T.C. Boyle – Wassermusik (Hörbuch)

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In einem meiner schönsten Tagträume sitze ich als Kandidat in der Sendung „Wer wird Millionär“, schlage mich tapfer und komme tatsächlich bis zur 1-Million-Euro-Frage, die da lautet: Welcher schottische Entdecker hat den Verlauf des afrikanischen Flusses Niger erforscht? a – Luno Garden, b – Bilbo Forrest, c – Mungo Park oder d – Dodo Jungle?

Und dann schmunzele ich in mich hinein, tue so, als müsste ich überlegen, schließe Dodo Jungle schon mal aus, sage dann aber klar und bestimmt „c“. Und natürlich ist das richtig, die Fanfare ertönt, das Lametta kommt von der Decke, und ich bin tatsächlich Millionär. Und wem habe ich das zu verdanken? Niemand anderem als T.C. Boyle, ohne dessen Roman „Wassermusik“ ich niemals von Mungo Park, dem großen, aber ziemlich unbekannten schottischen Entdecker erfahren hätte.

Wassermusik ist 1981 erschienen und eines der ersten Bücher des US-amerikanischen Vielschreibers, wenn nicht sogar sein Debüt. Für mich war es erst mein zweiter Boyle. Wie schon „Das Licht“ habe ich auch diesen Roman nicht gelesen, sondern gehört. Und das waren über 20 Stunden Genuss pur, sehr angenehm und variantenreich gelesen von Stephan Kaminski.

Wieder hat Boyle eine historische Figur zum Romanhelden erkoren – bei seinem letzten Roman war es Timothy Leary und hier eben Mungo Park – ihr Leben nacherzählt, bisschen was weggelassen, bisschen was dazugedichtet und so ein überaus unterhaltsames und modernes Stück Prosa abgeliefert. Ich habe gerade mal bei Wikipedia geschaut; diese Herangehensweise scheint typisch für Boyles Themenfindung zu sein, womit er dem historischen Roman in den USA wieder zu neuem Ansehen verholfen haben soll.

Auch wenn das gattungstechnisch sicher richtig ist, aber „Wassermusik“ und auch „Das Licht“ haben beide so gar nichts von dem, was ich klassischerweise mit einem historischen Roman verbinde. Keine nüchterne Nacherzählung geschichtlicher Ereignisse, keine Reflektion von Gewesenem, sondern sehr lebendige Charakterstudien handelnder Figuren, die vom Typus immer noch zeitgemäß sind. So einen Mungo Park, der nach Ruhm und Anerkennung lechzt und dafür alles zu opfern bereit ist, oder ein Ned Rise, ein echtes Stehauf-Männchen, mehrfach totgeglaubt und immer wieder auferstanden. Solche Typen findet man auch heute noch überall. Und verbunden mit Boyles souverän schnörkelloser und lebendiger Erzählsprache hat man überhaupt nicht das Gefühl, sich mit etwas Unzeitgemäßem zu beschäftigen.

Aber bei aller Modernität – das Gefühl, sich beim Lesen oder Hören im späten achtzehnten Jahrhundert zu befinden, ist trotzdem da. Man riecht förmlich den Gestank in den Straßen des Senegals, spürt die Hitze der sengenden Sonne Afrikas genauso wie die feuchte und kühle Landschaft Schottlands und das lebhafte Treiben in Edinburgh und London. Die Lesestimmung von Wassermusik ist sehr vergleichbar mit den Romanen von Charles Dickens.

Ein 21,5 Stunden langes Hörbuch ist natürlich ein Brett und erfordert etwas Durchhaltevermögen. Doch aufgrund des sehr interessant konstruierten Erzählgerüstes, kommt zu keiner Minute Langeweile auf. Neben den beiden Hauptprotagonisten Mungo Park und dem kleinkriminellen Lebenskünstler Ned Rise erzählt Boyle auch die Geschichte zahlreicher Nebenfiguren, was einerseits sehr auflockernd ist, andererseits eine andere Sicht auf die Hauptcharaktere ermöglicht. Highlights sind natürlich die beiden Expeditionen nach Afrika mit beeindruckenden Beschreibungen von Landschaft und Natur, den Sitten und Gebräuchen der Einwohner, den Strapazen auf der Reise durch unbekanntes und feindliches Terrain, den vielen Missverständnissen, den daraus resultierender Katastrophen und natürlich dem extremen Rassismus auf beiden Seiten.

Fazit: ein tolles Buch, ein denkwürdiges Hörerlebnis und ganz bestimmt nicht mein letzter Boyle.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Sprecher: Stephan Kaminski
Übersetzt von Dirk van Gunsteren
21 h, 34 Min, 9,95 € bei Audible (Hörprobe)

 

5 Antworten auf „T.C. Boyle – Wassermusik (Hörbuch)

  1. Wie schön, dass du T.C. Boyle (für dich) entdeckt hast! Viel Spaß mit dem nächsten Boyle-Buch. Weißt du schon, welches das sein wird? Liebe Grüße!

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  2. Ich sollte mal wieder zu einem Boyle greifen. Vielleicht auch zu diesem Buch. Es liest sich spannend, was du schreibst. Zumal ich in der letzten Zeit gern zu historischen Romanen gegriffen habe. Ich sehe es ähnlich wie du, man kann aus guten Bücher dieser Art viel lernen über die jeweilige Zeit. Danke für den Tipp. Viele Grüße

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