Helden

Literarische Helden (2) – Haruki Murakami

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 Als ich eines Tages den hundertprozentigen Schriftsteller fand.

Es war das Jahr 2000 und ich in der Mitte meines Lebens. Es lief ganz gut – beruflich und überhaupt. Aber zufrieden und glücklich war ich nicht. Es fehlte etwas. Ich hatte das Gefühl, das ich so nicht weiter machen konnte. Ich war in der Midlife-Crisis.

Vor beruflichem Stress und den familiären Anforderungen kam ich kaum noch zum Lesen. Wäre da nicht dieser Eklat im Fernsehen gewesen, ich hätte meinen Lieblingsautor wohl erst sehr viel später kennen gelernt. Der legendäre Streit von Marcel Reich Ranicki und Sigrid Löffler im Literarischen Quartett über Murakamis „Gefährliche Geliebte“. Eine bessere PR für ein Buch hätte es nicht geben können. Mein Interesse an dem mir bis dahin unbekannten Autor war geweckt.

Der legendäre Streit im Literarischen Quartett.

Ich dachte mir: wenn ein Buch so leidenschaftlich polarisiert, ganz besonders zwischen Mann und Frau, dann könnten da auch ein paar Antworten auf meine Rolle als Mann in den besten Jahren zu finden sein. Und tatsächlich: „Gefährliche Geliebte“ war nicht nur voller Antworten, sondern eine Offenbarung. Murakamis stille Art die Welt zu sehen, sie zu erdulden, sich mit Alltagsritualen durch die Tage zu retten, immer von dieser unerklärlichen Sehnsucht angetrieben, das alles entsprach zu 100 Prozent auch meiner Vorstellung von Welt. Diese latente Traurigkeit, ja fast schon depressive Stimmung, die all seinen Werken inne wohnt, legt sich beim Lesen wie Honig aufs Gemüt und lässt einen erst lange Zeit, nachdem man das Buch ausgelesen hat, wieder los.

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Meine Murakamis – ich hab sie alle. Auch in Englisch lohnt sich die Lektüre.

Wie macht er das nur? Mit diesen einfachen Sätzen. Subjekt, Prädikat, Objekt. Keine Verschachtelungen, keine kunstvollen Allegorien. So, wie es eigentlich jeder könnte. Und doch kommt schon auf der ersten Seite diese einzigartige Lesestimmung auf. So eine verträumte Spannung, leicht und unbeschwert. Murakami Lektüre ist für mich immer so entspannend wie ein Nachmittags-Spaziergang an einem sonnigen Herbsttag.

So einfach und reduziert wie der Schreibstil ist auch der Inhalt seiner Romane. Viel passiert nicht, auch nicht auf den 1600 Seiten seines zweibändigen Meisterwerks 1Q84. Zwei Protagonisten, zwei Biografien voller Einsamkeit, zwei Morde und zwei Monde. Man könnte die Geschichte auch auf maximal zehn Seiten erzählen. Und trotzdem kommt nicht eine Sekunde Ungeduld auf. Als Lektor würde ich nicht einen Satz streichen. Denn jeder Satz ist Gefühl. Und alle zusammen kreieren diese Lesestimmung, geben jedem seiner Bücher eine Seele.

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Murakami ist Läufer. Ein Grund, warum ich auch damit angefangen habe.

Genau wie Hermann Hesse gehört auch Murakami zu meinen all-time-favourite-literarischen Helden, auf die ich nichts komme lasse. Und so sehr der Schwabe und der Japaner sich auch unterscheiden – andere Zeit, andere Kontinente – so viele Gemeinsamkeiten haben sie auch. Keine politische Botschaft, keine Gesellschaftskritik, keine Anliegen. Einfach nur die vielen Facetten des Mensch-Seins, inklusive ein paar phantastische Träumereien. Das konnte Hesse, das kann Murakami. Der einzige Unterschied. Hesse bekam den Nobelpreis, der talentierte Japaner ging auch 2014 wieder leer aus. Aber vielleicht klappt es ja im Jahr 2Q14?

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8 Kommentare zu “Literarische Helden (2) – Haruki Murakami

  1. Waaaahnsinn!! Seit Jahren nehme ich mir vor, diesen berühmten Streit zwischen Frau Löffler und Reich-Ranicki zu schauen. Hat mich gerade hochgradig amüsiert. Literarisches Fastfood? Oder ein Roman von äußerster Zartheit? Ich bin da hundertprozentig auf Reich-Ranickis Seite. Und „Die Gefährliche Geliebte“ hab ich schon dreimal gelesen, kann mich einfach nicht „sattlesen“.
    1000 Dank für die tolle Rezension.

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  2. Danke für das Lob, Masuko. Wenn Du auch so ein großer Murakami-Fan bist, dann hätte ich mal ein paar Fragen an Dich. Findest Du, dass die Neuübersetzung von Gefährliche Geliebte durch Ursula Gräfe so viel gebracht hat? Ich habe den Roman in beiden Übersetzungen gelesen und meine Lieblingsstellen verglichen. Obwohl ich die Arbeit von Frau Gräfe sehr schätze, die alte Übersetzung fand ich besser.

    Zweite Frage: warum können Frauen so wenig mit Murakami anfangen? Ich denke da nicht nur an Frau Löffler. Bisher habe ich noch keine Frau für ihn begeistern können.

    Vielleicht hat das aber auch gar nichts mit Mann und Frau zu tun. Murakami ist ja eigentlich ein Autor für introvertierte Menschen. Extrovertierte können in der Regel wenig mit ihm anfangen, oder?

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  3. Ich habe bisher nur die erste Übersetzung gelesen. Buchcover und Titel verzaubern mich einfach viel mehr. „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ – das spricht mich nicht richtig an. Ich werde das aber mal im nächsten Jahr lesen!
    Deiner zweiten Frage widerspreche ich jetzt einfach mal, weil ich mehrere Freundinnen habe, die Murakami super gern lesen. Ich kenne dafür nur sehr wenige männliche Leser. Hm. Interessantes Phänomen.
    Möglicherweise hast du Recht, dass Murakami-Leser eher introvertiert sind. Melancholisch und sensibel dazu. Man sollte unbedingt Lust haben, sich auf diese Art des Schreibens einzulassen. Ein zweiter Mond am Himmel sollte vorstellbar sein, auch sprechende Katzen und durchlässige Brunnenwände.
    Schöne Grüße, Masuko

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