Bücher

Schlechtes Foto – gutes Buch

Jan Brandt – Gegen die Welt

Die Verlage sollten aufhören, Autorenfotos auf den Klapper zu drucken. Denn beinahe hätte ich nach Anblick des grünschnäbligen Jan Brandt das Buch wieder zurückgelegt. Von jemandem, der einen über 900 Seiten Lesemarathon abverlangt, erwartet man etwas mehr Ausdrucksstärke im Blick, ein paar sympathische Grübchen oder zumindest ein gewinnendes Lächeln. Erst recht, wenn man als Debütant ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist. Aber diesen Gefallen tut uns Jan Brandt nicht. Und im Nachhinein kann ich sagen, er hat es auch nicht nötig.

jan-brandt-foto-180xVarJan Brandt. © Uta Neumann

Denn das, was er da als Erstlingswerk abgeliefert hat, ist wirklich mehr als erstaunlich und verdient höchsten Respekt. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, was er da abgeliefert hat. Einen Entwicklungsroman? Eine Familiensaga? Ein mit ein wenig Science-Fiction aufgepepptes Epos über die jüngste deutsche Vergangenheit? Ich würde sagen, von allem etwas und dabei auch noch sehr unterhaltsam. Es erinnert mich ein wenig an Murakami. Klare einfache Sätze, lange Beschreibungen, einsame Helden und zum Auflockern ein wenig Surreales. Klar hätte man das Buch auch halb so dick machen können. Bei einigen Personen im Roman fragt man sich, warum Brandt sie uns überhaupt vorgestellt hat. So zum Beispiel Stefan, Onno und Rainer oder der Lokomotivführer. Die sind meiner Meinung nach komplett überflüssig. Werden aufwändig in die Handlung eingeführt und dann scheinbar vom Autor wieder vergessen.

Überflüssig fand ich auch diese Sequenz von knapp 100 Seiten mit zwei Erzählsträngen oben und unten auf der Seite. Auch die anonymen Briefe mit den handschriftlichen Korrekturen und das Ausbleichen der Schrift bei einigen Absätzen haben mich eigentlich nur genervt. Aber das sind die Spielereien, die scheinbar erforderlich sind, um auf die Short-List für den deutschen Buchpreis zu kommen.

Aber als ich nach den 900 Seiten Lesemarathon noch mal auf das Foto im Klapper schaute, kam mir der Autor gar nicht mehr so ausdruckslos und grünschnäblig vor, sondern einfach nur schlecht fotografiert.

Ein Kommentar zu “Schlechtes Foto – gutes Buch

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