Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

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Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, ob Ralf Rothmann ein guter oder nicht so guter Autor ist. Das steht komplett außer Frage. Wir müssen auch nicht darüber diskutieren, ob Romane, die sich mit Geschichten aus dem Dritten Reich beschäftigen, auch nach über 70 Jahren noch wichtig, lesbar und lehrreich sind. Auch das bedarf angesichts der aktuellen politischen Großwetterlage keinerlei Diskussion. Doch wir sollten uns aber darüber unterhalten, ob ein erfolgreicher Schriftsteller sich unbedingt dem Diktat des Marktes beugen und alle zwei Jahre einen neuen Roman herausbringen muss. Lasst uns darüber diskutieren, ob ein schlechter Roman eines guten Autors immer noch besser ist als ein guter Roman eines schlechten Autors. Und zu guter Letzt würde mich mal interessieren, ob auch andere Leser so enttäuscht von Ralf Rothmanns neuem Roman sind.

Natürlich ist „Der Gott jenes Sommers“ nicht grottenschlecht. Rothmann ist immer noch Rothmann und routiniert genug, um selbst aus einer halbgaren Idee, eine ganz passable Geschichte zu machen. Und tatsächlich kommt es mir so vor, als wenn der Autor noch Rohmaterial seines letzten Romans übrig hatte – eine Nebenhandlung und eine Protagonistin, die ihm der Lektor aus „Im Frühling sterben“ rausgestrichen hat – und das hat er nun in einem neuen Buch noch mal aufgewärmt und etwas ausgewalzt.

Das Setting ist zumindest das Gleiche wie im letzten Roman: ein Bauernhof in Norddeutschland in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. Und irgendwie kann ich schon verstehen, was Rothmann an Zeit und Ort so sehr gereizt hat, dass er da gleich noch einen zweiten Roman ansiedelt – zumal sein letzter überaus erfolgreich war und laut Klappentext in 25 Sprachen übersetzt wurde. Die letzten Tages eines Krieges, der eigentlich schon entschieden ist, die letzten Tage eines Regimes, dessen Tage gezählt sind und trotzdem wird weitergemacht, als wäre nichts geschehen. Menschen leiden und sterben, obwohl man das Licht am Ende des Tunnels schon sehen kann. Das macht das ganze Elend noch sinnloser und tragischer. Und dann so ein noch halbwegs intakter und funktionierender Bauernhof mitten im komplett zerbombten Deutschland. Das hat schon alles einen großen erzählerischen Reiz.

Aber trotzdem: Rothmann hat das alles schon mal erzählt. Und jeder, der „Im Frühling sterben“ gelesen hat, wird unwillkürlich Vergleiche anstellen und feststellen, dass die Geschichte der zwölfjährigen Luisa Norff bei weitem nicht an die von Fiete und Walter des Vorgängerbuches heranreicht. Ich schreibe das jetzt ungefähr eine Woche nachdem ich das Buch beendet habe, und jetzt schon kann ich mich nur noch mit sehr viel Mühe an die Handlung erinnern. In ein paar Tagen werde ich es komplett vergessen haben. Denn auf den ganzen 250 Seiten war nichts, was mich besonders interessiert, verblüfft, berührt oder mir bemerkenswert erschienen wäre. „Der Gott jenes Sommers“ ist nichts weiter als eine sauber erzählte Geschichte, wie ich sie schon hundertmal gelesen habe, manchmal besser, manchmal auch schlechter erzählt.

Alles in allem ist das ein ganz guter Roman über die Tragik der letzten Kriegstage, über ein zwölfjähriges Mädchen, das seine Kindheit verloren hat, über Hoffnungen und Ängste, über sinnlose Opfer und den Hass und die Ablehnung, die schon immer Geflüchteten entgegenschlug. Aber es ist auch einer der schlechtesten Romane, die ich von Ralf Rothmann bisher gelesen habe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
254 Seiten, 22,00 Euro

Den Roman gibt es auch als Hörbuch:
Hörbuch Hamburg HHV
Gesprochen von Wiebke Puls und Shenja Lacher
6h 58 min
Erhältlich bei Audible. (Hörprobe)

 

Die Zeit heilt keine Wunden

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Ralf Rothmann – Im Frühling sterben.

Ich bin spät dran mit diesem Buch. Vier Wochen nach Erscheinungsdatum stammt mein Leseexemplar schon aus der zweiten Auflage. Die Literaturblogs sind unisono voll des Lobes, und auch im Feuilleton ist man sich einig. Die hymnische Begeisterung zu „Im Frühling sterben“ gipfelt schließlich in dem Urteil, dass es sich hier wohl um den besten Roman des Jahres handelt.

Zumindest Letzteres kann man so nicht stehen lassen. Wie wir alle wissen, wird „der beste Roman des Jahres“ erst am 12.Oktober bestimmt. Und dass es de facto jeder neu erschienene Roman sein kann, nur eben nicht der neue Roman von Ralf Rothmann – das wissen wir seit letzter Woche auch. Ich bin sicher, dass der freiwillige Verzicht des Autors auf verkaufsfördernde Buchpreis-Weihen die Aufmerksamkeit für dieses Werk nochmals gesteigert hat. Denn so ein lapidares ‚Nö, ich würde lieber nicht den Deutschen Buchpreis bekommen’ ist schon ein ziemlich cooles Statement, das man sich als Autor erst einmal leisten können muss. Denn der Verzicht auf den Preis heißt auch, auf sechsstellige Auflagenzahlen und Lizenzverkäufe ins Ausland zu verzichten.

Weniger schmerzhaft wird dagegen der Verzicht sein, sich mit zwanzig anderen Autoren vor den Marketingkarren des Börsenvereins spannen zu lassen, nägelkauend der Bekanntgabe der Shortlist und letztlich der Proklamation des Siegers entgegen zu fiebern. Um dann – natürlich nur im Falles des Erfolges – ein paar Wochen herumgereicht zu werden, bevor man wieder in der medialen Versenkung verschwindet. Nee, Ralf Rothmann hat das schon richtig gemacht. Er fackelt jetzt sein Medienfeuer ab und wenn die Buchpreis-Aspiranten als nächste Sau durch die Straßen gejagt werden, hat er längst seine Auflage und damit seine Schäfchen im Trockenen. Und damit ist der Kampf um den Titel „bester Roman des Jahres“ wieder offen.

Muss ich eigentlich noch auf den Inhalt dieses Buches eingehen? Dass es in diesem auch von mir als sehr bewegend empfundenen Roman um zwei Jungen geht, die als Melker auf einem norddeutschen Bauernhof arbeiten und in den letzten Kriegsmonaten 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden, kann man eigentlich überall nachlesen. Ich gehe trotzdem noch einmal kurz darauf ein. Die Protagonisten Fiete und Walter sind grundverschiedene Charaktere. Beide sind einfach strukturiert, der eine mehr, der andere weniger angepasst. Der eine stirbt, der andere bleibt am Leben. Fiete scheitert, ist aber am Ende mit sich im Reinen („Ich hab es zumindest versucht“). Walter kommt durch, trägt aber für den Rest seines Leben Schuld auf seinen Schultern. Er wurde ins Exekutionskommando für den fahnenflüchtigen Fiete kommandiert. Er musste auf den Freund die Waffe richten, musste auch abdrücken, weil er sich sonst gleich dazu hätte stellen können. Das ist eine dieser tragischen Geschichten, wie es sie zu dieser Zeit hundert-, tausend oder zehntausendfach gegeben hat. So ist der Krieg, so können Menschen sein, so darf es niemals wieder werden.

Walter verkapselt sich in seiner Schuld, wird einer dieser schweigsamen und mürrischen Nachkriegsväter. Einer von denen, die alles in sich hineinfressen, mit der Vergangenheit nicht klar kommen und auch nicht mit der Gegenwart. Die Babyboomer und auch die Generation davor, Ralf Rothmanns Generation, kennt diese Väter zur Genüge. Das sind die, von denen die Mütter immer sagten, dass sie einen lieb haben, aber es nicht zeigen können.

Wenn man diesen Roman gelesen hat und Walters Geschichte kennt, dann versteht man auf einmal alles. Es gibt Dinge im Leben – und das, was Walter passiert ist, gehört zweifelsfrei dazu – die kann man einfach nicht erzählen. Das kommt einem nicht über die Lippen, und deswegen hält man einfach die Klappe und schleppt es sein Leben lang unausgesprochen mit sich herum. Und irgendwann ist das Leben vorbei und man wünscht sich dann vielleicht den Frieden, den der Kumpel Fiete am Ende seines jungen Lebens hatte. Der zwar gescheitert ist, aber wenigstens von sich sagen konnte: Er hat es versucht.

Mir gingen beim Lesen dieser Geschichte tausend Gedanken durch den Kopf. Wie hätte man selber damals reagiert, wenn man auf einem Tanzabend in der Dorfkneipe aufgefordert worden wäre, „freiwillig“ fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen? Hätte ich damals „Nein“ sagen können? Oder auch die Exekution des besten Freundes. Was hätte man tun können? Nichts! Und darüber reden – auch nicht. Keiner hätte es verstanden. Also hätte ich wohl wie Walter meine Klappe gehalten, wäre meiner Arbeit nachgegangen, hätte meine Pflicht getan, nach Feierabend mein Bierchen getrunken und am Ende festgestellt, dass auch die Zeit nicht alle Wunden heilt.

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Suhrkamp, 234 Seiten, 19,95 €
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Titelfoto: Gabriele Luger