Fuminori Nakamura – Der Dieb

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Nachdem ich die letzten Wochen immer wieder schwere literarische Kost mit mir herumgeschleppt habe, lag das schmale Diogenes-Buch dieses jungen japanischen Autors angenehm leicht in den Händen. Großzügig formatierte 200 Seiten, die ein aufgelockertes Lesevergnügen versprachen. Überhaupt – wie lange habe ich eigentlich schon nichts mehr von Diogenes gelesen? Früher war das definitiv einer meiner Lieblingsverlage. Ich sag nur Philippe Djian, John Irving, Ray Bradbury und vor allem Raymond Chandler! Alles echte literarische Helden, die mich in jungen Jahren stark geprägt haben. Im Verlauf der letzten Jahre hatten Diogenes und ich uns aber eher weniger zu sagen. Hier und da mal ein Suter, ein McCarten oder McEwan – das war es aber auch schon. Ich verweise nur auf definitive No-Gos im Verlagsprogramm wie Paulo Coelho oder Donna Leon.

Aber mit einem neuen, hoffnungsvollen japanischen Autor im Angebot (neben Banana Yoshimoto) ist Diogenes in diesem Herbst wieder ziemlich sexy unterwegs. Ich suche ja schon seit Jahren nach einem Zweit-Murakami, so dass ich im Frühjahr schon hellhörig wurde, als Fuminori Nakamura als japanischer Dostojewski angekündigt wurde. In der aktuellen Verlagswerbung wird dieser Vergleich wohl aufgrund des schmalen Umfangs nicht mehr bemüht, aber ich finde ihn gar nicht so abwegig. Denn Stimmung und Figuren dieses kleinen Romans haben durchaus Dostojewski-Style.

Wie der Name des Romans schon sagt, rankt sich die Handlung um den professionellen Taschendieb Nishimura, der in seiner tristen, einsamen Großstadt-Existenz auch als Murakami-Protagonist durchgehen würde. Vielleicht war das ja der Grund, weswegen ich mich in dem Setting sofort wohl fühlte. Einsame Männer, die in lieblos eingerichteten Tokioter Ein-Zimmer-Appartements wohnen, in Bars herumlungern und ab und zu seelenlosen Sex mit Zufallsbekanntschaften haben – da stellt sich bei mir sofort dieses Haruki-Feeling ein.

Ich weiß nicht, ob das jetzt meine typisch westeuropäische Sichtweise ist, die alles Fernöstliche in einen Topf wirft und Japanisches nur schwer von Chinesischem oder Philippinischem unterscheiden kann. Oder ob Nakamura ganz bewusst diese Parallelen aufgebaut hat. Für mich sieht er auf dem Autorenfoto dem jungen Murakami auch sehr ähnlich. Aber mit japanischen Augen betrachtet besteht da wahrscheinlich eine ähnlich starke Übereinstimmung wie zwischen mir und Dieter Bohlen.

Wie auch immer, ich habe die Lektüre sehr genossen. Düster, stimmungsvoll und trotzdem leicht – das wären die Attribute, die ich diesem Roman zuordnen würde. Düster, weil zu keinem Zeitpunkt irgendwo ein Fünkchen Hoffnung aufkeimt. Weder beim Protagonisten, seiner Karriere als Robin Hood der Tokioter Taschendiebe, noch in der Annäherung eines namenlosen Jungen und seiner Mutter, die er beim Klauen im Supermarkt kennenlernt. Stimmungsvoll, weil es Nakamura mit nur wenigen Worten gelingt, eine klassische Film-Noir-Anmutung zu erzeugen. Mit dubiosen Gestalten im Trenchcoat, unberechenbarer Gewalt und Verbrechen in dunklen Gassen. Und zugleich leicht, weil Nakamura das alles zu einer wunderbaren, kleinen Geschichte zusammengefügt hat. Einer Geschichte, die mir nicht die Augen öffnen will, nicht die Welt erklären oder irgendeine Botschaft vermitteln will. Sondern einer Geschichte, die einfach nur spannend, stimmungsvoll und unterhaltsam ist.

Und das ist doch schon mal etwas. Danke Diogenes, für diese coole Entdeckung!

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Diogenes
211 Seiten, 22,00 €
Übersetzt von: Thomas Eggenberg

9 thoughts on “Fuminori Nakamura – Der Dieb

    • Jede Heldenverehrung ist übertrieben, oder? Eigentlich steckt schon in den Wörtern „Helden“ und „Verehrung“ jede Menge an Übertreibung. Ich finde persönlich ja die Knausgard-Heldenverehrung völlig übertrieben. Ach ja, und natürlich Wilco – die sind ja völlig überschätzt. 😉

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      • Nein, nein, Heldenverehrung an sich ist gar nicht verkehrt. Verehrung hat ja was mit Leidenschaft zu tun, also schon mal nicht verkehrt. Knausgard habe ich nicht gelsen, wahrscheinlich überschätzt. Aber McEwan, der hat literarische Klasse und Wilco, die haben musikalische Klasse, das ist die perfekte Verbindung von Sounds & Books. Da lohnt sich jede Heldenverehrung.

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  1. Ich mag die Romane von Haruki Murakami auch sehr, kann den Vergleich der beiden Autoren miteinander jedoch irgendwie nicht nachvollziehen.
    Ich fand, Nakamura hat einen ganz eigenen und komplett anderen Erzählstil. Hat mich eher an den schnellen kühlen Ton von Dennis Lehane erinnert.
    Schöne Grüße

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  2. Vielen Dank für diese stimmungsvolle Rezension!

    Egal, ob Murakami, Junichiro Tanizaki oder Natsume Soseki – ich liebe diese Darstellung vereinsamter und vor sich hintreibender Charaktere!

    Nakamura hatte ich bislang nicht auf dem Schirm, aber das hat sich geändert 🙂

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