Heinz Helle – Die Überwindung der Schwerkraft

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Wenn ein Autor zu langen Sätzen greift, zu nicht enden wollenden Konstruktionen, wenn sich das, was er zu sagen hat, in endlosen Schleifen aneinanderreiht, er dem Leser keine Pause gönnt, ihn rastlos, atemlos und treibend vor sich her hetzt, durch ein Meer an Haupt- und Nebensätzen, Strudeln mit Einschüben, Erweiterungen, Satzreihen und Satzgefügen schwimmen lässt, dazu noch keine Kapitel, ja, noch nicht mal Absätze als Leserastplätze anbietet, wenn kein Etappenziel sichtbar ist, vor einem nichts als eine zweihundert Seiten lange Bleiwüste, die man in Erwartung einer kathartischen Erlösung entweder bis zum bitteren Ende durchschreiten oder aber als Verlierer, Gescheiterter vorzeitig verlassen kann; wenn jemand so etwas macht, dann kann man davon ausgehen, dass dieser Jemand einen gewissen literarischen Anspruch hat, die Nominierung für mindestens zwei oder drei Literaturpreise bereits fest einplant, dass er nicht den gestressten und Entspannung suchenden Leser ansprechen will, sondern die, die so einen Anspruch goutieren, wertschätzen, die nicht den Kopf schütteln, sondern sich mit Wollust in dieses Meer an Sprache stürzen, sich laben, lautsprechen und begeisterte Rezensionen schreiben. Punkt. Kurze Pause. Weiter. Tatsächlich macht Heinz Helle in seinem neuen Roman auch immer mal wieder einen Punkt, mindestens einen pro Seite, aber Absätze macht er keine, da kennt er keine Gnade und jeder, der das hier liest, diesen Bandwurm bis hierher verfolgt und ertragen hat, weiß jetzt so in etwa, was bei „Die Überwindung der Schwerkraft“ auf ihn zukommt, natürlich um einiges besser und kunstvoller, als ich das hier vermag, aber vom Prinzip her gleich. Und obwohl ich eigentlich auch ein eher gestresster und Entspannung suchender Leser bin, hat mich dieser auf den ersten Blick leseunfreundliche Stil überhaupt nicht angestrengt, sondern auf sehr angenehme Weise in eine Art kontemplativen Leseflow versetzt, der mich geradezu wie auf Wolken durch die Geschichte der zwei Brüder, den Hauptfiguren dieses Romans, geführt hat, die genau genommen Halbbrüder sind, nur den Vater teilen, ein paar Jahre auseinander sind und auch sonst nicht viel gemeinsam haben, aber irgendwie doch aneinander hängen, denn sie sind ja schließlich Brüder, haben das gleiche Blut, zumindest zur Hälfte, und da verzeiht man so manches, hat Verständnis und kann den anderen, auch wenn man es gerne möchte, nie so ganz aus den Gedanken streichen, obwohl die Gedanken immer wieder assoziativ abschweifen, zum belgischen Kinderschänder Marc Dutroux, dem Förster, der ihn festgenommen hat, zu allerlei anderem Zeug, um dann am Ende wieder zurückzufinden, zu dem, was einen verbindet, beziehungsweise einst verbunden hat, denn der Bruder stirbt, ist eines Tages einfach nicht mehr da und zurück bleiben jede Menge ungeklärte Fragen, endlose Gedankenschleifen, verschwommene Bilder gemeinsam verbrachte Abende, letzte Eindrücke, ein letztes Bier und ein letzter langer Satz.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
208 Seiten, 20,00 €

Heinz Helle liest „Zehn Seiten“

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Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

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Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, ob Ralf Rothmann ein guter oder nicht so guter Autor ist. Das steht komplett außer Frage. Wir müssen auch nicht darüber diskutieren, ob Romane, die sich mit Geschichten aus dem Dritten Reich beschäftigen, auch nach über 70 Jahren noch wichtig, lesbar und lehrreich sind. Auch das bedarf angesichts der aktuellen politischen Großwetterlage keinerlei Diskussion. Doch wir sollten uns aber darüber unterhalten, ob ein erfolgreicher Schriftsteller sich unbedingt dem Diktat des Marktes beugen und alle zwei Jahre einen neuen Roman herausbringen muss. Lasst uns darüber diskutieren, ob ein schlechter Roman eines guten Autors immer noch besser ist als ein guter Roman eines schlechten Autors. Und zu guter Letzt würde mich mal interessieren, ob auch andere Leser so enttäuscht von Ralf Rothmanns neuem Roman sind.

Natürlich ist „Der Gott jenes Sommers“ nicht grottenschlecht. Rothmann ist immer noch Rothmann und routiniert genug, um selbst aus einer halbgaren Idee, eine ganz passable Geschichte zu machen. Und tatsächlich kommt es mir so vor, als wenn der Autor noch Rohmaterial seines letzten Romans übrig hatte – eine Nebenhandlung und eine Protagonistin, die ihm der Lektor aus „Im Frühling sterben“ rausgestrichen hat – und das hat er nun in einem neuen Buch noch mal aufgewärmt und etwas ausgewalzt.

Das Setting ist zumindest das Gleiche wie im letzten Roman: ein Bauernhof in Norddeutschland in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. Und irgendwie kann ich schon verstehen, was Rothmann an Zeit und Ort so sehr gereizt hat, dass er da gleich noch einen zweiten Roman ansiedelt – zumal sein letzter überaus erfolgreich war und laut Klappentext in 25 Sprachen übersetzt wurde. Die letzten Tages eines Krieges, der eigentlich schon entschieden ist, die letzten Tage eines Regimes, dessen Tage gezählt sind und trotzdem wird weitergemacht, als wäre nichts geschehen. Menschen leiden und sterben, obwohl man das Licht am Ende des Tunnels schon sehen kann. Das macht das ganze Elend noch sinnloser und tragischer. Und dann so ein noch halbwegs intakter und funktionierender Bauernhof mitten im komplett zerbombten Deutschland. Das hat schon alles einen großen erzählerischen Reiz.

Aber trotzdem: Rothmann hat das alles schon mal erzählt. Und jeder, der „Im Frühling sterben“ gelesen hat, wird unwillkürlich Vergleiche anstellen und feststellen, dass die Geschichte der zwölfjährigen Luisa Norff bei weitem nicht an die von Fiete und Walter des Vorgängerbuches heranreicht. Ich schreibe das jetzt ungefähr eine Woche nachdem ich das Buch beendet habe, und jetzt schon kann ich mich nur noch mit sehr viel Mühe an die Handlung erinnern. In ein paar Tagen werde ich es komplett vergessen haben. Denn auf den ganzen 250 Seiten war nichts, was mich besonders interessiert, verblüfft, berührt oder mir bemerkenswert erschienen wäre. „Der Gott jenes Sommers“ ist nichts weiter als eine sauber erzählte Geschichte, wie ich sie schon hundertmal gelesen habe, manchmal besser, manchmal auch schlechter erzählt.

Alles in allem ist das ein ganz guter Roman über die Tragik der letzten Kriegstage, über ein zwölfjähriges Mädchen, das seine Kindheit verloren hat, über Hoffnungen und Ängste, über sinnlose Opfer und den Hass und die Ablehnung, die schon immer Geflüchteten entgegenschlug. Aber es ist auch einer der schlechtesten Romane, die ich von Ralf Rothmann bisher gelesen habe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
254 Seiten, 22,00 Euro

Den Roman gibt es auch als Hörbuch:
Hörbuch Hamburg HHV
Gesprochen von Wiebke Puls und Shenja Lacher
6h 58 min
Erhältlich bei Audible. (Hörprobe)

 

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

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Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h

Sasha Marianna Salzmann – Ausser sich

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Jeder kennt das: man liest ein Buch, das einem eigentlich ganz gut gefällt. Es ist sprachlich herausragend, hat einen guten Sound, und es könnte eine schöne Lesestimmung entstehen, wenn da nur dieses eine Wort nicht wäre: eigentlich. Denn uneigentlich kommt man damit nicht weiter. Ein paar Seiten jeden Abend, viel mehr ist nicht drin. Die Geschichte entwickelt keinen Sog, man kommt auch nach zweihundert Seiten nicht richtig rein und steigt daher irgendwann enttäuscht aus.

So ist es mir mit dem von der Literaturkritik hochgelobten Romandebüt der Theater-Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann gegangen. Zwei Wochen lang habe ich es immer wieder in die Hand genommen, wollte es unbedingt schaffen, doch es gelang mir nicht. Ich dachte zunächst, es läge an mir und suchte nach Entschuldigungen: habe wohl gerade zu viel um die Ohren, keinen Kopf für so verworrene Geschichten, aber morgen dann, ganz bestimmt, wäre ja auch schade drum.

Und irgendwann erstarrte der allabendliche Impuls, nach dem Buch zu greifen, schon in der Bewegung. Stattdessen griff ich zum Handy, zur Zeitung, sogar zur Fernseh-Fernbedienung und schließlich dann auch zu anderen Büchern, die ich ohne Probleme in einem Rutsch durchlas. Und das war dann der Todesstoß für dieses Werk. Als ich es pro forma nach ein paar Wochen Pause noch einmal in die Hand nahm, konnte ich mich erst recht nicht mehr in die verworrenen Zeit- und Handlungsstränge, Personen und Settings hineinfinden.

Wenn dieser Roman sprachlich nicht so überragend wäre, hätte ich überhaupt kein Problem damit, ihn mittendrin einfach abzubrechen, einen Verriss zu schreiben und das Ding so schnell wie möglich zu vergessen. Aber die Autorin hat großes Talent, ist eine echte Virtuosin und konstruiert tolle, klangvolle Sätze. Melodisch und rhythmisch fein austariert, mal lang, mal weniger lang, mal bildhaft und poetisch und dann wieder nüchtern und faktisch – perfekte Vorlesesätze. Aber Sprache ist halt nicht alles. Die Geschichte, das Setting, die Protagonisten, die Handlungsstränge, der rote Faden – das alles ist mindestens ebenso wichtig und sollte sich im Idealfall zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Und das tut es hier leider nicht.

Dabei ist die Geschichte nicht allzu kompliziert. Es geht um Alissa, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Zwillingsbruder Anton ist. Die Suche führt sie nach Istanbul, mitten in die Wirren der Aufstände am Taksim-Platz. Es gibt immer wieder Zeitsprünge, und wir erfahren wie die Eltern und Großeltern als Juden in der Sowjetunion gelebt haben, bis sie in den Neunziger Jahren nach Deutschland emigrieren durften. Anton verschwindet irgendwann spurlos, nach Jahren erreicht die Familie eine Postkarte von ihm aus Istanbul, und Alissa macht sich auf die Suche.

Das Themenspektum ist riesig: Politik, Religion, Familie, Emigration und Immigration. Das alles hätte vollkommen ausgereicht, um einen großen Gegenwartsroman zu schreiben. Doch nicht für die begabte Jungautorin Salzmann. Aus Alissa wurde Ali und aus dem ohnehin schon thematisch überfrachteten Roman-Gemengelage ein queeres Vewirrstück. Das war der Punkt, an dem ich dann ausgestiegen bin. Nicht weil ich mit der Transgender-Thematik nichts anfangen kann, sondern weil sich die Autorin einfach mit den Themen übernommen hat. Eine russisch-deutsche, gleichgeschlechtlich liebende, transgender Protagonistin jüdischen Glaubens mitten im muslimischen Istanbul während der aktuellen politischen Unruhen – das ist einfach übertrieben konstruiert und nicht mehr glaubwürdig. Da rolle ich mit den Augen und bin raus.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
366 Seiten, 22,00

 

Der Buchtrailer:

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Stephan Lohse – Ein fauler Gott

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Was versprechen sich Menschen eigentlich davon, ein Buch zu schreiben? Ich mein, da steckt ja richtig viel Arbeit drin. Ganz besonders, wenn man das noch neben dem eigentlichen Beruf machen will. Abends, am Wochenende, im Urlaub – immer einsam und allein auf den Laptop einhackend, statt gemütlich in geselliger Runde zu entspannen. Stephan Lohse ist Schauspieler. Ich würde sagen, gar nicht mal so unerfolgreich. Es kommt mir vor, als hätte ich das Gesicht schon mal irgendwo im Fernsehen gesehen. Jetzt ist er 53 und hat seinen ersten Roman geschrieben. Und ich frage mich: Warum?

Wenn man wirklich etwas zu erzählen hat – irgendetwas Originelles, bisher noch nicht Dagewesenes, meinetwegen auch Witziges – wenn man seit Jahren schon mit der ultimativen Idee für einen Roman schwanger geht oder aber wirklich gut schreiben kann, einen eigenen, ganz besonderen Erzählstil hat, dann, ja dann kann ich verstehen, dass man unbedingt einen Roman schreiben will. Weshalb Stephan Lohse das getan hat, verstehe ich nicht.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Roman jetzt grottenschlecht ist, die Geschichte überhaupt nicht erzählenswert und sprachlich komplett daneben. Aber leider ist „Der faule Gott“ auch nicht richtig gut oder besonders bemerkenswert. Eben nur ganz ok; literarische Durchschnittsware, kann man lesen, muss man aber nicht. Manchmal klappt das ja, dass einer aus dem angrenzenden Kulturbetrieb, Schauspiel oder Musik, einen literarischen Erfolg landet. Joachim Meyerhoff oder Thees Uhlmann ist dies gelungen. Vielen anderen aber nicht. Und ich schätze, Stephan Lohse gehört zu der zweiten Gruppe.

Meinetwegen soll es jeder mal als Romanautor versuchen. Und vielleicht kommt ja noch ein Maxim Biller vorbei und behauptet wieder im Fernsehen, sein ganzes Leben auf ein Buch wie dieses gewartet zu haben. Möglich ist alles. In Stephan Lohses Vita steht jedenfalls jetzt: „Schauspieler und Schriftsteller“. Dafür hat sich der ganze Schreibaufwand schon wieder gelohnt. So ein Allround-Künstler lässt sich immer gut vermarkten. Mich ärgert aber, dass solche Kulturbetriebs-Typen mit ihren literarischen Ego- und Selbstverwirklichungs-Projekten den wirklich talentierten Autoren die Programmplätze wegnehmen.

Das große Potenzial dieser Kindheits-Retrospektiven ist ja, dass die jeweils angesprochene Generation in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen kann. Die 70er-Jahre-Motto-Party als Buch. Rudi Carrell und Hans Joachim Kulenkampff, Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Das Bonanza-Rad, Status Quo und Mal Sondocks Hitparade. Ich bin genau diese Generation, gerade mal ein Jahr jünger als der Autor und prinzipiell sehr empfänglich für solche Throwback-Momente. Ich hatte mich sogar sehr darauf gefreut, beim Lesen mal wieder in Erinnerungen zu schwelgen: in dieser alten, nur in der Erinnerung unbeschwerten Zeit; vor dem ersten Computer und dem Internet.

Lohse baut genau auf diesen Effekt, integriert all die kohärenzstiftenden Dinge, die jedes Kind der Siebziger nie vergessen wird. Clementine und ihr Ariel (wäscht nicht nur sauber, sondern rein), Olympia 1972 zum ersten Mal im Farbfernsehen, die Familie Leroc aus dem Französisch-Buch, der Opel-Rekord und die drei 3-Gang-Sachs-Schaltung. Natürlich kenne ich das alles noch und denke gerne dran zurück. Aber im Rahmen dieses Romans hat es mich einfach nur gelangweilt. Zu vorhersehbar, zu konstruiert, nicht schlüssig, nicht stimmig, nicht gut.

Und dann die eigentliche Handlung – der achtjährige Jonas stirbt plötzlich und lässt Mutter und Bruder in Trauer zurück. Na klar ist das ein Trauma, na klar kann man darüber ein Buch schreiben und erzählen, wie dieser Verlust das Leben der beiden Verbliebenen in der Familie verändert hat. Aber irgendwie hat auch das mich emotional nicht erreicht. Dass der 12-Jährige Ben psychisch auffällig wird, auf einmal komisch geht und summt, ist ja gar nicht so abwegig. Kann alles passieren, wenn plötzlich die schöne heile Familienwelt zusammenbricht. Aber ich lese das, fange an zu Gähnen und blättere drei Seiten vor.

Es ist alles irgendwie nicht stimmig in diesem Buch. Auch sprachlich misslingt Lohse der Wechsel zwischen den beiden Protagonisten, dem 12-Jährigen Ben und seiner Mutter Ruth, zwischen der kindlichen und der erwachsenen Verzweiflung. Vielleicht hätte er die Geschichte statt mit einer neutralen Erzählstimme besser aus wechselnden Ich-Perspektiven geschildert. Vielleicht hat er das auch zunächst gemacht, dann aber auf Empfehlung seines Lektorats noch einmal umgeschrieben. Wer weiß.

Für mich ist das alles nichts Halbes und nichts Ganzes. Der faule Gott nichts weiter als ein fauler Kompromiss. Eine Geschichte, die nicht zündet und ein Autor, der nicht überzeugt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
330 Seiten, 22,00

 

 

Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Wie schön das ist, wenn man ab und zu mal über den eigenen Schatten springt, all die halbgaren Einschätzungen und Ressentiments und das ach so wertvolle Erfahrungswissen einfach mal ausblendet und sich frei und unvoreingenommen ein Urteil bildet. Ich gebe zu, das passiert mir nicht oft, denn ich bin so ein verdammt bequemer Schubladen-Typ und fahre damit eigentlich gar nicht schlecht. Oftmals bestätigen sich die Vorurteile ja. Aber ab und zu eben auch nicht, und das ist dann immer wieder richtig toll.

So geschehen bei diesem Buch von Emma Braslavsky, einer Autorin, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, obwohl es bereits ihr drittes Werk ist. Seit einem halben Jahr lag dieser Roman mit dem etwas merkwürdigen Titel „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ bei mir zu Hause rum, und ich verspürte all die Zeit nur wenig Lust, mich überhaupt damit zu beschäftigen. Das ist so ein überdrehtes und neunmalkluges Gesellschafts- und Umweltpolitik-Ding mit erhobenem Zeigefinger und einem ganzen Schwung sendungsbewusster Charaktere, so mein Vorurteil. Als ich dann noch sah, dass tatsächlich unzählige Akteure diesen Roman bevölkern – so viele, dass dem Roman eine zweiseitige Personenübersicht vorangestellt wird – fühlte ich mich in meinem Schubladendenken bestätigt.

Aber all meine Vorurteile lösten sich innerhalb weniger Minuten in Luft auf. Nach den ersten drei, vier Seiten hatte mich der Braslavskysche Plauderton in seinen Bann gezogen. Ich machte es mir bequem und las das 460 Seiten dicke Buch innerhalb von drei Tagen durch. Ok, ich hatte Urlaub und somit Zeit, aber es war auch wirklich ein tolles Leseerlebnis. Natürlich geht es um Gesellschafts- und Umweltpolitik, um all die hippen Weltverbesserer und Überzeugungstäter, um die unzähligen kleinen und großen Projekte, die unsere Welt retten und zu einem besseren Ort machen wollen. Aber da ist weit und breit kein erhobener Zeigefinger, die Autorin schafft es, dem Thema die Schwere zu nehmen und auch den verbissensten und humorlosesten Öko-Fundamentalisten mit seinen Schwächen und Selbstzweifeln mit einem liebevoll, ironischen Abstand darzustellen.

Die ganze Geschichte spielt irgendwann in der nahen Zukunft und ist eine Mischung aus Utopie, Dystopie und Realsatire. Das klingt interessant, kann aber auch schnell in die Hose gehen. Denn der Wechsel zwischen den einzelnen Stilen, Stimmungen und Ansichten bedarf sowohl jeder Menge Einfühlungsvermögen und Know-how als auch einer großen schriftstellerischen Bandbreite. Emma Braslavsky gelingt dies spielend, beinahe leichtfüßig und virtuos wechselt sie zwischen den zahlreichen Erzählstimmen, switcht zwischen jung und alt, Nachrichtenblog und Dialog und leitet den Leser durch die von ihr geschaffene, schöne neue Endzeit-Welt.

Aber am meisten gefallen hat mir, dass ich so etwas wirklich noch nie gelesen habe. Gerade Vielleser haben ja irgendwann das Gefühl, jede Geschichte so oder so ähnlich schon mal an anderer Stelle, mit anderen Worten und anderen Charakteren erzählt bekommen zu haben. Aber das hier ist wirklich einzigartig. Die Idee für den Roman, der Aufbau, die Charaktere, die ganzen vielen Einschübe, Theorien, Visionen, Orte – all das in dieser Kombination ist wirklich unique, kreativ und außerordentlich gelungen. Man merkt genau, dass die Autorin es sich nicht leicht gemacht hat. Sie hat sich Zeit gelassen, vieles genau recherchiert und hinterfragt. Über acht Jahre hat sie an diesem Roman geschrieben, mit vielen Wissenschaftlern und Experten gesprochen und alles abgesichert. Ich fühlte mich durch die Lektüre auf einem hohen Niveau und sehr intelligent unterhalten und habe an keiner Stelle auch nur ansatzweise irgendeine der kruden Theorien infrage gestellt, obwohl es sicherlich zig Kritikpunkte und Antithesen dazu geben wird. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um die Geschichte, die da erzählt wird. Und da hat alles wunderbar gepasst, ein herrliches Endzeit/Jetztzeit-Spektakel, aktuell, inspirierend und genau das Richtige, um Schubladentypen wie mich mal wieder so richtig aus dem Trott zu bringen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
462 seiten, 24,00 €

Zu dem Roman gibt es auch eine interessante Webseite mit Filmen und Zusatzmaterial: http://www.leben-ist-keine-art.de

Weitere Blogger-Rezensionen bei: Zeilensprünge

 

 

David Vann – Aquarium

9

 

Ich weiß nicht, ob das sein Thema ist, denn so viel habe ich von diesem Autor noch nicht gelesen. Aquarium ist erst mein zweiter Vann-Roman. Aber „Dreck“ war bereits ein Familien-Beziehungsdrama und Aquarium ist es auch. Und das muss man ihm lassen, dieses Eltern-Kind-Ding kann er gut. Schon bei Dreck ging mir die tragisch-schaurige Geschichte von Mutter und Sohn unter die Haut, und auch in seinem neuen Roman lässt einen die Schilderung der auch hier wieder herrlich zerrütteten Familienverhältnisse erschaudern.

Ich versuche die Geschichte jetzt mal zusammenzufassen, ohne allzu viel zu spoilern. Die zwölfjährige Caitlin lebt mit ihrer Mutter alleine irgendwo in Detroit, in einem Stadtteil und einer Wohnung, wo keiner freiwillig wohnt. Einen Vater gibt es nicht. Sheri, die Mutter, geht einer körperlich harten und schlecht bezahlten Tätigkeit irgendwo im Containerhafen nach. Mutter und Tochter verlassen frühmorgens gemeinsam das Haus und kehren spät abends wieder heim. Dann Essen machen, Hausaufgaben, ein wenig Fernsehen, das war’s. Und am nächsten Tag wieder das Gleiche. Jahrein, jahraus – ohne Hoffnung auf bessere Zeiten. Bis ihre Mutter sie abends wieder abholt, vertreibt sich Caitlin die Zeit nach der Schule im städtischen Aquarium. Sie kennt jedes Becken, jeden Fisch und jede Krabbe. Und dort lernt sie eines Tages einen alten Mann kennen, der die Nachmittage mit ihr durch die Unterwasserwelt streift.

So weit, so unschön. Ein normales Leben, hart aber nicht ohne Liebe. Mutter und Tochter sind eine symbiotische Einheit, im harten Alltagstrott vereint, geben sich gegenseitig Halt und Wärme. Doch damit ist es schlagartig vorbei, als herauskommt, dass der alte Mann im Aquarium Caitlins Großvater ist. Was für Caitlin das größte Glück bedeutet, denn sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine richtige, große Familie, ist für Ihre Mutter Sheri eine Katastrophe. Sheri hasst ihren Vater, seit er vor mehr als zwanzig Jahren einfach abgehauen ist und sie, damals im gleichen Alter wie ihre Tochter heute, mit der todkranken Mutter zurückgelassen hat. Sie musste ihre Mutter viele Jahre bis zu ihrem Tod pflegen und hat dadurch nicht nur Schule und Ausbildung versäumt, sondern auch keine Freunde, keine Freizeit und keine Kindheit mehr gehabt. So etwas kann man nicht verzeihen, damit hat sich ein Vater auf ewig jeden Anspruch auf Tochterliebe verspielt.

Doch genau das erwartet Caitlin von ihrer Mutter. Sie liebt ihren Großvater und will ihn, einmal gewonnen, nicht wieder verlieren. Ihre Mutter soll verzeihen, soll ihren Hass überwinden. Das kann doch nicht so schwer sein. Ist es aber doch. Und den Ursprung des Schmerzes soll Caitlin am eigenen Leib erfahren. Sie soll das erleben, was sie damals auch durchleben musste. Und so läuft die Geschichte auf eine dramatische Zerreißprobe hinaus. Ein Hin und Her zwischen Liebe und Hass, brutal, schmerzhaft und traumatisch.

David Vann erzählt die Geschichte aus Sicht der zwölfjährigen Caitlin und beherrscht die kindliche Erzählperspektive perfekt. Da ist nichts albern oder altklug, sondern alles authentisch und stimmig. Passend dazu ist die Sprache einfach und klar. Keine Schnörkel und literarischen Spielereien. Als Leser gleitet man so dahin, ist schnell drin in der Geschichte und spürt von Seite zu Seite, wie Vann die Schlinge enger zieht, wie sich beim Lesen alles verkrampft und man auf einmal mittendrin ist, in diesem brutalen Beziehungschaos.

Und als Leser lässt einen die Geschichte auch deswegen schon nicht kalt, weil sich parallel eine zweite Ebene aufbaut. Die eigene Geschichte, meine Kindheit, all das was ich meinen Eltern nicht verzeihen kann, das, was mich heute noch blockiert, was ich mir anders gewünscht hätte, was man aber einfach nicht mehr rückgängig machen kann. Wenn man nachdenkt, findet sicherlich jeder Ereignisse im Leben, an denen sich etwas entschieden hat. Wo auf einmal klar war, das ist jetzt der Weg, den du gehen musst, ob dir das nun gefällt oder nicht.

Und so bin ich bei der Lektüre von Aquarium permanent in zwei Welten unterwegs. In der Romanwelt und meiner eigenen. Leide mit Caitlin mit, kann aber auch ihre Mutter und ihren Hass verstehen und genauso den Großvater, der ja eigentlich nichts gemacht hat, außer nichts zu machen und zu gehen. Aber Familie funktioniert so nicht, da hat alles seine Konsequenzen. Machen oder nicht machen, sich kümmern oder nicht, verstehen oder nicht verstehen.

Wenn man mich fragen würde, wo genau der Unterschied zwischen anspruchsvoller Literatur und einem Unterhaltungsroman liegt, dann wäre es genau das soeben Beschriebene. Gute Literatur ist niemals eindimensional. Da ist neben der eigentlichen Handlung immer auch eine weitere Ebene, öffnet sich ein zweites oder drittes Fenster und gibt den Blick frei auf Dinge, die wir als Leser mit unserem ganz individuellen Wissen und Erfahrungen angereichert für uns entdecken können. Und das ist David Vann mit Aquarium wieder einmal ganz hervorragend gelungen. Er erzählt nicht nur die Geschichte von Caitlin und ihrer Mutter, sondern zeigt uns auch die vielen Abstufungen und verborgenen Ebenen zwischen Liebe und Hass. 

Verlag: Suhrkamp

283 Seiten, 22,95 €