Literarische Helden (1) – Hermann Hesse

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Schätze aus meinem Bücherregal. 

Oft stehe ich vor meinem Bücherregal und blicke verträumt durch die Reihen. Mein ganzes Leseleben steht da aufgereiht vor mir. Mit fast jedem Buchrücken verbinde ich irgendetwas. An die Geschichten in den Büchern kann ich mich manchmal kaum erinnern, aber an die Zeit, als ich es gelesen habe, den Ort, wo ich es gelesen habe und die Umstände drum herum. Wie ein Blick in alte Fotoalben ist so ein Blick ins Regal. Wohlige Erinnerungen kommen hoch und ich stelle anerkennend fest, dass ich schon in jungen Jahren einen ganz passablen Literaturgeschmack hatte. Mit Ausnahme der Zeit, wo Familie und Karriere im Vordergrund standen. Da blieb kaum Zeit zum Lesen. Der Medicus und John Grisham sind stumme Zeugen dieser hektischen Aufbaujahre.

Und natürlich fällt irgendwann mein Blick auf diese zwölf hellblauen Bände. Seit 1982 bin ich stolzer Besitzer der Gesammelten Werke von Hermann Hesse, dem literarischen Helden meiner Jugend. Ich weiß es noch wie heute. Ich war 16, hatte Siddharta in der Schule gelesen und war angefixt. Das war genau meine Welt. Freies Denken, dunkle Mächte, düstere Symbolik und Persönlichkeitsentwicklung. Dafür stand Hermann Hesse und genau das alles wollte ich. Und nicht nur ich – das wollten viele gleichgesinnte Jugendliche in den siebziger und achtziger Jahren.

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Auch nach 32 Jahre noch gut erhalten.

Immer wieder ging ich in die Buchhandlung und schaute sehnsüchtig auf die Suhrkamp-Bände, mit denen ich in diese geheimnisvolle Welt gelangen konnte. Ich musste lange sparen, 120 DM kostete die Reihe damals – viel Geld bei 5 DM Taschengeld in der Woche. Aber Dank Omas Weihnachtsgeld konnte ich dann im Januar 1982 den Kaufbetrag in der Buchhandlung Matthias in der Hamelner Bäckerstraße auf den Tisch legen. Ich weiß noch, wie ich die Bände voller stolz in das kleine Bucherregal meines Jugendzimmers stellte, neben Robinson Crusue, Onkel Toms Hütte, Enid Blyton und Karl May. Jetzt beginnt eine andere Zeit, sagte ich mir. Jetzt lese ich mich erwachsen. Und genau das habe ich getan.

Tagelang saß ich in meinem Zimmer und las. Zum Ärger meines Vaters, der damals all unsere Decken und Wände im Haus vertäfelte und mich ständig für irgendwelche Handlanger-Dienste aus der Lektüre riss. Da gab es oft Streit, weil er nicht verstehen konnte, was mich am Lesen überhaupt und dann noch an einer so unspannenden Lektüre reizen konnte. Hermann Hesse war mein Held, ein Idol auf den ich auch in der Schule nichts kommen ließ. Und natürlich habe ich nicht nur die Romane  verschlungen, ich habe mich auch mit der indischen und chinesischen Gedankenwelt Hesses intensiv beschäftigt. Lao-Tse gelesen, Scharfgarbe gesammelt und das I-Ging-Orakel in der traditionellen Form zelebriert. Auch da war ich nicht der einzige, der das damals gemacht hat.

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Scheinbar sehr bedeutungsvolle Sätze für einen damals 16-Jährigen (Demian). 

Es dauerte ungefähr ein Jahr, dann hatte ich alles durch. Die hellblauen Bände waren ausgelesen und mit Jack Kerouac trat der nächste literarische Held in mein Leben. Und der war so ganz anders als der alte Meister. Cooler, härter, abgefahrener aber genau so auf der Suche nach sich selbst.

Ich habe seit meinem achtzehnten Lebensjahr nie wieder ein Werk von Hermann Hesse gelesen und werde es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht mehr tun. Aber diese zwölf Bände werden trotzdem immer einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal haben. Als Erinnerung an die wunderbare Zeit des geistigen Erwachens.

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Ob Hameln, Berlin, Willich oder Krefeld – die hellblauen Taschenbücher begleiten mich seit 32 Jahren.

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