Die Sprache ist mir wichtiger als der Plot

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Ende Juli wurde bekannt, dass Shida Bazyar für ihr Romandebüt „Nachts ist es leise in Teheran“ den mit 10.000 Euro dotierten Ulla-Hahn-Autorenpreis der Stadt Monheim am Rhein verliehen bekommt. Nach dem Urteil der Jury ist das Buch nicht nur ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion sondern einfach ein Stück großartige Literatur. Ich habe es im Frühjahr gelesen und bin der gleichen Meinung. Auf der Buchmesse in Leipzig habe ich die Autorin zu einem Interview getroffen.

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Dein Debütroman ist seit Ende Februar auf dem Markt. Wie läuft es denn?

Das ist eine typische Frage.  Ich kann es aber gar nicht so klar beantworten, denn ich habe ja keinen Vergleichswert. Also für mich läuft es gut. Es gibt Aufmerksamkeit von der Presse, es gibt Anfragen für Lesungen – also besser kann ich es mir nicht vorstellen.

In deinem Buch geht es um die derzeit sehr aktuellen Themen „Flucht“ und „Migration“ und deswegen erfährt „Nachts ist es leise in Teheran“ noch einmal eine besondere Beachtung. Findest Du das gut oder stört dich dieser aktuelle Trend-Bezug eher?

Einerseits finde ich es gut, dass sich Menschen jetzt für diese Geschichten interessieren, medial darauf aufmerksam gemacht werden und gar nicht drum herum kommen, sich damit auseinander zu setzen. Auf der anderen Seite ist es auch ein merkwürdiges Gefühl. Denn die Geschichten sind nicht neu. Warum hat das bisher niemanden interessiert? Das hat so einen Beigeschmack, denn es sind ja Lebensrealitäten, die seit 20-30 Jahren aktuell sind und keine Trends.

Könntest Du dir vorstellen, dass dein Roman vor einem Jahr, vor der Flüchtlingskrise, auch so eine Aufmerksamkeit bekommen hätte?

Ich wünsche mir natürlich, dass Bücher in erster Linie wegen ihrer literarischen Qualität Aufmerksamkeit bekommen. Auch Abbas Khider, Senthuran Varatharajah oder Pierre Jarawan – das sind die Namen, die in diesem Zusammenhang immer genannt werden – haben ein Stück Literatur geschaffen und sollten dafür Aufmerksamkeit bekommen, aber nicht wegen des Labels, das darüber steht. Aber ja, vor einem Jahr wäre es bestimmt nicht so schnell gegangen.

Die Flucht aus dem Iran und die Migration in Deutschland ist sehr nah an deiner eigenen Biografie. Ist „Nachts ist es leise in Teheran“ die Geschichte, die du schon immer schreiben wolltest?

Ich bin nicht so strategisch an die Sache herangegangen, habe mir nicht vorgenommen, jetzt meinen Debütroman zu schreiben. Ich habe einige Dinge ausprobiert, mich zwei, drei Jahre an Themen und Perspektiven herangetastet und dabei auch schon einige Figuren, die dann später im Roman eingeflossen sind, in Kurzgeschichten angelegt.

Du hast ja in Hildesheim literarisches Schreiben studiert, arbeitest aber jetzt im sozialen Bereich. Warum?

Ja genau. Ich habe mein Studium abgeschlossen, wusste aber, ich will beides machen. Ich will einen Roman schreiben, will aber nicht nur Schriftstellerin sein. Auch wenn immer wieder Leute sagen, wenn es mit dem Buch läuft, dann brauchst du den anderen Job gar nicht mehr zu machen. Aber es geht mir nicht ums Geld. Ich finde meine beiden Berufe großartig und möchte das in Kombination miteinander machen.

Angenehm habe ich beim Lesen empfunden, dass du das Thema „Islam“ sehr zurückhaltend und fast schon beiläufig behandelt hast. Das ist bei einer islamischen Republik, wie es der Iran ist, nicht einfach. Hast du den Glauben bewusst ausgeklammert, weil religiöse Themen immer heikel und vielleicht sogar gefährlich sind?

Gefährlich ist der Roman sowieso schon. Keiner weiß, wie die iranische Regierung ihn auffasst und ob ich da je wieder hinreisen kann. Insofern ist der Drops schon gelutscht – unabhängig davon, ob ich jetzt mehr oder weniger explizit geworden wäre. In dem Roman spiegelt sich meine Sicht der Dinge wider. Einerseits eine klare atheistische Grundhaltung, andererseits aber auch großer Respekt Leuten gegenüber, denen ihr Glauben am Herzen liegt. Ich habe das selber gar nicht in mir, schlecht über den Islam zu reden. Ich denke noch nicht einmal groß drüber nach, weil mich das Thema nicht interessiert.

Bist Du der Meinung, dass es im Iran in den nächsten Jahren noch einmal eine Revolution geben könnte und eine Demokratie nach westlichem Vorbild etabliert werden könnte?

Ich glaube daran, dass das passiert. Ich weiß aber nicht, ob das in den nächsten Jahren sein wird. Ich bin auch schlecht in Prognosen, wüsste auch gar nicht, woran ich das festmachen könnte. Wenn Revolutionen passieren, ist das ja häufig sehr überraschend mit vermeintlich kleinen Auslösern. Ich wünsche es mir natürlich sehr, dass das im Iran passiert und glaube auch nicht, dass sich so ein Regime noch viel länger halten kann. Denn irgendwann siegt immer die Gerechtigkeit.

Du bewegst dich sprachlich auf einem sehr hohen, fast schon virtuosen Niveau. Lernt man das in Hildesheim?

Ich habe sehr früh mit dem Schreiben angefangen und schon als kleines Kind viel Spaß daran gehabt, meine eigenen Worte wahrzunehmen und sie zu setzen und einen eigenen Rhythmus zu finden, mich dem hinzugeben und Geschichten entwickeln zu lernen. Also, diese Freude war schon immer da. Das Studium in Hildesheim hat mir dabei geholfen, den Blick auf mein eigenes Schreiben, die Umgebung und die Literatur zu schärfen. Man lernt dort kein Handwerkszeug. Es ist ja nicht so, dass man dort gesagt bekommt, das darf man und das darf man nicht schreiben. Es ist vielmehr ein sehr intensiver Umgang mit Literatur, immer mit dem Blick darauf: Wie ist das gemacht?

Was ist dir bei deinem Roman wichtiger? Die Sprache oder der Plot?

Mit kommt es mehr auf die Sprache an. Weil es das ist, was mich beim Schreiben am meisten interessiert. Durch die Sprache entsteht erst der Plot. Also, ich sitze am Schreibtisch und tippe, bin in meinem Rhythmus und habe irgendwann den Ton gefunden –  dann ergibt sich alles.

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Hier geht es zur Buchrevier-Rezension von „Nachts ist es leise und Teheran“

 

Ulla und die endlose Stadt

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Vor einigen Wochen habe ich mich in Düsseldorf mit der Schriftstellerin Ulla Lenze zum Interview getroffen. Sie wurde 1973 am Niederrhein in Mönchengladbach geboren, hat in Köln Philosophie und Musik auf Lehramt studiert, aber nie als Lehrerin gearbeitet. Vier Romane hat Ulla Lenze bisher veröffentlicht. Der erste Roman „Schwester und Bruder“ erschien 2003 und wurde gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Jürgen-Ponto-Preis für das Romandebüt des Jahres. Danach kam 2008 der Roman Archanu, im Jahr 2012 folgte „Der kleine Rest des Todes“ und im Februar 2015 erschien der aktuelle Roman „Die endlose Stadt“.

Buchrevier: Welches Buch ist Dein bisher erfolgreichstes? Welches ist dein persönlicher Liebling?

Ulla Lenze: Wenn man da jetzt ganz äußerlich herangehen würden, dann ist das der Debütroman. Er hat drei Literaturpreise erhalten. Wenn ich jetzt anders herangehe und schaue, welches Buch die interessantesten Kritiken bekommen hat, dann ist es „Der kleine Rest des Todes“. Dieses Buch hat sehr viele und gute Besprechungen bekommen. Und auch das neue Buch „Die endlose Stadt“ hat Kritiken bekommen, aus denen ich teilweise viel lerne. Die Frage nach dem liebsten Buch ist schwierig zu beantworten. Man hängt an jedem Buch auf seine Weise. Was man zuletzt geschrieben hat, ist aber meistens das, was einem am Nächsten steht.

Buchrevier: Du gibst ja momentan viele Interviews, denn „Die endlose Stadt“ ist ja noch ganz frisch auf dem Markt. Hast Du Killerfragen? Das heißt Fragen, die Dir zum Hals raushängen, die Du nicht mehr hören willst, hören kannst?

Ja, die gibt es. Ich muss aber sagen, dass es wichtig ist, trotzdem gute Antworten zu geben, auch auf Killerfragen. Und oft sind diese Fragen auch ganz unschuldig gestellt, mit dem Wunsch, mehr zu erfahren vom Autor. Und auch grad die typische Frage nach dem Autobiografischen, die kommt ja eigentlich immer und bei jedem Autor. Dahinter steckt so ein Verlangen nach Authentizität. Das heißt, man möchte sich in Sicherheit wiegen, will dass der Autor das alles auch wirklich kennt und erlebt hat und einem nichts vom Pferd erzählt.

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Buchrevier: Ich versuche mal, eine Killerfrage zu stellen. Du hattest Stipendienaufenthalte in Istanbul und in Mumbai. Und just an diesen beiden Orten spielt die Handlung deines aktuellen Romans „Die endlose Stadt“. In diesem Zusammenhang fällt dann schon mal der Begriff ‚Stipendiatenprosa’. Ärgert dich das?

Wenn Du mir erklären kannst, was ‚Stipendiatenprosa’ ist?

Buchrevier: Ich dachte, Du kannst mir das erklären.

Nein, ich Rätsel ja schon ganz lange, was das sein soll. Dazu ist ja auch eine kleine Debatte entstanden, weil das eigentlich niemand weiß. Und das ist ein typisches Beispiel dafür, wie Kritiker einfach ein Wort nehmen und so tun, als würde es irgendetwas bedeuten. Aber es bedeutet rein gar nichts. Also der Hintergrund ist der, dass mal als Autor zu einem Aufenthaltsstipendium eingeladen wird und dort schreiben kann, was man will. Man hat keine Auflagen, man muss am Ende nicht irgendetwas abgeben. Natürlich freuen die sich, wenn man tatsächlich auch etwas schreibt. Also, man bekommt zwar den Aufenthalt bezahlt, aber man ist absolut frei. Insofern verstehe ich nicht, was Stipendiatenprosa bedeuten soll.

Buchrevier: Also ich verstehe darunter Folgendes: Man liest im Klappentext, dass Du Stipendien in Istanbul und in Mumbai hattest und stellt dann fest, dass die Handlung des Romans just dort spielt. Dann denkt man sich: wenn das nächste Stipendium vom Ruhrgebiet oder der Bodenseeregion kommt – spielt dann der nächste Roman auch dort?

Aber die Reihenfolge ist ja umgekehrt. Ich bewerbe mich ja auf einen Ort, der mich interessiert, das ist die Reihenfolge. Ich bewerbe mich, weil ich über Istanbul etwas machen will, für ein Istanbul-Stipendium und fahre dort hin.

Buchrevier: Ach, Du hast Dich darum offiziell beworben?

Ja, natürlich, und genauso war es auch mit Mumbai. Und dazu muss ich sagen: ich habe gerade mit Indien so eine lange Geschichte, die ist jetzt schon 27 Jahre alt. Ich würde auch nicht zwangsläufig über Orte schreiben, von denen ich keine Ahnung habe. Ich war zum Beispiel letztes Jahr in Venedig. Zwei Monate mit einem Aufenthaltsstipendium und werde mich hüten, über Venedig etwas zu schreiben, weil ich keine Ahnung von Venedig hab. Auch nach zwei Monaten nicht. Insofern verstehe ich diese Argumentation kein bisschen.

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Buchrevier: Aber es geht ja im Grunde genommen auch in der endlosen Stadt um das Thema Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst. Das ist ja auch ein Thema von Holle und Theresa, den beiden Protagonisten in dem aktuellen Roman. So ein bisschen sieht das so aus, als wenn das aktuell so Deine Themenschublade als Autorin ist. Fühlst Du Dich da wohl?

Ich bediene ja keine Schubladen. In meinem Schreiben versuche ich andauernd Schubladen aufzubrechen und Kontexte herzustellen zwischen Themen, die so noch nicht unbedingt vorliegen. Ich vergleiche die prekarisierte Situation einer Berliner Künstlerin auf indirekte Art mit Menschen in schrecklicher Armut in Indien. Das stelle ich einfach kontrastierend nebeneinander. Das ist ein Beispiel für Zusammenhänge und insofern verweigere ich das Schubladendenken. Das ist meine allerhöchste Aufgabe als Autorin.

Buchrevier: Bist Du ein politischer Mensch und insofern auch ein politischer Autor?

Das aktuelle Buch wurde mehrere Male von Rezensenten als politisches Buch beschrieben. Das fand ich gut. Ich selbst hätte das nicht in Anspruch genommen, aber es sind politische Themen, es geht um diese Zusammenhänge zwischen Metropolen, zwischen den Ländern und den Menschen.

Buchrevier: Fändest Du es wichtig, dass Autoren als geistig/moralische Instanz wieder mehr Gehör in Deutschland bekommen? Günter Grass, der letzte Vertreter der politisch engagierten Schriftsteller ist ja jetzt nicht mehr da. Wer könnte in seine Fußstapfen treten? Hättest Du da Ambitionen?

Nein, ich sehe mich da nicht. Heute tun es ja einige Autoren. Mir fällt da als erste Juli Zeh ein, vielleicht noch Ilija Trojanow. Die Grass-Generation ist aber eine ganz andere Generation gewesen. Wie ich gerade sagte, mich interessiert einfach die Kunst, als eine Möglichkeit Menschen zu erreichen. Da fühle ich mich mehr Zuhause, da sehe ich auch meine Stärken.

Buchrevier: Was hältst Du von Literaturblogs? Welche Rolle spielen sie in deinen Augen bei der Literaturvermittlung – auch in Abgrenzung zum klassischen Feuilleton?

Was mir sehr an den Literaturblogs gefällt, ist, dass die Hierarchien dadurch aufgeweicht werden. Da findet eine Dezentralisierung statt, so dass das Hoch-Feuilleton nicht mehr die einzige Instanz ist und somit ein bisschen mehr Demokratie in die ganze Sache reinkommt – das finde ich sehr, sehr positiv. Und es gibt ja wirklich ausgezeichnete Literaturblogs, die auf einem sehr hohen Level operieren, sich sehr tief auseinandersetzen mit Literatur und teilweise auch nicht hinter dem Feuilleton zurückstehen. Ich finde das positiv, aber natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, wo es dann schwächer wird, wo es nur um Meinung und Kaufempfehlung geht und nicht mehr richtig begründet wird – aber solche Ausreißer gibt es ja auch im Feuilleton

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Buchrevier: Im Moment ist ja die endlose Stadt noch relativ neu. Aber spätestens in ein /zwei Monaten spricht kein Mensch mehr von dem Buch, es sei denn Du gewinnst damit den Buchpreis. Ist das nicht unglaublich frustrierend, dass man als Autor nur so knapp ein Vierteljahr mit einem neuen Buch Aufmerksamkeit hat und dann wieder in der medialen Versenkung verschwindet bis man wieder etwas Neues vorgelegt hat?

Nein, das finde ich gar nicht schlimm. Ich freue mich schon darauf, wenn es mal wieder ruhig wird. Es war jetzt so viel los und es ist auch unglaublich stressig, wenn jeden Tag irgendwo etwas über einen erscheint und man das natürlich mitverfolgt. Das ist eine aufregende Zeit, aber ich bin froh, wenn es wieder ruhiger wird. Denn man kommt in der Zeit überhaupt nicht zum Schreiben.

Buchrevier: Das Leben als Autorin – ist es so, wie Du es Dir vorgestellt hast? Oder wärst du doch lieber Lehrerin geworden?

Nein, das ist ein großartiger Beruf. Ich bin sehr, sehr begeistert. Man kommt in so viele verschiedene Zusammenhänge hinein, zum Beispiel dass man mit dem Außenminister nach Delhi reist. Oder vorgestern war ich im Gefängnis und habe Jugendliche in kreativem Schreiben unterrichtet. Das sind Einblicke in Lebensbereiche, die man mit anderen Berufen so nicht hat.

Buchrevier: Die nächste Reise führt dich (wieder auf Einladung) für ein paar Wochen nach Indonesien. Jetzt wieder eine Killerfrage: Kann es sein, dass dann auch der nächste Roman in Indonesien spielt?

Nein, überhaupt nicht. Weil ich ganz andere Pläne habe, die ich aber jetzt nicht verraten möchte.

Buchrevier: Vielen Dank und viel Spaß in Indonesien und viel Erfolg bei den nächsten Projekten.

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Bildschirmfoto 2015-08-05 um 11.19.07 Das Interview gibt es auch in ungekürzter Form als Audio-Podcast. 

… dann gefällt Ihnen auch Julia Wolf

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Ich traf die Autorin von „Alles ist jetzt“ auf der Leipziger Buchmesse und habe ihr ein paar Fragen gestellt.

Buchrevier: Wenn Sie Ihren Roman mit einem Satz zusammenfassen müssten, könnten sie das? Worum geht es in ‚Alles ist jetzt’?

Julia Wolf: Mein Verlag hat den perfekten Satz gefunden, der es ziemlich gut trifft: In der Programmvorschau heißt es: Das Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die sich ihren Dämonen stellt.

Buchrevier: Das erinnert mich an einen Roman, den ich erst kürzlich gelesen habe. In Simone Lapperts Buch Wurfschatten kämpft eine junge Frau gegen ihre Phobien. Geht es bei Ihrer Protagonistin Ingrid auch um Ängste und Phobien, oder was für Dämonen sind das?

Julia Wolf: Die Dämonen sind zum einen die Dämonen der Vergangenheit, resultieren aus einer traumatischen Familiengeschichte, mit viel Krankheit und Destruktion. Ingrids größter Dämon ist die Tatsache, dass sie glaubt, die Welt habe nichts mit ihr zu tun. Sie fühlt sich unsichtbar in der Welt. Das ist ihre Haltung und da wieder herauszukommen, ist der größte Dämon, dem sie begegnen muss.

Buchrevier: Wie viel hat denn die Protagonistin mit Ihnen zu tun?

Julia Wolf: Sie hat insofern etwas mit mir zu tun, als dass, was in der Geschichte verhandelt wird, mit mir zu tun hat. Aber sie ist tatsächlich eine Kunstfigur – es ist kein autobiografischer Roman. Die Schauplätze des Romans, die Städte in der Provinz, Frankfurt und Berlin sind schon Schauplätze meiner Biografie, aber das Geschehen und die Figuren sind rein fiktiv.

Buchrevier: Sie wohnen in Berlin. Wie wichtig ist diese Stadt für Ihr kreatives Schaffen?

Julia Wolf: Berlin ist insofern wichtig, als ich es dort geschafft habe, neben meiner freien Arbeit zum Broterwerb immer wieder auch Platz zu haben für das Schreiben. Und natürlich ist die Verknüpfung mit anderen Schreibenden und Institutionen, die es in Berlin gibt, sehr hilfreich und sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung.

Buchrevier: Sie sind ja als freie Autorin auf vielen Feldern unterwegs. Gehört so ein erzählerisches Werk noch ins Autorenportfolio oder, welche Intention hatten Sie, diesen Roman zu schreiben?

Julia Wolf: Es ist nicht so, dass ich neben all den Arbeiten als freie Autorin unbedingt auch noch einen Roman schreiben wollte. Die Prosa stand am Anfang. Die anderen Projekte, wie Radiohörspiele, Theaterstücke und jetzt auch ein Filmprojekt, kamen dann noch dazu. Aber Prosa war für mich immer mein wichtigstes Anliegen, dafür schlägt mein Herz. Das ist der Kern dessen, was ich mache und was mich am meisten interessiert. Und was die Intention, so ein Buch zu schreiben anbetrifft: die Figuren sind da, die Geschichte, und dann will man selber herausfinden, was da passiert. Ich kann nicht sagen, ich habe das geschrieben, weil ich etwas ganz Bestimmtes zeigen wollte, sondern es war mehr so ein Prozess des Erkundens und Herausfindens. Das hat mir einfach Freude bereitet, auch wenn viele Leute sagen, dass es relativ finster geworden ist.

Buchrevier: „Alles ist Jetzt“ ist ja ihr Debüt. Sie haben mit der Frankfurter Verlagsanstalt einen tollen Verlag gefunden und erste positive Kritiken bekommen. Das ist ja schon ein toller Erfolg. Was würden Sie sich für dieses Buch noch wünschen? Dass es einen Literaturpreis gewinnt, verfilmt wird, vielleicht sogar ein Bestseller wird?

Julia Wolf: Ich bin mir ganz sicher, dass es kein Bestseller wird. Und das ist auch in Ordnung, weil es einfach nicht der Stoff für einen Bestseller ist. Ich würde mir aber schon wünschen, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen, weil es ein langer Entstehungsprozess war und ich da auch sehr viel von mir reingesteckt habe. Wenn ein Preis helfen könnte, dass viele Leser auf dieses Buch aufmerksam werden, warum nicht?

Buchrevier: Haben Sie denn eine Botschaft, die Sie mit dem Buch vermitteln wollen? Dass man zum Beispiel als Leser durch die Lektüre bestimmte Dinge besser versteht?

Julia Wolf: Nein, überhaupt nicht. Eine Botschaft ist auch nicht das, was mich an Literatur interessiert. Ich habe keinen didaktischen oder pädagogischen Ansatz. In dem Roman wird eine Subjektivität dargestellt und ich hoffe, dass es genug Leute gibt, die das interessant finden, die vielleicht Freude an der Sprache haben und der Art, wie ich diese Geschichte erzähle und die deswegen das Buch gerne lesen. Eine Botschaft gibt es nicht.

Buchrevier: In Online-Shops bekommt man ja Bücher empfohlen. Im Stil von: Personen, denen dieser Roman gefallen hat, kauften auch dieses Buch. Wen würden Sie als Referenz nennen? Wessen Romane sollten mir gefallen, damit mir eventuell auch der Roman von Julia Wolf gefällt?

Julia Wolf: Das ist eine schwere Frage. Aber in der ersten Rezension, die zu ‚Alles ist jetzt’ erschienen ist, gab es einen Vergleich mit Marlene Streeruwitz. Das hat mich schon sehr gefreut, weil ich diese Autorin sehr bewundere.

Buchrevier: Marlene Streeruwitz ist ja als radikale Feministin bekannt. Ist Feminismus auch ein Anliegen von Ihnen?

Julia Wolf: „Alles ist jetzt“ ist sicherlich kein feministischer Empowerment-Text. Aber ich verstehe mich als Feministin und diese Haltung der Welt gegenüber fließt natürlich auch in mein Schreiben ein.

Buchrevier: Würden Sie denn dann sagen, dass jemand, der Marlene Streeruwitz Roman ‚Nachkommen’ mag, auch Julia Wolf „Alles ist Jetzt“ mögen wird?

Julia Wolf: Auch wenn das fast schon wie eine Anmaßung klingt, so etwas selber zu sagen, aber ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Oder ich würde es mir wünschen. Eine andere Autorin, die ich mich momentan inspiriert, ist die Amerikanerin Mary Gaitskill. Auch hier würde mir sehr gefallen, wenn man mich und mein Buch in diesem Kontext sehen würde.

Buchrevier: Sind diese beiden Autorinnen auch ihre literarischen Vorbilder? Haben Sie überhaupt welche?  Julia Wolf: Ja sicher, viele sogar. Aber es gibt jetzt nicht den Einen oder die Eine. Es gibt viele Aspekte und Ansätze in unterschiedlichen Büchern, die mich beeinflussen. Eine ganz große Heldin ist zum Beispiel Virginia Wolf. Wichtig für mein Schreiben sind aber zum Beispiel auch die frühen Arbeiten von Siri Hustvedt. „The Enchantment of Lily Dahl“ und „The Blindfold“ sind ja weibliche Entwicklungsgeschichten wie „Alles ist jetzt“ es auch auf eine Art und Weise ist. Diese beiden Bücher waren und sind sehr wichtig für mich. Und in diesem Zusammenhang darf natürlich Sylvia Plaths „The Bell Jar“ nicht fehlen.

Buchrevier: Wie lange haben Sie an Ihrem Roman geschrieben?

Julia Wolf: Oh das war ein sehr, sehr langer Prozess. Eine Szene dieses Buches habe ich bereits mit 16 Jahren Zuhause in meinem Elternhaus geschrieben. Mit Zwanzig hatte ich ein Stipendium und habe dann die erste Fassung des Romans geschrieben. Danach hat es acht Jahre gelegen, bis ich das Manuskript noch einmal in die Hand genommen habe. Ich habe es durchgelesen und mir gesagt: Das ist echt nicht gut, aber die Figuren mag ich. Dann habe ich noch einmal angefangen und drei bis vier Jahr intensiv daran gearbeitet. Und bis auf die eine Szene, die eigentlich seit meinem 16. Lebensjahr immer da war, habe ich alles noch einmal neu geschrieben.

Buchrevier: Geht es jetzt weiter mit dem nächsten Roman? Und wenn ja, können Sie schon verraten worum es geht?

Julia Wolf: Ja, ich bin schon mittendrin. Aber über ungelegte Eier spreche ich nicht gerne, da bin ich abergläubisch.