Achtung: Das ändert sich für Blogger in 2019

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Bei all den innerpolitischen Wirren, mit denen die Groko im letzten Jahr für Aufsehen gesorgt hat, ist ein Thema in der Nachrichtenflut scheinbar untergegangen. Im November letzten Jahres wurde aufgrund eines Eilantrages von CDU/CSU und Grünen eine deutliche Verschärfung der Influencer-Gesetze beschlossen, die bereits seit dem ersten Januar 2019 gelten. Bei Verstößen drohen auch Buchbloggern saftige Strafen. Hier die wichtigsten Änderungen.

Namensnennung in Posts und Blogbeiträgen
Die strengen Auflagen der DSGVO zum Schutz persönlicher Daten ist jetzt auch auf literarische Erzeugnisse ausgeweitet worden. Konkret bedeutet dies, dass der Name eines Autors oder einer Autorin in Blogbeiträgen nicht mehr ohne vorherige Genehmigung des Betreffenden genannt werden darf. Liegt eine schriftliche Einwilligung des Künstlers nicht vor, darf nur der Romantitel mit den Namensplatzhaltern Erika Schreiber für weibliche und Horst Texter für männliche Autoren genannt werden. Gleiches soll ab 2020 auch für die namentliche Erwähnung von Romanfiguren in Blogbeiträgen gelten.

Neue Rezensionsbestimmungen
Ab diesem Jahr gelten auch strengere Rezensionsregeln. Die von der Stiftung zur Erhaltung der Literaturkritik ausgearbeiteten Auflagen sehen vor, dass Texte, die sich mit Literaturerzeugnissen auseinandersetzen, nur noch Rezension genannt werden dürfen, wenn sie keine klar erkennbare Leseempfehlung aussprechen und ausschließlich der intellektuellen Selbstbeweihräucherung des Rezensenten dienen. Texte mit Formulierungen wie „lest dieses Buch“ oder „mein Lesehighlight des Jahres“ dürfen in Zukunft nur noch als „Rezensionsersatz-Text“ oder „Billo-Büchertipp“ bezeichnet werden.

Kennzeichnung von Werbung
Bereits im letzten Jahr galt, dass Posts und Blogbeiträge als Anzeige gekennzeichnet werden müssen, wenn Namen oder Orte genannt werden. Diese Regelung gilt ab sofort auch für nicht digitale Formen der Einflussnahme. Blogger, Bookstagrammer und Booktuber müssen daher in Zukunft auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt gelbe Warnwesten mit der Aufschrift „bibliophiler Werbetreibender“ tragen. Die Warnwesten berechtigen den Träger zum Empfang von Leseexemplaren und die Benutzung des ÖPNV an allen Messetagen. Das Tragen der Warnwesten ist auch bei Besuchen im Buchhandel am sogenannten Indiebookday vorgeschrieben. Bei einer Nichtbeachtung droht Hausverbot.

Bezeichnungen
Die neue Gesetzgebung bringt zum Jahresbeginn auch Klarheit in die oftmals verwirrenden und nicht trennscharfen Begrifflichkeiten und Formen der digitalen Literaturvermittlung. „Blogger“ darf sich in Zukunft nur noch nennen, wer auch einen Blog betreibt. Influencer darf sich ein Blogger erst nennen, wenn er auch ein Instagram-Profil hat. Instagrammer ohne Blog gelten wiederrum erst ab 5.000 Followern als Influencer. Twitter und Facebook-Profile werden in der neuen Gesetzgebung nicht mehr berücksichtigt.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass sich der zuletzt unkontrolliert ausbreitende Markt unqualifizierter Online-Bewertungen durch die neue Gesetzgebung von alleine regulieren wird. Bis Verstöße gegen die neuen Bestimmungen tatsächlich geahndet werden, gilt eine Übergangsfrist von sechs Monaten. Spätestens zur Frankfurter Buchmesse im Herbst dürfte dann aber mit einem geballten Auftritt von bibliophilen Gelbwesten zu rechnen sein.  

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Foto: Gabriele Luger

 

 

Süßer die Bücher nie klingen

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Wer viel liest und älter wird, kommt früher oder später an einen Punkt, an dem die Augen, kaum merklich aber doch stetig, immer schlechter werden. Noch reichen die Fünf-Euro-Lesebrillen aus dem dm-Markt, aber irgendwann, so denkt man mit Schrecken, werde ich wie ein alter Opa vielleicht eine Lupe brauchen, und wenn das dann auch nicht mehr geht, dann, ja dann war es das wohl mit dem Lesen. Aus, fini, Feierabend.

Was wird dann aus meinen vielen Büchern? Ganz besonders aus all den ungelesenen, die ich hier horte und noch lesen will, wenn ich eines Tages in Rente gehe – zu einer Zeit, in der es vielleicht gar keine richtigen Bücher mehr gibt, sondern nur noch Dateien? Ja, und noch schlimmer: Was wird dann aus mir? Mir vorzustellen, dass ich irgendwann das nicht mehr machen kann, was seit Kindertagen die einzige Konstante in meinem Leben war – undenkbar. Was auch gerade passierte, in guten wie in schlechten Zeiten, die Freude am Lesen hat mich nie verlassen. Im Gegenteil, je älter ich wurde, desto mehr ist mir das Lesen zu einer Heimat geworden, eine Zuflucht, ein Ort, an dem ich immer willkommen war. Für andere ist Lesen ein schönes Hobby, für mich ist Lesen mein bester Freund.

Und ganz besonders jetzt, wenn ich nach vorne schaue und mir ausdenke, was mal sein wird, wenn morgens um sechs der Wecker nicht mehr klingelt. Wenn ich den ganzen lieben langen Tag tun und lassen kann, was auch immer ich will — gerade dann brauche ich diesen Freund. Die Vorstellung, im Alter nicht mehr lesen zu können, über Bücherrücken zu streichen und die Zeichen im Inneren nicht mehr entziffern zu können, stattdessen Stunde um Stunde aus dem Fenster zu starren, alle paar Minuten vor Langeweile wegzudämmern, das ist mein ganz persönlicher Albtraum.

Aber dazu wird es nicht kommen. Denn auch wenn ich in ein paar Jahren komplett erblinden sollte, was nicht passieren wird, aber wenn, dann wäre das weniger schlimm als befürchtet, denn ich habe in den letzten Wochen etwas für mich entdeckt, von dem ich zwar immer schon wusste, dass es das gibt, aber trotzdem nie richtig wahrgenommen habe. Und das sind Hörbücher.

Für einen älteren Herrn wie mich hat ein Buch nun mal Seiten aus Papier, einen festen Einband und passt ins Bücherregal. Alles andere ist Schnickschnack, der krampfhafte Versuch, Menschen, die nicht lesen, Literatur doch noch irgendwie näher bringen zu wollen. Im Grunde genommen nichts Anderes als eine Romanverfilmung, die ja meistens auch nicht mit dem gedruckten Original mithalten kann.

Hinzu kommt, dass ich das Vorlesen von Literatur, wie ich es auf unendlich vielen Autorenlesungen erlebt habe, eigentlich noch nie als richtig bereichernd empfunden habe. In den allermeisten Fällen musste ich kämpfen, nicht einzuschlafen. Meiner Erfahrung nach können nur ca. 80 Prozent der Autoren, die gut schreiben können, auch gut vorlesen. Eigentlich habe ich erst genau drei erlebt, die das können: Sasa Stanisic, Benjamin von Stuckrad-Barre und Aljosha Brell. Alle anderen lesen, wie auch ich lesen würde. Ganz passabel, sich und ab und zu verhaspelnd, an den falschen Stellen Luft holend, hin und wieder in einen monotonen Singsang abdriftend, irgendwann müde und unkonzentriert werdend.

Nicht so bei gut produzierten Hörbüchern. Das habe ich zu meinem Entzücken in den vergangenen Wochen feststellen können. Wenn der Verlag etwas Geld in die Hand nimmt und gute Sprecher engagiert, die ihr Handwerk beherrschen, die in der Lage sind, aus dem Text noch etwas mehr herauszuholen, als das, was man selber da hineinliest, dann ist der Literaturgenuss sogar noch gesteigert. Das feststellen zu dürfen war geradezu eine Offenbarung für mich.

Seither höre ich neben dem Buch, das ich gerade lese — also klassisch, auf Papier — parallel auch jeden Tag noch ein Hörbuch. Wenn ich unterwegs bin, im Auto, Zug oder Flugzeug, im Garten beim Laub rechen, auf dem Laufband im Fitness-Center. Zunächst dachte ich, man kann sich doch gar nicht so lang auf Gesprochenes konzentrieren. Aber das klappt wunderbar. Auch bei anspruchsvoller Literatur, die nicht unbedingt spannend ist, bleibe ich am Ball und kann einen Roman, genauso als wenn ich ihn selbst lesen würde, als Ganzes erfassen. Nur wenn ich abends mit dem Kopfhörern auf dem Kopf still auf dem Sofa sitze, kann es passieren, dass ich einnicke. Aber das passiert mir nach einem anstrengenden Tag auch oft beim Lesen.

Alles begann, als ich vor ein paar Wochen bei meinem Musik-Streaming-Dienst entdeckte, dass es dort auch Hörbücher gab. Zum Spaß habe ich mal in den neuen Bestseller von Dan Brown reingehört und bin hängengeblieben. Kein großer Literaturgenuss, aber doch spannend und unterhaltend. Danach ging es weiter mit dem ersten Band von Volker Kutschers „Gereon Rath/Berlin Babylon“-Reihe und das war schon deutlich besser. Ein richtig guter Sprecher (David Nathan), ein tolles Setting, spannend und literarisch anspruchsvoll – ich war begeistert. Schnell habe ich herausgefunden, dass man bei Apple Music nach Autorennamen suchen muss, um mehr als nur Krimis zu finden. Ich blieb in den wilden Zwanzigern in Berlin und hörte anschließend tief bewegt Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, gelesen von Frank Arnold, danach Stefan Zweigs „Schachnovelle“, gelesen von Christoph Maria Herbst, und zuletzt ging es nach Finnland mit Jan Costin Wagners „Tage des letzten Schnees“, gelesen von Matthias Brandt.

Danach war klar: Hörbücher – das ist mein neues Ding. Für etwas mehr Auswahl habe ich mich dann letzte Woche bei Audible angemeldet und mir gleich Daniel Kehlmanns neuen Roman „Tyll“, gelesen von Ulrich Noethen, reingezogenen. Wow! Unbeschreiblich toll. Gerade bei diesem Buch, das in der Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt, habe ich Setting, Handlung und Stimmung als Hörbuch wesentlich intensiver empfunden, als wenn ich es selber gelesen hätte. Ulrich Noethen ist aber auch ein grandioser Sprecher. Der holt wirklich alles aus einem Text raus.

Durch die Entdeckung der Hörbücher ist mein Literaturkonsum um 100 Prozent gesteigert worden. Ich habe mit lästigen Tätigkeiten wie Autofahren, Gartenarbeit und Ausdauersport, die ich bisher als reine Zeitfresser angesehen habe, meinen Frieden gemacht. Noch mehr als das; ich freue mich jetzt regelrecht darauf, das alles zu tun, ist es doch eine willkommene Gelegenheit, weiter meinem Hörbuch zu lauschen.

Und weil ich von dieser auditiven Entdeckung so begeistert bin, wird es im kommenden Jahr die Rubrik „Hörbücher“ hier bei Buchrevier geben. Auch da wird es Rezensionen, Listen, Helden und den ganzen Buchrevier-Kram geben. Mal sehen, was mir noch so einfällt. Ich freue mich drauf. Aber ganz besonders freue ich mich, dass ich keine Angst mehr davor habe, mir durch das Lesen die Augen zu ruinieren und eines Tages vielleicht nichts mehr sehen zu können.

Doch plötzlich durchfährt mich ein weiterer schrecklicher Gedanke, und die ganze Glückseligkeit ist mit einem Schlag dahin. Was ist, wenn ich im Alter auch nicht mehr richtig hören kann?

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Foto: Gabriele Luger

In drei Jahren zu mehr Achtsamkeit

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Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Drei Jahre gibt es Buchrevier nun schon. In der Online-Welt ist das eine kleine Ewigkeit. Dann hast du es entweder geschafft oder bist schon wieder am Ende. Hop oder Top. Im Netz geht alles so verdammt schnell. Die Zeit, sie rast geradezu, fegt wie ein Orkan über alles hinweg und nimmt mit, was nicht fest verankert war — all die Beiläufigkeiten, lockeren Beziehungen und flüchtigen Gedanken; hier ein Lachen, da ein Weinen. Mentaler Ballast, der deinen Arbeitsspeicher vollmüllt, dich träge und langsam macht. All das wird beim nächsten Programmupdate einfach überschrieben.

Buchrevier hat sich gut entwickelt und ist in den letzten drei Jahren eine relevante Größe in der Blogosphäre geworden. Kann ich das einfach so sagen, ohne überheblich zu klingen? Aber warum soll ich lügen, wenn es doch so ist? Und da hätte ich gleich noch eine Frage an euch da draußen – ihr, die ihr das lest, unbekannter- und bekannterweise. Ist diese Form der Überheblichkeit, die ja eigentlich nur eine Meinungsäußerung, eine Haltung oder gesundes Selbstbewusstsein darstellt, ist das nicht genau das, was ihr von mir lesen wollt? Ich bin nicht immer nett, manchmal sogar ziemlich respektlos und undankbar. Ich werde den Büchern, über die ich schreibe, nicht immer gerecht. Aber das ist auch nicht mein Anspruch. Buchrevier soll in erster Linie Spaß machen. Mir beim Schreiben, allen anderen beim Lesen. Wenn dann noch der Funke überspringt und jemand Lust auf die Bücher bekommt, die hier besprochen werden, dann ist das ein schöner Nebeneffekt.

Ich bin kein Lesebotschafter und habe diesbezüglich auch kein Sendungsbewusstsein. Wenn jemand nicht lesen will, dann soll er es sein lassen. Sein Problem, nicht meins. Ich kann nur sagen, mir tut das gut; das Lesen und auch das Schreiben darüber. Mit jedem Buch, mit jedem Blogbeitrag wird mein Leben reicher, vielfältiger, interessanter. Und nicht nur das – seit ich blogge habe auch ich mich verändert. Ich bin achtsamer geworden, schaue und höre genauer hin, bin nicht so vorschnell mit meinem Urteil. Das hängt auch mit den Menschen zusammen, die mich virtuell umgeben. In der überwiegend links-intellektuellen Literaturcommunity musste ich mich erst zurechtfinden und habe am Anfang noch über einige Dinge geschmunzelt. Zum Beispiel über Männer, die sich als Feministen bezeichnen, über das kollektive Amazon-Bashing und die eine oder andere politische Haltung, die nicht meine ist.

Schmunzeln tue ich darüber schon lange nicht mehr. Auch wenn ich immer noch in vielen Punkten anderer Meinung bin, so habe ich doch angefangen, mein eigenes Verhalten verstärkt zu hinterfragen. Bei Amazon kaufe ich zwar immer noch, aber keine Bücher mehr. Auch bin ich wesentlich sensibler gegenüber dem alltäglichen Sexismus geworden, obwohl aus mir niemals mehr ein Feminist werden wird. Aber das alles hat mich vor der typischen Halsstarrigkeit alter Männer bewahrt, und das freut mich sehr.

Der Sturm der Zeit fegt über mich hinweg und rüttelt an allem, was nicht fest in mir gründet. Vieles sehe ich davonfliegen und weiß, dass ich es nicht vermissen werde. Ich frage mich, ob im Leben weniger nicht mehr sein könnte, alles etwas leichter und damit vielleicht auch etwas besser. Und dann denke ich an Zuhause, die vielen Bücher, die da auf mich warten und all die Texte, die ich darüber noch schreiben will. Weniger von allem – vielleicht. Aber auf keinen Fall weniger Bücher.

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Foto: Gabriele Luger

 

Frankfurter Tanz

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Die Buchmesse steckt mir immer noch in den Knochen. Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen und all das, was alten Männer blüht, die ihre Grenzen nicht kennen. Die in drei Tagen mehr reden, mehr laufen und mehr saufen, als sonst in einem ganzen Monat. Die darüber aber nicht weiter nachdenken und erst recht nicht reden wollen und es im nächsten Jahr wieder genauso machen werden.

Von den skandalösen politischen Auseinandersetzungen habe ich, wie so viele andere auch, Null mitbekommen und finde es total frustrierend, dass die wenigen unschönen Ereignisse scheinbar das sind, was von dieser Buchmesse in Erinnerung bleiben wird. Die sendungsbewussten Linken in meiner Filterblase posten und teilen schlaue Kommentare zur Lage der Nation, alle anderen befinden sich in einer Art Schockstarre und fragen sich, ob ein launiger Messerückblick jetzt angemessen ist oder nicht.

Ich habe auch noch so einen Bericht, und er wird nicht besser, wenn er noch länger in der Schublade ruht. Also bitte lest hier das, was mir auf der #fbm17 aufgefallen ist, was mir gefallen und weniger gefallen hat, wie es um die Literatur in Deutschland steht und welche Rolle wir Blogger*innen dabei spielen. Meine Meinung zum politischen Beef habe ich im Bild gestickert.

Messenächte

„Komm, lass uns abhauen, ich will tanzen“ sagt Vera und schaut mich unternehmungslustig an. Seit zwei Stunden schon stehen wir inmitten einer Schar illustrer Gäste auf einer Verlagsparty im Frankfurter Villenviertel und fühlen uns einerseits geehrt dabei zu sein, andererseits auch ein wenig fehl am Platze. Die Highlights bisher: eine halbe Stunde Lesung auf Französisch, Bier nur auf Nachfrage und ein Buchpreisgewinner, der sich in der Schlange am Buffet dreist vordrängelt. Ich höre auf, Michel Friedman und Matthias Matussek anzustarren und blicke auf die Uhr. „Halb elf. Ja, lass uns zu Hanser fahren“.

In Mantis Roofgarden treffen wir dann mehr von unsereins und fühlen uns gleich deutlich wohler. Unsere Gastgeberin Frauke hat ein tolles Kleid an und riecht sehr gut nach irgendwas Teurem von Chanel. Um 24.00 Uhr wird gesungen und Sekt getrunken, denn Vera hat Geburtstag. Danach geht es auf die Tanzfläche mit dem besten Mix der 90er. Die Musik geht eigentlich gar nicht, aber egal, es ist Buchmesse. Um drei Uhr ziehe ich die Notbremse und fahre im Taxi zu meiner Rödelheimer Absteige.

Messetage

Am nächsten Morgen ist die Freude groß, dass ich es nicht übertrieben habe. Mit kaum Kopfschmerzen, festem Schritt und einer freundlichen Grundstimmung betrete ich um 10.00 Uhr Halle 3. Die Termine bei den Verlagen hat Mareike gemacht, und ich darf mitkommen. Einige freuen sich, mich auch mal kennenzulernen, andere weniger. Mein Blogger-Relations-Verlagsranking ist scheinbar nicht überall gut angekommen, besonders bei denen, die nicht so gut abgeschnitten haben. Ich argumentiere, das locker zu sehen und als Ansporn zu begreifen, aber das macht es nicht unbedingt besser. Wesentlich entspannter sind die Termine dann bei den besser platzierten Verlagen.

Arroganzanfall 

Sinn und Zweck so einer Buchmesse ist es natürlich auch, neue Kontakte zu knüpfen. So hatte ich mir vorgenommen, mal bei den Österreichern von Jung & Jung vorbeizuschauen, weil mich der Verlag generell interessiert und ich im Vorfeld einige interessante Neuerscheinung dort gesehen hatte. Ich gehe also an den Stand und frage eine Frau vom Standpersonal, ob sie denn auch mit Bloggern zusammenarbeiten würden. „Kommt drauf an“, lautet die schnippische Antwort. „Ach ja, und worauf?“ frage ich und ahne schon Fürchterliches. Und dann bricht es aus ihr heraus: „Wir legen Wert auf ein gewisses Niveau bei Buchbesprechungen, und da sind wir von Bloggern bisher immer enttäuscht worden“. Ich habe dann weiter nachgefragt und festgestellt, dass es ganz konkret um eine Rezension einer Buchpreisbloggerin zu einem Shortlist-Titel vom letzten Jahr ging, die dem Verlag wohl nicht behagt hat. Ich habe die besagte Rezension vor ein paar Tagen noch mal nachgelesen. Ein Verriss, ja, aber sehr gut begründet und ohne eine einzige Niveaulosigkeit. Niveaulos finde ich dagegen die Reaktion von Jung & Jung, die damit als Neueinsteiger in meinem persönlichen Blogger-Relations-Ranking auf Anhieb den letzten Platz einnehmen. Herzlichen Glückwunsch.

Spontane Sympathie

Ganz anders erging es mir am Stand von Weissbooks.w. Durch die Longlist-Nominierung von Christoph Hötherks Roman „Das Jahr der Frauen“ bin ich auf diesen mir bis dato komplett unbekannten Frankfurter-Indie-Verlag aufmerksam geworden. Ich blätterte am Stand in ein paar Bücher rein und wurde von der Verlegerin sofort angesprochen. Es ergab sich ein sehr inspirierendes Gespräch und nach zwanzig Minuten habe ich den Stand als leidenschaftlicher weissbooks-Fan verlassen. So geht das, liebe Österreicher.

Sonstiges

Und dann waren da noch der Buchblog-Award, diverse Blogger-Stuhlkreise und natürlich der Kickoff für die zweite Blogbuster-Staffel. Nicht anwesend und schmerzlich vermisst wurden Tilman, Ilja und Sophie und noch einige andere der üblichen Verdächtigen. Unübersehbar dagegen ein Typ Namens ‚literarischer Nerd‘, von dem ich zum ersten Mal gehört habe, der aber schon als Newcomer des Jahres die Messe rockte.

Ach ja, und wie steht es nun um die Literatur in Deutschland? Keine Ahnung, davon habe ich in Frankfurt nicht so viel mitbekommen.

Longlistlesen für den Blogbuster

 

Es tut mir leid, aber ich kann grad nicht – weder reden, noch schreiben. Bin nur noch am lesen, mache kaum noch etwas anderes. Ich lese DIN A4 Ausdrucke, ich lese PDFs auf dem Reader, ich lese in der Bahn, im Flugzeug, ich lese im Bett und am Frühstückstisch. Ich lese bis mir die Augen tränen, bis die Wörter und Buchstaben verschwimmen. So viel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gelesen.

Normalerweise sind es drei oder vier Bücher im Monat, jetzt sind es vierzehn. Bücher, die streng genommen noch gar keine sind. Die es erst noch werden sollen. Mit ein wenig Glück und meinem Zutun. Was mir gefällt, bekommt meine Stimme. Ist zwar nur eine von fünf, aber immerhin. Kommt es zum Patt, dann entscheidet diese eine fünfte Stimme; entscheidet über hop oder top. Ob aus einem Word-Dokument, aus einem Haufen bedruckten Papiers ein richtiges Buch wird. Von DIN A4 zu DIN A5. Nicht irgendwann mal, sondern noch in diesem Jahr. Kein Paperback, sondern Hardcover. Ein Buch aus guten Hause; eines, das man im Buchladen kaufen, als Geschenk verpacken und unter den Weihnachtsbaum legen kann. Ein Buch, über das man einmal sagen wird, dass es das erste war, das diesen Preis gewonnen hat.

Oh, Mann. Das ist ganz schön krass. Ich kann noch gar nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert. Dass es tatsächlich funktioniert hat, der Plan aufgegangen ist. Mein Baby. Knapp neun Monate bin ich damit schwanger gegangen. In Frankfurt dann die Zangengeburt und seitdem schreit es aus vollem Hals, hat ständig Hunger, quengelt und will auf den Arm. Aber es wächst und gedeiht und entwickelt sich prächtig. Noch stehen viele Prüfungen und Bewährungsproben an, aber auch das werden wir schaffen. Jetzt erstmal Longlist-Krabbelgruppe, bevor im Herbst dann schon die Einschulung im Buchhandel ansteht.

Ich lese und lese und lasse mich fallen. Die Luft schmeckt nach Plastik, es riecht nach Frauen, die schweres Parfüm und Hüte tragen. In der Taiga heulen die Wölfe, eine Familie sitzt im Garten und hat Hunger. Im Nebenhaus wird ein schwarzes Loch installiert. Das alles spürt und erlebt man beim Lesen der Longlist-Romane. Und obwohl es anstrengend ist, macht es mir richtig Spaß. Tolle Plots, interessante Charaktere, experimentell, emotional, humorvoll, spannend. Da ist für jeden etwas dabei. Und alles auf einem wirklich hohen Niveau. Ich kann gar nicht glauben, dass diese Romane noch keinen Verlag gefunden haben. Da kommen jedes Jahr tausende von Büchern auf den Markt und trotzdem ist da noch so viel Unentdecktes, so viel Talent, so viel Potenzial.

Klar entdeckt man hier und da noch ein paar Rechtschreibfehler, Ungereimtheiten und Längen. Aber ich hätte mit deutlich mehr gerechnet. Da haben die Blogger-Kollegen schon eine richtig gute Auswahl getroffen. Und das ist auch ein Punkt, der mich glücklich macht. Dass wir Blogger hier mal wieder gezeigt haben, dass wir Ahnung haben, dass wir gute Literatur nicht nur bewerten, sondern auch entdecken können. Ich lese die Manuskripte und ich sehe dabei den Blogger, die Bloggerin vor mir und glaube zu wissen, warum sie sich gerade für dieses Manuskript, diesen Autor entschieden haben. Die Paarungen sind manchmal naheliegend, manchmal verblüffend aber immer interessant. Ich bin gespannt, ob sich vielleicht sogar Freundschaften daraus ergeben.

Mehr kann ich angesichts des noch laufenden Verfahrens nicht dazu sagen. Ich bitte um Verständnis, dass es hier auch in den nächsten Wochen nicht viel Neues zu lesen geben wird. Aber dafür findet sich auf der Blogbuster-Seite jede Menge von dem, was mich gerade so fasziniert: Leseproben, Interviews und Blogbeiträge rund um die Longlist-Autorinnen und Autoren unseres außergewöhnlichen Experiments.

Bloggerfreie Zone

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Auf der Frankfurter Buchmesse konnte man den Wandel hin zu einem neuen Bedeutungshoch deutlich spüren. Die geballte Wertschätzungsoffensive der Verlage – Einladungen zu Pizza und Partys, exklusive Treffen und Lesungen mit Autoren sowie jede Menge Goodie-Bags. Überall zustimmendes Nicken zur wachsenden Bedeutung digitaler Literaturvermittlung und allenthalben Einigkeit, dass die Zukunft den Blogs gehört.

Wirklich allenthalben und überall auf der Messe? Nein, ein von scheinbar unbeugsamen Offlinern bewirtschafteter Stand in Halle 3.1 hört nicht auf, den digitalen Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Literaturblogger, die als Besatzung in den befestigten Lagern ihrer Blogs leben und immer wieder versuchen, diese letzte Bastion zu erobern. Auch ich habe es in Frankfurt noch einmal versucht, bin zum Messestand und habe mich an eine nette Dame am Info-Counter gewendet.

Ich: „Guten Tag, können Sie mir sagen, wer bei Ihnen im Verlag für Blogger zuständig ist?“

Die nette Dame am Info-Counter: „Das ist die Presseabteilung“.

Ich: „Ich bin Blogger. Ich hätte gerne mal mit jemandem aus der Abteilung gesprochen“.

Dame am Info-Counter: „Das ist grad schlecht, die sind alle im Gespräch“.

Ich: „Kein Problem, dann komme ich später noch mal wieder. An wen kann ich mich dann wenden?“

Am Info-Counter: „Das kann ich Ihnen nicht sagen“.

Ich: „Warum nicht?“

Info-Counter: „Schauen sie doch bitte auf unserer Webseite nach. Da stehen alle Ansprechpartner“.

Ich: „Da habe ich schon geguckt und keinen Namen gefunden. Nur eine allgemeine Mailadresse, um Rezensionsexemplare zu bestellen“.

Counter: „Ja, genau. Schreiben sie da einfach eine Mail hin, wir melden uns dann“.

Ich: „Aber ich bin doch jetzt hier, es dauert auch wirklich nicht lang“.

Sie: „Tut mir wirklich leid“.

Sagt es, schenkt mir ein bittersüßes Lächeln und wendet sich dem Nächsten zu. Ok, das war jetzt deutlich, die wollen anscheinend keinen direkten Blogger-Kontakt. Muss ja auch nicht sein, ist schließlich auch eine Art, sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Der Messestand als bloggerfreie Zone. Wenn dort nicht einige meiner Lieblingsautoren unter Vertrag wären, wäre es mir das ja egal. Aber so?

Kopfschüttelnd schaue ich mich noch ein wenig auf dem Stand um, erblicke den smarten Shortlist-Autor aus Österreich und mehrere Regale mit einem einzigen, auffallend roten Buch, anscheinend der Top Neuerscheinung des Verlages in diesem Herbst. Und als ich den reißerischen Titel „Ich hasse dieses Internet“ lese, wird mir auf einmal alles klar.

Foto: Gabriele Luger

 

Blogger gehen auf Talentsuche

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Ich bin stolz. Denn eine Idee, an der ich mit einigen anderen Bloggern seit knapp einem halben Jahr herumlaboriere, hat Gestalt angenommen und erblickt heute das Licht der Online-Welt. Darf ich vorstellen? Blogbuster – der Preis der Literaturblogger.

Die Idee erinnert ein wenig an die einschlägigen TV-Castingshows, nur diesmal geht es nicht um Gesang oder gutes Aussehen, sondern um eine gute Schreibe. 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potenzial des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Fachjury vorgestellt. Neben dem Jury-Vorsitzenden Denis Scheck entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar und Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse über den Blogbuster-Gewinner. Ich sitze als Initiator der Aktion auch mit in der Fachjury.

Es wurde in der Vergangenheit ja viel über Literaturblogs berichtet. Die Berichterstattung war nicht selten etwas abfällig und der Tenor prinzipiell immer gleich: Es gibt Blogger, die schreiben in ihrer Freizeit mehr oder weniger subjektiv und selten kenntnisreich über Unterhaltungsliteratur. Jetzt zeigen wir, dass es viele anspruchsvolle Blogs gibt, die nicht nur Literatur gut vermitteln, sondern auch gute Literatur entdecken können. Obendrein wollten wir mit Blogbuster keine Blogger-Version bestehender Literaturpreise schaffen, sondern etwas Eigenständiges auf die Beine stellen, was dem Charme und Spirit von Blogs entspricht. Interessant an dem Wettbewerb ist auch der Aspekt, dass erstmals engagierte Leser bestimmen können, was sie gerne lesen würden. Und zwar noch bevor es gedruckt im Buchladen liegt.

An dem Experiment Blogbuster sind 15 qualitativ hochwertige und reichweitenstarke Literaturblogs beteiligt. Der Wettbewerb startet am 21.10. mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Weitere Informationen unter: Blogbuster-Preis.de

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Auftaktveranstaltung und Pressekonferenz
am 21.10.2016, 16.00 Uhr
Frankfurter Buchmesse, Orbanism Space, Halle 4.1, D88
mit Elisabeth Ruge, Tom Kraushaar, Lars Birken Bertsch und Denis Scheck und mir.