Meinung

Soundtrack fürs Kopfkino

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Es ist eine dieser menschlichen Grundsatzfragen. So wie: kaufen oder mieten? E-Book oder Papier? Kartoffelsalat mit oder ohne Gurken? Ich kenne Menschen, die können nicht mit. Und es gibt Menschen, die können nicht ohne. Die Rede ist vom Musikhören beim Lesen.

Ich bin ein musikhörender Leser. Wenn ich ein Buch auf dem Schoß habe, dann habe ich in der Regel auch die Kopfhörer auf und höre Musik. Das gehört für mich dazu. Einerseits eine Notwendigkeit. Denn wenn Günther Jauch im Hintergrund die 16.000-Euro-Frage stellt, kann ich mich nicht auf meine Lektüre konzentrieren. Andererseits ist Musik für mich beim Lesen ein zusätzlicher Stimmungsverstärker. Der Soundtrack für mein Kopfkino.

Aber natürlich funktioniert das nicht mit irgendwelcher Musik. Genauso wenig wie mit irgendwelchen Büchern. Zu ausgewählter Literatur kommt auch nur ausgewählt Musikalisches auf die Ohren. Für mich zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich kann Menschen nicht verstehen, die einerseits einen hohen literarischen Anspruch haben und andererseits an Musik das hören, was im Radio so läuft. Charthits und der beste Mix aus den Achtzigern, Neunzigern und von Heute. Oder noch schlimmer, aber das wissen die Betroffenen selber gar nicht: Snow Patrol und Sunrise Avenue. Mainstream-Musik zum Lesen von Mainstream-Literatur. Wer es mag – bitte sehr!

Für mich ist das nichts und ich betreibe gern den Aufwand. Denn in Sachen Musik auf dem Laufenden zu bleiben, kostet Zeit und Muße. Genauso, wie sich in Sachen Literatur Up-to-Date zuhalten. Zeit, die heutzutage kaum noch einer hat. Aber es lohnt sich und kann den Literaturgenuss noch steigern. Vorausgesetzt man wählt die richtige Musik zum Lesen aus. Denn nicht alles, was man musikalisch gut findet, eignet sich auch als Begleitung zur Lektüre.

Ich bevorzuge in erster Linie unaufdringliche, stille Stücke. Stimmungstragend, gerne auch nur instrumentell, elektronisch oder Singer/Songwriter mit Gitarre. Kein Uptempo, keine hektischen Gesangsperfomances und treibende Gitarren. Und kein deutscher Text. Denn die Musik muss beim Lesen immer im Hintergrund bleiben. Englische Songtexte kann ich ausblenden, nehme ich gar nicht als Textinformation wahr. Bei deutschen Texten funktioniert das bei mir nicht. Da entsteht beim Lesen so etwas wie eine Rückkopplung mit schrillem Pfeifton im Kopf.

Lesemusik darf Stimmungen tragen, sie unterfüttern, aber auf gar keinen Fall dominieren. Sie hat eine dienende Funktion, ist der Lektüre ungeordnet, darf mit ihr spielen, sie necken, herausfordern, aber auf keinen Fall mehr. Lesemusik ist im besten Falle devot. Sie funktioniert auch ohne Buch, trägt dann meine Gedanken und Tagträume.

Ich nenn einfach mal ein paar Beispiele. Hier die in meinen Ohren besten Alben 2014 zur Begleitung anregender Literatur:

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Obere Reihe (von links nach rechts).

Alone for the First Time – Ryan Hemsworth

Über Alles – Chilly Gonzales

Aftermath – Hundreds

Warpaint – Warpaint

Mittlere Reihe: 

Sleep in the Water – Snakadaktal

If You Wait – London Grammar

The Unknown – Dillon

Bon Iver – Bon Iver

Untere Reihe: 

My Favourite Faded Fantasy – Damien Rice

Angus & Julia Stone – Angus & Julia Stone

As If To Nothing – Craig Armstrong

A Strange Encounter – Thirteen Senses

Ich habe bei Soundcloud nach Hörproben gesucht und die Alben verlinkt.
Hört doch mal in das eine oder andere Album rein. Ich freue mich, wenn Ihr Spaß an der Liste habt.

13 Kommentare zu “Soundtrack fürs Kopfkino

  1. Mir geht es da so ziemlich genauso wie dir: Ich höre gerne Musik zum Lesen, wenn sie zur Stimmung des Romans passt und nicht zu sehr vom Lesen ablenkt. Deutsche Texte reißen mich auch heraus – und was im deutschen Radio läuft, lässt sich nicht einmal zum Bügeln, sondern bestenfalls beim Staubsaugen ertragen (mit einem sehr alten, sehr lauten Gerät).

    Selbst beim Schreiben spielt Musik für mich eine wichtige Rolle; zwar kann ich beim Arbeiten nichts hören, nicht selten stehen Romanszenen bei mir aber in Verbindung mit bestimmten Songs und der Stimmung, die sie evozieren. Zu meinem aktuellen Roman könnte ich glatt einen Soundtrack herausgeben – eigentlich eine gute Idee für einen Blogeintrag irgendwann.

    Was deinen Musikgeschmack angeht, könnten wir uns beinahe die Couch teilen – schöne Auswahl! Singer-Songwriter-Alben gehen eigentlich immer. Du solltest mal in Pink Moon von Nick Drake hereinhören. Oder in die Alben von Patrick Watson (beim Lesen ist Wooden Arms mein Favorit). Ach, in dem Bereich gibt es so viel Großartiges; neuerdings habe ich auch sehr viel Freude an den frühen Alben von Leonard Cohen, mit dem ich früher eher wenig anfangen konnte.
    Im Elektronischen Bereich solltest du unbedingt mal in The Cinematic Orchestra hineinhören, die waren der Soundtrack zu einigen meiner Lieblingsbücher. Sehr atmosphärisch mit leichten Jazzelementen. Die Alben sind mitunter recht verschieden, aber alle zu empfehlen.

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    • Hallo Frank,

      ich weiß jetzt nicht wo Du wohnst, aber das Radio würde ich nicht so pauschal verurteilen. Ich höre zum Beispiel sehr gerne den Berliner Sender Flux FM. Ist auch für Nicht-Berliner im Netz abrufbar. Die haben auch einen super Podcast. Kann ich Dir sehr empfehlen. Nick Drake kenne ich und die frühen Leonard Cohen Alben mag ich auch. In die anderen Empfehlungen höre ich die Tage gerne mal rein. Vielen Dank dafür.

      Da fällt mir gerade noch ein: Tindersticks!

      Liebe Grüße
      Tobias

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      • Hallo Tobias,

        Flux FM kannte ich noch nicht, aber gut, wenn ich da auch als Stuttgarter mal hinein hören kann – danke für den Tipp! Ich war natürlich ein wenig polemisch und meinte vor allem das Formatradio; natürlich gibt es auch hier und da Gutes in der Nische. Als ausgeprägter Musikjunkie bin ich eigentlich ständig auf der Suche nach Neuem, das mich überrascht und begeistert. Grundsätzlich bin ich aber vor allem ein Album-Hörer; es geht nichts über Alben, die als Ganzes stimmig sind und dadurch mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Der Youtube-Generation geht da wirklich eine Menge verloren, finde ich. (Aber wahrscheinlich komme ich nun einfach ins Alter, in dem früher alles besser war.)

        Tindersticks sind großartig, stimmt; auch das letzte Nick Cave-Album eignet sich hervorragend zum Lesen. Und, wenn wir schon bei sonoren Stimmen sind: Meine absolute Lieblingsband sind The National – die hätte ich eigentlich gleich eingangs erwähnen müssen! Anspieltipp zum Lesen: Das Album „Boxer“!

        Beste Grüße und gute Nacht!
        Frank

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    • Ha, Eels und Junip hatte ich in meiner Antwort schon stehen, dann aber aus Gründen der Übersichtlichkeit gestrichen! Sehr schön. Und ein umso besserer Grund für mich, in Coco Rosie hineinzuhören, die mir bisher erst namentlich ein Begriff sind. Dann werfe ich zum Abschluss mal noch Ben Howard in die Runde… Jute Nacht!

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  2. Jetzt habe ich es endlich mal geschafft, mich durch deine Playlist zu hören, und dabei einige alte Bekannte wiedergetroffen: Hundreds, Warpaint, London Grammar, Dillon, Bon Iver, Damien Rice, Angus & Julia Stone, Craig Armstrong. Allesamt sehr feine Musiker – ich sehe, wir haben auch in dieser Hinsicht einen ähnlichen Geschmack. Unter denen, die ich noch nicht kannte, hat mir vor allem Snakadaktal gut gefallen, da werde ich mal intensiver reinhören. Allerdings nicht beim Lesen, da höre ich nämlich eher selten Musik – es sei denn, ich sitze in der Bahn und will alle anderen Geräusche um mich herum ausklammern.

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  3. Interessante Frage! Wenn ich – was ich gerne, aber derzeit leider viel zu selten mache – im Kaffeehaus lese, gehört eine Geräuschkulisse ja dazu, schafft gerade den besonderen Reiz.
    Zuhause lasse ich gelegentlich Jazz mitlaufen, klassische Musik eigentlich kaum – die höre ich ohne Buch. Was geht, sind Opern, die ich auswendig kann, weil ich dann quasi automatisch an den richtigen Stellen das Buch zuklappe.

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  4. Und wenn der Soundtrack das Werk trägt und transportiert? Also das Hörbuch, mein seit Jahren bevorzugter Zugang zur Literatur, aus vielerlei Gründen. Auf der Fahrt zur Arbeit im Auto am Morgen hörte ich Nachrichten und am Nachmittag auf der Rückfahrt im Stau, Stunden um Stunden, Kilometer um Kilometer, ganze Bibliotheken.
    Jetzt im „Ruhestand“ (weder Stand noch Ruhe) geniesse ich ganz bequem aus der Westentasche mittels eines i-pods zu jeder Tageszeit und sowohl im Ohrensessel zuhause als auch auf langen Spaziergásngen am Strand, Prosa Essays und Gedichte.
    Die Bandbreite ist weit gestreut. Sie reicht von der einfachen Lesung einer Stimme bis zum raffiniert durchkomponierten Hörspiel auf dem neusten technologischen Niveau.
    Bequem zu beziehen im download von verschiedenen Anbietern oder von den öffentlichen Radiosendern als Podcast. (Die Podcasts noch dazu kostenlos.)
    An dieser Stelle möchte ich nur ein besonders gelungenes Hörbuch hervorheben: Raoul Schrott, Die Hälfte der Erde.

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  5. Pingback: Dezemberfieber: Ein Soundtrack zum Roman (Teil 1) | Frank O. Rudkoffsky

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