Rebecca Makkai – Die Optimisten

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Wenn ich so schaue, was Bloggerinnen und Blogger in diesem Frühjahr lesen und besprechen, dann ist dieses Buch in den allermeisten Fällen mit dabei. Und in der Regel wird es positiv oder sogar hymnisch besprochen: Da ist vom Herzensbuch die Rede, dem richtigen Buch zu richtigen Zeit, vom Pageturner, der Entdeckung des Jahres und so weiter und so fort. Kollektive Lobhudelei, wohin man auch schaut.

Nicht selten, dass ich in solchen Fällen die Lust an einem derart gehypten Buch verliere, es gar nicht mehr lesen und erst recht nichts drüber schreiben will. Aber diesmal habe ich mir die Mühe gemacht und es gelesen, bevor meine Timeline damit überschwemmt wurde. Und da das immerhin über 600 Seiten Lektüre waren, die mich zwei Wochen Zeit gekostet haben, will ich es nicht unter den Tisch fallen lassen. Zunächst einmal: Es hat keine Mühe gemacht, es zu lesen, sondern war ein wahres Vergnügen. Und ja, die anderen haben recht: Es ist in der Tat die Entdeckung des Jahres, ein Pageturner und meinetwegen auch ein Herzensbuch.

Und was habe ich darüber hinaus noch dazu zu sagen? Auf alle Fälle werde ich hier nicht mit einer Inhaltsangabe Zeilen schinden. Mache ich ja sowieso nur sehr ungern. Nein, ich möchte an dieser Stelle lieber über andere Dinge sprechen. Zum Beispiel über AIDS. Warum? Weil der Ausbruch von AIDS im Chicago der achtziger Jahre das zentrale Thema dieses Romans ist, weil daran immer noch Jahr für Jahr viele Tausend Menschen sterben, weil ich die Anfänge in den frühen Achtzigern selbst miterlebt habe und mich noch gut daran erinnere – und natürlich, weil sich sofort Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie aufdrängen. Ein Vergleich, der an vielen Stellen hinkt, aber in der aktuellen Situation geradezu zwangsläufig ist.

Beide Viren sind gefährlich. Corona, weil man sich aufgrund der Ansteckungswege viel schlechter gegen eine Infektion schützen kann. Und HIV, weil die Folgen einer Infektion wesentlich gravierender sind und es auch nach über 30 Jahren immer noch keinen Impfstoff gibt. Welches Virus als das schrecklichere und verheerendere in die Geschichtsbücher eingehen wird, lässt sich bis dato noch nicht sagen. Fakt ist, dass die Autorin so einen Bezug zu keiner Zeit eingeplant hat, als der Roman im Jahr 2018 in den USA erschien. Aber jetzt, im Frühjahr 2020, bei Erscheinen der deutschen Übersetzung, geht das natürlich vielen Lesern durch den Kopf. Und sicherlich ist diese ungewollte Inzidenz für den Abverkauf des Buches alles andere als negativ, so dass weder der Verlag noch die Autorin das besonders bedauern werden. In dieser Woche ist Rebecca Makkai auf Platz 44 in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. Und ich bin sicher, dass es in den nächsten Wochen weiter nach oben gehen wird. Eine Top 20-Platzierung müsste drin sein.

Eins noch, dann höre ich mit den Pandemie-Vergleichen auf. Während ein positiver Corona-Test für Menschen ohne Vorerkrankungen oftmals relativ folgenlos bleibt, bedeutete ein positiver HIV-Test für die Homosexuellen von Chicago im Jahr 1985, wo einer der beiden Handlungsstränge des Romans spielt, den sicheren Tod. Das ist keine neue Erkenntnis, aber trotzdem: Genau das ist es, was einem beim Lesen dieses Buchs so mitnimmt. Makkai schildert sehr eindringlich und emotional aufwühlend, wie das Virus als Gevatter Tod in diese Gemeinschaft einbricht und einen nach den anderen dahinrafft. Allesamt junge, lebensfrohe, talentierte Männer, wie Nico, Terrence, Julian, Charlie und Yale, denen die ganze Welt noch offen stand. Innerhalb weniger Wochen ist ihr Leben vorbei, mit einer brutalen Konsequenz, diskussions- und ausweglos. Und alles letztlich nur, weil keiner ein Kondom benutzt hat. Ein Pfennigartikel, dessen Fehlen das Leben kostet.

Aber das ist nur einer der Aspekte, die diesen Roman zu einer emotional aufwühlenden Lektüre machen. Dieses Buch ist voller kleiner und großer Geschichten, die alle für sich bereits genügend Stoff für weitere Romane ergeben würden. Wie der Kampf um den Nachlass von Nora, die in jungen Jahren in Paris Künstlern wie Amadeo Modigliani und Chaim Soutine Modell saß und dafür signierte Skizzen bekam. Die tragische Geschichte des Malers Ranko, für dessen Andenken und künstlerische Würdigung sich seine Freundin Nora auch mehr als 50 Jahre nach seinem Tod noch einsetzt. Die Tochter, die verschollen ist und von ihrer Mutter per Privatdetektiv über zwei Kontinente hinweg gesucht wird. Der ehemalige Pilot, dem seine an allen möglichen Orten liegen gelassene Brieftasche immer wieder nachgeschickt wird. Der Fotograf, der im Alter noch eine internationale Karriere macht und natürlich Yale, der Held und Sympathieträger dieses Romans, dessen Schicksal einem das Herz zerreißt. All diese Geschichten hängen mir nach und bleiben im Gedächtnis.

Was mir sonst noch zu diesem Buch einfällt? Nun ja, ein absoluter Glücksgriff ist zum Beispiel der Romantitel. Wer greift in einer Zeit, in der alle gängigen literarischen Dystopien scheinbar Realität geworden sind, nicht gerne zu einem Buch mit dem Titel „Die Optimisten“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und ist obendrein gerade sehr gefragt. Apropos Glücksgriff – mich wundert, wie ein vergleichsweise kleiner Indie-Verlag wie Eisele sich solch einen Spitzentitel unter den Nagel reißen kann. Die Optimisten, bzw. im Original „The Great Believer“, stand in den USA auf der Shortlist des Pulitzer-Preises, war ein New-York-Times Bestseller. Wer hat bei den großen Verlagen wie Hanser, Fischer oder Rowohlt eigentlich geschlafen, als die deutsche Lizenz verhandelt wurde?

Scheinbar alle. Obendrein schafft es die umtriebige Indie-Verlegerin mit dem Gespür für Bestseller immer wieder, dass nicht nur Blogger und Bookstagrammer, sondern auch der Buchhandel ihre Titel zu Herzensbüchern erklären und sich bereitwillig vor den Verkaufskarren spannen lassen. Und wenn ich auch manchmal gerne querschieße, in diesem Fall schließe ich mich an.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele Verlag
Übersetzt von: Bettina Abarbanell
620 Seiten, 24,00 €

Nell Leyshon – Die Farbe von Milch

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Ich wollte dieses Buch nicht, hatte nicht danach gefragt, kannte weder Absender, Autorin noch Verlag. Es lag eines Tages einfach in meinem Briefkasten. Normalerweise verschenke ich ja ungefragt eingesandte Bücher sofort an Freunde und Kollegen. Dieses aber nicht. Und obwohl Cover und Titel eher auf „the last woman reading“ als auf mich abzielten, las ich eines Tages einfach mal rein.

Männer-, bzw. Frauencover hin oder her – wer die erste Seite dieses Romans gelesen hat, will auch die zweite und die dritte lesen. Und plötzlich ist man mitten drin in der Geschichte und kann nicht mehr aufhören. Mir ist die Protagonistin Mary sofort ans Herz gewachsen, wie sie mit ihrem unerschütterlich trockenem Humor, all der Lieblosigkeit und Härte begegnet, die sie umgibt. Als jüngste Tochter eines Bergbauern, mit einem verkrüppelten Bein geboren, hat sie es nicht leicht. Harte Arbeit, ein brutaler Vater, eine Mutter, die wegschaut und Schwestern, die auch keinen Ausweg wissen. Liebe und Zuneigung bekommt sie nur vom bettlägerigen Großvater.

Der Vater verschachert sie eines Tages als Haushaltshilfe an den Dorf-Pfarrer, dessen Frau ernsthaft erkrankt ist. Mary nimmt auch dieses Schicksal klaglos an, verabschiedet sich von ihren Schwestern und vom Großvater und zieht ins Haus des Pastors. Harte Arbeit gewohnt, macht sie auch da einen guten Job und wird von der Pastorenfamilie auch für ihre forsche und offene Art geschätzt. Irgendwann stirbt die Frau des Pastors, und Marys Anwesenheit wäre eigentlich nicht mehr notwendig. Doch der Pastor will sie nicht gehen lassen, entlässt lieber die langjährige Haushälterin und lebt fortan mit Mary allein im Pfarrhaus. Wer jetzt schon die Nachtigall trapsen hört, liegt nicht verkehrt. Mehr will ich nicht verraten, nur so viel: Ein Happy End gibt es leider nicht.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman so besonders machen. Es wird eine Geschichte aus dem 19. oder 20. Jahrhundert erzählt und trotzdem ist alles so topaktuell, dass es ohne Weiteres mit einem #metoo-Hashtag in heutigen Facebook- oder Twitter-Timelines auftauchen könnte. Die abhängige Frau und der unterdrückende Patriarch. Seit Jahrtausenden die gleiche Geschichte, das gleiche Schema, tausendmal passiert, tausend erlittene Traumata, tausendmal ohne Konsequenzen. Vielleicht ist jetzt ja endlich die Zeit gekommen, dass sich daran etwas ändert.

Und andererseits fällt einem beim Lesen auf, dass sich seit damals doch schon viel getan hat. Dass zum Beispiel heutzutage jeder mittels Bildung eine realistische Chance hat, aus seinen Verhältnissen auszubrechen und ein besseres Leben zu führen – Männer wie Frauen gleichermaßen. Mary hatte diese Chance nicht, ihre Stärke hat ihr nichts genutzt. Sie konnte da nicht raus, es war alles einfach noch nicht soweit.

Ich habe das Buch innerhalb weniger Stunden durchgelesen und es anschließend meiner Frau mit dem Hinweis in die Hand gedrückt, „das musst du unbedingt lesen“ – und auch sie war begeistert. Als besonders gelungen habe ich die sehr authentische Erzählstimme empfunden. Einfache, schnörkellose Sätze und Dialoge, die perfekt zur Protagonistin passen. Von der Lesestimmung erinnert es mich an Robert Seethalers Alpen-Novelle „Ein ganzes Leben“ oder auch Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“. Einsame Dörfer, einsame Menschen und tiefe Abgründe.

Ich bin wahnsinnig froh, dass dieses Buch, das ich zunächst nicht haben wollte, doch noch zu mir gefunden hat. Dass ich es behalten und gelesen habe. Ich will irgendetwas nicht, aber dieses Irgendetwas will mich. Und so entdecke ich immer wieder Dinge, von denen ich nicht geahnt hätte, dass sie mir gefallen.

So eine Entdeckung ist zum Beispiel auch der Verlag dieses Titels. Von der ehemaligen Piper-Programmchefin Julia Eisele erst in diesem Jahr gegründet, hat es der Eisele-Verlag geschafft, dass Nell Leyshons Roman bereits überall im Buchhandel zu finden ist. Ich weiß nicht, wie der kleine Indie-Verlag das gemacht hat, tippe aber darauf, dass sie die Buchhändler gebeten haben, nur eine Seite dieses Buches zu lesen. Und dann ist wahrscheinlich das gleiche passiert wie bei mir – man liest auch die zweite und die dritte Seite und hört mit dem Lesen erst wieder auf der letzten Seite auf – tief bewegt und leseglücklich.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele
208 Seiten, 18,00 Euro