zu begreifen, aber das macht es nicht unbedingt besser. Wesentlich entspannter sind die Termine dann bei den besser platzierten Verlagen.

Arroganzanfall 

Sinn und Zweck so einer Buchmesse ist es natürlich auch, neue Kontakte zu knüpfen. So hatte ich mir vorgenommen, mal bei den Österreichern von Jung & Jung vorbeizuschauen, weil mich der Verlag generell interessiert und ich im Vorfeld einige interessante Neuerscheinung dort gesehen hatte. Ich gehe also an den Stand und frage eine Frau vom Standpersonal, ob sie denn auch mit Bloggern zusammenarbeiten würden. „Kommt drauf an“, lautet die schnippische Antwort. „Ach ja, und worauf?“ frage ich und ahne schon Fürchterliches. Und dann bricht es aus ihr heraus: „Wir legen Wert auf ein gewisses Niveau bei Buchbesprechungen, und da sind wir von Bloggern bisher immer enttäuscht worden“. Ich habe dann weiter nachgefragt und festgestellt, dass es ganz konkret um eine Rezension einer Buchpreisbloggerin zu einem Shortlist-Titel vom letzten Jahr ging, die dem Verlag wohl nicht behagt hat. Ich habe die besagte Rezension vor ein paar Tagen noch mal nachgelesen. Ein Verriss, ja, aber sehr gut begründet und ohne eine einzige Niveaulosigkeit. Niveaulos finde ich dagegen die Reaktion von Jung & Jung, die damit als Neueinsteiger in meinem persönlichen Blogger-Relations-Ranking auf Anhieb den letzten Platz einnehmen. Herzlichen Glückwunsch.

Spontane Sympathie

Ganz anders erging es mir am Stand von Weissbooks.w. Durch die Longlist-Nominierung von Christoph Hötherks Roman „Das Jahr der Frauen“ bin ich auf diesen mir bis dato komplett unbekannten Frankfurter-Indie-Verlag aufmerksam geworden. Ich blätterte am Stand in ein paar Bücher rein und wurde von der Verlegerin sofort angesprochen. Es ergab sich ein sehr inspirierendes Gespräch und nach zwanzig Minuten habe ich den Stand als leidenschaftlicher weissbooks-Fan verlassen. So geht das, liebe Österreicher.

Sonstiges

Und dann waren da noch der Buchblog-Award, diverse Blogger-Stuhlkreise und natürlich der Kickoff für die zweite Blogbuster-Staffel. Nicht anwesend und schmerzlich vermisst wurden Tilman, Ilja und Sophie und noch einige andere der üblichen Verdächtigen. Unübersehbar dagegen ein Typ Namens ‚literarischer Nerd‘, von dem ich zum ersten Mal gehört habe, der aber schon als Newcomer des Jahres die Messe rockte.

Ach ja, und wie steht es nun um die Literatur in Deutschland? Keine Ahnung, davon habe ich in Frankfurt nicht so viel mitbekommen.

Longlistlesen für den Blogbuster

 

Es tut mir leid, aber ich kann grad nicht – weder reden, noch schreiben. Bin nur noch am lesen, mache kaum noch etwas anderes. Ich lese DIN A4 Ausdrucke, ich lese PDFs auf dem Reader, ich lese in der Bahn, im Flugzeug, ich lese im Bett und am Frühstückstisch. Ich lese bis mir die Augen tränen, bis die Wörter und Buchstaben verschwimmen. So viel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gelesen.

Normalerweise sind es drei oder vier Bücher im Monat, jetzt sind es vierzehn. Bücher, die streng genommen noch gar keine sind. Die es erst noch werden sollen. Mit ein wenig Glück und meinem Zutun. Was mir gefällt, bekommt meine Stimme. Ist zwar nur eine von fünf, aber immerhin. Kommt es zum Patt, dann entscheidet diese eine fünfte Stimme; entscheidet über hop oder top. Ob aus einem Word-Dokument, aus einem Haufen bedruckten Papiers ein richtiges Buch wird. Von DIN A4 zu DIN A5. Nicht irgendwann mal, sondern noch in diesem Jahr. Kein Paperback, sondern Hardcover. Ein Buch aus guten Hause; eines, das man im Buchladen kaufen, als Geschenk verpacken und unter den Weihnachtsbaum legen kann. Ein Buch, über das man einmal sagen wird, dass es das erste war, das diesen Preis gewonnen hat.

Oh, Mann. Das ist ganz schön krass. Ich kann noch gar nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert. Dass es tatsächlich funktioniert hat, der Plan aufgegangen ist. Mein Baby. Knapp neun Monate bin ich damit schwanger gegangen. In Frankfurt dann die Zangengeburt und seitdem schreit es aus vollem Hals, hat ständig Hunger, quengelt und will auf den Arm. Aber es wächst und gedeiht und entwickelt sich prächtig. Noch stehen viele Prüfungen und Bewährungsproben an, aber auch das werden wir schaffen. Jetzt erstmal Longlist-Krabbelgruppe, bevor im Herbst dann schon die Einschulung im Buchhandel ansteht.

Ich lese und lese und lasse mich fallen. Die Luft schmeckt nach Plastik, es riecht nach Frauen, die schweres Parfüm und Hüte tragen. In der Taiga heulen die Wölfe, eine Familie sitzt im Garten und hat Hunger. Im Nebenhaus wird ein schwarzes Loch installiert. Das alles spürt und erlebt man beim Lesen der Longlist-Romane. Und obwohl es anstrengend ist, macht es mir richtig Spaß. Tolle Plots, interessante Charaktere, experimentell, emotional, humorvoll, spannend. Da ist für jeden etwas dabei. Und alles auf einem wirklich hohen Niveau. Ich kann gar nicht glauben, dass diese Romane noch keinen Verlag gefunden haben. Da kommen jedes Jahr tausende von Büchern auf den Markt und trotzdem ist da noch so viel Unentdecktes, so viel Talent, so viel Potenzial.

Klar entdeckt man hier und da noch ein paar Rechtschreibfehler, Ungereimtheiten und Längen. Aber ich hätte mit deutlich mehr gerechnet. Da haben die Blogger-Kollegen schon eine richtig gute Auswahl getroffen. Und das ist auch ein Punkt, der mich glücklich macht. Dass wir Blogger hier mal wieder gezeigt haben, dass wir Ahnung haben, dass wir gute Literatur nicht nur bewerten, sondern auch entdecken können. Ich lese die Manuskripte und ich sehe dabei den Blogger, die Bloggerin vor mir und glaube zu wissen, warum sie sich gerade für dieses Manuskript, diesen Autor entschieden haben. Die Paarungen sind manchmal naheliegend, manchmal verblüffend aber immer interessant. Ich bin gespannt, ob sich vielleicht sogar Freundschaften daraus ergeben.

Mehr kann ich angesichts des noch laufenden Verfahrens nicht dazu sagen. Ich bitte um Verständnis, dass es hier auch in den nächsten Wochen nicht viel Neues zu lesen geben wird. Aber dafür findet sich auf der Blogbuster-Seite jede Menge von dem, was mich gerade so fasziniert: Leseproben, Interviews und Blogbeiträge rund um die Longlist-Autorinnen und Autoren unseres außergewöhnlichen Experiments.

Bloggerfreie Zone

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Auf der Frankfurter Buchmesse konnte man den Wandel hin zu einem neuen Bedeutungshoch deutlich spüren. Die geballte Wertschätzungsoffensive der Verlage – Einladungen zu Pizza und Partys, exklusive Treffen und Lesungen mit Autoren sowie jede Menge Goodie-Bags. Überall zustimmendes Nicken zur wachsenden Bedeutung digitaler Literaturvermittlung und allenthalben Einigkeit, dass die Zukunft den Blogs gehört.

Wirklich allenthalben und überall auf der Messe? Nein, ein von scheinbar unbeugsamen Offlinern bewirtschafteter Stand in Halle 3.1 hört nicht auf, den digitalen Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Literaturblogger, die als Besatzung in den befestigten Lagern ihrer Blogs leben und immer wieder versuchen, diese letzte Bastion zu erobern. Auch ich habe es in Frankfurt noch einmal versucht, bin zum Messestand und habe mich an eine nette Dame am Info-Counter gewendet.

Ich: „Guten Tag, können Sie mir sagen, wer bei Ihnen im Verlag für Blogger zuständig ist?“

Die nette Dame am Info-Counter: „Das ist die Presseabteilung“.

Ich: „Ich bin Blogger. Ich hätte gerne mal mit jemandem aus der Abteilung gesprochen“.

Dame am Info-Counter: „Das ist grad schlecht, die sind alle im Gespräch“.

Ich: „Kein Problem, dann komme ich später noch mal wieder. An wen kann ich mich dann wenden?“

Am Info-Counter: „Das kann ich Ihnen nicht sagen“.

Ich: „Warum nicht?“

Info-Counter: „Schauen sie doch bitte auf unserer Webseite nach. Da stehen alle Ansprechpartner“.

Ich: „Da habe ich schon geguckt und keinen Namen gefunden. Nur eine allgemeine Mailadresse, um Rezensionsexemplare zu bestellen“.

Counter: „Ja, genau. Schreiben sie da einfach eine Mail hin, wir melden uns dann“.

Ich: „Aber ich bin doch jetzt hier, es dauert auch wirklich nicht lang“.

Sie: „Tut mir wirklich leid“.

Sagt es, schenkt mir ein bittersüßes Lächeln und wendet sich dem Nächsten zu. Ok, das war jetzt deutlich, die wollen anscheinend keinen direkten Blogger-Kontakt. Muss ja auch nicht sein, ist schließlich auch eine Art, sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Der Messestand als bloggerfreie Zone. Wenn dort nicht einige meiner Lieblingsautoren unter Vertrag wären, wäre es mir das ja egal. Aber so?

Kopfschüttelnd schaue ich mich noch ein wenig auf dem Stand um, erblicke den smarten Shortlist-Autor aus Österreich und mehrere Regale mit einem einzigen, auffallend roten Buch, anscheinend der Top Neuerscheinung des Verlages in diesem Herbst. Und als ich den reißerischen Titel „Ich hasse dieses Internet“ lese, wird mir auf einmal alles klar.

Foto: Gabriele Luger

 

Blogger gehen auf Talentsuche

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Ich bin stolz. Denn eine Idee, an der ich mit einigen anderen Bloggern seit knapp einem halben Jahr herumlaboriere, hat Gestalt angenommen und erblickt heute das Licht der Online-Welt. Darf ich vorstellen? Blogbuster – der Preis der Literaturblogger.

Die Idee erinnert ein wenig an die einschlägigen TV-Castingshows, nur diesmal geht es nicht um Gesang oder gutes Aussehen, sondern um eine gute Schreibe. 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potenzial des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Fachjury vorgestellt. Neben dem Jury-Vorsitzenden Denis Scheck entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar und Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse über den Blogbuster-Gewinner. Ich sitze als Initiator der Aktion auch mit in der Fachjury.

Es wurde in der Vergangenheit ja viel über Literaturblogs berichtet. Die Berichterstattung war nicht selten etwas abfällig und der Tenor prinzipiell immer gleich: Es gibt Blogger, die schreiben in ihrer Freizeit mehr oder weniger subjektiv und selten kenntnisreich über Unterhaltungsliteratur. Jetzt zeigen wir, dass es viele anspruchsvolle Blogs gibt, die nicht nur Literatur gut vermitteln, sondern auch gute Literatur entdecken können. Obendrein wollten wir mit Blogbuster keine Blogger-Version bestehender Literaturpreise schaffen, sondern etwas Eigenständiges auf die Beine stellen, was dem Charme und Spirit von Blogs entspricht. Interessant an dem Wettbewerb ist auch der Aspekt, dass erstmals engagierte Leser bestimmen können, was sie gerne lesen würden. Und zwar noch bevor es gedruckt im Buchladen liegt.

An dem Experiment Blogbuster sind 15 qualitativ hochwertige und reichweitenstarke Literaturblogs beteiligt. Der Wettbewerb startet am 21.10. mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Weitere Informationen unter: Blogbuster-Preis.de

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Auftaktveranstaltung und Pressekonferenz
am 21.10.2016, 16.00 Uhr
Frankfurter Buchmesse, Orbanism Space, Halle 4.1, D88
mit Elisabeth Ruge, Tom Kraushaar, Lars Birken Bertsch und Denis Scheck und mir.

Es geht schon wieder los

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Nach dem Buchpreis ist vor dem Buchpreis / Die Buchpreisblogger sind wieder da

Im letzten Jahr wagte der Deutsche Buchpreis, dieses alljährlich stattfindende, hochkulturelle Literaturspektakel, mal ein Experiment. Man öffnete sich der Welt jenseits des Literaturbetriebs und erlaubte einer Gruppe leselustiger Laien, die in ihrer Freizeit so einen Internet-Blog betreiben, sich mit der Longlist auseinanderzusetzen. Prinzipiell kann das ja jeder machen, der über zu viel Freizeit verfügt, aber bei den Buchpreisbloggern handelte es sich um um eine von ganz oben offiziell geduldete und mit Leseexemplaren unterstütze Aktion.

Und siehe da, das war gar nicht peinlich. Da kamen ein paar ganz brauchbare Sachen raus, und es gab jede Menge Traffic im Internet. Das Feuilleton und die Buchbranche betrachtete das Experiment mit wohlwollendem Kopfnicken und berichtete hier und da. Auch für das etwas verstaubte Image des wichtigsten deutschen Literaturpreises war die Aktion nicht schlecht. Man zeigte sich tolerant und aufgeschlossen und hat sich zeitgemäß positioniert. Internet – das können wir. Und das Beste daran war: Das alles hat so gut wie gar nichts gekostet. Also stand schnell fest, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und da Literaturblogger mit kostenlosen Leseexemplaren und ein paar geteilten, reichweitenstarken Facebook-Posts leicht zu ködern sind, gehen auch in diesem Jahr wieder sechs Buchpreisblogger an den Start und stellen sich dem literarischen Abenteuer Longlist. Diesmal ist mit Herbert Griestop auch einer dieser sogenannten Vlogger (Video-Blogger) mit im Team. „Herbert liest“ heißt sein vielbeachteter Vlog und YouTube-Kanal. Ach ja, und ganz besonders freut mich, dass auch das Buchrevier wieder mit dabei sein darf.

Hier die sechs Buchpreisblogger 2016:

Wenn die Longlist mit den zwanzig nominierten Titeln am 23. August verkündet wird, geht es los. Dann werden wir wieder Seiten fressen, lesen, diskutieren, bloggen, vloggen, eine Blogger-Shortlist-Empfehlungsliste aufstellen und dem großen Finale am 17. Oktober in Frankfurt entgegenfiebern. Ein besonderes Highlight im Rahmen dieses Projektes ist für mich die Einladung zum Goethe-Institut nach Kopenhagen, wo ich im Oktober zusammen mit Sophie Weigand die sechs Shortlist-Titel vorstellen werde.

Alle, denen ich davon erzähle, fragen mich immer, wie ich das nur schaffe, die ganzen vielen Bücher zu lesen und dann noch darüber zu schreiben, alles neben dem ganz normalen Job. Aber für mich ist das keine Arbeit. Ich mache das gerne, ich schlafe in der Zeit einfach ein bisschen weniger und vernachlässige meine Frau, meine Kinder und Freunde. Dann klappt das schon irgendwie.

Titelfoto: Gabriele Luger
Buchpreisblogger-Llogo: Jochen Kienbaum

 

Leibsch, my Love

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Düsseldorf Flughafen, es ist kurz vor sieben Uhr in der Früh. An der Sicherheitskontrolle lange Schlangen. Eine Armee von geschäftig dreinschauenden Businesstypen auf dem Weg zum ersten Tomatensaft des Tages. An meinem Gate dann ein etwas anderes Bild. Da sitzen deutlich mehr Frauen als Männer und ich weiß sofort: Hier bin ich richtig für den Flieger zur Leipziger Buchmesse.

Ich fange Blicke auf. Was guckt die Frau mich so an? Kennt die mich? Kenne ich sie? Soll ich sie einfach mal fragen? Denn es ist schon auffällig, wie die guckt. Dann plötzlich erkenne ich sie. Eine Debütautorin aus dem letzten Jahr. Sie war damals Teil des Shitstorms zum Thema Autorenfotos. Jetzt ist alles klar. Sie mag mich nicht, deswegen guckt die so.

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In Leipzig angekommen, noch am Flughafen, schon wieder Blicke. Wieder ein Autor, aber dieser hier mag mich und winkt mir freundlich zu. Ich mag ihn auch und winke fröhlich zurück. Wir fahren gemeinsam zu Messe, checken ein und sofort ist da wieder dieses Wohnzimmergefühl – die große sonnendurchflutete Glashalle, die Treppe mit dem Logo, die Mangas. Zum vierten Mal bin ich jetzt hier – ich kenne mich aus, fühle mich wohl, habe viel vor. Und hepp!

Diesmal habe ich den Büchermenschen hier auch etwas zu erzählen. Auf meinem iPad ist die Präsentation für ein ambitioniertes Blog-Projekt. Noch kann ich über Projekt X nicht viel verraten – nur so viel sei gesagt: Es kam bei den Verlagen und Bloggern super gut an. Das hat mich froh und beschwingt durch die Hallen schreiten lassen. Meine iPhone-App hat am ersten Tag 17.000 Schritte gezählt, am zweiten 16.000 und am dritten Tag waren es noch 13.000. Ja, ich war drei volle Tage da. Für meinen Geschmack ist das genau richtig. Nicht zu kurz und nicht zu lang.IMG_7226

 

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Drei Tage voller Begegnungen mit wirklich tollen Menschen. Da war zum Beispiel diese kleine, zerbrechlich wirkende Autorin, die den Debütroman des Jahres geschrieben hat und sympathisch lächelnd zuerst einem ZDF-Kamerateam und dann mir Rede und Antwort stand. Oder Mr.Charming schlechthin, auflagenstarker Megastar des Diogenes-Verlages, den ich aus Prinzip nicht mögen wollte, der mich aber nach zwei Minuten zum Fan gecharmed hat. Und dann war da noch mein Lieblings-Buchmesse-Mensch. Auch Blogger, auch mit einer nagelneuen Carhartt-Jeans, die alles blau färbt, wo auch immer man sich niederlässt, aber fast zwei Köpfe größer als ich und mit einer wesentlich schöneren Singstimme. Wir haben uns eine Wohnung geteilt, die eigentlich Stanley,  einem gutaussehenden Musiker mit einer noch schöneren Singstimme gehörte. Zum Frühstück gab es ein Snickers und einen Müsliriegel – brüderlich geteilt. Abends dann den super Leipzig-Döner mit frittiertem Käse.

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IMG_7301Die ganzen drei Messetage war ich in Sachen Projekt X unterwegs. Vom aktuellen Frühjahrsprogramm und dem Ausblick auf den Herbst habe ich nur am Rande etwas erfahren. Im Messerucksack waren dann am Ende auch nur zwei Bücher. Eines davon habe ich bereits als Lektüre zur Messe mitgebracht, das andere habe ich unserem Vermieter geschenkt. Die Verlage haben aber versprochen, mir ein paar Titel zuzuschicken – sie wissen ja mittlerweile, was ich mag.

Nachts ging es dann auf die Verlagspartys. Im Gegensatz zu Frankfurt musste man nicht auf einer Gästeliste stehen, kam überall locker rein, musste dafür aber sein Bier selbst bezahlen. Neben den Taxikosten war das der größte Kostenfaktor. Auf diesen Partys kann man so einiges erfahren. Ich weiß jetzt, mit wem Ronja von Rönne Händchen hält, dass Benedict Wells beim Schreiben wie ich auch Interpol hört und dass Leander Wattig keinen Schlaf braucht.

Und zwischen all diesen Stationen ist da diese Stadt. Mit ihren schönen Gebäuden, mit den großen Kreuzungen, den vollgestopften Straßenbahnen und Taxifahrern mit diesem derben Akzent. Ich bin verliebt in diese Stadt um diese Zeit. Und nächstes Jahr bin ich wieder da. Versprochen.

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Happy Birthday Buchrevier

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Allein im Auto auf der A3, von Heppenheim nach Hause. Es ist dunkel, kein Stau, ich fahre so dahin, denke nach. Ein Jahr mache ich das jetzt also schon. Oder besser gesagt: ein Jahr erst. Mir scheint es so viel länger, so viel besser, so ganz anders als all die Jahre zuvor. Da ist etwas ganz schnell groß geworden, hat sich Raum genommen, Zeit gestohlen, Abläufe verändert. Happy Birthday Buchrevier.

So viele Jahre habe ich schon passieren sehen. An die meisten kann ich mich kaum noch erinnern. Aber für alle gilt, es war nie wirklich leicht. Richtig unbeschwert und beschwingt bin ich noch nie durchs Leben gegangen. Oft stand ich mir selbst im Weg. Hier ein paar Talente, da zahlreiche Defizite. Was die eine Hand aufgebaut hat, hat die andere wieder eingerissen. Irgendwann habe ich gelernt, dass Ungleichgewicht keine schlechte Strategie ist. Man muss nur mehr aufbauen als einreißen und schon geht es voran. Das habe ich auch im letzten Jahr so gemacht. Und siehe da, es war auf einmal ganz leicht.

Ich weiß nicht, ob man es Talent nennen kann. Ich weiß nur, dass ich nichts so gerne mache wie schreiben. Die Wörter sind da irgendwo in mir. Ich weiß ganz genau, ich kann das ausdrücken, kann das rund machen, meine Leseerlebnisse wiedergeben. Wenn ich mich bemühe, dann gelingt es mir, Gefühle in Wörter zu transferieren, so dass andere teilhaben können. Nicht immer und jederzeit, aber prinzipiell schon. Ich sitze zwanzig Minuten vor einem leeren Bildschirm und auf einmal sprudelt es. Und wenn ich es dann durchlese und meine, dass es gut ist, die richtigen Wörter, die richtigen Sätze dort stehen, dann bin ich glücklich.

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Gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt ist die Welt kein guter Ort. Mir geht es zwar ganz ok, aber so vielen anderen nicht. Hass, Verblendung, Ängste und Vorurteile nehmen uns die Luft zu atmen, lassen alles in einem anderen Licht erscheinen. Ich finde es bewundernswert, wenn Menschen sich dem stellen und versuchen, das Rad zu drehen. Mir fehlt dazu die Kraft, die Überzeugung und auch die Hoffnung. Ich tauche weg, ich entschwinde in andere Welten, stecke meinen Kopf zwischen zwei Buchdeckel, beschäftige mich mit Problemen, die irgendwann auf Seite 450 ein Ende finden. Nur so kann ich das alles ertragen. Das ist keine Lösung, aber ein großer Trost. Und da sind sie wieder – die Defizite.

Dass ich das zugeben kann, mir und Außenstehenden kein X für ein U vormache, ist einer der wenigen Vorteile des Älterwerdens. Mit fünfzig hat man seinen Frieden mit sich und seinen Defiziten gemacht. Ich bin gelassener geworden, muss niemandem mehr etwas beweisen. Wem nicht gefällt, was ich so schreibe, der braucht das ja nicht zu lesen. Wenn alles kann und nichts muss, passiert bekanntlich mehr als geplant. Mit Buchrevier habe ich in den vergangenen zwölf Monaten weit mehr erreicht, als ich mir jemals vorgenommen habe. Ob Bloggerpate bei der Leipziger Buchmesse, Rezensent beim Literaturradio oder Buchpreisblogger – alles flog mir irgendwie so zu und hat dafür gesorgt, dass Buchrevier von Tag zu Tag bekannter wurde.

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Nicht verschweigen möchte ich eine Sache, die mir auch mehr oder weniger zugeflogen ist. Und zwar aus heiterem Himmel wie Vogelscheiße mitten ins Gesicht. Es war kein Aprilscherz, als am 1. April ein ganz bestimmter Artikel auf Buchrevier auf einmal über zweitausendmal angeklickt wurde. Es hat etwas gedauert, bis ich realisierte, dass ich mich mitten in einem veritablen Shitstorm befand. Wenn ein gendertechnisch nicht ganz so korrekter Text von den richtigen Leuten verlinkt und entsprechend anmoderiert wird, gehen die Zugriffszahlen durch die Decke und man ist auch auf einen Schlag bekannt, aber so wie man es nie sein wollte. Eine einschneidende Erfahrung, die ich aber rückblickend nicht missen möchte. Denn ich habe dadurch sehr viel über die Macht des Internets am eigenen Leib erfahren. Wie rasend schnell sich Dinge verbreiten, wie einem Worte im Munde herumgedreht werden, wie hemmungslos sich manche Menschen auf ihr Opfer stürzen, wie wenig Kinderstube selbst augenscheinlich gebildete Menschen haben, wie einen das alles, obwohl es ja nur virtuell ist, doch nachhaltig verletzten kann. Ich habe gelernt, dass man zwar alles denken kann, aber nicht alles schreiben sollte, mit bestimmten Themen lieber nicht polarisiert und manche Diskussionen auch mit den besten Argumenten nicht gewinnen kann. Letztlich habe ich das Erlebnis unter „Erfahrungen“ verbucht. Aber vergessen habe ich es nicht.

An all das denke ich, während ich im Auto auf der A3 von Heppenheim nach Hause fahre. Zwölf unheimlich intensive Monate, in denen so unglaublich viel passiert ist. Und das, obwohl ich nicht viel mehr gemacht habe, als im Sessel zu sitzen und zu lesen. Happy Birthday Buchrevier.

Titelfoto: Gabriele Luger

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Blauer Samstag in Zimmer 406

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Es klopft. Ich öffne die Augen und erwache irgendwo im Nirgendwo. Es klopft noch einmal, und gleich darauf öffnet sich die Tür. Augenblicklich bin ich hellwach und schnelle in die Höhe. Ein kurzes „Entschuldigung“ und schon ist die Tür wieder zu. Erleichtert sinke ich zurück in die Federn und versuche mich zu erinnern. Ok, ich bin in Frankfurt, Buchmesse, dritter Morgen. Gestern Verlagsparty und definitiv ein paar Bier zu viel. Kurzer Blick durchs Zimmer. Ja, das auf dem Boden sind meine Klamotten, auch der Rucksack ist da und das iPhone liegt auf dem Nachttisch und lädt. So schlimm kann es also nicht gewesen sein. Auch wenn ich mich an die letzten Stunden kaum noch erinnern kann.

Ja, so ist das also. Ich hab´s ja schon tausendmal irgendwo gelesen. Buchmesse ist Party, ist Saufen, ist Aspirin. Und Buchrevier ist jetzt mittendrin statt nur dabei. Aber nur diese eine, letzte Nacht. Die anderen Abende war ich diszipliniert und bin früh in die Federn, damit ich am nächsten Tag klug und gewählt über Literatur parlieren konnte. Aber heute steht nichts mehr an, es geht zurück in die Heimat. Apropos – voller Schrecken schaue ich auf die Uhr. Gott sei Dank – es ist erst kurz nach 11.00 Uhr, das Hotel-Frühstück hab ich zwar verpasst, aber meinen Zug nach Hause noch nicht. Duschen, Koffer packen und raus auf die Straße. Die frische Luft tut mir gut. Ich gehe zu Fuß zum Bahnhof, Kopfhörer rein und mit dem neuen Foals-Album stellt sich Schritt für Schritt Ernüchterung ein.

Zeit für einen Blick zurück. Was waren das nur für intensive Tage. Ich hab es locker angehen lassen, mir gar nicht so viele Termine gemacht, wollte einfach schauen, mich treiben lassen und Lesungen verfolgen. Und das war genau richtig. Ich hatte Zeit, konnte mich in Ruhe unterhalten und unterhalten lassen. Ich habe meine Lieblingsverlage angesteuert, wurde erkannt und nett bewirtet. Ich habe neue Verlage kennengelernt, Autoren wie Rolf Lappert, Ruth Cerha und noch viele, viele andere gesehen. Und überall die Bloggerkollegen, unterwegs wie ich, in ihrem Element, glücklich, zufrieden, aufgekratzt.

Ich komme aus Frankfurt zurück mit einem Koffer voller Ideen, vielen Empfehlungen, Leseexemplaren und der Gewissheit, dass ich mit dem Projekt Buchrevier auf dem richtigen Weg bin. Ärgerlich ist nur, dass ich mein iPhone Ladekabel im Hotel vergessen habe. Aber irgendwas ist ja immer.

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Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Seit dem 20.August lesen sich sieben ausgewählte Literaturblogger durch die Longlist des Deutschen Buchpreises. 24 Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe der offiziellen Shortlist stellen die Buchpreisblogger jetzt ihre Favoriten für die Shortlist vor.

Zwei Frauen und vier Männer haben nach Ansicht der Literaturblogger gute Chancen am 12.Oktober für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet zu werden. Mit dabei sind die Autorinnen Gertraud Klemm mit Ihrem Roman „Aberland“ und Valerie Fritsch mit „Winters Garten“. Unter den männlichen Autoren haben es Peter Richter, Clemens J. Setz, Heinz Helle und Kai Weyand mit ihren nominierten Romanen auf die Blogger-Shortlist geschafft.

Ob die Favoriten von uns Bloggern es morgen auch auf die offizielle Jury-Shortlist des Buchpreises schaffen, bleibt abzuwarten.

 

Hier noch einmal unsere Shortlist-Favoriten im Überblick:

Valerie Fritsch, Winters Garten
Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen
Gertraud Klemm, Aberland
Peter Richter, 89/90
Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Kai Weyand, Applaus für Bronikowski

 

 

 

Buchrevier bloggt zum Deutschen Buchpreis

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Seit 11 Jahren gibt es ihn schon: den Deutschen Buchpreis. Verliehen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels für den besten Roman des Jahres. Jedes Jahr aufs Neue ist die Spannung groß. Es wird spekuliert, debattiert, moniert und am Ende wahlweise jubiliert oder lamentiert. In diesem Jahr wird es für mich noch interessanter, denn Buchrevier gehört mit zu den sieben ausgewählten Literaturbloggern, die den Deutschen Buchpreis kritisch begleiten dürfen.

Ich bin mächtig stolz, dass ich von den Organisatoren angefragt wurde und freue mich sehr über dieses Projekt. Neben Rezensionen zu den 20 Longlist-Titeln planen „Die Buchpreisblogger“ Diskussionen zum Wettbewerb und einzelnen Romanen, Interviews, Audiobeiträge und eine eigene Blogger-Shortlist.

Und das sind die sieben Buchpreisblogger und ihre Blogs:

* Birgit Böllinger: Sätze&Schätze

* Simone Finkenwirth: Klappentexterin

* Mara Giese: Buzzaldrins Bücher

* Uwe Kalkowski: Kaffeehaussitzer

* Jochen Kienbaum: lustauflesen.de

* Jacqueline Masuck: masuko13

* Tobias Nazemi: buchrevier

Bereits in den kommenden Wochen stellen sich die Blogger auf der Facebook-Seite des Deutschen Buchpreises unter http://www.facebook.com/DeutscherBuchpreis vor. Gebloggt wird unter unter dem Hashtag #dbp15.

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Alle Beiträge auf den Blogs der Buchpreisblogger werden mit dem offiziellen Logo der Aktion „gebrandet“ (Logoentwurf: Jochen Kienbaum).

Richtig los geht es aber erst am 20. August. Dann wird die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 veröffentlicht. Bis dahin können auch wir nur spekulieren, wer es unter die Top 20 der besten Romane des Jahres schaffen wird. Die Preisverleihung findet am 12. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

Hier ein Beitrag auf Literaturradio Bayern über die Aktion:

Mein ganz persönlicher Welttag

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Der 23. April ist für mich schon immer ein ganz besonderer Tag gewesen. Früher gab es manchmal Schwarzwälder Kirschtorte oder Käsekuchen. Heute gibt es viele Anrufe und SMS, eine volle Timeline bei Facebook und einen Reminder bei Xing. Ich habe Geburtstag – immer am ‚Welttag des Buches’. Wenn das mal kein schöner Zufall ist, sagt meine Mutter immer: Du als Büchermensch!

Ja, das ist ein schöner Zufall. Ich hätte es auch schlechter treffen können. Nur ein Tag später und ich hätte am offiziellen „Würstchen im Schlafrock-Tag“-Geburtstag gehabt. Was machen eigentlich Menschen, die am 28.03. geboren wurden? Dem Welttag des Unkrauts. Wie gehen die so durchs Leben? Fühlen die sich manchmal wie ausgerupft, durchgeschuffelt, ungeliebt?

In meiner Klasse war damals ein Mädchen, die hatte auch am 23. April Geburtstag. Dagmar ist Buchhändlerin geworden. Zufall? Und ich mit meinem Buchrevier? Alles Zufall?

Es gibt Tage, da fühle ich mich wie ausgelesen. Eine Anthologie mit mittlerweile 50 Bänden. Die Jugendträume sind längst im Regal abgelegt und setzen Staub an. Aber ein paar davon sind immer noch auf dem SUB. Und der wird bei Büchermenschen ja bekanntlich nie kleiner. Gut so.

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Und da ich am ‚Welttag des Buches’ Geburtstag habe und bei dieser netten Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ mitmache, verlose ich heute ein Buch, und zwar „Die schwangere Witwe“ von Martin Amis. Eine laut Klappentext schonungslose Abrechnung mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution vom Bad Boy der englischen Literatur.

Wer dieses Buch gewinnen möchte, sollte diesen Beitrag liken oder kommentieren. Viel Glück !

Titelfoto: Gabriele Luger

Leipziger Allerlei

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Ich kannte mich eigentlich aus. Denn es war ja bereits meine dritte Leipziger Buchmesse. Aber trotzdem war diesmal alles anders als in den Jahren zuvor. Kein einsames und zielloses Lustwandeln durch die Hallen, kein entspanntes Lauschen von Lesungen und Autoreninterviews. Diesmal hatte ich zu tun. Ich hatte Termine, führte Interviews und wurde sogar selber interviewt. Ich war bei der Eröffnung im Gewandhaus und zur Verleihung des Buchpreises eingeladen, wurde bei Verlagen erwartet und traf in dem wilden Gewusel auf den Ständen und Gängen immer wieder auf bekannte Gesichter, die mich freundlich grüßten.

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Früher war ich einsamer Beobachter, jetzt auf einmal mittendrin im Literaturzirkus. Ich kann noch immer mein Glück kaum fassen. Innerhalb von nur fünf Monaten hat sich dieser Wandel vollzogen. Seit Mitte November ist Buchrevier erst online und bei nahezu allen mir wichtigen Leuten erstaunlicherweise schon bekannt wie ein bunter Hund. Ich komme auf Verlagsstände und will mein Sprüchlein aufsagen: „Ich habe einen Literaturblog und wollte mal fragen…“ da werde ich schon unterbrochen: „Ach Buchrevier, kenn ich, finde ich gut. Setzen Sie sich. Wollen Sie was trinken? Sie sind also der mit dem Hirschgeweih!“

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Ja, der bin ich dann wohl. Und ich muss sagen, ich bin es gerne. Ganz besonders, weil ich im Kreis der Literatur- und Buchblogger so herzlich aufgenommen wurde. Da war keine lange Anlaufzeit vonnöten. Da war sofort klar, wir mögen uns. Wir ticken zwar alle anders, haben aber die gleiche Leidenschaft. Wir sitzen abends stundenlang und lesen in Büchern. Und alle paar Tage sitzen wir dann abends stundenlang vor dem PC und schreiben was dazu auf. Wir beobachten, was die anderen so schreiben und kommentieren, liken, teilen. So unterschiedlich wir auch sind, wir machen eigentlich alle mehr oder weniger das Gleiche. Jeden Tag, immer wieder – das verbindet.

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Dass ich mit Buchrevier einer von 15 Bloggerpaten der Leipziger Buchmesse geworden bin, hat die positive Entwicklung meines Blogs natürlich noch einmal beschleunigt. Und obwohl mich das Projekt sehr viel Zeit gekostet hat, habe ich das alles sehr, sehr gerne gemacht. Mein Leben ist in vieler Hinsicht reicher geworden. Ich habe meiner Literatur-Leidenschaft eine Struktur und ein Ziel gegeben. Ich treffe auf Menschen, mit denen ich darüber reden kann. Wie zum Beispiel mit Verlegerlegende Joachim Unseld, der mich am FVA-Stand einfach so angesprochen hat. Oder Julia Wolf, der jungen hoffnungsvollen Autorin, mit der ich ein Interview über ihr Romandebüt führen konnte.

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Aber das größte Glück und zugleich schönste Geschenk ist für mich die Wiederentdeckung der Lyrik gewesen. Als mein „Patenkind“ Jan Wagner vom Nominierten zum Preisträger aufstieg, schossen mir Freudentränen in die Augen und ich wandelte den Rest des Tages wie auf Wolken. Dass er mir Tags drauf das Du angeboten hat und meinte, wir bleiben in Kontakt, macht mich stolz und glücklich.

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Verlosung: Signiertes Exemplar von Regentonnenvariationen

Von all dem Glück möchte ich ein klein wenig zurückgeben und ein von Jan Wagner signiertes Exemplar von Regentonnenvariationen verlosen. Wer sich dafür interessiert, muss einfach nur im Kommentarfeld eine Strophe zu dem folgenden Gedichtanfang hinzufügen:

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sensation

den preis gewonnen, lob gehudelt
erstaunen überall
sein name wird jetzt stark gegoogelt
berühmt von knall auf fall.

Teilnahmebedingungen:
Die Strophe mit den meisten Likes bekommt das Buch. Gepostet werden kann nur hier im Blog im Kommentarfeld, nicht bei Facebook und Twitter. Teilnahmeschluss: 19.03.2015, 24.00 Uhr. Der Rechtsweg ist natürlich vollkommen ausgeschlossen.

Reset in Sachen Lyrik

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Aus gegebenem Anlass wird es Zeit, meine Haltung zum Thema Gedichte zu überdenken. Denn ich bin am Freitag Patenonkel eines Lyrikers geworden. Er heißt Jan Wagner, ist 1971 geboren und steht mit seinem neuen Gedichtband Regentonnenvariationen auf der Shortlist des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse.

Als offizieller Bloggerpate der Leipziger Buchmesse habe ich die Ehre, Jan Wagners Buch zu besprechen und ihn auf seinem Weg zum diesjährigen mutmaßlichen Preisträger ‚social-medial’ zu begleiten. Eine schöne, eine reizvolle aber auch eine nicht ganz leichte Aufgabe. Denn zunächst muss ich mich von ein paar alten Vorurteilen befreien. Die da lauten: Gedichte lesen nur jugendliche Weltverbesserer, unglücklich Verliebte und Arzt-Gattinnen ab 50. Ganz so aus der Luft gegriffen ist das nicht, denn die Zeit, als ich Gedichte gelesen habe, war auch ich ein jugendlicher Weltverbesserer und zugleich mehrmals unglücklich verliebt. Aber Mitte Zwanzig spielten Gedichte eigentlich keine Rolle mehr in meinem Leben. Bertold Brecht, Charles Baudelaire, Gottfried Benn und die lasterhaften Balladen des Francois Villon – mehr gibt mein Bücherregal an Lyrik nicht her. Aber immerhin, so ganz unbeleckt bin ich nicht.

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Trotzdem, um den Lyriker Jan Wagner angemessen würdigen zu können, habe ich in meinem Kopf die Reset-Taste gedrückt. Alles in Sachen Lyrik wieder auf Anfang. Keine Ressentiments, kein Gekicher und Augenrollen mehr bei gefühlvollen Formulierungen. Denn eigentlich passt die literarische Kurzform ja wunderbar in die Zeit. Wer hat denn noch Muße für lange Romane? Kurztext-Dienste wie WhatsApp und Twitter dominieren die Alltagskommunikation. Auch HipHop und deutscher Rap haben hin und wieder durchaus literarisches Potential. Aber damit hat Jan Wager überhaupt nichts zu tun. Das merkt man gleich, wenn man durch seine Regentonnenvariationen blättert. Er ist alles nur kein Pop-Lyriker (das sieht man schon am Buchcover – ohne Gitarre).

Das Buch kam gestern hier an und ich hab´s schon durch. 57 Gedichte auf knapp 100 großzügig formatierten Seiten, dafür braucht ein geübter Romanleser gerade mal eine halbe Stunde. Aber auch hier musste ich die Reset-Taste drücken. Denn Gedichte liest man anders. Aber wie? Kurz musste ich den Impuls unterdrücken, das Buch aufs Klo zu legen, für die erbaulich-verdauliche 3-Minuten-Lektüre. Aber natürlich hab ich das nicht gemacht. Ich bin auch kein großer Vorleser. Trotzdem, Jan Wagners Gedichte kommen gut, wenn Sie man sie vorliest. Es macht mir sogar richtig Spaß. Aber auch das muss ich noch üben.

Kurzum, es steht mir eine sehr interessante Reise bevor. Ich freue mich darauf, die Welt der Lyrik neu zu entdecken. Und dass da noch sehr viel auf mich wartet, das hat mir der erste Schnelldurchlauf durch die Regentonnenvariationen bereits gezeigt.

Ach ja und auf dem Holzweg ist,
der da denkt, das wäre schon
die Rezension.
Die folgt erst noch, nachdem ich gelernt,
wie mir ein Gedicht das Herz erwärmt.

…oder so ähnlich. 😉

Foto Jan Wagner © Villa Massimo Alberto Novelli

buchrevier unterstützt das ocelot

Einer der ambitioniertesten Buchläden der Republik, das ocelot in der Berliner Brunnenstraße, ist von der Pleite bedroht. in den letzten Tagen gab es in den sozialen Netzen eine beispiellose Solidaritätskampagne. Bei Facebook gibt es bereits 1400 Fans.

Auch ich will, dass das ocelot den Literaturfans erhalten bleibt und unterstütze daher diese Aktion. Unter jeder Rezension steht ab sofort ein Link zum Ocelot-Online Store, wo man das besprochene Buch versandkostenfrei bestellen kann. Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin.

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Ich drücke der sympathischen Hauptstadt-Buchhandlung die Daumen.