Nell Leyshon – Die Farbe von Milch

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Ich wollte dieses Buch nicht, hatte nicht danach gefragt, kannte weder Absender, Autorin noch Verlag. Es lag eines Tages einfach in meinem Briefkasten. Normalerweise verschenke ich ja ungefragt eingesandte Bücher sofort an Freunde und Kollegen. Dieses aber nicht. Und obwohl Cover und Titel eher auf „the last woman reading“ als auf mich abzielten, las ich eines Tages einfach mal rein.

Männer-, bzw. Frauencover hin oder her – wer die erste Seite dieses Romans gelesen hat, will auch die zweite und die dritte lesen. Und plötzlich ist man mitten drin in der Geschichte und kann nicht mehr aufhören. Mir ist die Protagonistin Mary sofort ans Herz gewachsen, wie sie mit ihrem unerschütterlich trockenem Humor, all der Lieblosigkeit und Härte begegnet, die sie umgibt. Als jüngste Tochter eines Bergbauern, mit einem verkrüppelten Bein geboren, hat sie es nicht leicht. Harte Arbeit, ein brutaler Vater, eine Mutter, die wegschaut und Schwestern, die auch keinen Ausweg wissen. Liebe und Zuneigung bekommt sie nur vom bettlägerigen Großvater.

Der Vater verschachert sie eines Tages als Haushaltshilfe an den Dorf-Pfarrer, dessen Frau ernsthaft erkrankt ist. Mary nimmt auch dieses Schicksal klaglos an, verabschiedet sich von ihren Schwestern und vom Großvater und zieht ins Haus des Pastors. Harte Arbeit gewohnt, macht sie auch da einen guten Job und wird von der Pastorenfamilie auch für ihre forsche und offene Art geschätzt. Irgendwann stirbt die Frau des Pastors, und Marys Anwesenheit wäre eigentlich nicht mehr notwendig. Doch der Pastor will sie nicht gehen lassen, entlässt lieber die langjährige Haushälterin und lebt fortan mit Mary allein im Pfarrhaus. Wer jetzt schon die Nachtigall trapsen hört, liegt nicht verkehrt. Mehr will ich nicht verraten, nur so viel: Ein Happy End gibt es leider nicht.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman so besonders machen. Es wird eine Geschichte aus dem 19. oder 20. Jahrhundert erzählt und trotzdem ist alles so topaktuell, dass es ohne Weiteres mit einem #metoo-Hashtag in heutigen Facebook- oder Twitter-Timelines auftauchen könnte. Die abhängige Frau und der unterdrückende Patriarch. Seit Jahrtausenden die gleiche Geschichte, das gleiche Schema, tausendmal passiert, tausend erlittene Traumata, tausendmal ohne Konsequenzen. Vielleicht ist jetzt ja endlich die Zeit gekommen, dass sich daran etwas ändert.

Und andererseits fällt einem beim Lesen auf, dass sich seit damals doch schon viel getan hat. Dass zum Beispiel heutzutage jeder mittels Bildung eine realistische Chance hat, aus seinen Verhältnissen auszubrechen und ein besseres Leben zu führen – Männer wie Frauen gleichermaßen. Mary hatte diese Chance nicht, ihre Stärke hat ihr nichts genutzt. Sie konnte da nicht raus, es war alles einfach noch nicht soweit.

Ich habe das Buch innerhalb weniger Stunden durchgelesen und es anschließend meiner Frau mit dem Hinweis in die Hand gedrückt, „das musst du unbedingt lesen“ – und auch sie war begeistert. Als besonders gelungen habe ich die sehr authentische Erzählstimme empfunden. Einfache, schnörkellose Sätze und Dialoge, die perfekt zur Protagonistin passen. Von der Lesestimmung erinnert es mich an Robert Seethalers Alpen-Novelle „Ein ganzes Leben“ oder auch Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“. Einsame Dörfer, einsame Menschen und tiefe Abgründe.

Ich bin wahnsinnig froh, dass dieses Buch, das ich zunächst nicht haben wollte, doch noch zu mir gefunden hat. Dass ich es behalten und gelesen habe. Ich will irgendetwas nicht, aber dieses Irgendetwas will mich. Und so entdecke ich immer wieder Dinge, von denen ich nicht geahnt hätte, dass sie mir gefallen.

So eine Entdeckung ist zum Beispiel auch der Verlag dieses Titels. Von der ehemaligen Piper-Programmchefin Julia Eisele erst in diesem Jahr gegründet, hat es der Eisele-Verlag geschafft, dass Nell Leyshons Roman bereits überall im Buchhandel zu finden ist. Ich weiß nicht, wie der kleine Indie-Verlag das gemacht hat, tippe aber darauf, dass sie die Buchhändler gebeten haben, nur eine Seite dieses Buches zu lesen. Und dann ist wahrscheinlich das gleiche passiert wie bei mir – man liest auch die zweite und die dritte Seite und hört mit dem Lesen erst wieder auf der letzten Seite auf – tief bewegt und leseglücklich.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele
208 Seiten, 18,00 Euro

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