Die Zeit heilt keine Wunden

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Ralf Rothmann – Im Frühling sterben.

Ich bin spät dran mit diesem Buch. Vier Wochen nach Erscheinungsdatum stammt mein Leseexemplar schon aus der zweiten Auflage. Die Literaturblogs sind unisono voll des Lobes, und auch im Feuilleton ist man sich einig. Die hymnische Begeisterung zu „Im Frühling sterben“ gipfelt schließlich in dem Urteil, dass es sich hier wohl um den besten Roman des Jahres handelt.

Zumindest Letzteres kann man so nicht stehen lassen. Wie wir alle wissen, wird „der beste Roman des Jahres“ erst am 12.Oktober bestimmt. Und dass es de facto jeder neu erschienene Roman sein kann, nur eben nicht der neue Roman von Ralf Rothmann – das wissen wir seit letzter Woche auch. Ich bin sicher, dass der freiwillige Verzicht des Autors auf verkaufsfördernde Buchpreis-Weihen die Aufmerksamkeit für dieses Werk nochmals gesteigert hat. Denn so ein lapidares ‚Nö, ich würde lieber nicht den Deutschen Buchpreis bekommen’ ist schon ein ziemlich cooles Statement, das man sich als Autor erst einmal leisten können muss. Denn der Verzicht auf den Preis heißt auch, auf sechsstellige Auflagenzahlen und Lizenzverkäufe ins Ausland zu verzichten.

Weniger schmerzhaft wird dagegen der Verzicht sein, sich mit zwanzig anderen Autoren vor den Marketingkarren des Börsenvereins spannen zu lassen, nägelkauend der Bekanntgabe der Shortlist und letztlich der Proklamation des Siegers entgegen zu fiebern. Um dann – natürlich nur im Falles des Erfolges – ein paar Wochen herumgereicht zu werden, bevor man wieder in der medialen Versenkung verschwindet. Nee, Ralf Rothmann hat das schon richtig gemacht. Er fackelt jetzt sein Medienfeuer ab und wenn die Buchpreis-Aspiranten als nächste Sau durch die Straßen gejagt werden, hat er längst seine Auflage und damit seine Schäfchen im Trockenen. Und damit ist der Kampf um den Titel „bester Roman des Jahres“ wieder offen.

Muss ich eigentlich noch auf den Inhalt dieses Buches eingehen? Dass es in diesem auch von mir als sehr bewegend empfundenen Roman um zwei Jungen geht, die als Melker auf einem norddeutschen Bauernhof arbeiten und in den letzten Kriegsmonaten 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden, kann man eigentlich überall nachlesen. Ich gehe trotzdem noch einmal kurz darauf ein. Die Protagonisten Fiete und Walter sind grundverschiedene Charaktere. Beide sind einfach strukturiert, der eine mehr, der andere weniger angepasst. Der eine stirbt, der andere bleibt am Leben. Fiete scheitert, ist aber am Ende mit sich im Reinen („Ich hab es zumindest versucht“). Walter kommt durch, trägt aber für den Rest seines Leben Schuld auf seinen Schultern. Er wurde ins Exekutionskommando für den fahnenflüchtigen Fiete kommandiert. Er musste auf den Freund die Waffe richten, musste auch abdrücken, weil er sich sonst gleich dazu hätte stellen können. Das ist eine dieser tragischen Geschichten, wie es sie zu dieser Zeit hundert-, tausend oder zehntausendfach gegeben hat. So ist der Krieg, so können Menschen sein, so darf es niemals wieder werden.

Walter verkapselt sich in seiner Schuld, wird einer dieser schweigsamen und mürrischen Nachkriegsväter. Einer von denen, die alles in sich hineinfressen, mit der Vergangenheit nicht klar kommen und auch nicht mit der Gegenwart. Die Babyboomer und auch die Generation davor, Ralf Rothmanns Generation, kennt diese Väter zur Genüge. Das sind die, von denen die Mütter immer sagten, dass sie einen lieb haben, aber es nicht zeigen können.

Wenn man diesen Roman gelesen hat und Walters Geschichte kennt, dann versteht man auf einmal alles. Es gibt Dinge im Leben – und das, was Walter passiert ist, gehört zweifelsfrei dazu – die kann man einfach nicht erzählen. Das kommt einem nicht über die Lippen, und deswegen hält man einfach die Klappe und schleppt es sein Leben lang unausgesprochen mit sich herum. Und irgendwann ist das Leben vorbei und man wünscht sich dann vielleicht den Frieden, den der Kumpel Fiete am Ende seines jungen Lebens hatte. Der zwar gescheitert ist, aber wenigstens von sich sagen konnte: Er hat es versucht.

Mir gingen beim Lesen dieser Geschichte tausend Gedanken durch den Kopf. Wie hätte man selber damals reagiert, wenn man auf einem Tanzabend in der Dorfkneipe aufgefordert worden wäre, „freiwillig“ fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen? Hätte ich damals „Nein“ sagen können? Oder auch die Exekution des besten Freundes. Was hätte man tun können? Nichts! Und darüber reden – auch nicht. Keiner hätte es verstanden. Also hätte ich wohl wie Walter meine Klappe gehalten, wäre meiner Arbeit nachgegangen, hätte meine Pflicht getan, nach Feierabend mein Bierchen getrunken und am Ende festgestellt, dass auch die Zeit nicht alle Wunden heilt.

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Suhrkamp, 234 Seiten, 19,95 €
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Titelfoto: Gabriele Luger

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