Die besten Romane 2019 (Teil 2: Autoren)

Von männlichen Autoren haben es in diesem Jahr nur sechs Titel auf meine Bestenliste geschafft.

 

Michel Houellebecq – Serotonin

Das Rennen um den besten Roman des Jahres war im Prinzip schon entschieden, als am 07. Januar Serotonin in die Buchläden kam. Wieder ein echter Houellebecq, mit allem was dazu gehört: altbekannte, depressive Grundstimmung, ewig gleiches Alt-Männer-Gejammer, mit einer ordentlichen Portion Sexismus und Rassismus – so kennt man den immer mehr verwahrlosenden Kettenraucher. Selbst der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem mit seinem Themenmix. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art.

Verlag: DuMont
330 Seiten, 24,00 €

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Matthias Brandt – Blackbird

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Schauspieler meinen, auch noch ein Buch schreiben zu müssen? Ist das pure Hybris, einem übergroßem Ego geschuldet oder einfach nur kaufmännisch klever gedacht? Wie auch immer, nur selten kommt dabei was Vernünftiges raus. Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist Matthias Brandt.

Schon der Erzählband Raumpatrouille hat mir sehr gut gefallen, und sein erster Roman Blackbird steht dem in nichts nach. Beide Bücher habe ich regelrecht inhaliert und mich geärgert, dass sie nicht doppelt so dick waren. Das mag daran liegen, dass ich wie Brandt ein Babyboomer bin und es mir ein sentimentales Vergnügen bereitet, mit seinen Figuren zurück in die Siebziger zu reisen. Es ist aber in erster Linie die Lässigkeit, mit der Brandt seine Geschichte erzählt. Ohne auf Teufel komm raus cool, witzig und originell erscheinen zu wollen oder übertrieben literarisch und pathetisch.

Nein, das alles will Brandt nicht sein, und trotzdem ist sein erster Roman Blackbird all das, aber in genau dem richtigen Maß: cool und witzig, ein wenig pathetisch, unterhaltsam und  literarisch anspruchsvoll. Genretechnisch ein Coming-of-Age-Roman für Best Ager, vergleichbar mit Auerhaus und Tschik, doch hat mich Blackbird emotional wesentlich stärker gepackt. An manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich dann dazu entschieden, diesen Roman in allen Facetten einfach nur grandios zu finden.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
288 Seiten, 22,00 €

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Saša Stanišić – Herkunft

Eigentlich wollte ich den mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman nicht auf die Liste setzen. Denn nach wie vor finde ich es blöd, dass Stanišić dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert. Aber cooler wäre es gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Die Herkunft-Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „Ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man dem latenten Rassismus all derer, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln, sondern „ursprünglich“ herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Trotzdem: Was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage des Talents, das man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt Stanišić besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig.

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 22,00 €

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Friedemann Karig – Dschungel

Ich war nie in Kambodscha, und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig.

Karigs Themen sind Suche und Freundschaft. Klingt erstmal nicht besonders unique.  Doch wer es als Autor schafft, ein Allerweltsthema wie Freundschaft so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden Protagonisten persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an gemeinsame Jahre, die Entwicklung einer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt, ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

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Eugen Ruge – Metropol

Am Anfang hatte ich Probleme, reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann. Man erlebt, dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt gar nicht in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

Verlag: Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

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Norbert Scheuer – Winterbienen

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman auszeichnen. Zum einen ist es die Geschichte an sich; sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Der Routinier Nobert Scheuer führt seine Leser mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings.

Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Verlag: C.H. Beck
319 Seiten, 22,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

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