Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Ich kann vieles in diesem Buch sehr gut nachvollziehen. Ein Protagonist, der Bücher liebt und für nichts anderes als seine bibliophile Leidenschaft lebt, hat grundsätzlich meine vollste Sympathie. Literatur vor dem Vergessen zu bewahren, alte Schätze zusammenzutragen, sie bis an die Decke zu stapeln, mit den Fingerkuppen über die Einbände zu streichen und sich an den Regalreihen nicht sattsehen zu können – das kenne ich nur zu gut. Ein Bücherfreund wie Norbert Paulini, der Held dieses Romans, kann kein schlechter Mensch sein, denke ich – und weiß natürlich, wie naiv so eine Aussage ist.

„Was ist ein schlechter Mensch?“ lautet dann auch die berechtigte Frage gegen Ende dieses Romans. Die Antwort darauf ist simpel und ernüchternd: „Um herauszufinden, was gut ist und was schlecht ist … dafür brauchen wir unser ganzes Leben. Aber ob wir es herausfinden werden?“

Ja, was nützt dann die Lektüre mehrerer tausend Bücher, wenn man danach noch nicht mal so eine einfache Frage beantworten kann? Und überhaupt, welcher Maßstab gilt, wenn es um die politische Gesinnung geht? Ist man gut, wenn man links und schlecht, wenn man rechts von der Mitte steht? Wer legt das fest und fällt am Ende das Urteil? Die Geschichte hat gezeigt, dass das schon mal variiert, dass Gut oder Böse davon abhängen, wo man sich selbst verortet, geistig, moralisch und manchmal auch regional. Und wenn dieser Ort in Sachsen liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass rechts von der Mitte gut und alles andere eben schlecht ist.

Das sind die Gedanken, die mir beim Lesen dieses Romans durch den Kopf gegangen sind. Und die ganze Zeit während der ca. einwöchigen Lektüre war ich unschlüssig: Finde ich „Die rechtschaffenen Mörder“ nun gut oder eher nicht? Erst am Ende stand mein Urteil fest. Gut! Richtig gut. Und zwar gerade, weil es so ein langer Prozess war. Gerade, weil man immer wieder dachte: Was soll das jetzt? Ist das nicht zu billig, zu wenig hergeleitet, zu viel aktueller politischer Diskurs?

Aber während ich das hier schreibe, poppt in meiner Timleine wieder mal die Casa ‚Tellkamp‘ auf. Gleicher Ort, ebenfalls Literaturbetrieb, und wie im Roman von Ingo Schulze stellt sich auch hier die Frage nach der richtigen Gesinnung. Also von wegen konstruiert. Aktueller kann ein Romanthema wohl kaum sein.

Was ich anfangs etwas verwirrend, am Ende aber richtig gut fand, ist die Aufteilung des Romans in drei unterschiedliche Erzählebenen. Im ersten Teil wird die wechselvolle Geschichte des Antiquars Norbert Paulini aus Sicht eines scheinbar neutralen Erzählers geschildert. Die frühen Jahre in der DDR, der Aufbau des Antiquariats Paulini – die ersten Jahre nach der Wende werden sehr detailliert beschrieben. Als Paulini mit seinen Büchern in die sächsische Schweiz umzieht und sich politisch immer mehr rechts positioniert, bricht die Erzählung plötzlich ab. Dann wechselt die Perspektive, und der Erzähler des ersten Teils wird zum Ich-Erzähler des zweiten Teils. Zunächst rollte ich mit den Augen, weil ich dachte, jetzt wiederholt sich alles noch mal. Aber bis auf ein paar Überschneidungen war dem nicht so. Ganz neue Perspektiven, andere Einblicke und eine komplizierte Liebesgeschichte kamen hinzu. Schlussendlich übernimmt die Lektorin des Erzählers der ersten beiden Teile und führt die Geschichte im dritten Teil an ihren Schlusspunkt. Und so sehr ich zwischendurch auch haderte und immer wieder mit dem Gedanken spielte, die Lektüre einfach abzubrechen, so sehr hat es sich am Ende doch gelohnt.

Denn ob ein Roman in meinen Augen gut oder schlecht ist, hängt nicht davon ab, wie stimmig ich den Plot finde oder ob ich mich mit den Protagonisten identifizieren kann. Es hat auch nichts damit zu tun, wie schnell ich durchkomme, ob ich mich beim Lesen schwer getan habe, es spannend oder lustig fand. Nein, entscheidend ist, was sich an Gedanken parallel zum Lesen in meinem Kopf ergibt. Und das waren in diesem Fall eine ganze Menge.

Neben dem, was ich oben schon geschrieben habe, der Frage nämlich, wann ein Mensch gut und wann er schlecht ist, ist es aber vor allem die Figur des ambitionierten Lesers, die mich an diesem Werk fasziniert hat und bei der sich unweigerlich auch Parallelen zu meiner Person ergeben. Wie ist das, wenn einer viel liest? Entzieht sich so jemand der Welt, obwohl er sich doch gedanklich viel intensiver mit ihr beschäftigt, als jeder Nicht-Lesende das jemals tut? Nähert uns die Literatur dem Leben und den Menschen an, oder entfernt sie uns von ihnen?

Und nicht zuletzt, die entscheidende Frage, der sich jeder Literaturfreund einmal stellen muss. Ist mir das Lesen genug, reicht mir dieser Status? Will ich ein Leser sein oder lieber ein Schreiber? Akteur oder Konsument? In meinem Fall ist die Antwort klar: Ich bin Leser und kein Schreiber. Aber wenn man mich fragt, warum ich lese, ist die Antwort klar: um darüber zu schreiben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
318 Seiten, 21,00 Euro
nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse

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