Leserbrief #4

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Lieber Jan,

na du Shootingstar? Hat sich der Hype schon etwas gelegt? Wie ist es dir ergangen, wie fühlt es sich an, Deutschlands neuer Dichterfürst zu sein? Ja, komm – das kannst du ruhig mal so stehen lassen. Musst nicht immer super nett und bescheiden sein. Auch wenn das alle an dir lieben. Bist nun mal ein sympathischer Kerl, das sagt wirklich jeder. Und noch dazu: der beste Botschafter für die Lyrik. Stimmt auch, kann ich bestätigen.

Aber du kannst das bestimmt schon nicht mehr hören, oder? Juckt es dir nicht manchmal in den Fingern, das Bild vom perfekten Schwiegersohn zu zerstören? Einfach mal den Wachholderbusch eine schnöde Pflanze sein zu lassen und stattdessen mal wie Houellebecq ungekämmt und mit fleckiger Hose auf die Bühne zu treten und irgendetwas Schweinisches, Verruchtes raushauen. Sowas wie – verzeih bitte den Ausdruck – eine Ode an die Möse. Und wenn keine Ode, dann meinetwegen ein Sonett – ich kenne da eh nicht den Unterschied. Aber das wäre doch mal was. Oh jeh, ich stell mir das gerade vor. Wie die Studienräte und Apothekerinnen im Publikum rote Ohren bekommen, wie sie sich anschauen und den Kopf schütteln. Wie sie denken, jetzt ist er übergeschnappt, der Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Das ist nicht mehr unser netter, sauberer Preisträger, mit den gewaschenen Haaren, dem Cordanzug und der schönen Stimme.

Aber wer dich kennt, weiß, dass du so etwas niemals machen würdest. Dass du nicht nur nett tust, dass du es auch bist. Und wenn einer jemals daran zweifeln sollte, wird er von mir sofort eines Besseren belehrt. Ach, du kennst den Jan?, werde ich dann gefragt. Und das ist der Augenblick, auf den ich nur gewartet habe, um ein wenig auf dicke Hose zu machen. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und zeige dieses eine Bild, das es von uns gibt. Du und ich in der Bloggerlounge. Wir haben mal so ein Projekt zusammen gemacht, sag ich dann mit gespielter Bescheidenheit. Er als Autor, ich als sein Pate. Habe ihn ein bisschen gepusht. Kein großes Ding, nur ein, zwei Texte auf dem Blog. Wurde oft geklickt und geteilt und ich will mal so sagen: Es hat ihm auf alle Fälle nicht geschadet. Zwei Wochen später hielt er dann den Preis in den Händen. Saubere Sache.

Mensch Jan, das kommt mir vor wie gestern. Ist aber jetzt schon wieder ein Jahr her, als wir zusammen in der Leipziger Glashalle saßen. Du vorne, ich irgendwo hinten auf den billigen Plätzen. Ich hab dir die Daumen gedrückt und dann auf einmal war die Sensation perfekt. Die Regentonnenvariationen hatten gewonnen und ich mit dir. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, ich hätte schreien können, versuchte aber cool zu bleiben, denn die Bloggerkollegen schauten in meine Richtung. Coole Sache, war klar, absolut richtige Entscheidung, habe ich doch gleich gesagt – ich geh mal eben gratulieren.

Du hast es vorgemacht. Hast es mit einem Lyrikband in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft und wahrscheinlich richtig Asche gemacht. Big Business, plötzlich Dichterfürst und so. Das freut mich für dich, ehrlich. Wenn es einer verdient hat, dann du. Endlich mal ein ordentliches Zeilenhonorar und kein Stipendiendruck mehr. Dieser Writer-In-Residence-Scheiß ist auf Dauer doch Kacke, oder? Jetzt hoffe ich, dass Du einen guten Steuerberater hast, sonst holen sich die Aaasgeier vom Finanzamt wieder ein richtig großes Stück vom Kuchen. Frag doch mal, ob du die Cordanzüge nicht als Arbeitskleidung absetzen kannst.

In diesem Jahr steht ja wieder ein Lyrikband auf der Shortlist. Aber nach deinem Erfolg im letzten Jahr hat Marion natürlich nicht die Spur einer Chance. Oder was meinst du? Ich glaube ja, dass der Heinz Strunk es machen wird. Der hätte bestimmt kein Problem mit einer Ode an die Möse. Haha, ja der würde das bringen, sicherlich auch als Sonett.

Ach ja, eins muss ich dir übrigens noch beichten. Das mit den Gedichten hat bei mir leider nicht geklappt. Nachdem wir damals auseinandergegangen sind, habe ich nie wieder einen Vers gelesen, weder einen rein noch unrein gereimten. Ich bin halt so ein alter Prosatyp. Lyrik ist für mich wie Sushi – ich finde die Idee ganz gut, mag das ganze Drumherum, aber es schmeckt mir einfach nicht.

Und deswegen wünsche ich mir nichts sehnlicher, als endlich einen Roman von dir. Oder wenigstens einen Band mit Kurzgeschichten, gerne auch lyrische Kurzgeschichten. Mein Gott, versuche es doch wenigstens mal. Der Lutz Seiler und die Marion Poschmann haben es doch auch gemacht. Kannst das ja unter Pseudonym veröffentlichen. Bitte, bitte Jan. Ich sage dann auch nie wieder etwas gegen Cordanzüge, versprochen.

Dein Patenonkel aus dem Buchrevier

 

 

One thought on “Leserbrief #4

  1. Lyrik ist wahrscheinlich schon ein bißchen mehr als ein Sushiessen, obwohl ich selber keine schreibe und auch keine diesbezüglich Spezialistin bin.
    In Wien gibt es im März immer einen großen Schwerpunkt, so daß man sich da ein bißchen einhören kann. Dazu ein Link https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/03/08/lyrik-am-frauentag/, die Lyrik im März Veranstaltung der Grazer Autorenversammlung am Mittwoch werde ich wegen Leipzig ja leider versäumen.

    Gefällt mir

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