Terézia Mora – Auf dem Seil

Der Literaturbetrieb freut sich, denn Darius Kopp ist wieder da. Und alle anderen so: Darius wer? Kopp, Darius. Kennst du nicht? Das Ungeheuer und der einzige Mann auf dem Kontinent, literarischer Serienstar und mehrfach ausgezeichneter Protagonist. Man könnte ihn auch Mr. Burnout nennen, den Mann mit der Urne oder neuerdings auch den deutschen Pizzabäcker vom Ätna. Oder war das der Stromboli?  Auf alle Fälle Sizilien, denn da ist der Ex-IT-Experte im Verlauf seiner Mir-ist-alles-egal-ich-lass-mich-einfach-treiben-Odyssee schließlich gelandet. Und dort treffen ihn die treuen Leser von Terezia Mora am Anfang des letzten Teils der Darius Kopp-Trilogie wieder.

Jetzt werden wahrscheinlich alle aussteigen, die Band 1 und 2 nicht kennen. Doch halt! Das hier ist keine Netflix-Serie. Man kann ohne Probleme nur diesen einen Roman lesen, ohne Gefahr zu laufen, den Plot nicht zu verstehen, weil wesentliche Informationen aus vorherigen Bänden fehlen. Ich selbst habe nur ‚Das Ungeheuer‘ gelesenen. Den mit dem Deutschen Buchpreis 2013 prämierten zweiten Band der Reihe.  Und ich kann mich nach all den Jahren an überhaupt nichts mehr erinnern, außer dass mir der Roman sehr gut gefallen hat. Damals habe ich noch nicht gebloggt, also kann ich auch nichts mehr nachlesen. Wenn im Klapper dieses Bandes also nicht gestanden hätte, dass der Protagonist immer der gleiche ist, ich hätte es vermutlich noch nicht einmal bemerkt.

Soviel zu meinen Unzulänglichkeiten als Leser. Kommen wir zu denen von Darius Kopp als Romanheld. Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ein Held ist er schon mal nicht. Wenn, dann ein Antiheld; einer, der sich allem entzieht, sich in die Trauer über den Tod seiner Frau und einen komplizierten Mix an Befindlichkeiten flüchtet. Wer wissen will, was genau ihn so zerstört und aus der Bahn geworfen hat, müsste wahrscheinlich tatsächlich noch Band 1 und 2 der Trilogie lesen. Mir reicht das, was ich zu Beginn von Band 3 vorgefunden habe: einen gebrochenen Mann, einen der die Achtung und den Respekt vor sich und seinem Leben verloren hat. Denn Darius ist nicht nur einmal grandios gescheitert, sondern scheitert seitdem jeden Tag aufs Neue. Er lebt vom Wohlwollen anderer, schnorrt und buckelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt von irgendwelchen Tagelöhnerjobs und suhlt sich in seinem Elend.

Ich finde so eine Apathie ganz fürchterlich, will Darius eigentlich permanent schütteln und zurufen, er solle sich verdammt nochmal endlich zusammenreißen. Und doch habe ich für solche Abstürze vollstes Verständnis und weiß, dass dergleichen jederzeit jedem von uns passieren kann. Und der plötzliche Tod der geliebten Partnerin ist allemal ein mehr als nachvollziehbarer Grund dafür. Nicht wenige verlieren in solchen Momenten jeglichen Lebensmut, sehen keinen Ausweg und flüchten in den Freitod. Aber wenn man schon alles fallen lässt, warum dann in den Tod fallen und nicht ins Leben? Dann natürlich in ein ganz anderes Leben, eines, das sich komplett unterscheidet. Weit weg von all dem, mit dem man gescheitert ist. Keine Ziele mehr, nichts mehr wollen, kein Plan B und auch kein Plan A, überhaupt nichts mehr planen, einfach nur da sein und sehen, was kommt.

Und irgendwas kommt mit Sicherheit, früher oder später. Entweder das endgültige Aus, oder ein neuer Weg, eine Herausforderung, ein neues Ziel. Bei Darius Kopp kam seine Nichte Lorelei und mit ihr der Wunsch zurück, wieder Verantwortung zu übernehmen. Augenscheinlich erstmal für sie und dann irgendwann auch wieder für sich selbst. Das ist fast schon ein wenig zu banal, klingt wie simple Küchenpsychologie, der gut gemeinte Ratschlag eines Bekannten, sich bei mentalen Problemen doch einfach eine Aufgabe oder ein Hobby zu suchen, dann würde es einem mit Sicherheit schon bald wieder besser gehen. Und bestimmt funktioniert so etwas genauso häufig, wie es eben nicht funktioniert. Bei Darius Kopp hat es funktioniert. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft. Und so wird er am Ende doch noch zum Romanhelden. Ein ziemlich trauriger zwar, aber dafür ein sehr sympathischer. Und ich bin sehr dankbar, dass ich seine Bekanntschaft machen konnte.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 24,00 €

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