Leserbrief #12

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Hey Nagel,

komm, halt mal mein Bier. Ich muss da mal eben was richtig stellen. Es wird ja gerade wieder viel geredet, hab hier und da was aufgeschnappt. Wo kommen die Gerüchte überhaupt her? Wer sagt denn sowas? Und jetzt mal unter uns: Ich habe ja eine ganz andere Theorie zu den Vorfällen, damals im Jahr 1999 in Rheine.

Ach übrigens, ist das ok, wenn ich dich Nagel nenne? Ich finde Thorsten passt irgendwie nicht zu dir. In meiner Schulklasse gab es gleich drei, die so hießen. Zwei mit und einer ohne H. Den einen haben wir Toasty, den anderen Torte genannt. Der ohne H hieß immer nur Schmidt. Das nur mal nur so am Rande. Kommen wir zur Sache. Du fragst dich sicherlich, was ich mit dieser Geschichte in Rheine zu tun habe. Schließlich komme ich ja gar nicht aus dem Kaff. Stimmt. Trotzdem weiß ich wahrscheinlich mehr als alle anderen. Hast ja Tommi, Richter, Nina, Laura und selbst Sascha schon gefragt. Und keiner kann sich mehr so richtig erinnern, hab ich recht? Ist ja auch schon ein paar Jahre her, und so einiges war damals ziemlich vernebelt – zu viel Alk, hier und da ein Tütchen – das Übliche halt.

Aber Gott sei Dank hast du ja alles aufgeschrieben, in deine bunten China-Kladden aus dem Dritte-Welt-Laden, die damals immer und überall mit dabei waren. Und was macht man aus circa zweihundert vollgeschriebenen Heften, wenn man schon so schmerzfrei ist, sich das alles nochmal durchzulesen? Natürlich einen Roman. Echt Nagel – das verdient meinen höchsten Respekt. Ich meine jetzt nicht, den Roman zu schreiben – ok, das vielleicht auch – aber noch mehr Achtung verdient, dass du dir den ganzen Schmonz nochmal durchgelesen hast. Hat das nicht richtig weh getan? Ich kenne das, hab damals selbst Tagebuch geschrieben und vor ein paar Jahren noch mal kurz reingeblättert. Aua! Das alles nach vielen Jahren wieder zu lesen, tut richtig weh. Habe mich vor mir selbst fremdgeschämt und nur ein paar Seiten geschafft. Was für ein kleiner Idiot man doch war. Und wie toll man sich trotzdem gefühlt hat. Keine Ahnung von nichts, aber dicke Hose.

Aber vielleicht hat dir das ja gar nicht so viel ausgemacht. Das Gefühl, sich selbst, der eigenen Gedankenwelt nach Jahren wieder zu begegnen, ist ja bestimmt auch bei jedem anders. Wie auch immer, weil du damals so „verhaltens“ warst und alles aufgeschrieben hast, konnte ich jetzt nachlesen, wie es so war, im Sommer 1999 in der Berninghofstraße, im Emsschlösschen, dem Stelskotteneck oder auf dem legendären Konzert in – wie hieß der Ort nochmal?

Trotzdem fragst du dich wahrscheinlich immer noch, warum ich hier so große Töne spucke und was ich an der Geschichte richtig zu stellen habe, obwohl ich doch gar nicht mit dabei war. Berechtigte Frage. Also, natürlich weiß ich nicht, was damals zwischen Nina und dir tatsächlich vorgefallen ist. Auch zu der Sache mit Laura kann ich nicht viel beisteuern, außer: Ich hätte nichts anders gemacht. Und Sascha hätte ich auch angelogen. Was ich aber eigentlich sagen will, ist, dass es einfach nicht stimmt, dass das hier einer dieser typischen 80er/90er-Nostalgie- und Rückbesinnungsromane ist, kein melancholisches „Früher-war-alles-cooler-Buch“, nicht so ein billiges Auerhaus-Remake, nichts, was einen in Gedanken noch mal jung und unvernünftig sein lässt.

Nein, dieser Vorwurf ist zwar nachvollziehbar – und auch ich bekenne mich zu diesem Vorurteil – aber jeder, der das Buch einmal angefangen hat, wird schnell merken, dass dem hier nicht so ist. Man spürt einfach, dass es dir um etwas anderes geht. Dass du nicht versuchst, krampfhaft irgendwelche Kohärenz stiftende Symbole ins Spiel zu bringen – Fernsehsendungen, Musik, Ereignisse, bei denen alle Zeitgenossen sofort sehnsuchtsvoll ausrufen: Ja, genau, das kenne ich auch noch. Es geht dir nicht um diesen Effekt, es geht dir vielmehr darum – bitte knorrigere mich, wenn ich das falsch sehe – eine der elementarsten menschlichen Fragen überhaupt zu beantworten. Nämlich: Was wäre wenn? Und weiter: Wo stünde ich heute? Was wäre jetzt anders?

Es klingt banal, aber ist es nicht so? Es sind nicht die großen Fragen, wie nach dem Ursprung des Lebens, der Existenz Gottes und was nach dem Tod passiert, die uns Menschen immer wieder umtreiben. Nein, es ist in der Regel immer etwas, was mit uns persönlich zu tun hat. Mit mir, mit dir. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich damals doch noch Abitur gemacht hätte? Wenn ich in eine andere Stadt gezogen wäre, mit meiner ersten Freundin nicht Schluß gemacht hätte, nicht Vater geworden wäre? Wäre ich jetzt sorgenfreier, erfolgreicher, glücklicher? Solche Fragen ergeben sich unweigerlich, wenn Lebensabschnitte hinter einem liegen. Antworten gibt es darauf entweder keine, oder aber unzählig viele. Was letztlich aufs Gleiche rausläuft. Denn alles wäre möglich gewesen, mein Leben hätte sich vielleicht total verändert oder aber auch nicht. Man weiß es nicht, wird es niemals erfahren und doch stellt man sich weiterhin genau diese Art von Fragen. Ein Teufelskreis.

Auch du wirst niemals erfahren, was passiert wäre, wenn du mit Nina zusammengeblieben wärst, wenn die Sache mit Laura gehalten hätte, wenn du Sascha von Anfang an die Wahrheit gesagt hättest. Da kann man noch so viel aufschreiben, versuchen jeden Gedanken festzuhalten, alles Jahre später nochmal zu rekapitulieren, ordnen, analysieren – es wird einem nicht gelingen. Denn Erinnerungen funktionieren nur, wenn wir gleichzeitig auch vergessen – den einen entscheidenen Satz, die eine verpatzte Gelegenheit, Namen, Gesichter, Ereignisse.

Auch deinen Roman würde ich irgendwann vergessen, wenn ich das hier nicht aufgeschrieben hätte. Ich würde vergessen, dass ich den Sound deiner Sätze so bemerkenswert fand, dass ich die Lesestimmung mochte, auch die vom Hörbuch, das ich mir parallel zum Buch reingezogen habe, dass mich die ganze Geschichte stellenweise an Frank Witzels manisch-depressiven Teenager erinnert hat – nur irgendwie besser, cooler, mehr meins. Aber auch Jan Brandt „Gegen die Welt“ kam mir in den Sinn. Kennst du den Jan? Der wohnt auch in Berlin. Ich glaube, ihr beiden würdet euch gut verstehen. Könnt ja mal ein Bier zusammen trinken gehen. Apropos – ist das mein Bier, das du da hälst? Hättest du ruhig austrinken können. Ach ja, ich vergaß – du trinkst ja kein Bier.

Siehste, es fängt schon an mit dem Vergessen. Also, dann mach’s erstmal gut. Und hau rein.

Es grüßt dein neuer Fan 
aus dem Buchrevier

 PS: Übrigens, wenn du magst kannst du mich auch Tobi nennen.

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Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen
Verlag: S. Fischer
448 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

    

Emmanuelle Pirotte – Heute leben wir

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Es gibt definitiv zu viele Bücher auf dem Markt. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass ein Juwel wie dieses hier, eine ergreifende und gekonnt erzählte Geschichte mit einem echten USP, so überhaupt nicht beachtet wird. In meiner durchaus literaturaffinen Filterblase findet dieser Roman nicht statt. Und da das Buch bereits aus dem Frühjahr ist und jetzt schon wieder auf das Herbstprogramm geschaut wird, wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Das Ding ist durch, hat nicht gezündet, weiß der Geier warum.

Vielleicht, weil alle damit beschäftigt waren, die Lesezeit fressenden Tausendseiter von Hanya Yanagihara und Paul Auster zu lesen – die definitiven Must-Reads der Saison. Vielleicht aber auch, weil der Verlag mit dem Cover und einem an Dale Carnegie und Nicolas Sparks erinnernden Allerwelts-Titel mal wieder voll daneben gegriffen hat. Die Aufmachung, die Mainstream-Unterhaltung für die weibliche Zielgruppe verspricht, hat mich natürlich überhaupt nicht angesprochen. Und wenn der Verlag mir das Buch nicht als Leseexemplar einfach ungefragt zugeschickt hätte, wäre es auch an mir komplett vorbei gegangen.

Aber hässliche Schutzumschläge kann man ja abmachen und sich so auf das konzentrieren, was ein Buch wirklich ausmacht: den Inhalt. Und hier hat der Debütroman der Belgierin Emmanuelle Pirotte jede Menge zu bieten. Es gehört schon was dazu, wenn man mit einer Geschichte über die Judenverfolgung durch die Nazis heutzutage noch einen literarischen Blumentopf gewinnen will. Das Thema ist eigentlich zur Genüge auserzählt, sollte man meinen. Und doch hat es Pirotte geschafft, hier noch einmal eine ganz andere Sicht auf die vielen sich ähnelnden Familientragödien und Kriegsschicksale aufzuzeigen.

Erzählt wird die Geschichte des kleinen jüdischen Mädchens Renée, die ihre Eltern durch den Naziterror verloren hat und bei einer belgischen Gastfamilie untergekommen ist. Die Alliierten sind auf dem Vormarsch und ein Ende des Krieges absehbar. Aber noch sind die Deutschen überall – verwundet und daher umso gefährlicher. Auf der Flucht gerät Renée in die Fänge von zwei SS-Elitesoldaten, die sich als Amerikaner getarnt haben. Sie wird in den Wald geführt und soll erschossen werden. Doch im letzten Moment dreht sie sich um und sieht dem Soldaten, der die Waffe auf sie richtet, in die Augen. Und der erschießt dann nicht sie, sondern seinen Kameraden und nimmt das Mädchen mit auf die Flucht durch die Ardennen. Sie verstecken sich in einer Berghütte, und es entwickelt sich eine an das Stockholm-Syndrom erinnernde Zuneigung zwischen der kleinen Jüdin und dem SS-Schergen.

Eigentlich ist die Geschichte so kitschig und unglaubwürdig wie nur irgendwas und passt prinzipiell voll zum Cover des Buches. Aber uneigentlich habe ich das beim Lesen überhaupt nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil. An keiner Stelle habe ich auch nur ansatzweise mit den Augen gerollt oder mit dem Kopf geschüttelt. Das unschuldige Lamm und der böse Wolf – so eine Geschichte muss man erstmal erzählen, ohne altbekannte Klischees zu bedienen oder sich in Übertreibungen zu verlieren. Ich habe der Autorin von der ersten bis zu letzten Seite alles abgenommen. Weil die Protagonisten authentisch sind und die Sprache schnörkellos und treffend. Weil sie sich – und das ist der USP – nicht in gängigen Rollenbildern verliert, sondern unsere Vorstellungen von Gut und Böse gehörig durcheinander wirbelt. So sehr, dass man tatsächlich am Ende auf Seiten des skrupellos tötenden SS-Offiziers Matthias steht, der reihenweise Freund und Feind die Kehle durchschneidet, nur um mit dem kleinen Judenmädchen zusammen zu sein.

„Heute leben wir“ ist eine gekonnt erzählte, herrlich spannende und bewegende Geschichte, die mich ein wenig an Ralf Rothmanns letzten Roman „Im Frühling sterben“ erinnert hat. Diese Zeit, wenn der Krieg eigentlich schon entschieden ist, es um nichts mehr geht und trotzdem immer noch gestorben wird. Pirotte hat die Sinnlosigkeit des Sinnlosen, diese Stimmung zwischen Hoffen und Bangen, Krieg und Frieden wunderbar eingefangen. In Frankreich hat dieser Roman hohe Wellen geschlagen. Vielleicht bekommt hierzulande das Buch ja doch noch die verdiente Aufmerksamkeit, wenn demnächst der Film dazu in die Kinos kommt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
287 Seiten, 20,00 €
Übersetzung: Grete Osterwald

Thomas Glavinic – Der Jonas Komplex

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Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex.

Manche Bücher liest man so dahin. Blättert Seiten, nickt hier und da zustimmend, wundert sich, lächelt oder schüttelt missbilligend den Kopf. Und obwohl man sich ganz gut unterhalten fühlt und eigentlich auch nichts auszusetzen hat – thematisch, sprachlich und überhaupt – ist man nicht zufrieden und irgendwie ratlos. Der Jonas-Komplex ist so ein Buch. Normalerweise hätte ich es mit leerem Blick und schulterzuckend ins Regal gestellt, und wenn mich einer nach meiner Einschätzung fragen würde, hätte ich gesagt: Es ist gut, ich weiß aber nicht warum.

Doch ich bin ja nun mal Buchblogger und schreibe über die Bücher, die ich zu diesem Zweck von den Verlagen bekomme. Es muss also eine Meinung her. Entweder zu Thomas Glavinic oder zu seinem neuesten Roman; im besten Fall zu beidem.

Fangen wir bei Thomas Glavinic an. Ja, was soll ich zu dem Typen sagen? Ich habe ihn nie getroffen, mich nie mit ihm auseinandergesetzt, sondern einfach nur zwei seiner Bücher gelesen. Trotzdem glaube ich, ihn schon gut zu kennen. Wer seinen überwiegend autobiografischen Roman „Das bin ja ich“ kennt, kommt nach den ersten Seiten von Jonas-Komplex nicht umhin zu denken: Das ist ja er. Schon wieder dieser Romane schreibende Ösi-Macho auf seinem Drogentrip durch Wien.

Die Frage, bei der normalerweise alle Autoren mit den Augen rollen, nämlich: Wieviel Autobiografisches steckt in ihren Romanfiguren? Diese Frage kann man sich bei Glavinic sparen, denn es sind auf alle Fälle mehr als 70 Prozent. Ich kenne nur wenige Autoren, die ihr eigenes Leben so hemmungslos in ihren Romanen ausrollen. Die FAZ nennt diesen Seelenstriptease „Die Vermessung des Ichs“, in Anspielung auf den Glavinic-Bro Daniel Kehlmann.

Und so ist es auch in diesem Buch. Einer der drei Protagonisten ist einwandfrei der Autor himself. Nach zwei Romanen und dem Liken seiner Facebookseite, kenne ich die Kneipen, in denen er abhängt, die Orte, wo er sich seine Drogen besorgt, die Saufkumpels und habe sogar eine leise Ahnung, wer die junge erfolgreiche Autorin namens Helen sein könnte, mit der sein Roman-Ego ab und zu ins Bett geht. Ich will das eigentlich alles gar nicht wissen, mir ist das peinlich – zu viel Information. Ich halte mir Augen und Ohren zu und rufe laut: Blumenwiese! Und trotzdem kann man natürlich nicht genug davon bekommen. Wie ein Voyeur liest man immer wieder hin, begleitet die Glavinic-Figur durchs Wiener Nachtleben und wird den ganzen Suff und Dreck auch nach 750 Seiten nicht leid, obwohl man natürlich ganz genau weiß, was passieren wird. Wenn er erstmal ordentlich getankt und gekokst hat, schreibt er wieder Mails an Gott und die Welt, von denen er am nächsten Morgen nichts mehr weiß. Oder er wacht neben irgendeiner wildfremden Frau auf, die eine Lederjacke mit Fransen trägt.

Aber da sind ja noch zwei weitere Protagonisten, nämlich Jonas, ein stinkreicher Sonderling, der extreme Erfahrungen liebt und ein 13-jähriger Jugendlicher aus der Steiermark, der gerne masturbiert und ansonsten sehr gut Schach spielt. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe nicht so richtig verstanden, was Glavinic mir mit dieser Figurenkonstellation sagen will. Irgendwo auf den ersten Seiten und im Klappentext steht: „Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.“

Ok, das klingt zunächst so, als wenn es einem weiterhelfen könnte. Die erste Figur ist natürlich Drogen-Glavinic. Aber ist die zweite Person, die, die er zu sein glaubt, dann Jonas? Oder ist es der junge Schachspieler? Aber wer bitteschön ist dann die dritte Person? Oder ist alles ganz anders und der Glavinic-Darsteller ist die dritte Person, weil er eben ein Darsteller ist, nicht authentisch, sondern die Person, für die andere einen halten sollen.

Mir raucht der Kopf. Ich bekomme da keine Ordnung rein. Das ganze Buch bleibt mir ein Rätsel. Dabei liest es sich noch nicht mal kompliziert oder schwierig. Ganz im Gegenteil, der Roman ist sehr unterhaltsam und leicht verständlich. Nichts Hermetisches, keine frei schwebenden Assoziationen – es liest sich so weg. Andererseits ist er aber sprachlich auch nicht wirklich bemerkenswert. Ich habe keine Formulierungen und Passagen entdeckt, die man sich unbedingt anstreichen muss. Kein besonderer Rhythmus, keine Melodie. Trotzdem clean und sauber formuliert und irgendwie cool und lässig. Und bin mir sicher, dass Glavinic damit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landen wird. Weil er bisher fast immer mit einem seiner Romane dabei war, entweder als Quoten-Macho, als Quoten-Österreicher oder mit diesem Buch als Quoten-Ü-700-Seiter. Verdient hätte er es diesmal alleine für den Jonas-Part und die Figur des Jungen aus der Steiermark. Denn da sind auch noch Wochen nach der Lektüre Bilder im Kopf, die man so schnell nicht mehr los wird. Wie die Expedition zum Südpol, das Betäuben und Aussetzen an irgendwelchen skurrilen und einsamen Orten auf der Welt und natürlich die Pflegemutter, die das Schamhaar des 13-Jährigen nach Sackläusen durchsucht.

Und am Ende frage ich mich: Ist der Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, dass ich nämlich überhaupt nicht weiß, ob ich da ein gutes, ein schlechtes oder einfach nur ein ziemlich durchschnittliches Buch gelesen habe, ob dieser Zustand Zufall ist oder aber ein sehr ansteckendes literarisches Krankheitsbild namens „Thomas-Komplex“.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
752 Seiten, 24,99 €

 

Judith Hermann- Letti Park

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Urlaubsgebräunt und mit hochgesteckten Haaren blickt sie in die Kamera. Auf ihrem neuesten Klapperfoto sieht sie erholt und gleichzeitig müde aus. Sie wirkt irgendwie reifer auf mich, ladylike. Aus dem Fräuleinwunder ist eine gestandene Frau geworden, aus dem gehypten Star der Nullerjahre, eine etablierte Größe im Literaturbetrieb.

Wie nervig muss es sein, wenn man immer wieder mit sich selbst verglichen wird. Mit etwas, was man damals einfach mal so rausgehauen hat.Früher, als alles noch unbeschwert und leicht war, noch ohne die Bürde eines zur Hälfte gelebten Lebens. Wie enttäuschend muss es sein, wenn die Begeisterung bei einem neuen Werk ausbleibt, obwohl man eigentlich viel besser geworden ist. Wenn alles als selbstverständlich erachtet wird – dass man schreiben, mit Sprache spielen, Stimmungsbilder schaffen kann. Wenn nicht mehr auf die 95 Prozent geschaut werden, die gut sind, sondern auf die fünf Prozent, die nicht so ganz so gut sind – beileibe nicht schlecht, ohne Frage besser als viele andere Autoren, aber eben auch nicht so gut, wie man es eigentlich von einer Judith Hermann gewohnt ist. Ganz ehrlich? Bei all dem Blödsinn, der schon über sie geschrieben wurde, würde ich auch nur noch müde in die Kamera lächeln.

Ich will daher gar nicht weiter darauf eingehen, dass auch ich ein großer Judith Hermann-Fan der ersten Stunde bin, dass die „…Gespenster“ und das „Sommerhaus…“ zu meinen Lebenslieblingsbüchern zählen, dass ich mit ihrem dritten Erzählband Alice so gar nichts anfangen konnte, mit ihrem ersten Roman aber umso mehr und dass ich natürlich mit einer sehr, sehr großen Erwartungshaltung ihr neuestes Buch „Letti Park“ aufgeschlagen habe.

Und gleich bei den ersten beiden Geschichten dieses Erzählbandes dachte ich: Was ist das denn? Wo ist die Story, wann geht es endlich los, das kann doch noch nicht alles gewesen sein? Ich nenne mal ein Beispiel: Das Setting der zweiten Geschichte namens „Fetisch“ führt den Leser zu einem Platz mit einer Gruppe Zirkuswagen, irgendwo in der Nähe eines Flusses. Ein Junge setzt sich zu einer Frau ans Lagerfeuer. Sie unterhalten sich, er holt ein Foto, zeigt es ihr und wirft es anschließend ins Feuer. Sie schauen sich an, dann verschwindet er wieder. Ende.

Ich habe diese Geschichte zweimal gelesen, weil ich wissen wollte, ob mir beim ersten Durchgang irgendetwas entgangen ist. Ein wichtiges Detail; etwas, das dieser Geschichte einen Sinn verleiht, rechtfertigt, dass sie überhaupt geschrieben, gedruckt und von mir gelesen wurde. Aber nein, der Plot ist so wie er ist. Übersehen habe ich hierbei nichts, doch beim erneuten Lesen ist mir etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, wie schön das alles geschrieben ist und wie intensiv diese Stimmung am Lagerfeuer rüberkommt, wie kunstvoll Judith Hermanns Bandwurmsätze sind, die einem aber gar nicht so lang vorkommen, weil sie Rhythmus und Drive haben.

Und auf einmal war ich drin in ihren Geschichten, hatte Spaß daran, las mir selber laut vor und war am Ende traurig, dass es nur insgesamt 17 Erzählungen sind. Alles leise, zurückhaltende Einblicke und Spotlights auf Dinge, die sich eigentlich nicht aufzuschreiben lohnen. Alltägliches, Begegnungen, Zwischenmenschliches, das stinknormale Leben in seiner ganzen traurigen Schönheit eingefangen. Ich habe versucht, meiner Frau von diesen Geschichten zu erzählen, doch es gelang mir nicht. Dafür passiert zu wenig, was man erzählen kann. Denn es sind Stimmungsbilder, es ist eine Melodie, die beim Lesen im Kopf erklingt, Assoziationen, die nur ich so habe. Das kann man nicht erzählen, das muss man selber gelesen haben.

Judith Hermanns Prosa hat etwas Lyrisches. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, nicht einfach drauflos geschrieben, sondern sich hineinversetzt, die richtigen Worte liebevoll ausgewählt, arrangiert und anschließend zu kunstvollen Stimmungsbildern verdichtet. Ja, ich hatte beim Lesen tatsächlich das Gefühl, hier wirkliche Kunst zu genießen. Das sind nicht einfach nur Geschichten, wie sie jeder von uns schreiben könnte, das ist wahre erzählerische Dichtkunst, die nur eine etablierte Größe im Literaturbetrieb mit so einer unbeschwerten Leichtigkeit zu Papier bringen kann.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
187 Seiten, 18,99