„Ich habe nur gute Erfahrungen mit Bloggern gemacht.“

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Alexa Hennig von Lange ist eine der bekanntesten Autorinnen ihrer Generation und in diesem Jahr Mitglied der Fachjury beim Blogbuster-Preis. Ich habe mich mit ihr über das Schreiben, die Schwierigkeiten, den richtigen Verlag zu finden und die Rolle von Blogs und Social Media ausgetauscht. Bei ihrer Antwort auf die Frage, welche Blogs sie selber liest, stockte mir für einen Moment der Atem. Ich schwöre, sie hat das wirklich gesagt.  

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Buchrevier: Was hat dich an der Aufgabe gereizt, in der Jury des Blogbuster-Preises mitzumachen?

AHvL: Mich interessieren grundsätzlich erzählerische Texte. Ich finde es spannend, wie sich der jeweilige Autor seinem Thema nähert und daraus kann ich immer wieder auch für mich Erkenntnisse ableiten. Gleichzeitig fühle ich mich in meiner Funktion als Jurymitglied natürlich auch an meine schreiberische Anfangszeit erinnert, in der ich darauf hoffte, dass irgendjemand, der nicht meine Mutter oder mein Vater ist, mein Manuskript liest und mir mitleidlos seine Eindrücke mitteilt.

Wie war das in den Neunzigern, als du das Manuskript deines Debütromans Relax fertig hattest? Hast du damals sofort einen Verlag gefunden oder musstest du auch lange suchen?

Meine beste Freundin hat mir damals geholfen, einen geeigneten Verlag für mein Manuskript zu finden. Das heißt, meine Freundin hat sich die Programme von verschiedenen Verlagen angesehen und dann zu mir gesagt: „Da musst Du jetzt Deinen Text hinschicken.“ Ich selbst wäre nie so pfiffig gewesen. Auf diese Weise bin ich sehr zügig an meinen ersten Verlag gekommen. Ich bin meiner Freundin noch heute dankbar für diese Hilfe.

Ist es heutzutage eher leichter oder schwerer mit einem Romanmanuskript bei einem Verlag unterzukommen?

Ich denke, es ist genauso leicht oder schwer wie vor zweiundzwanzig Jahren. Ich bin sicher: ein ansprechendes Manuskript wird auch verlegt. Nur ist die Masse an Neuerscheinungen inzwischen enorm. Davon sollte man sich nicht beirren lassen.

Braucht man in Zeiten des Selfpublishings überhaupt noch einen Verlag?

Das kann ich ganz schwer beantworten. Dazu kenne ich mich einfach zu wenig mit Selfpublishing aus. In jedem Fall kann ich sagen: Ich liebe meinen Verlag und ich bin unendlich froh, dass ich bei Dumont mein schreiberisches Zuhause gefunden habe. So bin ich in ständiger Auseinandersetzung über meine Gedanken, Ideen und Überlegungen. Das ist natürlich ein sehr progressiver Prozess.

Der Buchmarkt hat sich extrem gewandelt. Ist es in deinen Augen überhaupt noch attraktiv (finanziell und in Sachen ‚fame‘) Buchautor/in zu sein? Würdest du deinen Kindern dazu raten?

Ich schreibe ja nicht zuerst für die Berühmtheit, sondern weil ich nicht anders kann. Das Schreiben ist so eng mit mir verwoben, dass ich es nicht von mir trennen kann. Daher muss ich unter Umständen auch damit leben, wenn ein Buch mal nicht so gut funktioniert. Als Schriftsteller lernt man sehr schnell, dass dieser Beruf absolut wechselhaft ist. Und mit dieser Wechselhaftigkeit lernt man zu existieren. Das hilft auch in anderen Lebensbereichen. Ich würde meinen Kindern immer dazu raten, wenn ich spüre, dass das Schreiben ihre Erfüllung ist.

Wie schätzt du generell die Bedeutung von Bloggern/Instagrammern/Youtubern bei der Literaturvermittlung ein?

Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht mit Bloggern, Instagrammern und Youtubern. Ich freue mich, dass es diese Verbreitungs- und vor allen Dingen Rezensionsmöglichkeiten gibt. Sie sind sehr direkt und geben mir als Schreiber schnell Rückmeldung dazu, wie meine Bücher empfunden und verstanden werden. Das sind für mich gute Reflektionshilfen, da sie oft spontan, ernsthaft und doch intuitiv sind.

Gibt es Blogs/Kanäle, die du selber verfolgst? Wenn ja, warum?

„Buchrevier“ lesen mein Mann und ich regelmäßig, weil dort die Bücher auftauchen, die uns interessieren, und die auf eine Art und Weise gelesen und rezensiert sind, dass die Besprechungen einen mehrschichtigen Eindruck vermitteln. Ansonsten lese ich auf Instagram immer wieder Kurzrezensionen, so bekomme ich noch allerhand Neuerscheinungen mit. Allerdings muss ich sagen, dass ich aus Zeitgründen generell begrenzte Lesekapazitäten habe.

Du bist als Autorin auf Social Media sehr aktiv. Ist das für Dich ein Marketing-Instrument? Oder, was ist Dein Antrieb dabei?

Interessante Frage. Auf der einen Seite ist es natürlich ein Marketing-Instrument, auf der anderen Seite ist es eine Möglichkeit, von meinen Leserinnen und Lesern zu erfahren, wie sie mein jeweiliges Buch gelesen und interpretiert haben. Das vergrößert mein Verständnis für mein Schreiben. Ähnlich wie die Fragerunden nach Lesungen. Für mich unverzichtbar. Da lerne ich eigentlich erst mein jeweiliges Buch richtig kennen.

Wie wichtig ist die Persönlichkeit des Autors für den Erfolg eines Buches? Sollte man sich politisch äußern, Themen besetzen, Gesicht zeigen?

Das muss jeder für sich selbst herausfinden und entscheiden. Früher kam es mir unerlässlich vor, ständig irgendwo aufzutauchen. Heute ist dieses Bedürfnis kaum noch vorhanden. Ich finde es schön, mich auf mein Schreiben konzentrieren zu können und mit meinen Büchern hoffentlich all das zu erzählen und zu reflektieren, was mich gedanklich wie gefühlsmäßig beschäftigt, somit gesellschaftliche Bewegungen zu erfassen und gleichzeitig meinen Leserinnen und Lesern in ihrem Erleben und Empfinden aus dem Herzen zu sprechen. Und mich darüber mit ihnen zu verbinden.

 

Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

Kinder, eine eigene Familie, ein schönes Haus mit Garten und netten Nachbarn. Wer träumt nicht davon? Sehr viele tun das. Und das obwohl sie immer wieder hören, dass es nicht immer so idyllisch und harmonisch ist, wie man es sich in seiner Unerfahrenheit ausgemalt hat, dass es wahrlich kein Zuckerschlecken ist, dass es sogar manchmal ziemlich schlimm sein kann. Ja, man hört und liest so manches. Kann passieren, ja, durchaus – aber doch nicht bei mir. Nicht wir beide. Wir werden es allen zeigen, machen alles anders, alles besser, alles schön.

Menschen denken so, weil sie nicht anders können. Es ist ihnen angeboren, das zu denken, genau das zu wollen. Und das ist gut so. Denn würden sie das nicht tun, dann hätten wir alle keine Zukunft. Dann würde keiner mehr etwas anders, besser oder schön machen. Und ohne diese sich wider alle Vernunft ständig selbst nährende Hoffnung wäre alles aus. Kein Einfamilienhaus, keine gepflegten Gärten, keine SUVs in Garageneinfahrten, keine Nachbarn, die schon wieder in den Urlaub fahren. Nichts.

In ihrem ersten Nicht-Jugendbuch seit langer Zeit führt Alexa Hennig von Lange ihre Leser genau in diese Welt. In eine dieser klassischen Neubau-Siedlungen am Rande der Stadt, mit schicken Häusern, in denen schicke Menschen wohnen, die alles irgendwann mal auch anders, besser und schöner machen wollten. Bis sie irgendwann einsehen mussten, dass sich so eine Immobilienfinanzierung nicht von alleine trägt, dass man Karriere entweder ganz oder gar nicht und nicht nur ein bisschen machen kann, dass mit dem zweiten Kind die Probleme nicht abnehmen, sondern sich verdoppeln, dass man plötzlich weniger Sex hat, als ein verpickelter Teenager und man irgendwann realisiert, dass nichts auch nur annähernd anders, besser, geschweige denn schöner ist, als das was sie nie wollten.

Das ist das Setting, in dem Rita und Ulla mit Ihren Männern und den Kindern Johannes, Klara und Lexchen wohnen. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive des jeweiligen Kapitel-Protagonisten, was den Lesefluss immer wieder unterbricht. Es hat etwas gedauert, bis ich die Kinder und Männer den jeweiligen Müttern zuordnen konnte. Daher hat das Buch auch erst spät Fahrt aufgenommen, was ich aber gerne in Kauf genommen habe, da es sprachlich wirklich überzeugend ist und immer wieder mit Passagen aufwartet, die einen zustimmend nicken und schmunzeln lassen.

Man merkt, dass Alexa Hennig von Lange, die Ende der 90er-Jahre zusammen mit Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre und Judith Herrmann zu den erfolgreichsten deutschen Pop-Literaten zählte, weiß wovon sie schreibt. Mit mittlerweile fünf eigenen Kindern sollte sie das auch. Die wilden Zeiten, von denen ihr 1997 erschienener Debütroman „Relax“ handelt, sind genauso Vergangenheit wie die jungen Jahre ihrer Protagonistinnen Ulla und Rita. Die eine, eine talentierte und vielversprechende Architektin, die andere…, ja was? Ich habe es vergessen. Wahrscheinlich jung und hübsch und voller Tatendrang. Und dann landen beide mit Kind und Kegel in dieser Siedlung. Und plötzlich ist die Welt eine andere, fokussiert und zielgerichtet aber gleichzeitig auch eng und beklemmend. Die Kinder, das Haus und die Nachbarn, die das alles kritisch betrachten, vergleichen, bewerten. So wie es auch Ulla und Rita machen, so wie es alle machen, die sie kennen.

Was in dieser Siedlung passiert, ist nicht wirklich außergewöhnlich. Mitten durch die Reihen schicker Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten läuft auch hier der „Boulevard Of Broken Dreams“. Man blickt auf makellose Putzfassaden, hinter denen sich die üblichen kleinen und großen Familiendramen abspielen. Die üblichen Probleme mit Pubertierenden, jüngeren Geschwistern, die nebenher laufen, häuslicher Gewalt, junger Liebe, außerehelichen Begehrlichkeiten und sogar einer Vergewaltigung.

Der permanente Wechsel des Betrachtungswinkels von Figur zu Figur relativiert die Geschehnisse in einigen Punkten, lässt das Szenario aber nicht weniger bedrohlich erscheinen. Am Ende schüttelt der junge Leser wahrscheinlich nur noch den Kopf, um für sich zu beschließen, es später einmal ganz anders, besser und schöner zu machen. Und der ältere Leser denkt, dass er es im Vergleich zu Rita und Ulla ja noch ganz gut hinbekommen hat, mit den Kindern, der Familie, dem schönen Haus und den Nachbarn. Und so kann und wird es ewig weitergehen. Immer wieder und immer wieder neu.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Dumont
224 Seiten, 20,00 Euro