Kein Tag wie jeder andere

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Heute ist mal wieder einer dieser nervigen Aktionstage. So etwas denken sich findige PR-Leute aus, wenn irgendetwas zusehends an Bedeutung verliert und mal wieder dringend ein wenig Aufmerksamkeit benötigt. Deswegen gibt es den Tag des Schulbrotes, den Tag der aufgehängten Wäsche, den Welt-Pfeifenrauchertag und heute, am 23. April, den Tag des Kirchkäsekuchens, des Bieres und natürlich den Welttag des Buches. Für Menschen wie mich, die all das gerne mögen, gleich drei Gründe, um zu feiern.

Aber mal ehrlich: Wie armselig ist das eigentlich? Das Buch, ein Medium, dem die Menschheit eigentlich alles verdankt – Religion, Weltanschauung, Wissenschaft und Kultur – in einem Atemzug genannt mit so profanen Genussmitteln wie Kirschkäsekuchen und Bier? Und doch passt es leider nur zu gut. Alle drei Produkte verlieren in dramatischem Ausmaß Marktanteile. Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig. Von den zahlreichen Brauereien, die es vor dreißig, vierzig Jahren noch in jeder mittleren deutschen Stadt gab, ist kaum noch eine übriggeblieben. In der Kirchkäsekuchen-Branche kenne ich mich nicht so aus, schätze aber, dass die leckere Kalorienbombe von den aktuellen Ernährungstrends eher weniger profitiert. Und von der Buch- und Verlagsbranche, die in den letzten vier Jahren über 6 Millionen Käufer verloren hat, wollen wir gar nicht erst reden. Fakt ist: Alle drei Branchen haben im Prinzip so einen Impulstag dringend nötig.

Doch aufhalten wird man den schleichenden Bedeutungsverlust mit solch verzweifelt anmutenden Aktionstagen natürlich nicht. Im Gegenteil, der gemeine Konsument sieht sich in seiner Abkehr vom Produkt dadurch eher noch bestätigt. Falls ihm das bisher noch nicht aufgefallen ist, stellt er spätestens heute fest, dass mit dem Produkt Buch irgendetwas nicht in Ordnung sein muss, wenn es schon solcher Marketingaktionen bedarf. Und wer sich daraufhin mal wachen Auges umschaut, nach Büchern in den eigenen vier Wänden und in der Nachbarschaft Ausschau hält, einfach mal darauf achtet, wer in U-Bahn oder Bus überhaupt noch ein Buch in den Händen hält und dann vielleicht bemerkt, wie wenig über Bücher noch in den Zeitungen steht und wie sich das Sortiment in den Buchhandlungen verändert hat – der, ja der wird sich über gar nichts mehr wundern.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man überhaupt noch etwas gegen den schleichenden Verfall der Lesekultur und die schwindende Bedeutung des Kulturgutes Buch tun kann. Wir Blogger schreiben uns seit Jahren die Finger wund, fotografieren Buchcover mit Heißgetränken auf Bettdecken, versuchen verzweifelt andere mit unserer Lese-Begeisterung anzustecken, doch vergebens. Die Masse guckt lieber Bibis Beautytipps und amerikanische Serien auf Netflix.

Man muss nur mal auf eine durchschnittliche Buchlesung gehen, da weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Auch bei jungen Autoren ist das Durchschnittsalter im Publikum weit über Fünfzig. Wenn da nichts Junges nachwächst, ist in zwanzig Jahren auch damit Schluss. Im Prinzip hat der US-Medienwissenschaftler Neil Postman diesen Trend in den späten Achtzigern schon vorausgesehen. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat er bereits von einer Vermüllung mit Informationen, einer zunehmenden Orientierungslosigkeit des Einzelnen und einer Erkrankung der Gesellschaft an „kulturellem Aids“ gesprochen.

Vermüllung ist das richtige Stichwort. Wir werden nicht nur mit Informationen zugemüllt, sondern auch mit Büchern. Das Einzige, was der Literaturbetrieb dem stetigen Verlust von Lesern entgegenzusetzen hat, ist immer noch mehr Bücher herauszubringen. Und zwar so viele, dass selbst buchverrückte Menschen wie ich nicht mehr nachkommen. Ich habe hier einen Stapel von zwanzig aktuellen Frühjahrstiteln liegen, noch keinen davon gelesen, da bekomme ich schon wieder die Vorschauen für das Herbstprogramm zugeschickt. Wer um Himmels Willen soll das alles noch lesen, wertschätzen, weiterempfehlen? Irgendwann wird es einfach zu viel. Erst verliert man den Überblick und irgendwann die Lust.

Liebe Verlage, hört bitte auf mit diesem Neuerscheinungswahn. Das ist blinder Aktionismus und in meinen Augen der falsche Weg. Immer weniger Leser brauchen nicht immer mehr neue Bücher. Lasst uns Zeit, das alles zu lesen, auch mal wieder Backlisttitel und den einen oder anderen Klassiker. Gebt uns ein paar Monate, uns eine Meinung zu bilden, einen Autor, eine Autorin richtig kennenzulernen, uns auch mal auf sperrige Bücher einzulassen und auch mal ein paar neue Verlage zu erkunden. Das hat auch was mit Respekt zu tun. Respekt vor der Arbeit des Autors, der Autorin. Denn was sind denn Schriftsteller heute noch? Eine Herde Kühe, die entweder im Frühjahr oder Herbst für drei Monate durchs Dorf gejagt wird, wenn überhaupt.

Darf ich mir etwas wünschen? Um noch mehr Spaß mit Literatur zu haben, wünsche ich mir etwas weniger Literatur. Maximal vier bis fünf neue Titel pro Verlag und Programm. Und warum nicht nur ein Programm und eine Buchmesse im Jahr? Jedes Jahr im Wechsel entweder Leipzig oder Frankfurt, so wie es auch andere Branchen machen. Das alles wünsche ich mir, weil heute nicht nur der Welttag des Buches, sondern auch mein Geburtstag ist. Ein schöner Grund zum Feiern. Kommt alle vorbei. Es gibt Kirchkäsekuchen und Bier.

Foto: Gabriele Luger

8 Antworten auf „Kein Tag wie jeder andere

  1. Hey na zu allererst …. Alles gute!!!! 😊🎉😅 Viel Sonnenschein ☀ und den leckersten kirschkäsekuchen der welt😉

    Was deine Gedanken zu den Büchern angeht… Ich habe in der letzten Zeit auch wieder sehr viel darüber nachgedacht, auch gerade, da ich selbst momentan an einem. Buch arbeite. Es ist schon verrückt, dass es immer weniger Leser gibt ist unumstritten, dennoch floriert der.markt des publizierens. In Halle und Dresden lachten mich hunderte Plakat der Schule des Schreibens an „schreib dein Buch“ und wir werden nicht nur von den großen Verlagen, sondern auch von einem nie enden wollenden Strom an selfpuplishern mit neuen Romanen zugeschissen – entschuldige den Ausdruck… Das kommt mir sehr schizophren vor… Ein Buch zu schreiben, vor allem ein gutes, ist und bleibt absolut schwer, keine Frage. Dennoch ist es um ein vielfaches leichter geworden. Allein der Arbeitsprozess: der Computer und das internet, diverse Schreib Programme, Recherche Möglichkeiten und die Vernetzung zwischen Autoren gibt einem eine unglaubliche Hilfestellung. Es ist etwas vollkommen anderes, einen Roman am. PC zu schreiben, ein Dokument einfach zu ändern als all das handschriftlich oder. Mit Schreibmaschine zu verfassen. Das können nur die wenigsten. Und dann kann eben jeder der ein wenig Geld zur Verfügung und einen starken Willen hat sein Buch auch veröffentlichen. Das hat alles auch seinen Vorteil und ich will nicht sagen, dass Bücher, die. Nicht von großen Verlagen vertrieben werden schlecht sind dass ist offensichtlich Blödsinn… Doch manchmal glaube ich, dass es mit dem. Medium Buch etwas seltsames macht…
    Übrigens dass keine jungen Leute bei lesungen sind liegt glaube ich weniger daran, dass junge. Leute nicht lesen, sondern daran, dass diese Art von Veranstaltung einfach die junge. Generation nicht anspricht…
    Doch natürlich, es gibt eben nun auch ganz andere Menschen In der Öffentlichkeit. Früher waren Autoren gefragte intellektuelle. Heute sind selbst die Namen der. Meisten bestseller Autoren kein Begriff der Allgemeinbildung….
    Das Medium Buch hat seinen Glanz verloren, doch ich sehe es ähnlich wie du, der versuch es durch Masse zu kompensieren kann nur scheitern…
    Liebe Grüße von der Luna ❤️

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  2. Lieber Tobias,

    erst einmal alles Liebe zu deinem Geburtstag … wenn Berlin nicht so weit weg wäre, würde ich sofort auf ein Stück Kirschkäsekuchen vorbeikommen! 🙂

    Du sprichst mir mit deinem Text aus der Seele. Ein ganzes Fach meines Bücherregals liegt voll mit Rezensionsexemplaren, die ich noch »abarbeiten« will und jetzt werden schon wieder neue Titel angekündigt. Manchmal würde ich auch einfach gern einen tollen Backlisttitel lesen, aber dann ist da wieder dieses Rezensionsexemplarfach. Rereading gelingt mir schon seit Jahren nicht mehr, obwohl ich so gerne noch mal alle Harry Potter-Bände durchlesen würde … vielleicht mache ich das jetzt bald einfach mal. Ich bin ganz bei dir … eine Entschleunigung auf dem Buchmarkt würde mir auch sehr gefallen.

    Hab noch einen wunderbaren Geburtstag.

    Liebe Grüße
    Juliane

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  3. Sehr gute Ansätze, gerade, was die Masse der Publikationen und ihr Tempo angeht. Aber warum sollte ausgerechnet der Buchmarkt vernunftgesteuert sein? Immerhin müssen wir blogger nicht jeden Pseudo-hype mitmachen. LGK

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  4. Hey Tobias, erst einmal muss ich dir nachträglich zum Geburtstag gratulieren. Ich hoffe du hast dich ordentlich feiern und hochleben lassen, am Tag des Kirsch-Käse-Kuchens. Kuchen und ein gutes Buch zum Burzeltag. So muss das sein! Ich streife gerne durch den Bücherdschungel um ´diese eine besondere Perle` zu finden, aber ich lasse mich nicht mehr von den vielen Neuveröffentlichungen, respektive vom kommerziellen Hype treiben oder ködern. Und mit deinen Worten sprichst du mir, was den Literaturbetrieb angeht, aus der Seele. Wobei ich keinen blassen Schimmer davon hatte, dass es um das Medium Buch so schlecht bestellt ist. Was Autoren-Lesungen angeht, war ich in der Vergangenheit selten bereit so hohe Eintritts-Preise für Null-Kreativität und Null-Unterhaltung zu zahlen. Statt dessen habe ich das Geld in ein neues Buch, ins Poet-Abo, oder in eine neue Schallplatte investiert. Wenn du vom Zerfall der Lesekultur sprichst, hast du in bestimmten Punkten recht. Gleichwohl sind in der S-Bahn oder im Park, besonders die jungen Leute mit Buch zu sehen. Ich denke dass solche Literatur-Veranstaltungen, die vor allem junges Publikum anziehen, großen Anteil daran haben. Wie das Jazz Cafe im Mojo zum Beispiel, hier in Hamburg, da vereinen junge Literaturschaffende Musik und Literatur. Unter dem Motto „Beat Read“ finden dort regelmäßige kreative Lesungen statt, und sie werden gut besucht. Interessante Lesungen finden ebenfalls im Enfants Artspace regelmäßig statt. So mit Bier, Musik, Gin/Tonics, Apfelsaft oder Kaffee. Ich jedoch, gehöre bereits zum alten Eisen und käme mir zwischen den jungen hippen Leuten ein bisschen fehl am Platz vor. Vielleicht muss man nicht alles so Schwarz/Weiß sehen, sich locker machen, oder sich sogar ein Beispiel an die junge Literaturszene nehmen, und viel kreativer werden. Das wäre schön! Ich glaube das Junge wächst nach, nur bekommen wir Alten davon nichts mit. Oder?

    „Wir amüsieren uns zu Tode“ habe ich mir übrigens direkt bestellt.
    Liebe Grüße!

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  5. Und was passiert dann mit den Leute die schreiben, die würden dann ja auch weniger verlegt und das tun ja, inzwischen, wie ich höre immer mehr Leute, die dann überbleiben würden! Allerdings weiß ich schon, daß die höchstwahrscheinlich auch nicht sehr viel lesen!

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