Daniel Kehlmann – Tyll (Hörbuch)

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Ich hätte das Buch jetzt gerne in der Hand, um es durchzublättern, ein paar Absätze zu lesen und nochmal kurz in die Geschichte einzutauchen. So mache ich das immer, bevor ich etwas darüber schreibe. Das ist so eine Art Ritual, gehört einfach dazu. Während ich schreibe, liegt das Buch neben der Tastatur. Wenn ich nicht weiter weiß, gucke ich es an, nehme es zur Hand, blättere durch die Seiten. Aber in diesem Fall geht das leider nicht, denn ich besitze das Buch gar nicht. Den neuesten Kehlmann habe ich nämlich nicht gelesen, sondern nur gehört.

Und was soll ich sagen? Nun ja…, dieses Buch, …ääh, nein, dieses Hörbuch war…, irgendwie anders, …ein komplett neues Gefühl… es war …wie soll ich sagen… es war … und das sage ich jetzt nicht nur so…das meine ich, wie ich es sage…: es war einfach nur geil! Das Buch, die Atmosphäre, die Geschichte, diese beeindruckende Stimme. Gelesen von Ulrich Noethen. Dieser Sprecher ist wirklich nicht zu toppen. 11 Stunden und 17 Minuten habe ich an seinen Lippen gehangen und mich nicht eine einzige Sekunde gelangweilt. Während er las bin ich komplett in meinen Kopfhörern versunken, war unerreichbar für die Außenwelt, war nicht im Hier und Jetzt, sondern war mit allen Sinnen mitten im Romansetting von Tyll.

Und das spielt in Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges – von 1618 bis 1638 nichts als Elend, Hunger und Tod. Durchs Land ziehen abwechselnd marodierende Truppen des deutschen Kaisers, des Schwedenkönigs oder versprengte Söldner, die mal auf der einen, und mal auf der anderen Seite anheuern. Die Winter sind bitterkalt, es gibt kein Brennholz mehr, die Pest wütet, und zu allem Überfluss treibt auch die heilige Inquisition immer noch ihr Unwesen. Eines Tages gerät ein Müller namens Klaus Ulenspiegel in die Fänge zweier Hexen jagender Jesuiten. Ulenspiegel wird der Ketzerei angeklagt und hingerichtet. Die Familie zerbricht, sein schmächtiger und etwas absonderlicher Sohn Tyll flüchtet und schlägt sich als Gaukler durch die Lande.

Er ist sehr talentiert, hat ein loses Mundwerk, läuft sicher auf dem Hochseil und kann jonglieren wie der Teufel. Nach einiger Zeit spricht ganz Deutschland von ihm. „Seht, da ist der Tyll, der Tyll ist da, haha der Tyll, oh ja, der Tyll“, so erschallt es freudig überall, wo er mit seinem Wagen auftaucht. Ein paar Minuten das Elend vergessen, lachen, staunen, applaudieren. Das brauchen die Leute in dieser Zeit ganz dringend. Was ein Heinz Ehrhard im Wirtschaftswunder-Deutschland und Otto Waalkes in den 1970ern, war Tyll Ulenspiegel im finsteren 17. Jahrhundert: der absolute Megastar. Sein Ruf eilte ihm voraus, selbst Kurfürsten und Könige waren Fans und hielten ihre schützende Hand über ihn. Und so kam er irgendwie immer durch, überstand viele Jahre die Wirren des Krieges als fahrender Gaukler, als Hofnarr, als Schächte grabender Soldat unter Tage.

All das habe ich erlebt, als wäre ich selbst dabei gewesen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Hörbuch hören ein so intensives Erlebnis sein kann. In diesem Fall wirklich viel intensiver, als hätte ich das Buch selbst gelesen. Mit den Ohren war ich buchstäblich mittendrin im dreißigjährigen Krieg. Und nicht nur mit den Ohren. Ich habe all das Elend und die Krankheiten gerochen, die Kälte und den Hunger gespürt. Wenn mich einer fragen würde: Kennst Du den Ulenspiegel? Ja klar, würde ich sagen, das ist ein Kumpel von mir. Der Winterkönig? Kenn ich auch, ein Depp, der unter dem Pantoffel seiner Gemahlin steht. Und halte dich fern vom Pirmin, das ist ein richtig fieser Geselle.

Es ist unglaublich, wie intensiv das alles nachwirkt. Eigentlich stehe ich ja gar nicht auf historische Romane, sondern bekanntermaßen mehr auf Gegenwartsliteratur. Und auch die Person Tyll Ulenspiegel hat mich bisher nicht die Bohne interessiert. Deswegen war das Buch auch überhaupt nicht auf meiner Agenda. Umso bemerkenswerter, dass ich jetzt geradezu dafür brenne. Kehlmann knüpft hier an seinen zur ungefähr gleichen Zeit spielenden Megaseller „Die Vermessung der Welt“ an und übertrifft ihn noch. Tyll ist noch beeindruckender, noch sprachmächtiger, noch nachhaltiger. Warum stand dieser Roman im letzten Jahr eigentlich nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises?

So ganz traue ich meiner Empfindung noch nicht. Ich werde mir auf alle Fälle auch das gedruckte Buch noch besorgen und überprüfen, ob sich auf die althergebrachte Art und Weise, also richtig lesend, die gleiche Begeisterung einstellt. Ich schätze aber nicht, denn Ulrich Noethen liest einfach besser als ich, holt mehr aus den Sätzen heraus, schöpft das ganze literarische Potenzial dieses Werkes aus. Er rezitiert, proklamiert, intoniert, macht für mich die ganze Drecksarbeit, das Handwerkliche, während ich einfach nur zuhöre und mich entführen lasse.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch (ungekürzt):
Verlag: Argon Verlag
gesprochen von Ulrich Noethen
Länge: 11: 17 h, 23,95 €
Hörprobe bei Audible anhören.

Print:
Verlag: Rowohlt
480 Seiten, 22,95 €

Sina Pousset – Schwimmen

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Dieses Buch ist mal wieder der Beweis. Man braucht nicht unbedingt eine Geschichte, die sich deutlich von anderen unterscheidet, nicht diese eine grandiose Idee, nichts, was es so in dieser Form noch nie gegeben hat. Nein, das braucht man nicht. Man kann es auch machen wie Sina Pousset und einen guten Roman schreiben, mit einem Standard-Plot und Figuren, die sich in jedem zweiten Buch finden lassen.

Die junge Frau und der junge Mann, die sich seit Kindertagen kennen. Beziehungsstatus: es ist kompliziert. Kennt man, hat man hundertmal gelesen. Eine zweite Frau kommt dazu, es wird noch ein wenig komplizierter: ménage à trois. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor. Man lässt sie gemeinsam in den Urlaub fahren, lange Gespräche am Strand führen, sich eifersüchtige Blicke zuwerfen. Gibt es da nicht sogar einen Film mit Romy Schneider?

Und auch alles andere am Debütroman von Sina Pousset ist nicht gerade unique. Er stirbt, beide Frauen trauern, eine zerbricht daran, die andere kommt irgendwie klar. Die eine ist von ihm schwanger, die andere zieht das Kind groß und nach ein paar Jahren sind beide dann soweit, sich der Vergangenheit zu stellen. Showdown!

 Das klingt zwar jetzt etwas abfällig, ist aber gar nicht so gemeint. Denn tatsächlich ist „Schwimmen“ einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Und das liegt wieder mal nicht daran, was da geschrieben wurde, sondern wie es geschrieben wurde. Ich habe es auf dieser Seite schon mehrfach behauptet und bleibe dabei: Gute Gegenwartsliteratur braucht keine fantasievollen Storys, keine außergewöhnlichen Locations und schräge Charaktere. Gute Gegenwartsliteratur braucht lediglich einen guten Autor, bzw. eine gute Autorin. Jemanden, der uns mit unserem Leben versöhnt, mit dem ewig Gleichen des Alltags, den Unvermeidlichkeiten des Zwischenmenschlichen, den immer wiederkehrenden Abläufen. Der uns unseren Frieden machen lässt mit den Hoffnungen und Ängsten, die unser Leben bestimmen, die wir für so einzigartig schicksalhaft halten, die aber in Wirklichkeit jeden Zweiten da draußen genauso umtreiben wie uns.

Das alles geschrieben zu sehen, von anderen Leben zu lesen, sie mit dem eigenen zu vergleichen, sich hineinzuversetzen, ein Stück des Weges mitgehen, zuhören und verstehen – das alles macht gute Gegenwartsliteratur aus. Menschen begegnen sich, verbringen Zeit miteinander, erleben ein paar wenige Momente des Glücks, bleiben zusammen oder trennen sich, finden neue Partner oder auch nicht, werden älter und sterben irgendwann. Das ist die Rahmenhandlung unserer Gegenwart. Meines Lebens, deines Lebens und auch des Lebens von Milla, Kristina und Jan, den Protagonisten dieses Romans. Und obwohl ihre Geschichte nur eine von Millionen traurigen Geschichten ist, die das Leben tagtäglich schreibt, ist sie es wert, erzählt zu werden. Wenn es denn jemand macht, der das kann. Der nicht nur Wörter aneinander reiht, Satz für Satz eine Handlung vorantreibt, sondern Stimmungen transportiert, Gefühle vermittelt, uns Leser mitfühlen lässt – den gleichen Schmerz, die gleiche Traurigkeit, wie sie die Romanfiguren auch empfinden. Dann entsteht etwas, was schon Aristoteles als den vollkommenen Kunstgenuss beschrieben hat: die Läuterung der Seele durch die Tragödie, die Katharsis.

Das alles schafft Sina Pousset durch ihre einzigartige, sprachliche Virtuosität. Man hat das Gefühl, jedes Wort, jeder Satz auf den 225 Seiten dieses Romans ist genau das Wort und der Satz, der da jetzt stehen muss – alternativlos. Es anders auszudrücken wäre nicht nur weniger gut, sondern schlichtweg falsch. Man gleitet beim Lesen dahin, Satz für Satz ergibt sich, es fließt, es ist rund. Es entsteht eine Melodie im Kopf, eine ganze Symphonie in Moll. Wer das beherrscht, wer so gut wie diese junge Autorin schreiben kann, braucht keine zündende Idee, keine spannende Story. Mit dieser Gabe kann Sina Pousset wahllos hineingreifen ins Leben, in den stinknormalen Alltag und eine der vielen tausend persönlichen Tragödien zu etwas ganz Besonderem machen: Gegenwartsliteratur vom Feinsten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein fünf
225 Seiten, 18,00 €

Weitere Rezensionen bei: Herzpotential und Paper und Poetry

Nell Leyshon – Die Farbe von Milch

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Ich wollte dieses Buch nicht, hatte nicht danach gefragt, kannte weder Absender, Autorin noch Verlag. Es lag eines Tages einfach in meinem Briefkasten. Normalerweise verschenke ich ja ungefragt eingesandte Bücher sofort an Freunde und Kollegen. Dieses aber nicht. Und obwohl Cover und Titel eher auf „the last woman reading“ als auf mich abzielten, las ich eines Tages einfach mal rein.

Männer-, bzw. Frauencover hin oder her – wer die erste Seite dieses Romans gelesen hat, will auch die zweite und die dritte lesen. Und plötzlich ist man mitten drin in der Geschichte und kann nicht mehr aufhören. Mir ist die Protagonistin Mary sofort ans Herz gewachsen, wie sie mit ihrem unerschütterlich trockenem Humor, all der Lieblosigkeit und Härte begegnet, die sie umgibt. Als jüngste Tochter eines Bergbauern, mit einem verkrüppelten Bein geboren, hat sie es nicht leicht. Harte Arbeit, ein brutaler Vater, eine Mutter, die wegschaut und Schwestern, die auch keinen Ausweg wissen. Liebe und Zuneigung bekommt sie nur vom bettlägerigen Großvater.

Der Vater verschachert sie eines Tages als Haushaltshilfe an den Dorf-Pfarrer, dessen Frau ernsthaft erkrankt ist. Mary nimmt auch dieses Schicksal klaglos an, verabschiedet sich von ihren Schwestern und vom Großvater und zieht ins Haus des Pastors. Harte Arbeit gewohnt, macht sie auch da einen guten Job und wird von der Pastorenfamilie auch für ihre forsche und offene Art geschätzt. Irgendwann stirbt die Frau des Pastors, und Marys Anwesenheit wäre eigentlich nicht mehr notwendig. Doch der Pastor will sie nicht gehen lassen, entlässt lieber die langjährige Haushälterin und lebt fortan mit Mary allein im Pfarrhaus. Wer jetzt schon die Nachtigall trapsen hört, liegt nicht verkehrt. Mehr will ich nicht verraten, nur so viel: Ein Happy End gibt es leider nicht.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman so besonders machen. Es wird eine Geschichte aus dem 19. oder 20. Jahrhundert erzählt und trotzdem ist alles so topaktuell, dass es ohne Weiteres mit einem #metoo-Hashtag in heutigen Facebook- oder Twitter-Timelines auftauchen könnte. Die abhängige Frau und der unterdrückende Patriarch. Seit Jahrtausenden die gleiche Geschichte, das gleiche Schema, tausendmal passiert, tausend erlittene Traumata, tausendmal ohne Konsequenzen. Vielleicht ist jetzt ja endlich die Zeit gekommen, dass sich daran etwas ändert.

Und andererseits fällt einem beim Lesen auf, dass sich seit damals doch schon viel getan hat. Dass zum Beispiel heutzutage jeder mittels Bildung eine realistische Chance hat, aus seinen Verhältnissen auszubrechen und ein besseres Leben zu führen – Männer wie Frauen gleichermaßen. Mary hatte diese Chance nicht, ihre Stärke hat ihr nichts genutzt. Sie konnte da nicht raus, es war alles einfach noch nicht soweit.

Ich habe das Buch innerhalb weniger Stunden durchgelesen und es anschließend meiner Frau mit dem Hinweis in die Hand gedrückt, „das musst du unbedingt lesen“ – und auch sie war begeistert. Als besonders gelungen habe ich die sehr authentische Erzählstimme empfunden. Einfache, schnörkellose Sätze und Dialoge, die perfekt zur Protagonistin passen. Von der Lesestimmung erinnert es mich an Robert Seethalers Alpen-Novelle „Ein ganzes Leben“ oder auch Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“. Einsame Dörfer, einsame Menschen und tiefe Abgründe.

Ich bin wahnsinnig froh, dass dieses Buch, das ich zunächst nicht haben wollte, doch noch zu mir gefunden hat. Dass ich es behalten und gelesen habe. Ich will irgendetwas nicht, aber dieses Irgendetwas will mich. Und so entdecke ich immer wieder Dinge, von denen ich nicht geahnt hätte, dass sie mir gefallen.

So eine Entdeckung ist zum Beispiel auch der Verlag dieses Titels. Von der ehemaligen Piper-Programmchefin Julia Eisele erst in diesem Jahr gegründet, hat es der Eisele-Verlag geschafft, dass Nell Leyshons Roman bereits überall im Buchhandel zu finden ist. Ich weiß nicht, wie der kleine Indie-Verlag das gemacht hat, tippe aber darauf, dass sie die Buchhändler gebeten haben, nur eine Seite dieses Buches zu lesen. Und dann ist wahrscheinlich das gleiche passiert wie bei mir – man liest auch die zweite und die dritte Seite und hört mit dem Lesen erst wieder auf der letzten Seite auf – tief bewegt und leseglücklich.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele
208 Seiten, 18,00 Euro

Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Ganz lesen wollte ich es eigentlich nicht. Jedenfalls jetzt noch nicht. Nur mal reinschauen, bisschen schnuppern, blättern, ein paar Seiten anlesen. Ich schlage also die erste Seite auf, lese den ersten Satz, dann den zweiten und um den dritten zu beenden, musste ich bereits einmal umblättern. Bandwurmsätze! Es gibt sie also immer noch. Und es ist kein arrivierter Wortkünstler wie Martin Walser, der hier endlos Nebensatz an Nebensatz reiht, Aussagesätze gefolgt von Relativsätzen, Aufzählungen mit und ohne ‚und’ – nein, es ist ein junger Autor, zwar mit Schnauzbart, aber augenscheinlich trotzdem jung. Und er macht es richtig gut. Schon nach den ersten drei Seiten war ich nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen und nach zwei intensiven Lese-Abenden hatte ich den Roman durch und war restlos begeistert.

Ja, so kann es kommen. Auch wenn man gerade entnervt einen hochgelobten Shortlist-Titel abgebrochen hat und vom Lesen an sich mal wieder so richtig angepisst ist, wenn man aufs prall gefüllte Bücherregal schaut und denkt: eine ganze Wand mit nichts zu lesen und dann lustlos im Stapel ungelesener Bücher kramt und schließlich dieses hier rauszieht, weil es ein ästhetisches und ansprechendes Cover hat, aber von einem Verlag ist, der einen neulich erst mit einem total kitschigen Titel enttäuscht hat, man aber trotzdem mal reinblättert, weil man denkt, die können ja nicht nur schlechte Bücher im Programm haben, den ersten Satz liest, dann den zweiten und dritten und weil die alle so lang sind, sich schon mitten in der Geschichte befindet und deswegen immer weiter liest, mit wachsendem Genuss, Seite für Seite bis zum Schluß – ja, das sind dann schon richtige Sternstunden des Lesens.

Ohne etwas Substanzielles zu dem Buch gesagt zu haben, habe ich also mein Urteil schon mitgeteilt. „Das Glück meines Bruders“ ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, ein literarisches Kleinod und aufgrund seiner stimmigen Komposition und der außergewöhnlichen sprachlichen Brillanz eine der seltenen Top-Empfehlungen auf Buchrevier.

Dabei klingt die Geschichte in der Zusammenfassung ziemlich konventionell; der übliche Familienbeziehungs-Kram. Zwei Brüder fahren noch einmal nach Doel an die belgische Küste, den Wohnort ihrer Großeltern, wo sie als Kinder und Jugendliche Ihre Sommer verbracht haben. Die Großeltern sind bereits seit Jahren tot, und ihr altes Haus steht wie das gesamte Dorf zum Abriss bereit. Ein neuer Containerhafen soll dort entstehen. Nur noch ein paar letzte standhafte Alte sind noch da, der Rest hat diesen Ort ohne Zukunft längst verlassen. Botho und Arno brechen das bereits verrammelte Haus wieder auf und verbringen ein paar letzte Tage dort. Was unbeschwert und harmonisch begann, wird zu einer beklemmende Reise in die Vergangenheit.

Die beiden Brüder werden in Doel mit dem konfrontiert, was sie all die Jahre erfolgreich verdrängt haben. Botho mit den Erinnerungen an Lenie, seine allerersten Jugendliebe, die er in den pubertären Wirren irgendwann einfach vergessen hat. Und Arno mit unschönen Erinnerungen an den dominanten Großvater. Die morbide Atmosphäre des von seinen Bewohnern verlassenen Dorfes wirkt wie ein Katalysator auf den Gemütszustand der Brüder. Alles kommt wieder hoch und nahezu obsessiv verfolgen Botho und Arno die Spuren der Vergangenheit.

Im Verlauf der Geschichte wandelt sich das Rollenverhältnis der beiden Brüder. Wir lernen Botho als den Vernünftigen der beiden kennen, als den Starken, der sich aus der Enge und dem Mief seines Elternhauses gelöst hat, gegen alle Widerstände das Abitur nachholt, studiert, Lehrer an der Gesamtschule wird und sich all die Zeit auch noch liebevoll um seinen Bruder Arno kümmert, der wiederum mit seinem Leben überhaupt nicht zurecht kommt, sich in den Alkohol flüchtet und manisch-depressive Züge hat. Doch seit Arno mit Anja zusammen ist, kommt er wieder halbwegs auf Spur. Stattdessen gerät Bothos Leben nach dem Urlaub in Doel immer mehr aus den Fugen. Die Suche nach seiner Jugendliebe Lenie wird zur Obsession, er verliert seinen Job, weil er mit der Frau des Schuldirektors geschlafen hat, findet schließlich Lenie irgendwann nach langer Suche, stellt fest, dass auch sie ihn vergessen hat, aber anders als er, sich auch nicht mehr erinnern kann, stürzt in ein Loch und krempelt anschließend sein Leben vollständig um. Am Ende sind Arno und Anja die beiden Vernünftigen, die das Sorgenkind Botho an dem Ort besuchen, wohin er sich geflüchtet hat.

Also eigentlich der übliche ‚Familie-mit-Leichen-im-Keller-Kram‘, schon hundertmal gelesen, aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet, mal in Europa, USA oder sonstwo spielend, mal mit Brüdern, mal mit Schwestern, mal Vater und Sohn, Mutter und Tochter und so weiter und so fort. Und trotzdem: Die Lektüre von „Das Glück meines Bruders“ lohnt sich, weil das Leben nunmal genauso ist, immer wieder solche Geschichten schreibt und Stefan Ferdinand Etgeton das alles wunderbar stimmig aufgebaut hat.

Als wenn sich der Autor all die anderen Romane zu diesem Themenkomplex durchgelesen und genau analysiert hätte, wo es immer wieder hakt, wo Anschlüsse nicht passen, Längen entstehen, der Lesefluss stockt, es sprachlich beliebig und einfallslos wirkt –  um in seinem Werk genau diese Fehler zu vermeiden und es einfach besser machen. Ich finde das ist ihm voll und ganz gelungen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: C.H. Beck
240 seiten, 19,95 €

Der Autor mit Schnauzbart liest seine Bandwurmsätze auf Zehnseiten.de:

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Colson Whitehead – Underground Railroad

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Ja, das ist ein wichtiges Buch. Ja, gerade jetzt in dieser Zeit. Ja, man sollte es lesen, unbedingt. Und wenn man mich dann noch fragt, ob es auch Spaß macht, gut geschrieben ist und einen nachhaltig bewegt, kann ich nur antworten: Ja! Ja! Ja!

Wer kurze und knackige Empfehlungen mag, kann jetzt schon aufhören zu lesen, sollte stattdessen lieber in die Buchhandlung gehen und sich dieses Buch besorgen. Und wer wie ich als Kind voller Begeisterung ‚Onkel Toms Hütte‘ und ‚Tom Sawyers Abenteuer’ gelesen hat, mit Tränen in den Augen die Verfilmung von Haleys ‚Roots’ im Fernsehen gesehen hat und zuletzt auch Tarantinos ‚Django unchained’, wird von ‚Underground Railroad‘ nicht minder beeindruckt sein.„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – hier zeigt sich wieder mal, wie wahr das ist.

Aufgrund der genannten literarisch/filmischen Vorbilder erscheint einem das Setting von ‚Underground Railrood’ merkwürdig vertraut: Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Baumwollplantage in den Südstaaten. Man sieht das hölzerne Herrenhaus mit großer Terrasse, den Plantagenbesitzer mit weißem Hut und schlechten Zähnen und die eingeschüchterten Sklaven geradezu vor sich. Colson Whitehead erzählt die Geschichte des Sklavenmädchens Cora, die auf so einer typischen Baumwollplantage in Georgia aufwächst. Zusammen mit Caesar flieht sie eines Tages von der Farm und entkommt mithilfe der sogenannten Underground Railroad in die Freiheit.

Natürlich läuft das alles nicht reibungslos, nicht ohne Rückschläge. Nach ein paar Monaten trügerischer Sicherheit in North-Carolina, folgt die erneute Flucht und Gefangennahme. Underground Railroad ist über weite Strecken ein typischer Abenteuerroman, der einen als Leser fasziniert mitfiebern und nägelkauend Seite um Seite umblättern lässt. Man braucht ein wenig, um reinzukommen, doch dann kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen und liest die 350 Seiten in einem Rutsch durch.

Obwohl ich mich schon immer für das Thema interessiert habe, von einer Underground Railroad hatte ich noch nie gehört. Und natürlich hat dieses geheime unterirdische Eisenbahnnetz, über das die Sklaven quer durchs Land bis nach Kanada flüchten konnten, so nicht existiert. Die Railroad war vielmehr ein informelles Netzwerk, eine Art Fluchthilfe-Geheimbund der Sklavengegner. Und während all die geschilderten Grausamkeiten in der einen oder anderen Form sicherlich genau so stattgefunden haben, hat es die langen Fahrten durch die dunklen, kalten Tunnel der Underground Railroad so nie gegeben. Diese surreale Finesse hebt die Geschichte auf eine andere Ebene, unterscheidet diesen Roman von ‚Onkel-Toms-Hütte‘, ‚Roots’ und den unzähligen anderen Abenteuer- und Fluchtromanen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich schon mal einen Roman von Colson Whitehead gelesen. Natürlich kann ich mich nicht mehr an alle Handlungsdetails erinnern – in ‚John Henry Days’ ging es auch um Afroamerikaner, um Eisenbahnbau und die triste amerikanische Provinz. Die Lese-Stimmung war ähnlich intensiv, beeindruckend und pageturnend. Whitehead ist ein Meister seines Fachs, ein beeindruckender Erzähler, der gut unterhält und gleichzeitig zum Nach- und Weiterdenken anregt. Immer wieder musste ich beim Lesen kurz innehalten und den aufkommenden Gedanken nachgehen. Zum Beispiel, welches Verbrechen der amerikanischen Geschichte wohl schlimmer zu werten ist: die Vertreibung, der Mord und die Kasernierung der amerikanischen Ureinwohner oder die Sklavenhaltung auf den Baumwollplantagen der Südstaaten? Einen Menschen als Eigentum zu betrachten, als Gebrauchsgegenstand, ihn zu quälen, zu missbrauchen und wenn er nichts mehr taugt, einfach zu töten – einfach weil man es kann? Oder aber einem Menschen alles wegzunehmen ­– Land, Identität, Kultur – und ihn mit ein paar Flaschen Whisky zum Trost seinem Schicksal zu überlassen?

Auf dem Backcover steht. „Ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Nun ja – seit Donald Trump hat man das Gefühl, dieses Gesicht sehr gut zu kennen. Und man weiß mittlerweile auch, dass das Thema immer noch nicht durch ist. Sklaverei und Rassentrennung sind zwar seit Jahrzehnten abgeschafft, aber in den Köpfen der weißen Landbevölkerung hat sich nicht viel verändert. Die Vorfälle in Charlottesville zeigen, dass all das, was in diesem Buch als Vorkommnisse aus der Mitte des 19.Jahrhunderts beschrieben wird, eigentlich jederzeit wieder passieren kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, entwickeln sich im Moment überall auf der Welt Dinge wieder zurück. Konflikte, die wir überwunden zu haben glaubten, entzünden sich aufs Neue. Manchmal wünsche ich mir, einfach eine geheime Falltür zu öffnen und mit der Underground Railroad vor all dem zu flüchten. Kilometerweit durchs dunkle Tunnelsystem bis nach Kanada, ein Land, das damals wie heute eine echte Alternative zu sein scheint. Doch Wölfe gibt es da auch, sogar echte.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
352 Seiten, 24,00 Euro
übersetzt von: Nikolaus Stingl

 

Theresia Enzensberger – Blaupause

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Als Vater zweier erwachsener Söhne freue ich mich immer, wenn ich höre, dass Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Es funktioniert also doch noch, den Stab von Generation zu Generation weiterzureichen, Vorbild statt abschreckendes Beispiel zu sein. Ich habe bisher nichts vom Vater der Autorin gelesen, kenne Hans Magnus Enzensberger nur dem Namen nach, deswegen kann ich keine Vergleiche anstellen und nichts weiter zu der Vater/Tochter-Geschichte sagen.

Nichts sagen werde ich auch zur Nicht-Nominierung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Seit die ersten Kritiken zu Theresia Enzensbergers Romandebüt auftauchten, war Blaupause für mich ein klarer Kandidat. Nachdem ich es jetzt selbst gelesen habe, finde ich es geradezu skandalös, dass dieser Titel nicht nominiert wurde. Aber darüber zu diskutieren, welches Buch für den Deutschen Buchpreis infrage kommt oder nicht, ist ebenfalls mehr als müßig und in diesem Jahr auch nicht meine Aufgabe.

Und so kann ich diese beiden Themen getrost beiseite lassen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: Inhalt und Form dieses Romans. Die Inhaltsangaben im Klappentext haben sofort mein Interesse geweckt. Ein literarisches Werk, das Einblick in die wilden, prägenden Jahre der Bauhaus-Akademie in Weimar und Dessau verspricht, ist mir bisher nicht untergekommen. Ich finde, das allein ist schon mal eine tolle Idee. Ich mag die Bauhaus-Bewegung – die Architektur, die Werbegrafiken, das Design von Möbeln und Uhren – aber eigentlich weiß ich viel zu wenig darüber. Klar kenne ich den Gropius-Bau in Berlin und die Bilder von Kandinsky und Paul Klee. Hier bei uns in Krefeld gibt es sogar einige Fabrikanten-Villen, die von Mies van der Rohe gebaut wurden. Alles, was heutzutage irgendwie Design ist, ist ohne die Bauhaus-Bewegung nicht denkbar.

Die Autorin lässt die wilde Weimarer Zeit durch ihre Erzählung sehr bildhaft und stimmig wieder auferstehen. Noch ehe man sich versieht, hat einen die Geschichte gefangen genommen und nimmt einen mit zu den Esoterikern der sogenannten Mazdaznan-Lehre, einer frühen Form der heutigen Öko-Über-Eltern vom Prenzlberg, die sich in Weimar rund um den Künstler Johannes Itten formierte. Dies und weitere interessante Details über Fastenkuren, Drogenpartys, aufkommenden Antisemitismus und die damals aktuellen politischen Strömungen erfahren wir, indem wir Luise Schilling, eine junge Berliner Fabrikanten-Tochter, auf ihrem Weg durchs Studium am Bauhaus begleiten. Die Heldin des Romans will Architektin werden, doch das ist für eine Frau in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht so einfach – selbst am damals fortschrittlichsten Ausbildungsort der Welt.

Ich wusste viele Dinge rund um die Bauhaus-Lehre nicht und hab beim Lesen immer mal wieder gegoogelt und festgestellt, dass Enzensberger ihre Geschichte ziemlich nah an den historischen Fakten aufgebaut hat. Was man aber nicht bei Wikipedia findet, ist, dass die Bauhaus-Pioniere trotz ihres fortschrittlichen Denkens vor allem eine eingeschworene Männergemeinschaft waren, die Frauen in ihrer Runde nur am Webstuhl aber nicht auf der Baustelle tolerierten. Auch in Louises Elternhaus ist es diesbezüglich nicht viel anders. Der Vater holt sie nach dem Vorkurs raus aus Weimar und schickt sie auf eine Hauswirtschaftsschule. Die Mutter kann nicht verstehen, dass sie kein Interesse daran hat, einen netten Mann aus guten Hause zu heiraten, und der sich als Nachwuchspatriarch gebärdende Bruder ist auch nicht viel besser. Ein rückständiges Frauenbild, wie man es aus dem heutigen Islam kennt.

Was diesen Roman aber so besonders macht, ist nicht das Bauhaus und nicht die Zeit, in der die Geschichte spielt. Es ist die weibliche Protagonistin, die einem Seite für Seite immer mehr ans Herz wächst. Zwischen all diesen bedeutenden und stilprägenden Personen wie Gropius, Kandinsky und Klee, ist die Architekturstudentin und Fabrikantentochter Louise Schilling vor allen Dingen eins: Louise. Ein junges Mädchen, das ihren Dickkopf hat, gerne zeichnet, Fleisch isst, ausgelassen feiert und sich immer wieder in die falschen Männer verliebt. Liebevoll begleitet Enzensberger ihre Protagonistin durch die Geschichte. Sie ist der Mittelpunkt, um sie kreist die Geschichte. Das Bauhaus, der Sexismus, die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Nazis sind nur Beiwerk.

Der Verlag bezeichnet das Buch als sogenannten Campus-Roman. Nie gehört? Ich auch nicht. Erst dachte ich, das ist eine neue Erfindung des kreativen Hanser-Marketingteams zur verbesserten Ansprache der Lesezielgruppe Studenten und Akademiker. Doch dann musste ich feststellen, dass es dieses Genre tatsächlich gibt. So wie die Arzt-Romane, Köln-Krimis und Elfen-Epen. Auf jeden Buchtopf passt ja mittlerweile ein Genredeckel. Wenn ich Blaupause in eine Schublade einordnen sollte, dann stünde auf dieser jedenfalls nicht „Campus-Roman“, sondern eher sowas wie „überraschend gut“ oder vielleicht sogar „Romandebüt des Jahres“.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
256 Seiten, 22,00 Euro

 

Martin Becker – Marschmusik 

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Als ich mit Buchrevier anfing, wollte ich mich eigentlich auf Literatur aus dem Ruhrgebiet fokussieren — daher auch der Zusatz ‚Revier‘. Aber schnell musste ich feststellen, dass da nicht viel ist, worüber sich zu schreiben lohnt. Genau genommen so gut wie gar nichts. Das wäre ein ziemlich langweiliger Blog geworden. Einige Autoren sind im Ruhrpott geboren, wie zum Beispiel Ralf Rothmann, aber geblieben ist eigentlich nur Frank Goosen, der mittlerweile einzig bekannte, wenngleich nicht unbedingt literarische Ruhrgebietsautor. Das ist schon ein ziemliches Armutszeugnis für diese eigentlich ziemlich kreative Metropolenregion, wo ich mein berufliches Zuhause habe.

Aber zunächst mal Martin Becker. Wie viele Menschen in Deutschland heißen eigentlich so? Auf dem Cover seines aktuellen Romans Marschmusik prangt das inoffizielle Logo des Ruhrgebiets, der Förderturm der Zeche Zollverein. Ein klareres Bekenntnis zum Pott kann man nicht abgeben, zugleich aber auch kein einfallsloseres. Aber sei’s drum, ich hab’s gesehen, und mein Interesse war da. Und so wird es wahrscheinlich vielen gehen. Eine Posaune, die andere denkbare Cover-Illustration für einen Roman namens Marschmusik, hätte sicherlich nicht so viel Interesse erzeugt.
Auch der Autor Martin Becker ist weder im Ruhrgebiet geboren, noch lebt er jetzt da. Aber seine Wurzeln liegen im Pott. Sowohl Großvater und Vater waren Bergleute in Bochum, und in Marschmusik geht er diesem Leben auf den Grund. Einem typischen Malocher-Leben, einer Männerwelt unter Tage, mit Begriffen wie Arschleder, Flöz und Kaue. Wörtern, die heute kaum noch jemand kennt und die demnächst aussterben werden. Mit dem typischen Feierabendbier von der Trinkhalle und der ewigen Kippe im Mundwinkel.
Martin Beckers autobiografischer Ich-Erzähler erinnert sich, er recherchiert, will mehr über sich und seine Herkunft erfahren. Er trifft sich mit dem alten Sauhund Hartmann, einem Freund seines verstorbenen Vaters, fährt als Besucher für einen Tag in einen der letzten aktiven Schächte ein und geht durch die Zimmer des kleinen, von zigtausend Zigaretten eingequalmten Reihenmittelhauses der Eltern. Die Mutter lebt noch, immer auch noch in dem alten Haus, ist nach schwerer Krankheit zwar nur noch ein Schatten ihrer selbst, aber sie freut sich, ihn zu sehen. Er dagegen zählt die Stunden, bis er wieder in sein eigenes Leben entschwinden kann, das so gänzlich anders ist, als das seiner Eltern. Aber warum ist das so, warum ist er so anders? Wie hat er es geschafft, aus den einfachen Arbeiterklasse-Verhältnissen auszubrechen und was hat er davon mitgenommen? Und ist das Leben, das er lebt, tatsächlich besser und glücklicher als das, was sein Großvater und Vater führten? Oder einfach nur anders, weniger hart, gesünder, komplizierter und wahrscheinlich auch länger. Fragen, die sich jeder irgendwann einmal stellt. Wo komme ich her, was hat mich geprägt und welche Päckchen schleppe ich deswegen durchs Leben?
So etwas ist natürlich überhaupt nicht unique, hat man schon tausendfach gelesen, das ist sozusagen der klassische Einstieg in das literarische Schreiben. Den Unterschied macht allerdings das Wie. Setting, Aufbau, Figuren, Sprache und Stimmung. Und hier hat mich Martin Becker richtig beeindruckt.
Ich habe in diesem Jahr überhaupt noch nicht über den Deutschen Buchpreis nachgedacht. Einfach, weil mir bisher kein Buch untergekommen ist, das dafür infrage kommt. Marschmusik dagegen ist in meinen Augen ein glasklarer Longlist-Kandidat. Becker hat seinen ganz eigenen literarischen Stil, auf den man sich erstmal einlassen muss. Wiederholungen, Zwei-Wortsätze, ein sprachliches Stakkato mit viel Rhythmus und Drive. Aber wenn man sich da erstmal eingefuchst hat, macht das Lesen richtig Spaß. Ich hab mir manche Passagen laut vorgelesen, um den Sound dieses Romans besser aufzunehmen.
Das mit den Wiederholungen ist etwas verwirrend. Manchmal sind es nur einzelne Sätze, die immer wieder auftauchen, die eine bestimmte Szene noch einmal aus anderer Sicht beleuchten und so das Bild verfeinern. Manchmal sind es aber auch ganze Textpassagen, die wiederholt werden, bei denen man plötzlich stockt und sich denkt: Moment mal, das habe ich doch gerade schon mal gelesen. Da das Lektorat an manchen Stellen ein wenig schlampig ist, hier und da schon mal ein Wort fehlt, gerät man ins Zweifeln, ob das jetzt gewollt ist oder einfach nur übersehen wurde. Das trübt ein wenig das Lesevergnügen, macht den Roman an sich aber nicht weniger lesenswert. Marschmusik hat mich stark beeindruckt. Setting authentisch, Figuren liebevoll gezeichnet, Sprache beeindruckend, langer Nachhall garantiert.
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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand

288 SEITEN, 18,00 €