Die zehn besten deutschen Hörbuchsprecher*innen

Ich habe die Headline zwar brav gegendert, aber wenn man sich die folgende Liste mit meinen liebsten Hörbuchstimmen anschaut, findet man da hauptsächlich Männer. Ich sage das vorher, um den üblichen Kommentaren vorzugreifen. Dabei habe ich mich wirklich bemüht, mehr weibliche Hörbuchsprecherinnen herauszusuchen. Aber es ist mir nicht gelungen. Anders sähe es aus, wenn ich irgendwann mal eine Liste mit den in meinen Ohren gräuslichsten Hörbuchstimmen zusammenstellen würde; hier würde die Frauenquote deutlich höher liegen. Es ist nun mal so, Stimme ist Geschmackssache und ich mag bei Hörbüchern einfach lieber Männerstimmen zuhören. Und da auch Erzählungen mit weiblichen Protagonisten mit männlichen Sprechern funktionieren und das hier mein ganz persönliches Ranking ist, nehme ich das einfach mal als gegeben hin.

Hier also die zehn besten Hörbuchstimmen des Buchreviers:
(Ich habe zu jeder Person ein passendes Video herausgesucht und verlinkt. Einfach auf die Screenshots klicken.)

1. Frank Arnold

Er ist mit Abstand meine Nummer Eins. Es gibt in meinen Ohren keinen besseren, eleganteren, wacheren Sprecher. Keinen, der mir mehr vertraut ist, weil ich fast alles höre, was er spricht. Seine Stimme ist klar und akzentuiert, fast schneidend, aber trotzdem warm und variantenreich –  und man erkennt sie sofort. Und er ist immer auf den Punkt, hochkonzentriert, erlaubt sich keine Hänger und Schludrigkeiten. Und was nur wenige können: Er wertet mit seiner Performance sogar durchschnittliche Bücher deutlich auf. Unübertrefflich meisterhaft ist er als Sprecher der Romane von Anthony Powell und Julian Barnes.

Zuletzt gehört:
Romanzyklus: Der Tanz zur Musik unserer Zeit – Antony Powell
Die einzige Geschichte – Julian Barnes
Der Empfänger – Ulla Lenze

2. Ulrich Noethen

Den Namen und das Gesicht kennt man aus Funk und Fernsehen. Ich mag ihn als Schauspieler, aber noch besser ist er als Hörbuchsprecher. Noethen hat eine Charakterstimme, sehr prägnant, nicht zu tief und nicht zu hoch, mit einem leichten Schnarren. Er kann sie wunderbar modulieren, die Tonlage und Klangfarbe wechseln und verleiht dadurch Dialogen eine sehr lebendige Anmutung. Grandios ist sein Talent, Akzente und Dialekte zu imitieren, wie z.B. den Berliner Dialekt, wunderbar nachzuhören in seiner Version von Falladas „Ein Mann will nach oben“. Wahrlich Meisterhaft ist seine Lesung des Romans „Tyll“ von Daniel Kehlmann.

Zuletzt gehört:

Metropol – Eugen Ruge
Ein untadeliger Mann – Jane Gardam

3. Eva Mattes

Mit Eva Mattes verbinde ich eines der schönsten Hörbucherlebnisse überhaupt. Als Sprecherin der vierbändigen neapolitanischen Saga von Elena Ferrante hat sich die Tatortkommissarin aus Konstanz für immer in mein Herz gelesen. Warm und weich, einfühlsam und sensibel, fordernd und aufbrausend, zänkisch und zeternd – so vielfältig wie die Figuren dieses grandiosen Weltbestsellers, so variantenreich ist das stimmliche Repertoire dieser Sprecherin. Vielleicht liegt es an ihrer für eine Frau eher tiefen Stimmlage, dass ich ihr nahezu unbegrenzt zuhören kann. Sie scheint spezialisiert auf weibliche Autoren. Neben den Romanen von Elena Ferrante leiht sie auch denen von Jane Austen und Siri Hustvedt ihre schöne Stimme.

Zuletzt gehört:
Elena Ferrante – Die neapolitanische Saga Band 1-4
Jane Austen – Stolz und Vorurteil

4. Johann von Bülow

Er ist ein entfernter Verwandter von Loriot und darüber hinaus ein Schauspieler, den man schon in unzähligen TV-Filmen gesehen hat. Derzeit ist er super angesagt und gut gebucht. Man erkennt ihn stimmlich nicht sofort, denn er ist eher der neutrale Erzähler-Typ und hat eine moderne, junge Stimme. Zum Fan bin ich durch seine Interpretation der drei Bände von Vernon Subutex geworden, aber er schafft es auch, Sachbuchthemen wie „Das Evangelium der Aale“ gekonnt in Szene zu setzen.

Zuletzt gehört:
Vernon Subutex – Virginie Despentes
Das Evangelium der Aale – Patrick Svenson
Gott wohnt im Wedding- – Regina Scheeer

5. Torben Kessler

Wie die meisten Hörbuchsprecher ist auch Kessler Schauspieler, mir als solcher aber noch nie aufgefallen. Sein Äußeres ist nicht besonders prägnant, gleiches gilt für seine Stimme, die  angenehm und variantenreich ist, aber nichts wirklich Typisches hat. Und ich glaube, das ist es, was ihn auszeichnet, als Schauspieler und als Hörbuchsprecher. Er steht nicht im Vordergrund, drängt sich nicht auf, will nicht vereinnahmen und dem Text seinen Stempel aufdrücken. Nicht der Sprecher soll wirken, sondern das Buch. Er ist lediglich Interpret, eine Stimme, die Inhalte transportiert – das Medium.

Zuletzt gehört:
Die Nikelboys – Colson Whitehead
GRM Brainfuck – Sibylle Berg
Unter der Drachenwand – Arno Geiger

6. Christian Brückner

 Ich habe lange nachgedacht, ob ich Christian Brückner auf diese Liste setzen soll. Denn ein richtiger Fan dieses wohl berühmtesten und profiliertesten Hörbuch- und Synchronsprechers, der in der Presse auch „The Voice“ genannt wird, bin ich nicht. Aber natürlich gehört er zu den besten Sprechern des Landes und daher darf er hier nicht fehlen. Stimmlich erkennt man ihn sofort und genau da liegt mein Problem. Wann immer ich den Fernseher einschalte, stoße ich beim Zappen irgendwann auf seine sehr männliche, leicht heisere Stimme. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich Robert de Niro, Donald Sutherland und Robert Redford vor mir. Diese Omnipräsenz kombiniert mit seiner sehr prägnanten und akzentuierten Art zu lesen, machen es den Texten schwer, sich gegen ihren Sprecher durchzusetzen.

Zuletzt gehört:

Zeiten des Aufruhrs – Richard Yates
Sechs Koffer – Maxim Biller

7. Burghart Klaußner

Klaußner ist ein sehr klassischer Sprecher. Seine Stimme ist voll und kräftig, und man kann ihn sich auch gut als Shakespeare-Darsteller auf der Bühne vorstellen. Wie er manche Sätze und Wörter betont, Kunstpausen macht und die Lautstärke variiert, das hat schon etwas leicht Altmodisches. Ich mag das ja, aber nur bei Büchern, die auch eher klassisch konstruiert sind, wie zum Beispiel Entwicklungsromane und Familienchroniken. Klaußner schreibt auch selber. Seine kleine Novelle über die letzten Tage des zweiten Weltkrieges hat er natürlich selber eingelesen und ist sehr hörenswert.

Zuletzt gehört:
Olga – Bernhard Schlink
Makarionissi – Vea Kaiser
Vor dem Anfang – Burghart Klaußner

8. Sophie Rois

Diese Stimme polarisiert. Begeisterung oder Ablehnung – dazwischen gibt es nichts. Ich finde sie toll. Eine absolute Charakterstimme, die man sofort erkennt. Sie hat etwas jugendlich Vorwurfsvolles und irgendwie Schnoddriges an sich, wirkt aber gleichzeitig auch auf eine gewisse Weise alt und verlebt. Ich kann es nur schwer beschreiben, aber ich finde diesen Gegensatz äußerst reizvoll und interessant und würde mich freuen, in Zukunft mehr von ihr zu hören.

Der Zopf meiner Großmutter – Alina Bronsky
Baba Dunja letzte Liebe – Alina Bronsky

9. Gert Heidenreich

Er ist der Sprecher für die ganz großen Romane. Ob Tolkien, Eco, Hesse oder Suter – Heidenreich leiht allen seine volle, ruhige Stimme. Mein erstes von ihm gesprochenes Hörbuch war Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrigblieb“ und damit hat er mich sofort überzeugt. Er hat die distinguierte, elegante und sehr beherrschte Stimmung dieses Romans perfekt wiedergegeben. Heidenreich ist selber Autor und spricht natürlich die Hörbuchfassungen seiner Romane selbst.  Gelesen oder gehört habe ich davon aber bisher noch nichts. Er ist übrigens der Ehemann von Elke Heidenreich.

Zuletzt gehört:

Der begrabene Riese – Kazuo Ishiguro
Was vom Tage übrig blieb – Kazuo Ishiguro
Die Zeit, die Zeit – Martin Suter

10. Britta Steffenhagen

Steffenhagen ist Journalistin und Radiomoderatorin und eine der weiblichen Sprechstimmen, die ich zwar nicht besonders bemerkenswert finde, aber gerne mag. Sie wirkt sehr ernst und konzentriert, wenn sie spricht und hat eine gewisse Strenge und Kälte in ihrer Stimme. Das passt perfekt zu den beiden Hörbüchern von Celeste Ng, die ich mir sehr gerne von ihr habe vorlesen lassen. Mehr habe ich von ihr bisher noch nicht gehört, denn sie leiht ihre Stimme überwiegend Krimis und Unterhaltungsliteratur.

Zuletzt gehört:
Kleine Feuer überall – Celeste Ng
Was ich Euch nicht erzählte – Celeste Ng

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Und als Zugabe, hier noch eine kleine Extraliste:

Beste Autorenstimmen

Man sollte denken, dass Autor/innen ihr Werk selbst am besten interpretieren können. Doch wer öfter auf Autorenlesungen geht, weiß, dass gut schreiben zu können nicht unbedingt bedeutet, auch gut vorlesen zu können. Diese sechs Autor/innen aber können es und sind die perfekten Sprecher/innen ihres eigenen Hörbuchs.

Felix Lobrecht – Sonne und Beton
Karen Köhler – Miroloi
Katja Oskamp – Marzahn mon Amour
Matthias Brandt – Blackbird
Benjamin von Stuckradt-Barre – Panikherz
Lutz Seiler – Stern 111

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Titelfoto: Gabriele Luger

17 Kommentare

  1. Eine gute Liste, die da zusammengekommen ist. Es ist spannend, wie sehr sich da die persönlichen Vorlieben auch unterscheiden. Ulrich Noethen ist mir z.B. etwas zu träge. Wen ich dagegen toll fand, war Helmut Qualtinger, von dem ich eine großartige Fassung des Schwejk gehört habe – auch, oder gerade weil man das Österreichisch stark heraushört.

    Ich bin im übrigen ganz auf deiner Seite, was die Sache mit den Geschlechtern angeht. Ab einer bestimmten Dauer sind tiefere Stimmen aus irgendeinem Grund einfach angenehmer, während höhere irgendwann anstregend werden. Wäre interessant, ob das damit zu tun hat, dass wir beides Männer sind, oder ob Frauen das ähnlich empfinden.

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  2. frank arnold ist großartig. ich hörte ihn auf der lesung von tomas espedal im letzten jahr beim literaturfestival. seither bin ich auch großer fan. es war beeindruckend, was er mit den worten gemacht hat.
    seine wirkung aufs publikum und auf mich habe ich in einem gedicht festgehalten.
    https://stadtzottel.wordpress.com/2019/09/24/tomas-espedal-in-berlin-2/
    solltest du den link nicht haben wollen, einfach löschen.

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      1. ich habe eben mal geschaut und kanns leider nicht bei youtube finden. solltest du einen link haben, würde mich das sehr freuen. vielleicht meintest du ja auch ein hörbuch? (und nicht bei youtube)?

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  3. Eva Mattes in Stolz und Vorteil finde ich einfach nur gut. Ich habe das Hörbuch schon so oft gehört und kann es immer wieder hören. Bei langen Flügen lausche ich gerne diesem Hörbuch, da macht es auch nichts, wenn man zwischendurch mal weg schlummert. Es lässt einfach die Zeit viel schneller rumgehen.
    Zu meinen ganz persönlichen Top Ten würde ich noch Karonline Mask von Oppen zählen. Durch meine Vorliebe zu schnulzigen Liebesromanen bin ich inzwischen sehr mit ihrer Stimme vertraut und kann ihr stundenlang einfach nur zuhören und genießen.
    Vielen Dank für deine Hörbuchempfehlungen, gerade bei den männlichen Stimmen werde ich mal reinhören.
    LG Kerstin

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  4. Wie Unterschiedlich die Geschmäcker sind, da ist nicht einer meiner Favoriten dabei.
    Aber vermutlich liegt das daran, dass man da etwas in einer Bubble steckt und einige Sprecher eben hauptsächlich bestimmte Themen bedienen.
    Ich lese/höre hauptsächlich Thriller und historische Romane, etwas Fantasy.

    Meine Top-Sprecher sind:
    David Nathan
    Simon Jäger
    Uve Teschner
    Laura Marie
    Achim Buch
    Robert Frank
    Mathias Koeberlin
    Sascha Rotermund

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  5. Eine schöne Liste und fast volle Zustimmung zu jeder der pointierten Beschreibungen. Nur Gert Heidenreich kommt mir selten ins Ohr – das ist mir doch deutlich zu langsam und zu pastoral.

    Weitere Vorschläge für anspruchsvolle Hörer : Wer Sophie Rois nicht nur erträgt, sondern genießt, sollte alles von OSKAR WERNER suchen. Eva Matthes hätte in HANNAH HERZSPRUNG eine echte Stimmschönheit als Konkurrenz, wenn die doch bloß mehr einsprechen würde. DIETMAR WUNDER und UVE TESCHNER sind große Meister wenn es um Spannungsaufbau und Thriller-Stimmung geht. Sie bringen wirklich Actionkino in den Kopf. DAVID NATHAN hat bei mir wegen einer bestimmten Art der Überakzentuierung zuletzt etwas gelitten, aber gute Stephen King Bücher haben keinen besseren Interpreten. Immer wieder ULRICH MATTHES. Das ist einfach große Kunst. Im besten Sinne echte „Erzähl-Onkel“ bleiben HANS PAETSCH und GERT WESTPHAL. Manchmal höre ich insbesondere den zweitgenannten, einfach um mal wieder das Gehör zu eichen, um zu erinnern, was mit Stimme und Interpretation bestenfalls erreicht werden kann.
    Zum Abschluss noch eine weitgehend Unbekannte, die ich selbst noch weiter zu entdecken habe, die mir aber gerade richtig viel Spaß gemacht hat in die ich als eine der wenigen Frauenstimmen auf meiner erweiterten Bestenliste habe : SANDRA BORGMANN

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    1. Danke für die weiteren Empfehlungen. Oskar Werner ist tatsächlich ziemlich außergewöhnlich – erinnert im erregten Zustand fast ein wenig an Klaus Kinski.

      Eine Frage habe ich noch: wie sind Sie auf meinen Beitrag gestoßen? In letzter Zeit ist das hier der mit Abstand meistgelesene Text.

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      1. Ich habe tatsächlich aktiv nach „Den besten Hörbuchsprechern“ o.ä. gesucht, einfach weil ich in meinem Umfeld wenig Gleichgesinnte zum Austausch habe. Zuletzt hatte ich das Gefühl doch oft bei den gleichen, für mich herausragenden Sprechern zu landen, denn schon nur „gute“ Sprecher haben bei mir keine Chance – egal wie stark der Text ist.
        Tipps, bei denen mir noch ungekannte Sprecher in einem Atemzug mit bereits geschätzten genannt werden, sind eine gute Quelle.

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  6. Brauchbare Liste!
    Mir fehlt jedoch „mein“ Liebling: Ulrich Matthes!
    Und wen ich als Schauspieler sympthisch und überzeugend finde, aber als Hörbuchsprecher einschläfernd: Joachim Krol – Ich habe einen von ihm gesprochenen Krimi von Deon Meyer schliesslich noch als Print gekauft, weil ich beim Anhören enorm gelangweilt war…Und es lag nicht am AUTOR 🙂
    Tina

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    1. Ulrich Matthes ! Natürlich !! Es ist schon verrückt, wenn man seine Liste zusammenstellt und dann doch wieder an einen Namen erinnert wird und denkt, „wie konnte ich DEN/DIE vergessen ?
      Da alles zeigt nur unser Luxusproblem : So viel Gutes, soviel Unverzichtbares um uns herum, das es fast nicht möglich ist sie zu gegerbten. Und dann wieder : Warum solle man sich auch begrenzen ? Es ist soviel da draußen. Bekanntes und (noch) Unbekanntes.

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