Was vom Lesen übrig bleibt

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…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

To cut a long story short

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Sie sagen, dass ein Kulturgut wie das Buch niemals sterben wird. Dass sie immer noch ganz viele Leute kennen, die leidenschaftlich gerne lesen und man nur an die Kraft der Literatur glauben muss. Ein kleines Leistungstief sollte man nicht überbewerten, sagen sie. Nach jedem Tief folgt immer auch das nächste Hoch. Und überhaupt, heißt es nicht: Totgesagte leben länger? Also was soll die Panikmache? Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Die sechs Millionen verlorenen Leser gleichen wir schon irgendwie wieder aus.

Sie, das sind die deutschen Verlage und dieses „Irgendwie“ sieht momentan so aus: interne und externe Kosten einsparen, Marketingausgaben kürzen und noch ein paar mehr Titel raushauen. In der Hoffnung, dass einer davon zündet und zwar so richtig, mit sechsstelliger Auflage sowie Film- und Auslandslizenzen. Dann hätte man wieder etwas Luft, könnte die Löcher stopfen und mit ein wenig Glück noch ein paar Jahre so weiter machen.

Mehr als eine Das-Wird-Schon-Wieder-Strategie hat die Buchbranche den desaströsen Marktzahlen, die die GfK im Auftrag des Börsenvereins erhoben hat, scheinbar nicht entgegenzusetzen. Gelegentlich wird der Ruf nach staatlicher Unterstützung laut. Ist ja schließlich Kultur, was da produziert wird. Und deswegen: Finger weg von der Buchpreisbindung.

Als bibliophiler Mensch beklage ich natürlich diese Entwicklung zutiefst und kann auch nicht glauben, dass das Buch tatsächlich von so profanen Dingen wir dem Smartphone und Netflix verdrängt werden soll. Aber ich befürchte, wenn außer diesem Weiter-So nichts passiert, wird genau das eintreten.

Wenn das Gros der Leser sich nicht mehr auf längere Texte einlassen kann und will, weil sie alle 18 Minuten aufs Handy schauen müssen; wenn sie lieber Serien als Filme gucken, lieber Instagram-Posts  als Zeitschriftenartikel und Blogbeiträge lesen; wenn sie all das in der Befragung als Gründe angeben, warum sie sich keine Bücher mehr kaufen – warum zieht dann die Verlagsbranche nicht den einzigen plausiblen Rückschluss aus dieser Markterhebung und setzt nach wie vor auf lange Texte? Warum besteht das Gros der literarischen Neuerscheinungen immer noch aus Romanen, 300 Seiten dick und mehr?

Ich frage mich, mit wieviel Zaunpfählen der Konsument noch wedeln soll, damit die Verlagsbranche endlich kapiert, wo die Reise hingeht. Aber nein, sagen sie – wir glauben an den Roman, wir sind schließlich nicht in den USA, haben da jahrelange Erfahrungswerte, Kurzgeschichten laufen in Deutschland einfach nicht, sagen sie.

Und warum laufen sie nicht? Weil es kaum welche gibt. Weil talentierte Debütautoren mit ihren Kurzgeschichten, und wenn sie noch so gut sind, bei den etablierten Verlagen keine Chance auf Veröffentlichung haben. Sprechen sie uns wieder an, wenn sie einen Roman haben, sagen sie und merken noch nicht mal, dass sie da gerade das eigene Grab einen Spatenstich tiefer graben.

Natürlich gibt es hier und da immer mal wieder Bände mit Kurzgeschichten. Und natürlich laufen sie nicht so gut. Und warum? Weil nichts für sie getan wird. Weil Verlage immer noch romanfixiert sind, weil kein Band mit Kurzgeschichten es jemals schaffen würde, Verlags-Spitzentitel zu werden, mit einem fetten Marketing-Budget und all der Vertriebsunterstützung, die ein entsprechender Roman bekommen würde.

Aber der Markt ist im Wandel. Und wenn immer mehr ehemalige Leser angeben, dass sie keine Zeit und Muße mehr für lange Texte haben, warum bieten Verlage dann nicht einfach mehr Literatur in Kurzform? Warum lässt die Buchbranche sechs Millionen Leser achselzuckend einfach zu Facebook, Twitter, Instagram und Netflix abwandern, anstatt mit einer konzertierten Aktion den Markt für Kurztexte aller Art nach vorne zu bringen? Warum gibt es den Deutschen Buchpreis nur für Romane? Warum wird immer noch an einer literarischen Form festgehalten, die aus der Zeit zu fallen droht?

Und warum weiß ich jetzt schon, was sie dazu sagen werden?

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Lila Azam Zanganeh – Der Zauberer

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Nabokov und das Glück.

Ich habe so etwas noch nie gelesen und kann auch nach der Lektüre dieses Buches immer noch nicht sagen, was es genau ist. Es ist auf alle Fälle kein Roman, aber auch kein Sachbuch. Es hat etwas von einem literaturwissenschaftlichen Essay, hier und da meint man, eine in sich geschlossene Kurzgeschichte erkannt zu haben. Dann wieder kommt es einem vor wie Tagebucheinträge, ja wie ein Blog, mit unterschiedlichen Rubriken und Menüpunkten, die aber für die analoge Printversion entfernt wurden, wodurch die einzelnen Beiträge einfach kunterbunt hintereinander weggedruckt wurden. Aber egal, was es auch immer ist oder auch nicht ist – es ist gut.

Alleine schon die Grundidee ist phänomenal. Die Autorin Lila Azam Zanganeh schreibt über sich als Leserin, Leserin eines Autors, der wenige Monate nach ihrer Geburt bereits gestorben ist: Vladimir Nabokov. Wir lesen was sie von ihm liest, wie sie liest und was sie sich dazu denkt. Indem sie uns an ihrem Lesen teilhaben lässt, wird auch für uns Leser ihr Lieblingsautor Nabokov wieder lebendig. Und nicht nur das – auch sein Sohn, seine Frau, seine Romanfiguren, die Romansettings und die Lebensstationen des russischen Autors tauchen vor unserem inneren Auge auf, durchmischen sich mit dem Leben der Autorin, Nabokovs und verwischen dabei die Grenzen. Stellenweise weiß man nicht, ob man sich gerade in einer Romanszene des Skandalbuches Lolita oder im Berliner Exil befindet, wohin Nabokov nach der Oktoberrevolution geflohen ist.

Das alles ist literarisch unheimlich reizvoll komponiert, aber gleichzeitig auch total rätselhaft und verworren. Ich musste immer wieder zurückblättern, habe Passagen noch einmal gelesen und versucht, mich irgendwie in diesem Werk zu orientieren. Ganz zum Schluss habe ich ein ausführliches Quellenverzeichnis gefunden – aber da war es leider schon zu spät für meine Fragen. Trotzdem hat mich das in der Vermutung bestärkt, dass der Zauberer eigentlich mal als eine literaturwissenschaftliche Arbeit geplant war.

Aber von einem wissenschaftlichen Anspruch hat sich die Autorin ziemlich schnell wieder verabschiedet. Denn logisch, rational und wissenschaftlich ist dieses Buch beileibe nicht. Beim Blättern ist mir auch der Klappentext von Ilja Trojanow wieder aufgefallen, den ich vor dem Einstieg in die Lektüre schon gelesen, aber nicht besonders beachtet hatte. „Alle…waren sich einig, dass wir ein Werk gelesen hatten, dass so sehr verwirrt und verzaubert, provoziert und bestätigt, das einen Weg weist, von dem wir alle etwas ahnen, den wir aber selten betreten.“

Und obwohl ich von Trojanow als Autor nicht viel halte, hier hat er vollkommen recht. So einen Weg habe ich als Leser in der Tat noch nie betreten. Ich gebe zu, ich fühle mich auf diesem Pfad etwas unsicher, weiß nicht so recht, wie ich meine Schritte zu setzen habe. Normalerweise schreibe ich meine Rezensionen relativ schnell, weiß nach kurzem Nachdenken meistens ganz genau, was ich schreiben will. Aber bei diesem Buch war ich erst einmal ratlos. Ich wüsste auch nicht , ob und wem ich dieses Buch empfehlen sollte. Denn es ist nicht einfach. Die ersten Kapitel sind noch klar strukturiert. Wir begegnen dem Autor und dem Menschen Nabokov und erleben seine Entwicklung als Schriftsteller, verlassen mit ihm Russland, gehen mit ihm nach Berlin, in die USA und schließlich in die Schweiz auf Schmetterlingsjagd.

Dann wird es zusehends verworren und sonderlich. Die Autorin assoziiert und lässt sich gedanklich treiben, die Ebenen vermischen sich und man muss wie im dichten Nebel seinen Weg suchen. Das hat Längen, das ist bestimmt auch nicht jedermanns Sache, aber der Nebel lichtet sich kapitelweise auch wieder, so dass man sich zehn, zwanzig Seiten weiter wieder orientieren kann.

Das ganze Buch würde nicht funktionieren, wenn es sprachlich die Stimmung nicht tragen würde. Es ist von Susann Urban aus dem Englischen übersetzt und bewegt sich auf einem hohen literarischen Niveau. Wird heiter und leicht, wenn es auf Schmetterlingsjagd geht, melancholisch, getragen und geheimnisvoll, je mehr sich die Handlungsebenen durchmischen.

So ein richtiges Fazit kann ich bei diesem Buch nicht ziehen. Ich habe es zwischen den Jahren gelesen, hatte Ruhe, konnte mich darauf einlassen, drüber nachdenken. Darüber hinaus habe ich als leidenschaftlicher Leser eine Grundsympathie für alle, die leidenschaftlich gerne lesen. Es macht mich glücklich, Menschen zu begegnen, die ihr Glück zwischen zwei Buchdeckeln gefunden haben. Und da dies in der Literatur meistens unglaublich kitschig rüberkommt, hier aber nicht, hat mich das Lesen dieses Buches phasenweise auch sehr glücklich gemacht

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Edition Büchergilde
220 Seiten, 22,95 €
Hier direkt online bei Buchhandel.de bestellen.

Eine weitere  Rezension findet man auch auf Ilja Regiers Blog Muromez.

Hier auch ein sehr empfehlenswertes Video. Die Autorin über das Glück zu lesen und ihre Liebe zum Werk von Nabokov.

Peter Richter – 89/90

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Als die Mauer gefallen ist, habe ich in Westberlin gelebt, direkt am Hermannplatz in Neukölln. Es war dort nie besonders beschaulich, aber die Tage nach dem 09. November 1989 werde ich nie vergessen. Mit der U-Bahnlinie 8 direkt vom Bahnhof Friedrichstraße sind sie bei uns eingefallen, standen in Schlangen vor dem Aldi und der Sparkasse. Mit diesen hellblau gescheckten Jeansstoffen im sogenannten Moon-Washed-Style. Schimmeljeans, wie sie drüben genannt wurden. Es gab davon Hemden, Hosen, Jacken und sogar Portemonnaies. Wer richtig Scheiße drauf war, hat sich von Kopf bis Fuß damit eingekleidet. Dazu eine LCD-Armbanduhr und Minipli-Dauerwelle – vorne kurz, hinten lang. Fertig war der Schimmelmensch.

In jeder Wendedokumentation kann man sie heute noch sehen. Den Menschen in den Schimmeljeans haben wir die deutsche Einheit zu verdanken. Sie sind immer wieder Montags auf die Straße gegangen, sie haben die Stasizentrale gestürmt und bei der ersten freien Volkskammerwahl die CDU gewählt. In Peter Richters Wendechronik 89/90 wird diese Zeit wieder lebendig. Wir begleiten den Ich-Erzähler, der- wie der Autor selbst – diese turbulenten Wendemonate als 17-Jähriger in Dresden erlebt. In kurzen, unterhaltsamen Episoden führt Richter uns durch den Alltag seines Chronisten.

Die letzten Jahre der DDR sind in den vergangenen Jahren immer wieder literarisch aufbereitet worden. Die grandiosen Wenderomane von Uwe Tellkamp und Eugen Ruge sind literarische Bollwerke, an den sich jeder Versuch, diese Zeit zu beschreiben, messen lassen muss. Doch Peter Richter bringt sich gar nicht erst in die Verlegenheit, damit verglichen zu werden. Er wählt eine andere Form der Erzählung. Sein Ich-Erzähler und die Hauptfiguren in 89/90 sind keine Protagonisten, die eine Geschichte voranbringen. Sie sind vielmehr Chronisten, die Geschichte beobachten, von ihr getrieben werden. Alleine der Umstand, dass die handelnden Personen nicht mit Namen, sondern nur mit Abkürzungen genannt werden, zeigt, dass keine Identifikation gewollt ist.

Hier wird aus der Perspektive eines Zeitzeugen berichtet, so wie es tatsächlich war, damals 89/90. Das ist der gleiche naturalistische Erzählstil, wie ihn auch Karl Ove Knausgard verwendet. Chronisten-Blickwinkel einstellen und dann einfach alles aufzeichnen. Doch im Gegensatz zu Knausgard, dessen sachlicher fast schon eintöniger Erzählstil mich auf Dauer doch sehr ermüdet hat, schafft es Peter Richter seine Leser auch sprachlich zu begeistern. Er beschreibt und formuliert stellenweise so treffend, dass ich manche Absätze zwei- bis dreimal gelesen habe. Wie zum Beispiel diese grandiose Passage über zwei Zigaretten rauchende Mädchen auf dem Schulhof, die sich ihre Disko-Erlebnisse erzählten:

„Und weißt du, was der Typ DANN gemacht hat?
Die Duett in den Mund, Feuer geben lassen, Ansaugen – und während des Rauspustens mit der zigarettenführenden Hand einen weiten Bogen nach rechts außen vollführend:
Er hat mit WESTGELD gewedelt.
Andere Zigarettenhalterin: NEIN!
Hand geht zurück zum Mund, hektischer Zweitzug, dann in das Auspusten hinein: OH doch!

An solchen Passagen habe ich einfach Spaß. Und 89/90 ist voll davon, literarisch sehr abwechslungsreich und auf durchgängig hohem Niveau. Ob die beschriebenen Lebensumstände alle so zutreffen, kann ich als Wessi schlecht beurteilen. Mir kommt das alles sehr plausibel vor und deckt sich in vielen Punkten mit meiner Wahrnehmung aus der damaligen Zeit. Alles in allem ein sehr schönes Stück Zeitgeschichte, kurzweilig und literarisch interessant aufbereitet, bei dem sowohl Zeitzeugen als auch die Generation danach auf Ihre Kosten kommen.

Foto: Gabriele Luger

Charles Lewinsky – Kastelau

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Wie soll ich anfangen? Was nach vorne stellen? Am besten gar nicht lange überlegen, sondern sagen wie es ist. Kastelau ist ein wunderbarer Roman, meine Entdeckung des Jahres, eine Top-Empfehlung für jeden Literaturfreund.

Innerhalb von drei Tagen habe ich das Buch ausgelesen. Gestern habe ich es ins Regal gestellt und gedacht: was für eine Wohltat! Endlich mal wieder ein Buch mit Anspruch, das flüssig und angenehm zu lesen ist. Kein Handlungs-Tohuwabohu, keine sprachlichen Experimente. Hier bemüht sich ein Autor nicht um einen irgendwie gearteten literarischen Anspruch, hier bemüht sich der Autor um seine Leser. Lewinsky will einem nicht beweisen, wie gut er schreiben kann, er will eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die gar nicht mal so einfach ist – mit unzähligen Charakteren, unterschiedlichsten Schauplätzen und Zeitsprüngen von über 70 Jahren. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen auch noch zig verschiedene Stilformen hinzu, die alle paar Seiten wechseln. Die Geschichte schlängelt sich durch ein Manuskript, das eigentlich eine Dissertation ist, durch ein Interview, Tagebuchnotizen, Wikipedia-Einträge, Fragebögen, Drehbücher, Briefe und Presseberichte.

Beste Voraussetzungen eigentlich, um ein literarisches Ungetüm zu erschaffen, das den Leser an seine Grenzen führt, von der Kritik als Jahrhundertroman gelobt wird und allgemein als unlesbar gilt. Ein neuer Ulysses, ein neuer David Foster Wallace. Doch das ist nicht Lewinskys Anspruch. Er hat zu jedem Zeitpunkt den Leser seiner Geschichte im Auge und will ihn nicht verlieren. Jeder der zahlreichen Ort- und Zeitsprünge, jede neue Stilform macht Sinn. Man hat das Gefühl, das musste jetzt so kommen, ist dramaturgisch folgerichtig und logisch. Kaum stellt sich eine Frage, bietet Lewinsky schon im nächsten Kapitel die passende Antwort. Das ist Covenience-Reading im besten Sinne.

Mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit führt Lewinksy uns von Berlin in die USA, vom zweiten Weltkrieg in die Achtziger Jahre, von einem Drehbuch zu einer Dissertation. Und das alles, ohne dass der Erzählstrang abreißt, der Spannungsbogen bricht oder der Leser ihm entgleitet. Ich würde gerne jedem jungen Autor Kastelau als Lehrbuch empfehlen. Damit man mal sieht, wie das geht, mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven.

Und jetzt bin ich bei aller Begeisterung mal wieder mit keinem Wort auf die Handlung dieses Romans eingegangen. Das sei ganz kurz noch erwähnt. Auch hier lässt Lewinsky sich nicht lumpen und bietet dem Leser ein ganzes Füllhorn menschlicher Tragödien. Es geht um Eitelkeit und Ehrlichkeit, Sieg und Niederlage und gescheiterte Lebensentwürfe.

Fazit: ein toller Roman, ein wunderbarer Lesegenuss und ein Autor, der im Gegensatz zu seinen Romanhelden nicht an seinen Ansprüchen gescheitert ist.

Fotos: Gabriele Luger

Alle Sorgen plötzlich nichtig und klein

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Robert Seethaler – Ein ganzes Leben.

Manchmal muss man einfach mal die Sichtweise wechseln, um zu sehen, wie gut es einem geht. Und nicht nur das. Um zu begreifen, wie unbedeutend das eigene Leben eigentlich ist. Wie wenig von einem bleibt. Wie schnell alles verfliegt. So wie von Andreas Egger, dem traurigen Helden in Robert Seethalers aktuellem Roman.

Er kam zur Welt, hat früh seine Mutter verloren, ist ungeliebt herangewachsen, hat hart gearbeitet, dann endlich die Liebe gefunden und sie sofort wieder verloren. Er hat gehungert, gefroren, in Stein gebohrt und ist gestorben. Das alles erfährt man in drei bis vier Stunden anregender Lektüre – mehr braucht man für die 150 Seiten von „Ein ganzes Leben“ nicht. Aber diese Lesezeit ist Gold wert. Wie geläutert legt man das Buch aus der Hand und blickt sich um. Alle Alltagsprobleme, der ganze Stress, die großen und kleinen Sorgen – wie beim Flug über den Wolken erscheint einem plötzlich alles „nichtig und klein“.

Was will man mehr? Das ist doch wirklich das Schönste, was man von einem Buch erwarten kann. Lesen, um Gelassenheit zu erlangen, seinen Frieden zu finden. Ich weiß nicht, ob Seethaler das wirklich beabsichtigt hat. Ich glaube nicht. Vielleicht wollte er einfach nur eine einfache Lebensgeschichte erzählen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Moral von der Geschicht`. Und wie das immer so ist, wo die Moral fehlt, denkt sich der Leser eine dazu. Und die lautet diesmal: Lesen macht glücklich.

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Gelesen: Dezember 2014
Foto: Gabriele Luger

Man muss sich durchboxen

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Stephanie Bart – Deutscher Meister

Mein erster Gedanke nach ein paar Seiten Lektüre: da hat aber jemand gut recherchiert! Fakten über Fakten aus einer fremden Welt, einer harten Zeit, einem zerstörten Leben. Auch wenn ich schon viele Geschichten aus der Zeit des dritten Reiches gelesen habe, vom Boxer Trollmann hatte ich noch nichts gehört. Das hat mein Interesse geweckt. Bei Youtube findet sich dazu auch ein Dokumentarfilm-Trailer mit dem befremdlichen Titel Gibsy (sic!). Pluspunkt für Stephanie Bart, dass Sie für ihr Debüt einen anderen Titel gewählt hat.

Trotzdem, das kurze Video hätte ich mir nicht anschauen sollen. Denn die Geschichte von Trollmann ist schnell erzählt. Das Ende wie das von so vielen Naziopfern. Der Weg dahin vergleichbar entwürdigend und aus heutiger Sicht vorhersehbar. Es tut mir leid, aber mein Interesse an dem Buch schwand noch bevor ich mit der Lektüre begann. Ich kenne diesen Effekt bei mir, schaue deswegen auch keine Filme wie zum Beispiel Titanic. Wenn ich weiß, was passieren wird, dann muss die Darreichungsform schon künstlerisch sehr bemerkenswert sein, damit ich mich darauf einlasse.

Leider hat Frau Bart nur einfach ihre Recherergebnisse narrativ zusammengefasst. Eine besondere sprachliche Brillanz, wie andere lobend erwähnen, konnte ich nicht entdecken. Sauber geschrieben, ja, aber zu detailliert, zu klein-klein, mit Fakten überladen, zu wenig Empathie, bestimmt historisch super korrekt, aber mehr leider nicht. Stellenweise habe ich ein wenig Fallada-Stil gespürt, bzw. gehofft ihn zu spüren. Gleiche Zeit, gleiche Kulisse, es hätte gepasst und durchs Buch geholfen.

Aber jetzt will ich mal nicht zu negativ sein. Deutscher Meister ist prinzipiell ein gutes Buch. Nur nicht für mich, denn ich mag den Boxsport überhaupt nicht. Stephanie Bart hat diese schweißige, brutale Welt so eindrucksvoll, plastisch auferstehen lassen, dass mir regelrecht übel wurde. Boxen und Nazis – das ist zweimal zu viel von allem, was ich so überhaupt nicht mag.

Titelfoto: vicolocannery.it

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Hier liest Stephanie Bart zehn Seiten aus Deutscher Meister.

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