Rezi-Shortcuts mit: Iris Wolff, Anke Stelling und R.R. Sul

R.R. Sul – Das Erbe

Schwarze Schrift auf schwarzem Grund ­– so dunkel, dass man auf dem Buchcover den Namen des Autors kaum erkennen kann, aber das ist auch gar nicht wichtig, denn der ist sowieso nicht echt. R.R. Sul ist ein Pseudonym und in diesem Fall sogar ein besonders schlecht gewähltes. Denn der Name klingt irgendwie billig, nach Groschenroman vom Bahnhofskiosk und hat mich mehr abgeschreckt als mein Interesse geweckt. Aber schon die ersten Seiten offenbaren, dass das genaue Gegenteil der Fall ist und man es hier mit einer echten literarischen Entdeckung zu tun hat. Sprachlich sehr besonders, stellenweise sogar poetisch, mit wunderbar komponierten Sätzen hat mich dieser Roman sofort gefangen genommen und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Ein unglaublich spannendes und ergreifendes Meisterwerk zum derzeitigen Trendthema Familie, das alles mitbringt, was man für einen verregneten Lese-Wintertag auf der Couch braucht: starke Charaktere, Krankheit und Tod, Glaube und Gewalt, Liebe, Einsamkeit, Verzweiflung und vor allem: Anspruch UND Unterhaltung. Eine tolle Entdeckung.

Und am Ende fragt man sich, warum sich der Autor oder die Autorin eigentlich nicht zu diesem Meisterwerk bekennt? Was ist mit Ruhm und Ehre, einem Platz auf dem blauen Sofa, ein paar Wochen Rummel im Netz und vielleicht sogar im Feuilleton? Ist das alles denn gar nichts mehr wert? Wie uneitel kann man eigentlich sein? Es kann einem doch nicht nur darum gehen, diese eine Geschichte aufzuschreiben. Oder ist es die eigene Familie, die da beschrieben wird und die Geschichte daher zu persönlich?

Wie auch immer – meiner Meinung nach handelt es sich bei R.R. Sul entweder um das Projekt eines etablierten literarischen Profis oder aber um ein bemerkenswertes literarisches Talent, von dem ich mir wünschen würde, dass er oder sie einfach mal was beim Blogbuster-Preis einreicht.

Verlag: dtv
224 Seiten, 21,00 €

 

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen (Hörbuch)

Was passieren kann, wenn sich eine Autorin allzu hemmungslos aus ihrem privaten Umfeld bedient, zeigt Anke Stelling in ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“, mit dem sie im letzten Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Ich habe mir die Hörbuchversion angehört, die im letzten Herbst im Berliner Indie-Hörbuchverlag ‚Speaklow‘ erschienen ist und von der Autorin selbst gelesen wurde. Nicht immer ist es eine gute Idee, den oder die Verfasser/in das machen zu lassen, aber hier ist es mal gelungen. Stelling kann nicht nur gut lesen, sondern verleiht der Protagonistin mit ihrer ganz persönlichen Intonation einen noch authentischeren Auftritt.

Stellings Thema ist bundesdeutscher Familienalltag: Leben in der Stadt, zerrissen zwischen Kindern, Beruf und Selbstverwirklichung. Es kommen Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann stellt – erst recht, wenn man das sogenannte Schwabenalter erreicht hat. Spätestens mit 40 nämlich – so will es das Prenzlberger Gesetz – sollte man in seinem Leben angekommen sein, etwas Nachweisbares geschaffen und aufgebaut haben. Seit jeher haben es in diesem Etablierungs-Wettbewerb Künstler jeglicher Art besonders schwer. Die Romanheldin ist Autorin und macht in Ermangelung anderer Themen ihr persönliches Umfeld zu Protagonisten einer schonungslos ehrlichen Publikation. Der Erfolg des Textes macht sie im Freundes- und Bekanntenkreis zur Persona non grata. Aber was soll sie auch anderes tun? Sich entweder in der seichten Oberflächlichkeit ihres bürgerlichen Umfelds einrichten und sich damit abfinden, im Leben außer Familie und Haushalt nichts geschaffen zu haben, oder aber das alles als Inspirationsquelle zu nutzen und schonungslos zu demaskieren. Auch hier gilt wahrscheinlich das Motto: Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine gute Geschichte verzichten und die Chance auf den literarischen Durchbruch zu verspielen.

Ja, in diesem Dilemma stecken wahrscheinlich sehr viele Autoren. Die Themen, die einen wirklich berühren, die man bis ins kleinste Detail kennt, weil man sie selbst durchlitten hat, kann man nicht bringen, ohne Gefahr zu laufen, jemanden, der sich wiedererkennt, zu verletzen. Eltern, Kinder, enge Freunde und Arbeitskollegen – all diese Personen sind als Romanhelden eigentlich tabu. Stellings Heldin macht trotzdem eine Geschichte daraus und konfrontiert uns dabei mit den existenziellen Fragen aller Personen jenseits des Schwabenalters: War es das jetzt? Kommt da noch was? Die ernüchternde Antwort lautet in beiden Fällen: Nein.

Hörbuchverlag: speak low
Gelesen von: Anke Stelling
Dauer: 7h, 21 min

 

Iris Wolff – So tun, als ob es regnet

Bleiben wir weiter Indie und weiter besonders: Der nächste Titel ist ein echtes Kleinod. Kleines Format, kleiner Verlag, ganz große Literatur. Ein Geheimtipp, für dessen Entdeckung ich sehr dankbar bin, denn dieses Buch stand auf keiner meiner Leselisten. Ab und zu haben wir Buchblogger ja das Glück, Schriftsteller und Schriftstellerinnen in echt kennenzulernen. Iris Wolff habe ich in Berlin getroffen, an einem wunderbaren Sommertag im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert, ich war Teil der Publikumsjury und habe mich in ihre Texte und ihre unglaublich sympathische Ausstrahlung verliebt. Natürlich wollte ich dann sofort etwas von ihr lesen und wurde nicht enttäuscht.

„So tun, als ob es regnet“, ist ein leises, stilles Buch. Eines, das sich nicht aufdrängt und nichts fordert. Es will dir nichts beibringen, dich nicht zu irgendwas bekehren, will nicht, dass du nach seiner Lektüre ein anderer Mensch bist. Alles, was dieses Buch will, ist, dass du es gerne in die Hand nimmst, um darin zu lesen. Und wer das tut, wird reich beschenkt. Mit vier wunderbaren Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat der Autorin, vier Generationen, vier Schicksale, deren zart geflochtene Bande sich beim Lesen erst nach und nach erschließen. Am Ende dieses Episodenromans hat sich ein großer zeitgeschichtlicher Bogen aufgespannt, der einem wieder einmal aufzeigt, wie sehr jeder einzelne von uns doch das Kind seiner Zeit und der politischen Verhältnisse ist.

Wer jetzt angefixt ist, kann sich auf noch mehr Iris Wolff freuen. Im Herbst erscheint ihr neuer Roman bei Klett Cotta.


Verlag: Otto Müller
166 Seiten, 20,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

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